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Europas Selbstbild im Spiegel der Anderen
Chinabilder im 18. Jahrhundert

China mit seiner handfesten lebenspraktischen Orientierung der Lehre des Konfuzius
lag Europa näher als die schwer begreifliche Weltentrücktheit indischer Religionen. Und doch
war China das hochkulturelle System, das dem europäischen nach dessen eigenen
Maßstäben am weitesten entgegengesetzt war.

Von Thomas Sukopp
(15. 11. 2005)


     Wie sich Europa im Spiegel anderer Zivilisationen definierte, kann zur Lösung der Frage, was Europa ausmachte oder gar, warum wir von einem europäischen Jahrtausend sprechen können, hilfreich sein. In dieser Skizze gebe ich einige Einblicke, die zum Verständnis interkultureller Verschiedenheit beitragen können. Anhand eines sehr kurzen Blicks in das 18. Jahrhundert wird klar, wie fremd sich China und Europa waren.

Das 18. Jahrhundert wird hier als Periode einer bis dahin nie dagewesenen Vervielfältigung und des Austausches von Kommunikation betrachtet.(1) Diese Tatsachen begünstigten die Formung eines Chinabildes Europas, das in scharfem Kontrast zum Selbstbild Europas stand. Das Chinabild Europas und die Chinabilder einiger Aufklärer verraten mehr über europäisches Selbstverständnis als über China.


Was ist besonders an der europäischen Wahrnehmung Chinas?

     Im Unterschied zur Wahrnehmung anderer außereuropäischer Völker unter dem Zeichen eines Missionskolonialismus sahen sich Reisende seit dem Mittelalter einer mindestens als gleichrangig empfundenen Kultur gegenüber. Nur auf wenigen Gebieten (Astronomie, einigen Künsten, Waffentechnik und allgemeiner: Wissenschaft und Technik) fühlten sich chinareisende Europäer überlegen. So wenig sich Chinesen und Europäer gegenseitig verstanden, ganz wie es Paul Valéry nüchtern noch Ende des 19. Jahrhunderts feststellte,(2) der Chinese als Typ vertrat das Fremde nicht in "primitiver", sondern in verfeinerter Gestalt. Eine Begegnung, die über Staunen an den "edlen Wilden" oder den exotisch stilisierten "Primitiven" hinausging, schien möglich. Eine fast unbekannte, neue Kultur, die als "zivilisiert" empfunden wurde, konnte seit den ersten Missionsreisen der Jesuiten im späten 16. und 17. Jahrhundert entdeckt werden. Noch das gesamte 18. Jahrhundert zehrte von jesuitischen Quellen. Fremd waren Chinesen, aber waren sie nicht ebenso zivilisiert wie die europäischen Besucher?


China als zivilisatorisches Gegenmodell?

     Das Problem der Abgrenzung und Begrenzung Europas stellte sich wegen der geographischen Entfernungen zu China nicht. China war kein Konkurrent auf fast allen Gebieten und noch fremder als die islamische Welt, die den Zivilisationsraum der frühen mittelmeerisch-vorderasiatischen Hochkulturen ausfüllte. Aus europäischer Sicht fehlte jede Religionsverwandtschaft zu China. Das christliche Abendland und den islamischen Orient verbanden der politisch wirksame Glaubenseifer zweier prophetischer monotheistischer Religionen. Die Heftigkeit der Angriffe auf Muhammad und den Islam zeugt von der gefährlichen Nähe, die man zwischen den Religionen des Korans und der Bibel vermutete. Der Verdacht, heterodoxe christliche Strömungen seien islamisch beeinflußte Häresien, ist so alt wie das Christentum. Aber wer islamische Einflüsse auf das Christentum leugnet oder in ihnen gleich Häresien sieht, verhält sich päpstlicher als der Papst.

