...

Journal einer Reise zur Uni
...
Vivat Academia, Vivat Professores. Wer sich in Toronto für Lehre und
Forschung nicht zu schade ist, braucht Orientierungssinn und gute
Verbindungen. Oder mit anderen Worten: Etwa eine Million
Menschen fahren hier täglich mit der U-Bahn.

Von Vasile V. Poenaru
(15. 08. 2005)


     Mit der Niederschrift des Journals meiner U-Bahn-Reise zur Uni hätte ich strenggenommen schon längst beginnen sollen. Hin und zurück sind es vier Dollar. Dazu zwei Mal je eine Viertelstunde Spazierengehen – manchmal in raschem Tempo. Das fördert den Kreislauf und kommt auch mancherlei Idee zur Untermauerung und Verteidigung von Thesen, Antithesen und Synthesen zugute.

Ich weiß, wie man im Gehen ein mittelschweres Buch liest, ohne gleich über alle verborgenen Bedeutungen oder unüberschaubaren Fußnoten gerissener Autoren und Herausgeber zu stolpern. Ich weiß, wie man den anderen Fahrgästen vom Gesicht, vom Körper, vom Schuhwerk abliest, wo sie herkommen, was für Gedanken sie sich machen, wo sie hinwollen. Das Bild der akademischen Geschäftigkeit trage ich mit mir. Es befindet sich auf dem Leitbuch der Universität. Wenn Perspektiven dämmern, gerät die Faculty of Arts and Science in Bewegung. Die Dinge kommen mit großer Geschwindigkeit auf mich zu. In der Carr Hall beginnt bald die Vorlesung. Wer in der Ferne wohnt, kann die Bahn nehmen. Wer in der Nähe wohnt, kann radfahren.

     Am Horizont macht sich der schöne Schein einer defintionsreichen und ausführlich illustrierten Epoche daran, ein entsprechendes Sinnbild zu zeitigen. Ganz vorne neben dem Schaffner darf man in die Unendlichkeit blicken. Die Schienen sind zwar parallel angeordnet, doch wenn einer unwillkürlich so vor sich hinschaut, sehen sie eher konvergent aus. Man merkt eben nicht immer, was sich hinter dem sogenannten Wahrnehmen der Dinge tut. Das Moment der Rezeption dreht sich im Laufe der literarischen wie sonstigen Annäherungsprozesse langsam von einer Seite zur anderen. Jeder greift stets zum jeweils bestmöglichen Produkt seiner geistigen Umgebung. Steht die Bahn still, so besinnt man sich oft eines Besseren.

Vivat Academia, Vivat Professores. Wer sich in Toronto für Lehre und Forschung nicht zu schade ist, braucht Orientierungssinn und gute Verbindungen. "Getting there": So heißt der "Dayplanner for the University of Toronto". Ich fahre von Osten nach Westen und dann von Norden nach Süden. Der Ontario-See rückt nie ins Blickfeld, wohl aber der CN-Turm, der einem irgendwie in der Formulierung tiefgründigerer Standortbestimmungen weiterhilft, da seine erhaben anmutende Spitze bekanntlich in den Himmel weist. Man fällt mitunter in Andacht und wird dabei von der Vorstellung eines zumutbaren Sinnes anheimgefallen, der womöglich zwischen den Wolken waltet. Aber wir wollen in diesen deterministisch geprägten Zeiten nicht gleich transzendental werden. Bis zum Ziel meiner Reise kann ich mit etwas Glück vielleicht noch einen Leitgedanken fassen.

