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Medienwelten

Es ist eine Binsenwahrheit und uns trotzdem (oder deswegen?) nicht bewusst:
die Ereignisse haben sich den Medien anzupassen. Und sie tun es auch – keiner, der sich
in der Gegenwart von Medienleuten (und speziell einer Kamera) nicht bemühen würde, sich
von seiner vorteilhaftesten Seite zu zeigen; kein auch nur halbwegs ernst zu nehmender Public
Relations-Mensch, der bei der Verbreitung seiner Propaganda nicht auf die zeitlichen
Einschränkungen, denen Journalisten sich unterwerfen müssen (die Tagesschau kann nicht warten),
Rücksicht nehmen würde. Als Fernsehzuschauer bin ich mir dessen selten bewusst: Werden
mir da Bilder gezeigt von hungernden Menschen und gleichzeitig gesagt, dass die
Hilfsorganisationen vor Ort seien und Geld bräuchten, so habe ich primär das
Gefühl, da werde getan, was zu tun sei – und bin beruhigt...

Von Hans Durrer
(03. 01. 2005)


     Im November 1989, in der Nacht, in der die Mauer fiel, befand ich mich in Berlin. Ich saß mit einer deutschen Bekannten in einer Pizzeria, als plötzlich der Deutsch radebrechende italienische Kellner ganz aufgeregt durchs Lokal lief und dabei ekstatisch ausrief: "Mauer auf, Mauer auf". Als Deutschschweizer, dem Gefühlsausbrüche ganz allgemein suspekt sind und der zudem Südländer nicht in erster Linie mit Verlässlichkeit in Zusammenhang bringt, machte ich meiner Bekannten schnell einmal klar, dass das, was der Mann da von sich gab, schlicht nicht sein könne und wir besser daran täten, sitzen zu bleiben und unser Mahl zu beenden. Erst später, wir waren mittlerweile die einzigen noch verbliebenen Gäste, und der Wirt wollte das Lokal schließen, war nicht mehr von der Hand zu weisen, dass der Kellner vielleicht doch recht gehabt und die Mauer, in der Tat, gefallen sein könnte.

Als wir schließlich an einem Grenzübergang in Kreuzberg eintrafen, war es vier Uhr morgens und, abgesehen von vereinzelten Ostdeutschen, die herübertröpfelten, war draußen kaum mehr was los. In den nahegelegenen Kneipen hingegen war die Stimmung bewegt – ich erinnere mich an aufgewühlte, seelisch und körperlich durchgeschüttelte Männer, Tränen in den Augen, und redend, erzählend, berichtend davon, dass einfach nicht zu fassen sei, was hier geschehe. Unmöglich, nicht bewegt zu sein.

Anderntags dann zeigte ein Blick aus dem Fenster, dass Schlangestehen angesagt war: Einmal für die 100 Westmark, Begrüßungsgeld genannt, dann für Bananen (offenbar eine Rarität im Osten) und schließlich, um in die Sexshops reinzukommen.

     So erlebte ich den Fall der Mauer. Doch ich sah noch eine zweite Mauer fallen. Diesmal auf dem Bildschirm. Es war eine Live-Sendung und deswegen schwer unter Kontrolle zu halten: Ein junger Mann aus dem Osten wurde gefragt, was er hier im Westen den Tag über so getan habe? "Na ja, Ku‘damm rauf und runter halt." Und was denn jetzt sein Eindruck sei? "Genau wie bei uns, für Westmark kriegste alles."

Was da auf dem Bildschirm zu sehen war, vermittelte mir das Gefühl von Begeisterung und Spaß, als ob man an einer gelungenen Party teilnehmen würde. Auf jeden Fall war es etwas ganz anderes als was ich in der vergangenen Nacht empfunden hatte – dort war mir alles recht eigenartig und gleichzeitig unfassbar erschienen, während ich jetzt, auf dem Bildschirm, dieses sonderbare Gefühl hatte, dass das, was ich da zu sehen bekam, realer sei als was ich selber erlebt hatte.

