Jazz
Die klassische Musik der Globalisierung(1)
...
Der Jazz wird als die klassische Musik der Globalisierung eingehen, weil er
sich in vorher nie dagewesener Geschwindigkeit in aller Welt verbreitet hat und er
wie keine zweite Musik die kulturelle Durchmischung repräsentiert. Paradoxerweise
haben vor allem wegen ihrer Abstammung Benachteiligte wie Louis Armstrong den "Sound
der Freiheit" geprägt. An den Jazz – und nimmt man ihn als Symbol: an die Globalisierung –
knüpft sich daher die Hoffnung nach Gerechtigkeit und Demokratie.

Von Reinhold Wagnleitner



Dr. Reinhold Wagnleitner

ist Außerordentlicher Universitätsprofessor für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an der Universität Salzburg.

Publikationen:

Für sein Buch "Coca-Colonisation und Kalter Krieg: Die Kulturmission der USA in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg" (Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1991) wurde ihm 1992 der Ludwig-Jedlicka- Gedächtnispreis für "eine herausragende Leistung aktueller österreichischer Zeitgeschichtsschreibung" verliehen.

Die im November 1994 publizierte Übersetzung Coca-Colonization and the Cold War (Chapel Hill: The University of North Carolina Press) wurde im April 1995 anläßlich der Jahrestagung der Organization of American Historians von der Society of Historians of American Foreign Relations in Washington, D.C. mit dem Stuart L. Bernath Prize als "a landmark study in international cultural relations" ausgezeichnet.

2000 erschien sein gemeinsam mit Elaine Tyler May herausgebenes Buch "Here, There and Everywhere": The Foreign Politics of American Popular Culture (Hanover, NH: University Press of New England, 2000) , das von Lingua Franca als Breakthrough Book ausgewählt wurde. 1992 gab er gemeinsam mit Walter Hölbling das Buch: "The European Emigrant Experience in the U.S.A." (Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1992) heraus. 1997 veröffentlichte Reinhold Wagnleitner gemeinsam mit John G. Blair "Empire. American Studies" (Tübingen: Gunter Narr Verlag).

Seine zahlreichen Beiträge in Fachzeitschriften und Sammelbänden widmete R. Wagnleitner bisher vor allem dem kulturellen Einfluß der Vereinigten Staaten in Europa, der politischen, ökonomischen und ideologischen Rolle der Kulturindustrie im Kalten Krieg, der britischen und österreichischen Außenpolitik in den 1930er und 1940er Jahren, den Auswirkungen des Internet auf Studium und Verständnis von Geschichte sowie den Ursachen anderer gegenwärtiger Probleme.

Daneben spielte er über viele Jahre Bass in österreichischen Pop-, Rock- und Jazz-Gruppen.

Kontakt: reinhold.wagnleitner@mh.sbg.ac.at

 

Louis Armstrongs Vorfahren waren in die Südstaaten verschleppte Afrikaner

"Like Chaucer's poetry, which virtually begins the process
of codifying the English language as a medium for
sophisticated versification, [Louis] Armstrong's Hot
Fives and Hot Sevens provide a wide launching pad
from which the history of the art of jazz takes flight.
"

Robert O'Meally, liner notes to the 4-CD set of
Louis Armstrong´s The Complete Hot Five & Seven
(Sony/Columbia; ASIN: B00004WK37 August 2000)


     Am 17. Juni 1917 konnte die staunende Öffentlichkeit in einem Leitartikel über Jazz erfahren, dass diese neue degenerierte Musik genauso gefährlich sei wie Bolschewismus und Kommunismus:

"Warum gibt es diese Jazzmusik und diese Jazzbands überhaupt? Man könnte genau so gut fragen, warum es Groschenromane und fetttriefende Krapfen gibt? Dies sind alles Manifestationen der untersten Schublade des menschlichen Geschmacks, die noch nicht vom Zivilisationsprozess weggeschwemmt wurden. Jazz gehört in den untersten Keller des Hauses der Musik, in das Dienstbotenzimmer des Rhythmus. Denn das Hauptproblem des Jazz ist unglücklicherweise seine Betonung des Rhythmus. Auf manche Naturen haben laute Geräusche und bedeutungsloser Krach einen erregenden, fast berauschenden Effekt, wie primitive Farben oder starke Parfums, der Anblick nackten Fleisches oder sadistischen Blutvergnügens."

