Künstlich geschaffenes Leben als Mythos und Symbol.

Mit Anmerkungen zur Elmauer Rede von Peter Sloterdijk

Sloterdijks Elmauer Rede ist Ausdruck der menschlichen Allmachtsphantasie. Erstmals scheint der Mythos von der Erschaffung künstlichen Lebens
in die Realität umsetzbar zu sein.

Von Wolfgang Wenger


     Die künstliche Erzeugung des Menschen ist seit je einer der gößten Träume der Menschheit. Sowohl im Mythos als auch in der Wissenschaft schreibt sich dieser Wunsch fest in Geschichten und Hypothesen. Als Erzählstoff hat dieses Thema über die Jahrtausende hinweg zahlreiche Variationen erfahren, die alle vom Begehren handeln, den Lauf der Natur zu beherrschen. Bereits der ägyptische Gott Seth kommt nicht auf natürliche Weise zur Welt, sondern reißt sich mit Gewalt aus dem Leib seiner Mutter Nut, und Isis kann sich noch mit dem Samen ihres bereits verwesenden Gatten Osiris den Wunsch nach einem Kind erfüllen. Das Gilgamesch-Epos erzählt über den Helden Enkidu, dass Aruru, die Mutter der Götter, ihn nicht gebiert, sondern erschafft, indem sie sich Lehm abkneift. („Aruru wusch sich die Hände, kniff sich Lehm ab, warf ihn draußen hin. Enkidu, den gewaltigen, schuf sie, einen Helden, einen Sprößling der Nachtstille...")1

Auch die griechischen Mythen stecken voller gentechnischer Kunststücke, wenn sie beispielsweise erzählen, wie Zeus seine Tochter Athene zur Welt bringt: „Da Zeus von Gaia wußte, daß seine erste Gemahlin Metis ihm einen Sohn gebären könnte, der stärker würde als er, verschlang er sie. Ihr Kind gebar er selbst, indem er sich von Hephaistos (oder Prometheus) das Haupt spalten ließ."2 Aber nicht nur der männliche Kopf dient als Uterus, auch der Phallus kann als Gebärmutter umfunktioniert werden, wie Hesiods Theogonie über die Geburt der Aphrodite aus dem Penis des kastrierten Uranos zu erzählen weiß: „Die Geschlechtsteile aber wurden, nachdem (Kronos) sie zuerst mit dem Stahl abgeschnitten und vom Festland in die vielwogende See hineingeworfen hatte, lange Zeit so auf dem Meer umhergetragen. Um sie entstand weißer Schaum von dem unsterblichen Fleisch. In diesem entwickelte sich ein Mädchen."3 Nicht zuletzt birgt auch das mittels eines Labyrinths bestgehütete Geheimnis des Königs Minos von Kreta ein genetisches Ungeheuer, den Minotaurus, ein Wesen, halb Stier, halb Mensch, entstanden aus Stiersamen und der Eizelle der Ehefrau des Minos, Pasiphae.

Erzählungen von widernatürlich geschaffenen Wesen gibt es jedoch nicht nur im Mythos, auch die Literatur kennt dieses Motiv. Goethes Homunculus in Faust II etwa, Mary W. Shelleys Frankenstein, Aldous Huxleys „Schöne neue Welt" sind wohl am bekanntesten. Zu erwähnen bleibt auch noch die jüdische Legende vom Golem, die beispielsweise im Roman „Der Golem" von Gustav Meyrink, erschienen 1915, oder im Gentechnik-Thriller „Die Prozedur" von Harry Mulisch, erschienen 1998, ausgestaltet wurde. Das Thema Gentechnik findet man mittlerweile auch in der Jugendliteratur. Zum Beispiel führt uns Birgit Rabisch in der Erzählung „Duplik Jonas 7" das Schicksal menschlicher Klone vor Augen, die als Organspender gehalten werden.

