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Bunter Stoff für offene Herzen

Eindrücke vom Internationalen Theaterfestival für junges Publikum, das in Iaşi ein
"Abenteuer der Rezeption unterschiedlichster Kunstformen" beschwor.

Von Irina Wolf
(02. 11. 2022)

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Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.

 

 


(c) Irina Wolf

Onil der Drache
(Theater Oniversum)

 




(c) Ami Vitega

"Die Rückkehr nach Hause"
(Regie: Botond Nagy)

 

 


(c) Florin Biolan

"Das beste Kind der Welt"
(Regie: Alina
Şerban)

 

 


(c) Nicu Cherciu

"Der verlorene Brief
im Konzert
"
(Regie: Ada Milea)

 

 


(c) Taban Tancegyüttes

"497"
(
Tabán Táncegyüttes /
Aradi Kamaraszínház
)

 

 


(c) Indigo Moon Theatre

"SeedHeart"
(Indigo Moon Theatre)

   Er murmelt, grummelt und stampft durch die Gegend. Manchmal gibt er furchterregende Töne von sich, kann jedoch rasch durch Streicheln oder Küsschen gebändigt werden. Er frisst alles, was ihm zwischen die Zähne kommt, von Tannenzapfen bis zur Plastikflasche. Und kaum hat er einen Schluck getrunken, rülpst er laut. Onil der Drache und seine Dompteurin Oni vom Theater Oniversum in Freiburg sorgten beim Internationalen Theaterfestival für junges Publikum in Iaşi (FITPTI) für Staunen und Gelächter. Ob im Park oder im Einkaufszentrum, das grün-orange Ungeheuer und seine rotgekleidete Bändigerin lockten Scharen von Zuschauern an. Kinder und Erwachsene zugleich ließen sich gern zum Füttern animieren. Irgendwann mussten diese auch ganz fest die Daumen drücken, damit Onil ein Ei legen konnte. Doch der Versuch schlug fehl, wenn nur ein einziger Beteiligter sich zu schummeln traute.

Konfrontation, Krise, Krieg

   Mit solch genial-verschrobenen Kunststücken lud die 15. Auflage des Festivals vom 1. bis 9. Oktober in der im Nordosten Rumäniens gelegenen Stadt Iaşi zur Zusammenkunft ein. Unter dem Motto "Konflikt-Konfrontation" startete Kuratorin Oltiţa Cîntec ein "Abenteuer der Rezeption unterschiedlichster Kunstformen". Das vielfältige Programm umfasste Schauspiel- und Straßentheater, Tanz, Performances, Clown-Shows, Virtual-Reality- und Radiotheater, Shows auf TikTok, Konzerte, Filme und Installationen. Ein dichtes Rahmenprogramm von Ausstellungen und Workshops, Konferenzen und Buchpräsentationen bis hin zu Debatten rundeten das abwechslungsreiche Angebot ab. "Das Motto hat sich gewissermaßen aufgedrängt", sagt Cîntec, Theaterkritikerin und künstlerische Leiterin des gastgebenden Kinder- und Jugendtheaters "Luceafărul". Denn die Pandemie sowie die Klima- und Energiekrise, vor allem aber der Krieg in der Ukraine "haben unsere Gedanken eindringlicher auf 'Schlachten', die wir täglich schlagen müssen, gelenkt."

