...

Gegenprägungen
...
Von Peter Hodina


1.

Erneut beginnen. Viele, die sich einstweilen aufgegeben haben, schlafen nicht nur in die Vormittage hinein, sondern über den Mittag hinaus. Über dieses will ich schon seit längerem hinweggekommen sein.

2.

Lenzmann: "Früher war da eine Differenz zur Welt, das war das Reizvolle; jetzt bist du eins mit der Welt, und es wird beliebig. Zwar noch gekonnt, aber nicht mehr ." Ich dagegen: "Vielleicht werde ich älter und komme ganz einfach deswegen nicht mehr an, das könnte ja sein. Das ist vielen so gegangen. Für sie selbst ist überhaupt nichts geschehen, sie haben weitergemacht wie bisher, aber auf einmal müssen sie sehen, daß ihnen das Publikum nicht mehr entgegenkommt. Daß das Publikum etwas anderes will. Daß sie den Geschmack nicht mehr treffen."

Mit Herbert Laschet-Toussaint, dem Dichter, viele Stunden danach durchdiskutiert, bzw. ich redete fast die ganze Zeit mir den Gaumen wund, übers Schriftstellerleben, über erste Niederlagen, über die Gefahr, "den Punkt zu überschreiten" (altersmäßig), sich dann nur mehr noch zu "trösten" mit ausgedehnten Lektüren. Er geht auf die fünfzig zu. Er spürt, den Punkt überschritten zu haben. "Einer von der Gruppe um die 'Versuchsstation' wird berühmt werden und uns anderen mitziehen", sagt er. Ich sehe aber hier keine "Gruppe", die notwendig wie etwa die Surrealisten zusammengehörten. Ich antwortete: "Am ehesten Klaus von Teplitz. Klaus von Teplitz hätte das Zeug zum Ruhm. Er hätte ihn auch verdient. Er müßte nur noch bemerkt werden, die Bilder wären ja da. Sie müßten nur ausgestellt werden. Fünfhundert Großformate in Öl. Alles Zeitthemen." Aber Teplitz sei am Ende. Abgemagert zum Gerippe. Depressivst seit Monaten. Verlasse das Atelier nicht mehr. Ich hatte mit ihm noch telefoniert, er hatte fast schon zugesagt, zur Lesung zu kommen (nur ein paar Meter weiter wohnt er ja), aber er kam nicht.

Durchaus tragisch: die Unberühmtheit des Kokoschka-Schülers Klaus von Teplitz, aber auch die des Lyrikers Laschet-Toussaint, ebenso die des Philosophen Frank-Peter Hansen, der ab Ende der achtziger Jahre ein ganzes Jahrzehnt durchschrieb und sechs wichtige Bücher veröffentlichte. Das sind ja nicht einfach nur Talente, sondern diese Leute haben ausgewiesene Leistungen. Aber nichts für ihre "promotion" getan. Teplitz wäre unter anderen Umständen einer der repräsentativsten deutschen Maler der Gegenwart, wäre er nur aus seinem Loch herausgekommen. Hansen könnte eine Lehrkanzel haben. Aber sie haben sich isoliert. Niklas Luhmann schrieb ja einen Band mit dem Titel 'Die Kunst der Gesellschaft', und diese gesellschaftliche Seite der Kunst bzw. der Philosophie haben sie aus unterschiedlichen Gründen komplett vernachlässigt. Die drei von mir Erwähnten gehören zu den Allerbesten ihrer Gebiete. Ich kenne sie rein zufällig.

Ich selbst rechne mich nicht zu den Dreien als Vierter. Hansen würde sich mit Recht das auch verbitten. Er ist Wissenschaftler, dezidiert. Er schätzt mich als Gesellschafter, als Wanderkamerad, als belesenen Menschen, aber da ist nicht mehr. Ich anerkenne ihn als Philosophen, doch ist er in Dingen des Lebens wahrlich keine Autorität für mich. Teplitz ist es vermutlich egal, wenn ich mich mit ihm ins Bild stelle. Aber ich gehe selbstverständlich aus dem Bild. Ich hätte gerne, daß er ein Porträt von mir malt, habe ihm das aber noch nie gestanden. Wenn ich endlich einen verdammten Literaturpreis bekomme, lasse ich mich um das Preisgeld von Teplitz malen. Ich habe verdient, daß mich Teplitz malt. Aber mich nicht um Teplitz verdient gemacht. Teplitz - ein Gentleman, der ein wunderbares Englisch spricht. Wie gut sich der verkaufen könnte, auch als Erscheinung. Aber irgendwie auch den Punkt zum Absprung versäumt, verstreichen lassen.

Laschet-Toussaint sagt allerdings richtig: "Jeder Künstler ist anders. Jede Künstler-Biographie ist anders. Die Geschichte des Ruhms ist immer wieder anders. Manche werden erst nach ihrem Tod entdeckt." Das ist aber kein Trost. "Auch du wirst einmal zu einer lebenden Legende werden", sagt er aufmunternd zu mir. Mich erstaunt, wie das inzwischen abprallt von mir. Erstens glaube ich das gar nicht, und zweitens ist das für mich derzeit überhaupt kein Thema.

Ich will aber hinausgehen. Ich will den Punkt nicht überschreiten, den entscheidenden Punkt versäumen, ich muß ganz einfach die gesellschaftliche Seite beleben. Nicht des "Ruhms" wegen, sondern um nicht eine Existenz führen zu müssen, die des Trostes bedürftig wäre. Ich stelle mich nicht in die Reihe mit Teplitz und Hansen - deren Leistungen sind klar ausweisbar, sie sind objektiviert, und in großer Zahl vollbracht. Laschet-Toussaint kann ich nicht richtig einschätzen. Er ist vorwiegend Lyriker. Er ist sehr belesen, er kennt sich in den Sprachen aus, er weiß enorm vieles. Menschlich sind sie alle hochanständig. Laschet-Toussaint sehe ich übrigens ähnlich, so könnte ich in fünf oder zehn Jahren aussehen. Aber ich will abschwenken, ich schlanke ab, ich liebäugle mit dem Gedanken, zum ersten Mal in meinem Leben von einem hohen Trampolin ins Wasser zu springen.

3.

"Ein ganz unerträgliches Kuscheltier. Der sitzt da in seinen Polstern und schlürft immer nur klare Suppe. Er kennt zwar alles, aber er hat sein Leben verfehlt. Wenn du ihn besuchst, schenkt er dir vielleicht Bücher mit zahlreichen Anstreichungen darin. Nicht viel mehr als eben einer von vielen 'netten' Menschen. Er ist vor seiner Männlichkeit ausgewichen. Aber auch zum 'transgender' hat es nicht reichen wollen. Er lebt mehr in seinen Träumen als in der Wirklichkeit. Wir zögern, 'er' zu sagen. Der ist eine Sie. Eine dahinbastelnde Alte. Manchmal weht in seinen Texten eine rauhe Luft, er hat ja eine sogar sehnsüchtige Ahnung von der Männlichkeit gehabt, aber sich ihr nicht gestellt. Hier liegt eindeutig ein existentielles Versagen vor. Der wird mit achtzig noch dasitzen, seine Lebkuchen in den Kakao eintunken und im Schopenhauer blättern. Er wird in seinen Manuskripten die besten Passagen durchstreichen, dann später das Durchgestrichene für das Beste halten und wiederum das andere durchstreichen. Dabei hat er ein enormes Empfinden für die gelungene Form - im Detail wie im Ganzen. Er konnte ein Thema in einem ganz weiten Bogen erfassen und es dann doch noch zu einem fulminanten Abschluß biegen. Er hat den gekrümmten Raum in seinem Verhalten nachgeahmt. Dieser Mensch wollte Liebe und war zur Tragik nicht fähig. Mit dem Daumennagel glättet er Bonbon-Papier. Er überlegt sich, ob er sich schmücken könnte, kommt zu keinem Ergebnis. Er nimmt den alten Fuchspelz seiner Großmutter in die Hand, zwickt seinen linken Daumen mit der unter dem Oberkiefer befestigten Metallschnappe ein und schlägt nun ein paar Mal mit dem Hammer, mit immer größerer Wucht darauf, daß es schmerzt. Er ist seit einiger Zeit der Ehrenvorsitzende des Weltverbandes der Autisten. Spät lernt er Hebräisch und Russisch. Er trägt im Winter eine Armeniermütze wie Rousseau und stiefelt im Schnee herum, rennt auch noch im Alter wie sein Vater. Er hat schon lange keinen Feind mehr. Der Professor Greif, den er immer fürchtete wie Strindberg den vortrefflichen Przybyszewski gefürchtet hatte, hat ihm überraschenderweise sein dickes Fotoalbum vermacht. Vom Greif zirkulierten in der Öffentlichkeit keinerlei Fotos, aber es gab welche, tausende. Mit der Lupe sucht diese alte Literaturtante da diese alten Fotos ab und fragt sich, ob sie sich nicht getäuscht hätte. Sie hat dem Greif, dem inzwischen lange Toten, einen Ehrenplatz eingeräumt. Als sie mit der Schere einen alten Artikel ausschneidet, erreicht sie die Meldung von ungeahntem Ruhm. Sie zieht einen Anzug an, der erstmals paßt, geht in Stiefeln zur Ehrung. Etwas Junkerhaftes ist in sie gefahren und teilt sich nun mit. Etwas Altagrarisches, Osteuropäisches. Ein Säbel wird ihr überreicht, sie wird sehr spät endgültig zum Mann. Die Bergson-Gesellschaft übersendet die allerherzlichsten Glückwünsche.

4.

Wie schnell der Ruhm verblaßt, wie schnell ein Schriftsteller nach seinem Tod vergessen ist, zeigt mir unter anderem das Beispiel von Manès Sperber. Es gibt nicht nur den Fall, daß einer nach seinem Tod erst so richtig berühmt wird, sondern noch öfters den Fall, daß einer mit seinem Tod schlagartig vergessen wird, gar nicht immer zurecht. Daß einer sogar mit Preisen und Ehrungen überhäuft wird, in der kulturellen Öffentlichkeit völlig präsent ist, dann aber sofort nach seinem Tod verschwindet, überhaupt kein Nachleben mehr hat. Dann sitzt eben irgendwo ein Junge in einer Scheune, liest ein zufällig am Trödel erstandenes Buch, weiß wahrscheinlich gar nicht, daß er einen der Großen von gestern liest. Und es sind nicht immer die schlechtesten Bücher, die solche Jungen lesen. Aber es ist doch auffällig, wie rasch sogar sehr Berühmte nach ihrem Tod sogleich vergessen sein können.

Die Gesellschaft dankt ihren Dichtern schlecht. Sie müßten in den Herzen aller eingeschreint sein, aber die Gesellschaft braucht ihre Dichter eigentlich gar nicht mehr. Vorwiegend arme Völker hüten ihre Dichter als das Beste, das sie haben. Aber bei uns besteht keinerlei Bedarf. Es gibt tausende Begabungen, hunderte Buchautoren, es gibt sicher eine dreistellige Zahl von guten Autoren, aber es herrscht hier prinzipielle Ersetzbarkeit vor. Es ist auch nicht nur beklagenswert, daß dem so ist. Es sind verschiedene Gründe für ein Nachleben aufzuführen: der Verlag ist nicht der geringste dieser Gründe. Und - absurderweise - wer es geschafft hat, in die Schullesebücher zu kommen.

Daß die Dominatoren des Literaturbetriebs das Vergessen ereilt, ist in den meisten Fällen verdient. Sie haben sich in die Literaturhäuser geschlichen, den Platz besetzt und von innen zugeriegelt, sich gegenseitig in der schamlosesten Weise lokale Preise und Stipendien zugeschanzt. Es erstaunt, wie ein Gebiet, daß das allerfreieste sein sollte, Kriecherei und Anschleimen kennt. Es ist ein Politikum, wer wann welche Räume besetzt. Der Künstler darf keine Hoffnung haben, "entdeckt" zu werden, er muß leider auch, so sehr es ihn anwidert, ein Ellbogenmensch werden und den Fuß in die Tür stellen. Die nicht-etablierte Kunst spielt sich einerseits in einem Freiraum, andererseits in einem Jammertal ab, sobald der soziale, wirtschaftliche Schatten auf diesen Freiraum fällt.

5.

Die schönsten Worte, die jemals ein Schriftsteller über einen anderen Schriftsteller schrieb, hatte Franz Kafka über August Strindberg geschrieben. Monatelang, so Max Brod, habe Kafka nichts anderes gelesen als Strindberg.

"Besserer Zustand", heißt es in einer Tagebuchnotiz von Kafka, "weil ich Strindberg (...) gelesen habe. Ich lese ihn nicht, um ihn zu lesen, sondern um an seiner Brust zu liegen. Er hält mich wie ein Kind auf seinem linken Arm. Ich sitze dort, wie ein Mensch auf einer Statue. Bin zehnmal in Gefahr abzugleiten, beim elften Versuch sitze ich aber fest, habe Sicherheit und große Übersicht."

6.

Der Greif wächst mir da mit den Jahren in der dritten Person zu einem mächtigen imaginären Feind heran, der eine gewisse patriarchale Lesart des Symbolischen repräsentiert, aber ich müßte dieses Feindbild in einer neuerlichen realen Begegnung korrigieren. Obwohl ich ihm Briefe schrieb (die wie meine Grüße stets unerwidert blieben), war mein Verhältnis zu ihm nur ganz am Anfang unseres Kennenlernens eines zu einem Du, später war er nur noch "er", weil er sich inappelabel verhielt, abblockend, dialogverweigernd. Es ist mir kaum möglich, ihn in meinem Inneren mir als ein Du zu vergegenwärtigen, ihn erneut anzusprechen. Es hieße, zu seinem Opfer zu werden.

Würde ich ihm erneut begegnen, ich nähme ihn sogleich in den Schraubstock meines alles unter Kontrolle bringen wollenden Blicks. Ich fürchte den Kontrollverlust. Mein Ich hatte seinerzeit - aber ich stand in meinen frühen Zwanzigern - kein Gleichgewicht zu ihm zu halten vermocht. Sehr bald war er alles und ich nichts. Er saugte mich buchstäblich weg. Und er hatte auch diesen als nichtig erscheinenden jungen Menschen vor Augen, der rucksäckeweise Bücher nach Hause schleppte und den deshalb seine kleinbürgerlichen Eltern mehrmals am Tag anschrien. Dieses sich selbstverwundende Pickelgesicht; eben nicht den harmonischen Jungmann, den er haben wollte als Rohstoff für seine Menschenbildnerei. Er sprach ja auch des öfteren vom "unbrauchbaren Studentenmaterial". Ich muß ihm wie ein von Anfang an Verhunzter erschienen sein, den man besser aus den heiligen Hallen der Philosophie unsanft hinauskomplimentiert. Besser ein Schrecken mit Ende als ein Schrecken ohne Ende. Professor Greif war ein großbürgerlicher Herr, erfüllt von hochmögendem Verantwortungs-Ernst, von eminenter Bitterkeit und furchtbarem Weltschmerz, und sah sich da einem menschlichen Nichts mit grünen und rosa Hoffnungen gegenüber, das zwiespältig herankroch, um ihm Anerkennung abzuringen.

"Du Abkömmling eines Geschlechts von Untertanen, der du irrigerweise glaubst, mit Hilfe von gelesenen Büchern Sprosse um Sprosse jener Leiter erklimmen zu können, die dich mit mir, dem Meister, in Augenhöhe zu bringen vermöchte. Aber wenn einem Menschen von Anfang an der soziale Hintergrund fehlt, wenn er von Anfang an in der Ungunst seiner Eltern steht, wenn ihm der Außenseiter ins Gesicht geschrieben steht, wenn er eine ärmliche Erscheinung darstellt, der es an allen Ecken und Enden fehlt, was will dieser dann da im patrizischen Olymp, was hat er bei den Jovialen zu suchen? Was anders als ein paar Brocken von der Festtafel darf er für sich erwarten? Er möge doch eher Karl Marx lesen und nüchterner werden in bezug auf seine Lage, aber was tut er überflüssigerweise? Er liest Jaspers, Max Scheler, sogar Klages und Jünger, Hans Urs von Balthasar und Bultmann. Sollte doch wenigstens ein Hausbesitzer sein. Es geht ihm offenbar noch immer nicht schlecht genug. Wie hat der von Anfang an gelernt, seine materiellen Bedürfnisse herunterzuschrauben! Ein menschlicher Schandfleck! Eine Peinlichkeit! Saugt sich proppenvoll mit den großen Denkern, dieser Blutegel, und spielt sich schon in den allerersten Semestern wie ein alter Hase der Philosophie auf, ohne Rücksicht auf Ränge und Jagdgründe! Einen solchen grüßt man nicht, schon gar nicht in Gesellschaft. Dem pfeift man wie einem Laufburschen. Und er kommt auch sogleich angerannt. Wie vertrauensvoll! Dabei wird er gekillt und merkt es nicht. Ihm fehlt jegliches Eigengewicht, er ist orientierungslos, er ist sexuell noch eine Jungfrau, er glaubt, durch Nettigkeit sich Nettigkeiten einheimsen zu können. Das spielt es nicht! Er wird nun erfahren müssen, was das Gesetz dieser Gesellschaft ist, bis er zu Karl Marx findet. Ich bin nämlich ein Linker. Ich verordne diesen zurückgebliebenen Vogelscheuchen Marx und Sade, immer nur Marx und Sade. Die sonstigen Höhen jovialer Philosophie habe ich für mich reserviert. Er möge sich mit Trockenfutter begnügen. Für ihn die Härte des Sozialen als Grundlehre! Er ist unten, ein 'Unter', und soll das gefälligst nicht vergessen. Wenn er es nicht bald einsieht, gehen wir zum Schänden über. Dann machen wir ihn betrunken, lassen ihn auf den Tisch kraxeln und johlen: 'Ausziehen! Ausziehen!' Immer noch rempeln wir ihn vertraulich an: 'Mach schon! Sei kein Frosch! Du wirst doch nicht so unbefreit sein!' Und dann haben wir ihn endlich in die Gosse gerempelt, in die er hineingehört. Er wird doch nicht nach vollbrachter Schändung zum Gewehr greifen und uns die Schädel wegschießen! Soll er uns doch kommen mit einer Waffe, am ganzen Körper zitternd, mit dem Blick eines Verzweifelten, wie eine Frau, die ihren Vergewaltiger abknallen möchte und doch keine Kraft dazu hat. Sie will ihn in Schach halten, immer nur in Schach halten, und schiebt das Töten über jenen letzten Punkt hinaus, bis sie endlich schluchzend die Waffe sinken läßt. Wir reißen dieses Menschlein, dieses katholische, halbschwule Bürschelchen, diesen jämmerlichen, arschgefickten Schluckspecht herunter, nach altbewährtem Herrenrezept, sozusagen nach Gutsherrenart. Der wird uns nicht mehr philosophisch kommen, sondern nur mehr voller Ressentiment, ein Gescheiterter wird er sein, und wir werden ihn auch ohne weiteres dann einen Gescheiterten nennen können. Alle werden uns glauben. Nachdem wir ihn bei uns nicht mehr einlassen, wird er in unsere Bücher Einlaß begehren und darin nur Humanes, Tolerantes, Skeptisches, Offenes finden, brillantes, mondänes Weltbürgertum, was ihn völlig desorientieren muß. Er wird die Schuld allein bei sich suchen, sich in Autoaggressionen erschöpfen. An unseren Büchern wird er abprallen wie eine Fliege, die immer wieder gegen die gleiche Scheibe stößt und nichts kapiert. Wenn er uns öffentlich angreifen sollte, haben wir unseren angesehenen Status und er nicht. Und unsere angesehenen Bücher. Unsere respektable Gesinnung. Haben die allerbesten Beziehungen. Gelten als Wohltäter. Wie unverständlich müssen seine Attacken wirken! 'Ein Irrer!' werden die Leute rufen. 'Führt diesen Irren ab!'"

