Die maßlose Gentechnik für den Menschen nach Maß?


Von Reinhard Nestelbacher
(Seite 2 von 2)



E-mail:

Reinhard Nestelbacher

 

Die Anwendungen der Gentechnik sind mannigfaltig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Die menschliche Erbinformation wird bald entschlüsselt sein

 

 

 

Nicht die Analyse, sondern der Eingriff in den menschlichen Organismus ist das Ziel der Wissenschaft

 

 

 

 

 

Die Gentherapie am Menschen ist umstritten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Elmauer-Rede Sloterdijks

 

 

 

Die "Zuchtwahl" ist bereits Realität

 

 

 

 

Die menschliche Erbinformation ist zu komplex, als dass man Gene für die "Moral" finden könnte

 

Gene sind nicht alles

 

 

 


 

Einige Anwendungen der Gentechnik

Die Anwendung der Gentechnik erstreckt sich inzwischen auf viele Bereiche. In der Landwirtschaft -   eines der heiß diskutierten Themen -  beschränkt sich der Großteil der Eingriffe auf eine Stärkung der Abwehr gegen Insekten oder andere Schädlinge bzw. die Verleihung einer Resistenz gegen ein Herbizid. Beispiele hierfür sind Mais und Soja.
Allerdings verändert sich die Qualität der Produkte in der so genannten "grünen Gentechnik", und so werden immer mehr Pflanzen aus dem Labor getestet, die entweder eine veränderte Zusammensetzung der Inhaltsstoffe (Vitamine, Aminosäuren) aufweisen oder für die Rohstoffindustrie konzipiert sind. Beispiele hierfür sind die amylosefreie Kartoffel oder Bäume mit veränderter Ligninzusammensetzung für die Papierindustrie.

Die Gerichtsmedizin hat sich durch den Einsatz gentechnischer Analytikmethoden grundlegend verändert. Mit Hilfe einer äußerst effektiven DNA-Vermehrungstechnik, PCR oder Polymerase-Kettenreaktion genannt, ist den Kriminalisten ein Werkzeug in die Hände gegeben, um feinste biologische Spuren am Tatort nachweisen zu können.

Während der Einsatz der Gentechnik in der Lebensmittelproduktion in manchen Fällen höchst umstritten ist, wird ihre Verwendung in der Medizin größtenteils goutiert. Neben dem Einsatz in der humanen Analytik, sowohl pränatal als auch zur Krankheitsdiagnostik, ist besonders die Erzeugung von Medikamenten ein wichtiges Einsatzgebiet der Gentechnik.

Mit Hilfe von Mikroorganismen, wie Bakterien oder der Hefe, gelingt es inzwischen, fehlende Proteine nachzubauen und als Medikament zu isolieren. Neben dem berühmtesten, dem humanen Insulin, werden inzwischen zahllose Präparate in fremden Organismen für den Menschen produziert.

Gentherapie - der Eingriff beim Menschen

Um medizinische Ziele effizienter erreichen zu können, ist es notwendig, die Information der menschlichen DNA zu entschlüsseln. Das Projekt zum vollständigen Lesen der menschlichen Erbinformation, HUGO genannt, wird wahrscheinlich bis zum Jahr 2002 abgeschlossen sein.
Man gewinnt dabei Informationen, die einerseits für medizinische Zwecke eingesetzt werden, andererseits aber auch für Jobkriterien oder Versicherungsabschlüsse missbraucht werden können. Das ist sehr bedenklich, vor allem wenn man weiß, dass sich inzwischen private Firmen auf diesen Arbeit gestürzt haben, natürlich mit dem Hintergedanken, das gewonnene Wissen auch kommerziell zu verwerten.

Auch für die Wissenschaft bleibt es nicht bei der Analyse; das erklärte Ziel ist der Eingriff in die Biologie des Menschen. Ein Beispiel ist die Herstellung menschlicher Ersatzteile. Die Transplantation von Körperteilen, wie zum Beispiel Finger, Herz, Nieren, oder Knochenmark, ist schon seit einiger Zeit keine Utopie mehr. Doch während jetzt noch nach passenden Spendern gesucht werden muss, wird die Zukunft Möglichkeiten bieten, Organe und Körperteile auch über andere Wege anzufertigen. Einer davon wird die so genannte Xenotransplantation sein. Dabei wird das Immunsystem von Tieren derart verändert, dass ihre Organe ohne Abstoßungsreaktionen transplantiert werden können. Doch auch die nicht an ein Lebewesen gebundene Konstruktion von Körperteilen wird über kurz oder lang verwirklichbar sein. Mit Hilfe eines polymeren Gerüstes wird zum Beispiel die Form eines Ohres oder einer Nase vorgegeben und dann durch echtes Zellgewebes umwachsen und schließlich ersetzt. Damit lassen sich in Hinkunft einige Organe oder Gliedmaßen unseres Körpers beliebig austauschen.

