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Seminararbeit zur interpretativen Soziologie

Geli W., Philipp S., Anaja L.D.V., Rosi B.
(Gruppenarbeit)

Lehrveranstaltung: Internetseminar zur Verstehenden Soziologie
Lehrveranstaltungsleiter: Univ.-Prof. Dr. Rudolf Richter
Universität: Universität Wien / Institut für Soziologie
Semester: SS 1998

 

INHALTSVERZEICHNIS:


A) Geschichte und Hauptströmungen der verstehenden oder interpretativen Soziologie

Max Weber, Auguste Comte, Emile Durkheim, Wilhelm Dilthey, Georg Simmel,
Charles Peirce, William James, George Mead, Herbert Blumer, Ervin Goffman,
Edmund Husserl, Alfred Schütz, Harold Garfinkel, Berger, Luckmann

B) Feminstische Soziologie

Einleitung
Zur feministischen Soziologie
Feministische Wissenschaftskritik
Grundsätze feministischer Wissenschaft
Empirische Methoden feministischer Soziologie
Spezielle Soziologiekritik
Zusätzliche Literatur  

C) Erhebungsmethoden und Analyseverfahren

1. Zentrale Prinzipien qualitativer Sozialforschung

Offenheit
Kommunikation
Prozeßcharakter
Reflexivität
Explikation
Flexibilität

2. Erhebungsmethoden

2.1. Das qualitative Interview
2.1.1. Typische Elemente des qualitativen Interviews
2.1.2. Formen des qualitativen Interviews
Das narrative Interview
Das problemzentrierte Interview
Das fokussierte Interview
2.2. Das Gruppendiskussionsverfahren
2.3. Die Beobachtung
2.4. Das qualitative Experiment

3. Analyseverfahren

3.1. Die qualitative Inhaltsanalyse
3.1.1 Die qualitative Inhaltsanalyse von Mayring
3.1.2 Die objektive Hermeneutik
3.2. Die Konversationsanalyse
3.4. Grounded theory

D) Klassische Fallstudien

1. "Die Arbeitslosen von Marienthal"
2. "Management and the worker"

 

Geschichte und Hauptströmungen der verstehenden oder
interpretativen Soziologie

Personenregister (alle siehe unten):
Max Weber, Auguste Comte, Emile Durkheim, Wilhelm Dilthey, Georg Simmel, Charles Peirce, William James, George Mead, Herbert Blumer, Ervin Goffman, Edmund Husserl, Alfred Schütz, Harold Garfinkel, Berger, Luckmann


      Der Begriff verstehende Soziologie wurde um 1900 durch Max Weber geprägt, der so eine Ausdifferenzierung der verstehenden Soziologie als eigene Richtung schaffte. Durch Aufarbeitung amerikanischer Strömungen setzte sich in den beiden letzten Jahrzehnten immer stärker der Begriff interpretative Soziologie durch.
Die verstehende oder interpretative Soziologie setzt sich aus einer Reihe ziemlich heterogener Ansätze mit einigen Gemeinsamkeiten auseinander. Sie vertritt eine besondere erkenntnistheoretische Position, die eher in geisteswissenschaftlicher Tradition steht. Sie macht "soziale Handlung" zum Kernpunkt und stellt den Menschen als Handelnden in den Mittelpunkt. Das soziale Handeln wird als Konstitutiv für die Gesellschaft gesehen. Die soziale Realität wird als gesellschaftlich betrachtet, ihr Sinn wird also durch Interpretation und Bedeutungszuweisung durch die Handelnden konstruiert und nicht als objektiv vorgegeben aufgefaßt. Ein zentraler Punkt ist das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Die Forschungsmethoden basieren auf dem qualitativen Paradigma.
Obwohl Max Weber als der Begründer der verstehenden Soziologie gilt, findet man in den Anfängen der Soziologie verschiedene Ansätze, die in die Richtung der verstehenden Soziologie gehen. So z.B. bei den Franzosen Auguste Comte (1798-1857) und Emile Durkheim (1858-1917). Sie stehen beide in der Tradition der Naturwissenschaften, man kann bei ihnen jedoch auch einige Aspekte finden, die für die verstehende Soziologie bedeutsam sind.
Auguste Comte beschränkt sich nicht nur auf naturwissenschaftliche Forschungstechniken, sondern wählt zusätzlich die historische Methode und den Vergleich. Bei ihm liegt die Betonung auf beobachtbaren Tatsachen und deshalb stellt er das Individuum und dessen Hadlungen, die direkt beobachtbar sind, in den Mittelpunkt. Nachfolger Comtes hingegen legen das Augenmerk auf Überindividuelles. Das Kollektive ist wichtiger und sie fangen an metaphysisch zu spekulieren. Hier erkennt man das zentrale Thema der verstehenden/interpretativen Soziologie: die Frage der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft.
Durkheim weist auf diesen Dualismus hin. Auf der einen Seite gibt es für ihn das Individuelle, das auf das Subjekt bezogen ist, auf der anderen Seite aber das Soziale, den soziologischen Tatbestand. Dieser ist ahistorisch und überindividuell, er steuert die Handlungen der Menschen. Es handelt sich um "jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben" (Durkheim 1976, S.114). Das Gesellschaftliche wird dem Individuellen übergeordnet und der Mensch wird ausgegliedert. Die Methode Durkheims ist stark an den Naturwissenschaften orientiert, er geht schon mit einer Theorie an die Realität heran und untersucht dann in welchen Erscheinungen sie vorkommt. Seine Leistung für die verstehende/interpretative Soziologie ist der Versuch Theorie und Empirie zu verbinden, denn genau dieses Auseinanderklaffen, welches auch bei ihm vorkommt, wird in der verstehenden/interpretativen Soziologie thematisiert.

Die deutsche Wissenschaft des 19.Jh. ist an den Geisteswissenschaften orientiert. Geisteswissenschaftler thematisieren die verschiedenen Formen des Verstehens (welches sogar den Status einer wissenschaftlichen Methode hat) und beschäftigen sich mit der Dichotomie der Natur- und Geisteswissenschaften. Wilhelm Dilthey (1833-1911) sieht die Grundlage der Geisteswissenschaften im Verstehen. Er meint, Natur erkläre man, Geist verstehe man. Leistungen der Menschen sind Ausdruck von Seelenerleben. Um diesen zu verstehen, muß man sich Hineinversetzen.

Georg Simmel (1858-1918) sieht Verstehen als die Beziehung eines Geistes zu einem anderen. Sobald ein Phänomen von einem Gesellschaftsmitglied wahrgenommen und irgendwie verwendet wird, kommt es zum Verstehen. Wird eine Mitteilung von einem anderen als solche verstanden und aufgenommen, gelingt Verstehen. Simmel unterscheidet drei typische Arten des Verstehens:

seelisches Verstehen:
auch psychologisches Verstehen; sich einfühlen können, weil man das  auch schon mal erlebt hat, denn Sinn des Gefühls verstehen
historisches Verstehen:
einen Ausdruck als  Resultat einer bestimmten Ursache oder aus  dem Kontext, den Randbedingungen verstehen.
zeitloses/zeitfreies Verstehen:
Prinzipien, die aus Erfahrung entstehen, aber überindividuell sind.

Die Verbindung der drei Arten ergibt Sinnverstehen, objektives Verstehen des Sinnes einer Äußerung. Max Weber (1864-1920) liefert durch den 1. Paragraph seiner Grundbegriffe die Grundlage der verstehenden /interpretativen Soziologie:

"§1. Soziologie (im hier verstandenem Sinn dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seine Wirkungen ursächlich erklären will. "Handeln" soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. "Soziales" Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist."(Weber 1972:1)

Max Weber betrachtet soziales Handeln an den Menschen gebunden und somit wird das Individuum ins Zentrum der Betrachtung gerückt. Wichtig ist der subjektive Sinn nach dem geforscht wird. Das geschieht einerseits durch aktuelles Verstehen, indem man die Bedeutung und den subjektiven Sinn der Handlung für den Handelnden erkennt (durch Beobachtung, Erfahrung, Vorwissen, subjektives Erschließen), und andererseits durch erklärendes Verstehen, anhand einer Analyse der historischen und sozialen Randbedingungen.
Verstehen wird als Ziel der Wissenschaft gesehen. Soziologie ist eine Wirklichkeitswissenschaft in der analysiert wird WIE der Wirklichkeit Sinn verliehen wird. Die Wirklichkeit wird durch den einzelnen Menschen bestimmt, durch sein Handeln. Durch das ständige Eingreifen des Menschen kommt es zu einem ständigen Wandel der Wirklichkeit und deswegen sind Erscheinungsformen historisch spezifisch. Es geht also um das Verstehen einer konkreten historischen Wirklichkeit.

Als Mittel wissenschaftlicher Erkenntnis, um die Wirklichkeit präzise zu beschreiben und um doch nicht nur auf der Ebene von konkreten historischen Situationen zu bleiben, kreiert Weber ein generalisierendes Element, den Idealtypus: ein Gedankengebilde, ein sehr genau definierter Begriff, der empirisch nie rein vorfindbar ist. Die Abweichungen von diesem Idealtypen sind dann die Realtypen. Mit Hilfe des Idealtypus ist es möglich, verschiedene Formen der Realität zu vergleichen. Die interpretativen Theorien in den USA lassen sich auf die Philosophie des Pragmatismus zurückführen. Der Pragmatismus erhebt das Handeln der Menschen zum Erkenntnisziel. Er sucht nicht nach allgemeingültigem, sondern orientiert sich an der konkreten Situation im alltäglichen Leben, sieht immer gleichzeitig Allgemeines und Besonderes. Theorie und Praxis, Handeln und Erkenntnis, sind verknüpft. Eine zentrales Interesse gilt der Frage, wie Theorie und Praxis vermittelt werden. Die Handlungen werden nach ihrem Erfolg beurteilt, jedoch mit der Einschränkung, daß es in einer bestimmten Situation richtig war. In jeder Situation muß die Auffassung von Wirklichkeit neu definiert werden, es gibt keine absolute Richtigkeit oder Wirklichkeit. Die Wahrheit liegt in jenem Denken, das einem zu erfolgreichen Handeln verhilft.

Charles S. Peirce (1839-1914) sieht in dieser Denkrichtung eine Methode, um zu überprüfen, wie sich Handeln in der Wirklichkeit bewährt. Zur Rekonstruktion von Handlungen definiert er die Methode der Abduktion, die mit einem inneren Vorgang, ähnlich der Intuition zu vergleichen ist. Die Kritik am Pragmatismus besagt, daß sich dieser nicht um Werte, Ideen, Ideale kümmere, alles hinge nur vom Nutzen und Erfolg der Handlung des Einzelnen ab. Die Wahrheit bestimmt sich nach der Praxis, in der es darum geht, erfolgreich eine Situation zu bewältigen.

Aber es hängt davon ab, was man als nützlich definiert. So z.B. William James (1842-1917) der die Anhaltspunkte für die Beurteilung der Handlung in der Religion und Moral sieht. Die Besonderheit am Pragmatismus liegt darin, daß Theorie und Praxis zusammenfallen. Jede Theorie kann nur auf die Beobachtung von Handlung basieren, wenn sie nicht spekulieren will.

