Niederschrift Hypertext

Von Amelie Cserer

Lehrveranstaltung: Internetseminar zur Verstehenden Soziologie
Lehrveranstaltungsleiter: Univ.-Prof. Dr. Rudolf Richter
Universität: Universität Wien / Institut für Soziologie
Semester: SS 1998

 

INHALTSVERZEICHNIS


I. Niederschrift Hypertext


          A. Niederschrift als Ersatzhandlung

          B. Niederschrift als Spiegelselbst

          C. Niederschrift als Gedächtnis

          D. Niederschrift als Hypertext


II. Literaturangabe

    


I. Niederschrift Hypertext:


"Einsamkeit des Schreibens, das ist die Einsamkeit,
ohne die Geschriebenes nicht entsteht oder zerbröckelt
blutleer von der Suche,
was man noch schreiben könnte."

(Marguerite Duras, Schreiben 1994)

 

    Die Seminararbeit Niederschrift Hypertext zum Internetseminar der verstehenden Soziologie gliedert sich in vier Kapitel. Es wird ein Lesepfad vorgeschlagen, welcher sich von "Niederschrift als Ersatzhandlung", über "Niederschrift als Spiegelselbst" und "Niederschrift als Gedächtnis" zu "Niederschrift als Hypertext" schlängelt.

Hierbei versuche ich die Beschreibung des Themas der Niederschrift aus dessen alltäglichen Gebrauch in den Kontext der verstehenden Soziologie zu transferieren, um es dort im Lichte der sozialen Handlung zu betrachten. George Herbert Mead und Charles Horton Cooley als Vertreter und Begründer des symbolischen Interaktionismus, die amerikanische Form der verstehenden Soziologie, verwende ich, um über die Darstellung der sozialen Handlung zur Konstituierung des Spiegelselbst zu gelangen.
Pierre Bourdieu, Rudolf Richter und Sybille Krämer verhelfen mir den Pfad vom Spiegelselbst über die Verbindlichkeit von Erinnerungsleistung und Speicherkapazität des Gedächtnisses zum Hypertext des virtuellen Raumes zu verfolgen. Den Hypertext analysierend werden Jay D. Bolter und Uwe Wirth zitiert.
Sicher sind dies nicht die einzigen Autoren und Autorinnen, welche für eine Darstellung und Analyse von Niederschrift Hypertext relevant wären, doch möchte ich möglichst kurz und prägnant meine Assoziationen und Thesen untermauern, da im Rahmen der Veröffentlichung auf den Seiten der Homepage der Soziologie eine interessierte und auf Zielstrebigkeit bedachte Leserschaft angesprochen wird, welche nicht unbedingt in den Reihen des universitären Bildungskörpers zu finden ist.
Als Niederschrift verstehe ich nicht allein Literatur im Sinne einer "Kunst der Sprache", sondern jede Art von schriftlicher Fixierung alltäglicher Bedeutungszusammenhänge.


A. Niederschrift als Ersatzhandlung


Soziales Handeln wird von Mead als teleologischer Prozess beschrieben. In  Teilhandlungen zerlegbar stellt sich soziales Handeln als von einem "Impuls" ausgelöst, von Wahrnehmung und Beeinflussung auf seiner Erfüllung zusteuernd, dar. Der Impuls oder Antrieb rührt daher, daß es mangelt an Übereinstimmung zwischen Organismus und dessen Umwelt. So daß die "Erfüllung" als Beseitigung der Störung und die Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Organismus und Umwelt verstanden wird.
Das Herstellen von Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt heißt jedoch nicht nur, daß es sich hier um äußerst gesellschaftlich, angepaßte Personen handelt, sondern umfaßt ebenso Antirollenbilder, d.h. Personen, die ihr
Gleichgewicht oder „Zufriedenheitsgefühl" aus einer „Antidefinition" einer gesellschaftlich positiv sanktionierten Werteskala ziehen.

Soziale Handlung grenzt sich durch deren Zielorientiertheit bewußt von zufälligem oder unbewußtem Handeln ab. Wobei das unbewußte Handeln einen Grenzfall darstellt, da ja tatsächlich latent ein Ziel vorhanden ist. Sonst könnte man ja nur von äußerst „bewußten" Menschen soziales Handeln erwarten.

