Naturgemäße Milchrinderzucht
(Zuchtziel zwischen ökonomischen Wünschen und ökologischen Grenzen)

Viele Zuchtziele, wie hohe Milchleistungen bzw. hohe Fettgehalte, sind zwar ökonomisch
sinnvoll, aber ökologisch bedenklich. Eine Umorientierung ist notwendig: weg vom
freien Markt, hin zur naturgemäßen Landwirtschaft.

Von Alfred Haiger



Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Alfred Haiger, 1937 als Bauernsohn in Gröbming/Steiermark geboren, Studium der Landwirtschaft in Wien, Stuttgart und Edinburgh, seit 1975 Professor für Tierzucht und Vorstand des Instituts für Nutztierwissenschaften an

der Universität für
Bodenkultur in Wien,

Forschungsschwerpunkte:
Kreuzungszucht beim Schwein, Rassenvergleiche beim Rind, Hochleistungskühe ohne Kraftfutter, Lebensleistungszucht, Mutterkuhhaltung.

Publikationen:
"Biometrische Methoden in
der Tierproduktion
“ (1966), "Naturgemäße Viehwirtschaft“ (1988),

Grundeinstellung:
(seit 1973): gegen den Größenwahn in Wirtschaft, Politik und Tierzucht


"Züchten heißt in Generationen denken"

Kurzfassung:
Auf einer begrenzten Welt mit enormen Bevölkerungswachstum, gigantischem Raubbau an der Natur, durch weltweiten Freihandel und einem gewinnmaximierenden Wirtschaftssystem, heißt die Gegenstrategie in den westlichen Industriestaaten: Weniger, naturgemäß erzeugen und gerechter verteilen.

(1) Primat der Ökologie: Langfristig ist nur ökonomisch was ökologisch ist, weshalb der Ökologische Landbau flächendeckend betrieben werden sollte.

(2) Nutztierhaltung: Der Mensch benötigt als Omnivore (Allesfresser) zu seiner normalen Entwicklung eine gewisse Menge tierisches Eiweiß. Das Rind kann als Wiederkäuer rohfaserreiche (absolute) Futterstoffe in die eiweißreichen Lebensmittel Milch und Fleisch umwandeln; gleichzeitig "pflegt" die Kuh (als Milch- oder Mutterkuh) in den gründlandbetonten Erholungsgebieten die in Jahrhunderten gewachsene Kulturlandschaft.

(3) Wirtschaftlichkeit: Die Wirtschaftlichkeit einer Milchkuh hängt in erster Linie von der Leistungshöhe und der Nutzungsdauer ab (Zucht auf Lebensleistung). Schließlich sind "Hochleistungskühe" auch ohne Kraftfutter wirtschaftlicher als mittelmäßig veranlagte, wenn sie Grundfutter in ausreichender Menge und guter Qualität erhalten.

(4) Merkmalsantagonismen: Höchste Milch- und Fleischleistung in einem Tier zu vereinen ist wegen der negativen Korrelationen nicht möglich. Langfristig ist daher die wirtschaftlich notwendige Milchlebensleistung mit einer entsprechenden Qualitätsfleischerzeugung bei gleichzeitiger Erhaltung der grünlandbetonten Erholungslandschaften nur mit verschiedenen Nutzungsrichtungen erreichbar:

* milchbetonte Rinder werden zunehmen (Zucht auf Lebensleistung),
* fleischbetonte Rinder für die Mutterkuhhaltung werden zunehmen und die
* kombinierten Rinder werden abnehmen.

 

 

Braucht der Biolandbau eine eigene Tierzucht?

 

 

Hohe Milchleistungen erfordern einen widernatürlichen Kraftfuttereinsatz


Einleitung

     Die Diskussion, ob der Bio-Landbau eine eigene Saatzucht braucht, wird schon längere Zeit geführt, nicht erst seit den Freisetzungsanträgen für gentechnisch veränderte Pflanzensorten. In der Tierzucht kommt die Debatte - von Ausnahmen abgesehen - erst jetzt in Gang. Einerseits aus betriebswirtschaftlichen Gründen (sinkende Milchpreise als Folge der Globalisierung) und andererseits wegen der rasant steigenden Leistungen in der konventionellen Milchkuhhaltung von über 10.000 kg bei uns und über 15.000 kg in Nordamerika. Solche Leistungen können aber nur mit einem widernatürlichen Kraftfuttereinsatz, routinemäßiger Anwendung von Wachstumshormonen (bST) und anderer Sonderbehandlungen (z.B. tierisches Eiweiß) erbracht werden.