Als Arznei dagegen empfahl das Blatt die Lauheit eines Wiener Walzers oder die raffinierten Gefühle eines Menuetts aus dem 18. Jahrhundert.

"Wir werden jedenfalls nie die Elternschaft für diese Art von Musik anerkennen. Wir werden die letzten sein, die diese Scheußlichkeit in feiner Gesellschaft erlauben werden, und wo immer sie hereinkriecht sollten wir ihre Unterdrückung als besondere Bürgerehre empfinden. Ihr musikalischer Wert ist gleich Null, und der potentielle Schaden ist riesig." (2)

Dieser Leitartikel stammte allerdings nicht etwa aus der Feder eines Wiener Journalisten, sondern wurde in der New Orleans Times-Picayune unter dem Titel "Jass and Jassism" publiziert.

     Jazz als die klassische Musik der Globalisierung – die Musik des atlantischen Dreieckhandels, also sowohl des schwarzen Atlantik als auch der ethnischen und kulturellen Durchmischungen durch die vielen Millionen an europäischen Auswanderern – repräsentiert ein zentrales Paradoxon der Moderne: einerseits steht er für ein radikales Konzept der Freiheit, andererseits ist er zutiefst in der schlimmsten Form der modernen Entwurzeltheit verwurzelt, in der Sklaverei. Denn über mehrere hundert Jahre bestand eine der wichtigsten europäischen Einkommensquellen darin, dass man zuerst Manufakturwaren aus Europa nach Westafrika verschiffte. Diese wurden dann gegen afrikanische Sklaven eingetauscht und auf dem zweiten Teil der Reise, der sogenannten Mittelpassage, in die Karibik gebracht. Von dort wurden die Sklaven dann nach Nord- und Südamerika weiter verkauft. Der Gewinn kam nach Europa vorwiegend in der Form von Rum zurück.

Mindestens zwölf Millionen Menschen, manche jüngeren Berechnungen gehen sogar von bis zu 60 Millionen Sklaven aus, wurden vor allem aus Senegal, Gambia, Sierra Leone, Ghana, Benin, und Nigeria in die Neue Welt verschleppt. Es ist den wenigesten Amerikanern und Europäern heute bewusst, dass bis zum Aufkommen der europäischen Massenemigration in den 1830er Jahren auf einen nach Nord- und Südamerika auswandernden Europäer mindestens fünf afrikanische Sklaven kamen. Hauptprofiteure waren niederländische, portugiesische, französische und englische Sklavenhändler. Die Hochzeit eines der grausamsten aller Geschäfte, des Sklavenhandels, fiel übrigens in das 18. Jahrhundert, eine Epoche, die uns interessanterweise auch als die Zeit der Aufklärung gegenwärtig ist. Bereits fünfzig Jahre vor der ersten Reise des Columbus wurden die ersten Sklaven nach Portugal gebracht, und dieser Menschenhandel hielt (offiziell) insgesamt 400 Jahre an, von 1450 bis 1885. Schon ein Jahr bevor die Pilgerväter 1620 in Massachussetts anlandeten wurden die ersten Sklaven 1619 nach Virginia gebracht. Es ist höchst wahrscheinlich, dass Louis Armstrongs Vorfahren zu Lebzeiten Mozarts gewaltsam nach Amerika verbracht wurden. Eine Arie mit dem Titel "Ein Sklavenfänger bin ich ja" wäre also durchaus nicht ganz anachronistisch gewesen.

