Jene 50 Milliarden
Dollar, die der globale Norden dem globalen Süden an "Hilfen"
zukommen lässt, sind nur ein Zehntel des Kapitalflusses
in Höhe von 500
Milliarden Dollar, der von Süd nach Nord verläuft.
Von
Vandana Shiva
(16.
06.
2005)
Die Titelgeschichte des Time Magazine vom 14. März 2005 lautete: ‘Wie man die Armut besiegen kann.’ (‘How to end poverty‘). Sie bezog sich auf ein Essay von Jeffrey Sachs mit dem Titel: ‘The End of Poverty’. Das Buch, dem es entnommen ist, trägt den gleichen Titel. Fotos in dem Artikel zeigen heimatlose Kinder, Müllhaldenmenschen, Heroinabhängige. Auf diesen Bildern sind die Überflüssigen abgebildet, Menschen, die ihres Lebens, ihrer Existenzgrundlage, ihrer Ressourcen beraubt sind - durch jenen brutalen, ungerechten Ausgrenzungsprozess, der die Mehrheit in Armut stößt und nur einigen Wenigen Wohlstand bringt.
Müll ist der Abfall der Wegwerfgesellschaft. Ökologische Gesellschaften kennen keinen Müll. Heimatlose Kinder sind eine Folge der Armut - der Verarmung von Gemeinden und Familien, die ihre Existenz und ihre Ressourcen verlieren. Es sind Bilder der Perversion, Bilder, über die externen Effekte eines Wirtschaftswachstumsmodells, das unnachhaltig, unbillig und ungerecht ist.
In meinem Buch ‘Staying Alive: Women, Ecology and
Development’ (von 1988 - Anmerkung d. Übersetzerin*) beziehe ich mich u.a.
auf das Buch eines afrikanischen Autors: ‘Poverty: the Wealth of the
People’. Darin beschreibt der Autor den Unterschied zwischen Subsistenzarmut
und Elend infolge von Mangel. Es ist sinnvoll, eine Trennlinie zu ziehen
zwischen der einfachen Subsistenz-Lebensweise - die von der Kultur als Armut
aufgefasst wird -, und materieller Armut infolge von Enteignung und
Deprivation.
Was kulturell als Armut wahrgenommen wird, muss in
Wirklichkeit nicht Armut im materiellen Sinne bedeuten - siehe die
Subsistenzwirtschaft, die Grundbedürfnisse durch Selbstversorgung
befriedigt. Solche Gesellschaften sind nicht arm im Sinne von Mangel
(Deprivation). Die ‘Ideologie der Entwicklung’ erklärt sie wegen ihrer
geringen Teilhabe an der Marktwirtschaft jedoch zu armen Gesellschaften.
Diese Gesellschaften konsumieren keine Waren, die der Markt erzeugt und
unter die Leute bringt. Dennoch befriedigen sie die Bedürfnisse - durch
Mechanismen der Selbstversorgung. Menschen, die (von Frauen angebaute) Hirse
verzehren - anstatt kommerziell produzierten und in Umlauf gebrachten
industriellen Junkfood zu essen -, werden als arm bezeichnet. Vermarktet
wird dieser Junkfood durch das globale Agrobusiness. Menschen werden als arm
erachtet, nur weil sie in Häusern wohnen, die sie selbst gebaut haben. Das
Material, das sie hierzu verwenden, ist natürlich und ahmt die Natur nach -
Bambus oder Lehm anstatt Zement. Menschen werden als arm erachtet, weil sie
handgefertigte Kleider aus natürlichen Materialien und keine
Synthetikklamotten tragen.
Subsistenz - als kulturell definierte Armut - ist nicht
gleichbedeutend mit geringer (physischer) Lebensqualität, ganz im Gegenteil,
die Subsistenz-landwirtschaft hilft dem Haushalt der
Natur und leistet einen Beitrag zum sozialen Wirtschaften. Auf diese Weise
gewährleistet sie hohe Lebensqualität - siehe das Recht auf Nahrung und
Wasser - sie gewährleistet eine nachhaltige Existenz, sie gewährleistet eine
robuste soziale und kulturelle Identität und Lebenssinn.
Dem steht die Armut von einer Milliarde Hungernder und
einer weiteren Milliarde Fehlernährter, die an Übergewicht leiden,
gegenüber. Diese Menschen sind sowohl in kultureller wie materieller
Hinsicht verarmt. Ein System, das Krankheiten und Mangel erzeugt, während es
andererseits Billionen Dollars an Superprofiten für das Agrobusiness
erwirtschaftet, ist ein System, das gleichzeitig menschliche Armut
produziert. Armut ist das Endstadium (und keineswegs die Kinderkrankheit)
eines ökonomischen Paradigmas, das die Ökosysteme und die sozialen Systeme
vernichtet, Systeme, die Leben, Gesundheit und Subsistenz aufrechterhalten -
für den Planeten und die Menschen darauf.
