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Zur Lage der Schwarzen in den USA

Ein Report zum Martin-Luther-King-Tag zeigt: in den USA sind die Unterschiede
zwischen Schwarzen und Weißen in den letzten 35 Jahren größer geworden.

Von Madeleine Baran


...    New York, 19. Januar 2004. Laut eines neuen Reports haben es die USA in den mehr als 35 Jahren seit dem Tod Dr. Martin Luther Kings zu keinen signifikanten Fortschritten gebracht, was die Behebung der wirtschaftlichen Kluft zwischen Schwarz und Weiß betrifft. In manchen Bereichen - wie Säuglingssterblichkeit und Arbeitslosigkeit - wird die Kluft sogar größer.

Der Report bezieht seine Informationen zum großen Teil vom US-Zensus und der US-Zentralbank; diese Informationen sind seit Jahren öffentlich zugänglich. Aber es gibt nur wenige Berichte, in denen alle verschiedenen Puzzle-Teile zusammengesetzt sind. Letzte Woche veröffentlichte ‘United for a Fair Economy’ (Gemeinsam für eine faire Wirtschaft) ‘The State of the Dream 2004'*. Der Bericht stellt die traditionelle Sicht auf die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung in den letzten 30 Jahren infrage. ‘United for a Fair Economy’ ist eine Nonprofit-Organisation, die vor allem Licht auf die Einkommensunterschiede / andere wirtschaftlichen Unterschiede in der amerikanischen Gesellschaft werfen will. "Die Ergebnisse stehen im Widerspruch zu den Grundwerten unseres Landes", so Report-Mitverfasserin Betsy Leondar-Wright. Sie bezeichnet die Unterschiede als "schockierend und inakzeptabel".

     Hier einige der bedrückendsten Ergebnisse (des Reports):
Die Arbeitslosigkeit unter Schwarzen war 2003 mehr als doppelt so hoch wie bei Weißen - 10,8% gegenüber 5,2% - eine größere Diskrepanz als 1972. Auch die Säuglingssterblichkeit liegt bei Schwarzen höher als 1970. 2001 betrug die Sterblichkeitsrate bei schwarzen Säuglingen 14 pro 1000 Lebendgeburten - sodass sie um 146% höher lag als bei weißen. 1970 war diese Diskrepanz noch um 37% geringer. Auch was die Einkommensverhältnisse betrifft, hat das schwarze Amerika weniger Fortschritte gemacht als das weiße. 1968 entsprach - laut Report - 1 Einkommens-Dollar für Weiße 55 Cent für Afro-Amerikaner. 33 Jahre später, im Jahr 2001, hatte diese Disparität lediglich um 2 Cent abgenommen. Einkommensgleichheit - so der Report - wäre bei diesem Tempo frühestens in 581 Jahren zu schaffen. Laut Report wird ein schwarzer College-Absolvent / eine schwarze College-Absolventin in seinem / ihrem Leben durchschnittlich $500 000 weniger verdienen als ein weißer / eine weiße College-Absolventin. Und schwarze Highschool-Abgänger werden im Durchschnitt $300 000 weniger verdienen - das heißt, falls sie zwischen dem 25. und 64. Lebensjahr vollbeschäftigt sind.

Avis Jones-DeWeever ist Studiendirektorin am ‘Institute for Women’s Policy Research’, Bereich ‘Armut und Welfare’. Das Institut ist eine private Forschungsorganisation; Jones-DeWeever befasst sich mit der Welfare-Reform - im Hinblick auf ethnische Disparitäten. Noch besorgniserregender fand sie allerdings die Disparität bei den Besitzverhältnissen - legt man den Nettowert (Einkommen plus Vermögen minus Schulden) zugrunde. "(Schwarze) sind vielleicht nicht arm, was Bargeld angeht, aber sie sind es, was Besitz anbelangt". Auch der Report lässt diesen Schluss zu.