 

Jazz drückt das Leid und die Freude der Unterdrückten aus

 

 

 

 

 

Rassisten verabscheuen den Jazz

    Aber es gelang dem Jazz eben gerade auch dadurch, die Welt so sehr zu bereichern, weil er die brillanteste Form des Ausdrucks des Leides und der Freude der Unterdrückten darstellt. Allerdings ist der Jazz, und das macht ja auch einen Teil seiner globalen Attraktion aus, überhaupt nicht nur als Musik der Unterdrückten zu verstehen, ebenso wenig wie als Volksmusik oder gar als Schöpfung musikalischer Analphabeten.(3)

Als strukturell offene Form mit einem weiten Spektrum von Varianten radikalisierte der Jazz nicht nur den Akt des Komponierens, sondern wurde auch zum Lithmus-Test für die globale fundamentalistische Internationale. Erinnert doch die amerikanische populäre Kultur ständig daran, dass sie aus einer Mischung aus afrikanischer, europäischer, nordamerikanischer (und mittlerweile weit mehr) (Sub-)Kulturen als Resultat des europäischen Imperialismus entstand. Der Jazz blieb deshalb nicht nur immer die von allen Rassisten meist gehasste kulturelle Kraft des 20. Jahrhunderts, sondern legte auch Zeugnis dafür ab, dass die kapitalistischen Kulturindustrien immerhin brillant genug sind, dass sie sogar aus diesem Kapitel der Unmenschlichkeit Kapital schlagen können.

 

 

Der Jazz verbreitet sich explosionsartig über den Globus

     Der Jazz wurde in New Orleans geboren und reiste über den Mississippi nach Memphis und St. Louis, um sich dann wie ein Flächenbrand via Chicago, New York, Kansas City, San Francisco und Los Angeles über die ganzen Metropolen der USA auszubreiten. Er überquerte innerhalb kürzester Zeit auch den Atlantik und Pazifik und raste über Eurasien hinweg. Der Rest ist Geschichte. Denn das Einzigartige am Jazz ist ja gar nicht seine Existenz – es gibt unzählige spezialisierte musikalische Idiome – sondern seine aussergewöhnliche schnelle Expansion, die tatsächlich für ihre Geschwindigkeit und Reichweite keinerlei kulturelle Entsprechung in der Weltgeschichte hat – vielleicht mit Ausnahme der frühen Expansion des Mohammedanismus.(4)

 

 

 

 

Die in den Weltkriegen siegreichen Amerikaner bringen die Freiheit und den Jazz

Ein historisch einmaliger Faktor war für die fieberhafte globale Verbreitung der neuen Musik aus New Orleans ganz besonders entscheidend. Wurde der Jazz doch gleichzeitig mit den technischen Erfindungen geboren, die es überhaupt zum aller ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ermöglichten, musikalische Produkte vollkommen unabhängig von der Anwesenheit ihrer Produzenten in Form von technischen Reproduktionen zu genießen: mittels Schallplatten, über die Ätherwellen am Radio und bald auch im Kino. Zweifellos trugen diese Mittel der technischen Reproduzierbarkeit ebenso viel zur rapiden internationalen Verbreitung des Jazz nach 1917 bei, wie sein mächtigster militärischer Verbündeter: die siegreichen amerikanischen Armeen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Und auch der Kalte Krieg, der wie alle modernen Kriege mit allen Mitteln ausgefochten wurde, erfuhr im kulturellen Bereich eine entscheidende Transformation, der die Sowjetunion nichts gleichwertig Attraktives entgegenzusetzen hatte. Weder der Westwall, noch der Eiserne Vorhang konnten ihn aufhalten, und der Jazz formte den Cold War zum Cool War um.(5)

 

 

 

 

 

 

 

 

Jazz ist der wichtigste Kulturbeitrag Amerikas zur Moderne

     Die Attacken gegen den Jazz als Wegbereiter der "kulturellen Amerikanisierung" waren deshalb in Europa bereits in den 1920er Jahren gerade auf Seiten der extremen Rechten – unterlegt mit hasserfüllten rassistischen Untertönen – besonders laut vorgetragen worden. Trotzdem sollte man hier innehalten: denn bevor wegen des angloamerikanischen Musikbombardements gleich wieder der Untergang des Abendlandes ausgerufen wird, müssen wir uns doch wieder ganz kurz der tatsächlichen materiellen Entwicklungen besinnen. Die Tatsache, dass Johann Strauss (der Jüngere) am 3. Juni 1899 nur fünf Wochen nach der Geburt von Duke Ellington (am 29. April 1899) zu Grabe getragen wurde, ist zwar nicht ganz uninteressant, sie hat aber doch wohl weltgeschichtlich eher nur symbolischen Wert. Die Frage darf zumindest gestellt werden, ob nicht die Geigen der europäischen Walzerseligkeit von den Stahlgewittern vor Verdun und am Isonzo, in Flandern und in den masurischen Sümpfen weit mehr aus dem Takt gebracht wurden, als durch alle Angriffe des "amerikanischen Kulturimperialismus" im Jazz Age zusammengenommen. Schließlich zählt der Jazz als Soundtrack des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur zu den großartigsten Schöpfungen der populären Kultur, sondern stellt überhaupt den wichtigsten Beitrag der Vereinigten Staaten zur Kultur der Moderne dar. Es sollte übrigens auch niemanden überraschen, dass das Zeitalter der Extreme den Blues als musikalisches Leitmotiv unterlegt bekam.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Louis Armstrong schöpft aus den verschiedenen Musikkulturen