     Es ist meist ruhig in der U-Bahn. Wer mehr lesen will als sein Taschenbuch oder die kostenlose Metro-Zeitung, darf große Reklamen konsumieren, die vom lukrativen Materialismus einer postmodernen (und postglobalen?) Gesellschaft zeugen. Während der Fahrt muss man sich aber selbst, abgesehen vom eigens mitgeschleppten Zeug, bezeichnenderweise nicht nur mit Werbung begnügen, sondern man darf auch echte nagelneue oder eben in jahrelanger Rezeption bewährte und trotzdem oft nicht sehr anstrengende Gedichte bestaunen, die unter Umständen sogar eindeutig gedankenvoll literarisch stimmen. "Poetry on the Way" heißt sowas. Im Schatten des geschriebenen Wortes lauert ein unbarmherziger Kampf kaum berechenbarer kollektiver Instinkte: ein Kampf, der nicht nur im Seminarsaal und auf Kongressen und nicht nur mit akademischen Mitteln ausgetragen wird. Die Toronto Transit Commission hat seit 1921 mehr als 25 Milliarden Menschen befördert (was freilich an sich kaum mehr als eine statistische Erfassung städtischer Verkehrsdynamik ausmacht und im wörtlichen Sinne gar nicht wahr ist). Diese haben im Laufe der Zeitgeschichte bestimmt einen Haufen Seiten verschlungen und viele harmonierende wie antagonistische Ansichten genossen, verworfen oder verteidigt.

Es ist schwer zu erraten, wann genau sich eine Fahrt zur Reise entwickelt. Ich kenne das heikle Grenzgebiet zwischen müder Lektüre und flüchtigem Einnicken. Ich kenne das plötzliche Aufwachden aus einem ungefähren Schlummer, in dem diese Welt nur einen Teil darstellt. Das schon aus rein sozial-politischen Gründen dringend notwendige Bewusstwerden. Die anempfohlene Zwecksetzung. Die bezaubernde Geworfenheit einer Idee, von der man annimmt, sie sei wirklich da – in festen Umrissen für eine geraume Zeit entworfen. Fünf Minuten nach Westen, und schon endet die Strecke. Auf der 2003 fertiggestellten Sheppard-Linie ist gewöhnlich sowieso nicht viel los. Kein bedeutungsvoller Ort? Wo ist man, wenn man wo ist? Lust und Unlust an Interpretationen sind vom Verhängnis der Ortung nicht zu trennen. Es geht immer wo hin. Ich gehe immer wo hin: diesseits wie jenseits des Determinismus. Ich habe mir sogar ein paar richtungsweisende Zitate gemerkt (irreführende auch). Mein Leitgedenke macht sich daran, zu entstehen.

     Nähert man sich den Wolkenkratzern, so häufen sich die Stationen. Das grelle Tageslicht blendet den wachsamen Blick, wenn die U-Bahn etwa bei Davisville oder Rosedale an die Oberfläche taucht, um Luft zu schöpfen. Hier bin ich Mensch! Hier kann ich’s sein! Würde einer gleich dichten, wenn’s nicht schon gedichtet wäre. Man misst dem Gelesenen neue Bedeutungen bei. Alle Buchstaben hüpfen aus dem Kontext heraus, nehmen den Sonnenstrahl in sich auf, erweitern das Umfeld des Bezeichnenden, tauschen Sinne ein, werden zu purem Gold. Und wenn die U-Bahn wieder schnell zurück kriecht bis in die photonenarme Mitte der Erde, sind alle Buchstaben grau, man taumelt, verliert Anhaltspunkte, fingiert Zusammenhänge, bedenkt die Unbeständigkeit von Perspektiven, greift nach dem Ursprung der Dinge, kann ihn nicht erreichen, weicht der Eigentlichkeit überindividueller Reisen aus, bringt Fragezeichen hervor, die niemand versteht, wird Fachmann in grauen Buchstaben.

Die U-Bahn schafft Verbindung. Ein gutes Buch bringt uns Genugtuung. Ein voller Wagen: viele Nasen und doppelt so viele Augen. Ich kann alle Stationen auswendig, die ins Downtown führen. Die städtische Underground-Landschaft nenne ich mein. Das selbstverständliche Unbewusstwerden. Die Verlorenheit von Bezügen, an denen sich einer im Vorbeifahren klammert. Die absoluten Ansprüche von Axiomen, den bedeutungsstiftenden Relativitätsbereich mitmenschlicher Wechselwirkung. Es geht gleichsam immer tiefer zu den Müttern, und am Ende ist man da, wo man sein soll: mitten drin in einer aktuellen Diskussion, die möglicherweise bald nicht mehr aktuell sein wird. Es gibt vielerlei intertextuelle Geschichten, die man dazu erzählen könnte, es gibt vielerlei deutsch-kanadische Wege, die zu erledigen sind. Meine U-Bahn-Reise zur Uni hätte ich strenggenommen schon längst antreten sollen.