Der symbolische Interaktionismus ist eine auf  zurückgehende sozialpsychologische Theorienrichtung. Die zentrale Hypothese des symbolischen Interaktionismus ist, daß soziale Interaktionen stark von den Grundbedeutungen der verwendeten Symbole abhängig und geprägt sind. Die Aufgabe der Forschung ist es, die Funktion und die Bedeutung der Symbole zu untersuchen, den Prozeß des Verstehens nachzuvollziehen, wie es zu der Bedeutung der Symbole gekommen ist und wie Handelnde in einer Gesellschaft mit diesen bedeutungsvollen Zeichen umgehen. Die Bedeutung der Zeichen, inwiefern diese symbolhaft sind, wird in der Interaktion mitgeteilt durch Sprache, Gestik und Mimik.
Nach George H. Mead (1863-1931) ist die Bedeutung von Zeichen daraus zu schließen, wie sich das Individuum zur Umwelt verhält. Die Bedeutung an sich existiert nicht, sie entsteht erst in der Interaktion. Handeln ist für ihn sinnstiftend und sinnverstehend. Voraussetzung für den Nachvollzug des Vorgangs der Bedeutungsverleihung ist das Individualbewußtsein, welches Bedeutungen sammelt, und die Perspektivenübernahme (Werte, Motive der anderen, sozial objektive Bedeutungen), welche im Sozialisationsprozeß gelernt wird, und dazu noch die Wahrnehmung der Mitmenschen. In der Wahrnehmung erfolgt die Entschlüsselung der Bedeutungsverleihung. Es entseht die Frage: wie nehmen Menschen ihre Umwelt wahr? Das wesentliche Ziel ist es, Gesellschaft und Individuum miteinander zu verbinden, wobei das Augenmerk dem Individuum gilt, das in einer Situation in Zeit und Raum handelt.
Mead entwarf eine Konzeption der Persönlichkeit, in der die Fähigkeit des Individuums, mit sich selbst zu interagieren, sowie sich selbst und die Erwartungen der Umwelt wahrzunehmen, eine große Rolle spielen; er hat für die verschiedenen Aspekte der Wahrnehmung und Darstellung der eigenen Person die Begriffe des 'I' und des 'ME'(das 'Ich' aus der Sicht der anderen) vorgeschlagen.
Aus der Chicagoer Schule sind weitere prominente Vertreter hervorgekommen. Sie haben sich in der Praxis der Forschung stadtsoziologischen und organisationssoziologischen Theorien mit einem ideellen, sozialreformistischen Ansatz zugewendet.

Herbert Blumer (1900-1987) prägte den Namen des Symbolischen Interaktionismus. Durch Zusammenfassen von Meads Ideen formuliert er drei Axiome:

Menschen handeln Dingen gegenüber auf Grund der Bedeutung die diese Dinge für sie haben Diese Bedeutung ist Produkt von Interaktionsprozessen Die Bedeutung wird in der Auseinandersetzung mit den ihr begegneten Dingen benutzt, gehandhabt und abgeändert.

Blumer unterscheidet zwei Arten von Interaktion:

symbolische Int.:
wenn Gesten interpretiert und als signifikante Symbole identifiziert werden
nicht-symbolische Int.:
spontane Reaktionen auf Handlungen, ohne Interpretation

Die Gesellschaft besteht aus symbolischen Interaktionen, sie hat Prozeßcharakter. Um das Handeln von Menschen zu verstehen, muß man den Vorgang des Handelns nachvollziehen. Das geeignetste Forschungsinstrument dieses zu erfassen, ist die teilnehmende Beobachtung.

Erving Goffman ist keiner Richtung eindeutig zuzuordnen, er knüpft teilweise an den symbolischen Interaktionismus und an die Ethnomethodologie an. Sein vielschichtiges Werk hat eine unüberschaubare Begriffswelt und ist sehr detailliert und eher exemplifizierend. Sein Thema ist die soziale Situation. Seine Hauptmetapher ist das Theater: das Leben ist eine Bühne, auf der wir unsere Rolle spielen. Er unterscheidet zwischen Haupttätigkeiten und Nebentätigkeiten in einer Situation. In Einheiten zentrierter-fokusierter Interaktion wird direkt beobachtet was andere sagen und tun, während in Einheiten nicht-fokusierter Interaktion man nur allgemeine Aufmerksamkeit füreinander hat. Bis heute ist sein Werk noch nicht ausführlich rezipiert worden.

Der eigentliche Begründer der Phänomenologie ist Edmund Husserl. Aussagen gelten dann als richtig, wenn ein anderes Gesellschaftsmitglied zustimmen könnte. Die Intersubjektivität liegt im Einverständnis der GesprächspartnerInnen. Die Phänomenologie versucht die Lebenswelt des Menschen durch ganzheitliche Interpretation zu verstehen, indem nach dem "wirklichen Wesen" einer Sache möglichst vorurteilsfrei gesucht wird; sie erfaßt Phänomene so wie sie sind und nicht wie sie uns aufgrund von Vorurteilen oder Theorien erscheinen.
Edmund Husserl (1859-1938) meint durch die Reduktion der Erkenntnis auf das reine Bewußtsein zu kommen. Denn Denken ist immer ein Denken an etwas, Denken ist Bewußtsein und beides hat eine Intentionalität. Durch die Methode der Reduktion werden die Außenwelteinflüsse, die den Blick auf das Wesentliche und damit störenden Elemente ausgeschaltet.

Für die Forschung in der Soziologie wichtige Stufen der phänomenologischen Reduktion sind:

die Ausklammerung der Weltanschauungen des Forschers
die Ausklammerung der Selbstverständlichkeiten (Vorkenntnisse)
die Ausklammerung der eigenen Intentionalitäten (Hemmungen, Emotionen,...)
die Entwicklung einer Typik aus umfangreicher Datensammlung---> wesentliche Struktur eines Phänomens.

Für Alfred Schütz (1899-1959) ist in seiner Handlungsdefinition v.a. der Sinn das entscheidende Kriterium. Es geht ihm um den sinnhaften Aufbau der sozialen Welt, um die Struktur des Handlungserlebens, weil im Handeln eine ständige Rekonstruktion der Vorgabe einer Kultur und Sozialwelt geschieht. Er unterscheidet zwischen subjektiven Sinn (den die handelnde Person in ihrer Handlung sieht) und objektiven Sinn (wie Außenstehende den subjektiven Sinn der handelnden Person wahrnehmen). Dieser Sinn der in einer Handlung liegt, soll rekonstruiert werden. Für Schütz ist Handlung ein Bewußtseinsinhalt, in dem das vorkonstruiert wird, was sich später als sichtbares Verhalten zeigt. Nicht das Handeln, sondern die Handlung ist sinnvoll. Handeln ist sowohl der Entwurf der Handlung als auch die Handlung als abgeschlossenes System. Deswegen redet Schütz von einer Theorie der Handlung. Der Begriff der Lebenswelt bezeichnet das Repertoire an Dingen für Handlungsmöglichkeiten, das Gesellschaftsmitglieder im alltäglichen Handeln prinzipiell zur Verfügung steht. Der Alltag ist dann die Konkretisierung der Lebenswelt.

Das Wissen im Alltag von der Lebenswelt ist strukturiert durch:

um-zu-Motive:
beim Entwurf des Handelns, der Zweck der erreicht werden soll
weil-Motive:
objektiv, nur dem Beobachter zugänglich oder dem Handelnden nach Abschluß der Handlung.
Typiken:
typisierte Vorstellungen von Phänomenen, helfen uns in der Orientierung in der Umwelt; enstehen immer in Interaktionen
Relevanz:
Selektion der Typiken in den verschiedenen Situationen, je nachdem welche gerade wichtig sind

Die Ethnomethodologie wird anknüpfend an die Schütz´sche Konzeption des Alltagswissens und an den symbolischen Interaktionismus durch Harold Garfinkel begründet. Sie sucht nach der Methode, die Gesellschaftsmitglieder zur Konstituierung ihres Alltages anwenden, die Wege, auf welche Gesellschaftsmitglieder zu Wissen über die Gesellschaft kommen. Annahmen über die Wirklichkeit sind Theorien und somit ist jedes Gesellschaftsmitglied ein/eine Theoretiker/in. Wissenschaftliche Theorien, welche reflektierter zustandekommen, werden als Konstruktionen zweiter Ordnung betrachtet. Wichtiger als der Inhalt einer Sache, ist die Bedeutung dieser im Alltag und durch welche Handlungen ihr diese zugeschrieben wird. Die Gesellschaft existiert nur in den Handlungen der Mitglieder, davon unabhängige Tatsachen (siehe Durkheim) werden nicht beachtet. Handlungen sind Methoden, denn Handelnde gehen in der Bewältigung des Alltags methodisch vor. In sozialen Gruppen und größeren Gesellschaften, erzeugen deren Mitglieder Handlungen, die wegen der Zugehörigkeit zu diesen
sozialen Gebilden ähnlich sind und bilden somit eine Sinnprovinz, eine Ethnie. Deswegen erhalten Praktiken der Menschen in sozialen Gefügen den Namen Ethnomethoden.

Harold Garfinkel (*1917) gilt als Begründer und Hauptvertreter der Ethnomethodologie. Ethnomethodologie konzentriert sich auf: Alltagswissen, welches Sinnübereinstimmung zwischen SprecherInnen durch Verstehen oder selber Zuschreiben von Sinn unterstellt. Diese Sinnzuschreibung ist aber labil, was Garfinkel anhand seiner Krisenexperimente beweist. Das Alltagswissen ist in der Sprechweise gekennzeichnet durch: Indexikalität: ein Satz kann nur im Kontext interpretiert werden Vagheit von Ausdrücken: diese sind nicht genau definiert, was von der Gesellschaft aber akzeptiert wird. Funktionieren Sinnübereinstimmung und gegenseitiges Verständnis, kann es zur sozialen Ordnung kommen, einem komplexen Gefüge stabil wechselseitig aufeinander bezogener Sinndeutungen und Handlungen. Die soziale Ordnung ist ein mögliches Ergebnis der Konstruktion von Wirklichkeit. Die geeigneteste Methode der Forschung ist die Ethnographie.

Der Konstruktivismus kann als die radikale und moderne Weiterentwicklung der Ethnomethodologie betrachtet werden. Er beschäftigt sich damit, wie das entsteht, was wir als wirklich ansehen. Innerhalb dieser Richtung gibt es drei Varianten:

Der Sozialkonstruktivismus:
Die Hauptvertreter sind Peter Berger und Thomas Luckmann. Der Sozialkonstruktivismus geht den Fragen nach: Warum wird etwas als naturgegeben betrachtet, wenn es von den Menschen als Gesellschaft geschaffen worden ist? Warum hat etwas von außen auferlegtes Zwangcharakter? Warum werden selbstproduzierte Sozialordnungen von TeilnehmerInnen als objektiv gesehen? Die Prozesse die soziale Ordnung konstituieren sind: Institutionalisierung: zur Entscheidungsbefreiung werden bestimmte Handlungsmuster vorgesetzt Objektivierung: Abstraktion individueller Erfahrungen in Sprache. Dabei Benutzung von Typisierungen; der eigene Wissensbestand wird weitergegeben Legitimationsprozesse: erklären, rechtfertigen die Objektivierungsprozesse, die dadurch für die nächste Generation gelten, der gemeinsame Wissensbestand wird gesichert Legitimation zweiter Ordnung: Theorieproduktion über a,b,c.