 

Wiederkäuer verwerten rohfaserreiche Futterstoffe

Aus ökologischer Sicht sind von den landwirtschaftlichen Nutztieren die Wiederkäuer besonders hervorzuheben, weil sie Gräser, Leguminosen und Kräuter, aber auch "Abfälle" des Ackerbaues verwerten. Da die erstgenannten Pflanzenarten eindeutig zu den Bodenverbesserern gehören, kann damit den nachteiligen Folgen eines einseitigen Getreide- bzw. Maisanbaues (Humusabbau, Verschlechterung der Bodenstruktur, Erosionsgefahr usw.) entgegengewirkt werden. Für den biologisch wirtschaftenden Betrieb sind die Leguminosen auch unentbehrliche Stickstoffsammler und für die Rinder sind es hervorragende Futterpflanzen. Im Gegensatz zu Schwein und Huhn können die Wiederkäuer auch rohfaserreiche Futterstoffe verwerten, die der Mensch nicht direkt essen könnte; sie sind daher auch in Mangelzeiten keine Nahrungskonkurrenten des Menschen. Das Rind als Milch- oder Mutterkuh hat aber für die Grünlandgebiete eine weitere ökologisch unverzichtbare Bedeutung, da es die Kulturlandschaft pflegt.

Die verschiedenen Nutztierarten unterscheiden sich jedoch nicht nur in den Futteransprüchen, sondern zeigen auch große Unterschiede in der Effektivität, Futterstoffe in Lebensmittel umzuwandeln. Nach SCHÜRCH (1963) ist die Eiweißverwertung bei der Milch- und Eierzeugung etwa doppelt so hoch wie bei der Fleischerzeugung; ähnliche Verhältnisse ergeben sich auch bei der Energieverwertung. Aus 1.000 g Futtereiweiß erhält man im Mittel von einer Kuh mit einem fünfjährigen Durchschnitt von 4.500 kg Milch 430 g Milcheiweiß, von einem Maststier jedoch nur 120 g und einem Mastschwein 180 g Fleischeiweiß.

 

 

 

 

Die "erfolgreiche" Unterwerfung der Natur


Verantwortbare Leistungszucht

In seinem letzten Buch "Das Prinzip Verantwortung" schreibt Hans JONAS (1984):

"Die dem Menschenglück zugedachte Unterwerfung der Natur hat im Übermaß ihres Erfolges... zur größten Herausforderung geführt, die je dem menschlichen Sein aus eigenem Tun erwachsen ist. Der endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft nie gekannte Kräfte und der Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt, ruft nach einer Ethik, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden".

Ob der wissenschaftliche Kenntnisgewinn auch ein nachhaltiger Fortschritt für die Allgemeinheit ist, kann nicht durch das naturwissenschaftliche Experiment entschieden werden, sondern muß außer einer ökonomischen auch einer ökologischen und sozial- ethischen Bewertung unterzogen werden.

 

 

Aus ökologischer Sicht ist mit 5000-7000 kg Milch/Kuh und Jahr eine verantwortbare Leistungsgrenze erreicht

Eine modellhafte Bilanzierung zwischen Stickstoff-"Import" durch Kraftfutterzukauf und Stickstoff-"Export" durch Milch- und Viehverkauf ergibt für Grünlandbetriebe etwa folgenden ökologisch vertretbaren Leistungsbereich (PFEFFER u. SPIEKERS 1989). Unter der Annahme einer Grundfutterleistung von 3.000 kg Milch pro Kuh und Jahr ist die Stickstoffbilanz bei einer Gesamtleistung von ca. 5.000 kg ausgeglichen. Je höher die Grundfutterleistung, desto höher kann die Gesamtleistung sein, ohne daß ein "Stickstoffüberhang" durch Kraftfutterzukauf entsteht. Bei Jahresleistungen über 7.000 kg ist aber selbst bei sehr hohen Grundfutterleistungen keine ausgeglichene Stickstoffbilanz mehr erreichbar. Rein ökonomisch mag es daher wohl stimmen, daß "10.000-kg-Kühe" den Liter Milch kostengünstiger erzeugen als "6.000-kg-Kühe" (GLODEK 1990). Vom Standpunkt der Ökologie ist aber mit 5.000 bis 7.000 kg Milch je Kuh und Jahr (in Abhängigkeit von der Grundfutterleistung) eine "verantwortbare Leistungsgrenze" erreicht. Darüber hinaus sinken die Futterkosten je Kilogramm Milch nur mehr unwesentlich und der Stickstoffeintrag ins Grundwasser beginnt auch im Grünlandgebiet bedenklich zu werden, da der Kraftfutterverbrauch progressiv zunimmt.