Aber wirtschaftliche Armut ist nur eine Form der Armut.
Daneben existieren weitere Formen, wie kulturelle Verarmung, soziale
Verarmung, Verarmung der ethischen Maßstäbe, ökologische Verarmung und
spirituelle Verarmung. Diese Formen der Armut sind im so genannten reichen
Norden weiter verbreitet als im so genannten armen Süden, und diese andere
Armut kann nicht mit Dollars bekämpft werden. Dazu braucht es Empathie und
Gerechtigkeit, caring and sharing.
Um die Armut zu besiegen, muss man zuvor begreifen,
wie sie entsteht. Jeffrey Sachs sieht in ihr die Erbsünde. Er erklärt: "Noch
vor wenigen Generationen waren fast alle arm. Die Industrielle Revolution
hat zu neuem Wohlstand geführt, ließ jedoch den größten Teil der Welt weit
zurück." Eine völlig verzerrte Sicht auf die Geschichte der Armut. So wird
man nie erreichen, dass Armut Geschichte wird. Jeffrey Sachs irrt. Die Armen
wurden nicht zurückgelassen. Sie wurden über den Rand gedrängt. Man hat
ihnen den Zugang zu ihren eigenen Ressourcen verwehrt, zu ihren eigenen
Reichtümern. Die "Armen sind nicht arm, weil sie faul sind oder ihre
Regierungen korrupt", vielmehr, weil andere sich ihrer Reichtümer
bemächtigten, weil andere ihnen die Möglichkeit nahmen, Reichtum zu
produzieren.
D
Zwei Wirtschaftsmythen sind schuld, dass wir zwei
Prozesse getrennt sehen, die doch eigentlich eng verbunden sind: zunehmender
Reichtum einerseits und zunehmende Armut andererseits. Der erste Mythos
lautet: Nur Kapitalzuwächse bedeuten Wachstum. Dabei wird übersehen, dass
derlei Wachstum zerstörerisch in den Haushalt der Natur und in die
menschliche Subsistenzwirtschaft eingreift. Wachstum zeitigt zwei sogenannte
‘externe Effekte’, die jeweils simultan auftreten: Umweltzerstörung und
Armut. Beides (Umweltzerstörung und Armut) wird zwar irgendwie in Verbindung
gebracht, allerdings ohne beides mit den Wachstumsprozessen in Verbindung zu
setzen. Man sagt, Armut erzeuge Umweltzerstörung, und verschreibt die
Krankheit als Arznei: Mit Wachstum sei das Armutsproblem lösbar und
gleichzeitig das Umweltproblem, denn dieses sei in erster Linie eine Folge
der Armut. So lautet auch die Botschaft in Jeffrey Sachs Analyse. Der zweite
Mythos, der verhindert, dass Reichtum und Armut in Relation gesetzt werden,
beruht auf der Annahme, dass wer nur produziert, was er verbraucht, kein
Produzent sei. Diese Annahme dient als Grundlage des Produktionsindexes zur
Bemessung der nationalen Bruttosozialprodukte, an denen das
Wirtschaftswachstum gemessen wird.
B
Handel sowie der Austausch von Waren und
Dienstleistungen gab es zu allen Zeiten, in jeder Gesellschaft. Allerdings
hatten diese Dinge früher dem Haushalt der Natur und dem Wirtschaften der
Menschen unterstanden. Mittlerweile wurden die Domäne des Marktes und das
von Menschen erzeugte Kapital zum höchsten Organisationsprinzip der
Gesellschaft erklärt. Das hat zur Vernachlässigung und Zerstörung der beiden
anderen Organisationsprinzipien geführt: Ökologie und Überleben. Dabei sind
es gerade diese beiden Prinzipien, die das Leben sichern - in der Natur, in
der Gesellschaft.
D
Alle Menschen in allen Gesellschaften dieser Erde hängen für ihr Überleben vom Haushalt der Natur ab. Wo das Ordnungsprinzip, das in einer Gesellschaft das Verhältnis Mensch/Natur regelt, Nachhaltigkeit ist, wird Natur zur Allmende, zum Gemeingut. Wo allerdings Profit und Akkumulation zum gesellschaftlichen Ordnungsprinzip erhoben werden, wird die Natur zur Ressource. Und die Ausbeutung von Ressourcen für den Markt ist in solchen Gesellschaften obligatorisch. Ohne sauberes Wasser, fruchtbare Böden, ohne genetische Vielfalt bei Wild- und Feldpflanzen kann die Menschheit nicht überleben. Die wirtschaftliche Entwicklung zerstört das Gemeingut. Daraus ergibt sich ein neuer Widerspruch - nämlich der zwischen der Ökonomie der natürlichen Prozesse und der Survival-Ökonomie. Die Menschen, die durch diese Entwicklung ihrer traditionellen Ländereien und traditionellen Überlebens-weise beraubt werden, sehen sich nun gezwungen, ihr Überleben in einer zunehmend zerstörten Umwelt zu suchen.
