Landwirtschaft im Zeitalter neuer Technologien

Ebensoweit  wie der Themenumfang des folgenden Beitrags ist der Einflußbereich der Gentechnik im täglichen Leben: Welche Anwendungsmöglichkeiten gibt es? Können gentechnische Veränderungen nachgewiesen werden? Werden genetisch manipulierte Produkte ausreichend gekennzeichnet? Und schließlich: Welche Rolle spielen Österreichs Bauern im Globalisierungsprozeß?

Von Hubert Schilchegger


     Gentechnik – ein Begriff, der gerade in den letzten Jahren allerorts für sehr viel Diskussionsstoff gesorgt hat.
Aber wie bei allen Begriffen, mit welchen wir ständig konfrontiert werden, stellt sich auch hier die Frage, was damit gemeint ist, was dahintersteckt.
Es schadet mit Sicherheit nicht, sich ein gewisses Grundwissen zur Gentechnik anzueignen; Denn nicht selten ist die Unwissenheit über dieses unheimlich komplexe Thema der Auslöser dafür, dass nach Meldungen in den Medien oft total überzogenen Reaktionen zustande kommen, die Angst vor dem Unbe- kannten um sich greift. Und Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber.
Die Gentechnik, wie wir sie heute kennen, ist eine noch sehr junge Wissen- schaft. 1972 gelang es zum ersten Mal, einzelne Gene aus dem Erbgut heraus- zulösen und zu analysieren. Durch die daraus gewonnenen Erkenntnisse war es in weiterer Folge möglich, einen genmanipulierten Organismus herzustellen. Um die Vorgänge in der Genetik zu verstehen, bedarf es der Kenntnis einiger Grundbegriffe, die ich ganz kurz und in vereinfachter Form beschreiben möchte.

Was ist ein Gen?

Als Gen werden die Erbanlagen bezeichnet, die in jeder Zelle eines lebenden Organismus enthalten sind. Ein einzelnes Gen speichert die Information, die der Körper benötigt, um ein Eiweiß, ein sogenanntes Protein, herzustellen. Solche Proteine sind nicht nur Teil des Muskeleiweißes, sondern steuern auch sämtliche Stoffwechselvorgänge eines Organismus. Dazu gehören die Enzyme, die Hormone als Botenstoffe des Körpers und viele andere Stoffgruppen.

Was ist Gentechnik?

Gentechnische Verfahren basieren auf dem Vorgang, gezielt genetische Eigenschaften aus einem Organismus zu entnehmen und in einen anderen Organismus einzusetzen. Die Gentechnik ermöglicht im Gegensatz zu den herkömmlichen Züchtungsmethoden auch die Übertragung von bestimmten Eigenschaften über die Artgrenzen hinweg.

Welche Einsatzmöglichkeiten gibt es für die Gentechnik?

Im Bereich der Lebensmittelherstellung verwendet man Gentechnik im Wesentlichen in drei Bereichen. Die gentechnische Herstellung von Nahrungs- bestandteilen wie beispielsweise Zusatzstoffen (Enzyme, Aromastoffe, Vitamine, Konservierungsmittel usf.) wird genauso durchgeführt wie die gen- technische Veränderung von Mikroorganismen (z.B. Joghurt, Käse,..). Der am meisten diskutierte Bereich ist sicherlich die gentechnische Veränderung von Tieren und Pflanzen (z.B. Sojabohne).
Im medizinischen Bereich, in dem sie eigentlich schon seit Jahren anerkannt ist, findet die Gentechnik Anwendung in der Diagnostik von schwer erkennbaren Krankheiten, der Präventivmedizin (Herstellung neuer Impfstoffe), der Substitutionstherapie (z.B. Insulin) und der Gentherapie.

Was bedeutet Freisetzung?

Die Freisetzung oder der Freilandversuch ist eine Stufe der gentechnischen Forschung. Mit Anbauversuchen unter kontrollierten Bedingungen wird über- prüft, ob gentechnisch veränderte Nutzpflanzen auch für die landwirtschaft- liche Praxis tauglich sind. Sie dienen außerdem der Erforschung des ökologischen Verhaltens neuer Sorten. Die Freisetzung ist Teil des Zulassungs- verfahrens, das europaweit einheitlich geregelt ist.

Welche gentechnisch veränderten landwirtschaftlichen Nutzpflanzen sind derzeit von Bedeutung?

An über 40 Nutzpflanzen weltweit wurden bisher gentechnische Veränder- ungen vorgenommen.
Dazu zählen beispielsweise herbizidresistente Sojabohnen (resistent gegen das Pflanzenschutzmittel ROUNDUP) und der herbizidresistente Mais (resistent gegen das Pflanzenschutzmittel BASTA). Durch eine Veränderung sind diese Pflanzen resistent gegenüber den angeführten Pflanzenschutzmitteln, alle anderen grünen Pflanzen sterben ab. Der Einsatz herbizidresistenter Pflanzen bringt aber gegenüber herkömmlichen Sorten keine Vorteile, da auch weiterhin ein Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden muß und dessen Wirkung zum Teil größere Schäden anrichtet als die herkömmlichen pflanzenspezi- fischen Mittel (vor allem eine größere Schädigung des Bodenlebens).
Neben dem Mais und den Sojabohnen sind Tomaten, Kartoffeln, Reis und Tabak und verschiedene Getreidesorten mit verändertem Erbgut in Ver- wendung. In Europa sind derzeit Tabak und Soja allgemein, Ölraps, Zichorie und Mais lediglich als Saatgut zugelassen.