Wo setzt nun das Konzept einer Ersatzhandlung an?
Dem zielorientierten Handeln setzen sich bis zu seiner „Erfüllung" verschiedene Widerstände entgegen. Durch Wahrnehmen der „negativen" Einflüsse kann das Handeln an neue Umstände angepasst werden. Je nachdem wie stark die Widerstände nun sind, desto schwerer oder einfacher wird letztendlich der "Endspurt auf der Zielgeraden".
Sind sie jedoch unüberwindlich, muß eine Aktivität abgebrochen werden. Vielleicht ergibt sich dann nach einer gewissen zeitlichen Pause doch noch eine Möglichkeit das Ziel zu erreichen, doch bis dahin muß das Konzept irgendwo gespeichert werden.

Der von Helle zitierte Mead stellt darüber fest:
"Jeder ‚Impuls‘ (Antrieb), der nicht sofort der Vollendung und Erfüllung zugeführt wird, unterliegt der Transformation in ein Bild oder ‚Image, welches für die Reflexion zur Grundlage wird. ‚Images‘ (Bilder) sind Leistungen, die kein offenes physisches Verhalten hervorbringen, die aber so viel nervliche Kraft mobilisieren und verbrauchen, als würden sie offen ausgeführt, obwohl sie verborgen als intrapersonales psychisches Phänomen ablaufen." (Helle 1992 S.75)
Weiter wird dann beschrieben, daß ein in seiner Handlung gestörtes Individuum eine „Reihe von Bildfolgen erlebt". Im wachen Zustand passieren die Bildfolgen jedoch nicht einfach unkommentiert am „geistigen Auge" vorbei, sondern das Individuum reflektiert gedanklich über jene bebilderten Möglichkeiten des Handelns. Das hypothetische Handeln wird zur Generalprobe des sozialen Handelns.
Helle schreibt sodann: „Sobald ein Mensch einer Sprache mächtig ist, werden ‚Images‘ (Bilder) und Objekte mit Wortsymbolen bezeichnet." (Helle 1992 S.75)
Anhand von sozial signifikanten Symbolen helfen Wortsymbole Handlungspläne zu etikettieren. Zudem kann über die Transformation in Wortsymbole auf die Bedeutung einer sozialen Handlung außerhalb ihres Sinnzusammenhangs verwiesen werden. „Mit Hilfe von Wortsymbolen kann man bestimmte Erfahrungen isolieren und sie festhalten." (Helle 1992 S.75)

Eine Niederschrift wird demnach erzeugt, wenn soziale Handlungen unterbrochen oder abgebrochen werden, um dann in Wortsymbolen gefasst auf einem Medium, wie z.B. Papier festgehalten zu werden.
Hieraus lassen sich nun mehrere Schlüsse ziehen, insofern, als daß Text gedankliche Reflexion von unerfülltem sozialen Handeln darstellt. Niederschrift müßte dann ebenso aus einem Impuls entstehen, dessen Erfüllung jedoch nicht (in der aktuellen sozialen Umwelt) möglich wäre.
Es würde sich weiter die Frage stellen, inwiefern eine Niederschrift zur Bindung der gestauten Energie des intrapersonalen psychischen Prozesses der Ersatzhandlung führt, da sie ja in gewisser Weise veräußert wird. So daß eine Niederschrift eine soziale Handlung zur Gänze ersetzen könnte.

