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Die Counterculture
Jugendkultur in den 60'ern

Von Birgit Hutzinger

Lehrveranstaltung: SE: Mythos und Realität der Sechzigerjahre
Lehrveranstaltungsleiter: Reinhold Wagnleitner / Reinhard Krammer
Universität: Universität Salzburg, Institut für Geschichte
Semester: WS 1996/97

 

Inhaltsverzeichnis


1.Vorwort: Die "wilden 60'er"

    2. Voraussetzungen zum Entstehen der Jugendkultur der Sechziger

    3. Situation der Jugendlichen in den Sechzigern

    4. Die sexuelle Revolution oder "Make love not war"

    5. Die Counterculture

    6. Die Entdeckung des Hippies

            6.1. Kann man den "Hippie" definieren?

            6.2. Aus welcher gesellschaftlichen Schicht kamen sie?

            6.3. Ihre Anliegen

                6.3.1. Mißtrauen gegenüber dem Establishment

                6.3.2. Der Drop-Out. Auf der Suche nach einer Alternativkultur

                6.3.3. Ablehnung Materialismus

                6.3.4. Ablehnung Arbeit

                Exkurs: Drogen - Religion: Mittel zur Sinneserweiterung

                6.3.5. Bewegung

                6.3.6. Individualismus

                6.3.7. Passiver Widerstand

                6.3.8. Subjektivität

   7. 1967 - The Summer of Love

    8. Die Hierarchie

   9. Völkertreffen

    10. Widersprüchliches

    11. Die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Hippies

    12. Der Untergang der Counterculture

            12.1. Der Drogentod

            12.2. Gewalt nistet sich ein

            12.3. Das System kollabiert

            12.4. Die Vermarktung der Hippiekultur

            12.5. Sektenboom

            12.6. Die Teilung der Counterculture

   13. Ernüchterung


ANHANG

Die Kunst der Counterculture - in aller Kürze
Musik
Musik und Drogenkonsum
Einige Beispiele
Literatur

Literatur

 


 

1. Vorwort: Die "wilden 60'er"


    Wenn man die Geschichte der USA in diesem Jahrhundert untersucht, lassen sich die einzelnen Dekaden wie folgt beschreiben: "Die Zwanziger waren unbeschwert, die Dreißiger die Ära der Depression, die Vierziger waren die Zeit des Krieges und des Wiederaufbaus, die Fünfziger das Zeitalter des Wohlstandes und der Konformität."
Den Sechzigern wird eine ganz eigene Bedeutung zuteil. Sie waren das Zeitalter neuer Theorien, neuer Künste, eines neuen Bewußtseins. Sie waren auch die Zeit einer Bevölkerungsexplosion, einer Jugendrevolte, als die Zahl der unter 30-jährigen rapide anstieg. Sie repräsentierten auf eine gewisse Weise den Durchbruch in eine neue, antiautoritäre Ära des modernen Denkens, in ein freies, hedonistisches, innovatives, moralisches, erotisches und intellektuelles Jahrtausend. Für andere waren die 60'er der Kollaps fundamentaler sozialer und moralischer Werte, eine Zeit ernsthaften Schadens, den nur eine Rückkehr zur traditionellen Moral und zu religiösen Tugenden wieder gutmachen konnte.

2. Voraussetzungen zum Entstehung der Jugendkultur der Sechziger


Auslöser für die neuen entscheidenden Impulse, die Jugendkulturen hierzulande erhalten haben, kommen zweifelsohne aus den USA. Im Nationalsozialismus war alles, was aus den USA kam, Zeichen von Dekadenz. Der Jazz war ein Zeichen dafür: er war verboten als "Negermusik". In den 50er Jahren gab es genügend Pädagogen, die jede Art von Unterhaltung, die aus den USA kam, diskriminierten. 
Es war die Jugend, die Amerika und seine Popmusik als ihr Ausdrucksmedium entdeckte und sie damit zu einem Organisations- und Bedeutungszentrum jugendlicher Praxis machte.3
Die rasante Bevölkerungsexplosion nach dem 2. Weltkrieg, die bis 1958 andauerte, brachte in den frühen 1960'ern eine neue Generation zur Reife. Zahlenmäßig doppelt so stark wie die Generation ihrer Eltern, formten die amerikanischen Teenager eine eigenständige, selbstbewußte Kultur, die großen wirtschaftlichen und politischen Einfluß ausübte. Aufgewachsen in den wirtschaftlich florierenden 50'er Jahren, akzeptierte diese Generation den Wohlstand als ihr Geburtsrecht. Schon früh versuchte der Handel, aus diesem Umstand Profit zu schlagen und kreierte den ersten Kinder- und späteren Jugendmarkt der Welt. Die Kaufkraft der Jugendlichen dieser Generation war eine der Grundvoraussetzungen für die Jugendrebellionen der späten 60'er.4 
Die 50er Jahre waren in der BRD gekennzeichnet durch beginnenden Wohlstand, der - wie in England - als Ursache für den Durchbruch der Teenagerkultur gelten kann: die Jugendlichen verfügten nun über eigenes Taschengeld, billigere, zugleich modische Kleidung wurde hergestellt und auch gekauft; der Plattenmarkt expandierte; Kosmetika wurden erstmalig auch preiswert und für Jugendliche angeboten, und die Transistorradios verbreiteten den internationalen Popsound mehr und mehr. Hinzu kam nun der Einfluß der Massenmedien, die Verkehrserschließung ländlicher Räume, die steigende Motorisierung von Jugendlichen - all dies trug ohne Zweifel zu einer "Teenager-Kultur" bei, die auch pädagogisch organisierten Einflüssen schnell entwuchs und schon damals statt dessen stark unter kommerziell organisierte Einflüsse geriet. Die alten Gruppenrituale lösten sich auf, denn die informellen Jugendgruppen fragten nach "Stil" nicht in irgendeinem gestaltenden oder erzieherischen Sinne. An die Stelle ererbter Rituale trat ein sozialemotionales Interesse an Gleichaltrigen mit starker Betonung des Spielraums von Freizeit, Freundschaft und Liebe.