Sehr umstritten, doch noch nicht besonders weit entwickelt, ist die Gentherapie am Menschen. Bei ihr ist der Mensch selbst das Ziel der gentechnischen Veränderung. Grundsätzlich unterscheidet man hierbei zwei Formen: die somatische Gentherapie und die Keimbahntherapie. Während die eine sich auf die genetische Veränderung von Körperzellen konzentriert, die Modifikation aber nicht an die nächste Generation weitergegeben werden kann, wird mit der anderen die Nachkommenschaft verändert. Bei der Keimbahntherapie wird direkt in die Keimbahn des Menschen eingegriffen, somit sind alle nachfolgenden Generationen betroffen. Allerdings ist die humane Keimbahntherapie sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten verboten.
Trotzdem wird für die Medizin die humane Gentherapie das angestrebte Ziel für die Bekämpfung zahlreicher Krankheiten sein; sei es zur Beseitigung von Erbkrankheiten oder zum Beispiel der Heilung von Krebs, irgendwann wird das Nein gegen den Eingriff in die Keimbahn fallen.

Wie könnte diese Entwicklung weitergehen? Einfache Verhaltensformen, Haarwuchs, Stoffwechselcharakteristika oder grobe Körperformen gehören zu den sogenannten polygenen Merkmalen, also Eigenschaften, die von mehreren Genen gesteuert werden. Doch je mehr Faktoren für eine Eigenschaft zusammenwirken, desto schwieriger wird es, sie durch Änderung der Erbinformation zu beeinflussen.

Die Utopie des Menschenparks

"Warum sollten wir uns nicht selbst ein bisschen besser fürs Überleben rüsten? Wir werden uns selbst ein bisschen verbessern". Dieses Zitat von James Watson, jahrelanger Leiter des Genom Sequenzierprojektes, und die vorhin angesprochene Tendenz zur „Verbesserung" des Menschen, weisen in die Diskussionsrichtung, die Peter Sloterdijk in seiner Elmauer Rede aufgeworfen hat.
Es wird doch in medizinischen Teilbereichen ohnehin schon praktiziert, was einige noch immer als Utopie sehen!
Wenn zum Beispiel mit Hilfe der pränatalen Diagnostik Merkmale des heranwachsenden Embryos festgestellt werden: Wird dem Ergebnis zufolge ausgetragen oder abgetrieben, so ist dies als eine klassische Form der Zuchtwahl zu sehen. Die "Selektion" wird hierbei von Eltern, meistens beraten von Medizinern, durchgeführt, die somit die Entscheidungsgewalt über lebenswert oder lebens-unwert zu haben scheinen. Auch die Analyse der befruchteten Zellen bei einer In-vitro-Fertilisation vor der Implantation ist in vielen Ländern erlaubt; und sie wird durchaus auch praktiziert.

Betrachtet man diese Vorgänge, so ist der von Sloterdijk geforderte "Codex der Anthropotechnik" bereits überfällig. Beim Einsatz der humanen Gentherapie wird oft noch zwischen negativer und positiver Eugenik unterschieden. Die negative Eugenik wird oftmals als tolerierbar bezeichnet, da man den Erbkrankheiten aktiv entgegentritt. Dabei wird oft übersehen, daß zur positiven Eugenik, also der Veränderung beliebiger, nicht außer der weiteren Norm liegenden Eigenschaften, dann nur noch ein kleiner Schritt ist.

Die Merkmale, nach denen zur Zeit getestet wird, sind von der biologischen Seite betrachtet als einfach einzustufen. Erbdefekte, die auf die Mutation eines einzelnen Gens zurückzuführen sind, sind durchaus "heilbar".
Aber auf Grund der Komplexität des Zusammenwirkens der Gene und den vielen unbekannten Faktoren ist die Suche nach der Erbinformation für Eigenschaften wie Verhalten, Intelligenz oder Körperform, eine fast unmögliche Aufgabe. Gene für Moral oder der "Bestie im Menschen" finden zu wollen, wäre ohnehin ein zum Scheitern verurteilter Versuch, der vor allem auf eine streng reduktionistische Sichtweise von Leben hinweist. Doch es lässt sich nicht alles am Lebewesen durch die Macht der Gene begründen. So ist selbstverständlich auch das soziale Umfeld für die Entwicklung eines so komplexen Organismus wie des Menschen wichtig.

Der Mensch ist aus dem Schutz der Natur hinausgetreten und beginnt nun verstärkt, in seine eigene Evolution einzugreifen. Ein Eingriff, der ethische Reife und ein enormes Verständnis über die Zusammenhänge der Natur erfordert. Ob der Mensch die damit verbundene Verantwortung zu tragen fähig ist, sei dahingestellt.

AUSDRUCKEN?

=== Vorherige Seite ===


=== Zurück zur Übersicht ===