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Granatblüte

und oder über eine mögliche Funktion des Kitsch

Von Maria Dorninger


    Lange konnte ich in dieser Nacht nicht einschlafen, ohne einen eigentlichen Grund dafür finden zu können:War ich einfach übermüdet, nagte vielleicht ein mir nicht bewusstes Problem an meiner Seele?


(c) Gernot Katzer:

        Auch in der nächsten Nacht erging es mir nicht anders. Ich quälte mich
durch die Nacht, wohl wissend, dass Schlaftabletten keine Dauerlösung sein konnten und in der stillen Hoffnung, doch bald wieder einschlafen zu können. In der dritten Nacht schien es nicht viel anders zu werden, die Müdigkeit hatte sich nur gesteigert und mit ihr die Unruhe und damit Unfähigkeit in den Armen von Morpheus auszuruhen, doch da kam mir ein Gedanke: Warum nicht diese Zeit nützen und endlich Lektüre zu lesen, die der Nachtstunde entsprechend nicht wissenschaftlichen Charakter hat, ja auch nicht einmal den Ansprüchen der hohen Literatur genügt. Nur lesend entspannen und geniessen. In solcher Absicht erhob ich mich schliesslich und beschloss, die lieben Bücher meiner Teenager-Jahre wieder zu lesen, blieb aber bei Durchsicht meiner Bücher an einem Titel hängen, der bisher ein sehr stiefmütterliches Dasein geführt hatte: "Der einsame Kaiser" von Franz Ferenc Móra.

       Der Roman, der nicht annähernd die Seitenzahl von Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" erreicht, teilt seine 547 Seiten in der günstigen Lesergilde-Ausgabe in drei Bücher, die mit Antiochia, Alexandria und Bajae überschrieben sind und sich auf die Bereiche Politik, Glauben und Liebe beziehen. Der erste Satz versprach bereits viel: "Die Marmorwände des kaiserlichen Palastes dampften förmlich in der syrischen Mittagsglut" und weiter "[...] Gegenüber dem Palast knabberte ein Esel an der Rinde der Myrtenbäume". Die Vorstellung von Süden, Sonne und Urlaub begann mich zu erfüllen und ich las begeistert weiter und liess mich in die Zeit Kaiser Diocletians entführen, die voll von Intrigen und Spannungen auch zwischen den unterschiedlichen Religionen war. Vieles kann an diesem Roman ausgesetzt werden, er hat Längen, seine Gestalten sind zu typenhaft gezeichnet, der zeitliche Kontext wird nicht gut ausgearbeitet, vieles bleibt nur angedeutet, klischee- und schemenhaft, manches wird geradezu verwirrend präsentiert, wie etwa die verwandtschaftlichen Beziehungen des Kaisers zu den Caesaren bzw. Unterkaisern.

