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Frauen und Kleinbauern ernähren die Welt

Im Entwicklungsdiskurs gelten Kleinstrukturen als rückständig und provinziell.
Dabei wird übersehen, dass bäuerliche und handwerkliche Kleinbetriebe ganz
wesentliche Stützen der biologischen Vielfalt, der Ernährungssicherheit
und des gemeinschaftlichen Wertgefühls sind.

Von Veronika Bennholdt-Thomsen


       Die Vielfalt der Kulturpflanzen und der Nutztiere ist am besten in der ökologisch und kulturell angepassten Landwirtschaft aufgehoben, nämlich in der bäuerlichen Landwirtschaft. In ihrem Rahmen wurden und werden seit dem Neolithikum Sorten und Rassen entwickelt, die den geografischen und klimatischen Bedingungen der jeweiligen Regionen entsprechen, ebenso wie den Konsumgewohnheiten, sowie den Austausch- und Vermarktungswegen. Kurz, das Besondere, das Eigene, dieses Gewebe aus den Naturvorgaben, dem Geschmack, der Sprache, den religiösen Vorstellungen, den Ritualen, der Ästhetik, dem Geben und Nehmen, das wir Kultur nennen, ist die beste Voraussetzung für die Reproduktion der biologischen Vielfalt.

Ich will anhand eines Beispiels aus meiner Forschung 1991 im Süden Mexikos illustrieren, wie viele und wie viel unterschiedliche gesellschaftlich-kulturelle Elemente die Agrobiodiversität stützen. In der pazifischen Küstenebene, in deren Mitte Juchitán liegt, ein großes Dorf von 80.000 Einwohnern und Marktstadt zugleich, wird bis heute der "zapalote chico", die traditionelle, einheimische Maissorte ausgesät, und zwar obwohl hier ab 1960 durch einen Staudammbau Bewässerungsland geschaffen, entsprechend zahlreiche, auf Produktionssteigerung zielende landwirtschaftliche Entwicklungsprojekte durchgeführt wurden und obwohl die Region, der des Panamakanals ähnlich, schon geografisch dem Welthandel offen steht.

     Die entscheidende Stütze für den "zapalote chico" ist die Sozialstruktur mit ihrer spezifischen geschlechtlichen Arbeitsteilung. Die Frauen von Juchitán sind Händlerinnen, es gibt keine Hausfrauen; und auch keine Bäuerinnen sondern nur Bauern. Für die ist es wesentlich lohnender, den Mais an die Frauen in der eigenen Stadt zu liefern, als an eine Aufkauforganisation, die ihn exportieren würde. Die Juchitecas verarbeiten den Mais zu den verschiedenen einheimischen Maisgerichten und zwar für den Verkauf auf dem Markt. Dafür eignet sich ihrer Meinung nach bislang nur der "zapalote chico", besonders weiß, mit viel Kleber und sehr eigenem Geschmack. Das gilt zumal für den "totopo", eine haltbare Zwiebacktortilla, die von den juchitekischen Fernhändlerinnen bis in den Süden der USA und bis nach Guatemala hinein gehandelt wird. Diese "Veredelung" des Rohstoffes Mais vor Ort, durch die Frauen meist der eigenen Familie, bringt dem Bauern, trotz der vergleichsweise niedrigen Ertragsmenge der traditionellen Sorte, mehr ein, als Hochertragsanbau und Verkauf an den 'broker’. Ferner bestätigt und verfestigt er auf diese Weise seine sozialen Beziehungen, sowohl in seiner Lebenspartnerschaft, als auch in der Stadt. Denn die städtische Gesellschaft mit ihren großen gesellschaftlichen Ereignissen wird von den Frauen und Händlerinnen getragen. Der Bauer bindet sich vermittelt über seine Austauschbeziehungen ein. Zuguterletzt schützt auch das Klima den "zapalote chico". Der besonders niedrige Wuchs, deshalb "chico" genannt, lässt ihn die orkanartigen Böen des "norte" überstehen, die von September bis Februar auftreten können. Und auch gegen die üblichen Plagen ist "der Kleine" relativ resistent.(1)

Nach allen Kriterien der Entwicklungsökonomie müsste eine solchermaßen vorgeblich rückständige Landwirtschaft mit Armut einhergehen. Das Gegenteil ist der Fall. Die geschlechtsegalitäre, eben nicht geschlechtshierarchische Arbeitsteilung konsolidiert die regionalen Wirtschaftskreisläufe. Die wiederum sind der Grund dafür, daß die Zapoteken von Juchitán nachgerade wohlsituiert leben.

     Aber wenn Bauern, Bäuerinnen und Händlerinnen überall über ihre eigenen Märkte, zumal ihr eigenes Saatgut verfügen und es selbst reproduzieren würden, dann wäre damit kein großes Geschäft zu machen, erst recht nicht auf dem Weltmarkt. Mit der Technologie der Hybridzüchtung wird in den 1960er Jahren eine Form gefunden, die das Vermehrungs- und damit Vermarktungsmonopol der Saatgutfirmen auf besonders wirksame, nämlich technische Weise sichert. Die Hybriden wiederum sind der Vorläufer des gentechnisch veränderten Saatguts, mit dem die nächste Stufe der konzernmonopolistischen Marktkontrolle erreicht wird.


Die Grüne Revolution gegen die Bauern

     Aber es ist wichtig zu betonen, dass nicht die technische Erfindung an sich, sondern gezieltes politisches Handeln zur Verbreitung dieser, die Vielfalt zerstörenden Technologie geführt hat. Denn es stimmt nicht, dass sich sogenannte fortschrittliche Technik, sobald erfunden, quasi naturgesetzlich durchsetzen würde.