Es ist also kein Wunder, dass schon die Zwanziger Jahre als Jazz Age apostrophiert wurden. Der Ordnung halber muss aber doch festgestellt werden, dass F. Scott Fitzgerald bei der Namensgebung seiner Short-Stories-Sammlung Tales of the Jazz Age, eher an das Sexleben der Flapper dachte als an die Musik von Louis Armstrong und Bix Beiderbecke, von denen er absolut keine Ahnung hatte. Wie die meisten anderen "weißen" Amerikaner, die damals den Jazz hymnisch feierten, sah er die Musik überhaupt nicht als Kunstform, sondern ausschließlich als Symptom der Reaktion gegen die unsäglich gewordene viktorianische Doppelmoral, die in den USA als "Genteel Tradition" immer noch fröhliche Urständ feierte.

    Trotz all dieser historischen Widrigkeiten: Louis Armstrong war eine der am meisten geliebten Persönlichkeiten in der Geschichte der USA, er ist die wahre Stimme Amerikas. Seine Geburtsstadt New Orleans war gewissermaßen die musikalische Bouillabaisse schlechthin, aber sie war dies nur, weil sie vielleicht die am meisten kulturell globalisierte Stadt war. Louis Armstrong und der Jazz wuchsen in einem ethnisch höchst komplexen Universum auf, dessen innerster Kreis selbstverständlich aus Afro-Amerikanern bestand. Bei Armstrong daneben aber auch aus Italienern, osteuropäischen Juden (insbesondere aus Litauen und Russland) und Chinesen. Aber Louis sog nicht nur afro-amerikanische, italienische, jüdische und chinesische Musik in sich auf, sondern auch spanische, französische, englische, irische, schottische, walisische, keltische, indianische, kanadische, mexikanische, brasilianische, argentinische, bayerische und dalmatinische Musik. Das New Orleans Jazz Funeral ist deshalb auch einem synkopierten Innviertler Trauermarsch weit näher als dem Yankee Doodle. Und Satchmo meinte immer, dass er wirklich von Herzen zu singen bei der Familie Karnoffsky lernte, also bei litauischen Juden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist Jazz? – "You’ll know it when you hear it."

In der Epoche von Armstrongs Geburt war New Orleans nicht nur die bei weitem internationalste - und damit gleichzeitig die am wenigsten "typisch amerikanische" – Stadt der USA, sondern wahrscheinlich auch die kulturell internationalste Agglomeration. Bis heute wähnen sich viele Künstler und Intellektuelle in New Orleans nicht in einer südlichen Großstadt der USA, sondern am nördlichen Rand der Karibik. New Orleans repräsentiert also eine sprichwörtliche Kreuzung aller Arten von Kulturen, Güter, Märkte und Menschen, und Louis Armstrong war der ultimative musikalische Schwamm.

     Selbstverständlich war Louis das ganze Spektrum der afro- amerikanischen, karibischen und lateinamerikanischen Musikkulturen seit seiner Kindheit zutiefst vertraut. Und er ist auch der wahrscheinlich unterschätzteste Bluesmusiker des 20. Jahrhunderts. Das liegt aber nicht nur an der Ignoranz der Kritiker, sondern ganz einfach auch an seiner einmaligen Vielseitigkeit.Hören wir nur die ersten Takte der Eröffnung des West End Blues, mit dem Louis am 28. Juni 1928 nicht nur das erste moderne Jazzsolo vorlegte, sondern überhaupt einen Meilenstein der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts schuf, an dem bis heute viele Tausende Musiker gescheitert sind.