Der kognitionstheoretische oder biologische Konstruktivismus:
Er basiert auf der Neuropsychologie und der Biologie und wurde durch das Werk von Varela und Maturana (1987) verbreitet. Der Ausgangspunkt für die Erkenntnis ist das Gehirn als ein sich selbstreproduzierendes, relativ geschlossenes System mit eigenen Gesetzlichkeiten. Wissen besteht aus biophysischen Reizungen. Das Gehirn kann die Wirklichkeit nicht repräsentieren sondern konstruieren, weil diese im individuellen Bewußtsein erzeugt wird. Die Realität findet sich im geschlosenem System des Gehirns wieder. Das Problem ist, das Gehirn hat eine genaue Grenze, aber wo ist die der Sozialsysteme? Die Theorie ist außerdem noch sehr beschränkt auf das individuelle Bewußtsein, die Kommunikation wird außer Betracht gelassen.

Der empirische Konstruktivismus:
Der philosophische Hintergrund ist der radikale Konstruktivismus. Die wichtigste Vertreterin ist Karin Knorr-Cetina. Die Realität wird betrachtet als das Ergebnis oder die Konsequenz einer Wissensproduktion, sie ist immer hergestellt und hat kein "Wesen". Es entsteht die Frage nach der reinen Wissensgewinnung in der wissenschaftlichen Praxis - wie entsteht Wissen in einem naturwissenschaftlichen Laboratorium? Die zentrale Frage gilt dem WIE: wie bezeichnen Menschen die Phänomene der Umwelt und was tun sie damit? Realität ist immer Realitätsbeschreibung, sie ist produziert. Konstruktivisten beobachten TeilnehmerInnen, eignen sich aber nicht deren/dessen Kategorisierungen/Realitätsansichten an, sondern untersuchen deren/dessen Umgang mit diesen. Die Analyse muß hinreichend theoriefrei gehalten werden, da Theorien Eigenschaft von Gesellschaft und nicht von Wissenschaft sind. Man soll also ohne vorgefaßten Theorien forschen. Das zentrale Material ist der Diskurs, der auf die Struktur reduziert wird, die Intentionen sind nicht wichtig. Konstruktivisten sehen das Soziale als variabel an. Dasselbe gilt für die traditionellen soziologischen Begriffe, die hier aufgelöst werden. So wird das Kriterium der Wahrheit nicht im Sinne einer verbesserten Abbildung der Wirklichkeit gesehen, sondern als eine "Erweiterung der Welt", d.h. eine Erschließung von Bereichen, die bisher der Sozialwissenschaft verschlossen waren. Es geht also darum, die Gesellschaft in den verschiedensten Themenbereichen zu beobachten und zu zeigen, wie das zustande kommt, was wir als Gesellschaft bezeichnen. Die Bedingung der Möglichkeit von Entdeckungen ist die Nähe zum Untersuchungsgegenstand.

Auch die Frauenforschung und die feministische Soziologie haben durch die Kritik an der quantitativen Sozialforschung viel zur qualitativen Sozialforschung und somit der verstehenden oder interpretativen Soziologie in den letzten Jahrzehnten beigetragen.

 

Feministische Soziologie


1) Einleitung
2) Zur feministischen Soziologie
3) Feministische Wissenschaftskritik
4) Grundsätze feministischer Wissenschaft
5) Empirische Methoden feministischer Soziologie
6) Feministische Kritik an der herkömmlichen Soziologie
7) Zusätzliche Literatur  
 

1. Einleitung

Die Ausgrenzung von Frauen aus der Wissenschaft bringt einseitige und unvollständige Erkenntnis mit sich, da sich die ausschließlich auf Männer bezogene Wissenschaft ja nur an einer Hälfte der Menschheit orientiert, nämlich der männlichen. Die Attribute von Wissenschaft verhalten sich analog zu den Attributen von Männlichkeit. Jedoch existiert sowohl eine männliche, als auch eine weibliche Perspektive der Welt, da Frauen und Männer unterschiedliche Erfahrungen machen. Darum wird als zentrales Kriterium der feministischen Wissenschaftskritik die Geschlechtszugehörigkeit in den Vordergrund gerückt.

2. Zur feministischen Soziologie

Die Feministische Soziologie stellt, aus einem soziologischen und sozialwissenschaftlichen Blickwinkel, Frauen und ihre Lebenswelt in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung und Analyse. Ihr Ziel ist es, die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft offenzulegen und zu beseitigen. Frauen wurden, und werden immer noch, auf Grund ihres Geschlechts niedriger bewertet als Männer und so aus allen bedeutenden gesellschaftlichen Bereichen weitgehend ausgegrenzt. So wird Wissenschaft fast ausschließlich von Männern betrieben und inhaltlich bestimmt.
Die feministische Soziologie richtet ihren analytischen Blick auf die Situation von Frauen in unserer Gesellschaft, ergänzt den Erkenntnisstand und gleicht damit Defizite in der soziologischen Forschung aus. Gerade die Soziologie als Wissenschaft ist aufgerufen, die sozialen Veränderungen zu erfassen. Die Veränderungen, die durch die Frauenbewegung, in den letzten Jahrzehnten in allen gesellschaftlichen Bereichen entstanden sind, gilt es zu erkennen und zu analysieren. Durch den Blick aus einer "Frauen"-Perspektive tauchen dort, wo scheinbar alles "geklärt" war, immer neue Fragen auf. Das hat zur Folge, daß erstarrte Denkweisen in Bewegung gebracht werden und die Wissenschaft sich als solche verändert.

3. Exkurs: Feministische Wissenschaftskritik

Wissenschaft erhebt den Anspruch auf "Objektivität", "Wertfreiheit" und damit auf "universelle Gültigkeit" von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Von Feministinnen wird die "männliche" Wissenschaft jedoch als hierarchisches Machtgefüge gesehen, die diese Ansprüche als Tarnung zur Durchsetzung männlicher Interessen mißbraucht. StandpunkttheoretikerInnen wie Nancy Chodorow und Nancy Hartsock gehen davon aus, daß Erkenntnis auf theoretisierter Erfahrung beruht. Demnach muß, in hierarchisch gegliederten Gesellschaften, diese Erkenntnis bei verschiedenen Erkenntnissubjekten auch verschieden ausfallen.

Wissenschaft ist von einer doppelten Männlichkeit gekennzeichnet: dem Erhalt männlicher Macht zum einen und anderseits dem Ausschluß der Frau aus diesem Machtgefüge. Feministinnen fordern deshalb, daß Frauen auf allen Ebenen des Wissenschaftsbetriebes, ihrem Anteil in der Bevölkerung entsprechend vertreten sein sollen. Weiters erheben sie den Anspruch einer umfassenderen Wissenschaftsperspektive für sich, da sie weibliche Lebensbereiche mit einbeziehen, und so der Einseitigkeit der männlichen Sicht der Dinge entgegenwirken. Feministische Wissenschaftlerinnen versuchen nicht nur die "Lücken" in allen wissenschaftlichen Disziplinen aufzuzeigen und zu analysieren, sondern reflektieren auch konsequent ihre
Gender-Zugehörigkeit mit.

3.1. Der Anspruch auf "Objektivität"

Im allgemeinen geht mensch davon aus, daß "Objektivität" in der Wissenschaft erlangt wird, in dem sich der Forscher, oder die Forscherin, vom Forschungsobjekt abgrenzt. Das heißt, die Erkenntnisgewinnung findet unabhängig von der Person die forscht statt. Durch die Ausgrenzung der eigenen Beteiligung und Betroffenheit, entsteht gleichzeitig eine Herrschaft über das Forschungsobjekt. Die "objektive" Beurteilung und Kennzeichnung der Realität die auf diese Weise erreicht werden soll, geht hin bis zur Zerstörung des Forschungsgegenstandes.
Evelyn Fox Keller hingegen sprich von einer "dynamischen Objektivität" – das ist das Streben nach Wissen, das sich der subjektiven Erfahrung bedient, um dadurch größere Objektivität zu erlangen. Aus feministischer Sicht ist es notwendig dem Forschungsobjekt gegenüber Verantwortung, Achtung und Fürsorglichkeit aufzubringen.

3.2. Der Anspruch auf "Rationalität"

"Rationalität" ist die nüchterne, vernunftgeleitete Sachbezogenheit wissenschaftlichen Tuns. Die "Rationalität" der Wissenschaftler erwies sich jedoch als Fassade für Gefühle wie Angst, Unsicherheit und Größenwahn. Auf diese Weise wird die (männliche) Interessensgeleitetheit wissenschaftlichen Tuns verdeckt, und die "Irrationalität" der Wissenschaft verschleiert.

3.3. Der Anspruch auf "Wertfreiheit" und "universelle Gültigkeit"

Die feministische Wissenschaft geht davon aus, daß wissenschaftliche Forschung immer parteilich ist und sich nie aus den sozialen Kontexten lösen kann, in denen sie entsteht und auf die sie zurückwirkt. Der Anspruch auf "Wertfreiheit" und "universelle Gültigkeit" ist dadurch nicht gegeben. Erkenntnis ist entschieden von der Geschlechtszugehörigkeit der WissenschaftlerInnen bestimmt. Bei den von Männern geführten wissenschaftlichen Debatten ist keine Rede von ihrer eigenen Wertbezogenheit als männliches Gesellschaftswesen. Aus feministischem Blickwinkel ist deshalb eine bewußte "Parteilichkeit" unerläßlich. Das heißt, sowohl das Forschungssubjekt als auch das Forschungsobjekt muß in einem umfassenden gesellschaftlichem Zusammenhang gesehen werden, nämlich dem des Patriarchats. Es soll die männliche Sicht der Wissenschaft aufgedeckt werden und ihr Universalismus-Anspruch in Frage gestellt werden.

4. Grundsätze feministischer Wissenschaft

4.1.Überwindung des Androzentrismus

Männliche Lebensmuster und Denksysteme erheben einen Universalanspruch. Weibliche und männliche Lebenswelten sollen als Geschlechterverhältnis begriffen und analysiert werden.

4.2. Die Gender-Perspektive muß in der Wissenschaft angewendet werden

Geschlecht als soziale Konstruktion spiegelt sich nicht nur in den realen Lebensbedingungen von Frauen und Männern wider, sondern schlägt sich auch in Denksystemen nieder (Internalisierung durch geschlechtsspezifische Sozialisation). Gerade in der Wissenschaft ist es notwendig, die Geschlechterverhältnisse zu reflektieren, sowohl als Forschende mit unserer jeweiligen Gender-Zugehörigkeit als auch bezogen auf das Forschungs-"objekt".

4.3. Forderung der Emanzipation der Frauen

Das heißt, die Befreiung von Frauen aus der existentiellen und rechtlichen Abhängigkeit vom Ehemann ebenso, wie aus den biologistisch begründeten Rollenzuweisungen, ist zentrales Thema feministisch-wissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung.

4.4. Parteilichkeit und persönliche Betroffenheit als Grundlage von Frauenforschung

Aufgrund ihres jahrhundertelangen Ausschlusses, ihrer Minderbewertung, Marginalisierung und Instrumentalisierung in allen Lebensbereichen und auch in der Wissenschaft wissen Frauen sehr gut, was Diskriminierung bedeutet und daß sich ihre Lebenssituation grundlegend von der männlichen unterscheidet. Dieses Wissen und diese Erfahrung ermöglicht Frauen, als Wissenschaftlerinnen, ähnliche Diskriminierungen aufzuspüren und zu frauenbezogenen Themen zu arbeiten, die bislang von der männlichen Forschung ignoriert worden sind. Hauptsächlich sind das Forschungsbereiche, die die eigene Lebensweise und die anderer Frauen betreffen. Ziel dabei ist, die Situation von Frauen global zu verbessern, wobei eine differenzierte Betrachtungsweise und Analyse notwendig ist, um nicht in einen feministischen "Universalismus" zu verfallen.