Hohe Milchleistungen mögen ökonomisch sinnvoll sein, ökologisch (Kraftfutter, Stickstoffeinsatz) sind sie aber bedenklich

Aus ökonomischer Sicht ist die Zucht auf höhere Leistungen eine sehr effektive Möglichkeit, Futter-, Arbeits- und Stallplatzkosten einzusparen. Dies geht auch aus einem Vergleich der entsprechenden Zahlen in der Tabelle hervor. Die Angaben entsprechen dem Durchschnitt aus 14 verschiedenen Fütterungsversuchen und den üblichen Energiebedarfsnormen für die Milcherzeugung. Mit steigender Leistung nimmt demnach der Energiebedarf je Kilogramm Milch ab, da sich der konstante Erhaltungsbedarf auf mehr Milchkilogramm verteilt. Die Abnahme ist aber um so geringer, je höher die Leistung steigt. Eine Kuh mit 5.000 kg Laktationsleistung benötigt 38 % weniger Energie je Kilogramm Milch als eine Kuh mit 2.000 kg. Eine weitere Leistungssteigerung um 3.000 kg auf 8.000 kg Laktationsleistung senkt den Energiebedarf je Kilogramm Milch nur noch um 10 %.

 

 


Bei höheren Milchleistungen steigt der Kraftfutter- und sinkt der Grundfutteranteil

(Tabelle: Leistungshöhe, Futteraufnahme und Kraftfutterverbrauch
in der Milcherzeugung: siehe unten
)

Unabdingbare Voraussetzung für eine höhere Leistung ist aber ein höheres Futteraufnahmevermögen, das sich bei einer Steigerung der Laktationsleistung von 2.000 auf 10.000 kg beinahe verdoppelt. Die angeführten Grenzwerte von 11,4 bzw. 21,3 kg Futter-Trockenmasse- Aufnahme entsprechen 1,8 bzw. 3,3 % von 650 kg Lebendgewicht. Trotz der bedeutend höheren "Verzehrsleistung" steigt aber auch der Kraftfutteranteil bzw. sinkt der Grundfutteranteil. Unter Berücksichtigung des fossilen Energieverbrauches für die Stickstoffdüngererzeugung, die für hohe Getreideerträge unbedingt erforderlich ist, kann schon deshalb ein übermäßiger Kraftfuttereinsatz, über den Nährstoffausgleich hinaus, nicht sinnvoll sein.

 

 

Es ist ökologischer Unsinn, Wiederkäuer zu züchten, die ohne Kraftfutter nicht existieren können.


Hochleistungskühe ohne Kraftfutter ?

Fast alle Fütterungsexperten und Praktiker vertreten den Standpunkt, daß hochveranlagte Milchkühe nur dann gesund und fruchtbar bleiben, wenn sie voll ausgefüttert werden, was neben dem Grundfutter entsprechend hohe Kraftfuttergaben erfordert. Langfristig wäre es aber ein ökologischer Unsinn, Wiederkäuer zu züchten, die ohne Kraftfutter nicht existieren könnten und in Energiemangelzeiten (= Kraftfuttermangelzeiten) notgedrungen zu Nahrungsmittelkonkurrenten des Menschen würden; insbesondere wäre es aber widersinnig in einem Land mit knapp 60 % Grünlandanteil. In einem 10 Jahre dauernden Versuch gingen wir deshalb der Frage nach, was Hochleistungskühe leisten und wie sich eine Fütterung ohne Kraftfutter auf die Fruchtbarkeit und Nutzungsdauer auswirken würde (HAIGER u. SÖLKNER 1995). Hinsichtlich der Gesundheit (Tierarztkosten), Fruchtbarkeit (Besamungsindex) und Nutzungsdauer bestanden zwischen den Kuhgruppen mit und ohne Kraftfutter keine wesentlichen Unterschiede, wenn das Grundfutter (Heu, Silagen bzw. Weide) in ausreichender Menge (= lange Freßzeit) verabreicht wird. Unter Berücksichtigung der eindeutigen Leistungsüberlegenheit milchbetonter Kühe (Holstein Friesian und Brown Swiss) gegenüber kombinierter (Fleckvieh und europäisches Braunvieh) von knapp 30 %, würden erstere auch in Kraftfuttermangelzeiten die Milch kostengünstiger erzeugen.

