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Was bleibt?

Zur Inszenierung von Gedächtnis und Identität im postsowjetischen Kuba und Rumänien.

Rezension der Dissertation von Carola Heinrich (2020).

Von Irina Wolf
(01. 03. 2021)

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Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.

 

Was bleibt?
Zur Inszenierung von Gedächt-
nis und Identität im postsow-
jetischen Kuba und Rumänien.
Georg Olms Verlag, 210 S.

ISBN:
3487158477

 


Die Autorin bietet neben
fundierten theoretischen
Überlegungen auch span-
nende konkrete Fallstudien.
Das Ergebnis ergibt ein
tieferes Verständnis der
interkulturellen Verhand-
lungs- und Übersetzungs-
prozesse zwischen der
Sowjetunion als postkolo-
nialem Zentrum und der
Peripherie in Kuba
und Rumänien.




(c) IKT/Stefan Csáky

Dr. Carola Heinrich
carola.heinrich [at] assoc.
oeaw.ac.at

Studium der Romanistik, Italia-nistik und Kommunikations-
wissenschaft an der LMU
München und der Universidad
de La Habana. Dissertation
in Romanistik an der Universi-
tät Wien. Zwischen 2012-
2016 Volontärin am Institut
für Kulturwissenschaften und
Theatergeschichte der ÖAW.
2016 Stipendiatin im Post-
DocTrack-Pilotprogramm
der ÖAW. Seit September
2016 OeAD-Lektorin an der
Comenius Universität in
Bratislava.

    Carola Heinrich kontaktierte mich zum ersten Mal vor fast zehn Jahren, um ein Gespräch über zeitgenössische Dramatik und Inszenierungen in Rumänien zu führen. Ihr Interesse lag auf dem postkolonialen Verhältnis der rumänischen Theaterszene zur Sowjetunion. Die entstandene Dissertation bietet vieles mehr. Die Arbeit richtet ihren Blick auf zwei Länder, die in der Einflusszone der UdSSR lagen. Der Fokus liegt nicht zufällig auf Kuba und Rumänien, sind doch beide Staaten romanischsprachig. Die Arbeit gliedert sich in einen einführenden Abschnitt zur Definition des Oberbegriffes Translation (kulturelle Übersetzung) und zwei der ihr zugeordneten Übersetzungsprozesse, einen Bereich zur Analyse der Erinnerungen an die Sowjetunion anhand verschiedener Inszenierungsformen, gefolgt von länderübergreifenden Fallbeispielen zwecks einer postsowjetischen Positionierung, ehe das Werk mit einem Schlussteil zur Gegenüberstellung der verschiedenen Erinnerungskulturen schließt.

I. Postsowjetische Translationsformen

   Im Rahmen des ersten Kapitels definiert Heinrich den postsowjetischen Postkolonialismus in Kuba und Rumänien. Abwechselnd werden Einblicke in die Kolonisierung beider Länder geliefert. Die klare chronologische Reihenfolge ermöglicht einen gut lesbaren Einstieg in die Geschichte der beiden geografisch weit auseinanderliegenden Macht- und Einflusszonen der UdSSR. Diese strukturierte Gliederung zieht sich durch den ganzen Band und erlaubt die Bestimmung eines eindeutigen Zeitrahmens für jedes ausgewählte Analysebeispiel. Auf eine Auswahl von Werken, die vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden sind, wird verzichtet. Der Fokus liegt auf der Reaktion auf den Wegfall der Hegemonialmacht.

Weiter geht Heinrich auf kulturelles Gedächtnis und kollektive Identität als Akte der Vermittlung zwischen Vergangenheit und Gegenwart ein und stellt in diesem Zug die Wichtigkeit der zeitlichen sowie räumlichen Auffassung vor. Sodann werden die drei Kategorien der Analyse von Inszenierungen auf zeitlicher Ebene dargestellt: Komik, Nostalgie und Machtdimension. In der Translation auf räumlicher Ebene werden weitere drei Gruppierungen gebildet: Wiederkehr, Nachahmung und Migration. Daraufhin wird die Konstruktion einer kulturellen Identität durch Hybridisierung aufgezeigt.

II. Gedächtnis und Identität in der Praxis: Inszenierungen in Kuba und Rumänien

   Im darauffolgenden Kapitel widmet sich die Autorin der kulturellen Übersetzung auf zeitlicher Ebene. Verschiedene Inszenierungsformen der Gattungen Theater, Performance, Film, Video und Hörspiel werden in den drei oben erwähnten Kategorien beleuchtet. Jede Diskussion wird im jeweiligen historischen Kontext eingeordnet und damit in ihrem Werdegang interessant präsentiert. Der gemeinsame Fokus liegt auf Darstellungen der Figur "der Russin/des Russen" als kulturelles Fremdbild und das darin implizierte Selbstbild.

Durch Erinnerung an diese Figur wird das kulturelle Gedächtnis aktualisiert. Jeder Teil der Inszenierung (Figur, Zeit, Raum, Text) wird einer eigenen kritischen Reflexion unterworfen. Dabei zeigt sich, dass Heinrich sich der Ergebnisse und Grenzen ihrer Arbeit bis ins Detail bewusst ist.

Abschließend richtet Heinrich ihren Fokus auf die kulturelle Übersetzung auf räumlicher Ebene. Anders als im vorherigen Kapitel zeigen die Fallstudien in den drei oben genannten Gruppierungen kein gegensätzliches Bild der beiden Länder Kuba und Rumänien. Die thematische Bandbreite reicht von historischen Themen über die Thematisierung sozialer Netzwerke oder einer Dreiecksbeziehung, bis hin zum Drogenhandel. Auch bei der Auswahl der Gattungen wurde auf Vielfalt geachtet: Absurdes Theater, Dokumentartheater und lyrische Monodramen werden in Bezug auf die Beziehung zum "Russen" analysiert. Werke verschiedener Generationen von Autoren wurden ausgewählt, was zu einem umfangreichen Überblick der Translation auf beiden Ebenen in Kuba und Rumänien führt. Die Schlussbemerkung deutet interessante Anschlussmöglichkeiten für weitere Forschungen in Bezug auf andere postsowjetische Staaten und die Weiterentwicklung der Gattungen an.

III. Fazit

   Die Arbeit von Carola Heinrich ist für einen großen Kreis von Experten interessant: im Bereich der geschichtlichen Forschung zur Ost-West-Beziehung an Hoch- und Fachschulen, in der Ausbildung von Studierenden in der Theater- und Filmszene. Die Autorin bietet neben fundierten theoretischen Überlegungen auch spannende konkrete Fallstudien. Das Ergebnis ergibt ein tieferes Verständnis der interkulturellen Verhandlungs- und Übersetzungsprozesse zwischen der Sowjetunion als postkolonialem Zentrum und der Peripherie in Kuba und Rumänien. Die besondere Leistung besteht m. E. in der umfangreichen kritischen Auseinandersetzung mit den praktischen Beispielen und der Gegenüberstellung der beiden postsowjetischen Staaten.

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