Indessen schreite ich bereits meine inneren Armeen ab, placiere die Reiterei, die Bogenschützen, verfüge über kleine, muntere Hunnen, die den fliegenden Wechsel von Pferd zu Pferd beherrschen, und auch die Amazonen, die Doppelaxt-Trägerinnen, haben sich locker mir verbündet, mein Reich hat keine starren, fortifizierten Grenzen, wird nicht von einem Limes eingefaßt, sondern pulsiert wie einst das Reich der Mongolen. Mein Blick ist traurig, in eine endlose Steppe schweifend, meine Augen, einst weit und dunkel, ein Brunnen, sind zusammengekniffen und blutunterlaufen, aber der Wind ist mein Element und die fliegenden Mähnen der Pferde sind unsere Fahnen. In den Jurten machen wir Halt und schlafen in der Kälte engumschlungen, im Viererpack. Wir sind in unvergleichlicher Weise aufeinander eingespielt. Während unsere Lästerer zechen, wird der erste mongolische Reiter auf dem Hügel auftauchen, spähend, auf alles gefaßt, reversibel. Der Befehl zum Angriff teilt sich uns von Blick zu Blick mit, dann ein bestätigendes Nicken wie ein Lauffeuer, und es geht los. Auch in ihren Siegen wird meine Armee niemals aus Schädeln bechern, wir sind in der Seele traurige Kämpfer, es ist der Wind, der uns beseelt, wir selber sind der Wind. Wir bringen auch nicht Gerechtigkeit und errichten keinen Staat. Wir sind ein Element der Welt, eine Elementarmacht. Nicht nur Land und Meer spielen in der Geschichte der Kriege eine Rolle, sondern mehr noch die Jahreszeiten und der Wind, der zum schwarzen, alles aufrührenden und hinwegfegenden Sturm sich erbosen kann, von Bränden erleuchtet. Es stehen die Mächte der Weite gegen die Mächte der Enge, die nomadischen Mächte gegen die seßhaften, die Mächte der innigen Freundschaft gegen die der polternden Kameraderie, die Mächte der wilden, untröstlichen Melancholie gegen die Mächte des oberflächlichen Herrentums, das so voll des Spottes ist - nicht nur auf uns, sondern auf alles.

Wenn für die Chinesen der Himmel die oberste Gottheit ist, dann ist es für uns der Wind. Und ruht der Wind, dann ruht die Gottheit. Stürmt es, dann stürmt die Gottheit und wir stürmen mit, fliegen voran in zahlreichen Wellen, die voller Verlangen über die Hügel rollen. Es ist der tartarische Dämon, der sich nicht besiegen läßt. Die so gastfreundlichen, lernbegierigen, so unergründlichen Khane, die sich keinem Einfluß verschlossen. Die besten Reiter und Bogenschützen aller Zeiten. Die individuellsten Kämpfer - und dennoch ein pulsierendes Ganzes bildend.

"Was hast du, Peter, also gegen den Professor Greif aufzubieten außer wieder nur Bilder und Sehnsuchts-Bilder, Schlachten-Panoramen und Freundschaften aus Träumen? Wo ist dein Schwergewicht? Wo ist in dir der Mann, der sich gegen den 18 Jahre älteren Mann behaupten kann? Du hast ihn in der Belesenheit inzwischen eingeholt, überholt. Das Schreiben fällt dir vergleichsweise leicht. Aber ein Staat ist mit deinesgleichen nicht zu machen, die Zivilisation wäre mit deinesgleichen nicht auf ihrem Niveau zu halten. Du kannst nicht operieren, du bündelst noch immer nicht deine Sachen zu Büchern zusammen, deine Manuskripte können nicht stehen , sie stapeln sich in der Horizontalen, wachsen aber in Schichten enorm in die Höhe. Dir fehlt das, was René Girard die 'Gründungsgewalt' genannt hat. Du zeigst dich von allem Möglichen befruchtet, aber du selber befruchtest nicht, zeugst nicht. Du bedrängst nicht, setzt niemandem zu. Du unterwirfst dir die Welt und die Menschen nicht, sondern streichst deine gewinnenden Züge heraus, willst in den Sympathiewerten punkten. Es fehlt dir sowohl die Kraft als auch die Kraft der Negativität. So sind deine vielhundertseitigen Manuskripte ein einziges Dokument der Schwäche, eine rein defensive Selbstbehauptungs-Unternehmung. Das einzige, was du zustandebringst, ist andere grüne Jungen in ihrer Resistenz zu stärken und sie gegenüber den Ansprüchen und Anforderungen, die das Leben an sie stellt, zu entlasten. Du bist ein beträchtliches Talent, doch nicht mehr. Wärst du doch weniger talentiert! Wärst du doch leer und oberflächlich, aufnahmebereit und gehorsam, würdest du doch in jenen Bewegungen Erfüllung finden, die andere dir vormachen und vorschreiben! Würdest du doch deine Befriedigung und dein Selbstwertgefühl daraus schöpfen können, die Erwartungen anderer zu erfüllen, ihnen vollauf zu entsprechen! Ließest du dich doch leiten, führen! Aber so verkümmerst und verdorrst du in deinem Talent, bleibst auf deinem Talent sitzen, hast dein Talent vergraben. Du gestaltest dein Leben nicht. Das beginnt schon bei deinem Körper. Du verweigerst nicht nur philosophisch die Definitionen, sondern auch dich, deine Leiblichkeit zu definieren. Wenn du eintrittst und dich vorstellst, sieht es immer so aus, als hättest du noch neben dir eine Stelle, auf die du dich flüchten kannst. Du stehst so oft noch immer neben dir. Du stehst einfach daneben. Du erweckst dabei den Eindruck des Komischen. Wenn dich jemand mag, wenn dich ein Publikum mag, ist es darüber erfreut, vergnügt, aber wehe du gerietest in ein dir widriges Element, wo dir der Wind mit voller Stärke entgegenbläst! Deine ewige, konstitutive Schwäche bleibt der Kampf Mann gegen Mann, unter Ausschluß von dir geneigten, dich anfeuernden Sekundanten. Du schmissest glatt einen Goliath um, wenn dir ein Publikum zur Seite steht. Aber du wirst ganz klein, wenn du allein dem Goliath gegenüberstehst. Du fühlst dich nichtig, ausweichend. Und dieser Goliath fordert dich dann, läßt nicht locker, bedrängt dich, staucht dich zusammen. Willst du denn schreien, beißen und mit den Krallen kratzen wie ein Weib? Willst du ihn denn so billig niedergehen lassen, indem du seinen Daumen ergreifst und ihn umbiegst? Willst du eine Spraydose mit Tränengas auf seine Augen richten, wie eine billige Nutte, die sich eines gewalttätigen Freiers zu erwehren sucht? Willst du ihn schlagen mit deiner bleigepanzerten Nuttentasche? Ins Gemächt treten mit deinen stahlbekanteten Stiefelchen? Ist das dein ganzes Repertoire? Dich einer kreischenden Nuttensprache befleißigen, die niedrigstes Gossen-Niveau hat? Und dich dann wieder beschützen lassen, Zuflucht an einer starken Brust suchen, dich ausweinen? Wirst du denn immer hörig bleiben, du, der du niemals lernen wolltest, zu gehorchen ? Alles in dir ist gegen den Vater, gegen die Vater-Instanzen gerichtet. Du bist abwechselnd Lehmklumpen, Morast, Pflanze, Tier, Kind, Mann und Frau... Du hast keine feste männliche Identität. Irgendwie willst du davor beständig ausweichen, du kneifst. Der Greif hat dich auf deine Schwachstelle reduziert. Er hat dich dorthin gestoßen, wo alles seinen Ausgang nimmt. Das verübelst du ihm. Und das Ausmaß deines Hasses zeigt, wie sehr er dich am Nerv getroffen hat! Es gab in deinem Leben nur drei, vier Personen, die du nicht täuschen konntest, die deiner wortreichen Bezauberung nicht erlagen. Sie nennst du deine 'Quäler'. Sie haben dich deiner Jämmerlichkeit überführt. Daß du den Greif den ärgsten deiner Quäler nennst, liegt daran, daß er dich auf deinem Gebiet, auf dem Gebiet deiner Stärke, aufgedeckt, gestellt hat wie einen Dieb, einen Dokumentenfälscher. Er hat dir den Grenzübertritt in die Philosophie verwehrt, dich hoppgenommen, und du bist noch einmal ausgerissen, und alles ist jetzt öffentliche Aufbauschung dieses doch nur durchschnittlichen, gewöhnlichen Falls. Du mußt den Greif zu einem Riesen übertreiben, damit dein Kampf gegen ihn riesenhaft erscheine.

7.

Ich ließ mich auf meine Matratze fallen, erschöpft, nur mehr noch Liebebedürftigkeit, und manchmal glaube ich, daß ich im wesentlichen aus dieser Liebebedürftigkeit bestehe. Ich muß mich damit abfinden, daß dem so ist. Es ist ja kein Verbrechen, keine Schande, es ist normal. Vielleicht ist das Ausmaß dieser Liebebedürftigkeit größer als bei den meisten anderen, aber auch das muß nicht sein. Hat man mich als Kind zu wenig gehalten? Brüte ich hier etwas nach, was jeder Mensch als unverzichtbaren emotionalen und physischen Einstieg ins Leben braucht, um ein gesundes Leben führen zu können? Ich lege mich auf den Bauch, werfe Arme und Beine, Nacken und Kopf immer wieder anders in alle nur möglichen Richtungen. Früher schlief ich in embryonaler Haltung, heute so. Etwa wie ein Salamander liege ich da. Und in dem Bewußtsein, daß ich das bin, auf den letztgültigen Begriff gebracht, daß das meine letzte Einstellung zur Welt und zum Leben ist, daß ich nicht mehr, aber auch nicht weniger bin als dieses liebebedürftige Wesen, steige ich plötzlich in jene Träume hinein. Es sind keine Vater- oder Mutterfiguren, in denen ich mich berge, es ist eher der Boden, die Erde oder ein Freund. Frauen nur ganz selten. Frauen erschrecken zumeist angesichts dieser Liebebedürftigkeit. Manchmal hielten sie sie für krankhaft, jedenfalls für unmännlich, vielleicht für kindlich. Ich bewundere ja die Stärke anderer Menschen, nicht aber die Gewalt, am wenigsten die Herrschaft. Etwas anderes als Herrschaft ist Herrscherlichkeit. Ich sehe dann einen König vor mir, der auf dem Thron sitzt und Zepter und Reichsapfel hält. Ich lehne Herrschaft ab, bin aber ein Bewunderer der Könige und Königinnen. Sie müssen befähigt sein, die Balance zu halten, alles auszubalancieren, sie haben die Hände nicht frei. Ich respektiere nicht nur die wirkliche Stärke und Kraft, sondern suche ihren Schutz und ranke mich in ihrem Windschatten empor. Ich bin eine Kletterpflanze oder Eidechse, die den sonnigen Stein bevorzugt. Man kann doch einerseits nicht Stärke und Kraft begehren und andererseits dann nur unterwerfen wollen. Wieso sollten wir dasjenige verachten, das sich uns anschmiegt, das unsere Stärke und Kraft als ein Lebenselement braucht, uns dankbar ist? Wir können ja unsere Stärke und Kraft sogar deshalb entwickeln, um andere zu beschützen, um für sie eine Quelle des Lebens, der Regeneration zu werden. Aber nicht, um alles einer Terrorherrschaft zu unterwerfen, um alles außer uns zu verknechten und zu Boden zu drücken, kniefällig zu machen und ihm unser Siegel einzubrennen.

8.

Ein Herrscher kann aufgehen wie eine Sonne und alles unter sich gedeihen lassen, zu einer überreichen Ernte treiben, und wenn er stirbt, werden die Leute so traurig sein, wie wenn die Sonne für immer erloschen wäre. Es hat tatsächlich auch Könige und Königinnen gegeben, die einem solchen milden und dennoch allesdurchdringenden und alles mit sich erfüllenden Ideal weitgehend entsprachen. Es hat Könige und Königinnen gegeben, die z.B. ganz einfach die Hexenverfolgungen in ihren Ländern per Federstrich abstellten, dem Volk die Freude an der Hatz versagten. Hitler war ohne den Weitblick der Milde und hat deshalb alles verspielt und ruiniert. Die Milde konnte ihn nicht inspirieren, deshalb griffen seine flächendeckenden, technokratischen Inspirationen letztlich nicht. Er hatte zwar die Feldzeichen den alten Römern als Staffage abgeschaut, aber nichts von ihrer imperialen Erfahrung gelernt. Weil dieser Mittelmäßige neben Mehlspeisen-Verzehren und dilettantischem Monologisieren nur den einen Hauptgenuß kannte: den der Macht. Er glaubte, nur die Landkarten Europas nacheinander einrollen zu müssen, Land und Leute in abstracto als seine Besitztümer sich einverleiben zu können. Er sprach von "Ausradieren". Er hätte auch, statt in den Osten auszufallen, sich mit einem kontinentalen Kerneuropa begnügen können, das etwa die Gestalt des Karolingerreiches gehabt hätte. Und wenn es etwas schleunigst "auszuradieren" gegeben hätte, dann diesen abscheulichen Rassenwahn. Der Irrsinn des überstürzten abstrakten Planens - auch in der Sowjetunion. Die Planbesessenheit der damaligen Epoche. Das "Tausendjährige Reich" war eher eine Konzeption, die dem messianischen, joachimitischen Wahn der Wiedertäuferbewegungen entsprang, als eine ernstgemeinte Perspektive. Wir können auch sagen: glücklicherweise.

9.

Mir ist inzwischen so gut wie alles Naziartiges verhaßt, auch die angeblich positiven Aspekte, die nicht nur von den negativen nicht zu trennen sind, sondern die selber noch negativ sind. Eintopf und Aufbruch, Erntedank und Volkswagen, Messerschmitt und "Kraft durch Freude" - alles gleichermaßen protzig, spießig, steril, seelenlos, tüchtig-technokratisch, alles deutete schon lange vor 1939 auf Krieg hin.

Auch ein faschistisches "Kerneuropa", möglicherweise mit SS-Ordensburgen in Burgund, wäre eine Scheußlichkeit gewesen, keine Frage. Und auch die Wiedereinsetzung der Hohenzollern wäre eine Scheußlichkeit gewesen. Es gibt eben keine moderne Alternative zur Demokratie.

Doch einmal eine verwegene These: Tatsache bleibt, daß Hitler einige Jahre der unumschränkte charismatische Herr Europas war und einen Spielraum auch zu anderen als den geschehenen Taten gehabt hätte. Hitler hätte sogar, getragen von den Volksmassen, von der "effervescence collective" (Émile Durkheim) - ihm wurden weiße Nelken und Rosen gestreut -, das Gesellsche Freigeld einführen können (zunächst eine Reihe von kommunalen Freigeldexperimenten wie seinerzeit in Wörgl starten unter dem plausiblen Vorwand der regionalen Wirtschaftsbelebung, in der "Ostmark" und in Süddeutschland beginnend), hätte schließlich die deutsche Hochfinanz damit ausgehebelt... Er hätte, statt Röhm zu beseitigen, den Antisemitismus zurückschrauben, den Rassenwahn revidieren können - freilich wäre er dann nicht mehr der beschränkte, starrsinnige Dummpfkopf Hitler gewesen, den wir kennen. Aber die Macht hätte er dazu gehabt. Er hätte sich an andere "Edelmenschen" halten können als an die gehabten unedlen, z.B. an Leute wie Ernst Jünger. Er hätte Ernst Niekisch zum Chefideologen ernennen können. Rommel zum Generalissimus. Artur Nebe zum Geheimdienstchef. Heß hätte Reichsminister für Luftzeug und Postwesen werden können. Gustav Adolf Scheel Gesundheitsminister. Anton Zischka Minister für industrielle Entwicklung. Otto Straßer statt dem unfähigen Säufer Dr. Ley. Nicht die Vorzeige-Leute wie den Fliegerpionier Udet in den Tod treiben! Goebbels hätte bleiben können, der kaulquappige Fiesling paßte sich ohnedies an alles an, Hauptsache Weiber, Weiber, Weiber! Otto Lautenbach und Karl Walker statt Hjalmar Schacht. Letzteren zur Emigration in die USA zwingen. Papen auf einen Gutshof verbannen, ihm die Kanäle des Intrigantentums verstopfen. Hugenberg bis aufs Hemd enteignen, sein Medien-Imperium verstaatlichen. Albert Speer halten. Carl Schmitt Justizminister. Den hochintelligenten, aber verkommenen Göring zum "Reichszeremonienmeister" ernennen, mit Pfründen abfinden, oder - nach Belieben - zum Reichsminister für Verkehr und Volksmotorisierung machen, allerdings dieses drogensüchtige Raubtier unter unsichtbaren Hausarrest stellen (Zuständigkeit: Artur Nebe). Marlene Dietrich eine Zeit lang mondän schillernde, polyglotte Reichsaußenministerin. Statt Alfred Rosenberg Leopold Ziegler. Hinaus und hinunter in die Hölle mit dem düsteren Vampirs-Gelichter Himmler, Sievers, Streicher, Rosenberg, keine SS, revolutionäres Abrechnen mit den Antisemiten und Rassenideologen. Nicht die SA entmachten, sondern Antisemiten und Rassenideologen - diese in jakobinischer Manier durchwegs und über Nacht aus heiterem Himmel köpfen. Ein transgenerationelles Trauma bei ihren noch vereinzelt vorhandenen Anhängern hinterlassen, daß ihnen die hetzerische Spucke für immer wegbliebe. Freisler durch den Volksgerichtshof in Plötzensee hinrichten lassen.

Entwicklung der volkssozialistischen Komponente, Wohlfahrtsstaat. Die Künste an der Moderne, die Architektur am "Bauhaus" ausrichten. Leni Riefenstahl fürstlich sponsern. Robert Heiss zum obersten Psychologen ernennen. Hans Henny Jahnn mit der Präsidentschaft der "Reichsschrifttumskammer" betrauen, diese zugleich umbenennen. Euthanasieärzte euthanasieren. Die agrarische Vielfalt bewahren, statt "Erbgesundheitspflege" ökologischen Landbau betreiben und den Inzest tunlichst vermeiden. Junkerbesitz auf Kleinbauern oder, wenn anders nicht bewirtschaftbar, auf Genossenschaftsbauern aufteilen. Belebung des Regionalismus.

Internationale Verträge ab einem gewissen Zeitpunkt - nämlich ab der Revision des "Versailler Diktats" - penibel halten. Das Reich stark und selbstbewußt machen, danach stabilisieren, auf die Basis des Rechts stellen. Geheimverhandlungen mit den Kommunisten führen. Das gemeinsame Ziel: die Entmachtung des nationalen wie internationalen Großkapitals.

Ich sage nicht, daß das eine ideale Lösung gewesen wäre. Aber Hitler war so mächtig geworden, daß er prinzipiell noch eine solche oder ähnliche Richtung hätte einschlagen können; er hätte die lichten Kräfte an sich gebunden und die finsteren verscheucht.

Eine deutsche Religiosität theologisch im Geiste Luthers entwickeln, in der die Ökumene von Katholizismus und Protestantismus - wenn es sein muß, gegen Rom - praktiziert worden wäre. Stärkung der Kirchen. Betont abendländische Kulturpolitik mit systematischer Öffnung zur Moderne, großzügige, am progressiven bürgerlichen Erbe der deutschen Geistestradition (Weimarer Klassik, Romantik, Deutscher Idealismus) orientierte Volksbildung. Um Thomas Mann werben.

Und dann hätte Hitler aus seiner lächerlichen Uniform schlüpfen müssen und heiraten, sich vom Papst zum deutschen Kaiser krönen lassen oder Platz für einen anderen Kaiser - einen Volkskaiser - machen, um die autoritären Bedürfnisse der Deutschen ruhigzustellen. Eine Politik der noblen und dennoch in sich gefestigten Selbstzurücknahme betreiben. Ein absoluter Garant der Rechtlichkeit werden, von souveräner Milde und Weisheit, aber auch von rätselhafter, unergründlicher Divination geprägt.

