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Kants "Dinge an sich"
und das Nichts Meister Eckeharts

Von Bernd Ehlert

Dipl.-Ing. Bernd Ehlert (B.Ehlert@web.de),
46 Jahre alt, hat nach einem abgeschlossenen Studium Vermessungswesen
noch einige Semester Religionswissenschaft und Philosophie studiert.

Bisherige Veröffentlichungen:
Marburger Forum (http://www.marburger-forum.de/) unter der Rubrik "Diskussionen":
"Das einfache Nichts - Der Gottesbegriff bei Meister Eckhart und die
aktuelle Gehirnforschung."

 

Einleitung

    Kant führte in der Philosophie einen radikalen Perspektivenwechsel durch, den er nach seinen eigenen Worten mit dem der Kopernikanischen Wende verglich, die das bis dahin geltende geozentrische Weltbild geradezu auf den Kopf stellte:

Es ist hiermit ebenso als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen.1

Mit seinem neuen Denkansatz stellte Kant die bisherigen Erkenntnistheorien in gleicher Weise auf den Kopf, indem er sagte:

Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten....Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten.1

Die von uns erkannten Gegenstände der Welt sind nach Kant nicht die realen Dinge an sich, sondern nur Erscheinungen, die nicht unabhängig von unserer Erkenntnis objektiv in Raum und Zeit vorhanden sind. Raum und Zeit sind vielmehr unsere Anschauungsformen oder Erkenntnisstrukturen, nach denen die Gegenstände geformt und in denen sie so erkannt werden, d.h. nicht nur einige Eigenschaften der Dinge wie ihre Farben werden erst in dem Erkenntnisprozess geschaffen, sondern dieses Schaffen betrifft nach Kant auch die Grundstrukturen der Dinge, ihr Sein in Raum und Zeit. Das Ansichseiende (der Dinge) kennen wir nach Kant so gar nicht und weder die von uns erkannte Welt der Erscheinungen noch unsere von vornherein, a priori, vorhandenen Erkenntnisstrukturen wie die von Raum und Zeit haben mit dem Ansichseienden etwas zu tun. Daher kann nach Kant über die Dinge an sich oder der unserer (erkannten) Erscheinungswelt zugrundeliegenden Realität grundsätzlich nichts ausgesagt oder erkannt werden. Er sagt:

Was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann.2

Wenn in dem revolutionierenden Denkansatz von Kant die von uns erkannte Welt bis in ihre Grundstrukturen von Raum und Zeit hinein in unseren Erkenntnisstrukturen geschaffen wird und wir die Dinge an sich oder die zugrundeliegende Realität daher in keiner Weise kennen oder erkennen, so heißt das nichts anderes, als dass diese von uns erkannte Welt nicht in der Weise objektiv vorhanden sein kann, wie wir das allgemein, sowohl im Alltag als auch in der modernen Naturwissenschaft, voraussetzen, empfinden und meinen. Wenn es dagegen irgend einen direkten Bezug oder eine Übereinstimmung in den Strukturen der von uns erkannten Welt und den realen Dingen an sich geben sollte, müssten wir genau darin die zugrundeliegende Realität entgegen der Aussage von Kant auch erkennen können und sei es nur indirekt durch das Denken.

Der revolutionierende Denkansatz von Kant, dass auch die grundlegenden Strukturen des Raumes und der Zeit nicht objektiv in der von uns erkannten Welt vorhanden sind, sondern nur a priori gegebene Anschauungsformen sind, in denen die gesamte von uns erkannte Welt geschaffen wird, findet sich heute in der umstrittenen Theorie des Radikalen Konstruktivismus wieder. In dieser Theorie wird das naturwissenschaftliche Postulat der objektiv vorhandenen, natürlichen und materiellen Welt, die wir als ein scheinbares Außen erkennen und erfahren, aufgegeben und auf den Kopf gestellt, um sich auf ähnliche Weise wie Kant aus einer Sackgasse zu befreien. Das gilt insbesondere für die Neurobiologie und die Frage, wie aus den physikalisch-chemischen Aktivitäten der neuronalen Vorgänge im Gehirn Geist entstehen kann, bzw. wie das Gehirn funktionell mit der Außenwelt interagiert und sie erkennt. Die Neurobiologen Maturana/Varela schreiben dazu:

Wenn wir die Existenz einer objektiven Welt voraussetzen, die von uns als den Beobachtern unabhängig und die unserem Erkennen durch unser Nervensystem zugänglich ist, dann können wir nicht verstehen, wie unser Nervensystem in seiner strukturellen Dynamik funktionieren und dabei eine Repräsentation dieser unabhängigen Welt erzeugen soll.3

Auch in der Quantenphysik stößt die moderne Naturwissenschaft an Grenzen, die grundsätzlicher Art, d.h. unüberwindbar zu sein scheinen, weil sie darauf hindeuten, dass eventuell mit unserem Weltbild etwas nicht stimmen kann. Der amerikanische Mathematiker John L. Casti drückt die eigentliche Konsequenz des seltsamen Problems in der Quantenphysik folgendermaßen aus:

Shakespeare, Newton und mein Friseur sagen: Jawohl, die Welt ist wirklich »da«. Der moderne Quantenphysiker erklärt uns: Vielleicht auch nicht.4

Wie objektiv vorhanden und real die von uns erkannte Welt und auch unser eigenes Sein darin ist, soll nachfolgend anhand eines Vergleichs des Ansichseienden Kants mit dem Nichts Meister Eckeharts versucht werden näher zu beleuchten. Dabei kommen viele Gemeinsamkeiten zwischen Kant und Meister Eckehart zum Vorschein, wie etwa die, dass sowohl das Ansichseiende Kants als auch das Nichts Meister Eckeharts, was bei ihm gleichbedeutend mit dem wahren Gott bzw. der Einheit ist, jenseits von Zeit und Raum liegen und auch mit den restlichen Strukturen der von uns erkannten Welt bei Meister Eckehart im wahrsten Sinne des Wortes nichts gemein haben. Es gibt aber auch Unterschiede, insbesondere dadurch, dass Meister Eckehart von einer Verschmelzung mit der Einheit und Erkenntnis der Gottheit spricht – allerdings nicht durch "uns", so dass es keinen wirklichen Widerspruch zu Kant darstellt, sondern eher eine Erweiterung.

 
Unser alltägliches, realistisches Weltbild

    Der sogenannte naive Realist hält das, was er erkennt, für die eigentliche Realität. Für ihn ist die Welt, so wie er sie erkennt, wirklich und objektiv, d.h. unabhängig von seiner Erkenntnis »da« und ist unmittelbar die eigentliche Realität, die er in seinem Erkennen nur abbildet. Der heutige Naturwissenschaftler ist dagegen in der Regel ein kritischer oder hypothetischer Realist. Er weiß etwa, dass Farben nicht den Gegenständen, an denen wir sie erkennen, objektiv anhaften, sondern dass sie erst in unserem Gehirn erzeugt werden. Doch trotzdem glaubt er im Gegensatz zum Idealisten Kant weiterhin, dass wir indirekt etwa durch das Denken die eigentliche Realität oder zumindest Teile davon erkennen können und dass die Strukturen der von uns erkannten Welt irgendeinen Bezug zu einer wirklich objektiven, von unseren Bewusstseins- und Erkenntnisstrukturen unabhängigen Realität haben, so dass sich darin die von uns erkannte Welt als objektiv und unabhängig von unserer Erkenntnis und unserem Bewusstsein und als wirklich »da« seiend erweist.