3. Situation der Jugendlichen in den 60ern


In den 60er Jahren verliert sich der alltägliche Gebrauch des Ausdrucks "Teenager". Eine Vielzahl von unterschiedlichen Benennungen tritt an die Stelle des alten Sammelbegriffs, eine Fülle von Gruppenkulturen, die eines gemeinsam haben: eine hedonistisch-erotische Orientierung, eine Bevorzugung bestimmter Arten von Rock- und Popmusik und die Neigung, sich über gewählte Kleidung, Düfte, Gebärden eine gruppenbezogene, manchmal auch fremde provozierende Ausstrahlung zu geben. Während die Teenager-Szene mit ihren Ausdifferenzierungen den Ausgang nimmt von jüngeren Jugendlichen, ist die Protestbewegung eher von älteren Jugendlichen oder Personen bestimmt, die postadoleszenten Lebensstilen zuneigen. Der Bildungshintergrund der ersten Szene ist eher plural, tendenziell gehoben (ab Mittlerer Reife), während die Protestbewegungen sich vorzugsweise aus Schülern mit höheren Abschlüssen sowie Studenten zusammensetzen.

 

4. Die sexuelle Revolution oder "Make Love Not War"


"Life was free and so was sex"
6 
(Sara Davidson, Berkeley, Mitte der 60'er).

Die 60'er waren eine Zeit des Umbruchs, und Teil dieser Veränderungen waren auch die Abwendung von moralischen Werten wie "Anstand", "Enthaltsamkeit bis zur Ehe" oder "Monogamie" die noch in den 50'er-Jahren richtungsweisend waren. Diese veränderten Moralvorstellungen werden auch "sexuellen Revolution" genannt. Noch vor der Einführung der Pille, die 1960 auf dem Markt kam, vollzogen mehr und mehr junge Amerikaner vorehelichen Sexualverkehr. Dieser Trend beschleunigte sich während der 60'er Jahre und erregte immer mehr Aufsehen. In den späten 60'ern zeigten Meinungsumfragen, daß 3/4 aller Amerikaner dem vorehelichen Sex von Männern wie auch Frauen zustimmten. Weiters bewiesen Gutachten wie der Kinsey Report der 50'er, daß das Alter der erstmalig sexuell Aktiven im Sinken begriffen war und daß die Häufigkeit sexuellen Verkehrs unter allen sozialen Klassen zunahm. Kinsey belegte auch, daß "abweichende" Sexualverhalten (wie z.B. Oralsex) weitgehend akzeptiert wurden und daß männliches und weibliches Sexualverhalten sich zu gleichen begann. Solche Verhaltensmuster sind ein Grund für den Anstieg ungewollter Schwangerschaften in den 60'ern sowie eine Zahl von ca. 500.000 illegalen Abtreibungen pro Jahr.7 
Die sexuelle Revolution untergrub außerdem die traditionellen Definitionen von Obszönität und Pornographie. In einer Folge von Präzedenzfällen in den späten 1950'ern verbot der Oberste Gerichtshof der USA die Zensur von literarischen Klassikern wie Fanny Hill, D.H. Lawrence's Lady Chatterly's Lover und Henry Miller's Tropic of Cancer
Neu aufkommende Modeerscheinungen wie der Minirock oder langes Haar zeigten eine Befreiung des Körpers und ein neues Selbstvertrauen im Trotz gegen die mittelständischen Moralvorstellungen. 


5. Die Counterculture


Die Counterculture, oder Underground, wie sie in Großbritannien genannt wurde, war eine lose, expressive, soziale Bewegung, die sich in einer Zeit großen wirtschaftlichen Wohlstandes entwickelte.8 
Die gesamte Counterculture, die Subkultur der 60'er, war keine in sich homogene Gruppe. Sie beinhaltete sowohl "weiche" wie auch "harte" Elemente, also Leute, die im Zen-Buddhismus ihr Lebensziel suchten und von Liebe und Freiheit sprachen, wie auch solche, die auf äußerst radikale Weise die Gesellschaft verändern wollten. Diese Polarisation zeigt sich auch durch die beiden zu der Zeit populärsten Rock-Gruppen, nämlich den "sanften" Beatles und den äußerst progressiven und "schlimmen" Rolling Stones. Spricht man im folgenden von der Hippiekultur, daß sie nur eine Manifestation der Counterculture war und daß es den typischen Hippie nicht gab. 
Im Sommer 1967 - dem "summer of love", reisten tatsächlich nur wenige Anhänger der Counterculture nach San Franzisco, und genausowenige identifizierten sich selbst als Hippies. Viele junge Amerikaner fanden aber schnell heraus, daß die Counterculture Möglichkeiten zu radikalen Veränderungen bot, und so paßten sie ihr eigenes Privatleben dem Trend an.
Die anti-materialistische Philosophie der Hippies zog viele junge Leute an, die Schwierigkeiten hatten, interessante und befriedigende Arbeit zu finden oder Beziehungen einzugehen. Für sie war die Stukturlosigkeit der Hippiekultur und ihre Verachtung von Arbeit sehr attraktiv.
"Alle Anhänger der Counterculture verband aber eines: Ihre Kultur in allen ihren Manifestationen war eher imaginativ als intellektuell, eher expressiv als analytisch, eher daran interessiert, neues auszuprobieren als altes zu verbessern."9 

Tibor Kneif schreibt dazu:

"Subkultur (im folgenden auch: Untergrund-Kultur) auf eindeutige Merkmale ihres Begriffs festlegen zu wollen, hat etwas Unangemessenes. Bildlich gesprochen, gliche ein solcher Versuch dem Unternehmen, von scharfen elektrischen Scheinwerfern beleuchtete Fotos vom Urwaldgrund zu verfertigen und an solchen Bildern zu erläutern, was ein undurchdringlicher Dschungel sei. Auch der kulturelle Untergrund lebt davon, daß es keine Definition von ihm gibt. Alle bislang bekannten Darstellungen der Subkultur kranken infolgedessen an Einseitigkeit und Zufälligkeit der ausgewählten Gesichtspunkte; gänzlich verfehlt erscheint auch, illegale politische Parteien zur Subkultur zu zählen."10


