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Edward Said – Ein Nachruf

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Am 25. September 2003 ist der eloquenteste Fürsprecher der Palästinenser an
Leukämie gestorben. Edward Said, New Yorker und Palästinenser, Intellektueller und
"Kämpfer", hat eine Lücke hinterlassen, die nur schwer zu füllen ist: Seine Eleganz
im Schreiben und Denken, vor allem aber sein mutiges Engagement im
Palästinakonflikt, das hat ihn zu einem seltenen Menschen gemacht.

Von Robert Fisk


      ...Das letzte Mal, als ich Edward Said sah, bat ich ihn weiterzuleben. Ich wusste von seiner Leukämie. Er hatte häufig hervorgehoben, dass er eine Behandlung "auf dem neuesten Stande der Technik" von einem jüdischen Arzt erhalte und dass er – trotz des Drecks, mit dem ihn seine Feinde bewarfen – sich der Freundlichkeit und des Respekts seiner jüdischen Freunde bewusst sei, unter deren besten sich Daniel Barenboim fand. Edward speiste an einem Buffet bei seiner Familie in Beirut, schwach, aber ärgerlich über Arafats letzte Kapitulation in Palästina/Israel. Und wie ein Soldat sagte er: "Ich beabsichtige nicht zu sterben", "denn so viele wollen mich tot sehen."

Dienstagnacht starb er in einem New Yorker Krankenhaus im Alter von 67. Das erste Mal traf ich ihn in den frühen Jahren des libanesischen Bürgerkrieges. Ich hatte von diesem Mann gehört, diesem intellektuellen Streiter und Linguisten und Akademiker und Musikwissenschaftler, und ich – Gott vergebe mir meine Ignoranz in den 70er Jahren – wusste nicht viel über ihn. Ich wurde zu einer Wohnung nahe der Hamrastraße in Beirut gewiesen. In den Straßen wurde geschossen – wie leicht hatten wir alle uns an die Normalität des Krieges gewöhnt – doch als ich die Stufen zu seiner Wohnung erklomm, hörte ich eine Klaviersonate Beethovens. Nein, es war nicht die "Mondscheinsonate" – nichts so Populäres bei Edward – doch ich wartete zehn Minuten lang vor der braun gestrichenen Tür, bis er geendigt hatte.

"Du hast meine Bücher gelesen, Robert – aber ich wette, du hast nicht meine Arbeit über die Musik gelesen.", schalt er mich einmal. Und natürlich hastete ich zur Librarie Internationale im Gefinor-Gebäude, um sein abschließendes Werk zu kaufen und meiner Sammlung hinzuzufügen; seinen wunderbaren Büchern über die Palästinenser, seiner vernichtenden Kritik der Korrumpiertheit und Hinterhältigkeit Yasser Arafats, seiner aufrüttelnden Verurteilung der Kriminalität Ariel Scharons.

     Er war kein makelloser Mensch. Er konnte arrogant sein, er konnte in seiner Kritik rücksichtslos sein. Er konnte monoton sein. Er konnte vor Wut fast verdampfen. Aber es gab viel, über das er sich ärgern musste. Eines Nachmittags machte ich mich auf, um ihn in der Beiruter Wohnung seiner Schwester Jean zu treffen – eine feine Frau, deren Bericht über die Invasion des Libanons durch Israel 1982, Beiruter Fragmente, der Integrität ihres Bruders würdig ist – und er befand sich halb liegend auf dem Sofa.

"Ich bin nur ein bisschen müde wegen der Leukämiebehandlung", sagte er, "Ich mache weiter. Ich werde nicht aufhören." Er war ein harter Kerl, der wortgewandteste Verteidiger eines Volkes unter Besatzung und der aufmerksamste Kritiker seiner korrupten Führung. Arafat verbot seine Bücher in den besetzten Gebieten – ein Beweis für Saids Größe und Arafats intellektuelle Verarmung.

     Bei diesem ersten Treffen in Beirut in den späten Siebzigern fragte ich ihn über Arafat. "Ich ging zu einem Treffen, dass er am anderen Tag in Beirut abhielt", sagte er, "und Arafat stand da und wurde über die Zukunft Palästinas befragt, und alles, was er sagen konnte, war: "Ihr müsst diese Frage jedem palästinensischen Kind stellen." Alles klatschte. Aber was wollte er damit sagen? Über was um alles in der Welt redete er? Es war rhetorisch. Aber es sagte nichts."