Für viele Naturwissenschaftler sind als hypothetische Realisten etwa die Dimensionen Raum und Zeit solche Strukturen einer eigentlichen Realität, die zwar angeboren sind und daher für unser individuelles Sein von vornherein gegeben, d.h. wie Kant es sagt a priori vor und unabhängig von aller Erfahrung, allerdings nur vor und unabhängig von aller individuellen Erfahrung. Sie sind aber nach Ansicht dieser Realisten in der Evolution in Auseinandersetzung mit der Realität und in Anpassung an diese durch stammesgeschichtliche Erfahrung erworben und in diesem Sinne von der Realität abgebildet worden. Raum und Zeit wären so Eigenschaften der Realität, die wir stammesgeschichtlich erkannt und erworben hätten und in denen wir die Realität heute durch das theoretische Denken erkennen können, wenn auch letztlich nur in einer hypothetischen Weise. Der Physiker und Philosoph Gerhard Vollmer etwa stellt mit der Evolutionären Erkenntnistheorie die Erkenntnistheorie von Kant grundsätzlich in Frage wenn er sagt:

Wir gewinnen auch Erkenntnis über die reale Welt (das Ding an sich). Die Kantische Kritik behält zwar soweit recht, als diese Erkenntnis nicht sicher ist, aber sie ist doch möglich und darüber hinaus prüfbar.5 (Runder Klammerzusatz im Zitat von G. Vollmer)

Trotzdem wir so Erkenntnisse über die reale Welt gewinnen können, ist der hypothetische Charakter dieser Erkenntnisse für Vollmer selbst dann gegeben, wenn der Grad der Übereinstimmung der von der theoretischen Erkenntnis rekonstruierten Welt mit der wirklichen, realen Welt vollkommen wäre, und er zitiert dazu Xenophanes:

Nimmer noch gab es den Mann und nimmer wird es ihn geben, der die Wahrheit erkannt von den Göttern und allem auf Erden. Denn auch wenn er einmal das Rechte vollkommen getroffen, wüsste er selbst es doch nicht. Denn nur Wähnen [= hypothetisches Wissen] ist uns beschieden. 6 (Eckiger Klammerzusatz im Zitat von G. Vollmer)

Für Kant dagegen sind wie gesagt Raum und Zeit lediglich Anschauungsformen, die a priori gegeben sind, und die nichts mit dem Ansichseienden zu tun haben. Nach Kant ist dieses Ansichseiende grundsätzlich nicht erkennbar, besitzt keine direkten Bezüge zu den Erscheinungen unserer Erkenntnis, so dass das von uns Erkannte keinerlei Struktur oder Realität eines Ansichseienden beinhaltet, vermittelt oder abbildet, denn ansonsten könnten wir es ja darin erkennen. Man kann nun davon ausgehen, wie es die hypothetischen Realisten auch konkret tun, dass Kant, der ja die Evolutionstheorie nicht kannte, von dieser nun in seinen Ansichten widerlegt worden ist und Raum und Zeit Eigenschaften des realen und objektiven Ansichseienden oder der Dinge an sich sind. Doch dieser Annahme widersprechen die offenen Fragen in der Gehirnforschung und der Quantenphysik, die gerade darauf hinweisen, dass die Welt auch in ihren Grundstrukturen nicht objektiv vorhanden ist. Damit hätte Kant trotz der Evolutionstheorie recht, und die Erkenntnisse der Evolutionstheorie müssten so vielmehr anders gedeutet werden. (Die Außenwelt, in der in unserer Vorstellung eine Evolution stattgefunden hat, ist ja nicht die reale Außenwelt bzw. nicht die eigentliche Realität, sondern schon eine Vorstellung unserer Erkenntnisstrukturen).

Dieselben Gedankengänge wie bei Kant findet man wie gesagt in der Philosophie Meister Eckeharts, der allerdings neben Raum und Zeit auch das (getrennte) Sein selbst zu diesen Anschauungsformen zählt. Dadurch bezeichnet er die eigentliche Realität als Einheit und nicht wie Kant im Plural als "Dinge" an sich. Wir erkennen demnach in der Welt voneinander getrenntes Sein in Raum und Zeit, vor allem auf der materiell-körperlichen Ebene, aber auch hinsichtlich unseres eigenen, persönlichen und geistigen Seins. Doch die eigentliche substantielle und einheitliche Realität, das Ansichseiende Kants und das Nichts oder den wahren Gott Meister Eckeharts, können "wir" sowohl nach Kant als auch nach Meister Eckehart grundsätzlich nicht erkennen. Nach Kant und Meister Eckehart ist die von uns erkannte Welt bis in ihre Grundstrukturen hinein daher nicht wirklich und objektiv »da«, was mit keinerlei Art von (weltlichem) Realismus mehr zu vereinbaren ist. Denn für einen Realisten muss es zwingend irgendeinen Bezug des erkannten Seins zu einer bewusstseinsunabhängigen Realität geben, die darin dem erkannten Sein die vorausgesetzte Realität verleiht und in dem wir diese Realität dann auch erkennen können, und sei es nur indirekt und in einer hypothetischen Weise durch das Denken.

Der eigentliche Punkt der Auseinandersetzung, in der sich Kant und Meister Eckehart gemeinsam auf der einen Seite befinden und die naturwissenschaftlichen Realisten (und der herkömmlichen Religion) auf der anderen Seite ist also nicht der, ob es überhaupt eine Substanz oder Realität gibt, sondern die Frage, ob oder inwieweit die subjektiven Strukturen menschlicher Erkenntnis auf die objektiven Strukturen einer substantiellen Realität passen (und so darin selbst real sind oder werden). Das beinhaltet die zentrale Frage, was in der Welt unabhängig von unserer Erkenntnis objektiv und real vorhanden ist und was wir sicher erkennen und wissen können.

Allerdings erweist es sich bei Meister Eckehart, dass der Ausdruck "ob es eine Realität gibt" schon als problematisch, denn dieser Ausdruck des "Gebens" oder Seins einer substantiellen Realität ist Teil unseres Erkenntnis- und Vorstellungsvermögens. Nach Meister Eckehart passen unsere Erkenntnisstrukturen (in denen nach ihm auch das getrennte Sein erst geschaffen wird) in keiner Weise auf das von ihm sogenannte "überseienden Sein" der göttlichen Einheit, was sich dadurch zeigt, dass diese Einheit nach Meister Eckehart für "uns" kein (getrenntes) Sein hat, nicht erkannt werden kann und ein Nichts ist. Die substantielle Realität gibt es daher nach Meister Eckehart nicht, sie ist für die Welt und ihre Strukturen ein Nichts, obwohl es sie als ein "überseiendes und einheitliches Sein" an sich sehr wohl gibt, und das sogar substantiell und ewig. Doch dazu haben wir keinen Bezug, dieses ewige und substantielle "überseiende Sein" passt nicht in unsere Erkenntnisstrukturen und daher können wir es uns nicht einmal vorstellen, d.h. diese Art von einheitlichen und überseienden Sein gibt es für uns und unsere Erkenntnis- und Vorstellungsstrukturen nicht. (Der Begriff "ewig" bedeutet bei Meister Eckehart dementsprechend nicht unendlich viel Zeit, sonder keine Zeit). Andererseits sind wir und die Strukturen der Welt nach Meister Eckehart in der substantiellen Realität ebenfalls ein Nichts, d.h. nur geschaffen, vergänglich und substanzlos.

 
Die Kopernikanische Wende von Kant und ihre Erweiterung durch Meister Eckehart

     Kant hat den Begriff der Metaphysik geändert, nach Kant ist Metaphysik nicht mehr die Wissenschaft vom Absoluten, sondern von den Grenzen der menschlichen Vernunft. Erkenntnisse beruhen nach Kant einzig und allein auf Erfahrung, insbesondere durch die Sinneswahrnehmungen. Die Anschauungsformen und Kategorien unserer Erkenntnis sind dabei a priori gegeben, vor und unabhängig von aller Erfahrung, aber sie sind darin keine Eigenschaften des Ansichseienden. Das Ansichseiende können wir nicht erfahren und reine Gedankenkonstruktionen als Erkenntnisse ohne Erfahrung hinsichtlich des Ansichseienden sind für Kant erst recht keine Erkenntnisse. Gerade gegen diese angeblichen Erkenntnisse eines Absoluten oder Ansichseienden, das nach ihm nicht von uns erfahren und sinnlich wahrgenommen werden kann, richtet sich seine Erkenntnistheorie, und sie ist in dieser Weise nach Kants Worten die "Grenzpolizei" gegen alle Anmaßungen und Grenzüberschreitungen über das Erfahrbare hinaus.