Das Chinabild war trotz der größeren räumlichen Entfernung realistischer als das entrückte Märchenbild von Indien, das keinen Bezug zur Realität hatte. China mit seiner handfesten lebenspraktischen Orientierung der Lehre des Konfuzius lag Europa näher als die schwer begreifliche Weltentrücktheit indischer Religionen. Und doch war China das hochkulturelle System, das dem europäischen nach dessen eigenen Maßstäben am weitesten entgegengesetzt war. Auch in China – und in der außereuropäischen Welt in dieser Deutlichkeit nur in China – gab es die Verbindung von innerweltlich-praktischer Lebensführung, einer in hohem Maße kommerzialisierten, urbanisierten und mobilen Gesellschaft. Ebenso gab es eine sich in Literatur, Wissenschaften und Künsten ausdrückende Bildungselite und eine institutionell komplexe, in patrimonal-bürokratischen Formen ausgeprägte Staatlichkeit. Die Erscheinungsweisen dieser Zivilisationselemente unterschieden sich jedoch drastisch von den europäischen. Die Abgrenzungen (3) von China waren vielfältig:

In Europa gab es eine Kultur der Zeit, in China eine des Raumes; hier geschichtlicher Fortschritt, dort geschichtslose Wiederkehr des ewig Gleichen; hier die Freiheit des Individuums, dort die Bindung an Sippe und Sitte; hier der (individuelle) innengeleitete Charaktertypus, dort die Außenleitung durch Tradition und Konvention; in Europa die Öffentlichkeit der Rede als Bedingung der Möglichkeit von Herrschaftskritik, dort die (scheinbar ewig festsetzende) Schrift als Instrument der Herrschaftsausübung; hier Polis und Nationalstaat, dort das zentralistische Imperium; hier bürgerliche Revolutionen und Demokratisierung, dort eine bürokratische Bildungselite, die eine ewige Ordnung verwaltete; hier der christliche Offenbarungsglaube, dort eine widersprüchliche Verbindung aus der transzendenzlosen Pflichtenlehre des Konfuzianismus und den magischen Vorstellungen des Daoismus. Für Max Weber war China das hochkulturell Andere schlechthin, "ein radikal entgegengesetztes System der Lebensreglementierung, ja eine andere Welt."


Eine weitere Abgrenzung: China als Sonderfall der Geschichte

     China war auch – neben Japan – die autonome und autarke Kultur, wieder ein Gegensatz zu Europa. In fünf Punkten, die Aspekte chinesischer Geschichte andeuten, wird die europäische oder noch weiter: abendländische Geschichte, konterkariert:

  • China hat als großflächiger Einheitsstaat vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis heute überdauert. Unter dem Schlagwort des "Isolationismus des 'Reiches der Mitte’" wird diese Tatsache manchmal als Vorwurf geäußert.
     
  • Chinas äußere politische Form stimmt mit dem Verbreitungsgebiet seiner Zivilisation überein. China hatte seit jeher einen eigenen und einzigen Staat (man vergleiche damit den Prozeß der Nationalstaatenbildung im 19. Jahrhundert!). Religiöse Schismen fehlten ebenso wie die Rivalität zwischen Kirche und Adel in der Frage der politischen Herrschaftsausübung. Es gab keine nationalstaatlichen Zersplitterungen (siehe Europa) oder Polyzentrismus (siehe Islam).
     
  • In China gab es keine Expansion über den eigenen Bereich hinaus (von Grenzsicherung und Grenzlandkolonisation abgesehen). Es gab auch keine religiöse Mission, wohl aber starke Wirkungen chinesischer Religionsvorstellungen auf andere Staaten. Die Vorstellung, daß Herrscher, die sich als Einzelpersonen von geschichtlicher Bedeutung sahen, zum Ruhm und zur Ehre Gottes Krieg führen, muß in chinesischer Sichtweise als absurd erscheinen. Die charakteristische Bewegung Chinas kann im Gegensatz zur europäischen "Explosion" (seit der frühen Kolonialisierung im 16. Jahrhundert) als eine "Implosion" verstanden werden: Wir finden eine Art Binnenkolonialisierung auf allen Gebieten. Das chinesische Reich war ein Imperium ohne Imperialismus, weil es seine Wachstumsprozesse domestizierte und introvertierte.
  • China war kaum Zielgebiet von Eroberung und Kolonisierung. Erfolgreiche Invasoren haben die Entwicklung chinesischer Zivilisation nicht in neue Richtungen gelenkt! Die Kraft Chinas zur kulturellen Assimilierung war groß genug, um beispielsweise christliche Missionare mindestens so weit zu sinisieren, wie einige Chinesen christianisiert wurden.
     