     Es ist eine Binsenwahrheit und uns trotzdem (oder deswegen?) nicht bewusst: die Ereignisse haben sich den Medien anzupassen. Und sie tun es auch – keiner, der sich in der Gegenwart von Medienleuten (und speziell einer Kamera) nicht bemühen würde, sich von seiner vorteilhaftesten Seite zu zeigen; kein auch nur halbwegs ernst zu nehmender Public Relations-Mensch, der bei der Verbreitung seiner Propaganda nicht auf die zeitlichen Einschränkungen, denen Journalisten sich unterwerfen müssen (die Tagesschau kann nicht warten), Rücksicht nehmen würde.

Als Fernsehzuschauer bin ich mir dessen selten recht bewusst: Werden mir da Bilder gezeigt von hungernden Menschen und gleichzeitig gesagt, dass die Hilfsorganisationen vor Ort seien und Geld bräuchten, so habe ich primär das Gefühl, da werde getan, was zu tun sei – und bin beruhigt. Nicht zuletzt, weil uns die Fernsehbilder regelmäßig zeigen, was getan wird (zum Beispiel, die Verteilung von Lebensmitteln) und nicht, was noch zu tun wäre (Was soll man da auch zeigen? Und überhaupt setzt das auch voraus, dass man weiss, was zu tun wäre).

"Die Boulevardjournalisten werden ihre Scheckbücher zücken, um an das Exklusivinterview zu kommen, aber das muss natürlich möglichst saftig sein. Keiner von ihnen wird an der Wahrheit interessiert sein, denn die wahre Geschichte ist lang und verwickelt; Sensationen sind gefragt, simple Geständnisse, Reue, gerade so viel prickelnder Sex, dass es keinen Anstoß erregt. Der Schmerz und das ganze Chaos in mir wird in eine Überschrift von sechs Wörtern gepresst, und für mein Leben werden fünf Folgen zu je 100 Zeilen ausreichen müssen. Die Leser werden es verschlingen, denn die Tragödie eines fremden Menschen bringt Abwechslung in ihr ereignisloses Leben. Einige wenige werden mitfühlen, andere werden Briefe schreiben und mich als undankbares Flittchen bezeichnen, das ein Luxusleben geführt hat, während sie sich kaum über Wasser halten können, und meine Schlechtigkeit wird ihnen das Gefühl geben, dass sie etwas Besseres sind. Verstehen? Was hat das mit Verstehen zu tun? Das hier ist Journalismus, nicht Aufklärung." (Robert Richardson: Schlagzeilen).

     In den Neunziger Jahren strahlte das Schweizer Fernsehen einen Dokumentarfilm über eine an Aids erkrankte junge Frau aus. Sie war bereits zu schwach, um die Wohnung zu verlassen. Wie sie denn das mit den Einkäufen mache, wurde sie gefragt. Der Nachbar schaue regelmäßig vorbei und frage, ob sie was brauche. Genau in diesem Augenblick – es war eine Live-Aufnahme – klopfte es an der Tür. Der Nachbar wollte wissen, ob er ihr etwas aus dem Laden mitbringen könne. Als der Regisseur sich die Szene später anschaute, entschied er, sie rauszuschneiden, da doch jeder ganz automatisch annehmen müsse, dass diese Szene gestellt worden sei. Der Filmproduzent Sam Goldwyn brachte es so auf den Punkt: "The most important thing in acting is honesty. Once you’ve learned to fake that, you’re in."

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"Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.", schreibt Niklas Luhmann in Die Realität der Massenmedien. Und: "Wir wehren uns mit einem Manipulationsverdacht, der aber nicht zu nennenswerten Konsequenzen führt, da das den Massenmedien entnommene Wissen sich wie von selbst zu einem selbstverstärkenden Gefüge zusammenschließt."

"Es hat in der Zeitung gestanden", "Ich habe es im Fernsehen gesehen" – auch wenn Ereignisse so auch noch nicht unbedingt wahr werden, so werden sie zumindest (medien)wirklich – und gehen weit darüber hinaus. Die Folge ist eine Wechselwirkung: Weil es in den Medien vorkommt, ist es real. Real ist, was in den Medien vorkommt.