Auch Schiller war dem nachfolgenden Gedicht seiner Votivtafeln nach schon ein Konstruktivist, und darin findet sich ebenfalls eine Aussage über die Grenze unserer Erkenntnis, hinter der "die große Natur" liegt, die wir zumindest "ahnend zu fassen wähnen". Das "Wähnen" in diesem Gedicht kann durchaus auf Xenophanes und den hypothetischen Realismus bezogen werden, wobei Schiller das Verstehen und wohl selbst das Wähnen jedoch mit einem Hinweis auf die "mystischen Tänze dieser natürlichen Sphären" (verneinend) in Frage stellt:

Menschliches Wissen

Weil du liesest in ihr, was du selber in sie geschrieben,
Weil du in Gruppen fürs Aug ihre Erscheinungen reihst,
Deine Schnüre gezogen auf ihrem unendlichen Felde,
Wähnst du, es fasse dein Geist ahnend die große Natur.
So beschreibt mit Figuren der Astronome den Himmel,
Dass in dem ewigen Raum leichter sich finde der Blick,
Knüpft entlegene Sonnen, durch Siriusfernen geschieden,
Aneinander im Schwan und in den Hörnern des Stiers.
Aber versteht er darum der Sphären mystische Tänze,
Weil ihm das Sternengewölb sein Planiglobium zeigt?7

Der christliche Mystiker Meister Eckehart, der ca. 450 Jahre vor Kant lebte, spricht nun ganz konkret von Erfahrungen mit dem "überseienden Sein" einer ewigen Realität, die für ihn jenseits nicht nur von Zeit und Raum liegt, sondern auch als allumfassende Einheit jenseits des getrennten Seins. Trotzdem erweist sich durch Meister Eckehart Kants Philosophie der Unerkennbarkeit und Unerfahrbarkeit eines Absoluten oder Ansichseienden nicht als falsch, weil nicht "wir" diese Erfahrungen machen. Die Philosophie Kants kann durch Meister Eckeharts vielmehr erweitert werden, vielleicht in ähnlicher Weise so, wie Newtons Weltbild durch die Relativitätstheorie nicht als falsch erkannt, sondern erweitert worden ist. Meister Eckehart geht in einer spekulativ-mystischen Weise weiter als Kant, er überschreitet die "Grenze", indem er nicht nur unser persönliches Sein und unsere Erkenntnis relativiert und transzendiert, sondern das getrennte Sein in Zeit und Raum schlechthin, was mit dem Eins-Sein und Nicht-Sein seines Gottes zusammenhängt. Mit anderen Worten, das getrennte Sein ist bei Meister Eckehart genauso eine Anschauungsform wie die von Raum und Zeit und hängt mit diesen sehr eng zusammen. Das kommt dadurch deutlich zum Vorschein, dass Meister Eckehart seinem Gott neben Raum und Zeit auch das (getrennte) Sein abspricht, wie später zitiert. Die Einheit Meister Eckeharts, in der es kein getrenntes Sein mehr gibt, kann von uns in keiner Weise erkannt werden, da "wir" da nicht mehr sind. "Gottes Natur ist so, dass sie keinerlei Vermengung noch Vermischung dulden kann".8

Doch Meister Eckehart spricht einerseits von der Unerkennbarkeit und dem Einssein der Gottheit ("Es ist das verborgene Dunkel der ewigen Gottheit und ist unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden. Gott bleibt dort in sich selbst unerkannt,..." 9), aber andererseits auch von der Gotteserkenntnis des Sohnes, was sowohl dieser Unerkennbarkeit und damit den Aussagen von Kant als auch mit dem Sohn-Sein der Einheit zu widersprechen scheint. Doch bei genauerer Betrachtung erweist sich das nur als ein scheinbarer Widerspruch.

 
Der seinslose Gott und das Nichts bei Meister Eckehart

     Die göttliche Realität hat nach Meister Eckehart ein einheitliches "überseiendes Sein" jenseits von dem (getrennten) Sein der Welt in Zeit und Raum, zu dem (letzteren) "wir" selbst gehören. Nach Meister Eckehart ist diese göttliche und einheitliche Realität vollziehbar – aber nicht für "uns" und die Welt bzw. allgemein nicht für die Dualität oder Zweiheit, die in der Einheit nicht mehr existiert, d.h. der Aussage Kants über die Unerkennbarkeit eines Ansichseienden wird dadurch nicht widersprochen. Der Weg zu der göttlichen Einheit liegt für Meister Eckehart in einem vollkommenen (geistigen) Zunichtewerden des in den weltlichen Erkenntnisstrukturen geschaffenen, kreatürlichen, getrennten Seins, um dadurch mit der göttlichen Einheit zu verschmelzen. Doch da neben Raum und Zeit auch das getrennte Sein zu den Erkenntnisstrukturen gehört, kann dieses Geschehen einer nichtseienden Einheit nach Meister Eckehart nicht erkannt werden, ja wir können es uns nicht einmal konkret vorstellen, wie eine Einheit ohne uns jenseits von Raum und Zeit existieren und was für eine Natur und ein Wesen sie haben soll. Selbst ein Nichts können wir uns nur immer als ein, zumindest von uns als Erkennenden getrenntes, Sein in Raum und Zeit vorstellen.

Dieses Geschehen des Loslassens der grundlegendsten Erkenntnis- und damit auch Seinsstrukturen ist daher kein weltlicher Prozess oder mit einem solchen auch nur annähernd vergleichbar, bei dem wir immer zugegen sind, etwas erfahren und beobachten und dieses dadurch auch erkennen, wissen und besitzen. Es ist ein mystischer Prozess, über den wir nichts aussagen können, den wir uns nicht einmal vorstellen können, weil "wir" mitsamt allen unseren Erkenntnisstrukturen dabei nicht mehr sind und unsere Erkenntnis- und Vorstellungsstrukturen hier nicht mehr greifen. Bei Meister Eckehart spielt in diesem Zusammenhang der Begriff des Nichts die entscheidende Rolle. Dieses Nichts ist kein absolutes Nichts, sondern nur ein Nichts bezüglich unserer Erkenntnisstrukturen, so wie etwa der Magnetismus für unsere natürlichen Sinneswahrnehmungen und Erkenntnisstrukturen als Nichts vorhanden ist. Wir können ihn nur künstlich und indirekt nachweisen und erkennen, was aber bezüglich einer Realität außerhalb der grundlegendsten Erkenntnis- und Seinsstrukturen der Welt nicht geht. In diesem Fall bleibt ein Nichts für uns und die Welt. Die gesamte Theologie Meister Eckeharts lässt sich in dem einen folgenden Zitat zusammenfassen:

Daher soll deine Seele allen Geistes bar sein, soll geistlos dastehen. Denn, liebst du Gott, wie er Gott , wie er Geist, wie er Person und wie er Bild ist, - das alles muss weg. ‚Wie denn aber soll ich ihn lieben?‘ – Du sollst ihn lieben wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit. Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts. Dazu verhelfe uns Gott. Amen.10 (Kursive Hervorhebungen von J. Quint)

Anhand folgender Zitate Meister Eckeharts sollen diese mystischen Aussagen über unser Sein, das der Welt und das Wesen einer ansichseienden, einheitlichen und ewigen Realität näher betrachtet werden. Es zeigt sich darin letztlich, dass diese mystischen Aussagen gerade auch in der Gotteserkenntnis des Sohnes in keiner Weise Kant und seiner "Kopernikanischen Wende" widersprechen, sondern über die Aussagen von Kant vielmehr hinausgehen.