Sich die Achtung der Gegner erwerben, ja am Ende mehr von diesen ehemaligen Gegnern als von opportunistischen oder fanatisierten Sympathisanten der "ersten Stunde" getragen sein. Die "Männer der ersten Stunde" aufs Altenteil schieben, sie mit Ehrungen überhäufen, mit billigen Blech-Plaketten behängen, ihnen Stammtische im "Bürgerbräukeller" einrichten, sie und ihre möglichen jugendlichen Rächer im Freibier ersäufen. Schritt für Schritt Hinführung der Deutschen zu einer rechtsstaatlichen Demokratie bzw. konstitutionellen Monarchie. Ein Begnadigungsrecht entwickeln, das von der höchsten Stelle aus sofort längs durch alle Institutionen und Apparate greift. 'Mein Kampf' als unreifes Jugendprodukt einstampfen.

Sich als "Cäsarist" im Sinne Spenglers begreifen. Auch von den alten Römern lernen.

Zwar dieses ökumenische deutsche Christentum aus dem Luthergeiste als Nationalreligion für die orientierungsbedürftigen reichsdurchschnittlichen Volksmassen kreieren, gleichzeitig aber blinzeln wie vielleicht Kaiser Tiberius, der mit einem Finger (ich glaube sogar, dem kleinen) einen Apfel durchstechen konnte. Die katholische Kirche mit dieser deutsche Ökumene letzten Endes herausfordern wie einst Luther. Die Sache der Reformation zu Ende bringen, als einen geistesgeschichtlichen deutschen Sieg in Europa: eventuell einen deutschen oder deutschenfreundlichen Papst durchsetzen, der das ökumenische Programm innerhalb der katholischen Weltkirche forciert, womöglich dann Selbstkonkurs des Papsttums.

Eine Politik der Toleranz, ja des Respekts gegenüber den Juden praktizieren. Also eine totale Kehrtwendung, eine Spitzkehre den Antisemitismus betreffend einlegen, dieses - wie ein Herkules, mit dem ganzen Gewicht und der Schärfe der Führerpersönlichkeit - riskieren, dem Volk aufzwingen. Alle Beteiligten der Wannseekonferenz im Stile stalinistischer "Säuberungen" exekutieren, als Volksverräter hinstellen. Die Wannseekonferenz als tödliche Falle für die Beteiligten. Die Propagandamaschine herumwerfen, in dem Sinne: "Das Antisemiten-Pack wollte durch millionenfach geplanten Genozid das Ansehen Deutschlands für alle Ewigkeit besudeln!" Aufreibung der Reaktion im Inneren.

Beim Einmarsch in Paris in bonapartistischer Manier ein wahrhaft europäisches, abendländisches Programm verkünden.

"Stupor mundi", das "Staunen der Welt" genannt werden wie einst der Stauferkaiser Friedrich II. Ein augusteisches goldenes Zeitalter der Künste ermöglichen. Eine Welt von großer disziplinierter Fülle und teilkontrollierter Vielfalt. Nicht dem Boden-Fetischismus der Seßhaftigkeit verfallen, auch das Nomadische der großen "Fahrt" oder "Morgenlandfahrt" (Hesse) begünstigen, insbesondere bei der Jugend. Keine HJ, dafür Fortführung der jugendautonomen Traditionen des "Wandervogels". Der Freiheit vertrauen. Durch Leistungen die Liebe des Volkes gewinnen. Durch Taten überzeugen. Das Deutsche als Teil der Menschheitskultur begreifen. Gutnachbarliche und Wirtschaftsbeziehungen zu und weitgehende Garantien für Osteuropa. Eine antikolonialistische Langzeitstrategie für Afrika entwerfen, unter dem Signet "Selbstbestimmungsrecht der Völker", zugleich damit verbundene Schwächung der noch verbliebenen europäischen kolonialistischen Rivalen. Den Rassismus neu und positiv interpretieren, von "den unverbrauchten Völkern Schwarzafrikas" sprechen, sich zu deren "Geburtshelfer" erklären. Rohstoffe als Gegenleistung für Waffenlieferungen und Militär- und Entwicklungshilfe.

Gänzliche Abschaffung der Folter, jedoch Beibehaltung der Todesstrafe für Hochverrat. Öffentliche Volksgerichtshöfe gegen Korruption. Gestaffelte Enteignungs-Strafen, primär Geld- und Vermögensentzug statt körperlicher Strafen. Keine Homosexuellen- oder Zigeunerverfolgungen. Das Recht auf Arbeit verfassungsmäßig verankern. Nicht "Lebensraum" im Osten, dafür intensiven Arbeitsraum in Afrika (u.a. Wüstenbewässerungen) gewinnen. Zunehmende rechtliche Gleichstellung der Frau.

Die Führerschaft eines Einzelnen eventuell nach einiger Zeit in eine Doppelführerschaft umwandeln, sei es in ein Kaiserpaar, sei es in ein mann-männliches Doppelkonsulat, nur müßten diese Doppelkonsuln aufeinander eingespielt sein wie Dioskuren. Daß die Welt geheimnisvollerweise immer zwei Führer vor sich hätte. Die dadurch bewirkte Verblüffung. Ein magischer Politikstil. Eine dritte imperiale Figur jenseits von Kapitalismus und Kommunismus.

Die "Swastika" (das Hakenkreuz) immer mehr als Sonnensymbol deuten (was sie ja auch ursprünglich ist!), als ein Sonnensymbol im Sinne Echnatons oder des "Sol invictus". Stabilisierung und Sättigung in der vollen Sonne als Entelechie. Das Hakenkreuz die dynamische, explosive Seite der Sonne, das Ziel aber die volle, Leben und Licht spendende Sonnenscheibe, die über Gerechte und Ungerechte gleichermaßen scheint. Rückbindung in die Weltkultur, in den "orbis terrarum". Das aggressive Hakenkreuz-Symbol zunehmend in das ruhige, erhabene Symbol der Sonnenscheibe überführen. Diesbezügliche Konferenzen mit Japan und Exil-Makedonien zwecks Abklärung der Fahnen. Hermann Oberth und Wernher von Braun mit der Entwicklung einer deutschen Mondrakete beauftragen. Uswusf.

10.

Bis über Mitternacht hinaus von drunten - von der Eckkneipe herauf - Nazi-Gegröl. Seit zwei Stunden. Höre bei offener Balkontüre immer nur Wortfetzen, vorhin gleich mehrmals das Wort "totschlagen", Geklatsche von Ohrfeigen, das Wort "Hakenkreuze" kam mindestens zwanzigmal zu mir herauf, ferner: "Wir werden wieder Plaketten einführen: eine gelbe, eine orange, eine rote und eine blaue, zum Annähen." Zwei oder drei Stimmen, die Berliner Dialekt sprechen, noch am ruhigsten, relativ besonnensten. Doch im Grunde nur und nichts als alkoholisierte Primitivität, Pöbelhaftigkeit.

Es gibt sehr wohl den Pöbel, da drunten grölt er. Manche grenzen sich dann als "Elite" vom Pöbel ab, um sich freilich dann an seine Spitze zu setzen, zum Hirn des Pöbels zu werden. Imbecillitas pecorum.

11.

Es läßt sich ja alles vielleicht noch wiedergutmachen oder einmal nachsichtiger interpretieren, nur eben ein Mord nicht. Wenn man gemordet hat, ist man schuldig geworden und kommt dieser Schuld nicht mehr aus, vorausgesetzt, man empfindet noch menschlich.

Ich halte für möglich, daß es Mörder gibt, die alle Nicht-Mörder um ihre Unschuld bitter beneiden. Die finden, daß diese Unschuld das allergrößte Luxus-Gut ist.

Der Neid einer in Kriegsgreuel verstrickt gewesenen Generation auf die folgende Nachkriegs-Generation.

Weniger, daß uns die Jugend nicht vom Barras geraubt worden ist, neideten sie uns, sondern daß wir unschuldig bleiben durften. Der frühere deutsche Bundeskanzler Kohl sagte deshalb den so umstrittenen Satz von der "Gnade der späten Geburt". Es ist doch erstaunlich gewesen, wie sehr im allgemeinen die Wehrmachts-Generation die Nachkriegs-Generation - also ihre eigenen Kinder - mit einer sadistischen Kleinlichkeit ohnegleichen aufs irrationalste verfolgt hatte. So als hätten diese Kinder und Jugendlichen irgendeine mysteriöse Schuld auf sich geladen. Nämlich die Schuld der Unschuld. Dieses höchste Gut. In Zeiten des "totalen Krieges" und des KZ-Staates war Unschuld in der Tat das allerhöchste Luxus-Gut, fast unmöglich; wenige Jahre später lag es in Massen zur freien Entnahme herum.

Ich hatte früher bei meinen Eltern den Eindruck, sie würden mir die Schuld für ihren Krieg aufladen wollen - so grotesk das klingen mag. Und sie hätten das auch sofort ganz aufbrausend bestritten. Aber wie brausten sie auf! Es war ganz furchtbar, wie sie aufbrausten.

Ich glaube, daß sie uns beneidet haben.

12.

Wenn jemand sagt: "Nur in der Extremsituation zeigt sich, was der Mensch ist"... - falsch. Nur in der Extremsituation zeigt sich, was der Mensch in der Extremsituation ist, ein ganz bestimmter Mensch in einer ganz bestimmten Extremsituation zu einer ganz bestimmten Zeit.

13.

In jedem Krieg gibt es solche, die eine ausgesprochene Lust haben am Töten (wohl eine Minderheit), und die Masse der vielen anderen, die eigentlich gar nicht töten wollen, die sich einzig danach sehnen, daß dieser Krieg bald vorbei sein möge. Und die Scharfmacher kommen nun mit einem solchen Satz "Wer nicht tötet, ist kein Mann", bedrängen dich dann so lange, bis du auch manipuliert genug bist, diesen Satz zu glauben, setzen dich unter Alkohol oder Drogen, und dann lassen sie dich deine erste Vergewaltigung, deinen ersten Mord an Zivilisten begehen und feuern dich an dabei. Und ein anderer, dein Kamerad, der eingeschüchtert neben dir steht, wird es genauso machen müssen, um nicht als schwarzes Schaf aufzufallen. Die "Enthirnungsmaschine Krieg"...

14.

Mein Leben ist vollkommen leer, ich lebe wochenlang, ohne mit jemandem ein Gespräch zu führen, ich schleppe einige Bücher in meine Höhle, ich schwitze jahreszeitgemäß, von unten dringt grobianischer Lärm herauf, ich schreibe Sprüche, die auf Hauswänden stehen, ab. Ich lese eine Zeitungs-Schlagzeile, die sich auf einen Jagdunfall bezieht: "Koch verwechselt Freund mit Wildschwein - tot!"

15.

Überwältigt von Ernst Kreneks 2. Sinfonie, die er in unglaublich kurzer Zeit niedergeschrieben hatte (in acht Wochen). "Krenek selbst bemerkte später über seine Zweite, daß er kaum noch nachvollziehen könne, wie er allein mechanisch in so kurzer Zeit so viele Noten aufs Papier bringen konnte (...)" (Anne Schneider).

Und weiter: "Möglicherweise wollte Krenek sich in diesem Werk mit Mahler messen." Er verliebte sich in Mahlers Tochter Anna, heiratete sie 1924, widmete ihr diese 2. Sinfonie.

Ich höre - jedoch als Laie - heraus, daß Krenek sich mit Mahler mißt - und ihn übertrifft. Krenek zeigt, wie es kompositorisch nach Mahler weitergehen kann. Wenn ich diese Sinfonie höre, muß ich an das Bild des Aerostaten bei Schopenhauer denken: "- so bleibt dennoch jederzeit den ächten Werken eine ganz eigenthümliche, stille, langsame, mächtige Wirkung, und wie durch ein Wunder sieht man sie endlich aus dem Getümmel sich erheben, gleich einem Aerostaten, der aus dem dicken Dunstkreise dieses Erdenraums in reinere Regionen emporschwebt, wo er, ein Mal angekommen, stehen bleibt, und Keiner mehr ihn herabzuziehen vermag."

Die kompositorischen Lösungen, die Krenek fand, sind wie die grandiosen Lösungen, die ein mathematisches Genie findet; hier haben wir einen Gipfel vor uns, der noch jenseits der vorgelagerten Massive von Bruckner und Mahler in die Wolken sticht zu bisher ungeahnten Höhen. Und es ist nicht Leiden allein, sondern mehr noch ein alles mit sich ausfüllendes und sich mit allem fragend-messendes Selbstgefühl. Kreneks 2. Sinfonie ist die Lösung für alle Probleme, die aus der Kompositionsweise Mahlers für den weiteren Fortschritt der Musik erwachsen waren: Krenek zeigte exemplarisch, wie es würde weitergehen können. Seine Lösung scheint mir von allen damaligen Zeitgenossen die kühnste zu sein. Richard Strauß´ 'Alpensinfonie' oder 'Zarathustra' sind dagegen regelrecht Schrumpfwelten. Hier bei Krenek durchsticht etwas den Himmel, wie noch nie in der Geschichte der Musik, und kommt im Absoluten an. Dabei hat diese Musik einen ungemeinen Charme. Kreneks 2. Sinfonie ist möglicherweise die größte Revolution in der Geschichte der neueren Musik seit Richard Wagner. Aber ich bin ein Laie, lediglich ein Musik-Hörer, nicht mehr . Mahler hätte beim Hören dieser Sinfonie immer wieder erbleichen müssen - aber er war schon über zehn Jahre tot. Seine Anhänger hätten sagen müssen: "Das darf einfach nicht sein!"

Es gibt künstlerische Lösungen, die sind so respektlos wie unverzweifelt.

Nicht nur, daß er neue Töne gebraucht, sondern wie er sie in den Untergrund des Ganzen einschießt, mit was für einer provozierenden Monotonie - und diese Mono-tonie selbst ist Sensibilität, Atmen, Fühlen, der Organismus in seinem Pulsen, Beben, Warten, Fragen, zerbrechlicher Schauder eines Steinspiels. Er macht die Linie deutlich, die durch ein Lebensphänomen geht, er arbeitet sie wie zum Zweck einer "demonstratio" ein und retuschiert sie nicht wieder.

16.

Die Kultur des Tagebuchs. Vielleicht schon pythagoreischen Ursprungs: Gewissenserforschung als mnemotechnisches Gedächtnistraining. Heraklit bereits sagte, er habe sich selbst durchforscht. Dann viel später weiter im Pietismus. Zuvor noch Montaignes 'Essais'. Die Betonung muß nicht immer auf dem Gewissen liegen. Voluminöse Tagebücher der Schriftsteller: Musil, Thomas Mann. Die zehntausenden Seiten der 'Cahiers' von Paul Valéry. Eine stolze, beeindruckende Liste durch die Jahrhunderte, darunter Nobelpreisträger.

Wenn man mehr ein äußeres Leben mit vielen Kontakten führt, überwiegt eher die Autobiographie - nicht umsonst hat Jürgen Kuczynski diesem Genre eine besondere Aufmerksamkeit angedeihen lassen, ist immer wieder darauf zurückgekommen, nicht ohne Selbstverliebtheit. Dieser große Gelehrte bezog einen Teil seines lebenslangen Elans aus diesem hohen Selbstgefühl, obwohl er doch in zahlreichen Büchern als Soziologe und Wirtschaftshistoriker auch von sich absehen konnte, ja mußte.

Ferner die Autobiographien der Romantiker, z.B. eine zehnbändige von Henrik Steffens mit dem Titel 'Was ich erlebte' (Breslau 1840 - 1844), eine unerschöpfliche Fundgrube, ein Quellenwerk zur Romantik. Oder Gotthilf Heinrich von Schuberts dreibändige Autobiographie 'Der Erwerb von einem vergangenen und die Erwartungen von einem zukünftigen Leben'. Auch Sean O´Casey schrieb eine sechsbändige Autobiographie.

Vor allem die Deutschlehrer, aber auch später die Universitätslehrer suchten einem die autobiographischen Neigungen, das liebe Ich, die "schöne Seele" auszutreiben. Bei mir ohne Erfolg, wie man sieht (und vielleicht bedauert).

Der Greif mochte alles Ichbezogene nicht, grundsätzlich nicht, also keine Tagebücher, keine Traumtagebücher, keine Autobiographien, keine Memoiren, keine Briefe. "Nimm dich nicht so wichtig!" pflegte er zu sagen, er, der sich und seine Karriere, wie man sieht, so überaus wichtig genommen hat, er, der überhaupt so ein Wichtigtuer ist, der lieber anderen zur Last fällt als sich selbst. Halt irgend so ein unbedeutender Universitätslehrer, der unbedingt prägen möchte.

Da lästern sie am Philosophen-Stammtisch über Thomas Mann, daß der seine Homosexualität nicht ausgelebt, dafür in seinen Tagebüchern (9.500 Seiten) verwahrt hätte. Sie, die Kinder von 1968, stehen freilich darüber, sie sind so befreit, daß sie keine Pflege und Hege des Ichs mehr nötig hätten. Und "Gewissenserforschung" finden sie zurecht überhaupt peinlich. Aber dann haben sie wieder kulturpessimistische Anflüge, die Vermassung des heutigen Menschen zu beklagen, den "Gesichtsverlust" u.dgl.

Ich sage ganz einfach: Sie waren zu faul, um Tagebuch zu führen. Sie haben es sich noch leichter als zu leicht gemacht. Ihr Leben ist ohne Zusammenhang, ohne Bemühung um einen Zusammenhang, sie leben nur von Punkt zu Punkt, dazwischen erstrecken sich weite Gebiete der Leere, der Nichtigkeit, sie betonen gerne und stur die "Fragmentiertheit" und die "Kontingenz" jedes Lebens, werden böse, wenn man dieses bestreitet, denn man klopft dann auf das Hohle dieser lässigen Gesellen.

Es sei ein Luxus, solche Tagebücher zu schreiben; sie aber leisten sich den Luxus von Hummer und Toskana.

"Philosophia perennis
Hegels schauender Akt -:
Biologie und Tennis
über Verrat geflaggt."


(Gottfried Benn)

Und dann lassen sie sich von Zeit zu Zeit dazu herab, von ihrem "großen Leben" zu erzählen.

Thomas Mann betonte die Notwendigkeit, sich als Schriftsteller eine "Verfassung" zu geben. Das Tagebücher-Schreiben gehörte dazu. Sind solche Tagebücher einfach Müll? Ist es indiskrete Leichenfledderei, sie posthum zu veröffentlichen?

Man sollte die Tagebücher Thomas Manns - falls nicht schon längst geschehen - einmal thematisch analysieren. Wir werden dann sehen, daß sie viel mehr enthalten als nur Privatheiten. "Was die Tagebücher bis ins Erschütternde hinein deutlich machen, ist die Konsequenz und die Ausschließlichkeit, mit der dieses Leben auf das Werk hin gelebt wird. Alles hat sich zu fügen. Hier wird ein Leben dem Werk geopfert - und aus dem Werk zurückgewonnen."

Vor allem West-Linke und Postmoderne - also "Subjekt-Kritiker" - mögen das Genre des Tagebuchs und der Autobiographie nicht. Denn es hat etwas von Schatzbildnerei. Diese Selbstbehauptung des Ichs hat für sie etwas im Kern Bürgerliches, Bildungsbürgerliches.

Aber im Unterschied zu ihnen bin ich nicht restriktiv, will niemandem ein Verbot auferlegen; ich langweile vielleicht, dann mag man das Buch schließen und zu etwas anderem übergehen. Aber ich sage nicht grundsätzlich Nein zur Hege und Pflege des Ichs, denn dann müßte ich mich selbst verneinen. Ich halte Selbstverneinung für keine ersprießliche Sache. Das, was durch sie gewonnen werden könnte, steht in keinem Verhältnis zu den Verlusten. Es mag allerdings diese Hege und Pflege, dieses Frisieren des Ichs so vergeblich und absurd sein, wie das Ausschöpfen-Wollen des Meeres mit Hilfe eines Fingerhuts. Es mag eine Alibi-Handlung sein, eine Scheinbeschäftigung, sogar auch eine Lebenslüge. Aber ich halte den Lärm, die die Verneiner des Subjekts um sich verbreiten, das modisch sein wollende Getue, was sie um sich her machen, für noch viel unappetitlicher.