Kein Wunder also, dass sich im Programm Titel wie Maidan Inferno, oder Die andere Seite der Hölle von der ukrainischen Autorin Neda Nejdana – eine Koproduktion zwischen dem Akademischen Schauspiel- und Komödientheater aus Dnipro (Ukraine) und der Gruppe Collapse aus Lyon (Frankreich) – oder Die Rückkehr nach Hause von Matei Vişniec wiederfinden. Das vor über zwei Jahrzehnten publizierte Stück des in Frankreich lebenden rumänischen Dramatikers behandelt auf symbolische Weise ein äußerst aktuelles Thema: die Rückkehr der Toten vom Schlachtfeld in die Heimat. Regisseur Botond Nagy arbeitete mit einem Team von sieben sehr jungen Schauspielern des 2016 in Suceava gegründeten Stadttheaters "Matei Vişniec" zusammen. Es entstand eine intensive, moderne Inszenierung, die durch Russlands Krieg in der Ukraine an künstlerischer Bedeutung gewinnt. Ohne den Originaltext zu verändern, setzt der Theatermacher mit viel Fingerspitzengefühl besondere Akzente. Die Inszenierung wechselt ständig zwischen grotesk-komischen und tragisch-realistischen Szenen, und unterstreicht somit die Intensität des Themas: Ein General organisiert seine Truppen, bestehend aus toten Soldaten für die Rückkehr in die Heimat. Keiner hat diesen anonymen Krieg gewonnen, keiner hat ihn verloren. Die Ausgezeichneten bestehen darauf, die Ersten zu sein, die an den Sieg Glaubenden wollen ihren Optimismus gewürdigt wissen, die Verräter fühlen sich den Deserteuren überlegen usw. Das vielsagende Bühnenbild stellt ein Grab vor. Von hoch oben (darüber heraus) wirft der Gehilfe des Generals Schaufeln voll Erde auf die streitenden Toten in der Grube. Diese akribisch gestaltete Atmosphäre erzeugt einen andauernden Zustand zwischen Sein und Nichtsein.

Roma-Theater und musikalische Adaptionen literarischer Klassiker

   Neben solch globalen Konfrontationen wurden auf der Bühne auch persönliche Konflikte ausgetragen. Das beste Kind der Welt heißt die autobiografische One-Woman-Show der Roma-Künstlerin Alina Şerban. Erzählt wird darin die Geschichte eines Roma-Mädchens, dessen Jugend von Armut geprägt ist und das trotzdem die Kraft findet, sich dem Schicksal zu widersetzen. Geleitet vom Versprechen ihrer Mutter, "das beste Kind der Welt" zu sein, erobert die junge Frau die Welt und verfolgt ihren Traum, an den besten Schulen zu studieren. In dem Stück geht es um die Kraft, das Unmögliche zu erreichen, um mit der Vergangenheit und der eigenen Identität Frieden zu schließen und die mit den Roma verbundenen Stereotypen durch Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen zu dekonstruieren. Mit Das beste Kind der Welt, ein Projekt, das Alina Şerban am Nationaltheater "I.L. Caragiale" in Bukarest – der wichtigsten Bühne des Landes – entwickeln durfte, möchte die Künstlerin Brücken bauen: "Mein Ziel war es immer, mir selbst und anderen Heilung zu bieten und wenn möglich durch meine Kunst eine Veränderung zum Besseren zu bewirken."

Der verlorene Brief im Konzert, eine musikalische Adaption von Ada Milea des gleichnamigen Lustspiels von Ion Luca Caragiale, stellt mit Sicherheit einen der Höhepunkte des Festivals dar. Anlässlich des Jubiläumsjahrs des berühmtesten rumänischen Dramatikers – gefeiert wird in diesem Jahr der 170. Geburtstag – analysiert die Produktion des Nationaltheaters "Lucian Blaga" aus Klausenburg mit viel schwarzem Humor und den mittlerweile bekannten ironisch-persiflierten Liedern der gefragtesten Theatermusikerin des Landes die klassischen Charaktere der rumänischen politischen Klasse, die so aktuell sind wie eh und je. Die ewigen Parteiinteressen, die immerwährende Korruption, der hohle Patriotismus, die Naivität der Wähler bilden ein außergewöhnlich komisches Panorama einer Gesellschaft, die seit dem 19. Jahrhundert fortbesteht.