Zunächst spricht Meister Eckehart seinem wahren Gott neben allen anderen weltlichen Eigenschaften auch das Sein (in Zeit und Raum) ab, was entsprechend des grundlegenden Charakters dieser Erkenntnisstruktur oder Anschauungsform direkt mit der Aussage verbunden ist, dass über diesen Gott nichts gesagt, sich vorgestellt oder erkannt werden kann. Josef Quint fasst in der Einleitung seines Buches verschiedene Aussagen Meister Eckeharts dazu in der folgenden Passage zusammen:

Nein, der Tempel muss ledig und frei sein, wie das Auge frei und leer sein muss von allen Farben, soll es Farbe sehen. Alle jene Bilder und Vorstellungen aber sind der Balken in deinem Auge. Drum wirf sie hinaus, alle Heiligen und Unsere Frau aus deiner Seele, denn sie alle sind Kreaturen und hindern dich an deinem großen Gott. Ja, selbst deines gedachten Gottes sollst du quitt werden, aller deiner doch so unzulänglichen Gedanken und Vorstellungen über ihn wie: Gott ist gut, ist weise, ist gerecht, ist unendlich: Gott ist nicht gut, ich bin besser als Gott; Gott ist nicht weise, ich bin weiser als er, und Gott ein Sein zu nennen, ist so unsinnig, wie wenn ich die Sonne bleich oder schwarz nennen wollte. Alles, was du da über deinen Gott denkst und sagst, das bist du mehr selber als er, du lästerst ihn, denn, was er wirklich ist, vermögen alle jenen weisen Meister in Paris nicht zu sagen. Hätte ich auch einen Gott, den ich zu begreifen vermöchte, so wollte ich ihn niemals als meinen Gott erkennen. Drum schweig und klaffe nicht über ihn, behänge ihn nicht mit den Kleidern der Attribute und Eigenschaften, sondern nimm ihn „ohne Eigenschaft", als er „ein überseiendes Sein und eine überseiende Nichtheit" ist in seinem „Kleidhaus", in der stillen „Wüste" seiner Gottheit namenlos.11

Ehe es noch Sein gab, wirkte Gott; er wirkte Sein, als es Sein noch nicht gab. [...] Ich würde etwas ebenso Unrichtiges sagen, wenn ich Gott ein Sein nennte, wie wenn ich die Sonne bleich oder schwarz nennen wollte. Gott ist weder dies noch das.12

Meister Eckeharts "überseiendes Sein" der Gottheit oder Einheit liegt jenseits von Raum, Zeit, Sein und Welt, was er konkret mit den Worten ausdrückt:

Was Sein hat, Zeit oder Statt, das rührt nicht an Gott; er ist darüber.13

Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stücke, Gott aber ist Eines. Soll daher die Seele Gott erkennen, so muss sie ihn erkennen oberhalb von Zeit und Raum; denn Gott ist weder dies noch das, wie diese (irdischen) mannigfaltigen Dinge (es sind): denn Gott ist Eines.

Soll die Seele Gott sehen, so darf sie auf kein Ding in der Zeit sehen; denn solange die Seele der Zeit oder des Raums oder irgendeiner Vorstellung dergleichen bewusst wird, kann sie Gott niemals erkennen. Wenn das Auge die Farbe erkennen soll, so muss es vorher aller Farbe entblößt sein. Soll die Seele Gott erkennen, so darf sie mit dem Nichts nichts gemein haben. Wer Gott erkennt, der erkennt, dass alle Kreaturen (ein) Nichts sind. Wenn man eine Kreatur gegen die andere hält, so scheint sie schön und ist etwas; stellt man sie aber Gott gegenüber, so ist sie nichts.14

Wir als Kreatur können nicht erkennen, dass wir und alle Kreaturen ein Nichts sind, und wir als Kreatur können auch nicht die Einheit erkennen. Über diese von uns unerkannte Einheit jenseits der Welt sagt Meister Eckehart an einer Stelle:

»Paulus stand auf von der Erde, und mit offenen Augen sah er nichts.« Ich kann nicht sehen, was Eins ist. Er sah nichts: das war Gott. Gott ist ein Nichts, und Gott ist ein Etwas. Was etwas ist, das ist auch nichts. Was Gott ist, das ist er ganz. Daher sagt der erleuchtete Dionysius, wo immer er von Gott schreibt: Er ist (ein) Über-Sein, er ist (ein) Über-Leben, er ist (ein) Über-Licht. Er legt ihm weder dies noch das bei, und er deutet (damit) an, dass er (irgend etwas) ich weiß nicht was sei, das gar weit darüber hinaus liege. Siehst du irgend etwas oder fällt irgend etwas in dein Erkennen, so ist das Gott nicht; eben deshalb nicht, weil er weder dies noch das ist. Wer sagt, Gott sei hier oder dort, dem glaubet nicht.15

Der Gott Meister Eckeharts liegt im wahrsten Sinne des Wortes jenseits aller Kategorien der Welt, die durchaus mit den Kategorien von Kant verglichen werden können:

Wollte ich Gott ansehen mit meinen Augen, mit jenen Augen, mit denen ich die Farbe ansehe, so täte ich gar unrecht daran, denn dieses (Schauen) ist zeitlich; nun ist aber alles, was zeitlich ist, Gott fern und fremd. Nimmt man Zeit, und nimmt man sie auch nur im Kleinsten, im »Nun«, so ist es (doch noch) Zeit und besteht in sich selbst. Solange der Mensch Zeit und Raum hat und Zahl und Vielheit und Menge, so ist er gar unrecht daran und ist Gott ihm fern und fremd.16

Die Radikalität eines Konstruktivismus und einer nicht wirklich und objektiv »da«-seienden Welt nach Meister Eckehart erweist sich den beiden folgenden Zitaten als nicht mehr zu überbieten und auch nicht mehr vorstellbar. Darin klärt sich auch die verbreitete Fehldeutung des Solipsismus, dass "wir" es sind, die die Welt und alles Sein schaffen. "Wir" gehören vielmehr selbst zum Geschaffenen, und da dieses Geschaffen-Sein restlos alle Erkenntnis- und Seinsstrukturen betrifft, existiert es in unserem Selbstbewusstsein und in der Welt ebenso wenig wie etwa die irrsinnig hohen Geschwindigkeiten und Beschleunigungen der Erde um sich selbst, um die Sonne und durch den Weltraum auf der Erde selbst wahrnehmbar sind oder als solche hier existieren, da alles auf der Erde ihnen gleichermaßen unterworfen ist. Das, was da schafft oder konstruiert hat kein Sein und ist nicht von dieser Welt, und wir können uns in unseren Erkenntnisstrukturen im wahrsten Sinne des Wortes in keiner Weise vorstellen, wie das "sein" kann und wie die "Sphären mystischer Tänze" das hervorbringen. (Wenn wir versuchen es uns vorzustellen, muss für uns irgendein Sein in Zeit und Raum vorhanden sein, das diese Dinge in Zeit und Raum schafft. Das schaffende Sein in Zeit und Raum ist für uns immer vor dem Schaffen da, wir können es uns nicht anders vorstellen.)

Ich sagte einst, dass Gott die Welt jetzt erschafft, und alle Dinge sind gleich edel in diesem Tage. Würden wir sagen, dass Gott die Welt gestern oder morgen erschüfe, so würden wir uns töricht verhalten. Gott erschafft die Welt und alle Dinge in einem gegenwärtigen Nun, und die Zeit, die da vergangen ist vor tausend Jahren, die ist Gott jetzt ebenso gegenwärtig und ebenso nahe wie die Zeit, die jetzt ist.17 (Kursive Hervorhebungen v. J. Q.)

