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Die Nashornfrage
Von Raymond Zoller


    Gibt es Nashörner im Tal der Füchse; oder gibt es keine? Kaum ein Problem, zu dessen Lösung so viel Geisteskraft aufgewendet worden wäre. Und doch: Nach wie vor tappen wir im Dunkeln.

Krivoi-Krokovski, der in seinem Standardwerk über das Tal der Füchse davon ausgeht, daß es zu keiner Zeit dort Nashörner gegeben hat, gab bezüglich seiner Informationsquellen offen zu, daß er noch nie im Tal der Füchse gewesen ist und daß er auch nicht weiter nach Material gesucht hat, welche das Nashornproblem erhellen könnte. Denn es sei, wie er schreibt, rein vom gesunden Menschenverstand her klar, daß es Nashörner dort nicht geben kann, alsda Nashörner nur in Südostasien und in Afrika leben. Und da das Tal der Füchse weder in Südostasien noch in Afrika gelegen ist, könne es folglich dort auch keine Nashörner geben.(1)

    Anatol Saumpfad, der gleichfalls ein Standardwerk über das Tal der Füchse geschrieben hat und in eindrucksvollen Worten nachwies, daß es früher von Nashörnern dort nur so wimmelte und daß es heute gar noch viel mehr sind, gab zu, daß er bei seinem Besuch im Tal der Füchse zwar kein einziges Nashorn zu Gesicht bekam; jedoch habe das nichts zu bedeuten, da er sich nur ganz kurz auf der Durchreise dort aufgehalten hatte und da infolge der nächtlichen Stunde eh nichts zu sehen war. Ansonsten spreche aber alles für die Richtigkeit seiner These.(2)

Ein weiteres Standardwerk über das Tal der Füchse stammt von Egon Slivowitz. Slivowitz legt dar, daß es zu früheren Zeiten im Tal der Füchse möglicherweise einige Nashörner gegeben hat; zumindest spräche nichts direkt dagegen. Was aber die Gegenwart betrifft, so sei mit letzter Sicherheit erwiesen, daß keine mehr dort leben und auch nicht leben können. (3)

    Auf meine Anfrage bezüglich seiner Informationsquellen teilte er mir vertraulich mit, er habe sich in der Tat eine Zeitlang im Tal der Füchse aufgehalten; er sei extra hingereist, um das Nashornproblem zu untersuchen. Jedoch sei er dabei durch den Krakheanum-Vorstand abgelenkt worden, der ihn als Berater für den Aufbau eines Nachtclubs in Anspruch nahm; und da habe er leider keine Zeit mehr gehabt für die Nashörner. Eins habe er zwar gesehen; doch da seine Begleiter es nicht sahen und da er selbst zu dem Moment - wie er schreibt - stockbetrunken war, geht er davon aus, daß dieses Nashorn in Wirklichkeit nicht vorhanden war und daß somit erwähntes Erlebnis für die Klärung des Nashornproblems ohne Belang ist.

Egon Ommbein weist in seinem Werk "Die Rolle der Nashörner während der Herrschaft Königin Vesta's II" auf die von zahlreichen Chronisten erwähnte Nashornplage hin, die während der Krombach-Offensive den das Tal der Füchse bewohnenden Salanen in schauerlicher Weise zu schaffen machte. Dem widerspricht Wilhelm von Dorten insofern, als er angibt, er habe sämtliche von Ommbein angeführte Chroniken studiert und in keiner einzigen einen Hinweis auf eine Nashornplage gefunden; doch gibt er andererseits zu, daß nichtsdestotrotz die Nashornplage nicht so leicht von der Hand zu weisen ist und daß man die Beweise - da man sie in den Chroniken nicht findet - halt woanders suchen muß.(4)

    Friedrich Wahnvogel widerspricht in energischster Weise der Nashornplage-Theorie; jedoch läßt er den Ommbein'schen Hinweis auf die Chronisten uneingeschränkt gelten. Nur handle es sich hier, wie er darlegt, offenbar um einen Übersetzungsfehler oder aber um ein ungerechtfertigtes Wörtlichnehmen einer rein symbolisch gemeinten Aussage. Was man irrtümlicherweise für leibhaftige Nashörner halte, sei nämlich in Wirklichkeit nichts anderes als jene unglückselige Anlage, welche im entscheidenden Moment bei Königin Vesta die Oberhand gewonnen, die Salanen einer fähigen Führerpersönlichkeit beraubte und schlußendlich zu deren Untergang führte. (5)