Für eine Gesellschaft könnte das Bedeuten, daß Handlungen, die negativen Sanktionen zum Opfer fallen würden, über Literatur ausagiert werden könnten, was wiederum einen stabilisierenden Einfluß auf die Gesellschaft haben würde. Ein Argument dagegen wäre selbstverständlich, daß „Nachfolgetäter" nicht bei einer Lektüre der Texte stehen blieben und jene als Handlungsanleitung verwenden würden. Doch das ist ja z.B. der Effekt des Kriminalroman, daß sehr wohl Personen mit "bösen" Absichten agieren, um am Ende vom „Guten", d.h. einer absolut integeren Exekutive, besiegt zu werden. Der dominante, gesellschaftliche Werte- und Normenkanon wird erfolgreich „verifiziert".
Die Transformation von verhinderter Handlung in Wortsymbole führt weiter dazu, daß der Tätigkeit und der Umwelt Bedeutung in einem kulturellen Kontext beigemessen wird. Das wiederum zur Strukturierung und Ordnung der Welt beiträgt, da bei einer gestörten sozialen Handlung von einer falschen Prognose, d.h. einer falschen Sicht der Umstände ausgegangen werden kann. Der Störung muß „Sinn" attribuiert werden, welcher aus dem Erfahrungsschatz des sozial Aktiven über Erinnerung rekrutiert wird. (siehe Þ Niederschrift als Gedächtnis)


B. Niederschrift als Spiegelselbst


Impuls und Konzeption einer sozialen Handlung des sozialisierten Individuums werden nach Mead über einen Objektivierungsvorgang hergestellt. „Das sinnverstehende Handeln des Individuums schließt demnach ein, daß es die Attitüden, Einstellungen, Ansichten, Rollen anderer übernimmt und dadurch die Perspektive seiner Bezugsgruppe zu seiner eigenen macht." (Helle 1992 S. 39) Cooley geht noch weiter, indem er meint, „daß der Mensch als soziales Wesen über sich selbst nur aus der Perspektive einer Gruppe und über die Gruppe nur aus der Perspektive seines Individualbewußtseins nachdenken kann. Sein „Selbst" entfalte sich deshalb aufgrund der fortwährenden Frage danach wie er wohl aus der Sicht der signifikanten Anderen erscheint." (Helle 1992 S.52)
Jeder oder jede kann dies wohl nachvollziehen, denkt man nur an so nette Situationen wie den morgendlichen Blick in den Spiegel, um schockiert festzustellen, daß man aus der Perspektive der signifikanten „Umwelt" auf keine Fall in einer solchen erscheinen dürfte. Für Zuhause würde es ja noch reichen, doch, und dies mit den internalisierten Wertmaßstäben der Bezugsgruppe verglichen, ein unbeschadeter Exkurs in die Gesellschaft wäre verhängnisvoll.

Der von Helle zitierte Mead meint weiter, daß die Kommunikation mit dem Spiegelbild zur Individuierung der Persönlichkeit beiträgt. „Indem der Mensch die Fähigkeit entwickelt, gedanklich mit sich selbst Kommunikation zu pflegen und dabei seine ihm eigene Kombination von objektiver und subjektiver Perspektive sich zu schaffen, erwirbt er Unabhängigkeit und Individualität. Zugleich wächst mit erfolgreichem Perspektivenerwerb durch den einzelnen dessen Intelligenz." (Helle 1992 S. 78)
Intelligenz wird in diesem Kontext einerseits als Fähigkeit gesehen, sich in verschiedene Perspektiven zu versetzen und andererseits als Erkenntnis die Welt somit als mehrdeutig, fragwürdig bis problematisch zu sehen.
Niederschrift als Spiegelselbst repräsentiert sich insofern, als in einer schriftlichen Fixierung von individuellen Gedanken per signifikanten Wortsymbolen (sozial manifestierten Begrifflichkeiten) der Rezipient auf eine soziale Matrix trifft, die er nur verstehen kann indem er sich in ihr spiegelt, sie mit seinem Erfahrungsschatz immer wieder vergleicht. Gleichzeitig erwirbt er bzw. sie neue soziale Perspektiven, indem er bzw. sie sich mit  Handlungs- und Einstellungsweisen identifiziert, d.h. sie sich habhaft macht. Niederschrift als Spiegelselbst hilft die eigene Persönlichkeit aus objektivierten Standpunkten heraus zu betrachten.

Als Beispiel für die Wichtigkeit der individuellen Subjektivierung anhand einer Spiegelung an gesellschaftlichen Rollenbildern kann man auch die vehemente Forderung der Frauenbewegung der 70 er Jahre nach einer Darstellung von Frauenschicksalen in Literatur, Film und Fernsehen sehen. Denn die mangelnde Repräsentation von weiblichen Rollenbildern im öffentlichen Raum führte und führt auch zu mangelnder Präsenz von Frauen in der Öffentlichkeit.