4.5. Verbindung zur autonomen Frauenbewegung und der Bezug zur Praxis

Frauenforschung und feministische Theorie basieren nicht zuletzt auf Erfahrungen und Erkenntnissen der autonomen Frauenbewegung. Der kontinuierliche Austausch und die Diskussion zwischen Praktikerinnen und Theoretikerinnen liefern die notwendigen Impulse für feministische Forschung. Ohne diese Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit der politischen Frauenbewegung, ohne Betroffenheit und Parteilichkeit wäre die feministische Forschung nicht legitim.

4.6. Interdisziplinarität von Frauenforschung

Gerade in der Soziologie ist die Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen unterschiedlichster Bereiche, wie Politologinnen, Ökonominnen, Wissenschaftstheoretikerinnen,...mit Frauen aus der Praxis notwendig, um einerseits Zusammenhänge herstellen und andererseits frauengerechtere Bedingungen schaffen zu können.

5. Empirische Methoden der Frauenforschung

Feministische Kritik wird an ausschließlich quantitativen, scheinbar objektiven Methoden der empirischen Sozialforschung geübt – vor allem an voll standardisierten Fragebögen. Die quantifizierten Ergebnisse täuschen Objektivität oft nur vor. Vorformulierte Vorgaben (Fragebogen) sind nicht frei von der Subjektivität der Forschenden. Somit dienen sie als Herrschaftsinstrument, mit dem besonders Frauen zum Schweigen gebracht werden. In standardisierten Befragungen – vor allem, wenn Männer vorformulieren - können sich nicht zum Ausdruck bringen, daß und auf welche Weise ihre Lebenssituation und Weltsicht von jener der Männer abweicht.

1978 formulierte Maria Mies ihre "Methodologischen Postulate zur Frauenforschung": Bewußte Parteilichkeit Aktive Teilnahme von Frauenforscherinnen an emanzipatorischen Aktionen und die Integration der Frauenforschung in diese Aktionen – Aufhebung der Trennung von Politik und Wissenschaft Der Forschungsprozeß sollte so zu einem Bewußtwerdungsprozeß von Forscherin und Forschungssubjekten über die gesellschaftlichen Mechanismen der Unterdrückung von Frauen werden. Andere Forscherinnen übten Kritik an Mies´s Anspruch, aus der gemeinsamen Betroffenheit von Frauen automatisch Solidarität zwischen Frauen abzuleiten. Die Trennung zwischen Forscherin und Forschungssubjekt sei nicht restlos aufhebbar. Mies´s Postulate geben Anstoß zur methodologischen Reflexion über empirische Frauenforschung.

Qualitative, "offene" Erhebungstechniken ermöglichen eine Erfassung der Lebenszusammenhänge von Frauen mit ihren Brüchen und Ambivalenzen. Beim narrativen Interview oder bei Tiefeninterviews, anhand eines Frage-Leitfadens, bestimmen die Befragten selbst Inhalt und Umfang ihrer Antworten. Dies gilt auch für Gruppendiskussionen. Aktions- oder Biographieforschung ermöglichen wechselseitiges Lernen der beteiligten Frauen. Auch dies ist ein Grundsatz feministischer Forschung. Nachteile – wie höherer Zeitaufwand bei der Erhebung und Auswertung – werden in Kauf genommen, denn: Qualitativ erhobene Fallstudien veranschaulichen die Alltagsrealität von Frauen sehr viel besser und anschaulicher als quantitativ erhobene.

Quantitative Methoden hingegen sind geeignet, um z.B. das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen, von Arbeitssituation, von strukturellen Gleichförmigkeiten in weiblichen Lebensläufen,... in Zahlen zu erfassen.

Eine weitere empirische Methode stellt die Inhaltsanalyse dar, die bevorzugt in der Medienforschung verwendet wird. Schriftliches, auditives oder audiovisuelles Material wird ausgewertet und dient zur Ermittlung geschlechtsspezifischer Inhalte und Darstellungen in Schulbüchern, zur Analyse sexistischer Werbung, Körpersprache,...

Luise Pusch und Senta Tröml-Plötz analysierten den Sexismus in der Sprache und im Sprechverhalten. Sie trugen wesentlich dazu bei, daß doch ein gewisser Wandel des Sprachbewußtsein in der Öffentlichkeit eingetreten ist. Feministische empirische Sozialforscherinnen bevorzugen oft den Mehrmethodenansatz: Kombinationen von standardisierter,- und Intensivbefragung oder von Beobachtung und Befragung haben sich bei gewissen Fragestellungen bewährt. Auch interdisziplinäre Teams von Forscherinnen haben sich bei der Arbeit als produktiv und ergiebig herausgestellt.

6. Feministische Kritik speziell an der herkömmlichen Soziologie

Dorothy Smith spricht in ihrer "Soziologie für Frauen" von einer Verwerfungslinie. Es gilt, die Bruchstellen in bezug auf die Welt – die Bruchstellen zwischen Erfahrungen der Frauen und der gesellschaftlichen Denkformen, die zur Verfügung stehen, zu entdecken und auszudrücken. Es waren (und sind) Männer, die die Lehre von den Formen der Beziehung zwischen den Geschlechtern entwickelten. Frauen waren vom soziologischen Diskurs ausgeschlossen und nahmen am Diskurs nur teil, indem sie Relevanzmaßstäbe von Männern übernahmen. Dieses Bewußtsein macht einen Apparat sozialer Kontrolle – einen Herrschaftsapparat – sichtbar. Bilder, Ideen und Symbole sind nicht neutral, sondern ein Produkt der Herrschenden und deren Ideologie. Teil diese ideologischen Struktur ist die Soziologie: Relevanzmaßstäbe und Themen sind aus männlicher Perspektive organisiert und artikuliert. Frauen fehlt es daher an Ausdrucksmitteln, an Wissen über sich selbst und an Selbsterkenntnis. Durch den Ausschluß aus der Soziologie waren Frauen nicht in der Lage, Themen zum soziologischen Diskurs beizusteuern. Im Funktionszusammenhang des professionellen, administrativen, und unternehmerischen Apparats, in den die Soziologie eingebettet ist, hatten (haben) Frauen keine Stimme.

Die Organisation der Alltagswelt von Frauen unterscheidet sich grundlegend von der akteurbezogenen Organisation der Alltagswelt, mit der sich die Soziologie hauptsächlich befaßt. Frauen und ihre Lebensbereiche wurden von der Soziologie in weiten Teilen unterschlagen (z.B. Hausarbeit). Dies führt zu einem verzerrten Bild der Lage der Frauen. Die von Frauen soziologisch wahrgenommene Welt ist zum Großteil durch die Ankopplung des Diskurses an jenen Herrschaftsapparat, dem sie angehört, organisiert. Bei dem Versuch, eine Soziologie vom Standpunkt der Frauen aus zu entwickeln, ergeben sich massive Schwierigkeiten, denn – mit welchem Ansatz auch immer – Frauen bleiben die Untersuchungsobjekte. Der Standpunkt von Frauen, ist ein Standpunkt außerhalb des Rahmens als eine Organisationsform des gesellschaftlichen Bewußtseins. Die Erfahrung von Frauen wird als Ressource genutzt, sie ist aber nicht zu einem Bezugspunkt geworden, von dem aus die Soziologie Gesellschaft und soziale Beziehung untersucht.

Frauen sind nicht in der Lage, ihre eigenen Beziehungen zu ihren eigenen Bedingungen zu analysieren, weil die Erkenntnis nicht dort lokalisiert wird, wo die soziale Beziehung sichtbar wird. Smith fordert daher für eine feministische Soziologie die Vermittlung und Verwendung von konkret und universell Erfahrbarem statt abstrahiert-begrifflicher Arbeitsmodi. Dies bedeutet, die Alltagswelt als eine Vielfalt differenzierter Erfahrungsmuster zu konstituieren – als Ort, von dem aus das Bewußtsein der Erkennenden ihren Ausgang nimmt. Die Alltagswelt als Problematik zu identifizieren bedeutet, eine Soziologie zu entwickeln, die soziologische Untersuchungen von der Position jedes Beliebigen Gesellschaftsmitgliedes ermöglicht, indem es die Problematik eigener Erfahrung als soziologische Problematik erklärt.

 

Zusätzliche Literatur:

Brück, Brigitte; Kahlert, Heike; Krüll, Marianne; Milz, Helga; Osterland, Astrid, Wegehaupt-Schneider, Ingeborg: Feministische Soziologie. Eine Einführung, 1992

List, Elisabeth; Studer, Herlinde (Hg.): Denkverhältnisse. Feminismus und Kritik. Frankfurt/Main 1989

Allgemein:

Daly, Mary: Gyn-Ökologie. Eine Meta-Ethik des radikalen Feminismus. München 1981

Griffin, Susan: Frau und Natur. Frankfurt 1987

Hausen, Karin, Nowotny, Helga (Hg.): Wie männlich ist die Wissenschaft?. Frankfurt 1986

Honegger, Claudia: Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib 1750-1850, New York 1991

Krüll, Marianne (hg.): Wege aus der männlichen Wissenschaft. Pfaffenweiler 1990

Lerner, Gerda: die Entstehung des Patriarchats. Frankfurt/New York 1991

Pusch, Luise F. (Hg.): Feminismus. Inspektion der Herrenkultur. Ein Handbuch. Frankfurt 1983

Schlüter, Anne; Kuhn, Annette (Hg.): Lila Schwarzbuch. Zur Diskriminierung von Frauen in der Wissenschaft. Düsseldorf 1986

Tanner, Nancy: On Becoming Human. A Model of the Transition from Ape to Human and the Reconstruction af Early Human Social Life. Cambridge, London, New York 1981

Feministische Wissenschaftskritik:

Belenky, Mary; Field, Blythe; McVicker , Clinchy; Rule Goldberger Nancy; Mattuck Tarule, Jill: Das andere Denken. Persönlichkeit, Moral und Intellekt der Frau. Frankfurt/New York 1989

Harding, Sandra: Feministische Wissenschaftstheorie. Zum Verhältnis von Wissenschaft und sozialem Geschlecht. Hamburg 1990

FOX KELLER, Evelyn: Liebe, Macht und Erkenntnis. München, 1989

Schaeffer-Hegel, Barbara; Watson, Franke (Hg.): Männer Mythos Wissenschaft. Grundlagentexte zur feministischen Wissenschaftskritik. Pfaffweiler, 1988

Neuere feministische Theorien:

Großmaß, Ruth, Schmerl, Christiane (Hg.): Feministischer Kompaß, patriarchales Gepäck. Kritik konservativer Anteile in neueren feministischen Theorien. Frankfurt/New York, 1989

Irigaray, Luce: Das Geschlecht, das nicht eins ist. Berlin, 1979

Ansätze feministischer Wissenschaft:

Beer, Ursula (Hg.) Klasse Geschlecht. Feministische Gesellschaftsanalyse und Wissenschaftskritik. Bielefeld, 1987

Pusch, Luise F.: Das Deutsche als Männersprache. Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Frankfurt, 1984

Alle Menschen werden Schwestern. Feministische Sprachkritik. Frankfurt, 1984

Trömel-Plötz, Senta (Hg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen im Gesprächen. Frankfurt, 1984

Methoden:

beiträge zur feministischen theorie und praxis Heft 11: Themenheft Frauenforschung oder feministische Forschung? Hg. Von Sozialwissenschaftliche Forschung & Praxis für Frauen (Wichtige Beiträge zur Methoden- und Methodologie-Diskussion. U.a.: Heide Götter-Abendroth, Maria Mies, Claudia Opitz, Christina Thürmer-Rohr.