Das CIMMYT, das Centro Internacional de Mejoramiento de Maíz Y Trigo, das die hybriden sog. Hochertragssorten von Mais und Weizen hervorgebracht hat, wurde 1963 in Mexiko mit Mitteln der Rockefeller Foundation gegründet, mit dem expliziten Ziel, die Landwirtschaft in den sogenannten unterentwickelten Ländern zu revolutionieren. Die Verbreitung dieser Technologie und die umfassende Vermarktung dieses Saatgutes, zu dem etwas später das asiatische Grundnahrungsmittel Reis hinzukommt, wird als Grüne Revolution vor allem von der Weltbank vorangetrieben. Ein Beispiel, wie dies in einer Mischung von Zwang und Übertölpelung der Bauern vonstatten ging, habe ich in meiner Studie zur Forschung 1977 im mexikanischen Chiapas beschrieben.(2)

     Den Bauern der Maya-Volksgruppe der Choles wurde damals unentgeltlich ein Demonstrationsfeld mit Mais-Hybridsaat angelegt. Der Kunstdünger, sowie das Herbizid und das Insektizid, die als Technikpaket unweigerlich zu diesem Saatgut dazu gehören, wurden gleich mit geliefert, genauso wie der Pflug zur tiefen Bodenbearbeitung gratis eingesetzt wurde. Die Dichte der Hybridpflanzen, ihr intensives Grün und der Ertrag riefen die Bewunderung der Campesinos hervor. Nun wurde ihnen der günstige Anbaukredit der Landwirtschaftsbank angeboten, unter der Bedingung, das vorgeschriebene Saatgutpaket einzusetzen und die Ernte an die staatliche Aufkauforganisation zu liefern. Das entsprach der üblichen Vorgehensweise in den Grüne-Revolutions-Projekten, nämlich der sog. "triangulation" zwischen Bauern, Bank und Agrobusiness. Die Vorbehalte der Bauernfamilien, sich zu verschulden, als auch nicht mehr über die Ernte ihres Grundnahrungsmittels verfügen zu können, wurden mit politischem Druck beantwortet. Das halbstaatliche Landbesitzregime des "ejido" gab dem entwicklungsdespotischen Staat in Mexiko die notwendigen Drohmittel dafür an die Hand. War auf diese Weise der Schritt zum Hybridsaatgut erst einmal getan, dann war er sowohl anbautechnisch (was den Untergrund des Saatbetts, wie die Feldereinteilung anbetraf), als auch hinsichtlich der Vermarktungsformen so gut wie irreversibel. Vor allem zog bald eine Verschuldung die nächste nach sich, genauso wie im ganzen Land, das nämlich 1982 in die erste größere internationale Verschuldungskrise stürzte.

Als dem Pflanzenzüchter Norman Borlaug, führender Wissenschaftler am CIMMYT, im Jahr 1970 der Friedensnobelpreis verliehen wird, ist der Welthandel mit Saatgut und den dazu gehörigen Düngemitteln und Pestiziden bereits zu einem riesigen Geschäft geworden. Angeführt von Chemiekonzernen wie Hoechst, ICI, Sandoz und Shell werden die regionalen Landwirtschaften mit einigen wenigen sog. Weltmarktsorten von außen beliefert. Die Vielfalt der Sorten und Rassen wird damit in kürzester Zeit weltweit extrem reduziert. In Mexiko sind seit 1930 etwa 80% der Maissorten ausgestorben. Von den 30 000 traditionellen indischen Reissorten werden heute noch 15 angebaut.

     Was einerseits gut für die Geschäfte ist, wird andererseits aber zu einem Problem, auch der Konzerne selbst. Wenn nur wenige Sorten und Rassen zur Verfügung stehen, erhöht sich auch die Anfälligkeit für Krankheiten und Plagen mit einer womöglich breiten, verheerenden Wirkung, zumal unter Bedingungen der Monokultur.(3) Erst recht werden Inzuchtlinien, wie bei Hybriden, so sehr sie auch durch Pestizide und Pharmaka stabilisiert werden sollten, auf die Dauer instabil und krankheitsanfällig. Kurz es bedarf immer wieder neuer Sorten und Rassen, oder, wie man heute sagt, frischen "Genmaterials", um bestehende Zuchtlinien aufzubessern oder zu ersetzen.

Was aber, wenn die verfügbare Vielfalt durch dasselbe monokulturelle System, das ihrer bedarf, verhindert wird, - mehr noch, verhindert werden muß, andernfalls ganze Konzernimperien wackeln und die Architektur der herrschenden Weltwirtschaftsordnung selbst infrage gestellt wäre?

In der Tat, die bestehende Ordnung wie sie durch die Grüne, Weiße, Blaue Revolution geschaffen worden ist, krankt an einem inhärenten Widerspruch. Diejenigen, die die Vielfalt an Kultursorten und Rassen hervorgebracht haben, die Bauern und Gärtnerinnen, und in deren kultureller Vielfalt weltweit sie jahrtausendelang gut aufgehoben war, dürfen dennoch nicht diejenigen bleiben, die fortgesetzt über die Vielfalt verfügen.

     Damit entsteht aber mehr als ein nur technisches oder nur machtpolitisches Problem, sondern ein kollektives kognitives Problem. Denn mit dieser Sicht wird letztlich geistesgeschichtlich eine völlig neue Epoche eingeläutet, und zwar für alle heutigen Gesellschaften und Kulturen. Tief verwurzelte Denk- und Wahrnehmungsmuster, sowie die entsprechende Ethik und Moral, müssen erst einmal um und umgedreht werden, bis in der Verwirrung alte Gewißheiten verworfen und neue an ihre Stelle gesetzt werden können.