Auch hätte Gott die Welt nie geschaffen, wenn Geschaffen-sein nicht mit Erschaffen eins wäre. Drum: Gott hat die Welt in der Weise geschaffen, dass er sie immer noch ohne Unterlass erschafft. Alles, was vergangen und was zukünftig ist, das ist Gott fremd und fern.18

In diesem umfassenden Geschaffen-Sein zeigt sich dann auch das Verhältnis des geschaffenen Seins zu der zugrundeliegenden, nichtseienden Einheit. Gott ist bei Meister Eckehart nicht ein weiteres getrennt existierendes weltliches Sein, dass sich vor, nach oder irgendwo neben dem anderen weltlichen Sein in Zeit und Raum und damit in der Welt befindet. Er ist vielmehr "ganz und ungeteilt" in allem weltlichen Sein, wobei das Verhältnis eher durch ein "entweder/oder" gegeben ist, d.h. entweder ist das weltliche Sein in seinen Strukturen, dann ist die göttliche Einheit nicht oder die göttliche Einheit ist in ihrem überseienden Sein, dann ist kein weltliches Sein und es hat darin nie ein weltliches Sein gegeben. Meister Eckehart sagt:

Ich lasse das erste und das letzte Wort beiseite und spreche von dem zweiten: dass Gott etwas ist, das notwendig über dem Sein sein muss. Was Sein hat, Zeit oder Statt, das rührt nicht an Gott; er ist darüber. Gott ist (zwar) in allen Kreaturen, sofern sie Sein haben, und ist doch darüber. Mit eben dem, was er in allen Kreaturen ist, ist er doch darüber; was da in vielen Dingen Eins ist, das muss notwendig über den Dingen sein. Etliche Meister meinten, dass die Seele nur im Herzen sei. Dem ist nicht so, und darin haben große Meister geirrt. Die Seele ist ganz und ungeteilt vollständig im Fuße und vollständig im Auge und in jedem Gliede. Nehme ich ein Stück Zeit, so ist das weder der heutige Tag noch der gestrige Tag. Nehme ich aber das Nun, so begreift das alle Zeit in sich. Das Nun, in dem Gott die Welt erschuf, das ist dieser Zeit so nahe wie das Nun, in dem ich jetzt spreche, und der jüngste Tag ist diesem Nun so nahe wie der Tag, der gestern war. 13 (Kursive Hervorhebungen v. J. Q.)


Die Gotteserkenntnis des Sohnes oder das Wesen des Funkens bei Meister Eckehart

     Dieses Erschaffen oder Konstruieren betrifft dann auch die Gotteserkenntnis des Sohnes bei Meister Eckehart. Zunächst einmal ist der Sohn bei Meister Eckehart keine bestimmte (seiende) göttliche Person, sondern der unpersönliche Selbsterkenntnisprozess der Einheit in den Erkenntnisstrukturen des Weltlichen, der in jedem Menschen und in jeder Seele stattfinden kann (im Grunde aber nur in der jeweils eigenen Seele). Es geht also hierbei eigentlich wieder um nichts anderes als das Verhältnis des Ansichseienden oder des jenseitigen Göttlichen zu den Seins- und Erkenntnisstrukturen der Welt. Der Sohn steht dabei für den Ursprung (aus der nichtseienden Einheit) als erstes Sein, die Urerkenntnis und das Urbild, das allem Weltlichen zugrunde liegt. Der Sohn gibt bei Meister Eckehart den Übergang zwischen dem Ansichseienden und der Welt wieder, wobei das Sohn-Sein jedoch nicht als festes Sein in die Welt ausfließt, sondern als ein dynamischer Prozess immer wieder unterschiedslos mit der nichtseienden Einheit verschmilzt und wieder ursprünglich wie ein Funke daraus entsteht.

Die göttliche Erkenntnis des Sohnes ist eine besondere Erkenntnis, jedoch nicht so sehr vom Erkennen selbst, sondern sie unterscheidet sich vor allem dadurch von einer normalen weltlichen Erkenntnis, dass sie in etwas anderem mündet. Eine weltliche Erkenntnis wird dadurch, dass wir dieses oder jenes erkannt haben, zu einem Wissen in der Welt, das wir nun als Wissen besitzen und was darin die weltlichen Strukturen sowohl des Erkennenden als auch eines Erkannten in ihrem getrennten Sein voraussetzt, weiter ausbaut und in diesen Strukturen verfestigt. Das Wissen einer menschlichen Gotteserkenntnis verfestigt sich so in Form einer Religion in den Strukturen der Welt, wodurch in diesem religiösen Wissen versucht wird, den Strukturen der Welt Substanz zu verleihen, sie in der Form des persönlichen Seins zu verewigen oder sie durch direkte Bezüge als Strukturen der eigentlichen und substantiellen Realität zu sehen. Dasselbe versuchen im Grunde auch die realistischen Naturwissenschaftler auf empirische Weise, doch es ist es kein Zufall, dass alle diese Versuche in Widersprüchen scheitern, nur auf reinem Glauben beruhen oder wie im Realismus der Naturwissenschaft rein hypothetisch sind. Nach Kant und Meister Eckehart geht das alles nicht, weder können die Strukturen der Welt in irgendeiner Form reale Substanz besitzen oder erlangen noch kann in den (Erkenntnis)Strukturen der Welt das Wesen einer diesen Strukturen zugrundeliegenden Realität erkannt werden. Das Sein und Wissen der Welt hat mit der zugrundeliegenden Realität im wahrsten Sinne des Wortes nichts gemein. Diese Realität kann sich nicht bleibend und damit wesensmäßig und substantiell im Sein und Erkennen niederschlagen, auch nicht als ein Wissen und nicht einmal als eine zutreffende Vorstellung.

Auch der Sohn bei Meister Eckehart will zur eigentlichen und substantiellen Realität gelangen, doch das geht nicht über eine Erkenntnis, in der sowohl der Erkennende als auch das Erkannte ewig und substantiell in dem erkannten Sein verharren bzw. in der das substantiell und objektiv vorhandene Sein sich abbildet, sondern nur durch das wesensmäßige Einssein mit der Einheit. Das kann in der besonderen und eigentlichen Erkenntnis des Sohnes bei Meister Eckehart nur durch die Aufgabe aller weltlichen Strukturen, aller Zweiheit und Erkenntnis geschehen, auch der höchsten, nicht dagegen durch ihre Verfestigung und Beibehaltung. Wenn das getrennte Sein in der Welt nur im Erkennen existiert und nur geschaffen ist, kann die ungeschaffene und substantielle Einheit oder das Nichts nur durch die Aufgabe aller Erkenntnisse und damit auch des eigenen getrennten Seins erreicht und vollzogen werden. Das gilt dann auch für den Sohn und seine göttliche Erkenntnis selbst und ist gerade der eigentliche Aspekt dieser göttlichen Erkenntnis, die dadurch im Gegensatz zu einer weltlichen Erkenntnis nicht ausfließt und sich in diesen weltlichen Strukturen verfestigt, sondern die in der unerkannten und nichtseienden Einheit innebleibend ist.

In der wahren göttlichen Erkenntnis des Sohnes wird auch diese höchste Erkenntnis der Einheit nur als etwas Geschaffenes erkannt, und zwar wesensmäßig dadurch, indem auch diese höchste Erkenntnis mit restlos allen weltlichen Erkenntnis- und Seinsstrukturen losgelassen und dadurch die Einheit, unerkannt, vollzogen wird. Bis in einem erneuten "Funken" als Entstehung von Zweiheit, Erkenntnis und Sein aus der Einheit das sich wiederholt (was wir uns nur als ein kausales Geschehen in Zeit und Raum vorstellen können), d.h. in dem Funken der ersten Erkenntnis nach einem umfassenden Verlöschen aller Erkenntnis und allen Seins wird dieses umfassende Verlöschen und Wiederentstehen erkannt – und als eigentlicher Aspekt dieser wahren Erkenntnis wieder losgelassen usw.