"Auf dem Flug nach Brüssel meine gewohnte Angst, wieso dieses Ding sich da oben halten kann; wie immer sah ich schon die 'Tagesschau‘ vom Abend voraus und formulierte die Nachricht vom Flugzeugunglück einer 'Lufthansa‘-Maschine vom Typ sowieso, die aus bisher noch ungeklärter Ursache kurz nach dem Start abgestürzt war: alle Insassen fanden den Tod. Und wie immer nach diesem Ritual war ich dann vollkommen beruhigt, das heißt, es war mir egal, ob das Flugzeug nun abstürzt oder nicht; die 'Tagesschau‘ hatte es ja schon gemeldet; es war also eh‘ nichts mehr daran zu ändern." (Christian Schultz-Gerstein: Der Doppelkopf).

     Am 30. November 2001 berichteten die Schweizer Gratiszeitungen Metropol und 20minuten auf der Titelseite über die Trauerfeier für die Opfer des Crossair-Absturzes bei Zürich. Die Bilder zeigten unter anderen Moritz Suter, den Verwaltungsratspräsidenten mit seiner Frau sowie André Dosé, den CEO der Crossair. Im Fernsehen wurden ebenfalls diese beiden Herren sowie der Vertreter der Landesbehörde, Bundesrat Moritz Leuenberger, zu ihren Gefühlen befragt. Sie zeigten sich erschüttert und gaben auch bereitwillig über ihre Seelenlage Auskunft. Es sei ihnen dieses Jahr schon soviel an Katastrophen zugemutet worden, so Suter und Leuenberger fast unisono, dass sie dadurch härter geworden seien. Das ist nachvollziehbar, doch wen, außer Medienleute auf der Suche nach Aussagen von Prominenten, interessiert bei einem Flugzeugabsturz die Seelenverfassung der obersten Führung der Fluggesellschaft oder diejenige des Vertreters der Landesregierung? Doch dies ist, was uns gezeigt wurde.

Doch auch alles Nachdenkliche, Bedenkenswerte, Medienkritische entstammt den Medien: dass es ihr Mühe mache, sie es ganz surreal finde, jetzt ständig von Fernsehkameras und Medienleuten belagert zu werden, sagte eine Überlebende des gerade erwähnten Crossair-Absturzes anlässlich eines Fernsehporträts über sie – und auch wenn dies ziemlich heuchlerisch wirkte (zur Teilnahme am Porträt schien die Frau nicht gezwungen worden zu sein): wo, wenn nicht vor einer Fernsehkamera, hätte sie ihren Unmut (hätte sie denn einen solchen gehabt) denn am Effektivsten zeigen können?

     So faszinierend (und häufig auch abstellend – so was geht Hand in Hand) mich die von den Medien aufbereitete Welt dünkt, sie kommt mir zunehmend irreal vor – wir haben keine toten Iraker im ersten Golfkrieg, keine Toten der Anschläge auf New York gesehen.

"Stunden später dann doch die Zumutung der Bilder im Fernsehen. Diese optische Endlosschlaufe des immer gleichen Materials auf vielen Kanälen. Die Repetition der äußerlichen Vorgänge, die Zerstörung der Symbol gewordenen Türme des World Trade Centers im Süden Manhattans durch die fliegenden Mord- bzw. Selbstmordkommandos, wirkt merkwürdig abgeschmackt und hat über den Sensationsgehalt des Noch-nie-Dagewesenen nichts Ernsthaftes zu bieten. Die gefilmte Realität erscheint als materieller Vorgang, der so gar nichts mit der tausendfach erlittenen Verzweiflung und Todesangst der Opfer zu tun zu haben scheint. Was nun tatsächlich geschehen ist und erschüttern soll, ist auf entsetzliche Weise durch den Unernst des Katastrophenkinos korrumpiert worden. Die vorweg genommene und im Bewusstsein der Masse verankerte, grausam inszenierte Bilderflut von 'Towering Inferno‘ bis 'Independence Day‘ und 'Die Hard‘ lässt dem Reality-TV dieser Tage kaum eine Chance, Betroffenheit auszulösen. Ein beklemmendes Gefühl von 'Déjà-vu‘ überlagert ein Geschehen, das doch, wie vielfach betont, ein beispielloses sein sollte, und verweist gleichzeitig auf die fatalen Wirkungen der Prägekraft des Fiktiven auf das Reale" (Hans-Peter Platz in der Basler Zeitung).

Selten ist mir so bewusst geworden, wie wenig mich Fernsehbilder erreichen. Die Vorstellung, die ich mir, zum Beispiel, von der Situation der Menschen in den entführten Flugzeugen machte, war viel erschreckender, beklemmender und intensiver als was das Reality-TV mir zu vermitteln vermochte.

