Angedacht
zu Ende gedacht


In zahlreichen Ausgaben von "Blick ins Land" (BIL) nimmt der Gutsbesitzer Dipl.-Ing.
Maximilian Hardegg zu verschiedenen landwirtschaftlichen Themen in der Kolumne
"Angedacht" Stellung. Diesmal möchte Alfred Haiger
aus seiner Sicht einige
der dort angesprochenen Themen "zu Ende denken".

Von Alfred Haiger


Konventionell ist nicht biologisch - die Unterschiede sind messbar

    In der BIL-Ausgabe 5/2001 kommt Maximilian HARDEGG zum Schluß, dass "wir nicht mehr Biobetriebe brauchen, sondern professionellere Landwirte herkömmlicher Wirtschaftsweise! Aus der Fülle der inzwischen vorliegenden Untersuchungen, bei denen messbare Unterschiede zwischen konventioneller und biologischer Erzeugung festgestellt wurden, möchte ich nur drei Beispiele anführen: den Schadstoffgehalt von Lebensmitteln, die Bodenparameter eines Langzeitversuches aus der Schweiz und eine Markenfleisch-Untersuchung unseres Institutes.

1.) In einer umfangreichen Literaturarbeit (WEBER u. Ma. 1992) über Schadstoffrückstände in Nahrungsmitteln wird einleitend festgestellt, dass die sog. Pflanzenschutzmittel (Pestizide) ja nicht zwischen schädlichen und nützlichen Mikroorganismen unterscheiden können (denn diese Einteilung trifft der Mensch) und so für das Bodenleben grundsätzlich Gifte darstellen. Bezüglich der Rückstände in der Muttermilch ergibt sich eine Abnahme der chlorierten Kohlenwasserstoffe auf ein Sechstel, wenn der Anteil der biologisch erzeugten Produkte in der Gesamtnahrung von 20 auf 80 % zunimmt Durch die Art und Weise wie sich Pestizide und andere giftige Chemikalien verteilen, werden auch Bioprodukte nicht vollständig frei sein von bestimmten Schadstoffen, doch ist in fast allen Vergleichsuntersuchungen der Wert um 50 – 90 % niedriger.

2.) In einer Broschüre des Forschungsinstitutes für Biologische Landwirtschaft in der Schweiz (FiBL 2000) wurden die 20jährigen Erfahrungen des sog. DOK-Versuches publiziert. Dabei wurden folgende Wirtschaftsweisen miteinander verglichen: biologisch-dynamisch (D), organisch-biologisch (O) und konventionell/integriert (K). Die Erträge von Getreide, Kartoffeln, Gemüse und Kunstwiese waren auf den Bio-Parzellen durchschnittlich um 20 % geringer, allerdings bei 30-60 % geringerem Düngeraufwand. Auf die Ertragseinheit bezogen war der Energieaufwand um rund 20 % niedriger.

Das Bodenleben (Regenwürmer, Nützlinge und Mikroorganismen) nahm bis zu 50 % gegenüber dem integrierten und bis zu 80 % gegenüber dem konventionellen Anbau zu. Die Bioanbausysteme (D und O) ergaben demnach zwar niedrigere Erträge aber einen wesentlich geringeren Dünger- und Energieaufwand, eine deutlich vielfältigere Begleitflora, reicheres Bodenleben und weniger Bodenerosion. Dies widerspricht auch den Feststellungen HARDEGGS in "Angedacht" der BIL-Ausgabe 8 und 9/2001, dass die integrierte Landwirtschaft umweltökonomischer sei als der Ökologische Landbau.

3.) In einem Vergleich von mehr als einem Dutzend heimischer Fleischmarken bezüglich ihrer Haltungs- und Fütterungsgarantien durch unser Institut für Nutztierwissenschaften erfüllten nur die Bio-Fleischprogramme die von immer mehr Konsumenten geforderten ökologisch-ethischen Kriterien.


Geld regiert die Welt (Globalisierung gegen Regionalisierung)

     Nicht nachvollziehbar sind auch Maximilian HARDEGGS "angedachte" Feststellungen, dass der Verzicht auf "gewisse Pflanzenschutzmittel qualitätsmindernd" sei (BIL 1/2001) sowie Bemühungen, das AMA-Gütesiegel an ein Vollspaltenverbot zu knüpfen, letztlich "kränkere Nutztiere" bedeute (BIL 4/2001). Völlig unverständlich ist für mich aber seine Behauptung in BIL 10/2001, dass es "ohne funktionierender Weltwirtschaft keinen Wohlstand nach heutigen Maßstäben geben kann". Ist die Globalisierung (Reichtum im Norden auf Kosten der Armen im Süden) doch das genaue Gegenteil von Regionalisierung, die alleine Wohlstand für den gesamten Globus ermöglicht. Deshalb steht für mich seit 1974 fest: Jeder souveräne Staat muss sich seine Grundnahrungsmittel auf Basis der natürlichen Bodenfruchtbarkeit und artgerechten Tierhaltung selbst erzeugen und gleichzeitig die gewachsene Kulturlandschaft pflegen genau das kann der flächendeckende biologische Landbau. Derzeit verbraucht etwa ein Viertel der Weltbevölkerung rund drei Viertel der fossilen Energievorräte und das ist auch einer der Hauptgründe für Terror und Krieg! Bezogen auf die Landwirtschaft hat das der Nationalökonom E.F. SCHUMACHER 1980 sinngemäß wie folgt formuliert: „Die moderne Landwirtschaft basiert weitgehend auf reichlich verfügbarem, billigem Erdöl und eignet sich gewiß nicht für alle Zukunft."