 

 

Die konventionellen Zuchtziele streben Gewinnmaximierung an


Konventionelle Zuchtzieldefinition

Das Zuchtziel bestimmt alle wesentlichen Schritte im Zuchtablauf: Leistungsprüfung, Zuchtwertschätzung und die Selektion. Die allgemein anerkannte marktwirtschaftliche Definition des Zuchtzieles von FEWSON (1973, 1993) lautet:

"Züchtung von (vitalen) Tieren, die unter den künftigen Produktionsbedingungen einen höchstmöglichen Gewinn garantieren".

Ein solches im Prinzip zeitloses, auf Gewinnmaximierung ausgerichtetes Zuchtziel wird aber von Züchtern oft zu Recht als zu abstrakt empfunden und verlangt nach einer weiteren Konkretisierung, womit sich ESSL (1995) ausführlich auseinandergesetzt hat. Anzumerken wäre noch, daß die Beifügung "vitale" erst 1993 eingefügt wurde und Umweltaspekte im Sinne einer "ökosozialen Marktwirtschaft" völlig fehlen. Schließlich sind auch die "zukünftigen Produktionsbedingungen" nur schwer zu quantifizieren."Mit Hilfe des sogenannten optimalen Selektionsindex" ist eine zuchtzielkonforme Schätzung des gesamten Zuchtwertes eines Tieres möglich. Für die Anwendung einer optimalen Indexselektion müssen allerdings zuverlässige Informationen über die wirtschaftliche Bedeutung und genetische Fundierung aller ausgewählten Merkmale verfügbar sein, was in der Praxis manchmal zu beträchtlichen Schwierigkeiten führen kann" (ESSL 1995). Trotz hohem Rechenaufwand kann also mit der oben erwähnten Zuchtzieldefinition und dem davon abgeleiteten Selektionsindex (als Gesamtzuchtwert) den zukünftigen Ansprüchen an ein landwirtschaftliches Nutztier nur mehr oder weniger gut entsprochen werden.

 

 

Die (negativen) Wechselwirkungen von Zuchtmerkmalen


Naturgemäße Zuchtgrundsätze

Haustiere stammen von Wildtieren ab, die in einem Jahrmillionen dauernden strengen Ausleseprozeß, der Evolution, entstanden sind. Jeder Organismus zeichnet sich daher durch zahlreiche wohl aufeinander abgestimmte Stoffwechselprozesse aus, die durch körpereigene Wirkstoffe (Enzyme und Hormone) und umweltbedingte Faktoren in Form von Regelkreisen gesteuert werden. Die äußerlich sichtbaren Eigenschaften (Körpermerkmale, Leistungen und Verhaltensweisen) eines Tieres können daher als Spiegelbild seiner Erbanlagen unter den gegebenen Umweltverhältnissen aufgefaßt werden. Die verschiedensten Stoffwechselprozesse laufen in einem gesunden Organismus aber nicht wahllos nebeneinander ab, sondern nach einer ebenfalls genetisch bedingten zeitlichen und räumlichen Über- bzw. Unterordnung, einer sogenannten Hierarchie. Man kann daher kein lebenswichtiges, hierarchisch hochstehendes Merkmal ändern, ohne nicht gleichzeitig auch andere zu beeinflussen. Daraus lassen sich folgende Züchtungsgrundsätze ableiten:

 

 

 

 

 

 

 

 

