Peter Sloterdijks "Regeln für den Menschenpark"
Kritische Anmerkungen

Sloterdijk redet gefährlich und missverständlich über Fragen, die eine vorsichtigere
und differenziertere Auseinandersetzung verdient hätten.

Von Herwig Gottwald
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Herwig Gottwald
 

 

 

Sloterdijk deutet die Möglichkeiten der Gentechnik nur an

 

 

 

 

Die fragwürdige Diktion Sloterdijks

 

 

 

 

 

Sloterdijks Ausdrucksweise ist affirmativ und suggestiv; seine Haltung zur Gentechnik undifferenziert

 

 

Als Nietzscheaner kommt es Sloterdijk vor allem auf die Wirkung seiner Texte an

 

 

 

 

 

 

Wer über die "menschen-
bildenden" Möglich- keiten der Gen- technik schreibt und dabei Nietzsche und Heidegger als Gewährsleute heran- zieht, begibt sich
automatisch in den Dunstkreis der nationalsozialis-
tischen Ideologie

 

 

 

 

 

Sloterdijk übergeht Popper

 

 

 

 

 

Es bedarf einer gewissenhafteren Auseinandersetzung mit der Gentechnik-
thematik als der Sloterdijk'schen

  Kritische Bemerkungen

Auf die zahlreichen kritischen Einwände und Diskussionen, die Sloterdijks Rede bei Fachkollegen und Wissenschaftlern ausgelöst hat, kann hier nicht eingegangen werden.17 Folgende Aspekte aus meiner eigenen – philosophisch-literaturwissenschaftlichen – Sicht seien kurz angerissen:

Sloterdijk deutet die ethischen, juristischen und politischen Dimensionen der Genetik-Debatte um den Eingriff in das menschliche Erbgut und dessen Folgen nur an, und zwar mit unzureichenden Mitteln und auf äußerst problematische Weise. Bereits seine Empörung auslösende Begrifflichkeit („Menschenpark") weist auf einen grundlegenden Mangel in nahezu allen seiner Bücher hin: auf den unbedenklichen und nahezu distanzlosen Umgang mit der Sprache, mit der eigenen und der angeeigneten Metaphorik und Terminologie sowie mit den Begriffsbildungen, die für Sloterdijks quasi-literarische Verfahrensweise generell typisch sind:

„[...] ob eine künftige Anthropotechnologie bis zu einer expliziten Merkmalsplanung vordringt; ob die Menschheit gattungsweit eine Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt und zur pränatalen Selektion wird vollziehen können – dies sind Fragen, in denen sich, wie auch immer verschwommen und nicht geheuer, der evolutionäre Horizont vor uns zu lichten beginnt." 18

Die von mir unterstrichenen Passagen machen bereits den affirmativen, auf gefährliche Weise suggestiven Charakter der „Fragen" in der sprachlichen Diktion deutlich. Euphemistische Begriffe wie „Geburtenfatalismus" oder „pränatale Selektion" sind m.E. – von ihrer Geschraubtheit abgesehen – auch nicht geeignet, diese Probleme zu erläutern. Doch das will Sloterdijk offenbar nicht. Ihm kommt es als Nietzscheaner offenbar vor allem auf STIL an, auf Effekt und ästhetische Wirkung, auf die Erzeugung diffuser Bedeutungsräume und dunkler Wortmagie, eben auf „Geschweife und Geschwefel".
Das aber hängt mit denjenigen Geistesströmungen zusammen, denen er sich verpflichtet weiß: Nicht zufällig bezieht er sich immer wieder auf Nietzsche und Heidegger, zwei Philosophen, die gegenwärtig eine ungeahnte und nicht unbedenkliche Renaissance erleben, zwei Denker, die auch in ihrer methodischen Ausrichtung und sprachlichen Präsentation mancherlei bezeichnende Gemeinsamkeiten aufweisen. Die Heidegger- und Nietzsche-Rezeption unserer Tage verläuft – wie Manfred Frank scharfsinnig und kenntnisreich erläutert – über den französischen, d.h. neostrukturalistischen und „postmodernen" Umweg: Frank kritisiert mit guten Gründen die „deutschen Adepten der französischen Modephilosophie", die „den verdrängten deutschen Irrationalismus, weil inzwischen durch die Hände der Franzosen gegangen, als entgiftet wieder glauben konsumieren zu dürfen". Die damit entstandene „neue Abhängigkeit" von den Nietzscheanern Derrida oder Deleuze enhüllt sich für Frank als „ein Wiederanknüpfen an diejenigen hausgemacht-deutschen Traditionen, die sich, im Gegensatz zum Rationalismus unserer philosophischen Emigranten, als am wenigsten faschismusresistent erwiesen haben." 19

