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Ukraine: Theater in Kriegszeiten

Mit der russischen Invasion der Ukraine am 24. Februar wurden alle Kulturveranstaltungen
abgesagt. In den ersten Wochen versuchten die Künstler ehrenamtliche Arbeit zu leisten, doch
mit der Zeit wurde ihnen bewusst, wie wichtig es ist, "die künstlerische Front" wiederherzustellen:
"Wir hatten alle Pläne. Nach dem 24. Februar kam es gar nicht in Frage, irgendetwas mit Theater
zu machen. Das Schlimme daran war, dass wir nicht wussten, wie lange dieser Zustand dauern
wird", sagt Theatermacher Dmytro Naumets. Doch dann fing er an, Schauspiel-Trainings
an der Ukrainisch-Katholischen Universität (UCU) in Lemberg zu organisieren.

Von Irina Wolf
(14. 07. 2022)

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Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.

 
 


(c) werk-x.at

Dmytro Naumets

 

 
Normalerweise würden
Hedda Gabler und eine
eigene Adaption von Wer-
ken des amerikanischen
Science-Fiction-Autors
Ray Bradbury auf dem
Programm stehen. Doch
gleich nach Kriegsbeginn
wurde das Theater in einen
"sicheren Himmel" umge-
wandelt, in einen "Art
Shelter". Im Aufführungs-
raum, in dem normaler-
weise 40 Zuschauer Platz
fanden, lebten nun 10 Per-
sonen – Theaterschaf-
fende, Nachbarn und
jede Menge Katzen.

 

 


(c) Ukraine crisis media center

"Aeneid"
Regie:
Rostyslav Derzhypilsky
und Oleksiy Hnatkovsky.

 

 

Im Roman "Die Bücher-
diebin" des australischen
Autors Markus Zusak wird
die Geschichte der im
Zweiten Weltkrieg bom-
bardierten fiktiven deutschen
Kleinstadt Molching erzählt.
Das neunjährige Mädchen
Liesel ist die einzige Über-
lebende, weil sie zum Zeit-
punkt des Bombenangriffs
heimlich im Keller ein
Buch las.

 

 


(c) ProEnglish Theatre

"The Book of Sirens"
Regie:
Alex Borovenskiy.

 

Obwohl die Proben zu
Der große Keller während
der Bombenangriffe statt-
fanden, fühlten sich die
Künstler in der Kirche der
Weisheit Gottes geschützt.
Die Erzählung handelt unter
anderem von vergewaltig-
ten Frauen während der
Zarenzeit, Angriffe von Ta-
taren und Polen auf die
Ukraine und einem Ruf
nach Freiheit.

 

 


(c) Alexandra Tkach

"Der große Keller"
Regie:
Dmytro Naumets.

 

 

Im Schauspielhaus von
Uschhorod hatte die Auf-
führung des Stückes Ein
Handel mit einem Engel
der Kiewer Dramatikerin
Neda Nezhdana erst ange-
fangen, als die Luftschutz-
sirenen zu heulen
begannen.

 

 


(c) wikimedia.org

Neda Nezhdana

 

 

 

Linktipp
jamfactory.ua/artists-in-war

   Diese Kurse waren kostenlos und offen für alle Interessierten. Der Schwerpunkt lag auf Körpertraining, mit dessen Hilfe Universitätsleiter Yevhen Khudzyk Ablenkung vom Kriegsalltag bieten wollte. Allmählich begannen die Künstler wieder ans Theatermachen zu denken. Doch im neuen Kontext hatte ihre Arbeit ein anderes Gewicht erhalten.

