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Katzen, Clowns und ein Schäfchen namens Miori
ţa

Eigentlich bietet sich ein Aufenthalt in Iaşi zur Erkundung der kulturträchtigen Stadt
an. Viele historische Gebäude laden zum Staunen ein. Das abwechslungsreiche,
vielfältige Programm des Internationalen Theaterfestivals für ein junges
Publikum (FITPT) lässt dies aber kaum zu!

Von Irina Wolf
(07. 11. 2018)

...


   Dass es viele Vorteile hat, in der Früh zu radeln, ist unbestritten. Dies aber auf den Fahrrädern zu tun, die im Foyer des "Luceafărul" Kinder- und Jugendtheaters ausgestellt sind, ist eine reichlich ungewohnte Art des Morgensports. Kaum lege ich los, beginnt Wasser durch einen Schlauch zu fließen, Zylinder heben und senken sich, Glocken erklingen. Eine Badewanne, Schläuche, Stethoskope, Sprungfedern und jede Menge ungewöhnlicher Bauteile verzieren die Drahtesel. François Cys, der sympathische belgische Künstler, lädt ein zum Kratzen und Reiben der interaktiven Klanginstallationen. Seltsame Klänge ertönen aus den Espaces Cyclophones.

Mit solch außergewöhnlichen Kunstwerken lockte Oltiţa Cîntec, Theaterkritikerin und Kuratorin der 11. Ausgabe von FITPT, das Publikum. Unter dem Motto "Anders" stellten – auf mehr als einem Dutzend unterschiedlicher Spielstätten – vom 4. bis 11. Oktober über vierhundert Künstler aus zwanzig verschiedenen Ländern ihr Können unter Beweis.

10 Uhr:

   Nun aber runter vom Fahrrad und ab in den kleinen Saal. Hier sorgt Wasserpuppentheater aus Vietnam für staunende Augen. Drachen, Feen, Fische oder Enten scheinen wie von selbst über die Wasseroberfläche zu gleiten. Nach Aufführungsende treten die Akteure der "Thang Long"-Theatergruppe aus dem Dunkeln vor den Vorhang und erlauben den Zuschauern, die an Bambusstangen angebrachten Puppen zu testen. Eine ganz spezielle Show, die die Herzen von Groß und Klein berührt.

Ein Puppenfest bietet auch "Sky Bird Puppet" aus Hong-Kong. Finger-, Hand- und Stangenpuppen werden höchst geschickt zum Leben erweckt. Vor allem beeindruckt ein Kung Fu Affe namens King, an nicht weniger als dreißig Saiten hängend! Eine Kurzdemo der Fingerfertigkeit des Künstlers Cheung Cheun-Fai ermutigt mich, später im Hotelzimmer meine eigene Geschicklichkeit  zu testen. Nun: Die wenigen Versuche scheitern kläglich ...

11:30 Uhr:

   Weiter geht es im großen Saal mit Schatten- und Musiktheater. Die Brüder des Nordlichts heißt die magische, mysteriöse Show des Figur Teatr aus Krakau. Begleitet von den Musikern des CHOREA Theaters aus Lodz erzählen einzigartige Schattenbilder Geschichten, die auf Legenden und Märchen von der Ostsee basieren. Eine Mühle tanzt wie von Zauberhand getragen über die Bühne. Währenddessen werden geheimnisvolle Meeresbewohner heraufbeschworen.

Humorvoll, farbenfroh und musikalisch geht es zu im Träumer nach Ian McEwan. Hauptfigur der Produktion des Jugendtheaters aus Piatra Neamţ ist ein Kind, das immer wieder neue Welten erfindet, um aus der Wirklichkeit zu flüchten und die Grenzen, die Erwachsene den Kleinen setzen, zu durchbrechen. In seinen fantastischen Abenteuern erobern unter anderem die Puppen seiner jüngeren Schwester das Elternhaus. Der Vater im Pyjama spielt Gitarre, die Mutter macht mit den Topfdeckeln Musik. Sogar drei "Lehrerinnen" beteiligen sich am einzigartigen Konzert. Der beliebten rumänischen Sängerin und Liedermacherin Ada Milea gelingt ein bezauberndes Stück Musiktheater.

12 Uhr:

   Wer Straßenshows bevorzugt, ist ebenfalls bestens bedient. Ob im benachbarten Einkaufszentrum oder auf dem Platz vor dem Theatergebäude, nun ist die Zeit der Jongleure und Clowns. Der argentinische Fußballspieler Mencho Sosa verwandelt Fußballfelder in mitreißende Zirkusnummern. Dabei ist die Interaktion mit dem Publikum ausschlaggebend, besonders dann, wenn kleine Kinder zu Fußballhelden gekürt werden.