Das, was wir bislang sozusagen menschheitsgeschichtlich unter Vielfalt der Arten, Sorten und Rassen verstehen, ist an die Geschichte ihres Werdeprozesses gebunden, an diesen unglaublich vielfältigen, kulturell unterschiedlich vermittelten Austauschprozess von Mensch und Natur. So gehört die Vielfalt an Kulturpflanzen und Nutztieren auch zur Verwurzelung der Gesellschaften in ihrem jeweiligen natürlichen Umfeld, gehört zur Vielfalt der menschlichen Kulturen und zur Vielfalt ihres Habitats, gehört zu der Weise, wie die Menschen ihr Leben produzieren und reproduzieren.

In der neuen globalisierten Weltordnung und der Weltagrarordnung wird dies anders gesehen. Das, was unter Vielfalt der Arten, Sorten und Rassen verstanden wurde, wird langsam aber sicher umdefiniert. Der Diskurs der Biodiversität nimmt Form an.


Der Diskurs der Biodiversität

     "Diskurs" ist nach Michel Foucault ein Prozeß des gesellschaftlichen Definierens und Umdefinierens, des kollektiven Herstellens und Veränderns von Anschauungen, von moralischen und ethischen Maßstäben. Er beinhaltet weit mehr als das Sprechen, Schreiben, Diskutieren. Vielmehr ist er auch in den Ordnungen etwa der Architektur, des Strafens oder der Sexualität wieder zu finden.(4) Diskurs bezeichnet einen fortwährenden, dynamischen gesellschaftlich-kulturellen Prozeß.

Das Wort "Biodiversität" mit dem der Diskurs geführt wird, breitet sich seit den späten 1980er Jahren, ausgehend von den USA,(5) zunehmend als 'terminus technicus’ aus, der seine globale Bedeutung im Rahmen der Weltumweltkonferenz von Rio 1992, sowie der 1993 geschaffenen "Convention on Biological Diversity" gewinnt, als auch besonders dadurch, dass er Gegenstand des rechtlichen Regelwerkes innerhalb der WTO wird. Die Intellectual Property Rights werden nun auch auf Pflanzen und überhaupt auf lebende Organismen, deren Teile und Derivate ausgedehnt, für die dann internationale Patente eingerichtet werden können. Besondere Bekanntheit hat das Patent des Pharmakonzerns "Grace" auf ein Extrakt des indischen Neem-Baumes wegen der erfolgreichen Kampagne gegen diese Biopiraterie erlangt; oder der Protest gegen die Bemühungen aus den USA, den uralten, indischen Basmati-Reis als eigene Handelsmarke eintragen zu lassen.(6)

     Besonders deutlich wird das Neue am Biodiversitätsdiskurs anhand der Deklaration artenreicher Regionen zum Welt-Natur-Erbe und zu Biosphärenreservaten.(7) In freier Variation des Spruches, der auf einer Demonstration gegen den Irakkrieg in San Francisco gezeigt wurde, der da lautete "Wie kommt unser Öl unter deren Sand?" könnten wir die Weltsicht, die hinter einer Deklaration zum Reservat qua Biologischen Menschheitserbes steht, in die Frage fassen: "Wie kommt das Kraut für unser Antidepressivum in deren Urwald?" Tatsächlich sind inzwischen zahlreiche Beispiele dafür bekannt geworden, wo die einheimische Bevölkerung daran gehindert wird, nachdem das Gebiet zum Reservat erklärt wurde, in ihrem Wald, ihren Gewässern und auf ihrem Land ihre Subsistenz zu erwirtschaften.(8)

"Privatizing Nature" ist der treffende Titel eines Sammelbandes.(9) Aber vor der definitiven Privatisierung (von 'privare’: rauben), die die Voraussetzung für die Konzernkommerzialisierung ist, hat ein Prozeß der diskursiven Verdrehung und Verkehrung stattgefunden, der den räuberischen Akt weniger gewaltsam erscheinen lässt und das moralische Gefühl vieler Menschen umpolt. Dieser Prozeß ist im Untertitel des Buches benannt: "Political Struggles for the Global Commons". Wenn bestimmte Naturaspekte als globale Gemeingüter bezeichnet werden, fühlen wir alle auf dem Globus auch Verantwortung dafür und haben alle vorgeblich auch einen irgendwie menschheitsrechtlichen Besitzanspruch darauf. Wobei der Gedanke auf einer bestimmten Ebene auch nicht von der Hand zu weisen ist, insofern unsere Rinder letztlich tatsächlich am La Plata weiden. Schließlich werden in Deutschland jährlich 3,3 Mio. Tonnen Sojaschrot in der Tierproduktion eingesetzt; über die Hälfte stammt aus Lateinamerika. Das internationale Regelwerk zur Biodiversität zielt jedoch nicht darauf, unseren exorbitanten Fleisch- und Milchkonsum einzudämmen. Vielmehr wird unser vorgeblicher Besitzanteil am Weltnaturerbe durch die Einhegung zum "Common Heritage of Mankind" vor der angeblichen Zerstörung durch die einheimischen Bewohner geschützt.

     Übersetzten wir "Global Commons" mit "globale Allmende", dann wird die Irreführung sichtbar. Die Allmende: die Gemeinschaftsweide, der Gemeinschaftswald, die Gemeinschaftsgewässer können nur lokal sein, sie befinden sich konkret an einem Ort und Zugang zu ihnen haben die Menschen des Ortes, die Gemeinde, diejenigen, die gemeinsam an einem Ort wohnen, ihn nutzen, pflegen und reproduzieren.