M
enschen sterben nicht daran, dass sie zuwenig verdienen, Menschen sterben, weil sie keinen Zugang zu Ressourcen haben. Auch in diesem Punkt irrt Jeffrey Sachs, wenn er sagt: "In dieser reichen Welt sind 1 Milliarde Menschen so arm, dass ihr Leben in Gefahr ist". Die indigenen Populationen des Amazonas, die Bergdorfgemeinden des Himalaya und jene Bauern, deren Land von niemandem einverleibt wurde, deren Wasserqualität stimmt, deren Biodiversität nicht der industriellen Landwirtschaft zum Opfer fiel, die, die sich nicht verschulden mussten, all diese Menschen sind reich - im ökologischen Sinne - obwohl sie nicht einen Dollar am Tag verdienen. Umgekehrt kann ein Mensch mit 5 Dollar am Tag arm dran sein, nämlich in einer Umgebung, in der er für die Güter der Grundversorgung teuer bezahlen muss. Die indischen Bauern, die in den vergangenen zehn Jahren in Armut und Verschuldung getrieben wurden, damit - mit Hilfe der ökonomischen Globalisierung - ein Markt für teures Saatgut und für die Agrarchemie geschaffen werden konnte, begehen nun zu Tausenden Selbstmord. Wenn ein Patent auf Saatgut erhoben und die Bauern 1 Billion Dollar Schutzgebühren aufbringen müssen, sind diese Bauern um 1 Billion ärmer. Patente auf Medikamente führen dazu, dass ein Medikament gegen Aids statt $200 jetzt $20.000 kostet und ein Krebsmedikament, das eigentlich $2.400 pro Jahresbehandlung kosten würde, plötzlich $36.000. Wenn Wasser privatisiert wird und globale Konzerne mit der Ware Wasser Gewinne von $1 Billion herausschlagen, werden die Armen um diese Billion ärmer.Die Bewegungen gegen die Wirtschaftsglobalisierung und gegen Fehlentwicklungen sind gleichzeitig Antiarmutsbewegungen, denn sie setzen sich für ein Ende der Ausgrenzung ein, sie setzen sich gegen die Ungerechtigkeit und den Mangel an Nachhaltigkeit ein - den Wurzeln der Armut.
J
ene 50 Milliarden Dollar, die der globale Norden dem globalen Süden an "Hilfen" zukommen lässt, sind nur ein Zehntel des Kapitalflusses, in Höhe von $500 Milliarden, der von Süd nach Nord verläuft - in Form von Schuldenrückzahlungen und anderen ungerechten Mechanismen (als Teil der globalen Ökonomie), die vom Internationalen Währungsfonds und der Weltbank verhängt werden. Die Privatisierung lebenswichtiger Dienst-leistungen sowie die unfaire Globalisierung durch die WTO machen die Armen ärmer. Allein durch gesunkene Preise in der Landwirtschaft gehen den indischen Bauern jährlich $26 Milliarden verloren - eine Folge des Dumpings und der Handelsliberalisierung. Dies sind Folgen einer unfairen, ungerechten Globalisierung, die zum Takeover von Nahrung und Wasser durch Konzerne führt.Allein für Nahrung und Wasser wird
man den Armen in Zukunft mehr als $5 Billionen abnehmen und das Geld dann in
die reichen Länder transferieren. Die Armen finanzieren die Reichen. Wenn es
uns wirklich ernst ist, die Armut zu bekämpfen, müssen wir uns ernsthaft
daran machen, jene ungerechten und brutalen Systeme der Reichtumserzeugung
zu beenden. Denn sie erzeugen Armut, indem sie die Armen ihrer Ressourcen,
ihrer Existenz, ihres Einkommens berauben. Dieses "Nehmen"
ignoriert Jeffrey Sachs nur allzu gern. Lieber schreibt er über das "Geben"
- das allerdings nur 0,1% dessen ausmacht, was der Norden sich "nimmt". Will
man die Armut beenden, geht es darum, dass weniger genommen wird - und nicht
so sehr darum, ein wenig mehr zu geben. Wer will,
dass Armut Geschichte wird, muss die Geschichte der Armut richtig verstehen
- und Jeffrey Sachs befindet sich völlig auf dem Holzweg.
(Dieser Artikel ist
uns freundlicherweise von
zmag.de zur Verfügung
gestellt worden. Die Übersetzung stammt von Andrea Noll.)
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