C. Niederschrift als Gedächtnis


Man spricht oft von verschieden Arten von Gedächtnis. Vom Angedenken an eine berühmte Persönlichkeit, vom gesellschaftlichen Gedächtnis, vom subjektiven Erinnern oder auch vom geruchlichen Gedächtnis als ein absolutes
Langzeitgedächtnis. Jede Assoziation hat ihre Berechtigung. Ich möchte nun das Gedächtnis als einen verinnerlichten Wissensschatz ansehen, welcher „objektives Verstehen" erst ermöglicht.
Nach Richter, welcher die Theorien von Simmel in dem Buch „Grundlagen der verstehenden Soziologie" erläutert, beruht objektives Verstehen auf verschiedene gedankliche Leistungen.  
"Durch historische Datensammlung (also umfangreiche Recherche im Sinne einer modernen Fallstudie) zusätzlich zu subjektivem Deuten und Rückbezug auf Zeitloses (wir können sagen: auf theoretisches, abstraktes Wissen) entsteht Verstehen, und zwar objektives Verstehen." (Richter 1995 S.37)  
Nach Luckmann trägt sogar jede schriftliche Fixierung zu Mythologisierung von sozialen Umständen bei. Da sie durch ihre Loslösung vom aktuellen Geschehen und der Transformation auf ein Medium einen abstrakten und zeitlosen Stellenwert erreicht. Ein Gedächtnis in Form einer Niederschrift hat aber den Zweck von Personen rezipiert zu werden, um wieder von dessen „toten" Zustand in soziale Zusammenhänge transportiert zu werden. Wo es dann unter mehreren Aspekten, wie z.B. Handlung anweisend, verwendet wird. Ein Gedächtnis kann, wie es auch alles zum Inhalt hat, auf unterschiedlichen Medien mumifiziert werden. Bourdieu bezeichnet hierbei den menschlichen Körper als effektives Medium soziales Wissen zu speichern.
"Alle soziale Gruppen vertrauen ihr kostbarstes Vermächtnis dem Körper an, der wie ein Gedächtnis behandelt wird; und daß in allen Gesellschaften die Initiationsriten mit dem Leiden arbeiten, das sie dem Körper zufügen, wird verständlich wenn man weiß, daß die Menschen einer Institution umso stärker anhängen, je strenger und schmerzhafter die Initiationsriten waren." (Bourdieu 1990 S.90)
Das Internet als gesellschaftliches Gedächtnis nimmt diesen initiierenden Status nicht vorrangig ein, obwohl man ebenso von einer gemeinschaftsbildenden Fähigkeit der elektronischen Medien sprechen kann. Die Funktion von Massenmedien wird von Sybille Krämer darin gesehen, daß jene notwendig sind, um in atomisierten Gesellschaften ein kollektives Gedächtnis zu stiften. „Sie spannen einen gemeinsamen Horizont auf für das, was jeweils aktuell und also anschlußfähig kommunizierbar ist." (Krämer 1997 S. 90)

Krämer bezieht sich auf Jan Assmann, wenn sie zwei soziale Gedächtnisse entfaltet:
"Das kommunikative Gedächtnis, das in den Alltagswelten mündlicher Kommunikation thematisch unfestgelegt, aber gruppenspezifisch und generationengebunden lebt und sich verändert und das kulturelle Gedächtnis, welches nicht in mündlicher Gestalt sich fortzeugt, sondern auf die Kristallisationen unserer kulturell-medialen Formgebungen in Texten, Bildern und Riten angewiesen ist." (Krämer 1997 S. 101)

Die Hypertextualität des WWW beinhaltet meiner Meinung nach beide Arten von Gedächtnissen, wenn man sich an obiger Definition orientiert. Es verändert sich andauernd, da der Text von den Lesegewohnheiten des Users organisiert wird, andererseits existiert der textuelle, digitale Körper des WWW unabhängig vom Gebrauch der User. Das kommunikative Gedächtnis zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß es aus ungeschriebenen Erfahrungen zusammengestellt ist, wobei das kulturelle Gedächtnis auf jeden Fall symbolisch fixiert wird. Hypertexte erlauben den Benützern sich somit interaktiv mit dem kollektiven Gedächtnis auseinander zusetzen. (siehe Þ Niederschrift als Spiegelselbst)  