Methoden in der Frauenforschung: Symposium an der Freien Universität Berlin. Hrsg. Von der Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauenstudien und Frauenforschung ans der Freien Universität Berlin. Frankfurt/Main 1984

Brück, Brigitte; Kahlert, Heike; Krüll, Marianne; Milz, Helga; Osterland, Astrid; Wegehaupt-Schneider, Ingeborg: Feministische Soziologie. Eine Einführung, 1992

 

 

Erhebungsmethoden und Analyseverfahren


1) Zentrale Prinzipien qualitativer Sozialforschung

Offenheit
Kommunikation
Prozeßcharakter
Reflexivität
Explikation
Flexibilität

2) Erhebungsmethoden

2.1. Das qualitative Interview
2.1.1. Typische Elemente des qualitativen Interviews
2.1.2. Formen des qualitativen Interviews
Das narrative Interview
Das problemzentrierte Interview
Das fokussierte Interview
2.2. Das Gruppendiskussionsverfahren
2.3. Die Beobachtung
2.4. Das qualitative Experiment

3) Analyseverfahren

3.1. Die qualitative Inhaltsanalyse
3.1.1 Die qualitative Inhaltsanalyse von Mayring
3.1.2 Die objektive Hermeneutik
3.2. Die Konversationsanalyse
3.4. Grounded theory
  

 

EINLEITUNG


      In diesem Teil der Arbeit wurde der Versuch unternommen einen Überblick über die qualitativen Erhebungsmethoden und Analyseverfahren zu geben. Die Verfasserin dieses Textes erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da klar ist, daß die Beschreibung qualitativer Methoden noch umfangreicher und ausführlicher gestaltet werden könnte. Am Beginn diese Textes werden die zentralen Prinzipien qualitativer Sozialforschung angefüht, die ForscherInnen, die qualitativ arbeiten wollen, kennen sollten, da es wichtig ist diese Punkte während der Forschung im Hinterkopf zu haben, um wirklich richtig arbeiten zu können. Natürlich sind es gerade diese Prinzipien, die qualitatives Arbeiten aufwendig und schwierig machen, aber gleichzeitig auch interessant und spannend. Anschließend werden folgende Erhebungsmethoden beschrieben: Das qualitative Interview (das narrative, das problemzentrierte und das fokussierte Interview), das Gruppendiskussionsverfahren, die Beobachtung und das qualitative Experiment. Verschiedene Analyseverfahren, die qualitative Inhaltsanalyse, (die qualitative Inhaltsanalyse von Mayring, die objektive Hermeneutik), die Konversationsanalyse, die Narrationsanalyse und die Grounded theory bilden den Abschluß diese Methodenteiles.
 

1. ZENTRALE PRINZIPIEN QUALITATIVER SOZIALFORSCHUNG

Offenheit
Das Prinzip der Offenheit bezieht sich auf die Untersuchungsperson, den Untersuchungsgegenstand und auf die anzuwendenden Methoden. Die Hypothesenbildung wird zurückgestellt, d.h. es wird auf vorab formulierte und dann in der Untersuchung überprüfte Annahmen verzichtet. Die Hypothesen sollen erst auf der Grundlage der im Forschungsprozeß erhobenen Daten entwickelt und empirisch überprüft werden. Durch die Offenheit sollen Veränderungen der Forschungsfrage, (z.B. Miteinbeziehung mehrerer Personen) der Methode (Wahl der Methode verändert sich im Laufe der Bearbeitung) und der Interpretation (verschiedene Varianten) ermöglicht werden.

Kommunikation
Forschung ist als Kommunikation und Interaktion zwischen ForscherIn und zu Erforschenden zu denken. Weder die Informationen der Untersuchten noch die Urteile des/der ForscherIn können als theorieunabhängig und verläßliche Aussagen über die Wirklichkeit betrachtet werden. Aus diesem Grund ist die kommunikative Interaktion zwischen ForscherIn und Erforschten unvermeidbar; es geht um das gegenseitige Aushandeln der Wirklichkeitsdefinitionen.

Prozeßcharakter
Das Forschungsinteresse ist auf den Prozeß der Konstitution von Wirklichkeit und Deutungs-und Handlungsmuster gerichtet, mit deren Hilfe die Welt gedeutet und praktisch gehandhabt wird. Diesen Konstitutionsprozeß von Wirklichkeit zu dokumentieren, analytisch zu rekonstruieren und schließlich durch das verstehende Nachvollziehen zu erklären, ist das zentrale Anliegen der interpretativen Soziologie.

Reflexivität
Eine Grundannahme der verstehenden Soziologie besteht darin, den Bedeutungen von menschlichen Verhaltensprodukten- sei es nun sprachlicher (Symbole, Deutungen, Sprechakte) oder nonverbaler Natur (Gesten, Handlungen)- eine prinzipielle Reflexivität zu unterstellen. Damit ist gemeint, daß jede Bedeutung von Handlungen kontextgebunden und Index eines umfassenderen Regelwerks ist. Die Bedeutung verweist reflexiv auf das Ganze und ist nur durch den Rückgriff auf den Kontext verständlich.

Explikation
Dabei handelt es sich um die erwünschte Erwartung an den/die SozialforscherIn, die Einzelschritte des Untersuchungsprozesses so weit als möglich offen zu legen. Dadurch kann die Nachvollziehbarkeit der Interpretation und damit auch die Intersubjektivität des Forschungsergebnissen gesichert werden, die Gültigkeit der Interpretation natürlich nicht.

Flexibilität
Unter Flexibilität soll die Anpassung an veränderte Bedingungen, die sich auf die Situation und die Relation zwischen ForscherIn und Erforschten bezieht, im gesamten Forschungsprozeß, verstanden werden. Es sollten keine starren Vorgangsregeln den Forschungsprozeß leiten, sondern es sollten Entwicklungsmöglichkeiten offengehalten werden, um den Verlauf der Untersuchung zu determinieren.
 

2. ERHEBUNGSMETHODEN

2.1. DAS QUALITATIVE INTERVIEW

"Ein planvolles Vorgehen mit wissenschaftlicher Zielsetzung, bei dem die Versuchsperson durch eine Reihe gezielter Fragen oder mitgeteilter Stimuli zu verbalen Informationen veranlaßt werden soll."

2.1.1. Typische Elemente qualitativer Interviews

Die Variationen der einzelnen Interviewformen sind so vielfältig und differenziert, daß deren vollzählige Auflistung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.M Aus diesem Grund wird vor allem auf das narrative, problemzentriert und das fokussierte Interview näher eingegangen. Es lassen sich für all diese Interviewformen typische Elemente erkennen:

Qualitative Interviews werden mündlich und persönlich geführt. Es handelt sich um nicht-standardisierte Interviews. Das Interview wird nicht nach einem dedailliert ausgearbeiten Fragebogen geführt, sondern der/die InterviewerIn zeigt in einem qualitativen Interview Empathie, d.h. er/sie geht auf das Gesagte ein, stellt danach weiteren Fragen und der/die Befragte formuliert die eigenen Gedanken mit eigenen Worten. Es werden ausschließlich offene Fragen gestellt. Die Antworten auf offene Fragen werden nicht in ein vorgegebenes Antwortenschema eingeordnet, sondern die vom/von der Befragten gebrauchten Formulierungen werden möglichst sinngemäß aufgezeichnet, d.h. offene Fragen geben dem/der Interviewten die Möglichkeit das zu sagen was ihm/ihr wichtig ist.
Der Interviewstil ist neutral bis weich. Ein weich geführter Interviewstil läßt sich dadurch erkennen, daß der/die InterviewerIn bemüht ist ein Vertrauensverhältnis zum/zur Befragten aufzubauen, indem Sympathie demonstriert wird. Neutral ist ein Interview, wenn es durch einen unpersönlich-sachlichen Charakter gekennzeichnet ist. Das Treffen der beiden Gesprächspartner bezieht sich nur auf das eine Interview, wobei es nur um die Führung eines Intervies geht. Im Hinblick auf die Intention des Interviews handelt es sich vornehmlich um vermittelnde, aber durchaus auch um ermittelnde Interviews. Bei ermittelten Interviews wird der/die Befragte als TrägerIn von abrufbaren Informationen verstanden, die den/die InterviewerIn interessieren. Bei vermittelnden Interviews wird die Befragungsperson als Ziel einer informatorischen oder beeinflussenden Kommunikation begriffen, d.h. Gegenstand des Interviews ist nicht der Informationsfluß vom/von der Befragten zum/zur InterviewerIn, sondern es wird eine Erkenntnis- oder eine Bewußtseinsveränderung auf der Seite des/der Befragten provoziert. Ein Beispiel für ein vermittelndes Interview wäre das psychologisch-therapeutische Gespräch. In der Regel sind qualitative Interviews Einzelbefragungen, aber auch Gruppendisskussionen können qualitativ orientiert sein.
 
2.1.2. FORMEN DES QUALITATIVEN INTERVIEWS

Das narrative Interview

Narrative Interviews werden häufig in der Biographie- und Lebenslaufforschung als Methode der Datenerhebung eingesetzt. In dieser Form des Interviews wird der/die Interviewte gebeten, die Geschichte eines Gegenstandsbereichs, an dem er/sie teilgenommen hat, in einer Stehgreiferzählung darzustellen. Der Hauptteil eines narrativen Interviews besteht aus der Erzählung selbsterlebter Ereignisse. Aufgabe des Interviewers, der Interviewerin ist es, den/die Befragten dazu zu bewegen, die Geschichte des in Frage stehenden Gegenstandsbereichs zu erzählen. Das narrative Interview ist dadurch gekennzeichnet, daß der/die ForscherIn ohne theoretisches Konzept (Hypothesenbildung) an die Datengewinnung geht und erst nach dem Interview, bzw.mit den gewonnenen Daten die Erarbeitung eines Konzeptes beginnt (im Idelafall).

Eröffnet wird das narrative Interview mit einer Eingangsfrage, die möglichst offen gestellt werden sollte. Der/die Interviewte wird durch diese erste Frage aufgefordert mit der Erzählung zu beginnen. In der Erzählphase übernimmt der/die InterviewerIn die Rolle des Zuhörers,der Zuhörerin wobei das Interesse sehr wohl durch gelegentliche verbale Äußerungen, wie "hm" oder nonverbale Gesten signalisieren kann. Der Erzählfluß des/der Interviewten sollte nicht durch Fragen unterbrochen werden. Das Ende der Erzählung wird vom Interviewten, von der Interviewten selbst bestimmt. In der Nachfragephase fordert der/die InterviewerIn den/die ErzählerIn auf, Unklarheiten der Geschichte verständlich zu machen. In der darauffolgenden Bilanzierungsphase wird versucht den Sinn der Erzählung zu erörtern bzw. einen abschließenden Überblick der Geschichte zu entwickeln. Schwierigkeiten entstehen dadurch, daß es für die Interviewten oft schwierig ist die Rolle des Erzählers, der Erzählerin einzunehmen, da man sich unter einem Interview das Wechselspiel von Frage und Antwort vorstellt. Der/die InterviewerIn ist nur ZuhörerIn und es ist für nicht leicht während der Haupterzählung keine Fragen zu stellen, um eigene Unklarheiten aus dem Weg zu schaffen.