      Was jedoch den Roman spannend macht, ist die Liebesgeschichte zwischen dem Palastsklaven Quintipor und der Caesarentochter Titanilla, die sich scheu und zaghaft entwickelt und deren Entfaltung in einer oft erfrischenden harmlosen und romantischen Weise gezeigt wird (ein jugendfreies Buch!), die dem Leser bisweilen äusserste romantische Geduld abnötigt und ein ungläubiges staunendes Seufzen entlockt, wie kitschig schön und harmlos hier alles dargestellt wird. "Granatblüte" nennt die liebende Titanilla zärtlich ihren Quintipor. Langsam erkennt der Leser die Bedeutung des Buch-Titels: der Kaiser ist doppelt einsam durch seine politische Position und durch sein Wissen um seine eigentliche familiäre Situation. Kaiser Diocletian hat keinen männlichen leiblichen Nachfolger, jedoch enthüllt sich im Verlauf der Lektüre die Herkunft des Palastsklaven Quintipor, der in Wahrheit der Sohn des Kaisers ist und den dieser aufgrund eines Orakelspruches heimlich von einem von ihm treu befundenen Paar aufziehen liess, die jedoch um die eigentliche Identität des Knaben, mit dem wirklichen Namen Apollinaris, nichts wussten. Offiziell gilt der Sohn des Kaisers als verunglückt, um diesem eine sichere Kindheit und Jugend gewährleisten zu können. Nur der Kaiser weiss von diesem Geheimnis, nicht einmal die Kaiserin weiss davon, die den Tod ihres Sohnes nicht verarbeiten kann und seitdem einer psychosomatisch- verursachten Krankheit verfallen ist. Der Kaiser holt den Sohn schliesslich an seinen Hof und übergibt ihn den besten Lehrern, so auch dem Mathematiker Bion, der mit dem Rhetor Laktanz befreundet ist. Mit äusserster Sorgfalt versucht der Kaiser den unwissenden Sohn durch kontinuierliche Förderungen, Freilassung, Amtserhebungen und Verpflichtungen auf die zukünftigen Aufgaben im Staat vorzubereiten und ihm auch sich selbst, den kaiserlichen Vater, allmählich vertraut zu machen. Ja, auch für Quintipors kaiserliches Privatglück will der Herr des Römischen Reiches sorgen. Doch die dafür Vorgesehene ist nicht Titanilla, die Tochter des Caesars Galerius. Hübsch, wie der Erzähler die fortschreitende Liebe der beiden durch die astronomischen Darlegungen des Mathematikers und Sterndeuters Bion illustriert. Die Liebenden, deren Zuneigung - wenn auch nicht ganz ohne Mühe - alle Unterschiede überwindet, bleiben einander treu. So kommt es zur Katastrophe und beide sterben, noch bevor der Kaiser seinen Sohn von seinem wahren Stand unterrichten kann. Die Geschichte hat den Roman wieder eingeholt, der Kaiser ist ohne leiblichen Nachfolger.

      Es bleibt, wenn auch kein grosser Roman in Erinnerung, so doch eine Liebesgeschichte, die wohl tragisch, jedoch auch ideal endet und dem Leser literarisch versichert, dass es so etwas wie die grosse, tragische Liebe gibt. Beginnen die Augenlider ihre Müdigkeit unzweideutig kund zu tun, so bleibt die beruhigende und entspannende Wirkung des Kitsches erhalten. Hier ist die Welt in gewissem Sinne noch in Ordnung und angestrengte Gedanken und Emotionen können zur Ruhe kommen. In diesem Sinne für Momente des Ausruhens und Erholens kann der Kitsch für den Menschen in gewissem Sinne heilsam sein und damit auch geradezu zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Lebens werden, wie auch Hermann Broch in seinen bemerkenswerten und nicht gerade schmeichelhaften Ausführungen über den Kitsch, diesen auch als etwas sieht, ohne das es "in keiner Kunst abgeht".
Interpretiert als Flucht vor dem Irrationalen und in das Historisch-Idyllische, liegt seine Stärke in der "persönlichen Affektbefriedigung". Die Beobachtung, daß die Sehnsucht nach Kitsch und Kitsch selbst gerade in Zeiten eines Wertezerfalles auftritt und "Der einsame Kaiser" 1942 in Wien auf Deutsch erschien, macht die Aussagen Hermann Brochs nur fundierter und weist auf ihre Aktualität hin. Doch die Dosis macht das Gift. In diesem Sinne ist auch ein Quentchen Kitsch erlaubt, und es muss vielleicht auch gar nicht Franz Móra sein, der die Seele zur Ruhe bringt, sondern es kann auch die romantische Erzählung von Wilhelm Hauff "Lichtenstein" sein oder ... oder ...


Literatur:

Franz Ferenc Móra:
Der einsame Kaiser. Ins Deutsche übersetzt von Clemens von Walzel, Wien 1942.

Hermann Broch:
Der Kitsch. In: H.Broch: Dichten und Erkennen. Essays. Bd. 1 Zürich 1955, S. 342-349.


Literaturlink:

http://home.t-online.de/home/Stefan.Cramme/moraaran.html



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