"Je mehr Milch, desto weniger Fleisch"

a)Das Wachstum ist ein zentraler Lebensprozeß und steht in der Hierarchie der Körperfunktionen hoch oben. Versucht man daher den Wachstumsrhythmus oder die Körperproportionen züchterisch zu ändern, so verändert man indirekt auch andere wichtige Funktionskreise. Bei den meisten europäischen Rinderrassen setzte in den 30er Jahren die Zucht auf kleine Tiere, dem sogenannten "Wirtschaftstyp", ein. So falsch es war auf kleine Tiere zu züchten (Pummeltyp), so falsch ist die heutige Tendenz, mit Nachdruck auf Größe zu selektieren (Elefantentyp). Auf Körpergröße sollte man am besten überhaupt nicht züchten, da sie sich der Leistung entsprechend von selbst regelt und eine gewisse Variation ganz natürlich ist.

b) Soll eine sehr hohe Milchleistung mit einer überragenden Fleischleistung in möglichst langlebigen und fruchtbaren Kühen kombiniert werden (kombinierte bzw. fleischbetonte Zweinutzungsrassen), so ist das wegen der naturgesetzlichen Widersprüche nicht möglich (HAIGER 1983b). Einige Ausstellungskühe, die aus Tausenden ausgewählt werden, können nicht als Gegenbeweis hierfür gelten, sondern sie müssen als Ausnahme von der Regel angesehen werden. Die naturwissenschaftlichen Grundlagen für diesen Schluß wurden in mehreren Arbeiten dargelegt (z.B. BAUER u. BAKELS 1958, HAIGER 1973, HAIGER et.al 1988). An sich eine alte Züchterweisheit, denn in einem Lehrbuch über Rinderzucht, das vor 150 Jahren erschienen ist, kann man lesen: "Milch- und Fleischgewinn im höchsten Grade zu vereinen, ist bis jetzt den
Rinderzüchtern nicht gelungen: je mehr Milch desto weniger Fleisch" (LÖBE 1852). In einer umfangreichen amerikanisch-skandinavischen Untersuchung (ROGERS u. Ma. 1999) wird allerdings neuerlich belegt, daß die systematische Selektion "gegen Fleisch" in Form des "dairy-type" ebenfalls nicht empfohlen werden kann.


Zucht auf hohen Fett- und Eiweißgehalt führt zu Stoffwechselstörungen und höheren Tierarztkosten

c) Vor 1900 hatten die europäischen Rinderrassen einen Fettgehalt um 3 % (Ausnahme Jersey). Die Holländer waren nach den Jersey-Züchtern die ersten Rinderzüchter, die ab 1900 auf Fettgehalt selektierten (HAYD 1973). Im Jahr 1981 war der mittlere Fettgehalt aller Schwarzbunten in Holland bei 4,1 % und die 17 lebenden Kühe mit mehr als 100.000 kg Lebensleistung hatten einen durchschnittlichen Fettgehalt von 3,8 %. Die amerikanischen Holstein Friesian, die fast ausschließlich holländischer Abstammung sind wurden überwiegend auf Milchmenge selektiert und hatten in der Zeitperiode von 1950 bis 1980 immer einen Fettgehalt zwischen 3,6 und 3,7 %, obwohl im gleichen Zeitraum die Fettmenge pro Laktation von 190 auf 300 kg angestiegen ist. Gleichzeitig war es die Population, in der es (absolut und relativ) die meisten Lebensleistungen über 92.000 kg Milch gab. Zusammenfassend kommt HAYD (1973) zum Schluß: "Die Zucht auf hohen Fettgehalt führt zu Stoffwechselstörungen, höheren Tierarztkosten, niedrigerer Lebensleistung und damit zu wirtschaftlichen Einbußen in der Milchviehhaltung". Ähnliches muß auch für die Selektion auf Eiweißgehalt und das Fett-Eiweißverhältnis befürchtet werden, weil diese Kriterien in der konventionellen Zucht heute eine überragende Rolle spielen.