The Red Hot Jazz Archive
West End Blues

http://www.redhotjazz.com/hot5.html

"Louis Armstrongs Einleitung des West End Blues besteht nur aus zwei Phrasen. Und schon diese zwei Phrasen alleine verdichten den ganzen Stil von Satchmo und seinen Beitrag zur Sprache des Jazz. Die erste Phrase überrascht mit dem kraftvollen Schub und der Schlagkraft der ersten vier Noten. Wir werden uns unmittelbar des unglaublichen Swing bewusst, obwohl die vier Noten auf dem Beat liegen, sie also gar nicht synkopiert sind und, weil es ein unbegleitetes Solo ist, auch kein rhythmischer Referenzrahmen gegeben ist. Diese vier Noten sollten von allen Menschen angehört werden, die den Unterschied zwischen Jazz und anderer Musik nicht verstehen oder die Einzigartigkeit des Elements Swing in Frage stellen. Diese Noten, so wie sie von Louis gespielt werden – und nicht wie sie in der Notierung aufscheinen – bieten eine so anschauliche Instruktion in die Essenz des Swing wie sie der Jazz nur anzubieten hat. Die Art und Weise, wie Louis jede Note aufs Korn nimmt, die Qualität und exakte Dauer jedes Tons, die Art wie er die Noten losläßt, und die folgende hundertstel Sekunde vor der nächsten Note - in anderen Worten, das gesamte musikalische Muster – präsentieren wie in einem Brennglas alle essentiellen Charakteristika des Tonfalls des Jazz."(6) (Gunther Schuller)

Oder, wie es Louis ein wenig einfacher formulierte: "Jazz? You'll know it when you hear it."(7)

 

 

 

 

 

 

 

Armstrong kam als erster Schwarzer auf die Titelseite des TIME-Magazin

Satchmo hatte immer die dramatische Präsenz und Disziplin der Oper. Aber er lernte selbstverständlich nicht nur von der Oper, sondern er lernte von allem. Er war mit seiner perfekten Technik und, vielleicht noch wichtiger, wegen seines perfekten Sinns für Timing der wichtigste Musiker der USA aller Zeiten. Gunter Schuller konstatierte zu Recht, dass Louis Armstrong jenes Potential hatte, das es ihm ermöglichte mit der absoluten Spitze aller bis dahin bekannten musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten zu konkurrieren.

    Historiker können daher auch nicht umhin anzuerkennen, dass die Swingmusik, wie John Edward Hasse, der Kustos für amerikanische Musik der Smithsonian Institution beim Louis Armstrong Centennial in New Orleans im August 2001 formulierte, eigentlich nichts anderes ist als orchestrierter Louis.(8) Satchmo selbst nahm all die Auszeichnungen, auch jene, als erster Schwarzer am 21. Februar 1949 das Titelbild des TIME-Magazin zu schmücken, gelassen. Die Hauptsache, so meinte er bescheiden, sei, für das Publikum da zu sein. Und noch eines: es ist vielleicht kein Zufall, dass dieser Meilenstein der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts "West End Blues" heißt. Denn wenn der Osten das Ende des Westen erreicht, dann ist er an seinem Ausgangspunkt angekommen – und also die Globalisierung komplett.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Künstler, die den "Sound der Freiheit" schufen, wurden in den USA diskriminiert

Jazz ist, nach Satchmo, alles, d.h. wirklich alles, was man für ein Publikum ausdrücken kann. Dafür muss man aber auch alles kennen und können. Und der amerikanische Musikwissenschaftler Joshua Berrett konnte nachweisen, dass Armstrongs Musik tatsächlich all die Ingredienzen jener musikalischen Welten enthält, mit denen er in seiner Kindheit und Jugend konfrontiert wurde. Schon vom ersten als Profi-Musiker verdienten Geld kaufte Armstrong einen aufziehbaren Victrola-Plattenspieler. Neben wenigen Jazzplatten erwarb er Einspielungen der Sopranistin Amelita Galli-Curci und der florentinischen Nachtigall Louisa Tetrazzini, sowie von den Tenören Enrico Caruso (seinem Lieblingssänger), Henry Burr und vom irischen Tenor John Francis McCormack, dessen schöne Phrasierung er besonders studierte. Kein Wunder, dass in Satchmos Musik die opernhafte Flamboyance und Bravura auch ohne direktes Zitat einzelner Stücke im Auftreten immer präsent waren.