     Viele Schwarze sind tatsächlich "arm an Reichtümern". So besaß die durchschnittliche schwarze Familie 2001 netto $19 000 (Wohnung inklusive). Bei der (durchschnittlichen) weißen Familie waren es $121 000 Nettowert. Schwarze besaßen 2001 im Durchschnitt nur 16% dessen, was Weiße besaßen - im Jahr 1989 waren es 5%. Bei diesem Tempo wird es bis zum Jahr 2099 dauern, bis sich die Besitzverhältnisse im Durchschnitt angenähert haben. "Es ist sehr entmutigend", so Jones-DeWeever. "In den 90gern fand zwar eine Verbreiterung der schwarzen Mittelklasse statt, diese Familien sind aber immer noch nicht abgesichert. Sie haben keinen Besitz, der ihnen in wirtschaftlichen Krisenzeiten als Notpflaster dienen könnte". Und in verwandten Bereichen, wie der Gesundheit, verbessern sich die Verhältnisse für die Gruppe der Schwarzen nur schleppend bis gar nicht.

Neben der zunehmenden Disparität bei der Säuglingssterblichkeit, ist, so der Report, auch eine geringere durchschnittliche Lebenserwartung zu verzeichnen. Schwarze sterben im Durchschnitt fast 6 Jahre früher. In diesem Bereich wurde der Abstand in 30 Jahren nur um 1,81 Jahre verringert. Die Unterschiede bei der Gesundheit seien teilweise mit der schlechten Qualität der (zugänglichen) medizinischen Versorgung in Minoritäten-Gemeinden zu erklären, so Amy Simmons, Kommunikationsdirektorin der ‘National Association for Community Health Centers, Inc.’ - ein Wirtschaftsunternehmen, das Nonprofit-Gesundheitszentren vertritt. "In einer Gemeinde, in der es ein Gemeinde-Gesundheitszentrum gibt, sterben weniger Babies", so Simmons. Und eine Studie der ‘George Washington University Medical Centers’ School of Public Health and Health Services’ aus dem Jahr 2003 stellt fest, in den Bundesstaaten mit der höchsten Zahl an Gesundheitszentren-Nutzern konnten "die gesundheitlichen Unterschiede bei Minoritäten signifikant zum Positiven vermindert werden". Andere Faktoren seien, so Simmons, zum Beispiel fehlende Krankenversicherung und Krankenversorgung - vor allem bei schwangeren schwarzen Frauen.

     Einige wenige Bereiche existieren - vor allem Bildung - in denen die Schwarzen Amerikas signifikante Fortschritte erzielen konnten. Die Abbrecher-Quote bei schwarzen Highschool-Schülern ist seit 1968 um 44% gefallen, während die weiße Abbrecher-Quote relativ konstant blieb. 2002 besaßen 79% aller Schwarzen, die 25 und älter waren, einen Highschool- Abschluss. 1968 waren es nur 30%, so der Report.

Aber trotz aller Erfolge, laut Statistik ist die amerikanische Gesellschaft in wirtschaftlicher Hinsicht noch immer rassengetrennt; die Folgen mehrerer hundert Jahre schwarzer Armut - inklusive Sklaverei - sind auch heute noch massiv spürbar. "Seit dem ‘Civil Rights Act’ 1964 gab es den Aufstieg des Mittelklasse-Afro- Amerikaners, aber dieser Fortschritt schließt nicht allzuviele Afro-Amerikaner ein", so Leondar-Wright.

     Schuld am Weiterbestehen der Disparität seien wirtschaftliche Trends, sei die Steuerpolitik aber auch waschechte Diskriminierung. "Vieles, was Regierungen in den vergangenen 20 bis 25 Jahren getan haben, hat bei den Superreichen, bei den Top-Ein-Prozent, die Geldvermehrung angeregt", sagt sie. "Zur gleichen Zeit stagnierte die untere Hälfte (der Bürger) und fiel zurück. Das Ganze hat auch einen ethnischen Aspekt, schließlich sind die Superreichen zum absolut größten Teil weiß, während die Armen überproportional nicht-weiß sind".