Ich frisiere zwar mein Ich, aber es kann sein, daß es wie das Frisieren eines fast schon Glatzköpfigen ist, daß es da nur mehr wenig zu frisieren gibt. Daher das Grimassieren der Glatzköpfe vor dem Spiegel!

Möge doch die Welt erfreulicher und interessanter, chancen- und perspektivenreicher, liebevoller und liebenswerter oder wenigstens abenteuerlicher sich gebärden, damit ich von meinem Ich ablassen könnte!

Es ist jedenfalls besser, ein Tagebuch zu schreiben, als ins Leere zu schauen. Ich schaue ja oft auch noch beim Tagebuchschreiben ins Leere.

Aber ich bin noch nie über jemanden hergefallen und hätte ihn beredet, von seinem Ich zu lassen. Das tun gewöhnlich nur die Eltern, die Deutschlehrer und die Philosophie-Professoren. Ihre vernichtende Strenge gegen das Ich ist weitaus strenger, als es die Religion je gewesen ist, wenn sie zum peinlichen Rechenschaft-Ablegen in Gestalt von Tagebüchern aufforderte. Der Pietismus war weniger streng zum Ich als diejenigen, die ein Bilderverbot über das Ich verhängen wollen - nicht über ihr eigenes, sondern über das der anderen.

Ihr Hohnlachen ist mir fremd. Ich verhöhne nicht. Es könnte dieses Hohnlachen unter Umständen ein Zeichen von intellektueller Kraft sein. Die berühmte "Kraft der Negativität", der "bestimmten Negation"... Aber ich halte es mit der anderen Denkschule, die das Negative begrenzt, diszipliniert. Ich gehöre eben ganz einfach der anderen Geistes-Partei an, auch wenn diese schwächer sein sollte; allein, sie ist mir die sympathischere!

17.

"Den Arsch sollte man dir aufreißen!" Das ist das einzige, was ich immer zu hören bekommen habe. Aber inzwischen gehören die, die das sagten, zur Bonzokratie.

Sie waren einmal Reichianer, die meinten, mein "Körperpanzer" müßte gewaltsam gesprengt, mein Schließmuskel müsse gelockert werden (schon griffen sie mich ab und aus), sie kämpften gegen die "Charaktermasken" des bürgerlichen Establishments und sympathisierten von ferne mit der RAF. Und ich war so etwas wie ein schüchterner kleiner Bruder, der sich mit dem linkskatholischen Bildungsbürgertum arrangierte, statt bei ihnen - den selbsternannten Jüngern von Che und Malcolm X - in die Schule der revolutionären Verzichte und der Orgien zu gehen. Heute sind sie die Verbürgerlichten. Und wie stolz sie inzwischen darauf geworden sind! Sie sind die Selbstaufhebung der Linken. Es macht ihnen das Amtieren und Repräsentieren ja inzwischen so viel Spaß, daß sie das Rentenalter auf 65 hinaufgesetzt haben. Sie werden uns also noch eine Weile anherrschen und aussperren können. Sie müssen von links überwunden werden, von einer sich verjüngenden Linken, die andere Erfahrungen gemacht hat, nämlich überhaupt keinen Platz in dieser Gesellschaft finden zu können. Die Bonzen und Mandarine der Globalisierung hingegen werden eine alte Melodie vorgespielt bekommen, die sie aus ihrer Jugend nur allzu gut noch kennen und die sich nun gegen sie selber wendet.

18.

Irgendwie verfielst du damals, Mitte deiner vierziger Jahre. Das Feuer war weg. Du hattest viel gearbeitet gehabt, gleich mehrere Bücher hintereinander geschrieben, aber bei allen fehlte der letzte Schliff. Es war so seltsam: Hättest du zu diesem letzten Schliff angesetzt, deine Bücher wären sogar bedeutend geworden. Manchmal freute dich das Arbeiten nicht. Du nanntest es ohnedies "die Ochsentour". Oder "die Büffelei". Oder "Galeere". Wenn du vormittags an deinem Schreibtisch Platz genommen hattest und dich jemand privat anrief, sagtest du: "Ich bin im Dienst" und legtest auf.

Trotzdem hattest du auf deinem Schreibtisch Bücher von Pasolini liegen. Oder von Genet. Hattest die blauen Bände der Marx-Engels-Werke abgeräumt, als es nicht mehr Mode war, und durch Knigge und Sade und Bataille ersetzt. Schade, die blauen Bände hatten sich als Hintergrund ganz gut gemacht.

Du warst doch ein Verächter der schöngeistigen Literatur. Als einer deiner Zöglinge begann, dir gegenüber von Thomas Mann zu schwärmen und eine Stunde lang seiner Bewunderung für den 'Zauberberg' zum Ausdruck brachte, hättest du ihm am liebsten auf die Finger geschlagen, mit voller Wucht. Oder ihm in den Bauch geboxt, dem kleinen Bildungsbürgerchen.

Hegel ließest du gelten, gleich mehrere Hegel-Ausgaben stehen hier. Die Bände der Jubiläumsausgabe, die Suhrkamp-Bände, einzelne ältere Bände. Und einige Meter Ernst Jünger. In Blau, in Weinrot, in Leder. Eine Hamann-Ausgabe. Nichts von Schelling, diesem Schwärmer. Rousseau hast du mit einem schäbigen Plastiktischtuch abgedeckt.

Adorno in Kassette - unberührt. Lauter vollständige Ausgaben. Benjamin, Bloch, Simmel, Luhmann, immer gleich im Schuber. Niemals mehr angerührt. Gerade noch die Folie heruntergissen und auf die Regale gestellt. Die Einzelausgaben mit deinen eigenen Unterstreichungen von früher an Studenten verschenkt. Wie oft hattest du ein Buch nur angelesen, immer nur einige Seiten in der Einleitung, stets mit dem Lineal unterstrichen, dann plötzlich die Prozedur abgebrochen. Oder mittendrin ein einziges isoliertes Zitat angestrichen, zwecks Einbau in deine eigenen Texte. Eine komplette Reihe sämtlicher Jahrgänge des 'kursbuches' weggeschmissen. Habermas 'Theorie des kommunikativen Handelns' steht verkehrtrum da. Mit voller Absicht. Es gibt keinen "herrschaftsfreien Diskurs". Was glauben diese Studentchen-Entchen, wer sie sind?

Bücher mit persönlichen Widmungen hast du freilich in großer Menge auf einem eigenen Tisch ausgelegt. Rolf Hochhuth hat dir was gewidmet, Hans Magnus Enzensberger, Eric Hobsbawm, Richard von Weizsäcker, Heiner Müller hatte kurz vor seinem Tod bloß "Müller" reingeschrieben und ein Blümchen hineingezeichnet.

Auf deinem Schreibtisch stapeln sich Briefe. Hauptsächlich Absagen. Tut uns leid, können aus diesen und jenen Gründen am Symposion nicht teilnehmen. Schwiegermutter gestorben, Enkelsohn geboren, schwere Erkrankung der Frau, Hund hat sich Pfote eingequetscht, muß tierärztlich versorgt werden... "Habe mir vorgestern im Bad das Auge ausgestochen, bin mit der Schere ausgerutscht", schrieb ein Berliner Philosophieprofessor.

Und, bedrohlicher, Briefe von Weltberühmten: "Fuck off!", "Leck mich am Arsch!", "Blender!", "Möchtest dich wohl mit unseren Federn schmücken, kleiner Scheißer aus der Provinz!". Das kommt davon, wenn man Künstler einlädt und keine fürstlichen Honorare zahlen kann.

Dann Briefe, Postkarten und E-Mails von ehemaligen Studenten. Sehr oft bringen sie ihre Enttäuschung zum Ausdruck. Sie werden neuerdings vorsortiert, wandern in den Papierkorb, ungeöffnet, gewisse Mail-Adressen werden gesperrt. "Verräter!", "Vergewaltiger!", "Plagiator!" hat es da schon getönt. Eigentlich könntest du prozessieren, doch du läßt dich darauf nicht ein. Nur keinen Staub aufwirbeln, nur nicht ins Gerede kommen. Sie könnten sich ja auf einmal alle gegen dich zusammenschließen, und dann käme es vielleicht noch dick. Aber du warst schon immer hart im Nehmen. Ein harter Abservierer. Der ehemalige Boxer in dir, der Spieler in dir, der Hasardeur in dir, der Nihilist in dir, der Bourgeois in dir, das Metronom in dir, das in einemfort sagt: 'So nicht! So nicht!'

"Verkappt-schwuler Knicker, Knicker-Boxer!" hat dich einmal einer genannt. "Alter ranziger Knacker, alter Knackwurst-Kacker!" Das war sogar lustig. Aber so geht man nicht mit einem Spitzenbeamten um. 'So nicht! So nicht. Nein, so wirklich nicht. So schon gar nicht. So kommen sie mir nicht! So nicht.'

Am liebsten sind dir noch die Einladungen der Burschenschaften. Du hast dir einen Ruf als Liberaler, als Linksliberaler, als großer Toleranter aufgebaut, und dann das! Aber die Burschenschaftler sind das dankbarste Publikum. Denen kannst du noch etwas erzählen. Da gibt es manchmal noch treuherzige, verschreckte Augen, über einem zarten Ansatz von Bartflaum, in die kannst du hineingraben wie der Totengräber mit der Schaufel, und deinen Ekel vor den Frauen hineinträufeln. Denen kannst du einreden, die Nazis hätten seinerzeit einen "funktionierenden Sozialstaat" errichtet. Und sie heben die Biergläser und trinken dir zu. Du weißt selbst, daß das zum Kotzen ist, was du sagst. Aber du schätzt diese dumpfe Heimeligkeit, wo es endlich aus dir frei heraus sprechen kann. Wie Leute, wenn sie heillos übermüdet sind, sich gehen lassen und unbekümmert drauflos furzen. Da läßt du dann also deinen unbeschnittenen Nazi heraushängen.

Du steigerst dich hinein: "Zwei Drittel der Studenten gehören ausgeschieden, gehören an hartes Arbeiten gewöhnt. Die Frauen sollen zurück an den Herd oder in die 'öffentlichen Häuser'." Und ein ganzer Wald von klirrenden Biergläsern erhebt sich vor dir. Du schimpfst über die Juden. Du lästerst über Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek, nennst letztere eine "frigide Hexe". Die Anwesenden klopfen zustimmend auf den Holztisch.

Jetzt erlebst du von innen, wie der Nationalsozialismus entstanden ist. Es geht ganz einfach. Man wird ganz einfach Nazi, indem man sich gehen läßt. Der reichlich gespendete Beifall gibt einem ein sicheres Geleit. Man braucht nur mehr noch zu reden, zu schreien, stur dreinzublicken und auf den Beifall zu warten, der auch sogleich kommt. Nur mehr beifallgeleitet reden, gar nichts mehr denken. Es kommt von selbst. Es spricht von selbst. Nichts ist leichter, als den Leuten zu gefallen. Nichts ist leichter, als an die Macht zu kommen. Dabei bist du kein Nazi. "Ich und ein Nazi - das wäre ja noch das Schönere!"

Aber schon hältst du Vorlesungen, in denen du sagst: "Den Nationalsozialismus muß man differenzierter sehen. Der Nationalsozialismus hat auch seine positiven Seiten gehabt. Es ist nicht mehr möglich, der Bücherflut über diese Epoche zu steuern. Es erscheinen jedes Jahr hunderte überflüssige Bücher zum Thema Nazizeit." So sprichst du bereits und hast auch schon die Unvorsichtigkeit begangen, das in Gestalt eines von Dir verfaßten Skriptums zu verkaufen. Die Historiker schütteln über dich nur mehr ihre Köpfe. Andauernd bezeichnest du dich als "links", als "letzten Linken" und gerätst immer mehr in das rechte, ja rechtsradikale Fahrwasser.

19.

Jeder Teufelskreis wird mit einer fundamentalen Lieblosigkeit, mit einer unverständlichen Grausamkeit eröffnet.

Allein daß wir uns einlassen auf eine Diskussion mit der Barbarei, auch wenn wir im stillen uns schon vorentschieden haben gegen sie, zeigt eine Einbruchstelle an. Sie zeigt uns, daß das Fundament der Humanität brüchig geworden ist, daß Bodenlosigkeit an die Stelle jenes Fundaments getreten ist. Daß das selbstverständliche humane Fundament schon fehlt; und unsere Vorentscheidung gegen die Barbarei, die wir im stillen gefaßt haben, ist eine Restwärme von dieser schon wieder erloschenen Sonne evidenter Humanität, und ist verletzlich. Wird sie ausreichen, Widerstand zu leisten? Wird sie allein ausreichen, wenn erneut eine Zeit der Bedrängnis kommt?

Selbst die Besten und am meisten Gebildeten beginnen zu wanken, an sich zu zweifeln, an der Humanität zu zweifeln, nein: sogar an der Legitimität der Humanität zu zweifeln! So weit ist die Ideologie oder sind die Ideologien der Barbarei schon wieder vorgerückt und durchdringen uns, infiltrieren, okkupieren, lähmen, blockieren uns. Der Einflüsterer bedrängt uns, daß es das Böse nicht gäbe, ebenso, daß es die Wahrheit nicht gäbe.

Der Nationalsozialismus war ein Reich des Bösen. Wer für den Nationalsozialismus Verständnis schaffen möchte, legt erneut eine Grundlage für ihn, für seine Wiederkehr. Wieso behalten wir nicht fest an uns gedrückt das Erbe des antifaschistischen Widerstands als unaufgebbar, geradezu als Wahrheit ? Wieso lassen wir uns von imposanten Sophisten dieses Offensichtliche, keines Beweises mehr Bedürftige ausreden? Wieso geben wir Menschen, die wir als unangenehm empfinden, eine solche Macht über uns und lassen uns von ihnen unsere Freiheit nehmen? Uns von ihnen, den Gewissenlosen, ein böses, falsches Gewissen machen? Sieht hier nicht der bekennende Christ am deutlichsten, daß dämonische Mächte am Werk sind? Sieht er nicht am deutlichsten die Physiognomik der Barbarei? Und ist er nicht geradezu von der Bibel her ermächtigt, gegen die Barbarei aufs Ganze zu gehen, sein Leben zu riskieren, die Barbarei, so übermächtig sie auch ist, frontal und rundheraus anzugreifen, sie zu zwingen, ihre Karten aufzudecken, ihr wahres Gesicht zu zeigen?

20.

Kinder - auch aus sozial ähnlichen Verhältnissen - sind von früh auf recht verschieden; die Wahl eines Lebens, die Wahl der entscheidenden Vorlieben und Abneigungen wird sehr früh getroffen, hauptsächlich unbewußt. Oft ergreift man jenes Element, das in einer Familie noch nicht von einem anderen besetzt gewesen ist. Mit zwei wesentlich älteren Brüdern, von denen der eine ein begnadeter Geldverdiener ist, der andere ein mathematisches Genie, der auch in Physik und Chemie nicht unbeschlagen ist, mußte ich wohl die "weichen Wissenschaften" wählen oder gleich die Kunst. Und da wir keine Schwester hatten, mußte ich auch ein wenig die Züge von einem kleinen Schwesterlein mitannehmen. Der Vater, eng moralisch, zurückhaltend, ehrgeizlos, "pflichterfüllend", dabei zeichnerisch und malerisch begabt, eine Restauratoren-Natur mit konservativen Grundüberzeugungen, war auch nicht gerade ein Vorbild. Die Mutter immerhin reimte, auf freilich fast immer peinliche Weise, ein ewiger Kindmensch, durch die nationalsozialistische Schule gezogen, auch darin mit Ausnahme von Turnen, dem Hauptfach, wo sie die Schlechteste gewesen war, die Beste. Aber vielleicht bin ich doch dieser von mir so oft gehaßten Mutter noch am ähnlichsten, vor allem wenn sie einen Pelzmantel trug und wir zusammen im Schneeregen zu einer Ausstellung meiner Bilder gingen. Erst als ich mein Leben von der Wissenschaft zur Kunst umgruppiert hatte, verstand ich mich wieder einigermaßen mit den Eltern. Als Theologiestudent war ich unendlich schmerzhaft und ausweglos in Religionskriege mit meinem Vater verwickelt gewesen. Als Politikwissenschaften-Student in endlose politische Auseinandersetzungen. Als ich infolgedessen mich mit psychoanalytischer Literatur vollstopfte, ging es gar nicht mehr. Unser Zusammenleben war nur mehr noch Streit. Erst über die Künste gelang mir schlagartig eine Verbesserung der Beziehungen zu diesem Elternhaus. Ich hätte, wäre ich Kunstmaler geworden, wohl die großzügigsten und verständnisvollsten Eltern gehabt, die sich denken lassen. Ich hätte einen Venushügel nach dem anderen malen können oder eine Hellbrunner Allee aus hunderten Schwänzen, am Ende ein unbestimmt schimmerndes Licht, sie hätten keinen Einwand gegen dieses mein Treiben erhoben. Der Vater leiht sich ja sämtliche Kunst-Bildbände aus der Stadtbücherei aus und ist oft stundenlang in die Betrachtung dieser Bilder - auch der Modernsten - vertieft. Er liest nicht gerne, aber er liest in diesen Bildern. Sein Wille, zu harmonisieren, setzt hier am ehesten aus.

21.

Thomas Mann hingegen ist für ihn moralisch ein bedenklicher Typ. Auch die sublimierte Homosexualität ist für meinen Vater schon Makel genug. Ganz tief ist in die Elterngeneration immer noch die Nazizeit eingebrannt, sie hat die Wertungen von damals nicht wirklich korrigiert. Nur seine großen Romane entschuldigten einigermaßen die "Abartigkeit" Thomas Manns, so mein Vater. Mein Vater hat noch nie ein philosophisches Buch gelesen. Aber glücklicherweise hat er nicht geringere, populäre Autoren an die Stelle der großen Autoren gesetzt. Er liest nichts Triviales, im Gegensatz zur Mutter, die alles durcheinander wahllos verschlingt und keine ästhetischen Kriterien kennt.

22.

Würde mein Vater bei meiner Literatur etwas mitzureden haben, blieben nur mehr die allerbanalsten, farblosesten Passagen übrig. Die allerstärksten Stücke würden zuallererst von ihm wegretuschiert werden. Dabei war er einmal Deutschlehrer gewesen, wäre aber viel lieber Arzt geworden.

Goethes Sohn August hatte den schweren Fehler gemacht, seinen Vater als Vertrauten heranzuziehen, ihn als "Beichtiger" (so sahen Goethe-Vater-und-Sohn es selbst, so nannten sie es) in alles einzuweihen; er hatte ihm sogar seine Tagebücher ausgehändigt. So konnte aus dem Goethe-Sohn auch nichts werden! Der Sohn wurde verungültigt.

23.

Als Ingeborg Bachmann in Rom verbrannte (im Radio kam damals gerade die Meldung), waren meine Eltern am Mittagstisch sehr ernstgeworden. Ich war erst zehn. Anders als sonst war dieser Ernst. Ich war sogar in einem heimlichen Winkel meines Herzens glücklich darüber, daß es eine solche Form des Ernstes auch noch gab. Daß ein einsamer Mensch verbrennt, ist etwas durchaus Furchtbares. Das begriffen sogar meine Eltern sofort.

"In Rom" - ich wußte damals noch nicht einmal, wo Rom liegt, hatte nicht den geringsten Begriff von Rom. Als wir einige Jahre zuvor nach Italien gefahren waren, hatte ich im Zug fieberhaft den Anblick des Meeres erwartet. Ständig fragte ich, ob es wirklich wahr wäre, daß man da, so weit das Auge reicht, auf ein endloses Wasser blickt. Das Meer war das gänzlich Unausdenkbare. Wir standen im Gang des Zuges, die Fenster konnte man damals im Schnellzug noch herunterschieben. Der Koffer des Vaters war mit hellem Leinen bespannt, das mit schwarzen Druckknöpfen aus Metall befestigt wurde. Das Meer stellte sich als weniger aufregend als erwartet heraus. Schnell gewöhnte ich mich an seinen Anblick.