Was ist, in einer Zwischenbetrachtung zusammenfassend, das Neue, andere am Biodiversitätsdiskurs gegenüber der historisch gewachsenen, naturbürtigen und gesellschaftlich geschaffenen Vielfalt an Kulturarten, Sorten und Rassen? Es ist

1.) das Herauslösen aus dem lokalen/regionalen räumlichen und sozialen Zusammenhang und es ist

2.) die Tatsache, dass den lokalen Gesellschaften bzw. den entsprechenden Gruppen der Gesellschaft, wie Bauern und Heilerinnen, das gewohnheits-, ja naturrechtliche Verfügungs- und Nutzungsrecht darüber abgesprochen werden kann bzw. abgesprochen wird.


Ertragsmenge statt Erntereichtum: Ein zentrales Element im hegemonialen Diskurs zur Agrobiodiversität

     Vandana Shiva, die indische Physikerin und Streiterin für die Volkssouveränität in der Verfügung über die eigenen Ernährungs- und Lebensgrundlagen, weist auf eine folgenschwere Veränderung in der Bewertung von Landwirtschaft hin, die eine eklatante Beschneidung der Agrobiodiversität zur Folge hat. Shiva unterscheidet zwischen 'yield’ und 'output’.

"Wenn man nur eine Pflanzenart in Monokultur auf einem ganzen Feld anbaut, wird das natürlich deren individuellen Ertrag (yield) steigern. Werden dagegen unterschiedliche Pflanzenarten gemischt angebaut, wird das einen geringen Ertrag je Einzelpflanze, aber einen hohen Gesamtertrag (output) an Nahrungsmitteln ergeben."

In Vandana Shivas Heimat, dem Himalaya, bauen die Bäuerinnen auf ihren Terassenfeldern Hirse und Amaranth an, Straucherbsen, sechs Sorten von Bohnen und Fingerhirse. Die Maya-Kleinbauern, von denen ich vorher berichtet habe, werden gemeinhin als unproduktiv bezeichnet, weil sie nur zwei Tonnen Mais pro Hektar ernten. Aber der gesamte Nahrungsmittelertrag beträgt bis zu 20 Tonnen pro Hektar, wenn man die Vielfalt ihrer Kürbisse, Bohnen, Gemüse und Obstbäume mit einrechnet. Nicht nur hinsichtlich der Menge und Qualität der Nahrungsmittel sind diese Felder der Monokultur der HYV überlegen, sondern auch hinsichtlich der Fähigkeit Agrobiodiversität zu gewährleisten. In der Agrarwissenschaft und in der Agrarpolitik aber wurden "Erträge ... in einer Weise definiert, die die Nahrungsmittelproduktion von Kleinbauern und Kleinfarmen verschwinden hat lassen".(10) (Shiva 2003: 88)

"Wer ernährt die Welt?" fragt Vandana Shiva. Antwort: "Die wichtigsten Nahrungsmittelproduzenten in der Dritten Welt sind die ... Frauen und Kleinbauern, denn ... ihre auf Biodiversität basierenden Kleinfarmen (sind) viel produktiver als industrielle Monokulturen". (S.88)


Globalzahlen, -mengen und –massen: Elemente des globalisierten Biodiversitätsdiskurses

     Völlig anderer Meinung als Vandana Shiva ist Hubert Markl, Präsident erst der DFG, danach der Max-Planck-Gesellschaft, der den Einsatz der Gentechnik fordert, "um die Schöpfung vor Zerstörung zu retten"; deshalb gäbe es eine "Pflicht zur Widernatürlichkeit".(11) Für ihn ernähren die konzerngesteuerten Monokulturen die Menschheit.

Markl argumentiert mit einem Versatzstück des chemiekonzern- und wissenschaftszentrischen Biodiversitätdiskurses par excellence, mit Globalzahlen, Globalmengen und Globalmassen. "Für bald zehn oder gar zwölf Milliarden Menschen wird unsere Spezies künftig wohl bis zur Hälfte der gesamten Netto-Biomasse der Erde beanspruchen". Diese "Massenmenschheit" (Markl) kann in seinen Augen offenbar nur mittels Massen von landwirtschaftlichen Produkten mit Ertragshöchstleistungen versorgt werden. Bei dieser Argumentation werde ich das Gefühl einer geradezu einfältigen, rechnerisch-virtuellen Versimplifizierung nicht los: Globalzahlen, globale Massenproduktion, Massenpflanzen und -sorten, Massenrassen, Massenhaltung von Tieren usw.

     Bei Landwirten, meist in führender Position im DBV, die die nächste chemisch herbeigeführte Produktionssteigerung mit der Notwendigkeit, den Hunger auf der Welt bekämpfen zu müssen, rechtfertigen, rege ich mich ob der fortgesetzten Verbreitung dieses längst als Unsinn erwiesenen "Arguments" immer auf. Aber wie sollen sie es besser wissen, als ein renommierter deutscher Hochschullehrer vom Fach?

Denn wie sieht die Entwicklung der Globalzahl der Hungernden in der Welt in Wirklichkeit aus? Nach über 40 Jahren "grüner", "weißer" (Milchvieh), "blauer" (Garnelenzucht) landwirtschaftlicher Revolution der Produktionssteigerung, musste die FAO in ihrem Welternährungsbericht 2002 mitteilen, dass die Zahl der Hungernden außer in China seit 1990 weiter zugenommen hat, und zwar um 50 Millionen Menschen (FR 16.10. 02). McNamara, der Weltbankpräsident (1968-1981), der die so von ihm definierte absolute Armut von Gruppen bäuerlicher Bevölkerung mit Hilfe von verbessertem Saatgut und gezielter Kommerzialisierung um die Hälfte verringern wollte, musste nach über einem Jahrzehnt feststellen, dass das Ziel bei weitem nicht erreicht war. Und es meldeten sich bei ihm erhebliche Zweifel an den Mitteln der sogenannten Hungerbekämpfung. Jacques Diouf, Präsident der FAO hat im Widerspruch zur Produktivismusstrategie seiner Organisation beim Welternährungsgipfel 1996 zugegeben, dass der Hunger in der Welt in erster Linie ein Verteilungsproblem sei.