6. Die Entdeckung des Hippies


6.1. Kann man den "Hippie" definieren?


- Der Ausdruck "Hippie" ist für eine Vielzahl bohemischer und studentischer Subkulturen anwendbar, es gibt einen harten Kern von einer künstlerisch-literarischen Intelligenz, eine Aristokratie von Rockmusikern und eine Unmenge von folgenden "life style rebels".11
- Hippies wurden von der Literatur als Aussteiger vom Bildungssystem beschrieben, die von der technokratischen, materialistisch orientierten Gesellschaft flüchteten und eine romantische Rückkehr pastoraler Unschuld suchten.12
- Hippies wurden als Einheit einer Generation bezeichnet, die eine Counterculture gegen Technokratie produzierte und traditionelle Vorstellungen von Karriere, Bildung und Moral in Frage stellte.13
- Die Hippies waren eine Counterculture, keine politisch aktive Bewegung. Natürlich waren die Werte der Hippies rational und emotionell außerhalb des Verständnisses der meisten Eltern. 
- Hippies sind eine von den USA ausgehende, bald weltweite und in Europa aufgenommene Bewegung, dem amerikanischen Underground zugerechnet. Sie sind amerikanische Teenager, die den Weg in eine andere Lebensform wirklich gegangen sind; sie hatten eine alternative Konzeption und entwickelten alternative Institutionen.14

6.2. Aus welcher gesellschaftlichen Schicht kamen sie?


Die Hippieszene war eine relativ gut organisierte Subkultur, hauptsächlich zusammengesetzt aus Studenten und Ex-Studenten. Das Studentenleben außerhalb des Elternhauses erlaubte ihnen große Freiheit, sie konnten ungestört mit ihren neuen Lebensstil und Identität experimentieren. Ihr kleines Einkommen, zusammen mit ihrer hohen Bildung, machte den großen Kontrast zwischen ihnen und der Jugend der Arbeiterklasse aus. Hippies waren etwas älter, gebildeter und aus der Mittelklasse (obwohl sie sich selbst gerne als Arbeiterklasse deklarierten), was ihnen bessere Jobaussichten als anderen Jugendkulturen bescherte.15
Die soziale Zusammensetzung der Hippies war bunt, zumeist jedoch stammten die Angehörigen dieser Szene (mehrheitlich im Teen-Alter, maßgeblich der Phase der Postadoleszenz) aus Elternhäusern mit sicherem oder gehobenem Einkommen und anspruchsvollem Bildungshintergrund.16


6.3. Ihre Anliegen


1.) Do your own thing, whereever you have to do it and whenever you want

2.) Drop out. Leave society, as you have known it.

3.) Blow the mind of every straight person you can reach. Turn them on if not to drugs, than to beauty, love, honesty, fun. (Hippiekodex)17 


6.3.1. Mißtrauen gegenüber dem Establishment


Wegen wichtiger Veränderungen der wirtschaftlichen und sozialen Situation ergab sich, daß die Jugend der 60'er sich wesentlich von der ihrer Eltern unterschied. Die Hippies der 60'er Jahre mißtrauten dem politischen Establishment und bewahrten eine kritische Einstellung gegenüber Ungleichheit und Wohlstand.18


6.3.2. Der Drop-Out: Auf der Suche nach einer Alternativkultur


Die Hippies lebten ihre Ausgliederung, ihre Kultur war für sie ein gelebter Prozeß. Sie entwickelten eine Vielzahl von Werten, die gegen die herrschenden Werte in Amerika gerichtet waren. Sie formierten einen nicht-wirtschaftlichen Aspekt des politischen Lebens, repräsentierten den expressiven eher als den aktiven Pol, betonten das Persönliche, das Private und das Psychologische und verhalfen damit der Politik zu einer neuen Subjektivität.19 Die Alternativkultur suchte Ehrlichkeit, körperliche Freude, Zuneigung, den Geist des Experimentiellen und absolute innere Freiheit. Viele lebten in "Bruchbuden" oder Wohngemeinschaften (Kommunen) und sicherten ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von selbstgefertigten Handarbeiten, Untergrund-Magazinen oder durch den Handel mit Drogen."20 


6.3.3. Ablehnung des Materialismus


Die wichtigste Facette der Hippie-Subkultur zentrierte sich in der Ablehnung des "Materialismus" und der Engstirnigkeit der amerikanischen Mittelklasse. Ihr Hauptaugenmerk war die Lebensqualität, das "System" erfuhr bei ihnen Ablehnung, Ablehnung, die sich in verschiedenen Formen manifestierte, militante und politische, aber auch mystische und religiöse. Konventionelle amerikanische Werte (kirchliche, vor allem protestantische Ethik, Reichtum) wurden abgelehnt, Spontaneität, Hedonismus propagiert. Sie suchten eine Identität außerhalb ihrer normalen Rolle oder Familie, was ein typisches Merkmal von Jugendkulturen ist. 


6.3.4. Ablehnung der Arbeit


Hippies kamen meist von materiell wohlhabenden Familien und wollten mehr als nur eine berufliche Karriere. Sie suchten kreative Arbeit und eine spirituelle Befriedigung. Im Gegensatz zu der Jugend der Arbeiterklasse, die darin geboren wurde, lebten sie freiwillig in Armut.21
Man versuchte, die Unterschiede zwischen Arbeit und Spiel zu beseitigen, mit der Einstellung, daß Arbeit Spaß machen sollte.


Exkurs: Drogen - Religion: Mittel zur Sinneserweiterung

Der Drogenkonsum führte zu einer Suche nach Führung und dem Sinn des Lebens, spirituistische Erklärungen wurden gefunden in den Elementen der östlichen Religionen oder westlichen Interpretationen des Zen-Buddhismus. Hippies sahen den Untergang der zeitgenössischen Industrie-Gesellschaft voraus und suchten Rettung im Orient, den Rhythmen der "Mutter Erde", in mythischen Entrückungen mit Hilfe von Drogen (LSD, Marihuana, Heroin, Mescalin, Kokain), mit Hilfe von alternativen Lehrern (z.B. Carlos Castaneda).22
Drogen wurden zu einem der meist umstrittenen Wegbereiter zur Unabhängigkeit. Während ältere Generationen zum Trotz gegen die Moral der Autorität Alkohol konsumierten, fingen Teenager und College Studenten nun an, Marihuana zu rauchen. Die Jugendkultur erinnerte ältere Amerikaner gerne daran, daß auch sie unersättliche Konsumenten verschiedener Stimulans und Beruhigungsmittel waren. Die Tatsache, daß der durchschnittliche Amerikaner es für lange Zeit für "normal" fand, mehr oder weniger von Alkohol, Zigaretten, Tranquilizern oder Barbituraten abhängig zu sein, läßt sich nicht leugnen. Die Drogenkultur der 60'er erwuchs daher mit Sicherheit nicht aus einer Gesellschaft, der die Idee des Erreichens von Glücksgefühlen mit Hilfe von chemischen Mitteln völlig fremd war. Anders gesagt waren die Drogenkonsumenten der 60'er die Kinder von Whisky-Trinkern und Rauchern der 50'er. Dieses Faktum erkannten schon die Rolling Stones in ihrem Song Mother's Little Helper:


And though she's not really ill,
There's a little yellow pill.
She goes running for the shelter
Of her "mother's little helper.
23


Der Akt des Marihuanarauchens wurde oft als Aufnahmeritual in die Jugendkultur gesehen. Neben Marihuana experimentierten die Harvard-Universitätspsychologen Timothy Leary und Richard Alpert mit der von der Regierung entwickelten Halluzinoge LSD ("acid") und behaupteten, Stadien eines "erweiterten" Bewußtseins entdeckt zu haben. Nachdem die Universität beide wegen unprofessionellen Verhaltens 1963 gekündigt hatte, nahm Leary die Rolle des "LSD-Gurus" an und gab der Jugend den Rat,

"to turn on, tune in, and drop out."24 

Zusammen mit einigen Freunden gründeten Leary und Alpert die International Foundation for Internal Freedom (IF-IF) und gaben die Psychedelic Review heraus. Auf einem Flugblatt machten sie für die Zeitschrift Werbung:

"Mescaline! Experimental Mysticism! Mushrooms! Ecstasy! LSD-25! Expansion of Consciousness! Phantastica! Transcendence! Hashish! Visionary Botany! Ololiuqui! Physiology of Religion! Internal Freedom! Morning Glory!"25


6.3.5. Bewegung


Bewegung war wichtig, einerseits im geographischen Sinn durch das Herumziehen, und in einem existentiellem Sinn. Die Hippies zogen quer durch die USA, nach Osten, meist Asien, manchmal auch nach Lateinamerika. Man mußte sich aber auch "innerlich" bewegen - durch den Konsum bewußtseinserweiternder Drogen oder dem Zuspruch zu Mystizismus, Religion oder Selbsterkenntnis.26  Die Hippies zogen, soweit es ging, aus den Metropolen aus an an die warmen Strände Kaliforniens; Tausende von Rebellen, dem Mittelstand zugehörig, verließen ihre Städte, um ländliche Wohngemeinschaften in Nordkalifornien, Süd-Oregon, dem verlassenen Südwesten oder im gebirgigen Vermont zu gründen. Sie suchten den Süden, um neue Gemeinschaftsformen, bestimmt durch Wärme, Liebe und Zuneigung auszuleben; Sie waren auf dem Weg zu einer "alternativen Gesellschaft", behaupteten sich freilich über die warmen Sommer hinaus vor allem auf dem Universitätscampus und in den Bohmemien-Quartieren der amerikanischen Metropolen.27


6.3.6. Individualismus


Dies war eine Reaktion auf die Gleichheit der Massengesellschaft. Es bedeutete, "doing your own thing", der Glaube daran, daß die Freiheit "in your own head" war, nicht als Teil einer oppressiven sozialen Struktur. Politisch bedeutete es romantische Anarchie oder die Abwendung von der Politik.28


6.3.7. Passiver Widerstand


Die Innen- und Außenpolitik der 60'er Jahre und besonders der Vietnamkrieg führten zu einer allgemeinen Politikverdrossenheit. Stattdessen blühte ein Romantiszismus auf, der besagte, daß, wenn sich die Liebe durchsetzen konnte, alles in Ordnung kommen könnte. Diese Einstellung stellte Idealismus und Expressivität anstelle von Aktivismus und rationaler Analyse. Die Macht als Variable im politischen Kampf wurde ignoriert, der Mystik und rituellen Magie zugesprochen. Lösungen blieben meistens eine Idee, wurden selten tatsächlich ausgeführt.29


6.3.8. Subjektivität


Die Subjektivität widerstand den Standards und Störungen der objektiven Welt, die als anfechtbar gesehen wurden. Sie öffnete das Selbst hin zur neuen Erfahrung, gestützt durch Drogen, religiöse und mystische, sogar magische Erklärungen. Das Morgen wird unwichtig. Freude, Erregung und Angst steigern sich. Das erklärt das Fehlen jeglicher Standards im Leben eines Hippies - "Wenn du stoned genug bist, und an einem guten Ort - alles ist in Ordnung". Die Gefahr daran ist, daß der Idealismus zum Hauptpunkt der Analyse wird (wenn du denkst, daß du frei bist, dann bist du frei), was verheerende Effekte auf Gesundheit und Hygiene hat und Ausbeutung bewirkt.30


7. 1967 - the summer of love


Einen Höhepunkt erreichte diese Bewegung im Jahr 1967, für das auch, jedenfalls in bezug auf die USA, die meisten Zahlen vorliegen. Neben den im Untergrund seßhaften Künstlern gab es im Sommer etwa 500.000 Jugendliche, die Elternhaus, Schule oder Beruf verlassen hatten.31 Vom Staat wie von der Mehrheit der Gesellschaft tolerierte Niemandsländer wie Haight Ashbury in San Francisco, Hippiekommunen bildeten Ansätze zu solchem Dropout, sie scheiterten jedoch gewöhnlich wegen des Mangels an Geld, Organisation und Realitätssinn. Auch die Idee von Rockmusik-Festivalen beruht auf einem - kollektiven - Dropout, jedenfalls auf Seiten der jugendlichen Rockfans; sie ist zur anderen Seite hin ein genialer kommerzieller Einfall. Die Lebenshaltung des "Nichtmitmachens", des "Abhauens" verbreitete sich um die Mitte der sechziger Jahre wie eine Generationsmode.32

Haight-Ashbury

In San Franciscos Stadtteil Haight-Ashbury (umgangssprachlich: "Hashbury") blühte 1967 eine psychedelische Gegenkultur auf, die fast so charakteristisch wie Chinatown oder Little Italy wurde. 


