Auch
stören mich die sorglos liegengelassenen Zettel, die derzeit überall vorzufinden sind in
Jackettaschen, am Frühstückstisch und zwischen den Seiten ansonsten durchaus seriöser
Bücher. Die sich häufen neben der Nachttischlampe und die neuerdings auch zwischen den
Akten und Unterlagen meiner beruflichen Geschäfte auftauchen. Es ist nicht auszudenken,
werter Herr, welche Komplikationen entstehen würden, wenn Unbefugte dies bemerkten. Zum
Glück sind Ihre Stenogramme, die an altakkadische Schriftzeichen erinnern, kaum
leserlich. Aber ein geschultes Auge könnte mit einiger Kombinatorik doch Rückschlüsse
ziehen und Ihre Heimlichkeiten aufdecken. Der Verdacht konspirativer Tätigkeit läge
zumindest nahe, das muß doch einleuchten, werter Herr. Besonders erregt mich, daß Sie von Ihren Streifzügen auch noch belastendes Material mitbringen. Waren dies früher beschriftete Bierdeckel und vollgekritzelte Servietten, so muß ich nun mit Entsetzen feststellen, daß Sie wahre Beutestücke, regelrechte Objekte, ins Haus schleppen. Kürzlich die Scherbe mit dem aufgemalten Drudenfuß und den in Blut getauchten Mercedesstern, gestern eine Streichholzschachtel mit einer vertrockneten Libelle, heute den uringetränkten Schlafrockgürtel! Wir sind kein okkultes Museum, werter Herr! Was ich auf keinen Fall länger hinzunehmen gewillt bin, sind die Unannehmlichkeiten, die mir nun in schriftlicher Form ob Ihres Verhaltens ins Haus flattern. Nicht nur, daß ich wegen Ihres losen Mundwerks schon mehrfach einen Anwalt bemühen mußte und Ihre Neigung zu Gewalttätigkeiten teuer zu bezahlen hatte, Sie scheinen auch manchmal mein Briefpapier und mein Telefon zu benutzen, um mir vor aller Welt eine Suppe einzubrocken, an der ich dann lange zu löffeln habe. Daß mir das auf den Magen schlägt, werter Herr, könnten Sie sich ja denken, aber Sie denken ja gar nicht daran, damit aufzuhören, im Gegenteil, immer wieder übertreffen Sie meine schlimmsten Befürchtungen. Ich komme kaum dazu, etwas Entsetzliches zu denken, schon sind Sie dabei, es in die Tat umzusetzen. Ich wage es schon nicht mehr, mir von irgendetwas eine Vorstellung zu machen, denn schon beschämen Sie mich mit Ihrer infamen Gedankenleserei. Da heißt es immer, Geschwindigkeit sei keine Hexerei. Dabei sind Sie, wo immer ich mich hindenke, schon dort. Manchmal kommt es mir so vor, als sei ich nur noch dazu da, Ihre Verwüstungen zu beseitigen, Ihr Machwerk zu vertuschen, Ihr Treiben zu beschönigen. Das geht allmählich über meine Kraft, werter Herr. Meine
Tage sind gezählt, merken Sie sich das. Da es zweifellos für beide Seiten katastrophale
Folgen hätte, wenn ich die Beziehungen zu Ihnen völlig abbreche, sehe ich mich
gezwungen, Sie strengstens zu ermahnen und Sie ein allerletztes Mal aufzufordern, mich um
alles in der Welt nicht weiter mit Ihren Einmischungen und Übergriffen zu belästigen.
Verniedlichen Sie das Problem nicht mit Ihren üblichen Hinweisen auf die letztlich
friedliche Koexistenz und werfen Sie mir nicht wieder kleinliches Auseinanderdividieren
vor. Es handelt sich hier keineswegs um eine Haarspalterei, werter Herr. Literaturhinweis: Mehr Informationen zu Manfred Ach
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