Wird die Kuh zur "Sau" gemacht ?

     Ein anderes Beispiel für eine "nicht zu Ende gedachte Agrarpolitik" ist die völlig verfehlte Agenda 2000 der Europäischen Union und damit auch der heimischen Agrarpolitik. Durch die radikale Getreidepreissenkung und deren teilweise Kompensation durch Flächenprämien ist die Nährstoffeinheit (Energieeinheit) im zugekauften Kraftfutter (Getreide) billiger als im wirtschaftseigenen Grundfutter (außer Weidegras). Dies hat zur Folge, dass der Kraftfuttereinsatz in der Milchviehfütterung auch in den Gründlandgebieten enorm zunimmt und die naturgemäßen Futtermittel - also Gras, Heu, Silagen - zunehmend aus der Ration verdrängt werden.
Eine Modellrechnung zeigt (siehe Tabelle), dass bei einer Verdoppelung der Milchleistung pro Kuh nur mehr der halbe Milchkuhbestand notwendig wäre und sich die derzeit noch benötigte Grundfutterfläche um ca. 60 % vermindern bzw. der Kraftfutterverbrauch mehr als verdoppeln würde. Wenn gleichzeitig von durchschnittlich 10 auf 35 Kühe pro Betrieb aufgestockt würde, benötigen wir für die Erzeugung der gleichen Gesamtmilchmenge von 3,350.000 t nur mehr 10.000 statt derzeit noch rund 60.000 milchliefernde Betriebe. So wird die Kuh zur "Sau" gemacht!

Trotz dieser leicht einsehbaren Zusammenhänge werden von den politischen Verantwortungsträgern die 10.000-kg-Kühe prämiert und bei der gleichen Veranstaltung wird die "flächendeckende Bewirtschaftung der Grünlandregionen" als agrarpolitisches Ziel beschworen.


Grundfutter-Verdrängung (Modellrechnung für Österreich 2000)


Gesamtmilchmenge TM GF KF KF GF/Tg.1) KF/Tg.2)
3,350.000 t kg Kg kg % t t
Æ 5.000 kg/Kuh
670.000 Kühe 16,3 13,9 2,4 15 9.313 1.608
Æ 10.000 kg/Kuh
335.000 Kühe 21,3 10,6 10,7 51 3.550 3.585
50 % Kühe 38 % 223 %
TM = Trockenmasse, GF = Grundfutter, KF = Kraftfutter

1) GF/Tg.: 13,9 kg x 670.000 = 9.313 t (10,6 kg x 335.000 = 3.550 t)
2) KF/Tg.: 2,4 kg x 670.000 = 1.608 t (10,7 kg x 335.000 = 3.585 t)


Zu Ende gedacht

    Will die Menschheit als Ganzes in Frieden mit sich und der Natur überleben, bleibt ihr nur eine kopernikanische Wende von der kapitalistisch-industriellen zu einer ökologisch-sozialen Lebensweise. Dieser radikale Kurswechsel ist aber nur möglich, wenn die Politiker zuerst auf die Ökologen hören und dann erst auf die Ökonomen (=Gestaltungs- statt Gefälligkeitspolitik), die Wissenschaftler sich an den Naturgesetzen und nicht am freien Markt orientieren (=Paradigmenwechsel), aus Landwirten wieder Bauern werden (=Humusmehrer) und die Konsumenten durch ihr Kauf- und Stimmverhalten den notwendigen Druck erzeugen (=praktizierte Ethik).

Als Konsumenten – und das sind wir alle – können wir täglich sehr viel tun! Beispielsweise keine Kiwis aus Neuseeland oder Granny Smith-Äpfel aus Südafrika kaufen, sondern Obst und Gemüse aus heimischen Landen je nach Saison, also Erdbeeren und Salat im Sommer, steirische Äpfel und Kraut im Winter; Eier von Hennen aus Boden- oder Freilandhaltung; Fleisch nur aus Mutterkuhhaltung, von Weidemastgeflügel oder Schweinen, die auf Stroh gehalten wurden und Milch von Kühen, die in den Grünlandgebieten weiden.

Dieser Artikel ist zuerst im März 2002 unter dem Titel "Wird die Kuh zur Sau
gemacht" in "Blick ins Land", S. 28-29 erschienen.


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