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Vom rechten und unrechten Schreiben
Verstreute Notizen zu Einführung und Wiederrückgängigmachen der Rechtschreibereform

Nun soll sie also wieder rückgängig gemacht werden, die vielbeschworene
Rechtschreibereform; wirr und chaotisch soll sie enden, wie sie begonnen,
das geschaffene Chaos weiter vergrößernd.

Von Raymond Zoller


     ...Was jene Reform eigentlich sollte, blieb mir, dem Verfasser vorliegender Zeilen, von jeher schleierhaft. Möglich, daß einfach bloß in irgendwelchen Ministerien irgendwelche Leute saßen, die zeigen wollten, daß sie noch da sind und die zu selbigem Behufe sich bemüßigt sahen, etwas Aktivität zu entfalten; und im Weiteren dann noch Arbeitsplatzbeschaffung für arbeitslose Germanisten. Vielleicht hat es auch noch andere Gründe gegeben; es wurde ja auch dies und jenes angeführt; aber sehr überzeugend wirkte das nicht.

Genauso schleierhaft blieb mir, was die radikalen Reformgegner der verschiedenen Couleur eigentlich wollen: geht es denen um die Rettung von Sprache und Ausdrucksfähigkeit, oder um die Wahl des "Starken Mannes", der eindeutig zu bestimmen hat, was rechtens ist und was nicht? Oder sind sie einfach bloß beunruhigt, daß altgewohntes sich plötzlich verändern soll?

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     Wozu leben wir? Wir leben, um durch unsere Taten und Unterlassungen dem Gesetze Genüge zu tun und somit brave Staatsbürger zu sein; und Aufgabe der hierzu zuständigen Instanzen ist es, eindeutige und unmißverständliche Gesetze zu schreiben, aufdaß wir die Sinnerfülltheit unseres Lebens klar und eindeutig bestimmen können(1).

Wozu befleißigen wir uns, mündlich und, vor allem, schriftlich, des sprachlichen Ausdrucks? Wir befleißigen uns des sprachlichen Ausdrucks, um durch geringe Fehlerzahl uns und andere davon zu überzeugen, daß wir gebildete Menschen sind; und Aufgabe der hierzu zuständigen Instanzen ist es, eindeutige und unmißverständliche Regeln zu verfassen, aufdaß der Stand unserer Bildung klar und zweifelsfrei feststellbar ist.

Auf einer Internetseite radikaler Reformgegner lesen wir im Anschluß an eine Auflistung von Wörtern, die man laut neuer Rechtschreibung auf verschiedene Arten schreiben darf (http://rechtschreibreform.com/Woerterliste/peil-i06.htm): "Nach einer vorsichtigen Schätzung von Prof. Dr. Werner H. Veith, Mainz (Die WELT vom 16.01.1997, S. 10), sind etwa 2400 Wörter nicht eindeutig mit Hilfe von Regeln bestimmbar(2)"

     Wer sich mit der Sprache als solcher enger verbunden fühlt und wem weiter oben skizzierte Mentalität fremd ist, dem mag unverständlich bleiben, was denn daran denn so schlimm sein soll: daß jene 2400 Wörter "nicht eindeutig mit Hilfe von Regeln bestimmbar sind" bzw. daß deren Schreibweise nicht eindeutig festgelegt ist: Der Muttersprachler, der mit der deutschen Sprache lebt (so er tatsächlich mit ihr lebt) müßte eigentlich genügend Sprachgefühl und Sinn für Logik entwickeln, um selbst bestimmen zu können, was gut und richtig ist; und derjenige, für den Deutsch eine Fremdsprache ist, wird sich halt damit abfinden müssen, daß er sich erst mal über Jahre hinweg in sie einzuleben hat, bis er verschiedene Feinheiten bewältigen kann. – Für jemanden, der sich mit der Sprache verbunden fühlt, ergibt sich die Ästhetik des "Sprachbildes" denn auch nicht aus der Übereinstimmung mit irgendwelchen willkürlich festgesetzten Regeln, sondern aus der Übereinstimmung mit der Sprache selbst. Und wenn die Regeln auch noch so eindeutig bestimmt sind – wenn sie das innere Gesetz der Sprache nicht treffen, sind ihm diejenigen allemal näher, die sie nicht beachten.

Schauen wir uns denn, anhand zufällig herausgegriffener Beispiele, jene Wörterliste mal näher an:

WaggonWagon: Hängt davon ab, wie man es ausspricht. Ich würde "Waggon" nehmen; "Wagon" drängt die Betonung auf das "a".

Weitreichendweit reichend: von unterschiedlicher Bedeutung (ließe sich genauer darlegen). Im Sinne der gewöhnlich gemeinten Bedeutung müßte es in einem Wort geschrieben werden. – Ähnliches für "weittragend" usw...

"Alleinstehende" und "allein Stehende": die Getrenntschreibung atmet einen sehr feinen unfreiwilligen Humor; wohl das Werk einer orthographischen Friederike Kempner.

"die allgemeinbildenden Schulen" – "die allgemein bildenden Schulen": Getrenntschreibung von atemberaubender Komik; kann bei Bedarf aufgezeigt werden

Und so weiter.