Auch in anderen Städten wurden Projekte erarbeitet: Im legendären Shakespeare-Keller des Iwano-Frankiwsk Dramatheaters zeigten Künstler Aufführungen für Flüchtlinge und Kinder. Gespielt wurde unter anderem die burleske, extravagante Inszenierung von Rostyslav Derzhypilsky und Oleksiy Hnatkovsky AENEID nach dem gleichnamigen Gedicht von Iwan Kotljarewskyj – ein patriotisches, heroisches Stück über den ungebrochenen ukrainischen Kampfgeist. Währenddessen starteten Studenten und Dozenten für Puppenspiel und Animation an der Kotljarewskyj Nationalen Universität der Künste in Charkiw das Projekt #ANIMAARTFORPEACE. Sie traten in Notunterkünften auf und spielten hauptsächlich für Kinder. Die transkulturelle Bewegung VOICES FOR UKRAINE wurde durch die European Theatre Convention unterstützt. Die Plattform bietet Künstlern in der Ukraine eine Möglichkeit, durch Kunst, Reflexionen und Tagebücher auf den Krieg zu reagieren. Der kreative Prozess findet auf der Straße und in Luftschutzbunkern statt.

Auf Tournee durch Spanien

   Einen besonderen Platz nimmt das ProEnglish Theatre ein. Trotz des Krieges war es eine der wenigen in Betrieb befindlichen Institutionen in Kiew. Die 2018 von Alex Borovenskiy gegründete unabhängige Spielstätte ist das einzige englischsprachige Theater in der Ukraine. Normalerweise würden Hedda Gabler und eine eigene Adaption von Werken des amerikanischen Science-Fiction-Autors Ray Bradbury auf dem Programm stehen. Doch gleich nach Kriegsbeginn wurde das Theater in einen "sicheren Himmel" umgewandelt, in einen "Art Shelter". Im Aufführungsraum, in dem normalerweise 40 Zuschauer Platz fanden, lebten nun 10 Personen – Theaterschaffende, Nachbarn und jede Menge Katzen. Die Fenster waren nirgendwo zu sehen. Auf dem Instagram-Konto des Theaters wurde ein Bild mit einer dicken Wand aus englischen Lehrbüchern gepostet. Damit versuchte man die Fenster zu schützen, sollte in der Nähe eine Bombe explodieren. Trotz allem gab es im Theaterinneren noch Vorhänge, Bühnenlicht und sogar ein Soundpult.

Am 27. März präsentierte das ProEnglish Theatre auf Facebook eine Livestream-Version von Harold Pinters Drama Die neue Weltordnung. Das 1991 verfasste Stück des britischen Nobelpreisträgers behandelt Themen wie Imperialismus, Totalitarismus und Hegemonie. Schauspielerin Tanya Shelepko führte Regie bei der zwölfminütigen Inszenierung. Die Besetzung aus drei Schauspielern hatte als Protagonisten einen jungen Mann, der mit verbundenen Augen auf einem Stuhl saß. Er sollte von zwei Männern gefoltert werden. Diese wurden in der Kiewer Inszenierung von einer Schauspielerin und ihrem männlichen, per Video aus der Westukraine zugeschalteten Kollegen, verkörpert.

Die zweite Premiere des ProEnglish Theaters wurde am 9. April weltweit gestreamt. The Book of Sirens (Das Buch der Sirenen) basiert auf dem Roman "Die Bücherdiebin" des australischen Autors Markus Zusak (2005). Darin wird die Geschichte der im Zweiten Weltkrieg bombardierten fiktiven deutschen Kleinstadt Molching erzählt. Das neunjährige Mädchen Liesel ist die einzige Überlebende, weil sie zum Zeitpunkt des Bombenangriffs heimlich im Keller ein Buch las. Regisseur Alex Borovenskiy bediente sich bei seiner Inszenierung der sowjetischen Radiodurchsagen aus dem Zweiten Weltkrieg, sowjetischen Kriegsliedern und Sirenengeheul. Außerdem wurde Live-Musik am Klavier gespielt. Die einzigen Requisiten waren Fleischdosen und Bücher. Anabell Ramirez, die Protagonistin des Monodramas, unternahm vom 2. bis 12. Mai mit dem Theater eine Tournee durch mehrere Städte Spaniens.