8. Die Hierarchie


Unter den Drop-Outs waren etwa 200.000 wirkliche Hippies, 200.000 Sommerhippies (oder Plastic Hippies, darunter viele runaway-children; sie gehörten jeweils nur kurze Zeit, etwa für die Dauer der Sommerferien, der Bewegung an) und 100.000 Kontakt-Hippies (meist jüngere Intellektuelle, die neue Erfahrungen suchten.). Die wirklichen New People oder Stone-Hippies (Uralt Eingesessene) erkannten solche Randsiedler nicht an: Hippie-Sein war für sie mehr als Kompensation bürgerlichen Alltags, es bedeutete Verwandlung der Persönlichkeit. Analogien zu religiösen Institutionen waren möglich.33


9. Völkertreffen


Gipfelerlebnisse der Hippie-Kultur stellten große Open-Air Festivals dar, etwa Anfang 1967 das Human-Be-In in San Francisco, als sich 20.000 im Golden Gate Park versammelten, im Juli 1969 das Rolling Stones Konzert im Hyde-Park, wohin 200.000 Jugendliche kamen, Woodstock, wo sich im August desselben Jahres 300.000 versammelten, und 1970 das Beat- und Popkonzert auf der Isle of Wight, wohin etwa eine Million kamen.34


10. Widersprüchliches


Die Counterculture formierte sich in einer Überflußgesellschaft und entpuppte sich als Parasit in jener Gesellschaft, gegen die sie eigentlich ankämpfen wollte; die Hippies waren gegen jede Form von Materialismus, lebten aber in und vom Wohlstandssystem der USA. Sie waren gegen Technik, hörten aber Musik aus komplexen Stereosystemen und sahen sich komplizierte Lichtshows an. Sie lehnten "verunreinigte" Nahrung ab, konsumierten aber synthetische Drogen. Sie sahen Freiheit als individuelles Element an, wurden aber von einem machtvollem Staat und dem Konformismus kontrolliert.35


11. Die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Hippies


Die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung stand der Hippiekultur natürgemäß mit Ablehnung gegenüber. Zwischen 1965 und 1969 stellten britische Zeitungen den Hippie als "faulen, promiskuitiven, schmutzigen, drogenkonsumierenden Vaganten" dar. Die typische Reportage (so z.B. People, 30.7.67) zeigte einen nackten, männlichen Langhaarigen mit der Überschrift: "If you disagree with this - then this paper gives you ten out of ten - the hippy cult is degrading, decadent and plain daft."36 Der Alarm, der gegen Hippies gegeben wurde, war international. Als die Hippies ihre neuen Residenzen in den Epizentren der Städte aufnahmen, kamen Meldungen aus Deutschland, Holland, Kanada, Großbritannien und Amerika. Das Schild "No Hippies" hing an vielen Eingangstüren von Restaurants. 

News of the World, am 21.9.69:

"Hippies - Drugs - The Sordid Truth. Drug taking, couples making love while others look on, a heavy mob armed with iron bars, filth and stench, foul language, that is the scene inside the hippies' fortress in London's Picadilly. These are not rumours but facts, sordid facts which will shock ordinary decent living people. Drug taking and squalor, sex - and they'll get no state aid..."37 

Der Daily Telegraph am 4.8.69 zitierte einen Englischen Touristen:

"One of the hippies came to my table, as my wife and I were having a drink. He was obiously drugged to the eyeballs and shouted:" Life is beautiful, make love together."38 


Reklametafeln in den USA mit dem Aufdruck "Beautify America - cut your hair" erschienen.


12. Der Untergang der Counterculture


Eine nicht-arbeitende, expressive Subkultur kann sich nur in einer gesunden Wirtschaft mit geringer Arbeitslosenrate entwickeln. Als sich in Amerika die Rezession ausbreitete, starb auch die Flower-Power-Bewegung. Die Blumenkinder starben in einer Wüste der Arbeitslosigkeit, Ausbeutung und Wirtschaftskrise.39


12.1. Der Drogentod


Hendrix, Joplin und Morrison starben alle 1969 an den Folgen übermäßigen Drogenkonsums. Die im Untergrund hergestellten Drogen Heroin, Amphetamine, Tranquillizer und LSD zerstörten nicht nur Geist und Körper, sondern halfen auch, die Struktur der gesamten Counterculture zu demolieren. Organisiertes Verbrechen nistete sich auf dem finanziell lukrativen Drogenmarkt ein, die Gewalt wurde endemisch. 


12.2. Gewalt nistet sich ein


Nur wenige Monate nach Woodstock, dem legendären Rock Festival in der Nähe New Yorks, das im Jahr 1969 400.000 Leute anzog, starben vier Menschen bei einem kostenlosen Rolling Stones Konzert in Altamont in Kalifornien. Einer der Toten, ein Schwarzer, wurde von Mitgliedern der Motorradgang "Hell's Angels", die beim Konzert als Sicherheitskräfte fungierte, erstochen. Charles Manson und eine Handvoll selbsternannter Hippies versteckten sich hinter der Fassade der Counterculture, um 1969 in Los Angeles, Beverly Hills, den Mord an sieben wohlhabenden Bürgern, unter ihnen Sharon Tate, die Frau des Filmregisseurs Roman Polanski, zu rechtfertigen.40


12.3. Das System kollabiert


1969 kollabierte in Haight-Ashbury das gesamte Hippie-System. Über 100.000 Teenager, die von zu Hause weggelaufen waren, bevölkerten den Stadtteil, ohne Unterstützung des Public Health Department. Vergewaltigung, Gewalt, Krankheiten und Ausbeutung griffen um sich, sogenannte "freak outs" machten die Straßen unsicher. Die verarmten "Street People" begannen ihre "Brüder und Schwestern" durch Diebstahl oder sexuelle Ausbeutung auszunehmen und brachten schlechte Drogen in Umlauf. Haight-Ashbury wurde zum Slum.41


