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Dekonstruktion als Rückfall hinter Adorno?

Von Daniel Huber


     Ein Jahr nach der Vergabe des Theodor-W.- Adorno-Preises an Jacques Derrida erscheint im Wissenschaftlichen Verlag Berlin eine Parallelisierung Theodor W. Adornos mit Jacques Derrida.

Verfasser ist der in Zürich domizilierte freie Autor, Philosoph und Französist Stefan Zenklusen. Seine Sympathie macht Zenklusen im Untertitel explizit, in dem er für eine "Resurrektion negativer Dialektik" plädiert.

Zenklusen schält am Leitfaden des Themenkomplexes Identität und Differenz anhand der Nicht-Begriffe "Nichtidentisches" und "différance" heraus, was beide Denker eint und trennt. Auf die passagenweise vielleicht etwas dichte und überladene Exposition des Differenzdenkens beider folgt der eigentliche Gegenüberstellungsteil.


Stefan Zenklusen:
Adornos Nichtidentisches und Derridas différance, Für eine Resurrektion negativer Dialektik. Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2002. 131 Seiten, 16 Euro.

      Zenklusen wundert sich über fehlende Bezüge zu Adorno im Werk Derridas (wo der Schriftbegriff omnipräsent ist), angesichts der Rolle, die bei jenem nicht nur das Unsagbar-Nichtidentische, sondern auch (vor allem in der Ästhetik) der Spiel- und Schriftbegriff spielt. Metaphysik "im Augenblick ihres Sturzes" erheischt bei Adorno bekanntlich eine negative Dialektik, die das "Dasein ihrer Elemente" zu einer Konfiguration bringen würde, in der die Elemente "zur Schrift zusammentreten". Währenddem Adornos Nichtidentisches als utopisches Regulativ sozioökonomischer Asymmetrien und ihrer Folgen für Mensch und Natur fungiert, verlegt es Derrida in die unauslotbare, differenzermöglichende Bewegung der "différance" selbst. Die Nähe der "différance" zum "Seyn" des späten Heidegger wurde, so Zenklusen, in der Literatur bisher zu wenig herausgestrichen. Aus dieser Verwandtschaft erklärt sich Derridas viszerale Ablehnung jedes Essentialismus. Adornos Rede vom "verkehrten Wesen" müsste so aus Derridas Sicht zwangsläufig einen dekadenztheoretischen Rückfall in einen Humanismus bedeuten. Die Entsprechung zu Adornos Bilderverbot ist Derridas Definitions- und Begriffsverweigerung, die allerdings ebenfalls Heidegger’sche Züge trägt: Die "différance" schreibt er manchmal, wie der späte Heidegger das "Sein", kreuzweise durchgestrichen.

Wo bei Adorno Philosophie und Kunst in deren Wahrheitsgehalt konvergieren, scheint Derridas "Wahrheit" in der Unmöglichkeit jedes fixierbaren Gehalts überhaupt zu bestehen. Das wäre für Adorno, der Dialektik gegen sich selbst wendet, ohne sie aber aufzulösen, Hypostasis des Aporetischen.

      Zenklusen weist die These von der Dekonstruktion Derridas als einer Überwindung oder Radikalisierung negativer Dialektik zurück:

"Der Verantwortung historischer Kontextualisierung entzieht sich Derrida durch den Hinweis, das Denken von 'Geschichte' werde durch die différance überhaupt erst ermöglicht."

Derridas Fundamentalsemiologie erweise sich methodisch als eigenartiger, dem Rationalismus abholder Rationalismus, der den Strukturalismus zu verwinden vorgibt, ihm aber im binären Schematismus und der Zeichenverhaftetheit unfreiwillig treu bleibt. Die Probleme und Gefahren, die auftauchen, wenn durch "entwirklichende Spiegelfechterei" alles in Frage gestellt wird, die Begriffe zu Spielmarken werden, die in inhaltsarmer Opposition zueinander gebracht werden und die Differenz zum Selbstzweck wird, hat Adorno erkannt. Deshalb fällt Derrida, so Zenklusen, in gewisser Weise hinter Adorno zurück.

Im anschliessenden ethisch-politischen Teil kritisiert Zenklusen Derridas Haltung zu Heideggers kurzem Engagement als Rektor der Freiburger Universität als "Gänsefüsschen-Dekonstruktion mit Samthandschuhen". Origineller sind sicherlich Zenklusens gegenwartsdiagnostische Miszellen, die den Band beenden. Sie sind teilweise von einem etwas düsteren Ton geprägt, verraten aber ein feines Sensorium für die derzeitige politische, sozioökonomische und kulturelle Entwicklung. Seine eigenen Analysen verwebt Zenklusen mit Adornos Antizipation des "drohenden liberal-libertiziden Totalitarismus", der etwa von Jürgen Habermas wegen der weitgehenden Unantastbarkeit des "Systems" kaum mehr problematisiert werden kann:

"Die Versuche, negative Dialektik als Muster intellektueller Selbstverständigung einer vergangenen Epoche oder als ästhetisches Lebensverbringungsreservat zu verharmlosen, sind unhaltbar."


 

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