Aus Satchmos immensem Datenspeicher konnte immer alles auftauchen. Und das tat es auch.

     Die Geschichte des Jazz ist aber nicht nur ebenso komplex wie die der Globalisierung, schließlich ist er ja deren Begleitmusik, sondern auch voller Fallen. So wurde lange das zentrale Paradoxon des kulturellen Kalten Krieges ignoriert: nämlich die Tatsache, dass genau jene Künstler den Sound der Freiheit schufen, die in den USA nicht nur häufig als un-amerikanisch apostrophiert wurden, sondern im eigenen Land auch unter einem Apartheid-ähnlichen System zu leiden hatten. Zumindest in diesem Bereich der Musik bedeutete die Globalsierung des Jazz einen entscheidenden Schritt in Richtung Demokratisierung. Der fundamentale Beitrag der amerikanischen populären Kultur im Allgemeinen und jener der Afro-Amerikaner im Besonderen zur Demokratisierung der Kulturen innerhalb und ausserhalb der USA wird häufig unter den Tisch gekehrt. Jedenfalls hat das amerikanische Jahrhundert zumindest ebenso viel mit der globalen Attraktion des Sound of Freedom zu tun wie mit Wall Street, Madison und Pennsylvania Avenue.

 

 

 

 

Der Jazz ist ein Kind der Gosse: wie 90% der Menschheit

Jazz ist also eine Schöpfung der musikalischen Demokratie, auch wenn diese in unseren Zeiten erst am Horizont sichtbar wird. Am Horizont sichtbar war sie aber auch schon in den Frühzeiten der Demokratisierung, zur Zeit der Aufklärung, zur Zeit Mozarts. Vielleicht ist es auch viel einfacher, wunderbare Musik zu schaffen als ein wunderbares demokratisches politisches System.

Ich wage das allerdings zu bezweifeln. Jedenfalls haben Mozarts und Armstrongs Schöpfungen alle politischen Heroen ihrer Epochen genau so überlebt, wie Miles Davis und die Beatles die politischen Schein-Größen unserer Zeit. Der Jazz ist, wie 90% der Menschheit, ein Kind der Gosse. Von dort, wo Louis Armstrong und der Jazz geboren wurden, konnte es nur mehr aufwärts gehen. Denn, jazz is a four letter word. Wynton Marsalis, hat dies auf den Punkt gebracht: "Wenn du ein Sklave warst, dann musstest Du lernen, wie man improvisierte."

Jedes Gespräch über Jazz ist ein Gespräch über Demokratie

 

 

 

 

Globale Demokratie ist ohne Überwindung des globalen Rassismus unmöglich

     Der junge Trompeter Irvin Mayfield meinte kürzlich, dass jedes Gespräch über Jazz ein Gespräch über Demokratie sei und dass man nicht über Demokratie reden könne, ohne über Rassenbeziehungen zu sprechen. Und dies geht selbstverständlich weit über den lokalen und nationalen Rahmen hinaus und bezieht den globalen Rahmen ein. Louis Armstrong hat dies immer gewusst, und viele haben nur deswegen seine Leistungen bis heute nicht anerkannt, weil er ein Schwarzer war. Aber wäre das anders gewesen, bräuchten wir ja gar nicht hier zu stehen.

Dass globale Demokratie ohne Überwindung des globalen Rassismus unmöglich ist, das erfahren wir gerade jetzt mehr als schmerzlich.

Jazz ist die Musik, die wie keine andere, die Konflikte der Moderne vermittelt. Keine andere Kunst der Moderne bündelt alle Ansätze und Brüche der Befreiung so wie der Jazz. Aber Jazz ist fast immer ein Konflikt, der auf Vermittlung aus ist. Er hält immer, wie fast jede Musik, Ausschau nach Auflösung und kehrt, anders als viele anderen Musiken, immer wieder zu einer neuen Provokation zurück. Wahrscheinlich ist das seine wahre Herausforderung.