497 Paar Opanken und der Koffer mit dem grünen Herz

   Zu den absoluten Neuheiten zählten eine für Menschen mit Behinderungen zugänglich gemachte Show (Schließe die Augen und du wirst besser sehen vom Persönlichkeitsentwicklungsverein "Grigore Popa" aus Bukarest) sowie eine den Universitäten gewidmete Sektion, in der Theateruniversitäten aus Iaşi, Temeswar und Chişinău (Republik Moldau) ihre Projekte vorstellen durften. Auch das Gasttheater begeisterte das Publikum mit seinen Eigenproduktionen, unter anderem mit der Premiere Der selbstsüchtige Riese nach Oscar Wilde und Clown-Station, eine clowneske Darbietung, die am Edinburgh Fringe Festival 2022 gezeigt wurde.

Tanzliebhaber kamen ebenfalls nicht zu kurz. Ein unvergessliches Erlebnis war 497, eine Koproduktion des Ensembles "Tabán Táncegyüttes" Békéscsaba (Ungarn) und der Theatergruppe "Aradi Kamaraszínház" Arad (Rumänien). Der Legende zufolge nahmen vier Musiker und Tänzer aus Buzău am vom Touring Club de France ins Leben gerufenen Weltwanderwettbewerb teil. Die Reisenden tanzten rumänische Volkstänze, spielten Musikinstrumente, trugen rumänische Trachten und benutzten 497 Paar Opanken. Die 1910 begonnene Reise dauerte mehr als zehn Jahre. Notizen, Skizzen und Tagebuchauszüge wurden verwendet, um einen Einblick in diese herausfordernde Weltreise zu gewinnen. Die tanzenden Wanderer gerieten in Gefangenschaft, nahmen an einem Präsidentenempfang teil, hatten einen Unfall, vergnügten sich aber auch im Palast eines indischen Maharadschas. All diese Erlebnisse werden von vier barfüßigen Tänzern mit großer Präzision dargeboten. Dabei spielen Farben (buchstäblich) eine bedeutende Rolle.

   Zu meinen persönlichen Highlights zählt SeedHeart (ein Herz säen), die neueste Show des Indigo Moon Theaters aus Großbritannien. Erzählt wird die Geschichte des zerstörenden Einflusses des Menschen auf seine Umwelt. Gleichzeitig wird hinterfragt, was wir tun können, um unseren einst grünen Planeten wiederherzustellen. Die Reise beginnt, als die menschenähnliche Puppe namens Grau in einem Glas gefangen ist. Puppenspielerin Anna Ingleby schafft es, mit viel Gefühl und Leichtigkeit eine breite Palette an Emotionen zu wecken. Die Geschichte entfaltet sich (buchstäblich) aus einem einzigen Koffer und folgt Graus Reise in eine bessere Zukunft mit magischen Pop-ups, Schattenspiel und interaktiven Szenen. Musik, Theater und Komposition verschmelzen zu einem Spiel mit Rollenbildern: feinsinnig, nachdenklich und humorvoll wie ein farbiger Traum.

Fazit: Mit offenen Herzen und neugierigen Blicken wurden die zahlreichen auswärtigen Theatergäste aus 17 Ländern, unter anderem aus Mexiko, Italien, Ägypten, Spanien, Belgien, aber auch die heimischen, diesmal ganz speziell die Gruppen der rumänischen Freien Szene wie das Basca- und das Auăleu-Theater (beide aus Temeswar), das "Kreations- und Experimentreaktor" aus Klausenburg oder das "Replika-Zentrum für Bildungstheater" aus Bukarest empfangen. Immer auf der Suche nach neuen Aufführungsorten wurden diesmal an die 20 Spielstätten bespielt. Volle Theatersäle und strahlende Kinderaugen, ausverkaufte Veranstaltungen und tosender Applaus. Die diesjährige Ausgabe des Internationalen Theaterfestivals für junges Publikum in Iaşi erfreute sich einer überwältigenden Resonanz. 

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