     Trotzdem: der Terrorangriff vom 11. September 2001 wird mir so in Erinnerung bleiben, wie ich ihn in den Medien wahrgenommen habe – ohne Tote, ohne Gerüche, als Medienereignis, von dem Herbert Riehl-Heyse in der Süddeutschen Zeitung geschrieben hat:

"Es sind, ganz ohne Zweifel, auch große Stunden der Aufklärung, die wir in diesen Tagen erleben, einer Aufklärung, die diesmal größere Chancen hat als beim Golfkrieg vor zehn Jahren, bei dem die beiden Kriegsparteien die Berichterstattung mit allen Kräften behinderten. Es ist diesmal überdurchschnittlich viel zu erfahren gewesen – über die Netzwerke des Terrrors, über die Fehlleistungen, die ihm seine furchtbare Effizienz erst ermöglichten … Gleichzeitig schaffen 70 Stunden Fernsehberichterstattung aber auch die Illusion von Aufklärung. Wer als Zuschauer tagelang immer noch eine Tagesschau sieht oder einen Brennpunkt oder ein ZDF-Spezial, mit Henry Kissinger und PLO-Sprecher Franghi allerwegen, der mag irgendwann denken, er habe nun wirklich alles mitbekommen, was man wissen muss: Und hat doch das meiste nicht gesehen: nicht das qualvolle Sterben in den Türmen, nicht die Panik in den entführten Flugzeugen, aber natürlich auch nichts über die Frage, wer gleichzeitig – in der nahöstlichen Stadt Dschennin getötet worden ist, und ob es sich bei diesen Toten nicht auch um unschuldige Zivilisten gehandelt haben könnte."

     Sowohl den Artikel von Hans-Peter Platz als auch denjenigen von Herbert Riehl-Heyse halte ich für großen Journalismus (im Sinne der Definition "to see life steady and to see it whole" von Charles Prestwich Scott, dem Herausgeber des Manchester Guardian von 1872-1929), für einen Journalismus, der meine breit angelegte Zeitungslektüre zumindest teilweise zu rechtfertigen scheint.

Doch das Gefühl der Informationsübersättigung hat stark zugenommen. Der Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein hat, vor vielen Jahren schon, in einem Vortrag davon gesprochen, dass wir zwar mit immer mehr Informationen bombardiert, jedoch immer schlechter informiert seien.

Zu tun hat das auch damit, dass die kapitalistische Ideologie ihre Versprechen nicht einlöst: dass ein liberalisierter Medienmarkt ein diversifiziertes, pluralistisches und buntes Medienangebot zur Folge habe, ist barer Unsinn. Wahr ist, dass der Mensch (und damit auch der Medienmensch) die Freiheit nicht erträgt und deshalb eine Medienrealität hervorbringt, die von einer Uniformität geprägt ist, die selbst ein Zensor hinzukriegen Mühe hätte.

     In Dostojewskijs Grossinquisitor kehrt Christus auf die Erde zurück, und zwar ins Spanien der Inquisition, wo er belehrt wird, dass die Freiheit, die er den Menschen hat bringen wollen, diese nur unglücklich und verzweifelt gemacht habe, "denn nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als die Freiheit." Und: "Aber wisse, dass jetzt und gerade heutzutage diese Menschen mehr als je davon überzeugt sind, vollkommen frei zu sein; und dabei haben sie selbst uns ihre Freiheit dargebracht und sie uns gehorsam zu Füßen gelegt."

Weshalb es denn Peter Turrini so formuliert hat: "Man kann nur etwas über die Welt erfahren, wenn man wenig Zeitung liest."

Selbstverständlich hat er recht. Und genauso selbstverständlich werde ich weiter Zeitung lesen. Weil mich das tägliche Erfinden der Welt fasziniert. Und werde dabei an den Bauern denken, der, bei seinem Kollegen zu Besuch, dessen wunderschöne Weiden bestaunt. "Schon toll, mit was der Herrgott dich da beschenkt hat", sagt er. Worauf sein Kollege erwidert: "Schon, schon, aber du hättest mal sehen sollen, wie das hier ausgeschaut hat, bevor ich da Ordnung gemacht habe."
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