Die ersten vor- bzw. pseudowissenschaftlichen Versuche, künstliche Menschen zu produzieren fanden in der Alchimie statt, die auf chemischem Wege den Homunculus schaffen wollte. Von diesen ersten Versuchen bis zum Klonschaf „Dolly" (1997), den geklonten Kühen japanischer Wissenschafter (1998) und dem deutschen Klonkalb „Uschi" (1999) war es ein weiter Weg. Mittlerweile ist die Gentechnik der Realisierung des Mythos vom künstlich hergestellten Menschen relativ nahe gerückt. 1997 war es Forschern aus den USA erstmals geglückt, menschliche Chromosomen zu fertigen, die als Genfähren verwendet werden können. Anhand dieser ist es möglich, gesundes Erbmaterial in Zellen mit zum Teil defekten Genen einzuschleusen.4

Die Geschichte vom Minotaurus realisierte die Wissenschaft annäherungsweise erstmals im Jahr 1998, als es Genetiker vom Advanced Cell Technology Institut in Massachusetts schafften, eine Kuh-Eizelle zur Teilung anzuregen, die mit menschlicher Hautzellen-DNA manipuliert worden war. Offenbar klonten 1999 Wissenschafter desselben Institutes zum ersten Mal menschliche Embryos. Alle Testembryonen habe man allerdings in einem rund 400-Zellen-Stadium wieder vernichtet.5

Dem altägyptischen Mythos von der Befruchtung der Isis aus den Samenzellen des toten Osiris entspricht die Absicht von Wissenschaftern aus dem Körper eines 20 000 Jahre alten tiefgeforenen Mammuts, das im sibirischen Perma- frostboden gefunden wurde, Gewebeproben zu nehmen, um daraus einen Klon herzustellen.6

Diese Versuche der Wissenschaft scheinen zumindest in ihrer Intention Jahrtausende alte Mythen zu verwirklichen. In diesem Sinne stellt der Mythos eine Antizipation von Realität dar, bzw. kann die moderne Wissenschaft als Sonderfall des Mythos begriffen werden. Der Realitätsgehalt des Mythischen lässt sich ja auf der psychischen Ebene seit der Erforschung des Unbewussten durch Sigmund Freud und C.G. Jung bereits nachweisen. Zu klären wäre auch, inwiefern kollektive, sich im Mythos spiegelnde Vorstellungen des Unbewussten die wissenschaftliche Tätigkeit motivieren.

Peter Sloterdijk hielt im Juli 1999 auf Schloss Elmau in Bayern einen Vortrag unter dem Titel „Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus". Darin werden die gegenwärtigen Errungenschaften der Gentechnik äußerst ernst genommen, wobei der Mythos vom künstlich geschaffenen Menschen weitererzählt wird. Der Philosoph plädiert aufgrund der gegenwärtigen Entwicklungen in der Bio-Technologie für einen moralischer Kodex für die Anthropo-Techniken. In seiner Rede legt Sloterdijk besonderen Wert auf die Frage nach Miss- oder Gelingen des kulturellen Programms der Menschenzähmung und bringt den pädagogischen Begriff der Lektion mit dem genetischen der Selektion in Verbindung. „Lektionen und Selektionen haben miteinander mehr zu tun als irgendein Kulturhistoriker zu bedenken willens und fähig war, und wenn es uns bis auf weiteres auch unmöglich scheint, den Zusammenhang zwischen Lesen und Auslesen hinreichend präzise zu re- konstruieren, so ist es doch mehr als eine unverbindliche Ahnung, daß dieser Zusammenhang als solcher seine Realität besitzt." 7

Nachdem Sloterdijk das Misslingen der humanistischen Bildungskultur bei der Zähmung des Menschen beschreibt, scheinen Erwartungen an die Menschen- formung durch Züchtung naheliegend. Sloterdijk liebäugelt mit der Vorstellung Platos vom Leitbild des Weisen als Hüter des Menschenparks, räumt aber ein, dass dieses Konzept heute nicht mehr funktionieren kann. Archivare hätten die Nachfolge der Humanisten angetreten.