     Etwa eine Million Menschen fahren täglich mit der U-Bahn. Manchmal wird es eng. Toronto ist für amerikanische Verhältnisse zwar wenigstens von der Einwohnerzahl her betrachtet nur eine mittelgroße Millionenstadt, für Kanada jedoch in fast jeder Hinsicht die unumstrittene Number One: die größte Handels-und Industriestadt am Lake Ontario, ein anspruchsvolles Finanz- und Kulturzentrum, eine Universitätsstadt mit Charme. Doch es dauert immer eine Weile, bis man das entdeckt. Manchmal dauert es Jahre. Wer nicht soviel Zeit hat, nimmt sich eben bloß zwei komprimierte Wolkenkratzer mit, von denen er später freilich kaum mehr in Erinnerung bewahren wird, als dass sie es an Höhe mit denen in New York nicht aufnehmen können.

Bei Sheppard Station bin ich umgestiegen. Es geht südlich bis Wellesley. Über mir verläuft die Yonge Street, die längste Straße der Welt, an der sich Leute mit geteilten Meinungen schon vor Jahrhunderten blutige Schlachten lieferten, um Recht zu behalten. Kommt man ans Tageslicht, so grüßt das geschäftige Hin und Her der Stadt. Ein Bettler grüßt auch. Ein einziger. Ich gehe nun zu Fuß westlich bis zur Bay Street und dann nördlich bis zur St. Joseph Street. Unser spitzer Kirchturm scheint mir immer ziemlich prächtig auszusehen. Der weist auch wo hin. Wenn ich den sanften Hang hinauf steige, kommt mir in den Sinn, dass hier etwa ein guter Ort sei, über Deutschland und die Deutschen zu streiten (Auch über Österreich und die Österreicher? Über die Schweiz und die Schweizer?). Ein recht eigenartiger Ort. Ein bedeutungsvoller Ort. Der deutsche Lehrstuhl befindet sich nämlich im dritten Stock der St. Basil’s Church, genauer gesagt in der Odette Hall, wo sich auch die Parish Offices befinden – diese liegen freilich im Erdgeschoss. Wir aber sitzen ganz oben, direkt unter dem Himmel, oder genauer gesagt direkt unter dem Dach. In der Kirche wird regelmäßig Gottesdienst gehalten. Und man kann jeden Tag die Uhr richtig stellen, wenn der frohe Glockenton durch einen beträchtlichen Teil der Innenstadt geht. Die Glocken schlagen immer für jemanden. Im Aufzug hört man manchmal Französisch, denn der zweite Stock ist das Revier der Landsleute von Paul Ricoer, der sich übrigens auch mehr als ein Mal hier blicken ließ. Hans-Robert Jauss hat es freilich ebenfalls seinerzeit nach Toronto verschlagen, als die Stunde reif schien, am grundlegenden Verständnis von Literaturprozessen zu rütteln. Was ein Text ist, wissen wir dabei immer noch nicht. Aber wir ahnen es.

     Die Wellesley Station ist nicht der einzige Ausgangspunkt für eine ansprechend aufschlussreiche Tour des St. George Campus (Ja, unser Campus ist dem heiligen Georg, dem Drachentöter, gewidmet). Wenn es sich so fügt, kommt man zum Beispiel über die Bloor-Linie und steigt bei Bay Station aus. Die liegt sogar ein bisschen näher zum Centre for Comparative Literature im Isabel Bader Theater, was gut passt, soweit man gerade mal etwas vergleichen will. Ringsherum historische Bauten, zu denen sich jeder Einzelne ganz nach seiner Art beliebige Zusammenhänge einfallen lässt. Wenn man sich seinen Weg durch ein vielseitiges semantisches Feld bahnen muss, steckt man sozusagen im rechten Kontext. Bisweilen ist das semantische Feld einseitig. Dann wird die Arbeit leichter, wobei freilich die Ernte karg ausfällt. Ähnlich wie der Landmann seinen Acker bestellt, gräbt der Germanist nämlich Bedeutungen um. Jedenfalls meint das Jandl. An der St. Joseph Street darf man mitunter ein paar Pferde der berittenen kanadischen Polizei sehen, hören und sontswie wahrnehmen, zu denen sich ein sprachlich und musikalisch begabter unternehmungslustiger Minnesänger der guten alten ritterlichen Zeiten gewiss gleich einen treffenden Song hätte einfallen lassen, etwa einen Song über das Thema Staat, Stolz, Liebe und Treue und das Verhältnis zwischen althergebrachten Düngemitteln und der gegenwärtigen, übermäßig verdinglichten Gesellschaft.