Durch das Loslassen der höchsten Erkenntnis und aller Erkenntnis- und Seinsstrukturen im Sohn-Sein zeigt sich, dass auch das in der höchsten Erkenntnis erkannte Sein nur etwas Geschaffenes ist, das mit der einheitlichen Realität selbst nichts zu tun hat. Einerseits wird sie in dieser weltlichen Struktur der Dualität, des Sohn-Seins, zwar erkannt und "ist" darin (geschaffen) und nur in diesen Strukturen kann sie sein und erkannt werden, doch gleichzeitig wird in dieser wahren Erkenntnis wesensmäßig erkannt, dass auch diese höchste Erkenntnis nicht die eigentliche wahre Realität wesensmäßig ist, sondern nur etwas Geschaffenes. Auch die Erkenntnis des Sohnes hat so im Grunde und wesensmäßig nichts mit der Einheit und der ihr eigenen Realität zu tun, was sich darin zeigt, dass im Sohn-Sein diese Erkenntnis, das erkennende Sein und das Erkannte wieder losgelassen wird und dass alles dadurch in einem einheitlichen Nichts, unerkannt und nichtseiend, verschmilzt. In diesem wahren und wesensmäßigen Aspekt der Sohn-Erkenntnis als Verlöschen aller Erkenntnis und allen Seins bleibt die Einheit in ihrer eigenen substantiellen Struktur "unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden".9 Nur in den Strukturen der Welt ist sie erkannt worden, doch diese Strukturen entsprechen nicht ihrem realen Wesen, haben mit diesem nichts gemein. Die Strukturen, Erkenntnisse und das Sein der Welt sind nur geschaffen, vergänglich und illusionär, was sich gerade im Sohn-Sein und seiner höchsten Erkenntnis zeigt. Die Sohn-Erkenntnis gleicht so einem Funken, dessen Wesen es ist, dass er in der Welt etwa durch das Aneinanderschlagen von Steinen praktisch aus dem Nichts entsteht, aufleuchtet und sofort wieder vergeht. (In Erweiterung dieses Bildes bezeichnet Meister Eckehart das geistige Sein des Menschen als "Feuer".)

Die Erkenntnis der Einheit oder der substantiellen Realität ist selbst im Sohn-Sein wie alle Erkenntnis etwas Weltliches, etwas das in der Dualität existiert. Darin gibt es ein Erkanntes und einen Erkennenden. Doch auch die Erkenntnis dieser Geschaffenheit aller Erkenntnis und allen Seins selbst ist wie die Erkenntnis einer zugrundeliegenden Einheit nur etwas Geschaffenes, Konstruiertes, letztlich eine Illusion, das oder die in diesen Strukturen nichts mit der eigentlichen Realität zu tun hat, und dass daher im Fall einer wahren Erkenntnis oder eines Erkennens des Erkennens von selbst erlischt.

Die Strukturen im Erkennen und Sein haben grundsätzlich nichts mit der einheitlichen substantiellen Realität zu tun und es kann nicht erkannt werden, was diese wirklich und real "ist". Zwischen dem realen "überseienden Sein" und auch der Selbsterkenntnis des "überseienden Seins" im Sohn-Sein liegt ein unüberbrückbarer Spalt, der nur durch das Zunichtewerden oder Erlöschen jeglicher Erkenntnis und damit durch das Zunichtewerden aller weltlichen Strukturen überwunden werden kann. Die Aussage von Kant, dass über das Ansichseiende nichts gesagt werden kann und dass es nicht erkannt werden kann, ist daher trotz der Gotteserkenntnis des Sohnes bei Meister Eckehart weiter gültig und widerspricht den Aussagen Meister Eckeharts nicht. Vielmehr bestätigt die besondere Art der Sohn-Erkenntnis in ihrem Verlöschen und Zunichtewerden als dem eigentlichen Teil dieses wahren Erkenntnisprozesses Kants Aussage über die Unerkennbarkeit eines Ansichseienden.

Dadurch, dass das umfassende Verlöschen im nächsten ursprünglichen Funken wieder erkannt wird – und als wahre Erkenntnis des Erkennens selbst sofort wieder verlöscht, fallen in diesem Geschehen Einheit und Zweiheit zusammen und es ist nach Meister Eckeharts Worten ein laufendes Geborenwerden und Gebären. In unserem verstandesmäßigen Erkennen können wir dieses Geschehen an der Grenze der Welt allerdings nicht erkennen und es uns nicht einmal vorstellen. Wir können nicht erkennen, was für Eigenschaften oder Strukturen etwa in der Vorstellung des Funkens (als ursprüngliches Hervorbrechen von Erkenntnis- und Seinsstrukturen) die substantielle Realität hat, wir können nicht einmal ihr wahres Sein, ihr "überseiendes Sein" als solches oder "an sich" erkennen. Meister Eckehart sagt zu dem Sohn-Sein:

Die Seele hat etwas in sich, ein Fünklein der Erkenntnisfähigkeit, das nimmer erlischt, und in dieses Fünklein als in das oberste Teil des Gemütes verlegt man das »Bild« der Seele. Nun gibt es aber in unseren Seelen auch ein auf äußere Dinge gerichtetes Erkennen, nämlich das sinnliche und verstandesmäßige Erkennen, das ein Erkennen in Vorstellungsbildern und in Begriffen ist und das uns jenes (Erkennen) verbirgt.19

...dies Fünklein ist Gott so verwandt, dass es ein einiges Eines ist, unterschiedslos, das (doch) die Urbilder aller Kreaturen in sich trägt, bildlose und überbildliche Urbilder.20

Das »Zwei-Eine« aber ist ein brennender Geist, der da über allen Dingen und (doch noch) unter Gott steht am Umkreis der Ewigkeit. Der ist Zwei, weil er Gott nicht unmittelbar sieht. Sein Erkennen und sein Sein oder: sein Erkennen und das Erkenntnisbild, die werden (bei ihm) niemals zur Eins. Nur da sieht man Gott, wo Gott geistig gesehen wird, gänzlich bildlos. Da wird Eins Zwei, Zwei ist Eins, Licht und Geist, die Zwei sind Eins im Umfangensein vom ewigen Licht.21 (Kursive Hervorhebungen v. J. Q.)

Aus dieser Lauterkeit hat er mich ewiglich geboren als seinen eingeborenen Sohn in das Ebenbild seiner ewigen Vaterschaft, auf dass ich Vater sei und den gebäre, von dem ich geboren bin.22

Die Gotteserkenntnis des Sohnes hat zwar in der Weise einen Wert, weil sich die Einheit oder die substantielle Realität hierin in den Strukturen der Welt selbst erkennt und widerspiegelt. Doch die eigentliche wesensmäßige Erkenntnis des Sohnes ist dabei die, dass er gerade diese höchste Erkenntnis letztlich ihrem wahren Wesen gemäß als geschaffen und als Illusion erkennt und loslässt, und die höchste Erkenntnis sich so nicht in den Strukturen der Welt und in Zeit und Raum verfestigt. Dieses ursprüngliche Entstehen und Vergehen wird wiederum im nächsten Funken erkannt - und in der wahren Erkenntnis wieder losgelassen. In dem Verlöschen und der Unerkennbarkeit, dem Nichts einer einheitlichen und substantiellen Realität liegt die Ursprünglichkeit des Funkens, der Zweiheit, Erkenntnis und Sein in sich trägt. In dieser Weise wird der Erkenntnisprozess an sich wesensmäßig und mit einer im wahrsten Sinne des Wortes ursprünglichen und funkensprühenden Lebendigkeit erkannt, nicht dagegen als eine feste und seiende Erkenntnis, so dass die weltlichen Erkenntnisstrukturen selbst substantiell und real werden würden. Je länger die Erkenntnis des Höchsten nicht wieder losgelassen wird und je mehr sie sich in der Welt verfestigt ohne sich zu erneuern, um so mehr entfernt sie sich von dem Ursprung allen Seins und seiner ursprünglichen Lebendigkeit und erstarrt.