Zucht auf lange Nutzungsdauer ist ein wichtiges Ziel

 

 

 

 

 

 

Die Gesamtwirtschaftlichkeit einer Kuh steigt bis zur
9. Laktation an

d) Neben einer hohen Grundfutterleistung ist für die Wirtschaftlichkeit der Milchkuhhaltung die Nutzungsdauer von großer Bedeutung. ZEDDIES hat schon 1972 gezeigt, daß die Gesamtwirt-schaftlichkeit einer Kuh bis zur 9. Laktation ansteigt und keinesfalls mit deren Höchstleistung (etwa 4./5. Laktation) erreicht ist. Darüber hinaus ist erst bei einer größeren Anzahl von Nachkommen eine wünschenswerte Selektionsschärfe möglich. Aufgrund einer eingehenden ökonomischen und populationsgenetischen Untersuchung empfiehlt ESSL (1982) den endgültigen Selektionsentscheid erst nach der dritten Laktation zu fällen. Schon BRODY (1945) weißt auf die biologische Regel hin, daß spätreife Arten länger wachsen aber auch länger leben und CARTER (1968) zeigt auf, daß langlebige Kühe nur mittlere bis unterdurchschnittliche Erstlaktationsleistungen erbringen. In einer umfangreichen Literaturübersicht (FINCH 1990) wird die alte "Züchterweisheit: früh Hengst, früh Wallach" eindrücklich belegt.

In einer ausführlichen ökonomischen Bewertung der Nutzungsdauer für biologisch wirtschaftende Betriebe wird nach aktuellen Preis- Kostenverhältnissen (Österreich 2001) der Schluß gezogen, daß mindestens 6 Laktationen (besser 9) erreicht werden müssen, um eine entsprechende Rentabilität zu erreichen (GREIMEL u. STEINWIDDER 2001).


Fruchtbarkeit und Lebenskraft sollen sich trotz hoher Milchleistungen nicht verschlechtern

e) Soll sich aber trotz steigender Milchleistung die Fitneß (Fruchtbarkeit und Lebenskraft) nicht verschlechtern, so dürfen im Zuchtziel nur solche Merkmale berücksichtigt werden, deren Stoffwechselprozesse sich gegenseitig zumindest nicht hemmen, sondern womöglich fördern. Die schwierige Aufgabe der langfristig richtigen Gewichtung vieler Einzelmerkmale für den Selektionsentscheid wird "naturgemäß" am besten gelöst, wenn nach einem "Gesamtzuchtwert" ausgewählt wird, der alle lebensfördernden Merkmale so zusammenfaßt, daß die Nachkommen überdurchschnittlich langlebig und leistungsstark sind, und das ist die Lebensleistung (BAKELS 1981, HAIGER 1973, 1983a). Nachdem die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe von Erbanlagen ganz wesentlich davon abhängt, wieviele Vorfahren (Ahnen) und Seitenverwandte (Geschwister) die erwünschten Anlagen tragen, ist die Zucht auf Familien aufzubauen, in denen hohe Lebensleistungen gehäuft vorkommen.

 

 

 

Zuchtziel: hohe Lebensleistung


Ergebnisse der Lebensleistungszucht

Mit einer konsequenten Zucht auf hohe Lebensleistung konnte die Häufigkeit der Kühe mit über 50.000 kg Milch in verschiedenen Zuchtgebieten stark erhöht werden. So standen in den vier Gründerbetrieben von BAKELS (1981) nach einer 25jähriger Linienzucht auf hohe Lebensleistung im Durchschnitt der Jahre 1974 bis 1978 nur 1,75 % der schwarzbunten Kontrollkühe Bayerns. Von allen Kühen mit mehr als 50.000 kg Milchlebensleistung waren in diesen Betrieben jedoch 27 %, das ist das 15fache des statistischen Erwartungswertes. Ein anderer konsequenter Lebensleistungszüchter in Kärnten (Martin ERTL) hatte im Durchschnitt der letzten 5 Jahre 23 % der Kühe in der Herde mit über 50.000 kg Lebensleistung; im Landesdurchschnitt von Kärnten waren es 7 %. Der Anteil der lebenden Kühe mit mehr als 50.000 kg Milchlebensleistung betrug im Durchschnitt der Jahre 1993 bis 1997 im Bundesland Steiermark für das Fleckvieh 3 %, das Braunvieh 7 % und die Holstein Friesian 7 %. Im eigenen Linienzuchtprogramm (4 Betriebe mit ca. 110 Holstein-Kühen) betrug der Anteil 14 %.Diese Ergebnisse sind wohl hinreichende Beweise dafür, daß eine Zucht auf hohe Lebensleistung erfolgreich ist, wenn man auch danach handelt und nicht nur davon spricht.