Der mittlere meiner Brüder, damals zwölf, hatte sich schon nach wenigen Tagen in einen viel jüngeren italienischen Knaben namens Manuel verliebt und weihte mich, den Sechsjährigen, in sein intensives Geheimnis ein. Der Vater trat sich eine Glasscherbe ein und mußte mindestens einen Kilometer auf einem Bein dahinhumpeln, bis er verarztet wurde. Ich sah aus allernächster Nähe meinen ersten Toten, einen fast zwei Meter großen Mann leptosomen Typs, der schon grünlich verfärbt war. Trotzdem versuchten die Leute ihn wiederzubeleben. Nach etwa einer halben Stunde warfen sie dunkelblaue Luftmatratzen über ihn, um den Toten zu verhüllen. In dieser Woche geschah auch die erste bemannte Mondlandung. Und abends im Schwarzweiß-Fernsehen sah ich meine ersten orientalischen Länder. Flambiertes Eis wurde dazu serviert. Eis konnte also brennen. Alles entgrenzte sich damals. Niemals war ich für äußere Eindrücke so durchlässig geworden wie damals. Der 'Geist der Utopie' durchdrang mich.

Die ersten Menschen hopsten am Mond herum. Die Leute saßen um ihre Fernseher wie um Lagerfeuer, manchmal Dutzende Leute in einem Raum, alt und jung. Es gab keine Vergangenheit mehr, alles war Präsenz, es gab nur mehr einen offenen Zukunfts-Horizont. Meine Eltern lebten von jeher, sie kamen tief aus dem Mittelalter, das in den Fernen schon an die Steinzeit grenzte. Erzählten sie vom Krieg, war das so weit weg wie das Mittelalter, hatte keine Verbindlichkeit für mich. Die Vergangenheit war abgetan; wir lebten in einer komplett anderen Zeit mit komplett anderer Musik und komplett anderen Autos.

Später war es nicht nur ein Schock für mich, von den Greueln des Faschismus zu hören, sondern auch, wie nah diese Schreckenszeit noch war, eben nicht im finsteren Mittelalter abgelegen. Lange bezog ich mein doch so optimistisches Lebensgefühl aus der Erfahrung der damaligen italienischen Entgrenzung. Ich selber nahm für einige Jahre ein italienisches Aussehen an, ich aktivierte vielleicht die Gene meiner italienischen Urgroßmutter, der ich als Kind sehr ähnlich sah und die als eine Freundin der Musen galt.

Vielleicht werde ich einmal statt in den hohen Norden nach Zentralanatolien verschlagen. Es muß ein neues Element in mein Leben treten, das mich gänzlich revolutioniert.

Meine zweite große Entgrenzung erlebte ich in Prag, kurz nach der Öffnung des "Eisernen Vorhangs". Mit Bernd Stadler im Schnee über die Karlsbrücke, die "Via dolorosa", die Vilém Flusser in seiner Autobiographie 'Bodenlos' beschrieben hatte, hinauf. Überall noch die Kerzen und Blumengebinde, Fahnen hingen aus den Häusern. Noch galten die Ostblock-Preise, binnen kurzem waren alle Läden abverkauft. Obwohl wir doch jeder nur zweitausend Schilling mithatten, konnten wir dank des Wechselkurs-Gefälles dieses Geld gar nicht ausgeben. Wir verteilten Geldscheine an Straßenkinder. Wir tafelten fürstlich in einem Lokal namens "Pelikan", der Kellner stand neben uns und schenkte Wein nach. Nur Bernd mit seinen langen blonden Haaren und ich.

Schwere Schneeflocken fielen herab; wir gingen in die seltsam holzverkleideten Läden mit der Aufschrift "KNIHA". Überall noch Ostblock-Bücher. Im "Klement-Gottwald-Museum" waren wir die einzigen Besucher; wir wußten nicht, daß das das Parteimuseum der eben entmachteten Kommunistischen Partei war. Livriertes Personal geleitete uns die Stufen hinauf, auf einem roten Teppich, mit goldenen Stangen befestigt, im letzten Stockwerk standen wir dann vor Schalen mit der Asche von Auschwitz, Treblinka und den anderen Vernichtungslagern. In einer Vitrine waren Maschinengewehre von Widerstandskämpfern ausgestellt. Ein Gefühl von Ehrfurcht überkam mich. Wenige Tage vorher hatte ich noch als Zivildiener in einer Lagerhalle hunderte zusammengerollte Bodenbeläge aufgestapelt. Hätte ich nicht lieber lernen sollen, wie man schießt?

Der kommunistische Staat befand sich in Auflösung. Die tschechoslowakischen Zollbeamten auf der Bahnstrecke, die über Summerau führt, funktionierten noch nach altem Muster. Wir wurden über eine Stunde perlustriert. Andere Österreicher im Zug, sie hatten sich schon bei Reiseantritt besoffen gemacht, sekkierten die ärmliche, magere tschechoslowakische Schaffnerin, nahmen ihr die sozialistische Eisenbahner-Mütze weg, warfen sie einander zu, setzten sie ihr wieder verkehrt auf den Kopf, griffen ihr in den Schritt, machten sich an ihrer Bluse zu schaffen, wollten sie umreißen. Sie schlug wie ein eingefangener Vogel flatternd um sich, sie errötete, schämte sich, hielt an sich, eilte mit ihrer eisernen, umständlichen Schaffnerinnen-Zange in den nächsten Waggon, die Tür hinter sich zurückschmeißend, ihren Bedrängern ins Gesicht. Man konnte sehen, was passiert, wenn ein Staat untergeht. Irgendwie hatte ich den Eindruck, daß diese Schaffnerin hochgebildet gewesen war.

Wie gastfreundlich empfingen uns die Leute, und wie pöbelhaft benahmen sich die österreichischen und deutschen Gäste, sie benahmen sich wie Invasoren, wie Marodeure! Dabei hatten sie ein mutiges, ein heiliges Volk vor sich, das gerade eine jahrzehntelange Diktatur mit gewaltlosen Massen-Aktionen abgeschüttelt hatte. Die jungen Tschechoslowaken waren viel gebildeter als wir, sprachen oft gleich mehrere Fremdsprachen, auch Deutsch, fließend. Der Frühstückstisch in der Jugendherberge war ausgesprochen reichhaltig, es gab alles, man konnte sich nachschenken und nachlegen, soviel man wollte. Das Essen war immer besonders gut, die Portionen immer großzügig, ganz gleich, wo wir hinkamen. Die älteren Kellner von einer inzwischen fast ausgestorbenen, altösterreichischen Zuvorkommenheit.

Bei der Rückreise hatten wir uns, des Tschechischen nicht mächtig, in den falschen Zug gesetzt. Es war schon finster, es hatte draußen minus 15 Grad. Ich las in einem Buch: 'Die Götter dürsten' von Anatole France, ließ mich nicht aus der Ruhe bringen, blickte schelmisch den gegenübersitzenden Bernd an, der in Anbetracht des ungewissen Ausgangs unseres Abenteuers immer betretener wurde. Wir fuhren bis zur Endstation. In dem kleinen Bahnhof am Ende der Strecke erkundigten wir uns, wo es jetzt nach Österreich ginge. Die Bahnhofsvorständin war gerade dabei, den Kanonenofen zu löschen. Sie trat mit uns vor die Tür und wies mit der Hand in die schneestarrende Dunkelheit hinaus, machte weite Bewegungen, wie um uns anzudeuten, daß es ein ganz schönes Stück weit zu marschieren sei.

Der kalte Wind blies uns heftig ins Gesicht, wehte uns fast um, verschlug uns den Atem. Bernd hatte in Budweis Zeichenbögen gekauft, die ihm der orkanhafte Wind aus der Hand blies, wir rannten unbeholfen rutschend über vereistes Gelände diesen davonfliegenden Papierrollen nach. Einmal umarmten wir uns in unseren Anoraks wie zwei Südpol-Überquerer in dieser klirrend kalten Schneelandschaft und drückten einander fest, klopften einander mit grotesken Armbewegungen warm (es wollte nicht gelingen, unsere Finger waren schon gefroren, Bernd nannte mich zu dieser Zeit "Känguruh", ich ihn "Karibu"), rissen Witze voller Galgenhumor. Eine Truppe tschechoslowakischerr Grenzsoldaten marschierte an uns vorbei, ohne uns zu behelligen. Früher als erwartet gelangten wir zur Autobahn und fuhren per Autostop über kurvenreiche Straßen nach Österreich zurück. Am Linzer Hauptbahnhof aßen wir Ochsenschlepp-Suppe, erfreut darüber, nicht in den Weiten des Ostens erfroren zu sein.

24.

Es stellte sich heraus, daß nur die ersten Seiten unseres Lebensbuches gleichsam verklebt waren, daß dahinter aber schon die zehntausenden anderen Seiten beginnen, die sich relativ leicht weiterblättern lassen, sobald man die anfänglichen schweren, verpappten hinter sich gelassen hat.

25.

In Berlin-Treptow lebte ich einmal vier Monate ohne Mobiliar, als einziger Bewohner eines Altbaus. Es war eine deprimierende, düstere Wohnhölle (ein "Dienstbotenzimmer", sagte Lenzmann); am Fußboden liegend, blickte ich auf einen schwarz lackierten versperrten Schrank, zu dem es keinen Schlüssel gab. Was nach den vier Monaten sein würde, wußte ich nicht. Tagelang ging ich im Treptower Park (beim Sowjetischen Ehrenmal) und im anschließenden Plänterwald spazieren. Und doch entstanden damals einige meiner allerbesten Texte. Heute lache ich nur über die damalige unbequeme Lage. Ich versetze mich gerne in Gedanken in diese Notlage zurück. In einem Kübel, in dem eine Wassermelone verfaulte, sammelten sich hunderte Fliegen. Ich legte ein Brett darüber. Ich schlief am Fußboden. Schmerzlich war immer nur die Morgensonne gewesen, wie sie hereinstach und mein Elend anstrahlte. Der weißlackierte Küchenboden. Die vielen Spinnweben. Der Schmutz in den Ritzen. Wie niederschlagend dies alles schon und am meisten beim Aufwachen!

Ich führte stundenlange Selbstgespräche, schreiend, ich schrie theatralisch den Greif an, sprach mit den Wänden, warf mit Gegenständen, boxte mit der Luft, betrank mich. Die Wohnung verwandelte sich mir in eine Bühne. Oft auch war es zum Lachen. Es entstanden: fünf Erzählungen (darunter 'Namensvetternschaft', 'Eclats'), mein Vortrag über 'Die Tage der Commune' von Brecht, Fragmente eines Theaterstücks, ein Tagebuch ('Treptower Brocken'). Ich fühlte mich durch und durch als Kommunist, als Marxist-Leninist, als Rächer der DDR.

Hatte kein Telefon, war gänzlich isoliert. Kein Radio, kein Recorder, kein CD-Player, kein Fernsehen, kein Kühlschrank, keine Waschmaschine, kein Klodeckel, zuletzt auch keine Abwasch mehr (die Vermieter brauchten sie selber und montierten sie vor meinen Augen ab), keine Badewanne, die Dusche defekt. Nur ich und ein lackierter Holzboden, und kistenweise Bücher, staubige. Mein Leben mit 35. Genau zu dieser Zeit strahlte der ORF zum ersten Mal einen Text von mir aus, den man in ganz Österreich hören konnte. Die Honorarnote bekam ich nach Treptow übersandt. Ich pinnte sie an die Wand. "Ich existiere ja. Es gibt mich ja sogar ganz offiziell. Mein Name steht im Rundfunkprogramm in allen österreichischen Tageszeitungen."

Die Wohnung in Treptow wäre gut zum Mich-Aufhängen gewesen, aber kein einziges Mal kam mir dieser Gedanke. Ich hätte dort noch Monate unbemerkt hängen und verwesen können. Die Fliegen hätten sich gefreut.

Beim Verfassen meines 'Commune'-Vortrags - ich sollte ihn dann eine Woche später in Salzburg anläßlich eines Festspiel-Symposions halten, den Anzug borgte ich vom Vater - blickte ich nachdenklich zu Boden und sah neben meinem rechten Fuß einen großen nacktschneckenbraunen Kakerlak unerhört frech sich anschmiegen, ich zertrat ihn. Habe aber in Sachen Männlichkeit deshalb nicht gepunktet.

Fast feierlich stimmt mich der Gedanke, wie es gewesen wäre, den Winter dort zu verbringen. Wenn es wirklich kalt geworden wäre und ich im Pelz dagesessen wäre wie ein Russe in der Einöde. Vielleicht hätte ich einen alten Plattenspieler und zwei Boxen gekauft und hätte mein Schaljapin-Album gehört. Zehn oder zwölf Platten Fjodor I. Schaljapin.

Mit dem Nachbarn des Nebenhauses, einem rotgesichtigen dicken Rentner mit weißer rachitischer Katze, unterhielt ich mich über Berufe. Er war einige Jahrzehnte auf der Binnenschiffahrt beschäftigt gewesen. Sogleich wollte ich in dem heruntergekommenen Plattenbau auf der Treptow gegenüberliegenden Halbinsel Alt-Stralau, in dem das Büro der Binnenschiffahrt untergebracht war, vorsprechen, ob sie mich als Schaufler auf einem Schleppkahn einsetzen würden, doch an diesem Nachmittag war das Büro schon geschlossen. Wenige Tage darauf war mein Nachbar von einem Gehirnschlag ereilt worden. Die Katze schlich weiterhin herum, ich streute Futter hin. Das Vorsprechen ließ ich einstweilen bleiben.

Als es mich später wieder zu diesem Ort hindrängte, war der Plattenbau samt Büro der Binnenschiffahrt schon gesprengt worden.

26.

Bis heute macht es mir gelegentlich Spaß, in einer Geschichte der Päpste zu lesen und dazu Leibnizkeks zu essen. Ich bin jemand, der von seinen Gewohnheiten nicht mehr abzubringen ist.

Am liebsten hätte ich eine mäßig heruntergekommene Villa mit einem verwilderten Garten und ließe dort irgendwelche Leute kampieren, hätte zehntausende Bücher und Geld genug, meine zahlreichen Gäste zu bewirten. Ich habe es gerne gemütlich und mache es auch anderen gerne gemütlich. Ich fordere die Leute nicht. Diese Geste des persönlichen Forderns ist mir fremd. Lieber mache ich alles alleine, als daß ich fordern würde. Die Menschen wissen selber ziemlich genau und immer besser, was sie wollen, was sie suchen, sie hätten den richtigen Drall ohnedies in sich, jeder Tapir sucht die ihm schmackhaften Blätter.

27.

Daß man lerne, einander nicht zu nahe zu kommen. Daß man lerne, Abstände zu ertragen, sowohl räumliche als auch zeitliche, weniger hierarchische. Daß man nicht verunsichert reagiere, weil ein anderer ganz langsam auf einen reagiert, aus welchem Grund auch immer, aus vielleicht gar keinem Grund, nur weil du so schnell bist, und wenn es nicht ruck-zuck geht, gleich irritiert bist, dich nicht ernstgenommen fühlst. Es gab in deiner Familie keine Langsamkeit, keine Bedächtigkeit, alles gehetzt seit zwei, drei Generationen. Wie aus der Pistole geschossen mußte geantwortet werden. Sonst sogleich der Verdacht, den der andere in seiner Verunsicherung gegen dich ausheckt, weil er die Verunsicherung, auf dich warten zu müssen, angesichts deiner, der du ja da bist, sichtbar für ihn, nicht erträgt. Er braucht sofort die Bestätigung, augenblicklich; je länger die unbeantwortete Weile zwischen euch dauert, desto mehr fühlt er sich untergraben, auf eine schiefe Ebene gesetzt, fürchtet zu rutschen. Der Autoritäre. Es ist antiautoritär, ihn vor deinen Augen warten zu lassen, schon macht er sich zum Kasper.

Solche Gedanken wie den vorigen aufzuschreiben, ist vollkommen neu für mich, ist Neuland meines Denkens, tastende Erkundung. Womöglich sind Gedanken dieser Art viel wertvoller als alle anderen, narzißtischen.

28.

Auch ein anderes Buch habe ich wieder aufgeschlagen: Das 'Metaphysische Tagebuch' von Gabriel Marcel, eigentlich ein Klassiker der Dialogphilosophie.

Das einzige, was ich gegen diese geistigen Christen einzuwenden habe, ist lediglich, daß es kaum Argumente für die Existenz des christlichen Gottes gibt. Ich gehöre nicht zu jenen, die da triumphierend sagen: "Es ist kein Gott", sondern zu jenen, die bedauern, daß kaum etwas für seine Möglichkeit spricht. Die Binnenwärme, die die Kirchen mitunter produzieren, das feine Gefühl für Humanes und Inhumanes, die innere Sammlung im Gebet, die gelebte Ethik, die gegen die Politik und gegen den Kapitalismus erhobenen Anklagen finden meine Zustimmung, nur geht das alles zu wenig weit. Aber ich würde bedauern, wenn es diese Stimmen nicht mehr gäbe, wenn sie endgültig verstummten. Es würde bedeuten, daß noch eine weitere mögliche Lebensquelle versiegt.

29.

Gibt es nicht Pfarrer bzw. Pastoren, die die einzigen Ungläubigen in ihrer Herde sind?

Du glaubst dich, beim Pfarrer beliebt machen zu können, indem du deinen Glauben heuchelst. Weit gefehlt!

Die ganze abendländische Theologie einfach wegzukippen, weil Gott nicht existiert oder weil es die 'Kriminalgeschichte des Christentums' (Karlheinz Deschner) gegeben hat oder weil es halt überhaupt so viele verschiedene Religionen auf der Welt gibt, gelingt nicht nur mir nicht, sondern gelingt überhaupt nicht.

So kommt es, daß zwar Gott tot ist, aber dennoch die Opferaltäre rauchen. Wäre es nicht schöner, es wäre das Umgekehrte der Fall: es würde Gott geben und dafür keine Opferaltäre mehr - oder nur mehr ganz zarte, ironische Formen des Opfers, die sogar wie Geschenke an sich selbst wirkten?

Es ist doch sehr merkwürdig, daß die, die Gott getötet haben, weiterhin opfern wollen - andere. Ja, daß sie ingrimmige Anhänger des Menschenopfers sind.

Die Bemühungen der avanciertesten, vornehmlich protestantischen Theologie des 20. Jahrhunderts zeichnen sich durch das Ernstnehmen des Menschen aus, vor allem auch des nicht (mehr) glauben könnenden Menschen - und zwar nicht als Vorstufe zu einer Proselytenmacherei. Man hat den Eindruck, daß die Größten dieser Theologen selber nicht mehr "Gläubige" gewesen waren, sondern allenfalls Suchende, daß sie alles vermieden, um andere Menschen durch Gewaltsamkeiten, das Heilige betreffend, vor den Kopf zu stoßen.

Demgegenüber stößt das "Heilige" von Georges Bataille vor den Kopf; es ist ein heidnisches Heiliges, das noch Menschenopfer kennt. In Bataille erblicke ich ebenso wie in Spengler, Pareto, Carl Schmitt, René Girard oder auch streckenweise Baudrillard einen Vertreter des "groben" Denkens, eines maskulinistischen, gewaltverherrlichenden, tendenziell barbarischen Denkens.

Ich hasse intellektuelle Grobiane mit gesellschaftlicher Durchschlagskraft.

Sie glaubten, Religion und Theologie und "finsteres Mittelalter", ja auch Bürgerzeit, Romantik und Sozialismus hinweggekippt zu haben, und kehrten in Wahrheit zu den alten stumpfsinnigen Opfersteinen der Vorzeit zurück. Die Bataillesche Philosophie ist eine beinahe zur Gänze unerträgliche. Bataille ist so etwas wie ein total vergröberter Nietzsche. Eine simple Rationalisierung machistischen Vergewaltigens.

