No risk, no fun

Die Verbindlichkeit ethischer Grundsätze ist deutlich im Schwinden, daher ist in der Zukunft die Verkleinerungsform – Etikette – angebracht. Zum Beispiel: Die Gentechnik.

Von Brigitte Ratzer


     Es gibt zwei Dinge, die unendlich sind. Das Universum und die menschliche Dummheit. Beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." Dieser Ausspruch Albert Einsteins manifestiert sich im Forschungsfeld der Gentechnik besonders deutlich.
Der teilweise dümmlichen Argumentation der GegnerInnen steht hier die sicherlich noch dümmere Ankündigungs- und Forschungspraxis der BetreiberInnen gegenüber. Unter solchen Voraussetzungen sei es gestattet, künftige Entwicklungen mit einem Augenzwinkern zu betrachten. Der Bereich der Agrarindustrie ist schnell abgehandelt. Ein Blick auf die Wirtschaftsseiten der Hamburger Wochenzeitung ‘Die Zeit’ genügt:

"Die Gen-Getreide, die einst die Aktienkurse beflügelten, werden inzwischen zur Kaste der Unberührbaren gerechnet’ urteilte die Deutsche Bank kürzlich. Die Life-Science-Idee, die einst so umjubelte Kombination aus Arzneimittel- und Agrarindustrie, hat an Glanz verloren. Noch wollen die Verkäufer der Designer-Pflanzen nicht öffentlich zugeben, dass ihr Schwächeln auch mit den Verbraucherprotesten zu tun haben könnte. Doch insgeheim glauben einige Agro-Anbieter selbst nicht mehr an ihre Zukunft. So weiß inzwischen jeder in der Branche, dass der Schweizer Novartis-Konzern sich von seiner Landwirtschaftssparte trennen will."

In Fortschreibung dieser Entwicklung lässt sich sagen, dass bis ins Jahr 2020 die Widerständigkeit der Menschen zu einem beinahe völligen Erliegen dieses Forschungssektors führen könnte.
Ganz anders ist der (human)medizinische Sektor zu sehen. Diesem Bereich wird es vermutlich gelingen - getragen von der heute vergleichsweise hohen gesellschaftlichen Akzeptanz - jene Zeit zu überdauern, in der die technikskeptische Gesellschaft von heute von einer wesentlich optimistischeren und neugierigeren nächsten Generation abgelöst wird.
Der Risikogesellschaft alten Zuschnitts wird die Freizeitgesellschaft beigemengt, was zu einer brisanten Mischung führt und in dem Motto "no risk, no fun" mündet. Aus wissenschaftspolitischer Sicht bedeutet dies, dass jede Art gentechnischer Manipulation am Menschen freigegeben werden kann.
Die forschungsleitenden Fragen der Zukunft wären, in Fortschreibung der heutigen Fragestellungen:

- Welcher Teil des menschlichen Genoms codiert den Bauplan des Menschen?
- Kann ein einzelnes Basenpaar wirklich 42* verschiedene Merkmale codieren?
- Wo zum Teufel ist das verdammte Superman-Gen?

Nun ist nicht anzunehmen, dass das Problem der statistischen Zuordnung von Merkmalen eines Menschen zu seinem genetischen Bauplan in den nächsten zwanzig Jahren gelöst wird (in der Quantenphysik existiert ein analoges Problem bereits seit mehr als 70 Jahren!). Die Folgen aus diesem Dilemma lassen sich aber einfach und, wie ich meine, auch sozialverträglich handhaben.
Zunächst werden die tierisch / menschlichen Produkte aus den Gentechniklabors in vier Gruppen eingeteilt:

1. Nicht lebensfähige Exemplare
2. Lebensfähige, aber ansonsten unbrauchbare Exemplare
3. "Schon wieder nix Neues"
4. Superexemplare

Das weitere Schicksal von Gruppe eins entscheidet sich noch in diesem Jahrtausend. Je nach Entscheid der US-amerikanischen Regierung bezüglich Offenlegungspflicht von Genexperimenten mit tödlichem Ausgang können solche Exemplare entweder stillschweigend entsorgt werden oder müssen der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Analog zu Bekanntmachungen am Schwarzen Brett oder in einschlägigen Zeitungen könnten solche Exemplare in Tiefkühlhäusern ausgestellt werden, dem höheren Unterhaltungswert zuliebe vielleicht gemeinsam mit dem jüngst aus dem sibirischen Eis geholten Mammut.
Für Gruppe zwei werden eigene Themen- und Freizeitparks geschaffen, dies garantiert solchen Exemplaren lebenslang einen Arbeitsplatz. Auch Multiplex-Center eignen sich als Ausstellungsorte. Damit wäre sowohl ein gesellschaftliches Grundbedürfnis ("fun") als auch die Frage der Verwertung dieser "unintendierten Nebenprodukte" gelöst.
Gruppe drei bedarf keiner Sonderregelungen und kann problemlos in die Gesellschaft übernommen werden.
Über Gruppe vier, die Krönung des homo sapiens autofabriciensis, lassen sich keine seriösen Prognosen anstellen. Wenn, wer Wind sät, Sturm erntet, bleibt nicht zuletzt die Möglichkeit, dass diese Supermenschen sich gegen das "Geschlecht erfinderischer Zwerge" (Brecht), das sie hervorgebracht hat, wenden. Frankenstein lässt grüßen?
Wie gesagt: no risk, no fun.
Wie lassen sich solche Entwicklungen moralisch verkraften? Nun, im Zuge der Rechtschreibreform wandelt sich Ethik zunächst in Etik. Die Verbindlichkeit ethisch-moralischer Grundsätze ist heute deutlich im Schwinden, daher ist künftig die Verkleinerungsform - also Etikette - angebrachter. Etiketten wiederum eignen sich für vielfältige Verwendungen, sowohl außen getragen (als Hersteller-Logos, Seriennummern u. ä.) als auch zur häuslichen Aufbewahrung im Sinne einer Entsorgungsbeitrags-Plakette.

*frei nach einem Roman von Douglas Adams, wo ein Computer als Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens die Zahl 42 angibt.

 


=== Zurück zur Übersicht ===