Aber wir wollen jetzt in erster Linie anständig sein, um das rechte Maß zu wahren. Und dazu gehört ein anständiges Mittagessen. Meine Esskarte hab ich noch immer nicht. Wer trägt die Schuld daran: die Gesellschaft oder das Individuum? Ich kann warten. Bei jemandem, der so gut Stationen zählt wie ich, kommt es auf ein paar Jahre sowieso nicht an.

     Als Germanist muss einer immer Rechenschaft ablegen: die Existenz seines Faches, die Unverständlichkeit seiner Berufung allgemein einleuchtend begründen. Warum Literatur? Warum Deutsch? Wozu eine Esskarte? Keine Ursache, zu fragen, für wen die Glocke schlägt. Hemingway hat auch eine Zeit lang in Toronto gelebt. Ein Restaurant im nahe gelegenen, ansehnlichen Yorkville-Viertel trägt sogar seinen Namen. Mit dem Glockenton von St. Basil’s Church hat er jedoch offensichtlich nichts zu schaffen. Vergleiche anstellen kann man aber trotzdem.

In höheren Gefilden kreisen Tauben, und wir denken viel über die Freiheit nach. Auf der Erde läuft eine sehr befahrene Straße – Queen’s Park Crescent – zum Parlament. Die königliche Grünanlage muss man überqueren, wenn man zur wohlausgestatteten Robarts Library will. (Melde gehorsamst: Während meiner Lesezeit hat sich nichts besonderes ereignet.) Von Queen’s Park aus werden die Geschicke der Provinz Ontario geleitet. Auch dort arbeiten nämlich Leute, die manchmal viel nachdenken. Da mag ihnen der kategorische Imperativ zugute kommen.

Nicht nur in der Politik, sondern auch im akademischen Diskurs wird der Imperativ oft derartig gedeutet, dass jeder sich selbst sozusagen als Brennpunkt der Gesetzgebung betrachtet. Jeder darf sagen, was er will. Und wenn er fertig ist, darf der Nächste sagen, was er will. Irgendwann kommt dann schließlich ein erträglicher Dialog zustande. Und auf einmal ist man in der letzten Station des sogenannten Paradigmenwechsels angelangt. Die Fahrt ist längst zu Ende, bevor die Reise richtig anfängt. Ein Blick durchs Fenster beflügelt die Einbildungskraft. Auf der Straße geht der Durchschnittsmensch vorbei – in Richtung Queen’s Park. Was er in der Hand hält, ist das Ding an sich. Wir wollen es erfassen. Aber nein: das Ding an sich bleibt verborgen. Der Durchschnittsmensch hat sich damit aus dem Staub gemacht.

     Ich versuche mich daran zu erinnern, ob er mir wohl während der Fahrt begegnet sei, was ja gut möglich wäre, soweit angenommen wird, dass der Durchschnittsmensch ebenfalls mit der U-Bahn vorlieb nimmt. Und dann versuche ich auszumachen, ob man wirklich so mir nichts, dir nichts die erste und die zweite Person im selben Topf kochen lassen darf – ob es es so etwas wirklich gibt: einen wie du und ich. Denn gerade in Toronto und bezeichnenderweise in der Forschung wird ja gerne rund um das universal-variierende und doch allzuoft unheimlich einseitige Lieblingsthema Diversität immer ein so großer Wirbel gemacht, als seien durch seine bloße Erwähnung auf einmal erfreulicherweise und wundersam produktive vielfältige Wege in die Zukunft gegeben. Weil ich aber trotz meines instinktiven Argwohns doch irgendwie neugierig bin, will ich mir bei Gelegenheit mal wieder eine Fahrkarte kaufen.


 

=== Zurück zur Übersicht ===