Peter Sloterdijks "Regeln für den Menschenpark"

Kritische Anmerkungen

Sloterdijk redet gefährlich und missverständlich über Fragen, die eine vorsichtigere
und differenziertere Auseinandersetzung verdient hätten.

Von Herwig Gottwald
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Herwig Gottwald
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Herwig Gottwald, geb. 1957, Studium in Salzburg (Germanistik, Geschichte, Philosophie), von 1981-94 AHS-Lehrer in Gmunden, seither Assistent am Salzburger Institut für Germanistik; Arbeitsschwerpunkte: Editionsphilologie, Mythosforschung, deutsche und österreichische Literatur des 19./20. Jahrhunderts.

 

 

Sloterdijks Überblicksdenken geht oft auf Kosten der analytischen Genauigkeit

 

 

 

 

 

 

Die "Kritik der zynischen Vernunft" ist eine Gesamtdeutung der Kultur- entwicklung der europäischen Moderne

 

 

 

 

 

Ein Beispiel: Der "zynische" Journalismus gibt allen Ereignissen den gleichen Wert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Neuerdings findet man Sloterdijk im Lager der Gegenaufklärer und Irrationalisten

 

 

 

 

 

 

 

  Peter Sloterdijk: Grundsätzliches

Peter Sloderdijk (geb.1947) ist kein Vertreter der „wissenschaftlichen", d.h. der Analytischen Philosophie, vielmehr ein „philosophischer Essayist": Schon in seinem berühmten Erstlingswerk, der umfangreichen und vielgelesenen „Kritik der zynischen Vernunft" (1983) machte er klar, worum es ihm auch in den folgenden Jahren ging:
Kulturkritik, Kritik der modernen Zivilisation in einem immer umfassenderen Sinn. In Zeiten, in denen maßgebliche Strömungen der Natur- und Geisteswissenschaften, aber auch der Wissenschaftstheorie sich auf immer kompliziertere Weise voranzubewegen scheinen, ihre Gegenstandsbereiche immer minimaler zu werden versprechen, da ist die Sehnsucht nach Zusammenschau, nach dem „Überblick", nach Gesamtdeutungen der komplexen Abläufe und Vorgänge der postmodernen Industriegesellschaften natürlich besonders groß.
Überspitzt gesagt: Sloterdijk ist der Oswald Spengler unserer Tage.

Dementsprechend intensiv ist seine Wirkung auf ein breites Publikum, wie ja auch Spengler „der seltene Fall eines deutschen Philosophen [war], der die breite Öffentlichkeit erreichte."1 Und dementsprechend ist auch Sloterdijks Stil, seine „literarische" Methode, Probleme der modernen Kultur darzustellen, auf Wirkung angelegt: Seine geistreichen, oft geradezu glänzenden Analysen und Behauptungen gewinnen ihr Wirkungspotential vor allem durch ausgefallene Metaphorik, rhetorische Kunststücke und das Herbeizitieren der großen abendländischen Philosophen von Plato bis Heidegger, deren Hauptthesen zumeist geschickt für das eigene Vorhaben umgeformt werden. Mit Differenzierungen, unbequemer Selbstkritik, gar mit stilistischer oder argumentativer Genauigkeit hält sich Sloterdijk nirgends auf, das widerspräche ja auch seiner impliziten Absicht, furios und brillant komplizierte Probleme auf den Punkt zu bringen, gegen die „Neue Unübersichtlichkeit" (Habermas) anzuschreiben. Das unterscheidet seine Texte m.E. auch von (bei allen Unterschieden) ähnlich gelagerten Versuchen in der modernen Philosophie von Bloch („Das Prinzip Hoffnung") und Adorno („Minima Moralia", „Dialektik der Aufklärung") bis zu Foucault („Die Ordnung der Dinge") oder Derrida („Grammatologie"), ganzheitliche Kulturtheorien zu entwickeln.

Die „Kritik der zynischen Vernunft" ist denn auch als Gesamtdeutung der kulturellen Entwicklung der europäischen Moderne gedacht. Die Begriffe „Kynismus" („Dasein im Widerstand, im Gelächter, in der Verweigerung") und „Zynismus" (aufgeklärtes falsches Bewußtsein", „unglückliches Bewußtsein in modernisierter Form")2 werden aus ihren historischen Verankerungen gelöst, zu einem antagonistischen Begriffspaar zusammengespannt und zu überzeitlichen kulturellen Konstanten gemacht, um komplexe geschichtliche Entwicklungen unter einem auf ahistorischen Analogieschlüssen basierenden Paradigma zu betrachten (in manchem Schillers Dichotomie „naiv" und „sentimentalisch" durchaus vergleichbar). Dabei kommt es vor allem dort, wo sich Sloterdijk auf konkrete historische Abschnitte und Räume konzentriert (z.B. die Kultur der Weimarer Republik), zu interessanten und diskussionswürdigen Thesen und Analysen, z.B. über die „Kardinalzynismen" und „Sekundärzynismen" der Moderne wie den „Militärzynismus", den „Wissenszynismus" oder den „Informationszynismus". Von bestechender Argumentativität ist z.B. seine Kritik des modernen Medienbetriebs, des „zynischen" Journalismus, der ungehemmt und entfesselt alles gleichzeitig vor unseren Augen ausbreitet:

