Ordentlich genetisch - Mensch in Reih und Glied


Das größte Hindernis auf dem Weg zu genetischer
Vollkommenheit ist das Leben selbst


Von Franz Wagner



    Alles begann mit ein paar verdächtig gutaussehenden Tomaten. Dann Kameras, viele Kameras - und ein Haufen Blitzlichter. Schließlich das Gesicht des englischen Premierministers, der im Licht der Öffentlichkeit seinen vegetarischen Gelüsten freien Lauf ließ. Ganz schön sprachlos zeigte sich da ein tomatenessender Toni Blair den Medien. Kein Wunder allerdings - man spricht ja nicht mit vollem Munde. Endlich aber doch recht vollmundig und unmißverständlich emotional: Tomaten sind so schädlich nicht! Also etwa nach dem Motto: Ent-WARNUNG des Premierministers: Tomaten können Ihre Gesundheit gewähren!
Seltsam nur, daß tags darauf das englische Massenblatt 'The daily mirror' trotz derart roter Versprechungen nicht mehr länger an sich halten konnte und den Premierminister ihren Lesern als genmanipuliertes Ungeheuer ("The Prime Monster") servierte, noch dazu auf der Titelseite, fratzenhaft verzerrt und ganz grün im Gesicht. So geschehen im Februar 1999.
Wo doch Tomate wie Politiker lediglich versucht hatten, im Gewande roter Unschuld den britischen Konsumenten davon zu überzeugen, daß in den Labors von Pharma-Riesen wie etwa Monsanto oder Novartis durchaus kein "Frankenstein-Food" sein Unwesen treibe, sondern vielmehr umgekehrt, Mensch wie Volkswirtschaft von den Segnungen der Biotechnologie nur profitieren könnten.
Am Ende half aber alles Vorkosten nichts, und selbst ein bisher so strenggläubiges Genland wie Großbritannien ließ seinen obersten Gesundheitsapostel schließlich ein paar Stoßgebete gen Himmel schicken.
Immer offensichtlicher scheint nun seit dieser Angelegenheit im 'common-wealth' der Verdacht zu keimen, daß man nicht mehr nur gemeinsam gesund bleiben, sondern vielmehr erst gesund werden müsse. Ein Wahnsinn wäre es zwar, Rinder und Tomaten miteinander vergleichen zu wollen, doch trotzdem wird man das Gefühl nicht los, daß das Risiko in jedem Falle unvorhersehbar, und alle unleugbaren Ängste tief im Unbewußten durchaus gerechtfertigt sein könnten.
Eigentlich paradox, wo man doch gerade heute von früh bist spät versucht, durch umfassende Rationalisierung noch den letzten Rest an Emotionen künftig einzusparen. Fort also mit der Angst. Aufklärung ist die Devise! Und tatsächlich: Devisen braucht das Land! Also verkauft man eben sein ungutes Gefühl an einen multinationalen Chemiekonzern, im guten Glauben daran, von jetzt an nur noch mit besonders gesunden, roten und runden Naturalien abgespeist zu werden. "Wir sind gesättigt!", sagen dann die Konsumenten. Aber nicht zu selten auch angefressen.
Angefressen ob all jener roten und runden, jener vernünftigen Argumente. Argumente für eine Antibiotikaresistenz zum Beispiel. Oder gegen den horizontalen Gentransfer, für den flächendeckenden Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln, oder gegen so profane Dinge wie etwa der "Ehrfurcht vor dem Leben".
Das größte Wunder bei dem ist aber zweifellos, daß Novartis & Co ihren Argumenten inzwischen selbst nicht mehr ganz zu trauen scheinen. Denn warum wohl hätte man sonst vor einiger Zeit die PR-Agentur Burson & Marsteller damit beauftragt, eine besondere Form der Kommunikationsstragetie auszuarbeiten, die nicht mehr auf Vernunft und Aufklärung, sondern eben ganz im Gegenteil, auf Autoritätsgläubigkeit und auf der Erzeugung von Emotionen basiert?
Im folgenden hört sich das so an:

"Als allgemeine Regel kann nicht erwartet werden, daß es der Industrie gelingt, in diesen Fragen eine öffentliche Verteidigungsstellung den Kritikerstimmen gegenüber zu beziehen. [...] Aber die Industrie muß akzeptieren, daß es an jenen liegt, die das Vertrauen der Öffentlichkeit in diesem Bereich genießen - also den Politikern, Gesetzgebern und Behörden - die Öffentlichkeit von der Unbedenklichkeit der Bio-Industrieprodukte zu überzeugen."

Und so begibt sich wohl selbst der mündigste Tomatenesser irgendwann in den sicheren Hafen des Vertrauens - und wirft gleichzeitig seinen Verstand über Bord.
Nur zu gut versteht dagegen andererseits die global agierende Bioindustrie, daß ein Zuviel an Verständnis zwangsläufig auch die Einsicht in alle potentiellen Risiken beinhaltet.
Deswegen wohl auch die ganze PR-Maschinerie, um damit irgendwann den ur- sprünglichen Standpunkt "Wissen ist Macht" in sein genaues Gegenteil zu transformieren: "Nur die Mächtigen wissen es!"
"Selig der glaubt!", wäre dann in so einem Fall die einzig verbliebene Möglichkeit des Antwortens. Nicht sofort natürlich. Und nicht für alle. Noch nicht. Doch was nicht ist kann ja noch werden - schöngeredet zumindest. Und wer spricht am schönsten von allen? Zweifellos die Politik.Womit wir wieder bei Toni Blair wären! Der Kreis schließt sich also, und es ist ein teuflischer Kreis, der hier beschlossen wird über die Köpfe der tomatenessenden Bevölkerung hinweg.