Das problemzentrierte Interview

Im Unterschied zum narrativen wird beim problemzentrierten Interview bereits vor der Befragung ein wissenschaftliches Konzept erarbeitet, das sich der/die ForscherIn durch eigene Recherchen im Untersuchungsfeld erstellt und sich so auf die Studie vorbereitet. Aus den gesammelten Informationen werden die relevanten Aspekte des Problembereichs herausgefiltert und zu einem theoretischen Konzept verknüpft. Dieses wird natürlich durch die zusätzlichen Informationen aus dem Interview modifiziert. Folgende vier Techniken werden verwendet:

Dem/der Befragten kann zu Beginn oder am Ende des Interviews ein standartisierter Fragebogen vorgelegt werden. Es gibt unterschiedliche Meinungen wann der Fragebogen ausgegeben werden soll: vor dem Interview als erste inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Problemkreis oder als günstigen Einstieg in das Gespräch und am Ende des Interviews damit sich die Frage-Antwort-Struktur des Fragebogens nicht auf den Dialog im Interview auswirken kann. Der/die ForscherIn entwickelt einen Leitfaden für das Interview, d.h. alle wichtigen und für die Fragestellung relevant erscheinenden Themenbereiche werden systematisch notiert und nach Abhandlung im Interview auf der Liste wieder gestrichen. Das Interview wird auf Tonband oder Video aufgezeichnet und später transkribiert. Weiters sollte ein Postskript angefertigt werden, das die Gespräche vor und nach dem Interview, sowie nonverbale Reaktionen (Gestik, Mimik) erfaßt.

Der Ablauf des problemzentrierten Interview lautet wie folgt: Gesprächseinstieg, allgemeine und spezifische Sondierung und ad-hoc-Fragen Durch ein Erzählbeispiel oder eine offen gestellte Frage fordert der/die InterviewerIn den Befragten, die Befragte zum Erzählen auf. Die spezifische Sondierung ist darauf ausgerichtet, daß der/die ForscherIn versucht das Gesagte in eigenen Worten wiederzugeben, Verständnisfragen zu stellen oder bei Widersprüchen den Interviewpartner damit zu konfrontieren. Damit soll gesichtert werden, daß das Erzählte richtig verstanden wurde. Ist dies nicht der Fall soll der/die Interviewte die Möglichkeit haben, weitere Erklärungen anzubringen. In der letzten Phase kann der/die InterviewerIn noch nicht angesprochene Themen in Form von ad-hoc-Fragen, d.h. direkten Fragen ins Gespräch bringen.

Das fokussierte Interview

Der Versuch eine vorab formulierte Hypothese an der Realität zu überprüfen. Im Mittelpunkt des fokussierten Interviews steht die Erfassung von subjektiven Erfahrungen, Meinungen, Eindrücken, Reaktionen etc. einer erlebte Situation. Dies kann z.B. ein Film sein, den die Befragten gesehen haben, ein Artikel oder ein Buch, das sie gelesen haben. Der/die ForscherIn formuliert einen Leitfaden für das Interview, in dem relevant erscheinende Aspekte und Elemente des Themas enthalten sind. Der/die ForscherIn sollte sich mit eigenen Bewertungen weitgehend zurückhalten und die Fragen sollten so gestellt werden, daß der/die Interviewte jene Aspekte erzählen kann, die ihm/ihr wichtig erscheinen und nicht jene, die für den/die ForscherIn interessant wären. Außerdem ist es wichtig, darauf zu achten, daß die Aussagen nicht oberflächlich bleiben, sondern in die Tiefe gehen, d.h. nicht nur Beschreibungen von Gefühlen, sondern auch die Wirkung oder Bedeutung dieser Gefühle sollten erörtert werden.

2.2. DAS GRUPPENDISKUSSIONSVERFAHREN

Eine Gruppendiskussion ist dadurch gekennzeichnet, daß eine Gruppe von Personen ein Gespräch zu einem bestimmten Thema unter Laborbedingungen führt.

Ziele der Gruppendiskussion können sein:

"Erkundigung von Meinungen und Einstellungen der einzelnen TeilnehmerInnen der Gruppendiskussion
Ermittlung der Meinungen und Einstellungen der ganzen Gruppe
Feststellung öffentlicher Meinungen und Einstellungen
Erforschung gruppenspezifischer Verhaltensweisen
Erkundigung der den Meinungen und Einstellungen zugrundeliegenden Bewußtheitsstrukturen der TeilnehmerInnen
Gruppenprozesse, die zur Bildung einer bestimmten individuellen oder Gruppenmeinung führen
Empirische Erfassung ganzer gesellschaftlicher Teilbereiche"

Der/die ForscherIn wählt die TeilnehmerInnen und den/die DiskussionsleiterIn aus. Vor der eigentlichen Diskussion stellt der/die ModeratorIn den Gegenstand der Diskussion vor und präsentiert den Grundreiz, d.h. durch eine provokante oder umstrittene Aussage soll die Diskussion in Gang gebracht werden. In der Literatur werden verschiedene Phasen unterschieden nach denen eine Gruppendiskussion abläuft: am Diskussionsbeginn äußern sich die Teilnehmerinnen noch sehr vorsichtig und unverbindlich (Fremdheitsphase), in der Phase der Orientierung werden die Aussagen schon konkreter erläutert und die Vertrautheitsphase ist bereits durch kollektive Übereinstimmungen gekennzeichnet. Die TeilnehmerInnen zeigen Konformität, d.h. Gesprächsbeiträge werden nach der Gruppenmeinung formuliert. Sowohl die Aufzeichnung auf Tonband als auch auf Video bringt gewisse Probleme mit sich.

Bei einer Tonbandaufnahme müssen die einzelnen Gesprächsbeiträge der TeilnehmerInnen gekennzeichnet werden, um sie bei der Transkription und Analyse, dem/der jeweiligen SprecherIn zuordnen zu können. Weitere Schwierigeiten können dadurch auftreten, daß nicht alle beteiligten Personen in gleichem Maße zu Wort kommen und daß die individuelle Meinung durch die Gruppendiskussion verändert werden kann. Ist der Vergleich von Gruppendiskussionsverläufen das Hauptinteresse der Forschung, könnte das schwierig werden, weil die Prozesse in den einzelnen Gruppen nicht vorhersehbar sind, auch wenn sie bis zu einem gewissen Maße gesteuert werden können. Bei der Analyse ist der/die ForscherIn damit konfrontiert, eine Vielzahl von Gesprächspartnern zu untersuchen. Die Rekonstruktion von Gruppenprozessen kann nicht immer eindeutig nachvollzogen werden.

2.3. DIE BEOBACHTUNG

Bei der Beobachtung steht die Erfassung und das Verstehen von sozialem Handeln und Verhalten (Interaktionen, Handlungsmuster, Wertvorstellungen usw.) in der natürlichen Lebenswelt der zu untersuchenden Personen oder Gruppen. Es werden nicht nur visuelle Wahrnehmungen, sondern auch Hören, Fühlen, Riechen, Tasten miteinbezogen.
Die wissenschaftliche Beobachtung ist im Gegensatz zur Alltagsbeobachtung geplant, wird systematisch aufgezeichnet und wiederholten Prüfungen und Kontrollen unterzogen. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Formen, die untereinander kombinierbar sind:
Die strukturierte Beobachtung wird nach einem vorab festgelegtem Beobachtungsschema durchgeführt, während die unstrukturierte Beobachtung ohne spezifisch definierte Richtlinien passiert. Offen beobachtet wird dann, wenn die beobachteten Personen vom Forscher,der Forscherin über das Vorhaben in Kenntnis gesetzt wurden und verdeckt, wenn die Beobachtungsabsicht verheimlicht wird. Der Unterschied zwischen teilnehmender und nicht-teilnehmender Beobachtung besteht darin, daß der/die ForscherIn am Alltagsleben der zu untersuchenden Personen oder Gruppen teilnimmt oder nur von außen beobachtet. Die Feldbeobachtung erfolgt in der natürlichen Lebenswelt der Personen, während die Laborbeobachtung künstlich geschaffen wird.

Der/die ForscherIn kann im Feld verschiedene Rollen einnehmen:

Bei der vollständigen Teilnahme nimmt der/die ForscherIn im sozialen Feld eine alltäglich vorgesehene Rolle ein, d.h. er/sie ist ein "echtes Mitglied" der zu untersuchenden Situation z.B. als TaxifahrerIn oder ArbeitskollegIn in einer Organisation. Wegen der völligen Identität mit dem Feld wird verdeckt gearbeitet. Hier besteht aber die Gefahr des "going native". Darunter versteht man die zu starke Identifikation mit dem Beobachtungsfeld, sodaß die Grenzen zwischen den Rollen (ForscherIn und TeilnehmerIn) nicht mehr ersichtlich sind. Die Teilnahme als BeobachterIn ist dadurch gekennzeichnet, daß der/die ForscherIn primär TeilnehmerIn und sekundär BeobachterIn ist. Die zu untersuchenden Personen kennen die Absichten des Forschers, der Forscherin. BeobachterIn als TeilnehmerIn: ist der/die ForscherIn primär BeobachterIn und sekundär TeilnehmerIn ist er/sie zwar mehr oder weniger in das Geschehen intergriert die Hauptufgabe besteht im Beobachten. Bei der vollständigen Beobachtung findet zwischen ForscherIn und beobachteten Personen keinerlei Interaktion statt, d.h. die Beobachteten wissen nicht, daß sie beobachtet werden.

Folgende Schwierigkeiten können auftreten:

Beeinflussung der beobachteten Person durch Interaktion mit dem/der BeobachterIn.
Rollenkonflikte des Beobachters, der Beobachterin aufgrund wechselnder Aufgaben: als BeobachterIn besteht die Aufgabe in der objektiven Betrachtung der Situation, und als TeilnehmerIn sollte in eine spezifischen Rolle geschlüpft werden.
"Going native"- Identifikation mit dem Beobachtungsfeld.
Die ethische Komponente der verdeckten Beobachtung: Unaufrichtigkeit und Täuschungsabsichten gegenüber den zu untersuchenden Personen oder Gruppen. Der/die BeobachterIn sollte zugleich involviert und distanziert sein.

Zwischen Aufzeichnung der Beobachtungsdaten und der Beobachtung selbst sollte die Zeitspanne möglichst kurz sein. Die Aufzeichnung im Feld sollte aber vermieden werden, da sie bei offener Beobachtung ein Störfaktor darstellt und bei verdeckter Beobachtung sowieso nicht möglich ist. Mögliche Methoden: Aufnahmen auf Tonband oder Video, solange sie die Feldsituation nicht stören oder beeinflussen. Hilfreich sind diese Aufnahmen bei der Analyse des Materials, da man die Möglichkeit hat, die Beobachtung wiederholt anzuschauen. Gedächtnisprotokolle, Tagebücher, Tonbanddiktate sind weitere Möglichkeiten, die Beobachtung festzuhalten. In Bezug auf die Auswertung von Beobachtungsdaten ergibt sich eine besondere Schwierigkeiten, wenn keine wörtlichen Mitschriften vorhanden sind. Aus diesem Grund ist es wichtig die Auswertungsschritte ausführlich darzulegen und gemeinsam mit den Protokollen so zu präsentieren, daß die Nachvollziehbarkeit gewährleistet ist.