 

 

 

Für ökologische Betriebe sollte die Leistungsgrenze bei 5000-7000 kg Milch/Kuh und Jahr liegen


Schlussfolgerungen

Die Bedeutung der landwirtschaftlichen Nutztiere beruht im Industriezeitalter fast ausschließlich auf ihrer Fähigkeit, Futterstoffe in Nahrungsmittel umzuwandeln. Langfristig ist etwas aber nur dann ökonomisch (wirtschaftlich), wenn es auch ökologisch (naturgemäß) ist. Das gilt auch für die Züchtung von Milchkühen, deren Wirtschaftlichkeit ganz wesentlich von der Leistungshöhe und Nutzungsdauer abhängt. Für einen ökologisch geführten Betrieb wird daher, je nach Futtergrundlage und Zuchtrichtung eine verantwortbare Leistungsgrenze für ausgewachsene Kühe bei 5.000 bis 7.000 kg (vielleicht auch einmal 8.000 kg) Jahresleistung liegen.

Soll sich durch die Zucht auf höhere Nutzleistungen (Milch bzw. Fleisch) die Fruchtbarkeit und Lebenskraft (Fitneß) jedoch nicht verschlechtern, so dürfen bei der Selektion nur solche Merkmale berücksichtigt werden, deren Stoffwechselprozesse sich gegenseitig zumindest nicht hemmen, sondern womöglich fördern. Für die Milchviehzucht ist dies eindeutig die Lebensleistung einer Kuh bezogen auf das Körpergewicht.

 

 

 

 

 

Orientierung an Naturgesetzen und nicht
am freien Markt

Wenn verantwortungsvolles Züchten ein Denken in Generationen erfordert, sollten wir uns bemühen die landwirtschaftliche Nutztierzucht mehr mit und weniger gegen die Natur zu betreiben. Das gilt insbesondere auch im Blick auf die neuen Zuchttechniken wie Embryotransfer, Klonierung, Gentransfer etc. Aufgrund der leidvollen Erfahrungen mit der Atomtechnik kann das "Tun und Lassen" in diesem Bereich nicht den beteiligten Wissenschaftern anheimgestellt werden, sondern muß nach eingehenden Diskussionen von einer demokratischen Mehrheit entschieden werden.

Eine grundsätzliche Wende in der Einstellung zu Leben und Natur ist aber nur möglich, wenn die Wissenschafter sich an den Naturgesetzen orientieren und nicht am freien Markt (Paradigmenwechsel), die Politiker mehr auf die Ökologen hören als auf die Ökonomen (Gestaltungs- statt Gefälligkeitspolitik), aus Landwirten wieder Bauern werden (Humusmehrer) und die Konsumenten (das sind wir alle) durch ihr Kauf- und Stimmverhalten den notwendigen Druck erzeugen (= praktizierte Ethik).

... ...

(Ausdrucken?)

(Dieser Artikel ist zuerst in der ERNTE-Broschüre "Rinderzucht im
biologischen Landbau" erschienen)


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Tabelle: Leistungshöhe, Futteraufnahme und Kraftfutterverbrauch in der Milcherzeugung

MILCHLEISTUNG ENERGIEBEDARF1) E ENERGIEBEDARF FUTTERAUFNAHME2)

Laktation

Tag Erhaltung Leistung E+L je kg M. Abnahme TM % KF
kg kg MJ NEL % MJ NEL in % kg v.LG %
2.000 6,5 37,7 20,6 65 8,9 . 11,4 1,8 0
3.000 9,8 37,7 31,1 55 7,0 -21 13,2 2,0 3
4.000 13,1 37,7 41,5 48 6,1 -10 14,9 2,3 9
5.000 16,4 37,7 52,0 42 5,5 -7 -38 16,3 2,5 15
6.000 19,7 37,7 62,4 38 5,1 -5 17,6 2,7 22
7.000 23,0 37,7 72,9 34 4,8 -3 18,7 2,9 29
8.000 26,2 37,7 83,1 31 4,6 -2 -10 19,7 3,0 36
9.000 29,5 37,7 93,5 28 4,4 -2 20,6 3,2 44
10.000 32,8 37,7 104,0 26 4,3 -1 21,3 3,3 51