Sloterdijks Rede ist meiner Ansicht nach als Beitrag zum Mythos vom künstlich geschaffenen Menschen zu verstehen, als literarisches Werk also, nicht als philosophische Reflexion. Dennoch muss sich der Autor die Frage gefallen lassen, warum er die Realität zu werden drohende Wunschphantasie vom gezüchteten Menschen widerstandslos akzeptiert. Das seltsam kritiklose Einverständnis mit „Anthropotechnologie"8 bzw. „Umstellung vom Geburten- fatalismus zur optionalen Geburt und zur pränatalen Selektion"9 als technische Möglichkeiten, für die ein ethischer Kodex gefunden werden müsse, ist ein Kniefall vor einer Wissenschaft und Technik, die sich einem Beherrschbarkeits- und damit Herrschaftsideal verschrieben hat. Auch das Menschenbild der Rede ist fragwürdig: Kann der Mensch tatsächlich als eine Bestie gesehen werden, die der Zähmung bedarf, oder sollte nicht eher bedacht werden, welche psychischen, gesellschaftlichen und politischen Mechanismen den Menschen zum Gewalttäter werden lassen? Indem die Natur des Menschen als moralisch schlecht eingestuft wird, ist der Legitimierung der Herrschaft über sie Tür und Tor geöffnet. Gentechnische Verbesserungsvorschläge der Menschennatur, wie sie Peter Sloterdijk anerkennt, sind Gewaltakte zur Verwirklichung eines fehlerfreien Übermenschen, eine Vorstellung, die im faschistischen Denken zu finden ist.

Der Mythos vom autarken Eingriff ins menschliche Werden ist Ausdruck einer Allmachtsphantasie, die als Reaktionsbildung auf die Kränkung zu verstehen ist, die eigene Herkunft nicht beeinflussen zu können. Geboren werden und sterben liegen außerhalb des Machtbereichs des Menschen, und beides schließt die bewusste Erinnerung durch das Inividuum aus. Um daraus resultierende Ohnmachtsgefühle auszugleichen, schwingt sich die Mythen bildende Phantasie zur Beherrschung der Fatalität des Geborenseins auf. Das künstlich geschaffene Leben wird so zum Symbol der totalen Macht des Menschen über die Natur. Der Homunculus oder der Klon sind somit auch totalitäre Symbole, die bestens geeignet sind, den Vorstellungskomplex einer Gesellschaft zu bedienen, die menschliche Unberechenbarkeit und Schwäche auszumerzen trachtet.

Im Gegensatz zu den von der modernen Wissenschaft entworfenen Mythen, in denen der Mensch den Menschen auf künstliche Weise erzeugt, schreiben die Mythen des Altertums den Bereich der Macht über das Werden dem Göttlichen zu und schützen es somit vor dem menschlichen Zugriff. Die sublimierende Leistung besteht also im Ausphantasieren von Dominanzwünschen über die Natur, die Zuordnung an das Göttliche allerdings bewahrt den Menschen vor der Verführung durch Phantasien der Allmacht. Gentechnik, die auf eine Züchtung des Menschen abzielt, ist meines Erachtens ein mythologischer Tabubruch, der nicht ohne Wirkung auf das kollektive und persönliche Unbewusste bleiben wird. Die Folgen dieser Machtergreifung sind derzeit noch nicht abschätzbar. Der Golem oder Frankenstein weisen in die Richtung der neuen Angst, den destruktiven Neidkomplex des Fabrizierten auf den Gewordenen.


Anmerkungen:

1 Zitiert nach der Übersetzung von Albert Schott in: McCall Henrietta, Mesopotamische Mythen, Stuttgart:        
Reclam 1993 (=Mythen alter Kulturen. 8 Bände in Kassette, Stuttgart: Reclam 1996), S. 71.

2 Gärtner Hannelore, Kleines Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, Leipzig: Bibliographisches
Institut 1989, S. 71.

3 Hesiod, Theogonie. Herausgegeben, übersetzt und erläutert von Karl Albert, 3. Aufl., Sankt Augustin: Richarz
1985 (= Texte zur Philosophie. Herausgegeben von Karl Albert, Bd.1), S. 59.

4 Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus 2000, Stichwörter „Gentechnik" und „Klon".

5 Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus 2000, Chronikartikel Gentechnik: „Forscher klonten menschlichen
Embryo".

6 Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus 2000, Chronikartikel Paläontologie: „Forscher wollen Mammut
klonen".

7 Zitiert nach der in „Die Zeit" abgedruckten Rede Peter Sloterdijks „Regeln für den Menschenpark. Ein
Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus", veröffentlicht im Internet unter http://www.zeit.de/links/ S. 16.

8 Sloterdijk, siehe Fußnote 7, S. 18

9 Sloterdijk, siehe Fußnote 7, S. 18


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