Kann eine gentechnische Veränderung nachgewiesen werden?

Mittlerweile hat man seitens der Wissenschaft Methoden entwickelt, um gentechnische Veränderungen nachzuweisen. Ein Nachweis ist sowohl bei Rohprodukten als auch bei verarbeiteten Produkten möglich, sofern eine geringe Menge an DNA=Desoxiribonukleinsäure (Erbinformation) enthalten ist.

Auch bei der mengenmäßigen Bestimmung (Mengenanteil der gentechnisch veränderten Pflanze im Produkt) hat man in den letzten Jahren sehr große Fortschritte erzielt. Mittlerweile ist es möglich, den Mengenanteil an gen- technisch veränderter DNA bis in einen Bereich von 0,5%, gemessen an der gesamten DNA, zu quantifizieren.
Ein Nachweis im Fleisch eines mit gentechnisch veränderten Futtermitteln gefütterten Tieres ist nicht möglich, da bei der Verdauung die DNA in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt wird.

Kann man kontrollieren, ob Lebensmittel gentechnikfrei hergestellt wurden?

Wie bei jeder besonderen Produktauslobung ist es zur Vermeidung von Missbräuchen erforderlich, die Produktqualität durch ein glaubhaftes Kontroll- system abzusichern. Durch die Überprüfung von Warenströmen bei der Herstellung von Produkten kann man feststellen, ob eine gentechnisch veränderte Zutat eingesetzt wird. Zur Absicherung der Produktqualitäten ist die Überprüfung der Warenströme bei den labormäßig nachweisbaren Zutaten an Laboranalysen gekoppelt.
Handelt es sich um labormäßig nicht nachweisbare Zutaten wie Vitamine, Enzyme, Lebensmittelhilfs- und Zusatzstoffe sind derzeit Erklärungen der Herstellerfirmen Grundlage für die Kontrolle. Diese bestätigen, daß bei der Herstellung ihrer Produkte keine Gentechnik im Einsatz war. Um eine bessere Marktübersicht über nicht gentechnisch veränderte Produkte zu erhalten, sind Datenbanken im Aufbau, welche alle wichtigen Informationen enthalten.
Wie man aus dieser kurzen Einführung in das sehr komplexe Thema Gentechnik ersehen kann, hat gerade die Landwirtschaft eine Reihe von Berührungs- punkten mit dieser neuen Technologie. Nicht zuletzt durch die enormen wirtschaftlichen Umwälzungen der Gegenwart: Aufgrund der Globalisierung etwa hat der Preisdruck auf landwirtschaftliche Rohstoffe stark zugenommen. Die Strukturen in den Gunstlagen werden größer, die Betriebe sind ständig bestrebt, den Aufwand und die dadurch entstehenden Kosten zu minimieren - vielleicht bald mit Hilfe der Gentechnik.
Auch kommt die Landwirtschaft durch den immer billiger werdenden Güter- transport und die zunehmende Beseitigung von Handelsbeschränkungen fast zwangsläufig mit der Gentechnik in Berührung. Längst sind die Europäische Union und Österreich in den Welthandel eingebunden. Europa istbeispiels- weise derzeit nicht in der Lage, den Bedarf an hochwertigen Eiweißrohstoffen (hauptsächlich Soja) für die Landwirtschaft und die weiterverarbeitenden Betriebe zu decken. Bei Mais stellt sich die Situation ähnlich dar.
Im letzten Jahr hat die EU rund 15 Mio. Tonnen Soja aus den USA und Argentinien importiert, Österreich hat rund 110.000 Tonnen Mais eingeführt, ein nicht unerheblicher Teil davon stammt aus Übersee. Neben China stehen gerade überseeische Länder wie etwa die USA oder Argentinien der Gen- technik sehr offen gegenüber, Europa hingegen nimmt derzeit eine eher ablehnende Position ein. Dieser Gegensatz läßt sich anhand einiger Zahlen sehr gut verdeutlichen. 1998 betrug beispielsweise die Anbaufläche an gentechnisch verändertem Soja in den USA 10 Mio. Hektar (35% der Gesamt- sojaanbaufläche), in Argentinien betrug der Anteil mit 4,3 Mio. Hektar sogar 63% der gesamten Sojaanbaufläche.
Die Exporte in die EU erfolgten aber bisher nicht getrennt nach gentechnisch veränderten und herkömmlichen Sorten, sondern gemischt. Dies soll sich nach offizieller Darstellung der USA in Zukunft ändern; der Druck der europäischen Länder scheint hier erstmals ein Umdenken hervorzurufen. Eine Trennung setzt aber natürlich separate Logistiksysteme voraus, als Folge davon ist auch eine Erhöhung der Produktpreise zu erwarten.
Die größte Schwierigkeit bei der Herstellung von Produkten ohne Zuhilfe- nahme der Gentechnik stellen derzeit die nur sehr unvollständig bis gar nicht vorhandenen Kennzeichnungsvorschriften für gentechnisch veränderte Produkte dar. Dadurch treten in Produktionsbereichen wie im Biolandbau, in dem mittlerweile der Einsatz der Gentechnik bzw. von gentechnisch hergestellten Produkten generell verboten ist, sehr große Unsicherheiten auf. Für den einzelnen Landwirt wird der Zukauf von Betriebsmitteln immer schwieriger, da er sich als letztes Glied in der Kette auf die Vorlieferanten verlassen muß. Oft entstehen durch die mangelhafte Kennzeichnung der zugekauften Waren Ungewissheiten, die sich vor allem bei eventuellen Haftungs- fragen fatal auswirken können.
Aber auch bei den Kennzeichnungsvorschriften scheinen sich in nächster Zeit einige Änderungen zu ergeben. Erst kürzlich haben die teilnehmenden Länder des Gentechnikgipfels in Montreal die Absicht geäußert, Kennzeichnungsvorschriften für gentechnisch veränderte Organismen einzuführen. Wie schnell dieses Ziel aber umgesetzt wird, bleibt abzuwarten.