D. Niederschrift als Hypertext


Der wesentliche Charakter des Hypertext macht nach Jay D. Bolter seine Veränderbarkeit und seine Interaktivität aus: "Ein Hypertext ist eine Sammlung miteinander verbundener Elemente; die Verbindungen, seine Links, markieren eine Reihe möglicher Lektüren. Jede dieser Lektüren wird realisiert durch eine Interaktion zwischen dem Leser und der verlinkten Struktur. Hypertexte verändern sich, indem sie auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Lesers und jeder neuen Lektüre reagieren." (Bolter 1997 S.43)
Wenn es um Bolter ginge, dann käme die Struktur des Hypertextes allein den Bedürfnissen des Lesers entgegen. Uwe Wirth schreibt im Kontrast dazu nicht nur von Möglichkeiten der Lektüre, die sich der Userin oder dem User stellen, er bezichtigt dem Hypertext, daß er es darauf anlegt, den Lesefluß durch untereinander vernetzte Verweise, sogenannte >Link<, zu unterbrechen und den Leser in einen >Taumel der Möglichkeiten< zu stürzen. Dabei läßt sich der Hypertext, der explizit als unabschließbarer >Text in Bewegung< konzipiert ist, nicht zu Ende lesen. Wirth stellt weiter fest, daß man eigentlich eine Text vor sich hat, der im Grunde nur aus alternativen Textanfängen besteht.

Bolter sieht hingegen im Hypertext eine Enthierarchisierung und Entlinearisierung der sonst üblichen Verflechtungszusammenhänge:

"Während der lineare Buch- oder Aufsatztext die komplexen Verflechtungsverhältnisse, die zwischen unseren Gedanken bestehen, künstlich linearisiert und in eine hierarchische Ordnung zwingt."

Die Rezeption eines Buch- oder Aufsatztextes stellt sich für mich nicht unbedingt in einer „hierarchischen Ordnung" dar. Denn hierarchisch heißt für mich, daß innerhalb des Textflusses Strukturen vorhanden sind, die auf Machtzusammenhänge verweisen. D.h. ein Text müßte die Fähigkeit haben gegen meinen Willen seine Rezeption durchzusetzen!
Eher stellt sich für mich ein Text in linearer Form dar, der höchstens einem chronologischen Ablauf unterworfen ist. Doch selbst bei der Lektüre des Hypertext ist man den linearen Gesetzmäßigkeiten der Zeit ausgeliefert. Nicht jedoch dem Text selbst. Soweit es meinem Informationshunger dient, folge ich jedem Text, ob Hypertext oder Buchtext. Bei auftretendem Desinteresse oder noch gesteigertem Interesse, d.h. noch mehr über eine Passage wissen zu wollen, verlasse ich den Text, um ihn später evtl. wieder zu Hand zu nehmen, oder um weitere Informationen  zu recherchieren. Für mich stellt in diesem Falle der Hypertext eine zeitsparendere, schnelle Möglichkeit dar, zu Kontext spezifischer Zusatzinformation zu kommen. Wobei leider viel Fehlinformationen während der Suche oder der „Entdeckung" der Querverweise passieren, da aufgrund eines Titels oft kaum auf den Inhalt der aufzusuchenden Seite zu schließen ist.
Wirth meint dazu, daß an die Stelle einer vorgeschriebenen syntaktischen-textuellen Ordnung eine assoziative Ordnung tritt, die erst im und durch den Akt des Lesens etabliert wird.