Sowohl beim Militär als auch im philosophischen Seminar: Zuerst treiben sie dir das schöne Tier aus, dann ziehen sie den Bluthund aus ihrem Trickster-Ärmel und stecken ihn dir spottend als deine neue Identität in den Kragen, ob es dir paßt oder nicht.

Mir liegt das Opfern viel mehr im Magen als Gott. Das Menschenopfer ist das Hauptärgernis, danach, doch mit ihm verwandt, der Despotismus in der Religion. Die Existenz Gottes wäre für mich kein Ärgernis, es sei denn, sie gründete in Despotismus und Opferei. Für mich ist es keine Frohbotschaft, von Hegel oder später von Nietzsche zu hören, daß Gott "tot" sei.

Und was machte man aus jenem Satz "Gott ist tot"? Er wurde umgedreht und ins Thantoide gewendet: "Der Tod ist Gott. Fortan ist der Tod unser Gott." Das wurde in der Bibel schon vorausgesehen.

30.

Wir wachen auf, wir atmen, die Morgensonne fällt herein, der Magen knurrt, und wir haben die Wahrheit nicht und werden sie niemals haben. Man kann zwar versuchen, nur mehr solche Sätze zu sprechen und zu schreiben, die als "wissenschaftlich" durchgehen können (bei grundsätzlicher Falsifizierbarkeit), und uns aller sonstigen Sätze enthalten, bis in unser Alltagsleben hinein, aber wie ich jetzt mit dem Brotmesser ums Eck in die Küche laufe, um dann zu bemerken, daß kein Brot mehr da ist, will ich wenigstens den Betel der Metapher kauen, statt auf der dürren Heide der wahren Halme mit leerem Magen sitzenzubleiben, als vereinsamter Nomade, dem sein Pferd gestohlen worden ist, mit dem er sonst über die Ebenen flog, daß ihm die Kinder vor den Jurten nachblickten. "Wissenschaft als Lebensform" - nein danke.

31.

Auf die Frage, wer der Deutsche schlechthin sei, in der ganzen Geschichte, würde ich sogleich antworten: "Luther", aber ich weiß eigentlich noch gar nicht genau warum. Diese Antwort hätte ich immer schon, seit Schülerzeiten schon, gegeben.

Und wenn ich die Städte sehe, in denen der deutsche Protestantismus zuallererst aufblühte, dann fühle ich mich mit einem Ruck belebt.

32.

Allein schon das Wort "protestantisch" ist großartig. Ich möchte durch und durch - auch in politicis - protestantisch sein.

33.

Der Schritt zum Subjektiven, zum Ernstnehmen des subjektiven Menschen, zum In-Anspruch-Nehmen dieses subjektiven Menschen gegen jede Macht.

Und daß der befangen machende Aberglauben größtenteils weggeschnitten wurde. Der Katholizismus ist ja immer noch durch und durch abergläubisch, vom Aberglauben, vom Glauben-Müssen verschmutzt.

34.

Wenn ich oben sagte, der Protestantismus hätte dem Subjekt zu seinem Recht verholfen, dann stimmt das nur bedingt. Karl Barth etwa läßt das Subjekt beiseite, für ihn zählt offenbar nur Gott und sein geoffenbartes Wort.

35.

Auch der von mir geliebte Ludwig Hohl war Pastorensohn, wollte aber von seiner allzu beengten Kindheit lieber gar nicht reden.

36.

Schleiermacher prägte ja das komische Wort von der "schlechthinnigen Abhängigkeit" des Menschen von Gott, und nun können wir geradezu vergnügt verfolgen, wie dieses eigentlich unmögliche Wort "schlechthinnig" seine Karriere durch das spätere protestantische Lehren und Predigen antritt. Man könnte diese theologischen Prediger direkt die "Herren Schlechthinnig" nennen, den "Herren Unbedingt" und den "Herren An-und-für-Sich" (meine ungebildete Oma sagte immer nur "An-und-Pfirsich") und den milderen "Damen In-gewisser-Weise" zugesellt. Aber Gott wird durch Worte - und insbesondere groß von sich hermachende Worte - nicht realer. Ein enthusiasmiertes, "gott-trunkenes" Predigen beweist ihn nicht.

Theologie wird ja häufig übersetzt als "Reden von Gott". Und da haben wir das Hauptproblem: daß geredet wird und nichts als geredet. Worte, Worte, Worte, nichts als Worte. Verkünder und Hörer des Worts. Theologien sind nichts als Sprachereignisse, die den Mund zu voll nehmen, die eine riesige Gefräßigkeit an den Tag legen. Sie glühen begeistert auf in jenem Backofen der Ansteckung durch das Wort. Aber das ist freilich kein Gottesbeweis. Die "Pfingstzungen" der Theologien beweisen nicht den "Heiligen Geist", sondern nur das Bedürfnis zu sprechen und immerfort zu sprechen, die ganze Welt durch dieses begeisterte Sprechen gleichsam fluten zu wollen. Sie predigen ja schon so, daß man sich wundert, daß ihnen nicht sogleich ihre Hüte davonfliegen.

37.

Große Spielwerke wie die Orgeln, wie die Kirchen überhaupt. Die Kirchen sind Gesamtkunstwerke, die vielfältiger Sammlung dienen, sogar ganz banal auch der Sammlung des Opfergeldes.

Johann Sebastian Bach hatte - sofern ich mich nicht verzählt habe - siebzehn Kinder von zwei Ehefrauen. "Seid fruchtbar und mehret euch!" - das gilt für sein eigenes musikalisches Schaffen, das gilt ebenso für die Flutung durch das Wort der Theologen.

Eigentümlich, daß es immer die Dichter sind, die von der Gefahr des Verstummens bedroht sind, die vom Verstummen ereilt werden, und nicht die Theologen, denen bis an die harte Kante ihres Todes die Sprache nicht ausgeht. Sie verfügen über offenbar gewaltige Tintenpatronen, oder - wie Georg Christoph Lichtenberg spöttisch anmerkte - über mächtige "Testikel".

38.

Man ist nicht deshalb human, weil man sich - wie die Kommunisten z.B. - zu einem strikten Humanismus bekennt !

39.

Von einem bekannten sozialistischen Humanisten in der DDR wurde kolportiert, er ließ die Menschen "über die Klinge springen". Er, der so fugenlos schöne Bücher geschrieben hatte, mit großer Gedankentiefe, feinem Gefühl, humanem Takt, der sich in der Bahn des Fortschritts wußte, ganz genaue Begriffe von Aufklärung und Gegenaufklärung hatte, also dem ein prominentes Wächteramt zukam, soll sich in seiner Amtsführung wie ein regelrechter Teufel benommen haben. Charakteristisch war immer das betont herzliche Vorstellungsgespräch bei ihm gewesen - da tat sich die Falle auf, und später sollte sie zuschnappen. Es war aber auch nicht so, daß er Abweichungen von der "reinen Lehre" abstrafte, daß sein Terror kalkulierbar gewesen wäre, sondern ganz unberechenbar sei dieser Mensch gewesen. Unergründlich. War sein Humanismus nur Fassade? Oder war er ein schrankenloser Karrierist? Oder ist es doch die menschliche Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit, die sich da bemerkbar machte?

Es ist ja nichts so schön geordnet wie dieser sogenannte Marxismus-Leninismus. Aber wie erklärt sich dieser ungemeine Terror? Auch aus dieser schönen Ordnung heraus? Man liest Marx, Engels, Franz Mehring, Rosa Luxemburg, Gramsci - wo wären darin die Abgründe des 'Archipel Gulag' zu entdecken?

Wie ist es möglich, daß andererseits im Westen ein Mann, der bei Adorno und Habermas in die Schule gegangen ist, alles um sich niedertrampelt und beirrt?

Und wiederum haben wir auf der Rechten wieder Figuren, die auch historisches Unheil anrichteten, die aber auf der menschlichen Ebene als ausgesprochen fair und sensibel, als verläßlich beschrieben werden. Hier paßt einiges nicht zusammen.

Es wäre möglich, daß eine gewisse Art klingenscharfer Intelligenz aufspaltend wirkt, daß bei den terroristischen, willkürlichen Linksintellektuellen einfach die Emotionen abgespalten wurden und ein Eigenleben angenommen haben. Ich halte die Rechten (Konservativen) für grundsätzlich weniger intelligent. Sie haben irgendetwas emotional Besetztes, das ist ihnen Heimat und Grund, Heim und Herd, das beschützen sie, aus dem glauben sie wenigstens zu leben. Und weil sie das Gefühl dieser Einbettung, dieser Geborgenheit haben, sind ihnen im persönlichen Umgang manchmal humanere Züge eigen. Während der reine Intellekt, der in nichts gründet als in seinem Scharfsinn, etwas von einer zirkelnden Klinge hat, die alles schlitzt, was sich ihr nähert. Allein auch die Bruderkämpfe zwischen den einzelnen Sozialismen! Dieses Ans-Messer-Liefern der anderen Kampfgefährten, z.B. das Anarchisten-Abschlachten im Spanischen Bürgerkrieg. Irgendetwas an diesem ganzen Betrieb ist zutiefst nihilistisch.

Das Wort "Intelligenz-Bestie" weist auf etwas hin.

40.

Auf meinem stundenlangen Fußmarsch durch halb Berlin sagte ich noch zu mir, man müsse das Individuum so ernstnehmen wie noch nie in der Geschichte, ich stieg gerade auf den sogenannten "Trümmerberg" ("Mont Klamott" genannt, errichtet aus den Trümmern und dem Schutt der zerbombten Häuser), oben saß ein Liebespaar, rundum die Hochhäuser, ein friedliches Bild, wilde Pflanzen, Steppenhaftigkeit, nur ich marschierte in der Hitze wie ein friedloser Geist mit dem Satz herum, daß man das Individuum, das Subjekt so ernstnehmen müsse wie noch nie in der Geschichte, in der einen Hand die Zigarette, in der andern die Bierdose, und ich stampfte unverdrossen aufwärts wie eine Bergbahn, zu diesem Liebespaar hinauf: ein großer Asiate, eine ganz zierliche vermutlich Einheimische, und sie saßen händchenhaltend da, er hielt einen ihrer Finger, streichelte ihn, während dann am Abend in der U-Bahn wieder ein anderes Paar mir gegenübersaß, ein Mann in schwarzer Lederjacke ganz verzweifelt, wie eben aus der Haft entlassen, der seine Hand in die Hand seiner Freundin bettete, und noch immer nicht war jener abstrakte Satz in mir zum Schweigen gebracht, daß man das Individuum so ernstnehmen müsse wie noch nie zuvor in der Geschichte.

41.

Für Kinder sind Erwachsene Riesen.

42.

Hitler nahm ja so oft den "Allmächtigen" in seinen Schreiereien und in seinem "nüchternen" Lügen-Stakkato für sich und die "Bewegung" in Anspruch. Es sind perverse religiöse Reden, teuflische Predigten, die ohne die Vorarbeit der Theologen nicht denkbar gewesen wären. Genau diese Theo-logie vom "Allmächtigen", der auf seiten des "Dritten Reiches" stünde, hatte Haecker gemeint, als er von der "deutschen Herrgottreligion" sprach und als Christ sich dagegen zur Wehr setzte. Und auch der Allah der islamischen Fundamentalisten ist heutzutage ein solcher "Herrgott".

Und Hitler war sogar Erbsünden-Theologe. Als "Erbsünde" bezeichnete er die im NS-Jargon so genannte "Rassenschande", also sexuelle Beziehungen zwischen "Ariern" und "Nicht-Ariern".

Auch für Schopenhauer - zwar kein Nazi natürlich - war der sogenannte "Generationsakt" (der Zeugungsakt) die eigentliche "Erbsünde", "Erbschuld", weil damit das Leiden in einer neuerlichen Menschen-Existenz seinen Fortgang nähme.

Die Theologie ist voll mit solchen Abscheulichkeiten.

43.

Besonders gefällt mir der Satz, der "moderne Mensch" verstünde sich "als ein einheitliches, in sich geschlossenes Wesen, das sich selbst sein Denken, Wollen und Empfinden zuschreibt". Wäre dem doch so! Dieser "moderne Mensch" Bultmanns scheint mir schon lange wieder ein Stück Vergangenheit zu sein, ich sehe ihn durch eine nostalgisch beschlagene Hippie-Brille, die auch wiederum aus dem Trödel stammt. Nein, die Leute verwahrlosen in intellektueller Hinsicht massenhaft, während sie äußerlich in Business-Anzügen oder Markenklamotten rumlaufen. Sie legen kaum Wert darauf, dem Bild des "modernen Menschen" Bultmanns ähnlich zu sehen.

44.

Luther glaubte an das Wort wie an eine Wunderwaffe. Er machte keinen Unterschied zwischen dem Wort der Bibel und dem Logos, der die Welt erschaffen hat, ja er selber hatte predigend an dieser göttlichen Wortmacht teil, war von ihr erfüllt.

"Siehe mein Tun an", triumphiert Luther. "Habe ich nicht dem Papst, Bischöfen, Pfaffen und Mönchen allein mit dem Mund ohne allen Schwertschlag mehr Abbruch getan, als ihm bisher alle Kaiser und Könige und Fürsten mit all ihrer Gewalt Abbruch getan haben?"

"Ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst hab ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philippus und Amsdorf getrunken habe, also viel getan, daß das Papsttum so schwach geworden ist, daß ihm noch nie kein Fürst noch Kaiser so viel Abbruch getan hat. Ich hab nichts getan, das Wort hat alles getan und ausgerichtet."

Luther tötet auch mit dem Wort - zwar nur den "Antichrist", aber immerhin: "Denn mit Worten muß man ihn zuvor töten, der Mund Christi muß es tun, damit wird er aus der Menschen Herzen gerissen und seine Lügen erkannt und verachtet. Wenn er aber aus den Herzen [heraus] ist, daß sein Ding nicht mehr gilt, so ist er schon zerstört."

Und das wollen die hohen Herren gar nicht gern, daß man ihnen mit primitiven Mitteln in die Speichen ihrer teuren Räder fahre!

Der polnische Gewerkschaftsführer Walesa muß ein ähnliches Gefühl wie Luther damals gehabt haben, als sich die Streikbewegung der Danziger "Lenin-Werft" zu einer landesweiten Massenbewegung ausgestaltete. Wenn plötzlich "das Wort" - und noch dazu eines Einfachen - die ganze bisherige - gefürchtete, komplizierte - Realität einreißt und über den Haufen wirft, ohne sich an irgendeine Spielregel zu halten.

Gewisse Politik-Theoretiker finden es irgendwie "unehrenhaft", wenn nicht mehr durch klassische Schlachten, sondern durch den Druck der Massen oder - wie sie sagen - der "Straße" Entscheidungen herbeigeführt werden.

Ein Intellektueller müßte andererseits ja glücklich sein, wenn er davon hört, daß das bloße Wort gegen die anderen waffenstarrenden Mächte zu triumphieren vermöchte. Aber nicht wenige Intellektuelle sind Götzen-Anbeter der Macht, Diener der Mächtigen, teilen deren Wertauffassungen.

Sie fürchten - zu Recht -, daß z.B. jedes Niederzwingen eines Krieges durch die Massen dem Krieg selber Schaden zufügt, der Idee des Krieges selbst, ja daß sich klassische Politik, von Eliten betrieben, nicht mehr so fortführen ließe, wenn andauernd die Prediger und die gewaltlos und unschuldig bleiben wollenden "Herden" dazwischentreten wollten. Sie fürchten, daß es überhaupt keine Politik wie früher mehr geben könnte und auch nicht mehr ihre "Fortsetzung mit anderen Mitteln". Sie fürchten, daß eine antimilitaristische und gewaltablehnende Massenbewegung ihnen ihren Herren-Kitzel nimmt, daß also eines Tages Massen entstehen könnten, die sich nicht mehr zur Schlachtbank treiben ließen. Ihr aristokratischer Sinn wird von solchem sogenannten "Pöbelaufstand" zutiefst verletzt und aufgestört.

Ähnliches gilt für antikapitalistische Massenbewegungen.

45.

Was ich bei der Vertiefung in die theologischen Sachen merke, ist, daß sie mich noch mehr vereinsamen, daß sie mich isolieren. Daß sie mich sogar schon auf meinen Spaziergängen isolieren.

Ich glaube ja nicht an Gott. Habe ich je an ihn geglaubt?

Ich bin zahllose Stunden meines Lebens gedankenverloren mit gefalteten Händen in Kirchen gestanden oder habe dort gekniet, aber geglaubt?

Und jetzt habe ich da diese theologische Innerlichkeit wie etwa Kierkegaard in mir aufgeköchelt und "warte auf Gott", also auf nichts.

Wilfried Daim meint, die "Fixierungen" seien das Problem. Aber wenn er Christ ist, müßte ihm doch sogleich bewußt werden, daß es im Christentum um das Kruzi-fix geht, das also das Christentum einen Gründer im Mittelpunkt hat, der selber fixiert worden ist und dessen Abbilder - die Kreuze - überall, in Kirchen, auf Friedhöfen, in Sterbezimmern und Zimmern mit heruntergefahrenem Leben herumstehen. In der ersten Zeit des Christentums erwies sich das Kruzifix als Symbol gar nicht durchsetzbar, man begnügte sich mit dem "guten Hirten". Wieso ist die Christus-Bildnerei in diesem Kruzifix zum Stillstand gekommen? Auch dahinter steckt wieder eine einseitige Theologie. Wir könnten freilich auch eine andere Theologie - die vom "guten Hirten" - entwerfen, und die hat es übrigens auch schon gegeben, in der das Kreuz als jenes Verbrechen erscheint, das Jesus von außen zugefügt wurde. Und danach auch noch von innen, als man die Geschichte dahingehend umfälschte, Jesus hätte seinen "letzten Sinn" im Gekreuzigtwerden, im Opfertod gehabt, der Opfertod sei das christologische Zentrum. Andere haben ja gesagt, Gott selbst ist gekreuzigt worden, das heißt, der allmächtige Gott ist Mensch geworden und hat auf seine Allmacht verzichten gelernt.

Die Theologie kann hier wie überall andauernd Gewichte verschieben und neu verteilen, und es sind keine geringfügigen Veränderungen im Glauben, die so erfolgen. Es sind jeweils ganz verschiedene Religionen. Die Religion eines Karl Barth ist eine ganz andere als die eines Rudolf Bultmann usw.

So viele Theologen, so viele eigenständige Religionen. Fundamentale Differenzen zeigen sich. Theologie der Befreiung ist etwas ganz anderes als Kierkegaardsche Innerlichkeit, das Inbild des "guten Hirten" ein ganz anderes als die Standard-Kruzifixe, die Kriegstheologen sind ganz anders gestrickt als die Versöhnungstheologen, Gnadentheologen ganz anders als Leistungstheologen, Schöpfungstheologen anders als weltentsagende Theologen usw. Nur recht gewaltsam kann man diese Theologien noch unter einen Hut bringen.

Und dabei ist das Ganze als solches strittig. Und wird vor allem kaum mehr erlebt. Die Theologen sind Halter ihres jeweiligen Markenartikels, Marktanteils. Sie müssen doch zu dem Punkt gelangen - der eine früher, der andere später -, wo sie vor ihrer eigenen Theologie wie vor einem Nichts, einer Nichtigkeit, einem eitlen Unterfangen stehen. Und daraufhin nun zu sagen: "Gott ist eben größer als all dieses", ist doch eine Floskel.

Allein von 1979 bis 1985 habe ich viele hundert Stunden in Gottesdiensten versessen oder besser: bin dort gestanden, ich bin immer gestanden, das fällt mir gerade dazu ein. Habe mich auch niedergekniet, mich bekreuzigt u.dgl. - an den entsprechenden Stellen der Liturgie -, aber gesessen bin ich kein einziges Mal, die ganzen sieben Jahre nicht.