2.4. DAS QUALITATIVE EXPERIMENT

"Das qualitative Experiment ist der nach wissenschaftlichen Regeln vorgenommene Eingriff in einen (sozialen) Gegenstand zur Erforschung seiner Struktur. Es ist die explorative, heuristische Form des Experiments." Ziel und Gegenstand des qualitative Experiments ist die Erforschung von sozialen Strukturen. Es geht um das Finden von Beziehungen, Einstellungen Handlungsweisen in einer bestimmten Situation. Im Experiment geht es darum einen sozialen Gegenstand (Individuen, Gruppen) zu verändern und die Auswirkung der Veränderungen zu untersuchen. Es werden sechs Techniken unterschieden, die in drei Gruppen zusammengefaßt sind:

a) Gliederung des Gegenstandes Seperation/Segmentation:
Teilung/Gliederung eines Gegenstandes in Unter-und Nebengruppen z.B. Unterteilung eines Bertiebes in Untergruppen: Geschlecht, Alter. Wie wirkt sich diese neue Einteilung aus? Kombination: Zusammensetzung von Teilen z.B. Zusammenführung verschiedener Berufsgruppen. Wo ergeben sich Spannungen?

b)Einschränkung/ Ausdehnung des Gegenstandes Reduktion/ Abschwächung:
Entfernung von Teilen des Gegenstandes z.B. Wie funktioniert eine unvollständige Familie? Adjektion/ Intensivierung: Hinzufügen und Verstärken von Teilen des Gegenstandes z.B. Wie reagiert eine Fußballmannschaft, die ihre Aufstellung selbst bestimmt?

c) Umwandlung des Gegenstandes Substitution:
Ersetzen eines Teiles durch ein anderes z.B. Was geschieht, wenn ein Mann im Abendkleid auf die Straße geht? Transformation: Umwandlung eines Gegenstandes in einen andern, durch Erhaltung der ursprünglichen Merkmale z.B. Wie verändert sich die Struktur einer Firma beim Bertriebsausflug?

DIE TRANSKRIPTION

Vor der eigentlichen Analyse muß das Material tranksribiert werden. Das auf Tonband oder Video aufgenommene Interview wird verschriftlicht. Für nonverbaler Elemente des Gesprächs müssen Regeln aufgestellt werden. Eventuelle Hör- und Tippfehler werden durch einen Vergleich mit den Tonbandaufnahmen verbessert; notwendige Anonymisierungen werden vorgenommen Hinzufügen von sozialstatistische Daten und biographische Besonderheiten. Nochmaliges Durchlesen des Transkripts und Behebung von Unklarheiten und Widersprüchlichkeiten.
 
3. ANALYSEVERFAHREN

Bei der Interpretation von Texten muß berücksichtigt werden, daß nicht jedes Verfahren in jedem Fall geeignet ist. Es ist wichtig das Interpretationsverfahren der Untersuchung, der Fragestellung, der Zielsetzung und den erhobenen Daten anzupassen.

3.1. DIE QUALITATIVE INHALTSANALYSE

"In dem, was Menschen sprechen und schreiben, drücken sich ihre Absichten, Einstellungen, Situationsdeutungen, ihr Wissen und ihre stillschweigenden Annahmen über die Welt aus. Diese Absichten, Einstellungen usw. sind dabei mitbestimmt durch das soziokulturelle System, dem die Sprecher und Schreiber angehören und spiegeln deshalb nicht nur Persönlichkeitsmerkmale der Autoren, sondern auch Merkmale der sie umgebenden Gesellschaft wider- institutionalisierte Werte, Normen, sozial vermittelte Situationsdefinitionen usw. Die Analyse von sprachlichem Material erlaubt aus diesem Grund Rückschlüsse auf die berteffenden individuellen und gesellschaftlichen, nicht-sprachlichen Phänomene zu ziehen."

Ihr Ziel ist es aus dem Untersuchungsmaterial nachvollziehbare Handlungsmuster und deren Systematisierung und/oder die Analyse latenter Sinnstrukturen zu erhalten. Ihre Merkmale sind: Offenheit, Kommunikativität, Naturalistizität und Interpretativität. Das wichtigste Prinzip der Offenheit bezieht sich auf die Entwicklung theoretischer Konzepte und Hypothesen, die nicht vorab formuliert werden, sondern erst im Laufe der Analyse (kontrolliertes Fremdverstehen) entstehn sollten. Diese Vorgangsweise soll eine möglichst offene, d.h. vorurteilsfreie Interpretation des sozialen Sachverhaltes ermöglichen. Soziale Wirklichkeit entsteht durch Interaktion und Kommunikation. Das Herausfiltern und Deuten dieser kommunikativen Inhalte und ihrer Bedeutungszuweisungen sind Inhalt der Analyse (Kommunikativität). Es sollte die Natürlichkeit der Erhebungssituation, d.h. der Handlungsverlauf (Interviewsituation, Umgebung usw.) und der Vorgang der Interpretation, erhalten bleiben. Die qualitative ist ein Versuch, aus natürlichen Lebenssituation Handlungsmuster herauszufiltern, d.h. durch wissenschaflich kontrolliertes Fremdverstehen werden die Bedeutung von Handlungen gedeutet und verstanden. (Interpretativität)

Man kann verschiedene inhaltsanalytische Techniken unterscheiden. In diesem Rahmen beschränke ich mich aufl die qualitative Inhaltsanalyse von Mayring und die objektive Hermeneutik von Oevermann et al..

3.1.1. Qualitative Inhaltsanalyse von Mayring

Eine oft verwendete aber auch häufig kritisierte Methode (nahe am quantitativem Paradigma) Diese Form der qualitativen Inhaltsanalyse ist in einzelne Schritte unterteilt, durch die eine Reduktion des Materials beabsichtigt wird. Ein wesentliches Kennzeichen ist die Verwendung von Kategorien, die entweder aus dem Material abgeleitet oder aus theoretischen Modellen an das Material herangetragen werden. Diese schematische Aufarbeitung des Vorgehens (genaue Einteilung in Schritte) bringt Vor-und Nachteile mit sich: einerseits erscheint dieses Verfahren dadurch übersichtlicher und eindeutiger zu sein und andererseits kann es aber passieren, daß man am Text vorbei analysiert, d.h. daß die "Tiefen" des Textes nicht beachtet werden.

3.1.2. Objektive Hermeneutik

Ihr Ziel ist es, die hinter den Einzelhandlungen liegenden latenten Sinnstrukturen (objektive Bedeutung einer Handlung bzw. Äußerung) und die Intentionen der Interagierenden herauszuarbeiten. Es sollen alle wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Deutungsmöglichkeiten einer Handlung oder Äußerung gesucht werden und nach wiederholten Prüfungen die wahrscheinlichste Version herausgefiltert werden. Wichtig für die Verwendung dieses Verfahrens ist die Bearbeitung in der Gruppe, d.h. daß die Analyse von mehreren einander kontrollierenden und sich gegenseitig inspirierenden Personen durchgeführt werden sollte. Als Verfahren der objektiven Hermeneutik wurden die Feinanalyse und die Sequenzanalyse entwickelt. Die Feinanalyse ist auf mehreren Stufen aufgebaut, in denen versucht wird, die objektive Bedeutung einer Handlung zu rekonstruieren. Die Sequenzanalyse konzentriert sich darauf jeden Interaktionsbeitrag Schritt für Schritt zu analysieren, um den Gesamtzusammenhang zu erfassen.

3.2. KONVERSATIONSANALYSE

Die Konversationsanalyse bezieht auf die formale Struktur von Alltagshandlungen bzw. von Gesprächen. Es geht nicht, um das Gesagte an sich , sondern darum wie dieses zustande gekommen ist. Die Konversationsanalyse beschäftigt sich mit den Prinzipien sozialer Strukturen von verbaler und non-verbaler Interaktion. Die zentralen Annahmen der Konversationsanalyse sind, daß Interaktionen geordnet ablaufen, daß Menschen immer bestimmte Techniken und Verfahren einsetzen, um ihre Handlungen erkennbar, verstehbar und erklärbar zu machen. Die Konversationsanalyse versucht die innere Logik und Dynamik interaktiver Vorgänge, als sich selbst organisierende und reproduzierende Strukturen, zu begreifen. Es genügt nicht eine Aussage als Kompliment oder Vorwurf zu erkennen oder die Motive einer solchen Äußerung zu finden, sondern die Konversationsanalyse versucht zu bestimmen wie es zu einer solchen Aussage in einem Gespräch kommt, wie eine solche Aussage in den Gesprächsverlauf eingebunden wird und wie eine solche Aussage wahrgenommen und beantwortet wird. Es gibt eine bestimmte Abfolge von Schritten, wie eine Konversationsanalyse ablaufen sollte, aber dem ethnomethodologischen und der konversationsanalytischen Ansatz näher wäre die Entwicklung einer Methode im Laufe der Analyse, d.h. die Methode sollte dem zu untersuchenden Phänomen angepaßt werden. Ein zentrales Kennzeichen konversationsanalytischer Interpretation ist, daß spätere Äußerungen oder Interaktion nicht zur Erklärung von bestimmten Sequenzen herangezogen werden sollten. Die Ordnung des Geschehens sollte vielmehr durch eine Zug-um-Zug-Herstellung der Struktur im Gespräch ersichtlich gemacht werden, ohne sich auf spätere Aussagen zu beziehen. Kritikpunkte der Konversationsanalyse sind die Ausblendung des Inhaltes von Gesprächen in der Analyse und das sich Verlieren in formalen Details.

3.3. GROUNDED THEORIE VON GLASER UND STRAUSS

Diese Theorie entdeckt und entwickelt aus konkretem Datenmaterial heraus, in direkter Bezugnahme auf die soziale Realität, Theorien. Es werden zwei miteinander verbundene Arten von Theorien unterschieden: die gegenstandsbezogene Theorie, ein erster Schritt zur Theoriebildung, besteht darin, daß Konzepte und Hypothesen für einen bestimmten Gegenstandsbereich gebildet werden; die formale Theorie baut auf gegenstandslosen Theorien auf und ist durch einen hohen Allgemeinheitsgrad gekennzeichnet. Die zentrale Methode der Theorienentwicklung ist die vergleichende Analyse, die verschieden angewandt werden kann. Es geht hauptsächlich darum möglichst viele Vergleichsgruppen zu bilden und sie in die Untersuchung miteinzubeziehen. Diese Vergleichsgruppen sollen unter wenigen Gesichtspunkten untersucht und zum Vergleich herangezogen werden, um allgemeinere Aussagen, Kategorien und Hypothesen schaffen zu können.

Zu Beginn einer Untersuchung soll aus einer ersten Sammlung von Daten eine gegenstandslose Theorie gebildet werden. Diese werden kodiert; es entstehen erste Kategorien, die sofort im Forschungsfeld überprüft werden, gleichzeitig werden neue Daten gesammelt, kodiert, Kategorien gebildet, überprüft, verworfen, verändert, erweitert bis es zur Bildung von ersten Hypothesen kommt. Diese Ergebnisse werden zusammengefaßt, frühere Hypothesen werden integriert und langsam entsteht einege genstandsbezogene Theorie. Der ständige Vergleich vieler Gruppen läßt Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Gruppen erkennen, woraus abstrakte, generalisierbare Kategorien und Hypothesen formuliert werden, die den Kern der formalen Theorie bilden.