"Man kann im Prinzip von jedem Wort aus zu jedem anderen gelangen. Informativ werden Links erst dadurch, daß sie eine spezifische Relevanzstruktur implizieren. Oder aber dadurch, daß der Leser die spezifische Irrelevanz eines Links erkennt." (Wirth 1997 S. 326)

Der Hypertext entsteht somit erst durch den Gebrauch des Lesers. Die Autorenschaft tritt somit in den Hintergrund nicht so sehr durch den Umstand, daß Textbestandteile und Daten schneller und effizienter kopiert werden können, sondern dadurch, daß der Leser oder die Leserin auswählt inwieweit er oder sie einen Text rezipiert, da es sich um ein quasi offenes System handelt:

"Während der traditionelle Autor für das geschlossene System des von ihm geschriebenen Buches oder Aufsatzes allein verantwortlich zeichnet, vollzieht sich das hypertextuelle Schreiben und Denken in unmittelbarere Interaktion mit dem Schreiben und Denken anderer Menschen. Da prinzipiell jede im World Wide Web zugängliche Datei als Textbaustein in das eigene Schreiben integriert werden kann, sind die Interaktions Möglichkeiten unendlich." (Bolter 1997 S. 73)

Im soziologisch verstehenden Kontext würde ich nun zwei Punkte festhalten. Der Hypertext bekommt seine Form und auch seine Bedeutung erst durch den Gebrauch eines Lesers. Außerdem findet unmittelbare Interaktion statt „mit dem Schreiben und Denken anderer Menschen". Als soziale, direkte Interaktion mit anderen Menschen würde ich dies nicht bezeichnen, da hierzu der face-to-face Kontakt fehlt. Das im Schreiben manifestierte Denken hat zur Voraussetzung, daß der Interaktionspartner oder -partnerin nicht in Seh- oder Hörweite verweilt.
Sybille Krämer geht sogar soweit, daß gerade die Interaktionen des WWW, innerhalb der interaktiven, stets veränderbaren und so Lebendigkeit vortäuschenden Hypertexte, nicht als menschliche Interaktion anzusehen wären:

"Künstliche Kommunikation als einen Mythos zu interpretieren, heißt also anzuerkennen, daß was im Medium des Computers geschieht, nicht im kategorialen Rahmen von Erfahrungen zwischenmenschlicher Interaktionen zu beschreiben ist. Und das aus dem einfachen Grund, daß das, womit der Computernutzer interagiert, überhaupt nicht eine Person, sondern eine Maschine, genauer: ein durch eine Maschine mediatisiertes Datenuniversum ist." (Krämer 1992 S.)

Man könnte nun einwenden, daß sich der Leser eines Briefes auch nicht mit dem Autor direkt auseinandersetzt, sondern mit einem maschinell hergestellten Papier und verschiedenen Symbolen darauf, doch stellt sich hier die Frage, warum der Mensch sich überhaupt die Mühe macht über den expliziten Gebrauch einer Maschine ein Datenuniversum zu entschlüsseln und nicht bei der Dechiffrierung von weit weniger Kosten erzeugenden Medien zu bleiben. Selbst der Zugriff auf die Texte erfordert „Krücken" in Form von Maus, Tastatur und nicht zuletzt von virtuellen Pfeilen, die die Fähigkeiten von Finger und Händen ersetzen.


II. Literaturangabe


Bolter, D. Jay, Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens in: Mythos Internet Hrsg. Stefan Münker und Alexander Roesler, Frankfurt a. Main 1997

Bourdieu, Pierre, Was heißt sprechen?, Die Ökonomie des sprachichen Tausches, Wien 1990

Duras, Marguerite, Schreiben, Frankfurt a. Main 1994

Helle, Horst Jürgen, Verstehende Soziologie und Theorie der Symbolischen Interaktion, Stuttgart 1992

Krämer, Sybille, Vom Mythos >Künstliche Intelligenz< zum Mythos >Künstliche Kommunikation< oder: Ist eine nicht-anthropomorphe Beschreibung von Internet-Interaktionen möglich? In: Mythos Internet Hrsg. Stefan Münker und Alexander Roesler, Frankfurt a. Main 1997

Richter, Rudolf, Grundlagen der Verstehenden Soziologie, Wien 1995

Wajcman, Judy, Technik und Geschlecht, Die feministische Technikdebatte, Frankfurt a. Main 1994

Wirth, Uwe, Literatur im Internet. Oder: Wen kümmert’s, wer liest? In: Mythos Internet Hrsg. Stefan Münker und Alexander Roesler, Frankfurt a. Main 1997

 


 

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