Und wenn ich diese Stunden zusammennehme, ergibt sich spielend ein ganzes Jahr, wo ich täglich einen Gottesdienst besucht habe. Ich ging ja manchmal sowohl am Samstag als auch am Sonntag in die Kirche, die Feiertage sind noch gar nicht mitgerechnet. Wenn ein Katholik 80 Jahre alt wird und regelmäßig die Messe besucht hat, wie es ihm vorgeschrieben ist, würde er in Summe gut auf zehn Jahre kommen, wo er täglich an einem Gottesdienst teilgenommen hätte. Das ist eine geradezu unwahrscheinliche Zumutung.

Wenn ich mich zurückerinnere, ist ganz wenig davon in meinem Gedächtnis haften geblieben. Ich muß wohl die ganze Zeit über ver-standen haben, gedankenlos, habe gewisse Verliebtheiten in mir gepflegt, die Schule zu vergessen versucht; es war schöner, so in der kühlen Kirche zu stehen, statt Hausaufgaben zu machen. Außerdem traf ich mich danach mit anderen Jugendlichen.

Was mir auch im nachhinein jetzt auffällt, ist, daß ich immer etwa eine Minute zu spät gekommen bin. Oder ganz genau in dem Moment die Kirche betreten habe, als der Glockenzug der Sakristei betätigt wurde. Ich hatte das zeitlich immer so eingerichtet. Ich wollte vor der Messe niemanden treffen, danach schon, ausgiebig. Alles dies geschah unbewußt, unvorsätzlich. Ich stand immer links hinten, nicht allein, sondern auch andere gab es, die lieber standen. Die Kommunion habe ich immer empfangen.

Es verknüpft sich mit diesen zahlreichen Kirchgängen überhaupt nichts Negatives.

1986 hatte sich alles aufgehört - und zwar mit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Aber nicht, daß ich Tschernobyl als endgültigen Beweis für die Nichtexistenz Gottes begriffen hätte, ich sehe keinen ursächlichen Zusammenhang, nur einen äußerlichen. Und danach war diese Waldheim-Präsidentschaftskandidatur, die unsere Familie jedenfalls in der Mitte hindurchriß. Seit Waldheim hing bei uns der Haussegen schief und hängt bis heute schief. Dieses Jahr 1986 war ein entscheidendes, ein negatives, schwarzes Jahr, ein Schlüsseljahr. Ich entgleiste damals. Mein Leben entgleiste damals.

Nach Tschernobyl war für eine Weile die Natur nicht mehr die alte. Man ging mit Geigerzählern an den Obstständen herum, Kinder sollten Sandkisten nicht mehr benutzen, in jedem Steinpilz war eine kleine Atombombe versteckt, in jeder Rinde lauerte der Tod. Meine Musikalität war erschöpft, ich schlug nur mehr wie auf einen Hackstock in die Tasten, beinahe hätte ich das Klavier unter meinen Karateschlägen zertrümmert.

Der Professor Greif ließ seinen Psychoterror an mir aus. Die Eltern übten einen bösen, perversen Zauber aus, der Krieg war andauernd das Thema, dem wir in Wirklichkeit nicht näherkamen, nicht näherkommen durften. Ich dachte kurze Zeit daran, nach Kanada auszuwandern, zu einem entfernten Verwandten, der bei der SS gewesen war und sich nach Kriegsende in Kanada niedergelassen hatte, sich in einer Blockhütte mit lauter Waffen verschanzte, seine Frau arbeiten ließ. Diesen Mann kannte ich nicht persönlich, kaum wußte ich, wie er aussah, aber Kanada war nicht verstrahlt. Dieses kinderlose Paar hätte mich aufgenommen.

Wochenlang lebten wir - auch mein Vater - in dem Gefühl, daß die Natur kaputt sei. Der Löwenzahn stand in der Wiese, es war Mai, Juni, die Natur galt nicht mehr, der Frühling, äußerlich nicht anders, eher üppiger noch als sonst, ein eitles Trugspiel. Mein jährlich wiederkehrender Heuschnupfen eine bloße Reminiszenz an eine noch harmlos gewesene Natur. Einmal in Taxham bei irgendjemandem übernachtet, den ich - ich weiß nicht mehr wo - kennengelernt hatte, wir lagen auf zwei Matratzen ohne Bespannung in einem betongrauen, schmucklosen Zimmer, am Klo hing eine Österreich-Karte, die die verstrahlten Zonen anzeigte. Er hatte einen Tramperrucksack gepackt, er hielte es da nicht mehr aus. Überall Mineralwasser-Flaschen. Die Leute kauften Dosen, in der Hoffnung, daß die Lebensmittel darin weniger verstrahlt wären.

Mit einer Freundin von damals im Kino, ein mehrstündiger, prachtvoller Film über Molière. In der Magengrube die Angst. Darüber der Tanz dieser Bilder; ich war die ganze Zeit über abwesend, wußte nicht einmal, was oder wer "Molière" ist oder war, es war ja auch alles einerlei geworden, die Natur gab es nicht mehr, ich hatte Sex mit der Frau, oder auch nicht, später jedenfalls hatte ich Sex mit dieser Frau, mehrmals, oftmals? Auch das weiß ich nicht mehr.

Von Literatur hatte ich noch keine Ahnung; ich hätte auch in normalen Zeiten noch nicht gewußt, was oder wer "Molière" ist... "Irgendetwas wie Shakespeare vielleicht, was nicht mich betrifft, denn ich suche die absolute Wahrheit, nicht die relative Kunst, ich suche Gott, nicht die Welt."

Seither nicht mehr in der Kirche. Ich weiß nicht, wie und ob die Kirche auf Tschernobyl reagiert hatte. Doch, ich weiß es... Ich ging ja sogar noch einmal in die Kirche. War die Karwoche, war Ostern, war Pfingsten? Wir pilgerten auf den Mönchsberg. Und eine Frau, die als Pfarrgemeinderätin aktiv gewesen war und einen recht offenen christlichen Haushalt in Nonntal führte, wo täglich in dem großen alten Haus viele Bekannte ein und aus gingen, eine geistfreundliche, vielen Hobbies nachgehende Familie, eine viel lebendigere Familie als meine, eigentlich waren es zwei einander verwandte Familien, die dort lebten - es war sehr viel Platz -, diese Frau also marschierte in einem dunkelgrünen Wetterfleck neben mir, und wir kamen auf die Verstrahlung zu sprechen, und sie sagte: "Wir sterben ohnedies alle an Krebs", sie selbst habe seit einiger Zeit ein sich verschlimmerndes Magenleiden, mit dieser Welt hier sei es vorbei, es sei das Schicksal des Menschen, zu sterben, wir wanderten an einem alten Baumstrunk vorüber... Und ich kann mich an das Gesicht dieser Frau, die ich doch jede Woche mehrmals gesehen hatte, bei der ich mehrere Jahre fast täglich zu Mittag gegessen hatte (ihr Sohn war mein Banknachbar in der Schule gewesen, wir hatten nachmittags wieder Unterricht und sein Elternhaus war viel näher bei der Schule gelegen), nicht mehr erinnern oder kaum mehr erinnern, ihr Gesicht ist mir entfallen, sie war vom vielen Putzen abgenützt, sie hatte immer dieses riesige jahrhundertealte Haus am Fuße der Festung zu putzen gehabt, eine bettlägerige Frau zu pflegen, sie war ein wenig über fünfzig oder Mitte fünfzig gewesen, als sie sagte, wir bekämen doch sowieso alle Krebs, wozu die ganze Aufregung wegen Tschernobyl, Gott sei ja nicht von dieser Welt, auch wir sollten als Christen nicht von dieser Welt sein... Dabei hatten wir im vertrauten Kreis früher oft den "Sonnengesang" des heiligen Franziskus von Assisi gelesen.

Und was danach war, weiß ich nicht mehr. Im "Pallottinerhaus" am Mönchsberg hätte eine Messe stattfinden sollen, aber ich kann mich nicht entsinnen, dieser Messe noch beigewohnt zu haben. Entfernte ich mich von jenem Prozessionszug? Irgendwie kam ich der betenden Herde abhanden.

Durch welche Natur bin ich aber nach Hause gegangen? Es gab die Natur nicht mehr, die Natur war tückisch, böse geworden, war nicht mehr die alte Natur, diese Natur hatte plötzlich aufgehört, ein Trost für mich zu sein, man konnte sich auch nicht mehr in dieser kontaminierten Natur auf eine Bank setzen, die Strahlung verschanzte sich im Holz der Bank, es hatte mit dem giftigen Regen die Radioaktivität hineingewaschen in das Holz. Und die Natur würde zehntausende Jahre brauchen, bis die Strahlung abklingen und zum Normalmaß zurückkehren würde. Zehntausende Jahre!

Früher war für mich immer die Natur, der Wald der Ausweg gewesen. Ging ich jetzt also in einem Nichts dahin? Ich hatte die Natur gewissermaßen schon abgehakt, aber keinerlei Trost bei Gott oder einer anderen Welt gefunden. Was ich damals empfand oder erlebte, ist komplett gelöscht. Ging ich so schnell wie möglich heim, um nicht noch mehr Strahlung in mich aufzunehmen?

Zu Hause zogen wir sogleich die Schuhe aus und wischten sie mit einem nassen Lappen ab, wir stellten die Schuhe außerhalb des Hauses ab, überlegten sogar Handschuhe beim Schuhputzen anzuziehen. Aber es war trocken geworden, und wenn man die Schuhe abbürstete, staubte es. Also hielt man beim Schuheputzen den Atem an. Lief dann, um kurz Luft zu holen, ins Haus hinein, sog sich mit Luft voll und putzte mit angehaltenem Atem wie ein Taucher weiter. Wie schnell wir uns an die neuen Bedingungen gewöhnten!

Der Löwenzahn draußen, der so verführerisch leuchtete, galt nichts mehr. Besser gar nicht hinschauen!

Trauer um die Natur gab es bald gar keine mehr. Es schien, daß die Natur nicht mehr zu retten war. Sogar Worte wie "Trauer" waren den Ereignissen gegenüber unangemessen. Die Strahlung durchdrang uns. Es gab keine Möglichkeit, sich abzuschotten oder uns in einen unbestrahlten Winkel des Hauses zurückzuziehen, um dort zu beten. Schliefen wir, durchsickerte uns die Strahlung, wir glaubten sie zu spüren: als Flimmern, als Brennen, aber zugleich hörten wir, die Strahlung sei nicht zu spüren, nicht zu sehen, alles sähe aus wie immer, aber sei des Todes voll. Und zwar lückenlos. Es gab keinen Schlupfwinkel, keine Lücke in diesem allgemeinen Tod, in diesem Sein-zum-Tode, das die Natur nun ganz real geworden war. Die Natur selbst wurde irreal.

Einige Jugendliche, die ich von der Pfarre her kannte und die politisch sich den "Grünen" angeschlossen hatten, waren später zu den "Landsmannschaften" - einer Vorfeldorganisation der Haider-Bewegung - umgeschwenkt. Sie hätten doch nach der Reaktorkatastrophe noch "grüner" werden müssen! Aber nein. Es hatte sich in ihnen die Neigung zum Verbessern der Welt erschöpft. Gelangte nicht auch Haider in jenem bösen Jahr 1986 in seiner Partei auf dem "Innsbrucker Parteitag" an die Macht?

Und dann, nur wenige Wochen nach dem Tschernobyl-Trauma, brach der Waldheim-Streit los. War zuerst Tschernobyl das alles und alle beherrschende Thema, war es nun Waldheim geworden. Hatten wir nicht begierig dieses Thema ergriffen, um Tschernobyl vergessen, verdrängen zu können? Das Tschernobyl-Thema wurde fast vollständig vom Waldheim-Thema abgelöst. Und nun schien die Nazizeit uns zu verstrahlen. Unsere Familie war komplett verstrahlt, nun nicht mehr real durch Tschernobyl, sondern durch "pro und contra Waldheim". Und ich gebrauchte in meinen sehr brüchigen Tagebuchnotizen von damals das Wort "verstrahlt", wann immer ich auf meine Familie zu sprechen kam.

Der Vater verstrahlt mich, der Sohn ist verstrahlt, die Mutter strahlt dazu.

Das Heranschleppen von "Römerquelle"-Kisten ließen wir bald sein. Wir tranken wieder aus der Leitung. Die Schuhe hörte ich bald wieder zu putzen auf, ich ging schon wieder manchmal barfuß. Obwohl doch zehntausende Jahre nicht erlaubt! Es sei wahnsinnig, jetzt barfuß zu gehen. Einmal im Regen ausgerutscht und in die Wiese gefallen, nun war sowieso alles hin und egal. Verdreckt kam ich heim. Wie aus einem Schlammbotttich. "Was ist mit Tschernobyl?!" fragte mich entgeistert der Vater. "Denk´ du lieber an deinen Waldheim!" antwortete ich ihm.

Später sah man Bilder von Kindern aus der Ukraine, denen beim Kämmen alle Haare ausfielen. Wollte man sie streicheln, trösten, würde man sich nun selbst noch weiter kontaminieren. Es gab keinen Trost, keine Begriffe, keinen Ausdruck dessen. Und am schlimmsten war, daß man die Gefahr nicht sah, sondern immer erst nach einiger Zeit ihre Wirkungen. Es gab keine Möglichkeit, sich geistig dagegen zu wehren, sich intellektuell dagegen zu wappnen. Oder sich zu einer Partei dagegen zusammenzuschließen - auch die Partei war kontaminiert.

Die Straßenreinigung fuhr jetzt öfter. Alles Alibihandlungen.

Wie wenn die Menschen aus Zucker wären und sich im Regen auflösen würden, so schaufelten die sowjetischen "Helden der Arbeit" auf dem Dach des Reaktors.

Theodor Haecker über den Nationalsozialismus: "Der Intellekt verkalkt, eine granitene Dummheit rundet sich zur unangreifbaren Weltkugel gegen den überweltlichen Geist, während das moralische Gefüge und die Sitten sich auflösen in einer Suhle, wie das Inferno Dantes sie nicht kennt."

Waren nicht Waldheim und Haider nun zu unserer "granitenen Dummheit" geworden, während sich rund um uns die Welt, die Natur aufzulösen drohte, ja uns in sich auflösen würde?

Wir hatten überhaupt keine angemessenen Bilder für unsere damalige allgegenwärtige Angst. Heute fällt mir das banale Beispiel mit dem sich auflösenden Zucker ein. Damals aber Sprachlosigkeit.

Wenn es regnete, sagte die Großmutter immer: "Wir sind doch nicht aus Zucker." Nun waren wir aber wie aus Zucker geworden.

Günther Anders Wort von der 'Antiquiertheit des Menschen' schien sich bewahrheitet zu haben. Der Katastrophe von Tschernobyl war keiner gewachsen. Es war alles nicht nur sinnlos geworden, sondern sinnfeindlich, sinnenfeindlich, dies durchdrang uns nun Tag und Nacht und würde uns durchlöchern, verkrebsen, zu einer nicht mehr liebbaren Materie machen. Was wäre das für eine Geliebte, der alle Haare ausgingen, während wir ihren Kopf streichelten? Wäre sie nur mehr eine traurige Puppe des Todes? Man kam sich vor wie eine sich auf einen staubigen Fußabstreifer hingekippte, entkleidete Puppe mit verdrehtem Kopf. Auch die Schriftsteller - mit Ausnahme von Christa Wolf - hatten zu diesen Wochen nichts zu sagen.

Bis heute wird kein Zusammenhang zwischen dem Aufstieg Haiders und der Verdrängung von Tschernobyl gesehen. Wer einen solchen behaupten würde, gälte sogleich als übergeschnappt, mindestens als überdreht.

Schon das Baumsterben zu Beginn der achtziger Jahre, das in ein Wäldersterben ausartete, dann Aids waren traumatische Einschnitte. Außerdem lebte die Welt schon jahrzehntelang mit der Gefahr eines jederzeit möglichen Atomkriegs. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan drohte ausdrücklich mit dem Ersteinsatz von Atomwaffen. Die Geschichte der achtziger Jahre als eine Geschichte kollektiver Traumatisierungen ist noch nicht geschrieben. Das Jahr 1989 brachte tatsächlich eine gravierende Wende, auch bei mir. Eine neue Zeit schien zu beginnen. Ich habe erst mit 1989 wieder zu leben begonnen. Meine alles in allem glücklichen neunziger Jahre, von denen ich mir 1986 nichts träumen hatte lassen. Würde ich bei mir von einer Jugendzeit im einigermaßen erfüllenden Sinn des Wortes sprechen, dann müßte ich die neunziger Jahre nennen, dabei waren das meine dreißiger Jahre gewesen, meine Lebensdreißiger. Also eigentlich keine Jugendzeit. Aber das Davorliegende war eigenartig leer und von traumatischen Ängsten erfüllt. Wahrscheinlich hatte ich gar keine Jugend, höchstens eine verschleppte, bis tief in meine Dreißigerjahre hinein verschleppte. Was immer, mit Ausnahme vielleicht "Falcos", mir im Zusammenhang mit den achtziger Jahren begegnet, ist fürchterlich. Eine Zeit, die ich lieber löschen wollte. Regelrechte Unglücksjahre. Meine Universitätsstudien von damals - nicht durchgestaltete Fragmente. Mein ganzes Leben ohne Durchgestaltung, ohne positive Einheit. Einflüsse, Einmischungen anderer, Durchstrahlungen, Verstrahlungen. Und meine Kindheit - weggeworfen wie die nackte Puppe mit verdrehtem Kopf. Abfall.

46.

Die Haltung der Devotion verhindert, ein Buch so zu lesen, wie es ist, manche Autoren - insbesondere die von philosophischen Werken - haben solche Vorschußlorbeeren, daß man nicht wagt, ihre Ansätze überhaupt als unergiebig oder für verfehlt zu betrachten. Außerdem würde dabei regelmäßig ein Sinnversprechen frustriert, ein Hunger nach Sinn nicht gestillt.

Man hat nun dieses Sinn-Futter gekauft, jetzt will man es auch in sich hineinstopfen.

47.

Andererseits glaube ich nicht.

Wenn ich die Natur betrachte, enthält sie für mich keine "Lehre", außer der von Werden und Vergehen und neuerlichem Werden und Vergehen. Die Natur enthält gleichzeitig unzählige Punkte, an denen Individuen noch "werden", und andere, an denen sie schon eher wieder "vergehen". Die Natur altert für gewöhnlich nicht als ganze, sondern nur in ihren Teilen, aber sie erneuert sich in ihren Teilen als Ganzes. Aber alles das ist keine "Lehre". Die Natur als solche schweigt uns an in bezug auf unser Tun und Lassen.

48.

Nihilisten sind Leute, die gerade in der Sinnlosigkeit sich zusammennehmen, sich nicht gehenlassen.

49.

Für mich hingegen bedeutete Sinnlosigkeit (wäre sie denn ein für allemal erwiesen und bewiesen), daß sozusagen die Großen Ferien ausgebrochen wären. Dann ist nämlich alles egal. Dann brechen die Fronten zusammen, und jeder geht mit offenem Hemd nach Hause und wirft seine Waffe - und die Fahne dazu - in den Dreck.

Aber so war es ja wirklich bei Kriegsende 1945: während die einen (die übergroße Mehrzahl der Soldaten) nur mehr nach Hause kommen wollten, wüteten und mordeten einige andere noch ganz besonders sinnlos und grausam weiter. Diese waren die Nihilisten.

Die Konsequenz aus der Sinnlosigkeit (hier: daß der Krieg endgültig verloren war) muß keineswegs sein, ihr möglichst zu entsprechen und noch eine Reihe ganz besonders sinnloser Taten zu setzen. Die Sinnlosigkeit kann sogar als Glück empfunden werden, weil endlich diese ganzen Nazi-Schreihälse, der ganze Befehlston in den Morast hinuntergesunken ist, und man reißt das Uniformhemd bis zum Nabel auf und hört Jazz.