     Anstatt sich also zu einem führenden Mitglied im "Management der Biosphäre" aufzuschwingen, wie Markl es tut, sollte er sich, so Hans-Peter Dürr in seiner Erwiderung, der "Grenzen des Wißbaren" erinnern. Anstatt die "Schöpfung manipulieren" (Markl) zu wollen, "wäre es wohl besser und humaner, neue menschenwürdige und freudvolle Lebensstile ... anzupeilen. Sie könnten allen 6 Milliarden heute lebenden Menschen bei einer gerechteren Verteilung der irdischen Güter und Früchte, eine Zukunft auf diesem Planeten erlauben".(12) (Hans-Peter Dürr)


Fazit / Ausblick / Lösungen

     Ich habe die Aufgabenstellung für meinen Beitrag zu dieser Tagung folgendermaßen verstanden: Was würde ich als Sozialwissenschaftlerin auf die Frage, wie kann Agrobiodiversität erhalten, gefördert oder neu geschaffen werden, sagen. Meine Antwort, oder besser Reaktion lautet: Als WissenschaftlerInnen, welcher Disziplin auch immer, müssen wir uns erst darüber im Klaren sein, welche Agrobiodiversität da wissenschaftlich gefördert werden soll.

In der gegenwärtigen Diskussion können wir zwei grundlegend verschiedene Begriffe von Biodiversität unterscheiden. Und die Richtungen, in die die Forschungen zu dem einen oder anderen Begriff zielen, sind einander diametral entgegengesetzt.

     Obwohl der Begriff "Biodiversität" für die hegemoniale Richtung der Konzernglobalisierung steht und überhaupt erst als Teil des Global-Kauderwelsches die Runde macht, habe ich ihn, wie Vandana Shiva und Sie hier auf der Tagung auch, ebenfalls für die andere, ältere Richtung mit Beschlag belegt und kennzeichne die Unterschiede durch entsprechende Adjektive:

demokratische Biodiversität im Gegensatz zur plutokratischen, also geldherrschaftlichen Biodiversität

peoples’s biodiversity im Gegensatz zur corporate biodiversity

Biodiversität der Mischkulturen im Gegensatz zur Biodiversität der Monokultur

Biodiversität der Versorgung im Gegensatz zur Biodiversität der Kapitalschöpfung

Biodiversität in situ im Gegensatz zur Biodiversität der Genbanken und Chemielabors

gesellschaftlich eingebettete Biodiversität im Gegensatz zur zentralisiert kontrollierten, entbetteten Biodiversität

Je nach Kontext lässt sich die Liste vervollständigen und der Unterschied weiter präzisieren. Und auf den Kontext kommt es an. Denn Biodiversität ist unendlich viel mehr als die irgendwie und irgendwo existierende Vielzahl an Arten, Sorten und Rassen. Als WissenschaftlerInnen, welcher Disziplin auch immer, sind wir gut beraten, uns stets zu fragen, für wen, zu wessen Nutzen wir forschen und zuerst an die Menschen und ihre Zusammenhänge zu denken und erst dann an die Zahl der Arten.


Biodiversität fängt im Kopf an

     Um die Wichtigkeit des Kontextes immer wieder neu nachzuvollziehen, ist es hilfreich, Agrobiodiversität als einen gesellschaftlichen Diskurs zu verstehen. Es wird deutlich, dass Biodiversität im Kopf anfängt, dass sie ein kulturelles Phänomen ist und als solches auch ein historisches. Insofern wird auch die bäuerliche Agrobiodiversität heute, nach fast 40 Jahren Grüne Revolution anders aussehen als davor. Nicht nur die Biodiversität des "sich fundamentalistisch gebärenden wissenschaftlich-industriellen Komplexes", wie Dürr ihn, bezogen auf Markl, so treffend benennt, hat sich in dieser Zeit entwickelt, auch die bäuerliche Biodiversität. Und sie sieht in Indien anders aus als in Deutschland.

Allerdings hat der Angleichungsprozess der agrarischen Wirtschaftsweisen dazu geführt, dass die Probleme der Bauern weltweit immer ähnlicher werden. Schließlich sind sie überall mit den gleichen aggressiven Mechanismen konfrontiert, die darauf abzielen, sie abzuschaffen. Deshalb ist es ein großer Fehler, die Bedrohung der Bauern durch die Konzernglobalisierung vor allem für den Süden zu sehen. Sie gilt für die Bauern und Bäuerinnen des Nordens mindestens genauso. Die Projektion der Globalisierungsnachteile auf den Süden lenkt davon ab, dass es hier in Europa/Deutschland etwas zu verteidigen gibt, das bäuerliche Wirtschaften nämlich, das nach wie vor präsent ist. Die Projektion allen Elends auf den Süden hat Macht erhaltende Funktion im kolonialistischen Gefüge der Globalisierung, - in unserem Fall speziell für die Machterhaltung der Agrobusinesskonzerne. Und sie ist Teil des Entwicklungsdiskurses, der auch den Rahmen für den plutokratischen Biodiversitätsbegriff abgibt.