 

Literaturverzeichnis

Lamnek, Siegfried, (1989): Qualitative Sozialforschung, Bd. 1: Methodologie, München

Lamnek, Siegfried, (1993): Qualitative Sozialforschung, Bd. 2: Methoden und Techniken, Weinheim

Flick, Uwe, (1995): Qualitative Forschung: Theorie, Methoden, Anwendung in Psychologie und Sozialwissenschaften, Hamburg

Flick, Uwe; v. Kardorff Ernst; Keupp ,Heiner; v. Rosenstiel, Lutz und Wolff, Stefan; (1991): Handbuch qualitativer Sozialforschung, München.

 

Klassische Studien

"Die Arbeitslosen von Marienthal" und "Management and the worker"


 
 
Die Arbeitslosen von Marienthal
(Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, Hans Zeisel):


     Die AutorInnen bezeichnen ihre Studie als soziographisch. Sie verstehen darunter das empirische Belegen von Begriffssystemen, das Zusammenführen von statistischen Daten und „sozialer Reportage“. Dazu kommen qualitative und quantitative Methoden zum Einsatz. Wir führen die Studie hier als klassisch qualitative an, weil die Forschung nicht mit Theorie oder einem Methodenplan begonnen wurde, sondern mit offenen Fragen. Den historischen Hintergrund der Untersuchung bilden die wirtschaftlichen Nöte der Zwischenkriegszeit, insbesonders die hohe Arbeitslosigkeit. In Wien, der Sozialisations-Städte der AutorInnen, wurde das öffentliche Leben weitgehend von der Sozialdemokratischen Partei und ihren Vorfeldorganisationen bestimmt.
Von daher waren auch vor „Marienthal“ starke Impulse der empirischen Soziologie gekommen. Die Anregung zur - vom Herbst 1931 bis zum Mai 1932 dauernden - Erhebung „Die Arbeitslosen von Marienthal“ kam dann vom Führer der Sozialdemokratischen Partei: Otto Bauer.
Material der Auswertung waren Katasterblätter von allen 478 Familien, Zeitverwendungsbögen, d.h.: Fragebögen über die Gestaltung der vorhanden Zeit, ausführliche Lebensgeschichten, Anzeigen und Beschwerden bei der Wirtschaftskammer betreffend Schattenwirtschaft, Protokolle von ärztlichen Untersuchungen und ähnlichem, Schulaufsätze, Wahlergebnisse, Geschäftsbücher des Konsumvereins, Mitgliederverzeichnisse von Vereinen, Bevölkerungsstatistik, Haushaltungsstatistiken und historische Angaben über wichtig erschienene Institutionen des Ortes in Form von Interviews.

Teilnehmende Beobachtung

Die einzige methodische Fixierung, die zu Beginn vorgenommen wurde, war die der teilnehmenden Beobachtung. JedeR AutorIn nahm eine Rolle im sozialen Setting des Ortes ein. Zwar als Fremde bekannt, verschafften sich die TeilnehmerInnen als Sprechstunden-Ärztinnen, durch Kleider-Sammelaktionen usw. Akzeptanz.

Der Ort

Marienthal - an der Fischa-Dagnitz im Steinfeld, wenige Kilometer östlich von Wien gelegen - war ein kleines Fabriksdorf. Einförmige, einstöckige Häuser gruppierten sich um die Fabrik, das Beamtenhaus, das Fabriksspital und das Herrenhaus. Die Besonderheit des Ortes lag in der hohen Arbeitslosigkeit: Über drei Viertel der Marienthaler Familien waren von der Arbeitslosenunterstützung abhängig. 1929 schloß die Fabrik. Im Ort blieben ca. 20 Arbeitsplätze.

Ergebnisse

Die müde Gemeinschaft

Das Leben der MarienthalerInnen war von abgestumpfter Gleichmäßigkeit bestimmt. Die Menschen hatten sich daran gewöhnt, „weniger zu besitzen, weniger zu tun und weniger zu erwarten als bisher für ihre Existenz als notwendig angesehen worden war“. Als Ausdruck dieses Zustandes werden die spärlichen sozialen Kontakte und geringen Aktivitäten, der verwilderte Stadtpark und der niedere Anteil an BibliotheksbesucherInnen angeführt. Weiters sank die Mobilität nach Wien, das Engagement in Vereinen und das Interesse für Zeitungen. Außerdem stieg die Zahl der Anzeigen der BewohnerInnen untereinander, die AutorInenn wollten aber keine Abnahme des Solidaritätsniveaus feststellen.

Die Haltung

Die Haltung der MarienthalerInnen wurde bei Hausbesuchen erforscht. Mittels Kleideraktionen, Versammlungen und ähnlichem wurde das häusliche Verhalten aufgenommen. Aus den erhaltenen Daten wurden vier Grundhaltungen herausgefiltert:

Resignation: erwartungslos, noch Haushaltspflege, relativ optimistisch
Ungebrochenheit: aktiv, gute Haushaltspflege, Versuch, Arbeit zu finden
Verzweifelt: noch Haushaltspflege, Depression, keine Hoffnung
Apathie: tatenlos, ungepflegt, oft BettlerInnen und TrinkerInnen.

Alles in allem fand man jedoch eine „resignierte Gemeinschaft“ vor. 48% entsprachen empirisch diesem Typen, auch wenn die AutorInnen das Gefühl hatten, es beträfe mehr. Diese resignierte Gemeinschaft versuchte zwar, die soziale Ordnung der Gegenwart aufrechtzuerhalten, hatte aber die Beziehung zur Zukunft verloren. Es bestanden Schwierigkeiten, der Not durch Sparsamkeit und Vorausschau zu begegnen: Hungernde Familien pflanzten Blumen in Schrebergärten. Und bei anderen wieder, stieg der Nahrungsreichtum mit dem Auszahlungstag der Arbeitslosenunterstützung rapide und flachte dann schnell ab.

Die Zeit

Den Männern bereitete die neue Situation weit mehr Schwierigkeiten als den Frauen. Zweitere hatten zwar auch mehr Zeit zur Verfügung als zuvor, doch blieb ihnen der Haushalt als zeitliche Struktur. Die Männer standen herum, beeilten sich nicht mehr und wurden unpünktlich. Bei einer Zählung wurde festgestellt, daß zwei Drittel der Männer beim Laufen über die 300m lange Dorfstraße wenigstens zwei mal stehen blieben. Zum wichtigsten Strukturgeber wurden die Kinder, die zur Schule gingen und zurückkamen. Die Sonn- und Feiertage verloren an Bedeutung und die Jahreszeiten erlangten wieder mehr davon.

Widerstandskraft

Durch das Herausfallen aus der Berufstradition verloren die Menschen eine wichtige Konstante ihres vormaligen Lebenslaufes. Es wurde ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Haltungstypen und materieller Situation festgestellt. Trotzdem stabilisierte sich die psychische Verfassung bei den meisten nach dem anfänglichen Schock durch den Verlust der Arbeit.
 
 
Management and the worker
(William J. Dickson, Fritz J. Röthlisberger):


      Diese Studie steht in der Linie der Organisationspsychologie und der Industriesoziologie. Sie wurde zwischen 1927 und 1933 in der Western Electric Company durchgeführt und 1939 publiziert. Als klassisch qualititative wird sie wegen ihrer Hinwendung zu offenen Befragungsmethoden und der generellen Offenheit im Forschungsprozess gehandelt.

Methoden

Ursprünglich stand die Untersuchung in der Tradition des fordistischen Paradigma des „scientific management“. Der Mensch, „homo oeconomicus“, wird als System gesehen, das seinen Output je nach Input variiert. Methodisch experimentell und anwendungsorientiert psychologisch ausgericht. Die große Methodenvielfalt und Bereitschaft, offen auf das Forschungsobjekt zuzugehen, änderte das Menschenbild der Forschung hin zu einem Menschenbild des „social man“. Experimente mit systematischer Variation der Arbeitsbedingungen und Messung der Leistungsergebnisse als abhängige Variable. Befragung von ArbeitnehmerInnen, wobei die Befragungsmethodik zunehmend „non-direktiver“ wurde, systematische Beobachtung des Arbeitsverhaltens am Arbeitsplatz.

Folgende Erhebungsdesigns wurden durchgeführt:

Relay Assembly Test Rooms

Bei diesen Experimenten wurden die Arbeitsbedingungen von Frauen die Telefonrelais montierten, kontrolliert verändert. Die meisten Manipulationen - die Länge der Pausen, das Lohnsystem, die Beleuchtung und Führungsstile - brachten eine Steigerung der Leistung. Die Autoren führten dies allerdings nicht nur auf die kontrollierten Variablen zurück sondern auf die sozialen Beziehungen zwischen den Arbeiterinnen und den einzelnen Versuchsgruppen. Damit war der Grundstein führ den „social man“ gelegt. Außerdem führten Roethlisberger und Dickson auf Grund dieser Erkenntnisse den Begriff der informellen Organisation ein.

Mica Splitting Test Room

Frauen, die mit der Spaltung von Glimmer befaßt waren, wurden einem neuen Führungsstil ausgesetzt. Die Partizipation der Arbeiterinnen wurde erhöht, das autoritäre Verhalten der Vorgesetzten verringert. Ein Leistungsanstieg, der anfänglich eintrat, egalisierte sich nach kurzer Zeit. Auch hier setzten die Autoren in der Erklärung mit dem sozialen Verhalten der Versuchspersonen an.

Untersuchungen im Beobachtungsraum

In relativ freier Beobachtung wurde das Verhalten einer Gruppe von Verdrahtern und Lötern aufgezeichnet. Dies geschah nachdem man bereits Thesen entwickelt hatte und diese „überprüfen“ wollte.

Interviewprogramm

Ursprünglich um die Befindlichkeit der ArbeiterInnen zu erkunden, wurden umfangreiche Interviews zur Arbeitssituation und deren Perzeption durch die ArbeiterInnen durchgeführt. Die Ergebnisse sollten dann im Führungstraining verwertet werden. Die InterviewerInnen wandten sich dann immer mehr der sogenannten indirekten Methode zu: Der Gesprächsgegenstand wird nicht per standardisiertem Fragebogen vermittelt, sondern nur skizziert, um zu verhindern, daß ein Bezugsrahmen vorgegeben wird, der nicht den Befragten entspricht. In qualitativer Manier beabsichtigte man sich auf Begriffssysteme und Deutungsmuster der Befragten einzulassen.

Ergebnisse

Herausgearbeitet wurde von der Studie, daß Produktionsergebnisse stärker von sozialen Normen als von psychologischen Leistungsgrenzen abhängig seien Gruppenathmosphäre und Führungsstil für das Verhalten am Arbeitsplatz von hoher Wichtigkeit seien und keineswegs alleine der finanzielle Anreiz die Arbeitenden seien nicht allein individualpsychologisch interpretierbar, da sie auch als Mitglieder von Gruppen agierten Verhalten werde nicht von den objektiven Situationsmerkmalen bestimmt, sondern von deren Wahrnehmung durch die Arbeitenden ein wesentlicher Unterschied zwischen den formellen und informellen Organisationen bestehe.

 


 

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