Meister Eckehart sagt weiter über diese Dinge einer in den weltlichen Strukturen nichtseienden Einheit, der (Selbst)Erkenntnis dieser Einheit in den weltlichen Strukturen des Sohn-Seins und den Weg des Menschen dahin:

Beachtet (nun), wodurch wir der Sohn Gottes sind: dadurch, dass wir dasselbe Sein haben, das der Sohn hat. Wie aber ist man der Sohn Gottes, oder wie weiß man es, dass man es ist, da doch Gott niemandem gleich ist? Dies (letztere) ist (freilich) wahr. Isaias sagt (ja doch): »Wem habt ihr ihn verglichen, oder was für ein Bild gebt ihr ihm?« (Is. 40, 18). Da es denn Gottes Natur ist, dass er niemandem gleich ist, so müssen wir notgedrungen dahin kommen, dass wir nichts sind, auf dass wir in dasselbe Sein versetzt werden können, das er selbst ist. Wenn ich daher dahin komme, dass ich mich in nichts einbilde und nichts in mich einbilde und (alles) hinauswerfe, was in mir ist, so kann ich in das bloße Sein Gottes versetzt werden, und das ist das reine Sein des Geistes. Da muss alles das ausgetrieben werden, was (irgendwie) Gleichheit ist, auf dass ich in Gott hinüberversetzt und eins mit ihm werde und eine Substanz, ein Sein und eine Natur und (damit) der Sohn Gottes.23 (Kursive Hervorhebungen v. J. Q.)

Es sagen unsere Meister: Alles, was erkannt wird oder geboren wird, das ist ein Bild; und sie sagen demgemäß: Soll der Vater seinen eingeborenen Sohn gebären, so muss er sein (eigenes) Bild als in ihm selbst im Grunde bleibend gebären. Das Bild, wie es ewiglich in ihm gewesen ist, das ist seine in ihm selbst bleibende Form. Die Natur lehrt es, und es dünkt mich durchaus billig, dass man Gott mit Gleichnissen verdeutlichen muss, mit diesem oder jenem. Dennoch ist er weder dies noch das, und so lässt sich der Vater nicht daran genügen, vielmehr zieht er sich wieder in den Ursprung, in das Innerste, in den Grund und in den Kern des Vaterseins, wo er ewiglich innen gewesen ist in sich selbst in der Vaterschaft, und wo er sich selbst genießt, der Vater als Vater sich selbst im einigen Einen. Hier sind alle Grasblättlein und Holz und Stein und alle Dinge Eines.24

Darum sage ich: Wenn sich der Mensch abkehrt von sich selbst und von allen geschaffenen Dingen - so weit du das tust, so weit wirst du geeint und beseligt in dem Fünklein in der Seele, das weder Zeit noch Raum je berührte. Dieser Funke widersagt allen Kreaturen und will nichts als Gott, unverhüllt, wie er in sich selbst ist. Ihm genügt's weder am Vater noch am Sohne noch am Heiligen Geist noch an den drei Personen (zusammen), sofern eine jede in ihrer Eigenheit besteht. Ich sage fürwahr, dass es diesem Lichte auch nicht genügt an der Einheitlichkeit des fruchtträchtigen Schoßes göttlicher Natur. Ja, ich will noch mehr sagen, was noch erstaunlicher klingt: Ich sage bei der ewigen und bei der immerwährenden Wahrheit, dass es diesem Lichte nicht genügt an dem einfaltigen, stillstehenden göttlichen Sein, das weder gibt noch nimmt: es will (vielmehr) wissen, woher dieses Sein kommt, es will in den einfaltigen Grund, in die stille Wüste, in die nie Unterschiedenheit hineinlugte, weder Vater noch Sohn noch Heiliger Geist. In dem Innersten, wo niemand daheim ist, dort (erst) genügt es diesem Licht, und darin ist es innerlicher als in sich selbst. Denn dieser Grund ist eine einfaltige Stille, die in sich selbst unbeweglich ist; von dieser Unbeweglichkeit aber werden alle Dinge bewegt und werden alle diejenigen »Leben« empfangen, die vernunftbegabt in sich selbst leben.25

In dieser einheitlichen Realität, diesem Ansichseienden, ist als einem einheitlichen, "überseienden" Sein der Anfang und das Ende allen getrennten Seins und aller Erkenntnis begründet, obwohl oder gerade weil es in sich selbst "unerkannt ist, nie erkannt ward und nie erkannt werden wird". Es hat mit der Welt und ihren Strukturen nichts gemein, obwohl es diesen Strukturen zugrunde liegt und sie wie im Funken hervorbringt:

»In principio«, das heißt zu deutsch soviel wie ein Anfang alles Seins, wie ich in der Schule sagte. Ich sagte überdies: Es ist ein Ende alles Seins, denn der erste Beginn ist um des letzten Endzieles willen da. Ja, Gott selbst ruht nicht da, wo er der erste Beginn ist; er ruht (vielmehr) da, wo er Endziel und Rast alles Seins ist; nicht, als ob dieses Sein zunichte würde, es wird vielmehr da vollendet als in seinem letzten Ziel gemäß seiner höchsten Vollkommenheit. Was ist das letzte Endziel? Es ist das verborgene Dunkel der ewigen Gottheit und ist unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden. Gott bleibt dort in sich selbst unerkannt, und das Licht des ewigen Vaters hat da ewiglich hineingeschienen, aber die Finsternis begreift das Licht nicht (Joh. 1, 5).26


Unser Sein und die nichtseiende, nichterkennbare und nichtvorstellbare Realität

      Gibt es diese Dinge und Vorgänge von denen Meister Eckehart spricht überhaupt oder ist das alles nur eine bloße Idee? Gibt es das, was dem Ansichseienden von Kant und dem Gott Meister Eckeharts entspricht, eine überweltliche, substantielle und jenseitige Einheit, die uns und der Welt zugrunde liegt, in der alles geschaffen wird und mit der wir auf geistige Weise verschmelzen können, die aber vollkommen andere Strukturen als diejenigen dieser Welt hat, und ist diese von uns erkannte Welt damit gar nicht objektiv vorhanden? Diese Fragen erweisen sich für uns und unsere Erkenntnis- und Vorstellungsstrukturen als unbeantwortbar, wenn unsere Strukturen nur a priori gegeben sind und mit denen einer substantiellen Realität nichts gemein haben.

Alle Aussagen über jenseitige oder überweltliche Vorgänge gibt es zunächst einmal zweifellos als Ideen in unserem Erkenntnis- und Vorstellungsvermögen, aber ohne dass "wir" sie erfahren und während dieser Erfahrung beobachten, erkennen und wissen können, wie das bei weltlichen Dingen der Fall ist. Manchmal meinen wir nur, dass "wir" etwas von der überweltlichen Realität erfahren haben, sie erkannt haben und sie damit real "ist". Doch aus der Besonderheit der Sohn-Erkenntnis bei Meister Eckehart, dem Verlöschen als Rückzug in den einfaltigen Grund jenseits aller Unterschiedenheit von Vater, Sohn und Heiliger Geist und jenseits aller Erkenntnis und allen Seins, ergibt es sich, dass auch diese Ideen und Vorstellungen Meister Eckeharts die eigentliche Realität nicht treffen. Es "ist" nicht so. Das sind vielmehr auch alles nur reine Ideen oder Vorstellungen ohne wirklichen Bezug zur substantiellen Realität. Jede angebliche Erkenntnis eines Absoluten, der Realität an sich oder irgendeinen Vorgang im Zusammenhang mit dieser ist daher nur eine bloße Idee, die weder einen Bezug zu den (ebenfalls, aber auf nichtbegriffliche Weise geschaffenen) Dingen unserer sinnlichen Erfahrungswelt hat noch gar zu der eigentlichen Realität selbst.

Meister Eckehart sagt in Erweiterung von Kant aber eigentlich etwas ganz anderes aus, nämlich dass diese Bezugslosigkeit zu einer substantiellen Realität nicht nur für unsere geschaffenen Vorstellungen und Ideen hinsichtlich dieser Realität gilt, sondern auch für alle anderen Vorstellungen und Ideen und darüber hinaus auch für unsere sinnlichen und materiell-körperlichen Erfahrungen, die Grundstrukturen der Welt und selbst für unsere Erkenntnis, unsere Reflexion und unser Bewusstein darüber. Jede der weltlichen Erkenntnis- und Seinsstrukturen ist in diesem Sinne nicht wirklich, alle haben sie das Wesen einer bloßen, hervorgebrachten Idee, die nichts mit der eigentlichen Realität zu tun hat und die es nicht wirklich, substantiell und an sich gibt.