 

 

 

Der Jazz ist die klassische Musik der Globalisierung

     Wie auch immer, Jazz ist eine durch und durch transnationale Musik. Und die globale Attraktivität des Jazz und die ihn umgebenden Mythen wurden nie besser ausgedrückt als von Louis Armstrong im Song "Cultural Exchange" von Iola und Dave Brubeck, den die atemberaubenden Vokalakrobaten Hendrix, Lambert and Ross einleiten:

"No commodity is quite so strange
As this thing called cultural exchange."(9)

Der Jazz wird tatsächlich zu Recht als die klassische, weil demokratische Musik der Globalisierung in die Geschichte eingehen. Dann muss sich halt nur mehr eines dringend ändern: es muss nur mehr die Globalisierung demokratischer werden.(10)

(Ausdrucken?)


Anmerkungen:

(1) Vortrag beim Symposium Satchmo Meets Amadeus, Salzburg, Internationale Salzburg Assocation, 4. bis 6. Oktober 2001 http://www.satchmoz.at/index.htm [accessed 10. Jänner 2003]

(2) Laurence Bergreen, Louis Armstrong: An Extravagant Life (New York: Broadway Books, 1997): 163-64.

(3) S. Frederick Starr, Der frühe Jazz: Legende und Wirklichkeit” in Klaus Wolbert (ed.), That´s Jazz: Der Sound des 20. Jahrhunderts (Frankfurt am Main, 1997): 79-102. Siehe dazu auch die folgenden webpages der zwei Seminare am Institut für Geschichte der Universität Salzburg sowie die homepage des Projekts Satchmo Meets Amadeus: Lewis A. Erenberg und Reinhold Wagnleitner, Seminar: "Jazz and American Popular Music at Home and Abroad", WS 2000/01 http://www.sbg.ac.at/ges/people/wagnleitner/jazz.htm
Reinhold Wagnleitner, Seminar: "Jazz: die klassische Musik der Globalisierung", WS 2001/02
http://www.sbg.ac.at/ges/people/wagnleitner/jazz/home.htm

Satchmo Meets Amadeus: http://www.satchmoz.at/index.htm [accessed 10. Jänner 2003]

(4) Francis Newton [=Eric Hobsbawm], The Jazz Scene (London, 1959)

(5) Reinhold Wagnleitner, "The Empire of Fun, or Talkin' Soviet Union Blues: The Sound of Freedom and American Cultural Hegemony in Europe During the Cold War“ Austrian Information Washington, D.C. Volume 52, No. 3-6/7, March-July 1999 (four installments) http://www.austria.org/mar99/blue.html ; R. Wagnleitner, "Jazz and the Sound of Freedom: Louis Armstrong Blows Up the World“, Louis Armstrong Centennial Conference, A Celebration of the Artistry and Legacy of Louis Armstrong, August 2 - 4, 2001, The Old U.S. Mint, French Quarter, New Orleans, Louisiana, http://www.satchmo.com/louisarmstrong/conference01.html [accessed 10. Jänner 2003]

(6) Gunther Schuller, Early Jazz: Its Roots and Early Development (Oxford University Press, 1986). Page 116:

(7) West End Blues Gunter Schuller http://www.libertyhall.com/stamp/westend.html [accessed 10. Jänner 2003]

(8) Louis Armstrong Centennial Conference, A Celebration of the Artistry and Legacy of Louis Armstrong, August 2 - 4, 2001, The Old U.S. Mint, French Quarter, New Orleans, Louisiana, http://www.satchmo.com/louisarmstrong/conference01.html [accessed 10. Jänner 2003]

(9) Reinhold Wagnleitner, "NO COMMODITY IS QUITE SO STRANGE AS THIS THING CALLED CULTURAL EXCHANGE": The Foreign Politics of American Pop Culture Hegemony http://www.sbg.ac.at/hai/bremen/start.htm [accessed 10. Jänner 2003]

(10) Zur Geschichte des Jazz in Europa siehe Mike Zwerin "The History of Jazz in Europe: The Real World Music. Parts 1 and 2. http://www.mikezwerin.com/news/fullstory.php/aid/75/The_History_of_Jazz_in _Europe:_The_Real_World_Music_(Pt.I).html) [accessed 16. Dezember 2002]


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