Auch die veränderte Welfare-Politik und ethnische Vorurteile bei der Verteilung der Welfare-Hilfen tragen mit zur wirtschaftlichen Kluft bei, meint die ‘National Urban League’. Laut einer Studie aus dem Jahr 2000 der ‘Chicago Urban League’ / ‘The Center for Urban Economic Development’ (an der Chicagoer ‘University of Illinois’) bekamen in Illinois weiße Sozialhilfeempfänger eher die Chance, für ein Weiterbildungsprogramm empfohlen zu werden als schwarze. Rund die Hälfte der (in der Studie erfassten) weißen Bezieher wurde an diese Programme weitergeleitet, aber lediglich 18% der schwarzen.

     Eine landesweite Studie, 2001 vom ‘Applied Research Center’ (Zentrum für angewandte Wissenschaft) veröffentlicht, ein Institut, das sich mit öffentlicher Politik und Forschung befasst, fand heraus, dass Fallbearbeiter Angehörige ethnischer Minderheiten unverhältnismäßig oft in Workfare-Programme stecken (Teilnehmer an diesen Programmen erhalten statt Bezahlung Sozialleistungen) - anstatt sie für Weiterbildungs- oder Jobtrainings-Maßnahmen zu empfehlen. Folgendes Statement gab ‘National Urban League’ 2001 heraus: Die Ergebnisse "scheinen darauf hinzuweisen, dass Sozialhilfeleistungen durchgehend einseitig verteilt werden".

Für andere liegen die Gründe für die wirtschaftliche Ungleichheit in der geschichtlichen Vergangenheit Amerikas. Jones-DeWeever: Die "generationenübergreifende Weitergabe von Reichtum, der in einem unfairen System erworben wurde", sei nach wie vor eines der größten Hindernisse für die wirtschaftliche Gleichstellung. Sie argumentiert, die Folgen der Sklaverei - die es Weißen im Gegensatz zu Schwarzen ermöglichte, Reichtum zu akkumulieren -, seien nach wie vor spürbar. In der Geschichte Amerikas gebe es keine lange Tradition schwarzen Besitzes. Es werde Generationen dauern, dies zu überwinden, so Jones-DeWeever. "Es hat Blut, Schweiß und harte Arbeit gekostet, eine Menge Gesetze, die zu dieser Ungleichheit geführt haben, zu Fall zu bringen", sagt sie. "Aber wir müssen von dem Mythos wegkommen, alle hätten die gleichen Ausgangschancen. Dieser Mythos wird uns als Nation töten".

     Die Autoren des Reports argumentieren: Amerika kann es sich nicht leisten, derart schleppend Fortschritte zu machen. "Wir können keine 1664 oder 150 Jahre mehr auf die Rassengleichheit warten", so Leondar-Wright. Sie spielt damit auf die Zeitspanne an, die nötig wäre, gleiche Verhältnisse bei Hausbesitz und Armut zu schaffen. "Wir müssen das Tempo beschleunigen. Wir müssen etwas tun". Dr. King schrieb 1967 sein (letztes) Buch: ‘Where Do We Go From Here?’ (‘Wie soll es weitergehen?’ Aufsätze, Reden, Predigten). Daraus zitiert der Report:

"Als die Verfassung geschrieben wurde, schuf man eine seltsame Formel, die Steuern und Repräsentanz festlegte. Diese Formel erklärt, der Schwarze (Negro) zähle 60% einer Person. Heutzutage gibt es eine andere seltsame Formel, die ihn zu 50% einer Person zu erklären scheint. Von den guten Dingen des Lebens besitzt er rund die Hälfte der Weißen; von den schlechten Dingen aber doppelt soviel wie die Weißen (...) Schwarze haben halb soviel Einkommen wie Weiße (...) Es gibt doppelt soviele (schwarze) Arbeitslose. Die Säuglingssterblichkeitsrate (...) ist doppelt so hoch wie bei den Weißen."

Dr. King hätte diese Wort genausogut heute schreiben können - siehe die Ergebnisse des Reports*.

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Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von Zmag.de zur Verfügung gestellt.
Die Übersetzung stammt von Andrea Noll (Originaltitel: "MLK Day Report Shows Greater Disparity Between Whites and Blacks".) Der Report ‘The State of the Dream 2004' nachzulesen unter: www.ufenet.org/press/2004/StateoftheDream2004.pdf
(*Anmerkung d. Übersetzerin)


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