  • China bewegte sich zu seiner Umwelt in Zyklen von Öffnung und Abschließung. In Europa war ein solches, oft bewußtes Verhalten, schon wegen der zeitweiligen Übermacht der "Nachbarn" Europas undenkbar.
     
  • China als rationaler Staat: Ein Element im Chinabild sinophiler Aufklärer (4)

         Wieder erfahren wir mehr über europäische Zustände, die von Seiten vieler Aufklärer kritisiert wurden, wenn diese nach China blickten. China war das Land der Ferndiagnosen, der Patient hieß Europa. Für Wolff, Leibniz und andere sinophile Aufklärer war China der Idealstaat schlechthin. Ein nach streng moralischen Maßstäben regierender Kaiser stand an der Spitze eines aufgeklärten absolutistischen Systems. Eine perfekte Administration verbürgte Kontinuität, insbesondere Rechtssicherheit. Bis auf die Ebene der Familie stellte sich die chinesische Gesellschaft als eine rationalistische Ordnungskonzeption dar. Wer nach einer vernunftbestimmten, sittengemäßen Lebensführung in Europa Ausschau hielt und sie nicht fand, richtete seinen Blick nach China. Für Wolff war Konfuzius nicht nur der Begründer der "Sinesischen Weltweisheit" (siehe z.B. Christian Wolff, Rede von der Sittenlehre der Chineser). Er war auch der Garant guter Sitten. Und Weisheit, im Wolffschen Sinne die Wissenschaft der Glückseligkeit, kann nur der erlangen, der "sich in einem wohl eingerichteten Staat der guten Sitten befleissiget."


    Fortschritt: Eine europäische Erfindung

         Neben dem schon angedeuteten aggressiven Individualismus bildet die Idee des Fortschritts, der fast immer normativ, d. h. hier positiv verstanden wird, einen Motor europäischer Entwicklungen. Dies gilt besonders für die Bereiche Politik, Wissenschaft und Technik. In erster Näherung war China nicht nur ein geographisch abgeschlossener Raum. Es präsentierte sich mit einer geschlossenen, statischen Weltanschauung als Abbild der Ordnung des Universums, und China hatte seinen Platz im kosmischen Gesamtbild längst gefunden. In Europa gab ein ähnlich geschlossenes Weltbild, allerdings mit einer Endzeiterwartung, bis zum Mittelalter. Fortschritt, so wie ihn einige Aufklärer geradezu romantisch idealisierten, ist ein europäisches Phänomen. Fortschritt ist, auch wenn man seine Schattenseiten und Absurditäten sieht, pathetisch gesagt, der Geist, von dem Europa beseelt war und der alle Anstrengungen und Ungerechtigkeiten der Krisen, Kriege und Revolutionen vergessen ließ.

     

    Anmerkungen:

    (1) Sozialgeschichtlich gesehen ist das europäische Phänomen der Aufklärung ein Kommunikationsvorgang. Zum ersten Mal gab es eine europäische Öffentlichkeit. Mentalitätsgeschichtlich ist mit dem Wachsen von Information und deren Austausch eine gesteigerte Veränderungsbereitschaft verbunden, eine Voraussetzung für eine echte Auseinandersetzung mit fremden Kulturen.

    (2) Valéry: "Ein Kopf unter einer Puderperücke oder einem Zylinder kann unmöglich einen Kopf mit einem Mandschu-Zopf verstehen."

    (3) Auf die Anverwandlung des Fernen Ostens von der Konfuzius-Bewunderung der Frühaufklärung (siehe auch Leibniz) über die architektonischen und kunstgewerblichen Chinoiserien des Rokoko bis zur Rezeption des Daoismus in der exotisierenden Kulturkritik des letzten Jahrhunderts kann hier nicht eingegangen werden.

    (4) Der Kürze halber wird auf eine Explikation des Begriffes verzichtet. Die einschlägige Definition Kants kann ebenso wie die Mendelssohns verwendet werden.
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