Mein widerspruchsvoller Vater hat ja doch auch öfters erzählt, daß die Soldaten, als Goebbels Stimme aus dem Radio zu hören war, um zum letzten Durchhalten bis zum kurz bevorstehenden "Endsieg" aufzurufen, in den Radio hineingeschossen hätten. So war nämlich die Stimmung am Schluß.

Und einige Idioten - zumeist aus der Waffen-SS - führten noch ein Abschlachten auf.

Sinnlosigkeit kann ein Glück, eine Befreiung sein, wenn man Gefangener eines falschen Sinns gewesen war. Endlich ereilt uns die Sinnlosigkeit wie ein sanfter und dann immer stärkerer Regen-Schauer nach Wochen der Dürre...

50.

Das einzige Fundament der Humanität liegt in mir selbst, wenn ich sie andern gewähre, wenn ich für die Humanität selber einstehe. Es gibt sonst keines. Es sei denn, es gäbe Gott.

51.

Ich nehme die Fremdprägungen nicht an. Ich widersage ihnen. Also die alte Formel: "Ich widersage."

Niemals "Ich gelobe", sondern "Ich widersage".

52.

Noch eine wahre Begebenheit: Vor zehn Jahren, am Salzburger Alten Markt, es war auch im Sommer, es war genau wieder wie jetzt Festspiele-Zeit, ein heißer Sommertag, ich hatte einen Vortrag im Rahmen dieses ganzen unübersehbaren Festspielgeschehens gehalten, einen schnell verzischenden Wassertropfen frühen kleinen Ruhms, und wie immer nach diesen Vorträgen, hängte sich eine der jungen von mir eingeladenen Damen ein, hakte sich unter... Wie schnell das geht: du ziehst einen Anzug an, hast dunkle neue Schuhe, ja und eine Krawatte um zweitausend Schilling dazu! Was für eine Absurdität, diese Seidenkrawatte zu kaufen! Und schon hast du eine Dame im Minirock, eine der modischsten Damen dieser Stadt an deinem Arm. Und wie warst du damals, war ich damals über der Welt gestanden! Die ganze vorhergegangene Nacht noch am Vortrag geschrieben, wie schreibe ich immer bis auf die letzte Minute hin, rauchend, und von Buch zu Buch springend, auf einmal immer bessere, immer noch bessere Zitate herausfischend, wie ein Klaviervirtuose der Geläufigkeit über die fremden Bücher hin! Der geborene Geisteswissenschaftler und Festredner also. Greif, ich stecke dich übrigens in die Tasche, was das betrifft.

Und morgens dann im Anzug, mit der Mappe in der Hand, in die Altstadt marschiert, durch Freisaal. Ich hatte tatsächlich die Nacht durchgehalten und den Vortrag im allerletzten Moment zu einem fulminanten Schlußsatz gezwungen. Das ist kein unkompositorisches Vermögen! Der Vortrag war aus lauter fremden Gedanken komponiert, aus lauter Gedanken fremder Größen, aber er war durchkomponiert. Ich kann das, wenn ich unter Druck stehe. Und in Freisaal kam mir eine Frau entgegen in einem altmodischen Gewand, mit festen Schuhen, wie aus dem Gebirge. Eine noch junge Frau. Sie sah aus wie meine Großmutter in ihrer Jugend ausgesehen hatte. Sie war meine Großmutter. Und sie wanderte stadtauswärts und löste sich in Luft auf.

Ich hielt diesen Vortrag, wo es unter anderem um eine Schiffshupe ging. Und hob den Finger an der betreffenden Stelle - und von draußen hupte es zufällig herein, genau in der Sekunde, genau zu diesem von mir gegebenen Einsatz. Es war, als hätte ich die Elemente selbst bezwungen. Ein unheimlicher Tag des Glanzes, des Gelingens.

Aber all dies ist in der Geschichte nicht von Bedeutung. Das ist nur das Vorspiel. Der Rahmen.

Und am alten Markt lagen dann diese alten Bücher aus, große in Leder gebundene alte Bücher, und zahlreiche kleinere schwarze Bücher, lauter Gebetbücher, Litaneiensammlungen, mehrere hundert davon, rundherum das bunte Treiben des Sommers und hier dieser Ausbruch von todeslastiger Schwärze. Wie große tote Käfer lagen diese Bücher da. Sie kosteten fast nichts, vielleicht damals zehn Schilling das Stück. War hier eine Klosterbibliothek aufgelöst worden? Die Bücher waren sämtlich mindestens über 100 Jahre alt.

Meine Begleiterin und ich schlugen einige dieser Bücher auf. Litaneien ohne Ende und ohne Inhalt. Wir lachten. Wir standen himmelweit darüber. Mich wunderte nur, daß es eine so umfangreiche katholische Literatur gegeben hatte, inzwischen schon lange unbekannte Autoren. Um die Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert galt ja der Satz: "catholica non leguntur", alles Katholische nicht lesenswert, nicht der Rede wert. Und von solcher Art war auch diese Literatur. Es waren viele theologische Abhandlungen darunter. Über die Unchristlichkeit Darwins etwa. Eine über das 'Kommen des Antichrist' kaufte ich, sie war in Brixen verfaßt worden, ich glaube 1867. Alles in dieses wie lackiert aussehende Schwarz gebunden, überall große Kreuze auf den Deckeln. Rabenschwarz. Gruftig. Und irgendeine makabere Laune muß es gewesen sein, diese Bücherstöße dem sommerlich bunten Publikum in Salzburg an diesem wolkenlosen Nachmittag zuzumuten.

Wie nach einiger Zeit der Sinn, der proklamierte Lebenssinn ganzer Landstriche wertlos wird. Wie es nichts gewesen ist, wofür gelitten wurde, worauf geschworen und geschwört wurde, nichts, kolonnenlanges Nichts. Wir hatten es für das Leben gehalten, und es war der Tod. Wir hatten es für den Tod gehalten, und es war das Leben.

Das Darübergestandenhaben von damals erschreckt mich. Es erschreckte mich damals schon. Die schwarzen Bücher lagen da wie vom Teufel hingestreut, wie ein Attentat des Teufels war dieser massenhafte Ausverkauf jener Bücher. Jene Bücher verkörperten schlichtweg das Heterogene. Solche Bücher sah man nirgends mehr, auch in den Institutsbibliotheken der katholisch-theologischen Fakultät nicht mehr. Jenes Schwarz - wie Kohle. Wie eine Kohleschicht, wie Flöz. Eine bisher so nicht gekannte geologische Schicht. Pestilenz. Eine ungeheure Arbeitsamkeit darin. Aber trotzdem Pestilenz. Ein Sadismus ohnegleichen, die Leute so auf die Studier- und Kniebänke zu drücken. Und ein Masochismus, sich auch noch dabei freiwillig hervorzutun, ein Unwissen, ein Nichtgespürthaben des Lebens. Oder ein Andersgespürthaben des Lebens.

Unsere Vorfahren. Der Sinn, Lebenssinn unserer Vorfahren.

Und dennoch: Montaigne spricht zu uns wie einer von heute. Und auch er hätte schon dreihundert Jahre vor dem Erscheinen jener schwarzen Büchern gesagt: Tod, Pestilenz, Eingesargtes, befremdliche Kohle.

Wir lachten, obwohl uns das Lachen im Halse steckte. Hier lag der Sinn vor uns, zu dem man uns erzogen hatte, aber als toter Sinn, nein als Tod. Diese Bücher waren der Tod, verkörperten den Tod, diese schwarzen Einbände und eingepreßten Kreuze, alles Tod, der Inhalt tödlich. Eine Maschinerie zur Abtötung. Wir dachten einmal, dies sei das Leben, dabei war es der Tod. Wir dachten, es sei der Sinn. Wir verteidigten den Sinn. Und mißtrauten unseren Sinnen. Wir ließen zu, daß der Sinn unsere Sinne anzapfte und aussog.

Sie glaubten, sich Schätze für das "Himmelreich" angespart zu haben, und waren doch nur an die Galeere des Todes geschmiedet.

Nirgendwo in der Bibel steht, daß wir die ganze Welt mit Kruzifixen zu überziehen hätten. Daß wir uns bekreuzigen sollen. Daß wir mit dem Daumennagel einander Kreuze in die Stirnen kerben sollen.

Das Kreuz ist die Geste einer Vierteilung.

53.

Die Natur ist gar nicht so grausam, wie sie denken. In der Natur überleben nicht nur die Raubtiere. Die Natur ist vielfältiger, sie ist nicht so im engen Sine ökonomisch wie diese Rechenkünstler. Die Natur rechnet nicht. "Gott würfelt nicht", sagte Einstein. Und ich, der ich kein Einstein bin, sage nun: Die Natur rechnet nicht. Wir rechnen ihr die Erdzeitalter nach, und sie entpuppt sich als Verschwenderin. Sie geizt nicht mit den Jahren, sie verschwendet Jahrmillionen, sie verschwendet Galaxien. Sie ist keine Ökonomin im Sinne der klassischen Ökonomie. Sie ist weder Marxistin noch Gesellianerin. Sie ist aber auch nicht besonders liebevoll. Sie ist keine Instanz, kein Rechtsgrund, gibt keine "Grundnorm" (Kelsen) vor. Duldet sie uns? Ja eben noch. Wir sollten sie - unsere Unterlage, unser Substrat - nicht mehr länger zerstören, nicht weiter reduzieren.

54.

Ich bin ärmer noch als in Salzburg, aber ganz wenige Dinge - man sage nicht mehr "kleine Dinge" zu ihnen - können mich kräftigen, mich komplett in eine andere wohlige Atmosphäre versetzen. Z.B. diesen riesigen prachtvollen und intelligent gemachten Bildband über das 19. Jahrhundert, den britische Gelehrte aus Sussex gestalteten und den eigenartigerweise seit Jahren keiner kaufen will, den ich um drei Euro kriege, nur findet ihn der russische Trödler im Augenblick nicht. Er weiß, wo er sich befindet, aber da stehen rund zwanzig Kisten davor. Daß ein solches Buch monatelang in der Auslage stehen kann, ja zum Durchblättern auf dem Stand in der Petersburger Straße aufliegen kann, ohne daß jemand es kauft, hat für mich die Kraft einers demoskopischen Zustandsbilds, da brauche ich keine "Pisa-Studie" mehr. Alles kleine Hinweise für die geistige Gleichgültigkeit jener früher "historisch-materialistisch" Erzogenen. Noch nie ein Buch gesehen, das so facettenreich das 19. Jahrhundert darstellt und das auch graphisch großzügig, äußerst modern gestaltet ist, obwohl es vielleicht schon 30, 40 Jahre alt ist. Ich hatte mich nach diesem Buch gesehnt, dachte, es würde wahrscheinlich 20, 30 Euro kosten, aber ich bekomme es um lächerliche 3. "Weil es eh keiner haben will." Ein halbwegs studierter Mensch, der das anblättert, würde ja sofort sehen, wie wertvoll diese "Ware" ist, daß es vom Besten ist, daß man ein Buch überhaupt nicht besser gestalten kann, daß dieses Buch hunderte andere, nicht-illustrierte Bücher geradezu ersetzt, daß man mit einem einzigen Durchblättern schon einen Begriff vom 19. Jahrhundert, seiner Größe, aber auch seines Elends mitbekommt, wie niemals durch die Lektüre vielhundertseitiger Fachbücher. Und auch nicht durch die Lektüre der damaligen großen Romanciers. Daß dieses Buch dazu verhelfen würde, in wenigen Stunden sich einen Eindruck vom 19. Jahrhundert als einem auch noch uns bedingenden Jahrhundert verschaffen zu können. Also ein abkürzendes Buch. Und gerade in Zeiten der Knappheit - der Geldknappheit bei den einen, der Zeitknappheit bei den andern - müßte man doch ein solches Buch kaufen!

55.

Und es wird wahrscheinlich immer nur eine winzige Minderheit sein, die wirklich freigebig ist. Ich wollte z.B. einmal nur deswegen Rechtsanwalt werden, um Leuten helfen zu können und mein Geld an andere zu verteilen, aber ich habe dieses trockene Studium einfach nicht durchgehalten, sondern in den Anfängen schon geschmissen. Ich war der Beste im kurzen ersten - theoretischen - Studienabschnitt gewesen (also in Rechtsphilosophie, Rechtsgeschichte, Rechtssoziologie, Volkswirtschaftslehre usw.), sogleich aber einer der Schlechtesten, als es zum Handelsrecht, Steuerrecht, Aktienrecht u.dgl. überging. Es war dann nur noch eine Qual, durch die ich mich nicht hindurchbeißen wollte. Dann las ich stattdessen Stifter, Goethe, Albert Drach und kam abhanden. Mein Vorteil interessierte mich nicht. Dieses qualvolle Mich-Durchsetzen. Aber wie oft sagte man mir - vergeblich! -, daß ich mich an sich enorm durchsetzen könnte . Mir genügt dieser Potentialis. Es wäre zu leicht gegangen. Es ist das Leichteste, "an die Macht" zu kommen. Man muß nur die Erkenntnis in sich stilllegen, daß man ein hohler Topf und Tropf ist. Und bei meiner Nachgiebigkeit! Bei meinem natürlichen Wunsch, zu glänzen! Bei meiner polymorphen Erotik - wie mich gerade jene Damen attrahieren könnten, die sich egoistisch an die Aufsteiger klammern! Nichts Verwerfliches wäre mir fremd! Wie korrumpierbar ich wäre! Und niemals um Worte verlegen! Ich wäre einer der entsetzlichen österreichischen Politiker geworden, dem es egal ist, in welcher Partei. Der die jeweilige Partei nur als "Rennstall" betrachten würde. Und deshalb war es nur gut, daß ich diese Karrieremöglichkeiten verschlampte. Für die Allgemeinheit gut, für mich auch gut. Es ist fatal, wenn einer den Leuten so gefallen will wie ich und sein Herzblut dafür mobilisiert.

Zu einer monarchistischen Studentengruppe, in der auch Karl Habsburg einmal organisiert war, die es heute - soviel ich weiß - nicht mehr gibt, sagte ich jenen für mich bezeichnenden Satz: "Euch kann man nicht wählen. Aber für euch könnte man kandidieren."

Und ich würde jetzt in Anzügen rumrennen und modische Dämchen würden sich unterhaken, wir würden eine häßliche Villa am Stadtrand bauen und mechanisch ficken - und es wäre für mich das reinste Vergnügen. Ich kann die Innenwelt solcher Aufsteiger nachvollziehen, es trennt mich nur ganz wenig von ihnen. Aber dieses Wenige fällt letzten Endes ins Gewicht, gibt den Ausschlag. Wie nahe war ich dem schon gekommen, mich endlich zu verraten ! Wie nahe der Karriere! Und ich könnte spielend alles Moralische abschalten.

Damals unter anderem die Vorstellung gehabt, als Ghostwriter die unterschiedlichsten Parteien zu versorgen, und dann im Fernsehen oder im Parlament von der Galerie aus zu beobachten, wie sie da unten meine Reden halten und sich gegenseitig zerfetzen, sogar noch mit den von mir eingeplanten Zwischenrufen und Repliken Gebrauch machend.

Doch mit einem solchen Talent sollte man eher Dramatiker werden.

56.

Danach noch Traum: Ich soll eine Lesung halten in einer Gemeinschaftsmoschee zwischen Muslimen und Juden. Ich sage nicht "Synagoge" zu diesem Backsteingebäude, eher ist es eine Moschee ohne Minaretts. Ein riesenhaftes, ungemütliches, innen hallenhaftes Gebäude, in dem einzelne Touristengruppen herumgehen. Überhaupt keine Bewachung ist sichtbar, dabei waren schon mehrere Brandanschläge verübt worden. Als ich gerade die Anlage betreten wollte, landete neben mir eine Fallschirmspringerin, die für irgendeinen weltlichen Artikel warb.

Und dann diese Lesung! Ich war angekündigt worden als einer der "Besten". Doch nur eben ein Schulklassenzimmer voll Leute. Der mich Einladende hatte eine hohe Stimme, wie wenn er nie eine Stimmbruch durchgemacht hätte, ansonsten angenehm bullige, lockenköpfige Erscheinung. Mehrere alte, literaturbeflissene Damen.

Und wie patzte ich bei dieser Lesung! Ich hatte eine Mappe mit losen Zetteln und Literaturzeitschriften dabei, einen ganzen Packen. Aber ich blätterte und blätterte und fand keinen geeigneten Text von mir zum Vorlesen. Außerdem hatte sich meine Kurzsichtigkeit plötzlich so gesteigert, daß ich die Zettel immer ganz nah ans Gesicht halten oder mich zu ihnen hinunterbeugen mußte. Es zerfiel mir diese Lesung unter der Hand.

Nach kürzester Zeit standen die meisten schon auf und gingen. Obwohl ich redete, ich redete ein Stück Literatur, es war gar nicht so übel, was ich da redete, ich redete vom Verlorenhaben, Verlorensein, vom Verlorenhaben der Texte (oder besser einstweiligen Nicht-finden-Können), vom Verlorenhaben meiner selbst, von meinem Verlorensein und dem Verlorensein des Menschen an sich auf dieser Erde, es war aber kein Predigen. Hier saß einfach ein nicht mehr so junger Autor und kramte in seinem Zeug herum und redete dazu. Selbst in den Literaturzeitschriften waren meine Texte nicht mehr zu finden. Ich wollte schnell einen der bewährtesten Texte vorlesen, damit mir nicht alle Leute davonliefen. Er ließ sich nicht finden. Es war verhext. In den mitgebrachten, von mir ausgewählten Zeitschriften standen auf einmal meine Texte nicht mehr drin.

Lenzmann, der auch anwesend war, wurde unruhig. "Hör´ auf!" schien er mir fast hektisch zu bedeuten, "du blamierst dich, du blamierst uns. Du, ich habe nachher hier ein Vorstellungsgespräch. Laß es doch bleiben, wenn du dich nicht vorbereitet hast." Aber ich war doch vorbereitet!

Nun bot ich das Schauspiel eines schusseligen Autors, der seinen Text nicht vorliest, sondern redet. Nüchtern wie Prosa, aber dabei brüchig, zart, trotzdem mit eher fester Stimme, dann wieder länger phrasiert, sogar irgendwie noch ein Kunstgebilde, existentialistisches Literaturgebilde. Ein etwas hingeräusperter Sprechtext eines erwachsenen Mannes zur "condition humaine", ohne Bedrohlichkeit, ohne Verbindlichkeit, nur ein verlegener, in sich zirkelnder, erst allmählich ausbrechender Versuch. Jeder Vorstoß zugleich eine vorsichtige Selbstzurücknahme, doch zwei Schritte vorwärts, einer nur zurück. Es ging schon voran, wenn man es hätte hören wollen.

Einige Leute waren erstaunlicherweise wieder zurückgekommen, aber begeistert war niemand von meiner Darbietung. Einmal sah es aus, als blieben mir nur drei, vier, vielleicht auch nur noch zwei getreue Zuhörer. Wie schnell die Menschen gehen, sich von einem abwenden, das war erstaunlich! (Dabei hatte ich felsenfest versprochen, daß die Texte noch kommen würden, ich hätte sie ja dabei, ich sei sogar zunächst ausgezeichnet vorbereitet gewesen, hätte nichts untwerwegs verloren, "aber mich vielleicht...".)

Ich rappelte mich nicht auf. Es fand sich kein geeigneter Text. Alle Texte - selbst die vormals eigenen - waren nicht mehr von mir (oder gefielen mir ganz einfach nicht mehr).

Ich hätte gerne dem angenehm Bulligen gefallen, aber er war leider als einer der ersten enttäuscht gegangen. Wie es dann noch weiterverlief, weiß ich nicht, weiß niemand. Die Sonne weckte mich auf, sie blendete mich voll ins Gesicht.]

57.

Jedes Kind, jeder Mensch ein Universum, das Universum.

58.

Die Literatur bedarf keiner Initiationen. Ihre Initiationen bestehen im Lesen der Bücher.

,,,
Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:

http://www.aurora-magazin/autoren/bio_hodina_frm.htm


=== Zurück zur Übersicht ===