     Meine These in diesem Zusammenhang lautet, dass viele Landwirte des Nordens zum Teil auch deshalb so willfährig gegenüber dem wissenschaftlich-industriellen Komplex sind, weil ihnen stets drohend vor Augen steht, dass sie andernfalls so unterentwickelt sein werden, wie jene Armen in der Dritten Welt. Mit anderen Worten, die Menschen im Norden sind letztlich genauso Opfer des Entwicklungsdiskurses, wie diejenigen des Südens. Dieser Diskurs hat die entscheidende Funktion in der Legitimation und Förderung der Konzernglobalisierung, sowie des konzernkonformen Biodiversitätsbegriffs. Er sorgt dafür, dass es vorgeblich keinen Ausweg und keinen Handlungsspielraum gibt, zwischen der Skylla maximierungsorientierter industrialisierter Landwirtschaft, - chemisiert, biotechnologisiert, auf den Weltmarkt ausgerichtet und der Charybdis bäuerlicher Unterentwicklung und Verarmung.

Anders vermag ich mir einige Erfahrungen nicht zu erklären, die wir im Zuge eines empirischen Forschungsprojektes in der Warburger Börde im südlichen Ostwestfalen gesammelt haben.(13)


Die Entwicklungspolitik schädigt auch den Norden: Empirisches aus OWL

     Wenn Vandana Shiva sagt "Erträge wurden in einer Weise definiert, die die Nahrungsmittelproduktion von Kleinbauern auf Kleinfarmen verschwinden hat lassen", dann muß das noch zugespitzt werden dahingehend, dass diese Weise, Erträge zu definieren, zur Legitimation dafür wurde, Bauern gezielt in den Ruin zu treiben, und/oder sie von ihrem Land zu vertreiben. Kaum jemand sonst hat das so unverblümt zynisch in Worte gefasst, wie der deutsche Landwirtschaftsminister Josef Ertl in den 1970er Jahren: "Wachsen oder weichen". Was für mich bis heute schwer fassbar und eine Herausforderung an meine gesellschaftswissenschaftliche Analysefähigkeit darstellt, ist die Tatsache, dass die Opfer dieser monokulturellen Geisteshaltung, die Bauern und Bäuerinnen, die weichen mussten oder davon bedroht sind, eben diese dennoch stützen und sogar selbst vertreten. Nicht alle natürlich, aber der Prozentsatz der entwicklungsideologisch Verwirrten ist doch erschütternd hoch, wie ich während meiner Untersuchung in der Warburger Börde in OWL selbst erfahren musste.

Am 5.11.2000 sprach der Präsident der Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftskammer Karl Meise (14) beim traditionellen Frühschoppen eines örtlichen Bauernverbandes vor ungefähr 200 Bauern und Landfrauen in der Schützenhalle. Der Präsident wird, wie viele andere Positionen der Landwirtschaftskammer, zur Interessenvertretung aus dem Bauernverband heraus durch Wahl bestimmt. Er ist also eigentlich einer der ihren.

     Karl Meise zeichnete den Zuhörenden ein Szenario, wie die Landwirtschaft in Ostwestfalen-Lippe (OWL) im Jahre 2010 aussehen würde. Er tat dies, indem er die Zahlen der Entwicklung der letzten Jahre einfach fortschrieb. Das Ergebnis war niederschmetternd. Es würden im Durchschnitt maximal noch ein Drittel der Betriebe übrig bleiben, die sogenannten "Zukunftsbetriebe", nämlich spezialisierte, hohe Kapazitäten nutzende Weltmarktbetriebe. Alle anderen würden weichen müssen. Auch das Ausweichen auf Dienstleistungen, wie auf Pferdepensionen oder den Landfrauenservice (z.B. Partyservice) oder auf ökologischen Landbau, Erzeugergemeinschaften oder Sonderkulturen, würde die Höfe nicht in nennenswertem Umfang retten können. Dafür hatte der Präsident der Landwirtschaftskammer auch nicht viel übrig; er vertrat deutlich den reinen Wachstumsweg als einzige Chance und zwar für alle. Folgerichtig hörte man von ihm auch kein Wort über den womöglichen Widerstand von Seiten des Verbandes und der Kammer gegen diese Entwicklung des nochmaligen, massiven Höfesterbens und noch viel weniger bekamen die Anwesenden einen positiven Politikvorschlag zu einer Gegenstrategie zu hören.

Unbegreiflich, wie die anwesenden Bauern die ignorante Haltung ihres Verbandsvertreters mit Schweigen quittieren konnten. Vielleicht fühlten sie sich ja getröstet, dass, wie Meise wiederholt betonte, die Landwirtschaftkammer neben der Beratung der Zukunftsbetriebe den sozialpsychologischen Dienst ausbauen würde. Schon jetzt werden die Wirtschaftsberater bei Insolvenzfällen gerne von Psychologen begleitet. Welcher Zynismus!

     Meise praktizierte in seiner Rede eine typische Methode des landwirtschaftlichen Entwicklungsdiskurses. Die bäuerliche Wirtschaftsweise wird totgesagt, lange bevor sie gestorben ist. So werden nicht die Realität, noch die Nöte der realen Bauern und Bäuerinnen thematisiert, sondern die erwünschte Zukunft wird herbeigeredet. Dabei gibt es in Deutschland und erst recht in Österreich, sowie im übrigen Europa nach wie vor viele kleine und mittlere Betriebe, die bäuerlich wirtschaften und die Anknüpfungspunkte für eine andere landwirtschaftliche Praxis geben. Das gilt selbst auch in der sehr ertragreichen Warburger Börde, obwohl diese produktive Landwirtschaft, im Gegensatz zu marginalen Ertragslagen, z.B. Mittelgebirge, sich eigentlich insbesondere für große, industrielle, weltmarktorientierte Landwirtschaftsbetriebe eignet. Letztere gibt es in der Börde freilich, aber sie haben die anderen Betriebe bei weitem noch nicht verdrängt. Entsprechend gibt es nach wie vor bäuerliches, handwerkliches Denken, das andere, eigenständige Perspektiven gegenüber der zerstörerischen Wachstumsspirale eröffnet.