12.4. Die Vermarktung der Hippiekultur


Die Hippiekultur produzierte "Software" - Musik, Texte, Design; doch die "Hardware", die Promotion und den Vertrieb, besorgten andere. Die Wirtschaft begann, die Counterculture zu vermarkten und so ihren Profit daraus zu schlagen. Ein Markt rund um die Hippie-Kultur entstand; Liebesperlen, Weihrauch, Transistorradios, Blue Jeans, Wasserbetten, "hip"-Kosmetik und "groovy" Haar-Accessoires wurden verkauft. Die Rockmelodien fanden ihren Weg zur Hintergrundberieselung in Einkaufszentren, die Farborgien der psychedelischen Mode (z.B. Batik) wurden bald von Bekleidungsherstellern als Massenware produziert.42 Hollywood verdiente sich an der Counterculture mit der Herausgabe von Filmen, die die rebellische Jugendkultur portraitierten, z.B. The Graduate (1967) oder Easy Rider (1969).43


12.5. Sektenboom


Der Zulauf der Jugendlichen zu alternativen Religionen führte zu einem rapiden Wachstum von Jugendsekten, die Freundschaft, sexuelle Freizügigkeiten und ein neues Leben boten und auf den Straßen für ihre Bewegung warben. Tausende von Jugendlichen wurden auf ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens, nach einer festen Struktur in ihrem bisher so strukturlosem Leben von einer oft charismatischen Führungsschicht solcher "Gruppen" finanziell und sexuell ausgebeutet und als kostenlose Arbeitskräfte mißbraucht.44


12.6. Teilung der Counterculture


Bis zum Jahr 1970 hatte sich die Hippiekulturen in mystisch und politisch Interessierte geteilt. Die politisch Interessierten engagierten sich für die New Left-Bewegung und verbanden dadurch ihre Lebensart mit Politik und kämpften gegen den Kapitalismus und Puritanismus der "Old Left". Viele engagierten sich "nur" mehr für ... oder zogen sich vollständig aus der Politik zurück. Die mystisch Interessierten zogen aufs Land, gründeten agrarische Gemeinschaften und versuchten, im Einklang mit der Natur zu leben. Aus ihnen resultierte die "Grüne" Bewegung. Es blieben die Kommunen, die die alternative Lebensweise und Kinderfürsorge versuchten. Das ökologische Bewußtsein wuchs, die Notwendigkeit, neue, alternative und legale gesundheitliche und soziale Einrichtungen zu schaffen führte zu einem neuen Interesse an Wohltätigkeitspolitik, legalen Hilfszentren, freien Kliniken und alternativen Heilmethoden.45


13. Ernüchterung


Nachdem die ältesten der 60'er-Generation vom College Campus in den Arbeitsmarkt wechselten, absorbierte die nüchterne Arbeitswelt rasch ihre radikalen Erwartungen und sie wurden Teil des von ihnen einst so verabscheuten "materialistischen Systems". Die Veränderungen dieser Zeit haben aber durchaus zu einem anhaltendem Wertewandel geführt, der teilweise bis heute stabil ist. Angehörige der 60'er Generation blieben der Instituion Ehe gegenüber häufig skeptisch, entschlossen sich vielfach, Single zu bleiben, lebten oft in "wilder Ehe", heirateten später, bekamen weniger Kinder, ließen sich öfter scheiden, heirateten oft zum zweitenmal und veränderten somit die herkömmliche Familienstruktur.46

 

ANHANG

Die Kunst der Counterculture - in aller Kürze


Die Counterculture war eine Kultur, die es Stilen und Vorstellungen erlaubte, sich ständig neu umzuwandeln. In dieser Atmosphäre beeinflußte eine weitaus mobilere, kinetischere, politsch gefärbte Sensibilität die Kunst der 60'er. Zweifelslos ging der Instinkt der späten 60'er ins Barbarische, es war zu dieser Zeit üblich, über Kunst zu sprechen, als sei die ganze Struktur vergangener Kunst und Zivilisation von einer neuen, ehrfürchtigen Kunst der Spontaneität und Dringlichkeit eingeholt worden, die - unabhängig von bisher gültigen Standards oder Formen - dem Protest und der Revolution diente.47 


Musik


Die Jugendkultur der 60'er ist eng mit der Musik verbunden. Gemeinsames Element und treibende Innovationskraft dieser Musik ist ihr Abgrenzungscharakter von der Erwachsenen-Welt, weshalb sie nur als Teil einer umfassenden Jugendkultur zu sehen ist, welche nicht nur ihre eigene Musik ausgebildet hat, sondern auch eigene Kleidung und Sprache, eigene Normen und Verhaltensformen. Die Erwachsenen reagieren darauf in immer dergleichen Weise: Nach einer kurzen Phase der Verunsicherung und Empörung gehen die Erwachsenen mit ihrer Freizeit-, Musik- und Bekleidungsindurstrie an die radikale Vermarktung der neuen Jugendkultur. Während diese ökonomische Vereinnahmung der jeweils neuen Welle schon in vollem Gange ist, bereiten Musikkritiker, Pädagogen und Wissenschaftler - von Berufs wegen um Verständnis bemüht - den Boden für die ideologische Vereinnahmung und machen sie allmählich "gesellschaftsfähig".48
In der Hippiekultur spielte Rockmusik eine wesentliche Rolle - sie transportierte die Lebensphilosophie der Jugendlichen, schuf ein Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander und grenzte sie von den "anderen", den Erwachsenen und all denen, die der Jugendkultur nicht angehörten, ab.


Musik und Drogenkonsum


Die Hippiekultur gab sich jedoch nicht einheitlich, was die Rücksicht auf das Establishment, auf familiäre und sonstige Autoritäten betrifft. Will man die These wörtlich nehmen, daß Rockmusik den Kern von Untergrund bilde, so wäre in erster Linie an die sprachliche Botschaft der einzelnen Gruppen zu denken. Rocksongs haben sich in den 60'er Jahren tatsächlich als die wirksamsten Medien erwiesen, in denen freie Sexualität, Haschisch, Fixen und Drogen propagiert und obszöne Redewendungen verbreitet wurden. Eine direkte Aufforderung zur Kriminalität war in ihnen zwar selten enthalten, aber Joint und Drogen wurden als das selbstverständliche Zubehör eines jeden Freaks thematisiert, sie gehörten zu den Mitteln, mit deren Hilfe man von der Enge bürgerlich sanktionierter Anschauungen und Vorurteile zu befreien sich vornahm.49
Daß Rockmusiker wie ihr Publikum in beträchtlichen Mengen Drogen konsumiert haben und teilweise noch konsumieren, ist gewiß. Aber die Bezeichnung acid rock oder noch häufiger psychedelic rock, mit der man die zahlreichen kurzlebigen Gruppen an der U.S. Westküste in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre versieht, führt dennoch irre. Der Begriff ist schillernd und kann bedeuten:

1) daß die Musik unter Drogeneinfluß entstanden ist

2) daß sie zum Hören im Rauschzustand bestimmt ist

3) daß sie solchem Rauschzustand vergleichbare Sinneserlebnisse bereitete. 