Gelungene Kooperation Lemberg-Wien

   Und dann öffneten am 1. April in Lemberg Theater, Oper, Philharmonie, Orgelhalle, Museen wieder ihre Türen. Das Maria Zankovetska Dramatheater zeigt mindestens einmal pro Woche eine Produktion. Bis zum Welttheatertag am 27. März hatte das UCU School Theater das erste Stück seit Kriegsbeginn auf die Bühne gebracht. Obwohl die Proben zu Der große Keller während der Bombenangriffe stattfanden, fühlten sich die Künstler in der Kirche der Weisheit Gottes geschützt. Die Produktion basiert auf zwei Texten von Taras Schewtschenko – einem der wichtigsten Dichter der ukrainischen Geschichte. Hauptthema ist das Ausheben des "großen Kellers" entweder in der Kirche von Bohdan Khmelnytskyi im Dorf Subotiw oder in der Seele – dazu dient der zweite Text "Der Moskauer Brunnen". Symbolisch steht der Keller für das Tor zum Himmel, ein Bild der Heiligkeit der ukrainischen Identität und ein Weg der Erlösung.

Die Erstausgabe des Stücks erschien im Jahr 2014 während der Maidan-Revolution. Schewtschenko spricht klar und präzise über die Mächte des Bösen, die die Ukraine umgeben. "Ursprünglich war geplant, die Produktion einmal im Monat zu spielen", erzählt Dmytro Naumets, der selbst Teil der Besetzung ist. Wegen der großen Anzahl der Schauspieler (insgesamt sind es 12) ist es schwierig, die Gruppe zu koordinieren. Sofern möglich, wird "regelmäßig" im Kirchenkeller gespielt. Wie ist das Publikum zusammengesetzt? "Der Großteil des Publikums besteht aus Menschen, die aus anderen Gegenden der Ukraine nach Lemberg geflohen sind, um Schutz zu suchen. Sie leben auf dem Unigelände und brauchen eine Ablenkung. Da aber die UCU weit weg vom Stadtzentrum liegt, ist die Anfahrt schwierig. Und doch gibt es für diese Inszenierung eine große Nachfrage", erläutert Naumets.

Am 3. Mai wurde Dank einer Kooperation mit Alireza Daryanavard und dem WERK X-Petersplatz Der große Keller in der Regie von Yevhen Khudzyk in ukrainischer Sprache mit deutschen Untertiteln auf der Webseite des Wiener Theaters gestreamt. Da sich "die Bühne" im Keller befindet, ist das Licht spärlich. Trotzdem ist das Video qualitativ hochwertig. Als Requisiten dienen eine Holzkiste, ein Eimer und eine Schaufel. Die Kapitel der Geschichte werden von einem Schauspieler angekündigt: drei Seelen, drei Krähen, drei Lira-Spieler und der Moskauer Brunnen. Die Erzählung handelt unter anderem von vergewaltigten Frauen während der Zarenzeit, Angriffe von Tataren und Polen auf die Ukraine und einem Ruf nach Freiheit. Die Mehrheit der großen Besetzung ist in Volkstrachten gekleidet, wobei die Frauen oft Klagelieder singen. Besonders bewegend sind die Hochzeitsszenen und -bräuche. Beeindruckend sind auch die gut ausgewählten Videoeinblendungen. Eine überaus gelungene Inszenierung, die von der Spielfreude und Harmonie der Schauspieler lebt. "Bei der Aufzeichnung der Aufführung bestand das Publikum aus 60 bis 70 Zuschauern", sagt Naumets und fügt hinzu, dass die UCU aktuell zwei weitere Produktionen im Repertoire hat.