Im Juni 2000 nehme ich an einer Veranstaltung zur Initiative "Regionalmarketing im Kreis Höxter" teil. Die Sitzung dient der Aufgabe, Richtlinien für Pilotprodukte der Bäcker und Fleischer zu erarbeiten. Ziel ist es eine regionale Marke zu schaffen, der sich bestimmte Produkte zuordnen, die nach verbindlichen Richtlinien hergestellt wurden. Diejenigen Betriebe, die für diese Marke herstellen, schaffen eine Kontrollstelle, die garantiert, daß die Richtlinien eingehalten werden.

     Mehrere Fleischer der Innung haben einen Entwurf für Richtlinien erarbeitet, auch bezogen darauf, was die potentiellen sich beteiligenden Fleischereien von den Landwirten hinsichtlich Erzeugung der Schweine für die Verarbeitung zur Regionalmarkenwurst erwarten. Zentrale Punkte lauten:

- die Ferkel zur Aufzucht sollten aus der Region stammen,

- die Stallhaltung auf Spalten soll untersagt sein,

- entsprechend soll das Anfallen von Gülle bei der Mast ausgeschlossen sein,

- stattdessen sollen die Schweine auf Stroh gehalten werden,

- Soya soll als Fütterung untersagt sein,

- ebenso die automatische Pharmabeigabe im Futter.

Der Innungsmeister hatte noch kaum ausgesprochen, als ein großer Mäster und führender Vertreter im Bauernverband auf Kreisebene voller Empörung ausrief: "Das bedeutet ja zurück in die Steinzeit!" Unverhohlen drohte er mit seiner Verbandsmacht, wofern man sich auf derartig "veraltete" Haltungsformen einigen sollte. Er erhielt machtvolle Unterstützung von KammervertreterInnen.

     So kam es, dass mir der Sprecher der Metzger erst im Hinausgehen seine weiterführenden Gedanken mitteilte.

"Wir sind kleine Betriebe und wir wollen auch die kleinen Landwirte unterstützen. Sollen die doch an Westfleisch verkaufen und soll das doch im Rewe angeboten werden. Die haben ihre Vermarktungsschiene. Sollen sie uns doch die unsere lassen. Wir müssen mit denen doch nicht zusammenarbeiten."

Die vorgeblich veralteten Haltungsformen würden auf vielen kleinen und auch mittleren Höfen praktiziert. Bis jetzt würden die handwerklichen Fleischereien, die er vertreten würde, vornehmlich mit solchen Betrieben zusammen arbeiten. Schließlich sei die Qualität des Fleisches der solchermaßen gehaltenen und vor Ort geschlachteten Tiere besser und zumal für die heimischen Wurstwaren besser geeignet.

Hinsichtlich des Erhaltes der Agrobiodiversität würde die Konsolidierung dieser Verarbeitungs- und Vermarktungsformen bedeuten, dass weiterhin auch andere Schweinerassen gehalten werden könnten, als eine der wenigen Industrie- und Massenstall-konformen Weltmarktrassen.


Agrobiodiversität braucht die Stärkung bäuerlicher Kultur

     In dem erwähnten Forschungsprojekt haben wir gezielt bestehende bäuerlich-handwerkliche Strukturen erfasst. Im Gegensatz zur verbreiteten Sicht, sowohl in der Wissenschaft wie im ländlichen Denken, bäuerlich-handwerkliche Elemente als noch existierend, aber dem Untergang geweiht, zu betrachten, haben wir die dynamische Kraft derselben beschrieben: Die Haus-Hof-Wirtschaft auf den Betrieben; die landwirtschaftliche Kreislaufwirtschaft, die vielfach anzutreffen ist; Mischbetriebe; formelle und informelle, nicht stromlinienförmig maximierungswirtschaftliche Arbeits- und Tauschverhältnisse; handwerklich orientierte Fleischereien, Polstereien, Schreinereien; Gemeinschaftlichkeit im Dorf anstelle des vorgeblich grassierenden egoistischen Individualismus; gegenseitige Hilfeleistungen; usw. Die Ergebnisse dieser Untersuchung haben wir vor Ort in einer Ausstellung vorgestellt. Die zahlreichen Besucher und Besucherinnen haben sich und ihre Gesellschaft in diesem Spiegel neu wahrgenommen. Vieles von dem, was sie normaler Weise als provinziell, rückständig und letztlich schon verschwunden dargestellt bekommen oder selbst ansehen, ist ihnen in Wirklichkeit und in ihrem Innersten lieb und wert. Die Bestätigung dieser Wertschätzung durch die Ausstellung hat wohltuend den Stolz auf das Eigene wieder gestärkt. Diese Haltung, so bin ich überzeugt, ist notwendig, um die nach wie vor vorhandene Vielfalt der bäuerlich-dörflichen Kulturen in Europa zu stützen und damit auch die Agrobiodiversität. Das ist im Norden nicht anders als im Süden.

"Diverse Women for Diversity" nennt sich das internationale Netzwerk von Ökofeministinnen, die sich damit gleich gegen zwei Übergriffe der globalen Entwicklungsbürokratie zur Wehr setzen.(15) Gegen die Gleichmacherei von weiblichen Kulturen und Lebensentwürfen zu der einen, richtigen "entwickelten" oder "globalen Frau" - z.B. besser Lohnarbeiterin in der Weltmarktfabrik als Kleinbäuerin auf dem kommunalen Land -genauso wie gegen den Anspruch dieser Bürokratie und der Chemiekonzerne, zentralisiert in ihrer Planung, ihren Archiven und Labors über die eine, richtige Biodiversität zu bestimmen.