Keine dieser Bedeutungen läßt sich jedoch objektiv erhärten.50 Die Fixierung auf das Jetzt kennzeichnet so gut wie alle Rocktexte und beherrscht auch das Bewußtsein von Musikern und Hörern.


Einige Beispiele


Der erhebliche Erfolg der Rock'n'Roll-Musik reflektierte die neuentzündete Suche nach persönlicher Unabhängigkeit der jungen Amerikaner. Schwarze Interpreten wie Ray Charles, James Brown, Otis Redding, Aretha Franklin, die Supremes und die Temptations boten den Nachkommen der "Spießbürger-Generation" eine Alternative zu der bislang gängigen Musik. Soul Musik hatte außerdem großen Einfluß auf britische "Rock" Bands wie die Beatles oder die Rolling Stones.51 Die Musik reflektierte die neuen Werte mehr als alles andere und verdeutlichte auch die Angriffe der "Revolutionäre" gegen den herrschenden Status Quo. Die Beatles sangen You Say You Want a Revolution, Barry McGuire warnte in Eve of Destruction vor dem nuklearen Holocaust.
Bob Dylan brachte in Mr. Tambourine Man einige der wichtigsten Themen der Counterculture zum Ausdruck: Die Beschäftigung mit verschiedenen Stadien des Bewußtseins, mit der Gegenwart, die in starken Kontrast zur Zukunft oder Vergangenheit steht, mit Halluzinationen als Zufluchtsstätte.52 
Jimi Hendrix sang vom einem Leben im drogen-induzierten Purple Haze, Janis Joplin brachte den schwarzen Blues zurück zu den weißen Amerikanern. Buffalo Springfield hielten die Jugend an, stehenzubleiben und forderten: Look What`'s Going On. John Lennon hingegen sang All We Are Saying Is Give Peace A Chance.
"Bewußtseinserweiternde" ("psychedelic") oder "LSD" ("acid") Rockbands wie Jefferson Airplane, The Greatful Death und Janis Joplin waren Haight-Ashbury's direktester Kontakt mit der Mainstream Gesellschaft. Straßenbands zogen in Theater und Tanzhallen, wo sie den eindringenden "San Francisco"-Sound entwickelten.53 

"People now sang songs they wrote themselves, not songs written
for them by hacks in grimy Tin Pan Alley offices
."
54
(Ralph J. Gleason, 1967)

Der introspektive Musikstil griff auch schnell auf die Beatles, Rolling Stones sowie auf Buffalo Springfield, Bob Dylan, The Byrds, Jim Morrison (The Doors) und Jimi Hendrix über.


Literatur


Tom Wolfe fing die respektlose Stimmung der Counterculture in seinem 1968 erschienenen Roman The Electric Kool-Aid Acid Test ein; darin beschreibt er die "Heldentaten" des Autors Ken Kesey, dessen "Merry Pranksters" in einem bunt bemalten Bus durch das Land fahren, um für "sex, drugs and rock'n roll" Werbung zu machen. 
J.D. Salinger, Norman Mailer (Why Are We in Vietnam?, 1967) und John Updike (Couples, 1968) sind weitere wichtige Romanautoren dieser Ära.55 
Forschungen der Counterculture wie Herbert Marcuse's Eros and Civilization (1955, 1962), Carlos Castaneda's The Teachings of Don Juan: A Yaqui Way of Knowledge (1968), und Charles Reich's The Greening of America (1970) versuchten alternative Werte zu ergründen, die "den inneren Geist hegten und das eigene Ego transparent machten". Währenddessen verlangten kulturelle Radikale wie White Panther John Sinclair autonome Ökonomien, um solche Werte in "Jugendkolonien" auf Universitätscampusen und großen Städten aufrechtzuerhalten. Der Radikalismus des "Age of Aquarian", des friedliebenden Zeitalters einer neuen Generation, das nach Meinung vieler Hippies anbrechen würde, konnte die starren Limitationen der Counterculture aber nicht verdunkeln.56 
1967 wurde vom 21jährigen Jann Wenner das Rolling Stone Magazin gegründet. Wenner war ein charakeristisches Kind der Counterculture. Nachdem er sich im Free Speech Movement engagiert hatte, wurde er von Berkeley ausgeschlossen. Er war einer der ersten Hippies und nahm Drogen. Ein Jahr nach seinem Erscheinen hatte das Rolling Stone bereits eine Auflage von 60.000 Stück. Am Ende des Jahrzehnts betrug sie 250.000.57 
Andere publizierten Underground-Comics und Zeitungen, produzierten "Guerrilla"-Theater und alternative Film-Dokumentationen, schufen farbreiche "Pop-Art" Posters oder suchten freie persönliche Entfaltungsmöglichkeiten in den traditionellen Disziplinen wie Musik, Tanz, Poesie oder Prosa. 58 



Die Counterculture und Hippiekultur



Voraussetzung für die Entstehung von Jugendkultur in den 60'ern
:
Amerikanisierung Europas - Popmusik - Bevölkerungsexplosion nach dem 2. Weltkrieg schuf eigenständige, selbstbewußte junge Generation, die in einer Wohlstandsgesellschaft aufwuchs - Jugendmarkt entstand. 
Wichtig dabei: Sexuelle Revolution, Abwendung von bisherigen moralischen Werten wie Enthaltsamkeit, Monogamie.

Counterculture:
Lose, expressive, soziale Bewegung, die sich in einer Zeit des wirtschaftlichen Wohlstandes formierte und auch nur da überleben konnte. Viele Jugendliche waren Anhänger der Counterculture, ohne sich selbst als Hippie zu sehen


Schlagworte zur Hippiekultur:


- Bohemische u. studentische Subkultur, Aussteiger aus d. gesellschaftlichem System 
- Kodex:

1.) Do your own thing, whereever you have to do it and whenever you want
2.) Drop out. Leave society, as you have known it

3.) Blow the mind of every straight person you can reach. Turn them on if not to drugs, then to beauty, love, honesty, fun.