(1)    Energiebedarfrechnung in MJ NEL:
        Erhaltungsbedarf für eine 650 kg schwere Kuh = 37,7
        Leistungsbedarf für 1 kg Milch mit 4% Fett = 3,17
        (z.B.: 6,5 kg x 3,17 ==> 20,6 + 37,7 ==> 58,3 : 6,5 ==> 8,9)

(2)    TM = Trockenmasse, KF = Kraftfutter


LITERATUR:

BAKELS, F. (1981): Rinderzucht auf Lebensleistung. Vortragsmanuskript, Besamungsstation Uelzen, BRD.
BAUER, H. und F. BAKELS (1958): Zur Problematik der Genetik der Milchleistung. Zuchthygiene 2, 329-334.
BRODY, S. (1945): Bioenergetics and Growth. Reinhold, New York.
CARTER, H.W. (1968): Percentage of sire's daughters having second, fourth and sixth lactation. J. Dairy Sci., 51, 312-313.
ERTL, M. (2000): Persönliche Mitteilung, Seminar Universität für Bodenkultur.EßL, A. (1982): Untersuchungen zur Problematik einer auf hohe Lebensleistung ausgerichteten Zucht bei Milchkühen. 2. Mitteilung. Züchtungskunde 54, 361-377.
EßL, A. (1995): Entscheidungskriterien zur Zuchtzielfrage beim Rind. Förderungsdienst 43, 37-40.
FEWSON, D. (1973): Moderne Verfahren der Milchrinderzüchtung. Kieler Milchw. Forschungsberichte 25, 147-154.
FEWSON, D. (1993): Definition of breeding objective. Design of Livestock Breeding Programs. University of New England, Armidale NSW, Australien.
FINCH, C.E. (1990): Longevity, Senescence, and the Genome. The University Chicago Press, Chicago.
GLODEK, P. (1990): Ökologie und Ökonomie in der Tierhaltung aus der Sicht des Tierzüchters. Berichte über Landwirtschaft 68, 604-615.
GREIMEL, M. und A. STEINWIDDER (2001): Ökonomische Bewertung der Nutzungsdauer von Milchkühen in biologisch wirtschaftenden Betrieben. BAL Gumpenstein, in Druck.
HAIGER, A. (1973): Das Zuchtziel beim Rind. Jubiläumsschrift 31-46, Universität für Bodenkultur, Wien.
HAIGER, A. (1983a): Rinderzucht auf hohe Lebensleistung. Alm- u. Bergbauer 33, 1-14.
HAIGER, A. (1983b): Zweinutzungsrind ja - aber welches ? Förderungsdienst 31, 51-55.
HAIGER, A., R. STORHAS und H. BARTUSSEK (1988): Naturgemäße Viehwirtschaft. Verlag Ulmer, Stuttgart.
HAIGER, A. und H. SÖLKNER (1995): Der Einfluß verschiedener Futterniveaus auf die Lebensleistung kombinierter und milchbetonter Kühe. Züchtungskunde 67, 263-273.
HAYD, H. (1973): Betrachtungen zur züchtungsbiologischen Bedeutung des prozentigen Fettgehaltes der Kuhmilch. Dissertation, Universität München.
JONAS, H. (1984): Das Prinzip Verantwortung. Surkamp Taschenbuch 1985.
LÖBE, W. (1852): Die Lehre von der Rindviehzucht. Wigand Verlag, Leipzig.
PFEFFER, E. und H. SPIEKERS (1989): Stickstoffbilanz in Milchviehbetrieben. Der Tierzüchter 41, 246-247.
ROGERS, G.W., G. BANOS and U. SANDER-NIELSEN (1999): Genetic Correlations Among Protein Yield, Productive Life and Type Traits. Dairy Science, 82, 1331-1338.
SCHÜRCH, A. (1963): Über den Wirkungsgrad der Stoff- und Energieumwandlung durch das landwirtschaftliche Nutztier. Schweiz. landw. Monatshefte 41, 161-181.
ZEDDIES, J. (1972): Ökonomische Entscheidungshilfen für die Selektion in Milchviehherden. Züchtungskunde 44,149-171.


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