In der Diskussion um die Gentechnik ist es mittlerweile höchste Zeit, sich den Realitäten zu stellen. Letztlich nützt es niemanden, über ein generelles Verbot der Gentechnik nachzudenken, wenn wir in vielen unserer Lebensbereiche schon mit der Gentechnik in Berührung kommen und wenn vor allem ein solches Verbot längst nicht mehr zu realisieren ist.
Vielmehr muß man in Zukunft zu unterscheiden lernen, welche Einsatzgebiete für die Gentechnik risikolos und sinnvoll sind und welche nicht. Die Gentechnik birgt natürlich ein sehr großes Gefahrenpotential, ein sorgsamer Umgang ist deshalb Grundvoraussetzung für die Nutzung dieser neuen Technologie. Obwohl der Sicherheitsaspekt bei den einzelnen Zulassungsverfahren schon ein wesentliche Rolle spielt, ist hier sicherlich noch Handlungsbedarf gegeben, um negative Auswirkungen von gentechnisch veränderten Organismen auf die Umwelt auf ein Minimum zu begrenzen.
In der Landwirtschaft aber auch in der Lebensmittelerzeugung ist die Gen- technik mit Sicherheit nicht das Mittel, um alle anstehenden Probleme zu bewältigen. Es gibt aber doch Bereiche, wo ihr Einsatz sinnvoll ist und wäre: So wird mittlerweile beispielsweise die in sehr vielen Verarbeitungsbereichen notwendige Ascorbinsäure weltweit fast ausschließlich unter Zuhilfenahme der Gentechnik hergestellt, dadurch sind wesentlich weniger Verarbeitungsschritte notwendig, auch positive Begleiterscheinungen für die Umwelt wie Energie und Rohstoffeinsparungen ergeben sich daraus. Auch könnte man in Zukunft durch den Einbau von natürlichen Resistenzen gegen Krankheiten und Schädlinge in die Pflanze den Einsatz von Pestiziden überflüssig machen.
Der Erfolg oder Mißerfolg der Gentechnologie wird zukünftig auch sehr stark davon abhängen, welche gesetzlichen Regelungen sowohl im Bereich der Landwirtschaft als auch im Bereich der Lebensmittelverarbeitung geschaffen werden.
Der größte Handlungsbedarf besteht hier sicherlich in der weltweiten Harmonisierung der Kennzeichungsvorschriften für gentechnisch manipulierte Produkte, damit endlich Transparenz in der Erzeugung einerseits und in der Produktkennzeichnung andererseits gegeben ist.
Weiterführende gesetzliche Verbote wie die Einschränkung der Gentechnik in verschiedenen Produktionsbereichen (z.B. Landwirtschaft) oder die Aus- weisung von "gentechnikfreien Zonen" sind gründlichst zu überdenken. In solchen Fällen nimmt man den Produzenten automatisch die Entscheidungs- freiheit, wie und was sie produzieren wollen, und mindert gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt. Wenn man diesen Weg beschreitet, sind finanzielle Unterstützungen für die Produzenten unumgänglich.
Abschließend sei nur noch bemerkt, dass letztlich der Konsument entscheidet, ob sich die zwangsläufig etwas teureren, "gentechnikfreien" Produkte durchsetzen werden oder nicht. Bei guter Nachfrage nach diesen Produkten wird sich auch ein dementsprechendes Angebot am Markt entwickeln. Bei mangelnder Nachfrage werden diese Produkte über kurz oder lang aus den Regalen der Lebensmittelgeschäfte verschwinden.


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