Wie bereits aus diesen paar Andeutungen ersichtlich haben wir es hier mit einem außerordentlich schwierigen und komplexen Problem zu tun; und selbst wenn man sich nicht auf den Standpunkt von Erwin Sopha stellen möchte, der in seiner tiefschürfenden Analyse die Nashornfrage als prinzipiell unlösbar darzustellen sucht (6), so muß man doch zugeben, daß wir von einer Lösung noch weit entfernt sind und daß es noch so manchen Forscherschweißes bedarf, um uns aus diesem Dunkel herauszuführen.

 

Anmerkungen:

(1) Emil-Emmanuel Krivoi-Krokovski: Das Tal der Füchse und seine Rolle in den welthistorischen Prozessen.

(2) Anatol E. Saumpfad: Die Rolle der Nashörner im Tal der Füchse. - Interessant sein sprachgeschichtlicher Exkurs (S.325 ff), darin er nachweist, daß im Althochdeutschen Fuchs nicht, wie heute, Fuchs bedeutet, sondern Nashorn. Nicht uninteressant auch - trotz einiger bedenklicher Gedankensprünge - seine Behauptung, daß nur dank der Nashörner im Tal der Füchse die Entdeckung Amerikas möglich wurde.

(3) Egon Slivowitz: Das Tal der Füchse und seine Bewohner. -

(4) Wilhelm von Dorten: Die Unabwendbarkeit der Nashornplage.

(5) Friedrich Wahnvogel: Die Laster der Königin Vesta in ihrer Symbolisierung durch das Nashorn. - Bekanntlich war Vesta II nicht nur die letzte Königin der Salanen, sondern in gewisser Hinsicht auch die Vorläuferin unserer heutigen Masochistinnen; nur daß bei letzteren diese Neigung selten zu solch katastrophalen Folgen führt wie im Falle von Königin Vesta. Nachdem selbige nämlich trotz ihrer Jugend in weiser Regierung das Reich zu nie dagewesener Blüte gebracht hatte, gab sie unter dem Einflusse weiblicher Neugier sowie besagten Lasters die Anweisung, sie an einen Sklavenhändler, der zufällig im Tal der Füchse weilte, zu verkaufen. Dieser durch nichts zu vertretende Schritt einer ansonsten außerordentlich weisen und gewissenhaften Herrscherin beraubte die Salanen im entscheidenden Momente einer fähigen Führung und führte kurz darauf zu deren Untergang.

(6) Erwin Sopha: Die Transzendenz der Nashörner im Tal der Füchse

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Kurzbiographie Raymond Zoller

(c) privat

Geboren wurde ich am 22. Februar 1950 in Luxemburg; wuchs auf im moselfränkischen Dialekt, aus dessen kärglicher Spröde ich mich, geographisch wie sprachlich, zunächst mal in das saftigere und ergiebigere Hochdeutsch absetzte. Eine weitere sprachliche und kulturelle Emigration führte ins Russische; was später dann auch zu geographischen Veränderungen führte. Zur Zeit lebe ich in Tbilissi (Georgien).

Das Bemühen, mich in der mir nicht sehr verständlichen Welt zu orientieren, führte zu einer gewissen Intensivierung meines Umgangs mit der Sprache; und sehr viel wurde in all diesen Jahren gesprochen, gelesen und geschrieben; zunächst nur in Deutsch, später dann zunehmend auch in Russisch.

Unter anderm liebe ich es, in literarischer Form die in ihrer Mittelmäßigkeit unerträgliche allgegenwärtige Absurdität dieses unseres Daseins auf die Spitze zu treiben und somit erträglich und sogar interessant zu machen. Absurdität, die zur Gewohnheit wird, bedrückt; Absurdität hingegen, die über das gewohnte hinaus auf die Spitze getrieben und ästhetisiert wird, kann von durchaus auflockernder und entspannender Wirkung sein.

Gelegentlich versuche ich auch, in Essays und essayähnlichem diese und jene Bereiche in der mir noch immer äußerst unverständlichen Welt begrifflich zu durchdringen. Ein in Entwicklung sich befindliches Extrakt aus all diesem Bemühen kann man finden unter:

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