Weitgehend ausgeblendet wird von Sloterdijk konsequenterweise diejenige Tradition der deutschen und österreichischen sowie angelsächsischen Philosophie, die seit den Tagen des Wiener Kreises gegen den modernen deutschen Irrationalismus, namentlich gegen Heidegger und seine dunkle Philosophie gekämpft hat 20 und deren Methodologie von der esoterischen postmodernen Philosophie der Neostrukturalisten und ihren Anhängern bzw. Fortsetzern im deutschsprachigen Raum nicht einmal zur Kenntnis genommen wird, mit Folgen, die in der sog. Sokal-Debatte aufgebrochen sind. 21
Daß ein Philosoph, der über Gen-Technologie schreibt, sich ausgerechnet auf zwei Denker bezieht, die im Dritten Reich entweder selber unheilvoll gewirkt haben (wie Heidegger) oder gerade auf die Züchtungs- und Selektionsideen der Nationalsozialisten Einfluß hatten (wie Nietzsche), das müßte eigentlich bei diesem selbst und bei den Lesern und Leserinnen alle Alarmglocken schrillen lassen.

Daß Karl Poppers Kritischer Rationalismus – heute von vielen Adepten und Nachahmern der postmodernen und poststrukturalistischen Philosophen weitgehend ignoriert und leider auch bei vielen Studierenden unbekannt 22 – weitaus geeignetere Methoden böte, um an Fragen dieses Kalibers vorsichtig und vor allem genau heranzugehen, kommt Sloterdijk nicht in den Blick. Poppers grundlegende Platon-Kritik aus der „Offenen Gesellschaft" 23 wird auf eine polemische Fußnote reduziert und damit ausgeblendet. Die Folge all dieser Defizite ist ein gefährliches und mißverständliches Reden über Fragen, die eine ausgewogenere und differenzierte, vor allem aber vorsichtigere und kritisierbare Auseinandersetzung verdient hätten. So aber wird ein Geistergespräch von Philosophen über Jahrtausende hinweg „rekonstruiert", unter weitgehender Mißachtung der Historizität und mittels ahistorischer Isolierungen ihrer Thesen. Nur gewaltsam und unter vollständiger Ausblendung der historischen, mentalitäts- und philosophiegeschichtlichen Kontexte können Platon, Nietzsche und Heidegger zusammen und in die Nähe der Gentechnik-Debatte unserer Zeit gerückt werden.

Fatal erscheint mir zudem die apodiktische Reduktion der Geschichte des Humanismus auf „Zähmungsideen" und kommunikationsgeschichtliche Aspekte. Hier dürfte zudem ein ungenannt gebliebener Autor Pate gestanden haben: Sigmund Freud, vor allem seine problematische, aber spektakuläre Schrift über das „Unbehagen in der Kultur" (1930), die auf Sloterdijks Theorien der „Zähmung" des Menschen durch kulturelle Formationen gewirkt haben könnte.

Auf Oswald Spenglers holistischen Entwurf vom „Untergang des Abendlandes" hat Robert Musil in seinem Essay „Geist und Erfahrung" ironisch, skeptisch, kritisch und vor allem genau geantwortet. 24 Was der Diskussion über die Gen-Technik, ihre Möglichkeiten, Gefahren und Folgen, ihre biologischen, ökologischen, juristischen, ethischen, politischen, kulturellen Dimensionen gut täte, wären das intellektuelle Niveau und der geistige Maßstab, die uns Musil hier und in seinen Werken überhaupt vorgelegt hat.                          

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17 Vgl. dazu vor allem Reaktionen in der ZEIT, der FAZ, der Süddeutschen Zeitung und der Neuen Zürcher Zeitung im September und Oktober 1999.

18 Sloterdijk (Anm. 9), S. 21.

19 Frank (Anm. 6), S. 34.

20 Vgl. dazu Rudolf Carnap: Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache (1931). In: Georg Janoska u. Frank Kauz (Hrsg.): Metaphysik. Darmstadt 1977. S. 50-78. Zu dieser Diskussion vgl. Wolfgang Stegmüller: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie. Bd. I. Stuttgart 1978, S. 402-411, 465.

21 Vgl. Alan Sokal u. Jean Bricmont: Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen (engl. „Fashionable Nonsense" 1998). München: Beck 1999. Vgl. weiters die Aufsätze von Manfred Frank in: Conditio moderna. Leipzig: Reclam 1993.

22 Mögliche Ursachen deutet Manfred Frank an: „Nun mag der höhere Stammtisch keine analytischen Lektüren. Die sind so unaufregend-brav und glauben, daß zuweilen zwei plus zwei vier ergibt, während Ihre ‘wesentlichen’ Denker, Platon ausgenommen, erklärte Feinde der Logik und des rechenschaftspflichtigen Denkens sind." Frank (Anm. 6),  S. 34.

23 Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. 1. Der Zauber Platons (1945). Tübingen: Mohr 1997. Im zweiten Band geht es um „Hegel und die Folgen". Der neudeutsche und neufranzösische Hegelianismus von Adorno/Horkheimer bis Kojéve und Althusser blieb davon völlig unberührt.

24 Robert Musil: Geist und Erfahrung. Anmerkungen für Leser, welche dem Untergang des Abendlandes entronnen sind (1921). - In: Musil:Gesammelte Werke, Bd. 8: Essays und Reden. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978, S. 1042-1059.


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