Unvergessliche Momente aus Clownerie und Magie liefert auch Andrea Fedi aus Italien mit seiner Katastrofa Show. Während Riesenseifenblasen die Kleinen erheitern, werden die erwachsenen Zuschauer zum Boxen aufgefordert. Menschen bilden die Ecken des Boxrings und betätigen sich gleichzeitig als Masseure. Zusammengehalten werden sie durch breite Klebebandstreifen. Auch Frauen dürfen an dem lustigen Boxkampf teilnehmen. So wird eine Dame aus dem Publikum aufgefordert sich "sexy" zu bewegen, um die Boxrunden anzuzeigen. Hingegen hält eine weitere weibliche Person Wasser und Kübel für den Boxer-Clown bereit. Dass alle Beteiligten mit Begeisterung mitmachen, spricht für das lokale Publikum.

17 Uhr:

   Nach einer gut verdienten Verschnaufpause geht es am Nachmittag mit szenischen Lesungen von Theaterstücken weiter, einer Programmsparte, die die Kooperation mit dem Literaturfestival FILIT, das zeitgleich mit FITPT stattfand, hervorhebt. Die drei aus einer Schreibresidenz entstandenen Texte werden später im Rahmen eines Sammelbandes erscheinen.

18 Uhr:

   Mit Katzen, einem Konzerttheater der Gruppe Fără Zahăr (ohne Zucker, Anm.) wird der Nachmittag fortgesetzt. Die Katzenfiguren von Bobo Burlăcianu und Bobi Dumitraş gleichen erstaunlicherweise den Menschen: Ein Fabrikbesitzer, ein Politiker, ein Paar mit Beziehungsproblemen, ein Söldner und ... ein Hund, wiedergeboren im Körper einer Katze, erzählen mittels Vokal- und Instrumentalmusik ihre Geschichten. Ein großes Publikum besucht die schwungvolle Produktion des vor zwei Jahren gegründeten Theaters "Matei Vişniec" aus Suceava, das den Namen des meistgespielten rumänischen zeitgenössischen Autors trägt.

19 Uhr:

   Am Abend wird es ernst. Das Nationaltheater "Marin Sorescu" aus Craiova zeigt ein Stück über die Entstehung eines Theaterstücks. Der Autor, ein schockierender Text des britischen Dramatikers Tim Crouch, enthüllt eine Welt, die von Gewalt und Missbrauch beherrscht wird. In Bobi Pricops origineller Inszenierung sind die vier Schauspieler mitten im Publikum platziert, das auf mehreren Sitzreihen direkt auf der Bühne sitzt. Durch dieses einzigartige Experiment können die Reaktionen der Zuschauer bis ins Detail beobachtet und eine hochemotionale Wirkung erzielt werden.

Gewalt, Verleugnung und Identitätssuche sind die Themen von Das Perfekt. Die Produktion des Nationaltheaters "Radu Stanca" aus Hermannstadt verfolgt die Geschichte Rumäniens im Spiegel dreier Generationen einer Familie. Und so führt der Text der in Paris lebenden rumänischen Autorin, Regisseurin und Bühnenbildnerin Alexandra Badea unweigerlich zur Ceauşescu-Diktatur, zu den Wirren und Umbrüchen nach dem Ende des Kommunismus, vor allem aber zum größten Pogrom an der jüdischen Bevölkerung in Rumänien, das in den 1940er Jahren in Iaşi stattgefunden hat.

20 Uhr:

   Den Abschluss bildet ein nonverbales Theaterstück über die in Rumänien landesweit bekannte Ballade vom Schäfchen Mioriţa. Das Nationalepos, das vom Testament eines Schäfers handelt, dem ein Raubmord droht und der seinem Tier den letzten Willen mitteilt, gibt es mittlerweile in hunderten Varianten. Das unabhängige Theaterkollektiv "Auăleu" aus Temeswar setzt Mioriţa mit zeitgenössischer Black Metal Musik und prächtigem Maskentheater zu einer packenden Show neu zusammen.

Durch die geografische Vielfalt und die breitmöglichst gefächerte Auswahl an Produktionen schaffte es die Kuratorin Oltiţa Cîntec auch dieses Jahr, für Staunen, Lachen und Begeisterung beim jungen und junggebliebenen Publikum zu sorgen.
 


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