Der einzig wirkliche Bezug von uns zu einer substantiellen Realität besteht so darin, dass wir die letztendliche Geschaffenheit, Relativität und Nichtigkeit aller Erkenntnisse und allen Seins in der Welt erkennen, und dieser Bezug ist umso mehr und wirklicher gegeben, je umfassender wir das erkennen, bis im Extremfall jede Erkenntnis und Erfahrung erlischt. Direkt kann die wahre Einheit und eigentliche Realität von uns nicht wesensmäßig erkannt werden, nicht einmal im Sohn-Sein Meister Eckeharts (dort bzw. wesensmäßig nur durch die Aufgabe jeder Erkenntnis und jeden Seins, auch das des Erkennenden). Wir können daher nur erkennen und wissen, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes im Grunde nichts erkennen und wissen.

Vielleicht unterscheiden sich die Ideen und Vorstellungen von Meister Eckehart aber dadurch von allen anderen bezüglich einer letztendlichen Realität, indem sie am besten und elegantesten mit den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt in Einklang stehen, besonders mit der Vergänglichkeit und Substanzlosigkeit des (eigenen) Seins in der Welt. In den Ideen und Vorstellungen Meister Eckeharts könnte das Sein und die Erkenntnisse dieser Welt so am besten an eine letztendlichen Realität angepasst sein, ohne dass wir je wüssten, beweisen, erkennen oder uns auch nur vorstellen könnten, warum das so ist oder was diese letztendliche Realität an sich "ist".

Was uns daher bleibt, ist lediglich die Relativität und Geschaffenheit aller Erkenntnis und allen Seins zu erkennen, und am Ende unseres Seins in der Welt kommen wir gar darum herum, das in einer für uns existentiellen und endgültigen Weise im Tod zu vollziehen. Unser Sein von der Geburt bis zum Tod entspricht darin in gewisser Weise dem Muster oder einem Bild des Sohn-Seins und der Sohn-Erkenntnis Meister Eckeharts. Vielleicht können wir dieses Vollziehen der Einheit nach den Worten von Meister Eckehart auch vorher schon auf geistige Weise verwirklichen, doch dann müssten wir uns nach Meister Eckehart von sämtlichen Vorstellungen einer solchen Einheit oder Verschmelzung lösen, denn alle Vorstellungen und angeblichen Erkenntnisse über eine Einheit und Verschmelzung damit entsprechen dem Ansichseienden nicht, haben nichts mit ihm gemein (auch nicht im Sohn-Sein und der Sohn-Erkenntnis). Meister Eckehart drückt das in drastischer Weise in dem Begriff der geistigen Armut als geistiger Weg zu dieser Einheit aus:

Wenn einer mich nun fragte, was denn aber das sei: ein armer Mensch, der nichts will, so antworte ich darauf und sage so: Solange der Mensch dies noch an sich hat, dass es sein Wille ist, den allerliebsten Willen Gottes erfüllen zu wollen, so hat ein solcher Mensch nicht die Armut, von der wir sprechen wollen; denn dieser Mensch hat (noch) einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes genügen will, und das ist nicht rechte Armut. Denn, soll der Mensch wahrhaft Armut haben, so muss er seines geschaffenen Willens so ledig sein, wie er's war, als er (noch) nicht war. Denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit: Solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen, und Verlangen habt nach der Ewigkeit und nach Gott, solange seid ihr nicht richtig arm. Denn nur das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts begehrt.27 (Kursive Hervorhebungen v. J. Q.)

Die eigentliche Realität, die dieser Welt zugrunde liegt, die aber keinen direkten Bezug zu dieser Welt hat, kann in den Strukturen der Welt nicht wesensmäßig erkannt werden. Der größte und älteste Traum des Menschen, nämlich irgendeine Art Weltformel zu finden, die ihm in einer umfassenden Weise sein eigenes Sein und das der Welt in den Strukturen der Welt und unseres Vorstellungsvermögens erklärt und darin auch als real vorhanden bestätigt, weil diese umfassende Erklärung nur durch den festen und direkten Bezug zu einer Substanz möglich wäre, wird sich daher nie erfüllen. Auch alle unsere Vorstellungen und Wünsche, unser Sein und das der Welt in einer möglichst perfekten Weise zu gestalten und in diesen weltlichen Strukturen zu vollenden, was uns heute die moderne Naturwissenschaft in Form der Technik und insbesondere auch der Gentechnik hinsichtlich unseres eigenen körperlichen Seins mehr und mehr ermöglicht, werden letztlich immer an dieser substantiellen Realität vorbeigehen und daran scheitern, erst recht wenn wir meinen, dass das von uns Erkannte, Vorgestellte oder Gewünschte die Realität ist oder ihr irgendwie entspricht.

Das Ansichseiende bleibt unerkannt, keine Struktur der Welt hat damit etwas gemein, auch nicht die Strukturen, die unser eigenes persönliches Sein bedingen. Sie sind Meister Eckehart nach letztlich ebenfalls, wie alles Sein der Welt, geschaffen, vergänglich, illusionär und substanzlos, auch wenn uns das im alltäglichen Leben nicht so erscheint. An dieser Erfahrung der Geschaffenheit, Substanzlosigkeit und Vergänglichkeit kommt letztlich, auf welche Weise auch immer, kein Sein der Welt vorbei, auch nicht das Sein der Welt selbst. In dem modernen naturwissenschaftlichen Weltbild, das von einem Urknall ausgeht, in dem Materie, Zeit und Raum erst aus einem punktförmigen Etwas entstanden sind und irgendwann einmal in dieses punktförmige Etwas wieder zusammenfallen oder sich einfach auflösen, spiegelt sich das eigentliche Wesen des Seins (in den Erkenntnisstrukturen und in der Welt) wider bzw. die Urknalltheorie ist darin ebenfalls ein Bild für das Wesen von Erkenntnis und Sein.

 
Literaturhinweise:

1) Kritik der Reinen Vernunft, Kant, 1787, S. XVI f., nach der Ausgabe Meiner Verlag, Hamburg
2) Immanuel Kant, Wolfgang Schlüter, dtv, München 1999, S. 14
3) Der Baum der Erkenntnis, H. Maturana/ F. Varela, Scherz-Verlag, München 1987, S. 259
4) Verlust der Wahrheit, John L. Casti, Droemer Knaur, München 1990, S. 516
5) Evolutionäre Erkenntnistheorie, Gerhard Vollmer, Hirzel Verlag, Stuttgart 1998, S. 121
6) s.o. Vollmer 1998, S. 137
7) Schiller Gedichte, Phaidon Verlag, Ulm 1982, S. 320
8) Meister Eckehart -Deutsche Predigten und Traktate-, Josef Quint, Diogenes Taschenbuch 20642, Zürich 1979, Predigt 40, S. 346)
9) s.o. Quint, 1979, Pr. 23, S. 261
10) s.o. Quint 1979, Pr. 42, S. 355)
11) s.o. Quint, 1979, S. 30
12) s.o. Quint, 1979, Pr. 10, S. 196
13) s.o. Quint 1979, Pr. 10, S.195)
14) s.o. Quint 1979, Pr. 36, S. 325)
15) s.o. Quint, 1979, Pr. 37, S. 331
16) s.o. Quint, 1979, Pr. 11, S. 205
17) s.o. Quint, 1979, Pr. 11, S. 206
18) s.o. Quint, 1979, Reden d. Unterw., S. 125
19) s.o. Quint, 1979, Pr. 35, S. 318
20) s.o. Quint, 1979, Pr. 23, S. 258
21) s.o. Quint, 1979, Pr. 28, S. 283, 284
22) s.o. Quint, 1979, Pr. 23, S. 258
23) s.o. Quint, 1979, Pr. 35, S. 319, 320
24) s.o. Quint, 1979, Pr. 24, S. 263, 264
25) s.o. Quint, 1979, Pr. 34, S. 315, 316
26) s.o. Quint, 1979, Pr. 23, S. 260, 261
27) s.o. Quint, 1979, Pr. 32, S. 304


 

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