Nachdem Arafat die Osloabkommen akzeptiert hatte, war Said der erste, der ihn – mit Recht – kritisierte. Arafat hatte nie eine jüdische Siedlung in den besetzten Gebieten gesehen, sagte er. Während der Osloverhandlungen war nicht ein einziger palästinensischer Rechtsanwalt zugegen. Dafür wurde Said umgehend als "friedensfeindlich" und mittels hinterhältiger Ausdehnung [des Begriffs] als "terroristenfreundlich" verurteilt – wie alle von uns, die Oslo ein katastrophales Scheitern voraussagten.

     Mochte Said auch ermüden über der Notwendigkeit, die palästinensische Geschichte wiederholt zu erzählen, der Wichtigkeit, alte Lügen zu entlarven – eine von diesen, die ihn besonders in Wut brachte, war der Mythos, dass arabische Radiosender 1948 die palästinensischen Araber dazu aufgerufen hätten, ihre Heime im neuen israelischen Staat aufzugeben –er würde doch immer und immer wieder die Notwendigkeit wiederholen, die Geschichte der palästinensischen Tragödie neu zu erzählen.

Er wurde von anonymen Anrufern beleidigt, sein Büro wurde durch eine Brandbombe heimgesucht und er wurde viele Male von jüdischen Amerikanern verleumdet, die es hassten, dass er, ein Professor für Literatur an der Columbia-Universität, sein besetzten Volkes so sprachgewandt und kraftvoll verteidigen konnte.

     In den Tagen seines Sterbens wurde von grausamen Unterstützern Israels der Versuch unternommen, ihn seines akademischen Postens zu berauben, die in der bekannten alten verleumderischen Manier behaupten, er sei Antisemit. Als der jüdische Direktor von Harvard seiner Besorgnis über das Aufkommen von "Antisemitismus" in den Vereinigten Staaten Ausdruck gab – durch jene, die Israel zu kritisieren wagten – schrieb Said vernichtend, dass ein jüdischer Akademiker, der Direktor von Harvard sei, "sich über Antisemitismus beschwert!"

Als seine Gesundheit schon verfiel, wurde er zu einer Vorlesung nach Nordengland eingeladen. Ich kann noch immer die Frau hören, die es organisierte und sich darüber beschwerte, dass er darauf bestand, Business Class zu fliegen. Aber warum nicht? War einem zu Tode krankem Mann, der um sein Leben und das seines Volkes kämpfte, nicht ein wenig Komfort bei der Überquerung des Atlantiks gestattet? Seine Freundschaft mit dem brillanten Barenboim – und ihre gemeinsame Unterstützung für ein arabisch-israelisches Orchester, das erst letzten Monat in Marokko spielte – war Beweis seines menschlichen Anstands.

Als Barenboim die Erlaubnis versagt wurde, in Ramallah zu spielen, organisierte Said das Konzert erneut – sehr zum Zorne der Regierung Scharon, für die Said nur Verachtung hatte.

     Das letzte Mal, als ich ihn sah, war er überglücklich über die Heirat seines Sohnes mit einer wunderschönen jungen Frau. Als ich ihn das Mal davor sah, war er rasend darüber, dass [einige] Palästinenser in Boston es nicht geschafft hatten, seine Dias für einen Vortrag über das „Recht der Wiederkehr" von Palästinensern nach Palästina in der richtigen Reihenfolge anzuordnen. Wie alle ernstzunehmenden Akademiker war er auf Sorgfalt bedacht. Umso größer war sein Zorn, als einer seiner Feinde behauptete, dass er kein richtiger Flüchtling aus Palästina sei, da er sich während der palästinensischen Enteignung in Kairo aufhielt.

Er hatte mit unordentlichem Journalismus nichts am Hut – man sehe sich [seine Schrift] Covering Islam oder seine Berichterstattung über die iranische Revolution an – und er hatte noch weniger Geduld mit amerikanischen Fernsehmoderatoren. "Als wir auf Sendung gingen", erzählte er mir einmal, "sagte der israelische Konsul in New York, dass ich ein Terrorist sei und ihn töten wolle. Und was sagte die Moderatorin zu mir? 'Herr Said, warum wollen sie den israelischen Konsul töten?' Wie antwortet man auf solchen Mist?"

Edward war ein seltener Mensch. Er war Ikone und Ikonenstürmer.
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Dieser Artikel ist uns freundlicherweise von Zmag.de zur Verfügung gestellt worden. Die Übersetzung stammt von Benjamin Brosig.
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