Peter Sloterdijks "Regeln für den Menschenpark"

Kritische Anmerkungen

Sloterdijk redet gefährlich und missverständlich über Fragen, die eine vorsichtigere und differenziertere Auseinandersetzung verdient hätten.

Von Herwig Gottwald
(Seite 2 von 3)



E-mail:

Herwig Gottwald

 

Sloterdijk kommt über den philosophischen Umweg auf die Gentechnik zu sprechen

 

 

Sloterdijk begreift den Humanismus
als die "Entbestiali- sierung" des Menschen

 

 

 

Der "klassische Humanismus" hat nach Sloterdijk sein Ziel verfehlt


 

 

 

 

Eine philosophische Utopie (?): Die "Zähmung" des Menschen mit Hilfe von "Anthropo- techniken"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Technokraten als die neuen "Philosophen-
könige" Platons?

 

 

Die "Elmauer Rede": von Heidegger zu Nietzsche und Platon

In dieser heftig umstrittenen Rede 9 versucht Sloterdijk auf komplizierte und mehrdeutige Weise, sich dem Problem der "Anthropotechniken" zu nähern, nicht, indem er überhaupt auf die jüngsten Diskussionen um Gentechnik, Eugenik und die ethischen Folgen eingeht, sondern auf einem langen und umständlichen Umweg, der ihn von Heidegger zu Nietzsche und zuletzt zu Plato führt. Dementsprechend groß war die Ratlosigkeit vieler Kritiker, die – wie etwa Ernst Tugendhat – zumeist Schwierigkeiten hatten, aus diesem dunklen Text die Hauptthesen zu rekonstruieren. 10

Auf eine merkwürdig verschrobene und ahistorische Weise steuert Sloterdijk auf sein Thema zu: Er versucht, einen kurzen Überblick über die Entwicklung des europäischen Humanismus von seinen antiken Wurzeln bis heute zu geben, indem er diesen vor allem als literarisch-philosophische Kommunikationskultur begreift, deren Ziel es angeblich seit jeher war, die "Bestialisierung" des Menschen zu verhindern, ihn zu "entwildern", und zwar durch "Lektüre"; der "klassische Humanismus" sei "als Parteinahme in einem Medienkonflikt" "Widerstand des Buches gegen das Amphitheater". 11

Mühelos schlägt Sloterdijk die Brücke von der römischen Antike zu Heidegger und dessen "Brief über den Humanismus" von 1946. Dieser habe den Humanismus herkömmlicher Prägung nach der Katastrophe der Jahre 1933-1945 als gescheitert angesehen und ihn durch eine Neubestimmung für die Zukunft retten wollen. Heidegger ziehe – in Sloterdijks Perspektive – eine ontologische Grenze zwischen dem Menschen („der vom Sein selbst Angesprochene") und der Tierwelt, womit er "den Menschen, als Lichtung des Seins begriffen, in eine Zähmung und eine Befreundung einbezieht, die tiefer gehen, als jede humanistische Entbestialisierung und jede gebildete Liebe zu dem Text, der von Liebe spricht, jemals reichen könnte." 12
Sloterdijk will nun die „ontologischen Hirtenspiele" Heideggers verlassen, „die ekstatische Lichtung, in der sich der Mensch vom Sein ansprechen läßt, historisch genauer [...] charakterisieren", nicht ohne zuvor die Bedeutung des „Humanismus-Briefs" als Artikulation der „Epochenfrage" zu betonen:

„Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert? Was zähmt den Menschen, wenn seine bisherigen Anstrengungen der Selbstzähmung in der Hauptsache doch nur zu seiner Machtergreifung über alles Seiende geführt haben?" 13

Auf sehr undeutliche und mißverständliche Weise versucht Sloterdijk, in Heideggers Jargon über Heidegger hinauszugelangen, biologische, ontologische, anthropologische und kulturgeschichtliche Determinanten „des Menschen" zusammenzuführen, eine „Gesamtdeutung" zu versuchen, und das ausgerechnet im Rückgriff auf Nietzsche, den „Meister des gefährlichen Denkens", und dessen so folgenschwere Ideen einer Menschen-„Züchtung", die den humanistischen Horizont vor allem in bezug auf seine Zähmungs- und Erziehungsziele gesprengt und den „Grundkonflikt aller Zukunft" postuliert hätten: den „Kampf zwischen den Kleinzüchtern und den Großzüchtern des Menschen", den Sloterdijk als Kampf zwischen „Humanisten und Superhumanisten, Menschenfreunden und Übermenschenfreunden" interpretiert. 14
Dementsprechend komme es jetzt darauf an, „das Spiel aktiv aufzugreifen und einen Codex der Anthropotechniken zu formulieren", „wirkungsvolle Verfahren der Selbstzähmung auf den Weg zu bringen", und das im Umfeld „eines Zivilisationsprozesses, in dem eine beispiellose Enthemmungswelle anscheinend unaufhaltsam rollt". 15
Statt die von ihm selbst damit aufgeworfenen Fragen nach der potentiellen Willkür, nach den Kriterien für Selektionsentscheidungen und nach deren ethischer Basis auch nur halbwegs seriös zu diskutieren, weicht Sloterdijk gegen Ende seines Aufsatzes neuerlich in die Antike aus, diesmal – und nicht zufälligerweise – zu Plato und dessen Dialog „Politikos", einem Text, in dem der antike Denker „eine intellektuelle Unruhe im Menschenpark" bezeugt habe, die bis heute nicht beschwichtigt werden konnte:

„[...] die Menschenhaltung in Parks oder Städten erscheint von jetzt an als eine zoo-politische Aufgabe. Was sich als Nachdenken über Politik präsentiert, ist in Wahrheit eine Grundlagenreflexion über Regeln für den Betrieb des Menschenparks." 16

In ähnlich schockierender, wenngleich bezeichnender Metaphorik versucht Sloterdijk in der Folge, Platos angebliche Ideen über „Menschenhütekunst" durch „Expertenkönigtum" für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Ohne die hier angeschnittenen Fragen auch nur im Ansatz weiterzudenken oder kritisch zu analysieren, schließt Sloterdijk seine Überlegungen mit einem elegischen Blick auf die angeblich untergegangene humanistische Kultur ab und beklagt nicht nur den Rückzug der – von Plato zur Führung der Menschen ausersehenen – „Weisen", sondern auch das Vergessen der literarisch-philosophischen Traditionen in der Massenkultur des Medienzeitalters.

AUSDRUCKEN?

=== Vorherige Seite ===                                                     ===  Nächste Seite  ===


9 Peter Sloterdijk: Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Breif über den Humanismus - die Elmauer Rede. In: Die Zeit 38 (16.9.1999), S. 15ff.; jetzt als Buch im Suhrkamp Verlag.

10 Ernst Tugendhat: Es gibt keine Gene für die Moral. In: Die Zeit 39 (23.9.1999), S. 31ff.

11 Sloterdijk (Anm. 9), S. 19.

12 Ebd.

13 Ebd., S. 20.

14 Ebd.

15 Ebd., S. 21.

16 Ebd.


=== Zurück zur Übersicht ===