Manche der in der "Wörterliste" aufgelisteten Variantenpaare enthalten Wörter, die sich in leichten Nuancen voneinander unterscheiden; andere sind von grundverschiedener Bedeutung; und manche Schreibweisen hinwiederum sind blanker Unsinn. – Statt sich mit den Reformern herumzustreiten und ihnen vorzuhalten, daß sie nicht eindeutig genug festhalten, was gut ist und richtig, hätten jene Reformgegner sich doch wohl besser hingesetzt, um die jeweiligen Bedeutungsunterschiede herauszuarbeiten sowie die völlig unsinnigen Varianten auszusortieren; und somit hätten sie vielleicht tatsächlich einen Beitrag geleistet wennauch nicht zur Reform oder Rücknahme der Reform, so aber doch zur Entwicklung der Orthographie. Denn die Sprache ist, wie nicht zu übersehen, in ständiger Entwicklung; und je bewußter die sie sprechenden diese Entwicklung mitverfolgen, umso besser für alle. Doch dies ist, natürlich, anspruchsvoller und schwieriger, als irgendwelche Direktiven herausgeben oder selbige bekämpfen(3).

Kommen wir zurück zu den Reformern:

     Irgendwo hörte ich das Argument: Der Duden sei ausgeufert, sei unübersichtlich worden; und dieses Ausufern und Unübersichtlichwerden habe es notwendig gemacht, die Angelegenheit in die festen Hände staatlicher Instanzen zu übergeben (denn selbige sind ja bekanntlich dazu da, durch Vereinheitlichung die Dinge zu vereinfachen; oder, wo solches nicht gelingt, Ansätze von Verwirrung zu nicht mehr zu übersehenden Dimensionen anwachsen zu lassen, aufdaß sie sichtbar werden)

Nun gut: Warum die "Zuständigkeit" bei der Privatunternehmung Duden in schlechteren Händen sein sollte als in den Händen staatlicher Instanzen, ist mir nicht ganz klar. Der Sache nach scheint mir das in vorliegendem Fall eine Frage der fachlichen Kompetenz; und letztere ist bei einem beamteten Reformer nicht automatisch größer als bei einem "privatwirtschaftlich" arbeitenden Dudenmitarbeiter. – Ich muß gestehen, daß ich mir den "Duden" noch nie so richtig angeschaut habe und deshalb nicht beurteilen kann, wie weit er ausuferte und unhandlich wurde; doch da ich von meinem ständigen Umgang mit der Sprache her weiß, daß selbige ein recht komplizierter Organismus ist, würde solches mich nicht allzusehr wundern. Aber auch der menschliche Körper, sagen wir, ist ein recht komplizierter Organismus; und trotzdem würde es wohl kaum jemandem einfallen, zwecks Erleichterung des Medizinstudiums die Darstellung selbigens zu vereinfachen (zumindest hoffe ich, daß es niemandem einfallen würde; doch heutzutage weiß man ja nie...)

     Oder braucht man eine übersichtliche Grundlage, um besser Noten verteilen zu können; d.h.: um Sprachkenntnisse zu quantifizieren? Selbst bin ich nicht sicher, wie weit eine solche Quantifizierung notwendig oder gar möglich ist; vor allem aber, wenn sie sich nicht auf die Sprache selbst bezieht, sondern auf ein vereinfachtes Phantom. Und auch die sich der deutschen Sprache widmenden Ausländer wollen ja immerhin Deutsch lernen und nicht ein Surrogat.

Ich will nicht verhehlen, daß manche Ergüsse der beamteten Reformer mir ein leises Grausen einflößen: Daß ein Mensch sich sowat ausdenken kann... Doch ließe sich dies und jenes, wie bereits angedeutet, im Rahmen einer sachlichen Auseinandersetzung vielleicht ausbügeln; bloß findet eine solche sachliche Auseinandersetzung ja nu mal kaum statt: Die einen sind stur "dafür", die andern stur "dagegen". Die Haltung der "Sprachwahrer" erinnert mehr an eine politischen Partei denn an Menschen, denen es um bestimmte Fragen und Probleme zu tun ist; und genau wie im allgemeinen Parteienkampf bleiben die eigentlichen Fragen, von denen man eigentlich ausging, auf der Strecke. Aber das ist nun mal das Wesen einer jeglichen "Politik"...
...

Anmerkungen:

(1) Ausdrücklich sei gesagt, daß dies nicht die Sichtweise des Verfassers wiedergibt. Er gibt nur das wieder, was er, außer Konsumieren, als Lebenssinn bei nicht wenigen seiner Zeitgenossen festgestellt zu haben glaubt.

(2) Was ist das, nebenbei b’merkt, für ein Deutsch? Wieso sollen die Wörter nicht eindeutig bestimmbar sein, beziehungsweise: was heißt das überhaupt: sie sind nicht eindeutig bestimmbar? Dem Kontext nach zu urteilen meint man vermutlich, daß nicht eindeutig festgelegt ist, welche Schreibweise man als richtig zu betrachten hat. Falls man, wie vermutet, das so meint, dann soll man es, auf die Ausdrucksmöglichkeiten der zu rettenden deutschen Sprache zurückreifend, gefälligst in klarer und verständlicher Aussage auch so zum Ausdrucke bringen und nicht irgendwelchen Unsinn hinschreiben.

(3) Man mag mir vorhalten, daß ich das doch dann, mit gutem Beispiel vorgehend, selbst hätte machen sollen. Zu meiner Rechtfertigung sei gesagt, daß ich im Juli des Jahres 2000 doch tatsächlich einen Brief schrieb an den Ersteller jener Liste mit dem Vorschlag, das so zu machen; und, mit gutem Beispiele vorgehend, hatte ich eigenhändig mehrere dieser Wortpaare analysiert. Das wurde aber nicht aufgegriffen, vermutlich nicht einmal verstanden. Den Brief mitsamt angefügten Beispielen findet man hier).


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