„Hier wird gegessen; dort wird gestorben. Hier wird gefoltert; dort trennen sich prominente Liebende. Hier geht es um den Zweitwagen, dort um eine landesweite Dürrekatastrophe. Hier gibt es Tips zur Abschreibung nach § 7b, dort die Wirtschaftstheorie der Chicago Boys. Hier toben Tausende im Pop-Konzert, dort liegt jahrelang eine Tote unentdeckt in ihrer Wohnung. [...] Der Zynismus führt in letzter Instanz zurück auf die amoralische Gleichsetzung von Verschiedenem, und wer den Zynismus nicht sieht, wenn unsere Presse zwischen Sektreklamen von Folterungen in Südamerika berichtet, der wird ihn auch in der Theorie vom Mehrwert nicht wahrnehmen, selbst wenn er sie hundertmal gelesen hätte."3

Sloterdijks weitere Bücher befassen sich wiederum mit Kulturkritik 4 oder mit philosophiegeschichtlichen Themen.5 Manfred Frank hebt in seiner fundierten Kritik der „Elmauer Rede" mit Recht die Wendung zum Irrationalismus in den jüngsten Texten hervor, die er vor allem in diesem Aufsatz erkennt, den er als „raunendes Geschweife und Geschwefel, ein pointeloses Flirten mit verfänglichen Materien, die sich todsicher zur Publikumsprovokation eignen",6 bezeichnet. Diese unverkennbare Entwicklungstendenz des ursprünglich vor allem aufklärerischen, kritischen Anliegen verpflichteten philosophischen Schriftstellers Peter Sloterdijk hat sich m.E. schon in den vergangenen Jahren abgezeichnet, z.B. in seinem Eintreten für eine Erneuerung der „Gnosis", gnostischer Denkmodelle:

„[...] das Wort Gnosis kennzeichnet eine Haltung des metaphysischen Essayismus. Es umschreibt einen Typus logischer und seelischer Experimente an der Grenze der Welt. Gnosis ist ein möglicher Name für die Zukunft dessen, was an den Religionen mehr sein mag als Illusion."7

Sloterdijks Eintreten für "Neo-Gnosis" als Form des modernen Protests gegen die modernen Kulturkrisen, als Imitation einer spätantiken Erlösungslehre im Gewande mystisch-raunenden philosophischen Redens ist klar gegen- aufklärerisch: In den ahistorischen Parallelisierungen einzelner Autoren, Gedanken und sogar Epochen als Refugien metaphysischer Konstrukte ist keine Kontrolle, keine Kritik mehr möglich, ja, diese hätten auch keinen Platz mehr dort, wo "Gnosis" als europäische Gegenreligion und Alternative zur Kultur der Aufklärung aufgebaut werden soll.8 Von hier führt m.E. auch der Weg Sloterdijks zu den Unklarheiten und gefährlichen Thesen seines jüngsten Beitrags.

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1 Hermann Lübbe: Vorwort zu P.C. Ludz (Hrsg.): Spengler heute. München 1980. Zit. nach Jürgen Naeher: Oswald Spengler. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1984, S. 146.

2 Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1983. Zwei Bände. Bd. 2. S. 399ff. „Kynismus" ist für Sloterdijk keine „Theorie", sondern eine „Umgangsform mit Wissen, eine Form der Relativierung, der Ironisierung, der Anwendung und der Aufhebung. Er ist die Antwort des Lebenswillens auf das, was die Theorien und Ideologien ihm angetan haben – teils geistige Überlebenskunst, teils intellektuelle Résistance, teils Satire, teils ‘Kritik’." Ebd. S. 537.

3 Ebd., S. 563, 575.

4 Z.B.: Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik. Frankfurt a.M.: Suhrkamp1989. Hier geht es um den Geschwindigkeitsrausch der modernen Zivilisation, um deren apokalyptische Dimensionen, ohne daß Sloterdijk auf einen kulturpessimistischen Standpunkt verfällt.

5 Z.B.: Der Denker auf der Bühne. Nietzsches Materialismus. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1986. Dieser Versuch einer Deutung von Nietzsches Erstlingswerk „Die Geburt der Tragödie" ist hochinteressant, wenngleich der Stil der Ausführungen eine Phase der „Einübung" erfordert, wie alle Schriften Sloterdijks.

6 Manfred Frank: Geschweife und Geschwefel. Ein offener Brief. In: Die Zeit 39 (23.9.1999), S. 33.

7 Peter Sloterdijk: Die wahre Irrlehre. Über die Weltreligion der Weltlosigkeit.- In: Ders. u. Thomas Macho (Hrsg.): Weltrevolution der Seele. Ein Lese- und Arbeitsbuch der Gnosis von der Spätantike bis zur Gegenwart. Zürich: Artemis & Winkler 1993. S. 17-54, hier S. 27.

8 Vgl. dazu meine Arbeit: Mythos und Mythisches in der Gegenwartsliteratur. Stuttgart: Heinz 1996, S. 127ff.

 


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