     Dieser Zusammenschluß ist aber nicht in erster Linie gegen etwas gerichtet, sondern für etwas geschaffen worden, - für die Stärkung des Bewusstseins, dass wir Mitglieder der Zivilgesellschaft in den unterschiedlichen Kulturen wissen, wie die Biodiversität reproduziert wird. Außerdem wird auf einen Sachverhalt hingewiesen, der meist übersehen wird, dass nämlich in vielen Kulturen es die Frauen sind, die die Saatgutvermehrung und Züchtung betreiben. Darüber hinaus wird die gesellschaftstheoretische Frage aufgeworfen, welche Auswirkung die jeweilige Kultur des Geschlechterverhältnisses auf die Biodiversität bzw. deren Diskurs hat.(16) Daß die Biodiversität des wissenschaftlich-industriellen Komplexes nicht gerade Frauen- und Mutter-identifiziert ist, kann man unschwer erkennen. Weniger leicht zu erkennen ist, wie die Entwicklung der undemokratischen Konzernbiodiversität mit der geschlechtshierarchischen Geisteshaltung zusammenhängt. Auch dieses wichtige Thema wird von den Aktivistinnen von "diverse women for diversity" behandelt.

Zuguterletzt vermittelt der Slogan des Zusammenschlusses eine ganz grundlegende Einsicht.

Nicht nur die kulturelle Vielfalt stützt die biologische Vielfalt, sondern das Umgekehrte ist mindestens ebenso der Fall.

Eine zentralisiert kontrollierte oder gar privatisierte und kommerzialisierte Agrobiodiversität bringt auch die entsprechende gesellschaftliche Monokultur hervor. Deshalb ist Agrobiodiversität ein zutiefst soziales Anliegen.

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Anmerkungen:
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[1] Siehe Brigitte Holzer, Mais: Tauschbeziehung zwischen Männern und Frauen, in: Bennholdt-Thomsen, Veronika, Hg., Juchitán – Stadt der Frauen, Reinbek:Rowohlt, 1994, S. 140 – 151

[2] Bennholdt-Thomsen, Veronika, Bauern in Mexiko zwischen Subsistenz- und Warenproduktion, Frankfurt a.M.: Campus, 1982, S. 65 - 130

[3] In Europa denkt man dann schnell an die irische Hungersnot von 1845-50, als fast die gesamte Kartoffelernte durch die Kartoffelfäule vernichtet wurde, was u.a. auf die Monokultur zurückzuführen ist, weil die Armen fast vollständig von der Kartoffel abhingen und außerdem nur eine geringe Sortenbreite gepflanzt worden war.

[4] Foucault, Michel – Die Ordnung der Dinge, Franfurt a.M.: Suhrkamp, 1974 (frz. 1966), - Überwachen und Strafen, ebd. 1977 (frz. 1975),  - Sexualität und Wahrheit, ebd. 1983 (frz. 1976)

[5] "Biodiversität“ wird als der terminus technicus, als der das Wort heute dasteht, wohl zum ersten Mal in den USA im Rahmen eines Symposium der National Academy of Science 1986 unter dem Titel "National Forum on BioDiversity“ eingeführt. Der 500 Seiten Band mit Beiträgen von über 50 AutorInnen, 1988 von Edward O. Wilson herausgegeben, ist auch als Bibel der Biodiversität bezeichnet worden (Flitner, Michael, Biodiversity: Of Local Commons and Global Commodities, in Goldman, Michael, Hg. Privatizing Nature, Political Struggles for the Global Commons, New Brunswick: Rutgers Univ. Press, 1998, S. 145; Hobohm, Carsten, Biodiversität, Wiebelsheim: Quelle und Meyer, 2000, S. 4).

[6] Vandana Shiva u.a., An Activist’s Handbook on Biodiversity, Ne Delhi: Research Faundation for Science, Technology and Ecology, 1999, S. 17

[7] "Convention Concerning the Protection of the World Cultural and Natural Heritage”, Paris 1972

[8] Nguiffo, Samuel-Alain, In Defence of the Commons: Forest Battles in Southern Cameroon, in Goldman, M. Hg., 1998, S.102-119; Flitner 1998, S. 157-159, siehe Fußnote Nr. 5

[9] Goldman, Michael, Hg., Privatizing Nature, Political Struggles for the Global Commons, New Brunswick: Rutgers Univ. Press, 1998

[10] Vandana Shiva, Globalisierung und Armut, in: Werlhof, Claudia von/ Bennholdt-Thomsen, Veronika/ Faraclas, Nicholas, Subsistenz und Widerstand, Alternativen zur Globalisierung, Wien: promedia, 2003, S. 87-96

[11] Der Spiegel 48/1995:206-7

[12] Der Spiegel 5/1995:155

[13] zu weiterer Information siehe www.nachhaltig.org/itps/reg12.htm

[14] Seit Januar 2004 ist J. Meise Präsident der Landwirtschaftskammer NRW. Ferner hat er folgende Funktionen inne: Präsident des Verbandes der Landwirtschaftskammern seit 1995, Mitglied im Präsidium des Deutschen Bauernverbandes seit 1996; Aufsichtsrat der CMA, im Zentralausschuß der Deutschen Landwirtschaft, im Verwaltungsrat der Landwirtschaftlichen Rentenbank Frankfurt; Mitglied des Verwaltungsrates des Absatzförderungsfonds der Deutschen Land- und Ernährungswirtschaft (www.landwirtschaftskammer.com/)

[15] siehe: www.diversewomen.org

[16] siehe hierzu insbesondere die Beiträge von Maria Mies, Claudia von Werlhof, Susan Hawthorne, Renate Klein, Terisa E.Turner/ Leigh S. Brownhill und Farida Akhter in: Werlhof, Claudia von/ Bennholdt-Thomsen, Veronika/ Faraclas, Nicholas, Subsistenz und Widerstand, Alternativen zur Globalisierung, Wien: promedia, 2003


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