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Im Park ist ungesund
Von Klaus Schwarz

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     Ein mittelloser Bettelstudent läuft durch den Park. Ich laufe mittellos durch den Park und bin ein Bettelstudent. Absurd. Und mittellos. Und vergessen was ich studiere. Schade. Fällt mir einfach nicht mehr ein. Auch nicht so wichtig. Hauptsache ich lern was. Ich frage nach der Uhrzeit - um 1. Wieder was gelernt.
Wer nicht fragt, lernt nichts. Soll ich Chronometrie studieren? Ach nein, das ist langweilig. Ranzig langweilig immer nur Sekunden zählen. Und ab und zu freuen, weil ein Jahrtausend vorbei ist.
Ich will lieber Geld für Eis.
Um mich rum ist ein Park. Den Park kann man aber nicht sehen, weil er mit lauter nackten Menschen ausgelegt ist. Schwer denen Geld aus den Taschen zu ziehen.
Eine rumlungernde Familie hat ein Kind und eine Polaroidkamera dabei. Die Kamera wird nicht mehr gebraucht. Das Kind auch nicht, es bewegt sich nicht mehr. Die Eltern laden es in der Sonne wieder auf. Ich überlege und nehme die Kamera. Denn, was soll ich mit dem Kind?
10 Meter weiter brutzelt eine Frau aus weißem Fleisch in 300 Nanometer ultraviolettem Licht. Noch ist das Fleisch weiß, aber eine Stunde und es ist milka lila und noch eine und es wird Ultra Violett. Das will ich sehen. Soviel Zeit muß sein. Ich setze mich unauffällig zwanzig Zentimeter von der Frau weg.

Das weiße Fleisch sieht Klasse aus. Alles dran und nicht zu viel, und sie sieht nichts weil sie schläft. Niedlich, wie im Streichelzoo. Aber ich trau mich nicht, anzufassen. Macht man nicht, wegen der Intimsphäre.
Um die Intimspäre rum ist ein schlüpfriges Detail. Ein Schlüpfer. Scheinheilig weiß mit kleinen rosa Punkten. Wenn man nah ran geht, erkennt man, daß es Blümchen sind. Ekelig, das schlüpfrige Detail. Läßt sich aber mit dem Taschenmesser entfernen. Zwei Schnitte und man sieht ein kleines Hitlerbärtchen. Oh, oh, das ist verboten. Tragen von Zeichen verbotener Organisationen, strafbar mit Zuchthaus. Ich bin gegen Rechtsradikale und mache ein Foto. Zur Beweisaufnahme. Die Polaroidkamera macht Krach und ein Bild. Der Krach weckt die lila Frau. Sie will das Foto haben.
Kann sie. Ich bin nicht so. 1.000 Mark. Nur 1.000 Mark für ein Klasse Farbfoto. Die Frau will das Bild nicht. Nun, sie muß das Bild nicht kaufen. Dann kauft es eben die Zeitung. Ich denke laut über den Text zum Bild nach:
Eva braun - wie die Haselnuß, aalt sich im Park.

Die Frau mit Hitlerbärtchen sieht nach, wieviel Geld sie dabei hat. Ich mach noch ein Foto. Vielleicht gefällt ihr das besser. Gestochen scharfe Konturen, alles gut ausgeleuchtet, auch kleinste Falten gut zu erkennen.
Wir spielen Einkriegezeck. Schwierig, dabei zu fotografieren. Aber nicht unmöglich. Knips, noch ein Bild. "Eva, 20, tobt ausgelassen durch den Park." Knips, knips, "Eva, süße Zahnarzthelferin aus Berlin auf der Jagd nach Männern."

Und dann bleib ich stehen und mir wird klar: Ich habe es geschafft. Vom mittellosen Bettelstudenten zum berühmten Fotografen, dem im Monbijoupark nackte Frauen hinterherrennen. Aber nur kurz, dann wird es Nacht, denn Eva, 20, steht auf mich. Mit beiden Beinen. Und tanzt mir auf dem Kopf herum. Und hüpft, immer auf die Nase. Das ist ungesund. Fotografieren im Park ist ungesund.


E-mail:
klaus.schwarz@sietec.de

 

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