- Mißtrauen gegenüber dem Establishment, Ablehnung des Materialismus u. konventioneller amerikanischer Werte. Suche einer Identität außerhalb der normalen Rolle oder Familie (typisch für Jugendkulturen)

"Don't trust anybody over thirty"
(Abbie Hofmann)

- Alternatives Leben. "Ausstieg" aus Gesellschaft (drop out), Suche nach Ehrlichkeit, körperlicher Freude, absoluter innerer Freiheit, Frieden. Leben in der Gemeinschaft, in Kommunen, in "Großfamilien", wo Liebe ausgelebt werden konnte.

"Make love, not war"

- Drogen - Religion. Mittel zur Sinneserweiterung. Beide sollten das Bewußtsein erweitern und zur Selbsterkenntnis führen. "Mythische Entrückungen" mit Hilfe von LSD, Marhihuana, Heroin, Mescalin, Kokain). Drogengurus Timothy Leary und Richard Alpert. Wichtig auch: Yoga, fernöstliche Praktiken

"Turn on, Tune in, Drop out"
(Timothy Leary)

"I never hold back, man. I'm always on the outer limits of possibility."
(Janis Joplin)

- Hierarchie: Sommerhippies (oder Plastic Hippies) - Kontakt-Hippies - Stone-Hippies

- Individualismus. Reaktion auf Gleichheit der Massengesellschaft. "Doing your own thing, freedom is in your own head". Politisch: Abwendung von der Politik

"You say you want a revolution. Well, you can count me out!"
(John Lennon)

"My music isn't supposed to make you riot. It's supposed to make you "make love"!"
(Janis Joplin)

- Expressivität. Unterschiede zwischen Arbeit und Spiel sollten beseitigt werden, Arbeit sollte Spaß machen, Karriere und Geld sind völlig unwichtig. Gegen Materialismus gerichtet.

- Passiver Widerstand. Lösungen blieben immer Idee, wurden niemals tatsächlich ausgeführt.

- Bewegung. Auszug aus den Städten an die warmen Strände Kaliforniens, in den Osten (Indien, Sri Lanka), aber auch nach Lateinamerika. Bewegung aber auch innerlich (Bewußtseinserweiterung)

- 1967: The Summer of Love. Ca. 500.000 Jugendliche, die ihr Elternhaus verlassen hatten (USA). Aufblühen von Haight-Ashbury (umgansspr. "Hashbury", Stadtteil von San Francisco), Fluchtpunkt vieler Blumenkinder, die ihr Zuhause verlassen hatten ("runaways")

- Völkertreffen. Gipfelerlebnisse der Hippie-Kultur: Human-Be-In (San Francisco, 1967), Rolling Stones-Konzert (London, 1969), Woodstock (bei N.Y., 1969), Popkonzert auf der Isle of Wight (1970). Rockmusik als Ausdrucksmittel und verbindendes Element, Solidarität, good vibrations...

- Gesellschaftliche Schichtung. Hauptsächlich Studenten und Ex-Studenten aus der Mittelklasse, Eltern mit sicherem oder gehobenem Einkommen. Unterschied zur Jugend der Arbeiterklasse: Leben in freiwilliger Armut

- Meinungen über Hippies. Die Gesellschaft stand den Hippies mehrheitlich ablehnend gegenüber ("faule, promiskuitive, schmutzige, drogenkonsumierende Vaganten"), doch es gab auch Stimmen, die sich positiv über ihre friedfertige und der Liebe zugewandte Einstellung äußerten.

- Der Untergang. Rezession. Die Wirtschaft konnte die vielen Aussteiger nicht mehr finanzieren. Drogentod (Hendrix, Joplin, Morrison) - Einnistung von Gewalt in Haight-Ashbury und der gesamten Hippiekultur (Rolling-Stones-Konzert in Altamont, Ermordung Sharon Tates durch die Manson-Family) - Vermarktung der Counterculture durch die Wirtschaft - rapides Wachstum von Jugendsekten - Akzeptanz sexueller Freiheiten durch die Bevölkerung. Ab ca. 1970 Teilung der Hippie-Kultur in einen politisch (New Left) und mystisch orientierten Strang (letztere zogen auf's Land, lebten dort in Kommunen und waren Vorläufer der heutigen "Grünen")


Literatur:



Baacke, Dieter: Jugend und Jugendkulturen. Darstellung und Deutung. - München 1987.

Brake, Michael: Comparative Youth Culture. The Sociology of Youth Cultures and Youth Subcultures in America, Britain and Canada.- N.Y. 1985.

Farber, David (Hrsg.): The Sixties... From Memory to History.- Chapel Hill, London 1994.

Hodgson, Godfrey: Triumph and Failure of a Cultural Revolution. - New York 1978 

Horowitz, David A. (Hrsg): On the Edge. A History of America since World War II.- New York, Los Angeles, San Franzisco 1989

Immer diese Jugend! Ein zeitgeschichtliches Mosaik von 1945 bis heute. Hrsg. vom Deutschen Jugendinstitut.- München 1985.

Kneif, Tibor: Rockmusik und Subkultur. In: Rockmusik. Aspekte zur Geschichte, Ästhetik, Produktion. Hrsg. von Wolfgang Sandner.- Mainz 1977.

Norton, Mary Beth u.a. (Hrsg.): History of the United States.- Boston 1986

O'Neill, William L.: The Counter-Culture. In: A History of Our Time. Readings on Postwar America. Hrsg. von William Chafe und Harvard Sitkoff.- N.Y., Oxford 1983.

Snowman, Daniel und Malcom Bradbury: The Sixties and Seventies. In: Introduction to American Studies. Hrsg. v. Malcolm Bradbury und Howard Temperley- New York 1981

Weiß, Wolfgang: Jugend und Musikkultur. In: Zeitschrift für Gegenwartskunde. Sonderheft 2, Jahrgang 29: Jugend in der Gegenwartsgesellschaft.- Berlin 1980.

Video: Woodstock. Eine amerikanische Dokumentation, ausgestrahlt vom ORF.

 


 

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