Im Fokus Dmytro Naumets

   Das Wiener WERK X-Petersplatz bot am 17. Mai ein weiteres Stream: die Performance Ich lasse los – Text, Schauspiel und Regie von Dmytro Naumets. Mit dem Untertitel "Ein poetischer Akt für Ohren und Herzen" stellt Naumets' Solo die Stimme und die persönlichen Erfahrungen des Menschen in den Mittelpunkt. Dem Schauspieler gelingt es mit nur wenigen Papierblättern als Requisiten, die Aufmerksamkeit des Betrachters für die Gesamtdauer von 50 Minuten zu fesseln. Musik und Licht verleihen dem Schauplatz eine poetische Note. Gefilmt wird aus mehreren Perspektiven – frontal sowie vertikal von oben. Das gibt einen sehr guten Überblick über "die Bühne".

Naumets' Gedankenströme kreisen um Liebe, Angst und den Wunsch, Schönheit zu schaffen. Jahrelang hat er Gedichte geschrieben. Und über Jahre hinweg hatte er die Idee dieses Stücks gehegt, sich aber nicht getraut, es zu machen. Dann war er letzten Sommer auf Urlaub in Odessa und hat die Gedichte chronologisch zusammengesetzt. So entstand der Text. Naumets zeichnet auch für das Bühnenbild verantwortlich. Dabei handelt es sich bei dem Stream mehr um eine "Kinoaufnahme", da der Theatermacher Szene für Szene (ohne Publikum) gedreht und anschließend die Aufnahmen selbst zusammengeschnitten hat. Seitdem spielt er das Stück vor Publikum.

Und wie schaut die Zukunft aus? "Am 28. Mai habe ich die Premiere meines neuen Solos – eine reflexive Antwort auf 'Ich lasse los'. Es ist eher ein Improvisationsstück. Vom Thema her geht es um die geringe Entscheidungsmacht des Schauspielers. Es ist ein Monolog, in dem ich über mich selbst reflektiere. Man kann sagen, es ist auch eine Art Stand-Up-Show über mangelnde Selbstverwirklichung", detailliert Naumets sein Vorgehen. Für die Premiere hat er einen Raum gemietet, unter dem sich ein Bunker befindet. Sollte der Fliegeralarm losgehen, dann würden Zuschauer und Schauspieler in den Schutzraum hinuntergehen. Dort wird weitergespielt. Dass Naumets seinem Beruf nachgehen kann, hat er dem ukrainischen Militär zu verdanken. Und deshalb spricht er vor jeder Aufführung seine Dankbarkeit an die Menschen aus, die für sein Land und für die Freiheit kämpfen.

Die neue Normalität

   Dass im Rahmen der Kulturveranstaltungen die Anforderungen des Kriegsrechts berücksichtigt werden müssen, findet sich in einer Anfang April ausgestellten Erklärung des Kulturministeriums wieder. So sollen sich im Falle eines Luftalarms Zuschauer und Schauspieler in den Schutzraum begeben (jede Kulturinstitution besitzt einen unterirdischen Luftschutzbunker). Somit ist die Anzahl der Plätze begrenzt. Im Schauspielhaus von Uschhorod hatte die Aufführung des Stückes Ein Handel mit einem Engel der Kiewer Dramatikerin Neda Nezhdana erst angefangen, als die Luftschutzsirenen zu heulen begannen. Der Theaterdirektor eilte auf die Bühne und forderte alle auf, in den Luftschutzbunker hinunterzugehen. Die Aufführung sollte wieder aufgenommen werden, wenn innerhalb einer Stunde Entwarnung gegeben würde – ansonsten müsste die Vorstellung auf einen neuen Termin verschoben werden. Zum Glück kam die Entwarnung nach einer dreiviertel Stunde. Das Publikum kehrte in den Zuschauerraum zurück und das Stück wurde von Anfang bis Ende aufgeführt. Uschhorod ist eine malerische Stadt an der Karpaten-Westseite. An der Grenze zur Slowakei gelegen, ist sie von Ungarn und Rumänien aus leicht zu erreichen. Zusammen mit der benachbarten Bukowina ist Uschhorod derzeit einer der sichersten Orte in der Ukraine.

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