Ob nun aber bei Mensch oder Tomate - das Hantieren am Bauplan des Lebens ist keine Technologie wie jede andere.
Oder genauer gesagt: Gerade deshalb, weil die Manipulation des Lebendigen sich als Technologie wie jede andere versteht, hört sie auf, eine solche zu sein.
Aber so verwirrend ist das gar nicht. Denn jede Form von Technik braucht Ordnung, um effizient funktionieren zu können.
Und wer könnte es schon dem genialen Ingenieur verdenken, wollte er in Anwendung dieser Eigenschaft ein Denkmal schaffen, sich und der Menschheit, ein Kunstwerk, das in seiner wohlproportionierten Struktur, seinem exakten Ineinander-Greifen aller beweglichen Teile und der daraus resultierenden Leistungsfähigkeit ein Segen wäre, sowohl für das ästhetisch geschulte Auge wie für das ökonomische Fortkommen der Menschheit.
Eine Dampflok etwa! Ist sie nicht ein Meisterwerk der Ingenieurskunst? Erstaunt man nicht über die wunderbare Exaktheit und Ordnung aller Einzelteile, die nur deshalb so harmonisch schwingen, weil hier nichts dem Zufall überlassen bleibt, und wurde hier nicht aus einem bisher unerträglichen Chaos aus Eisenkristallen ein präzise schnaubendes Stahlroß auf die Beine gestellt, geschaffen und am Leben erhalten durch die formgebende Hand des Mechanikers?
Denkt sich jedenfalls der gewöhnliche Ingenieur - als Kreator alles Lebendigen. Kurz: Für den Genetiker ist der Mensch eine Dampflokomotive, oder hat es zumindest zukünftig zu sein.
Und eben deshalb ist die mechanische Umgestaltung des Lebens keine Tech- nologie wie jede andere.
Sie will Ordnung schaffen dort, wo es keine gibt, keine geben kann und soll. Sie will Vorhersagbarkeit, Regelhaftigkeit, Exaktheit, so wie jede andere Technologie, die den Anspruch erhebt, auch funktionieren zu wollen, aber sie will dies alles  nunmehr an einem Objekt, das da lebt und atmet, und das durch eben diese Forderungen seiner Haupteigenschaft, des Lebens nämlich, beraubt wird. Warum?
Weil ein essentiell wichtiger Teil des Lebens eben darin besteht, chaotisch und unvorhersehbar, oder im positiven Sinne: kreativ, schöpferisch, interessant, immer wieder neu, unverwechselbar zu sein, so wie die Natur selbst - wie der Mensch, der in seiner Überfülle an Lebendigkeit, ja in all seiner Kreativität sogar die Gentechnik erschuf, die ihn nun aber langsam und sicher jener gestaltenden Kraft wieder zu berauben droht, um maschinenhafte "Ordnung" an ihre Stelle zu setzen.
Und wenn es denn auch stimmen mag, daß Ordnung das halbe Leben ausmacht, so bleibt einem doch immer nur noch das halbe Leben, wenn man einst mit dem in Stahl gegossenen Rückgrat aus DNS über das in Schienen gepreßte Leben der Zukunft getrieben wird.
Dabei ist dieses Ordnungsdenken noch dazu ein äußerst gefährliches, denn es scheint auf den ersten Blick durchaus rational zu sein. Ordnung! Wer würde wohl in höherer Ordnung etwas Schlechtes sehen wollen, verstanden als: Verbesserung, Gesundung, Leistungssteigerung. Wie lange kann es da noch dauern, bis daß schließlich jenes der Natur innewohnende und für die Evolution unabdingbare Maß an "Chaos" plötzlich als krankhaft angesehen wird, als un-natürlich und in letzter Konsequenz als "häßlich"?
Vollkommen symmetrische Gesichter seien "schöner" als andere, hört man da schon die Propheten der neuen Symmetrie.
Es ist eine schöne ordentliche Welt, die da auf uns zukommt, und die uns gestalten wird nach dem Willen vieler kleiner Dampfmaschinenmechaniker. Bleiben wir also realistisch. Denn freilich werden die Experimente andauern und nicht zuletzt die medizinischen Erfolge Schritt für Schritt dafür sorgen, daß man sich irgendwann mit der tiefgehendsten aller Manipulationen abgefunden haben wird. Natürlich wird die Keimbahntherapie oder werden andere Techniken einmal zur unabdingbaren Notwendigkeit. Und selbstverständlich wird das Kapital schon in wenigen Jahren die Oberhand über all unsere Ängste gewonnen haben. Ja, wir werden nicht mehr krank sein in der Zukunft, vielleicht nicht einmal mehr depressiv, selbst wenn wir wollten, aber wir werden dennoch um eine Kleinigkeit ärmer sein: Um die Banalität des kreatürlichen Seins.

Technik beruht auf Ordnung. Der Mensch als unordentliches System.
Technik schafft Ordnung! Mensch in Reih und Glied...


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