...
Aus der Tiefe des Alters
...
Ramblin' Jack Elliott, Wegbegleiter von Folklegende Woody Guthrie und Ahnherr
im Land der ewigen Lieder, nahm mit 74 Jahren noch einmal ein Album auf.
Erinnerungen an Songs mit ewigem Leben.

Von Bernhard Flieher
(22. 09. 2006)


     Irgendwann, Dylan, Ginsberg und Co. waren durch historische Er- und Aufarbeitung schon ins jugendliche Bewusstsein vorgedrungen, landete Mitte der 80er Jahre ein Album (damals noch im LP-Format und mit einem reichlich zerschlissenen Cover) von Ramblin' Jack Elliott auf dem Plattenteller. Erstanden auf einem Flohmarkt. Gekauft, weil der Name des Mannes irgendwie (und wie sich bald herausstellen sollte, nicht zu Unrecht) an Beatautor Jack Kerouac erinnerte, der damals in Form seines Romans "On The Road" immer und überall dabei war.

Zu hören war eine Stimme aus einer Zeit, die im Nirgendwo der Vergangenheit verschwunden sein musste. Durch die damals auf dem Weg zum Popfan rasch zusammengebastelte Assoziationskette Dylan, Beatnik, 1960er Jahre und Woody Guthrie, aber schien diese Stimme plötzlich ganz aktuell.

Daran hat sich in den Jahren seither nichts geändert. Das lag nicht daran, dass Ramblin' Jack Elliott in irgendeiner Weise von tagesaktueller Bedeutung gewesen wäre. Es lag daran, dass dieser Mann mal mit eigenen Liedern, öfter aber mit den Interpretationen der Lieder von anderen eine Ewigkeit erschaffen kann. Wenn er singt, verliert die Zeit ihre Bedeutung, weil er Lieder singt, die immer da sind und immer gelten.

    Der Mann singt nun mit 74 Jahren zum letzten Mal. Das muss man auf Grund seines Lebensalters und der großen Intervalle zwischen den neuen Alben vermuten, wenn man es auch nicht aussprechen oder denken mag. Die Stimme ist altersbedingt brüchig. Sie kündet von einem Ende, das nahe ist. Hier (und metaphorisch auch durch den Titel) erinnert das Album "I Stand Alone" (Anti/Edel) an die letzten, vom nahen Tod gekennzeichneten Werke von Johnny Cash. Allerdings ist bei Elliott die Todesnähe nicht thematisch spürbar. Immer noch verkörpert er einen ewig Reisenden, einen Hobo, der sich auf Güterzüge schwingt, um das Land zu durchqueren. Einer der allein steht, weil er unterwegs ist (sein muss und will) und der im Unterwegssein doch die einzige Form zu leben erkennt.

Die Geschichten, die er dieses Mal vorträgt, stammen aus der Feder alter Folk-Größen wie der Carter-Family ("Engine 143"), Leadbelly ("Jean Harlow"), Ernest Tubb ("Careless Darling") und Tom Paley ("Call Me a Dog When I'm Gone"). Andere Stücke holt er sich aus dem reichen Fundus an anonymen Perlen aus dem American Folksongbuch etwa "Willy Moore", Honey, Where You Been So Long" und "Leaving Cheyenne", dessen Interpretation mit Lucinda Williams zu den Höhepunkten der Aufnahme zählt. Zweites Highlight ist die Kollaboration David Hidalgo von Los Lobos ("Arthritis Blues").

    Im einzigen Song, den er selbst schrieb, erinnert Elliott an die letzte gemeinsame Reise, die er mit seinem Held und späteren Freund Woody Guthrie machte ("Woody's Last Ride"). Stolz singt er: "We made ist last all across the United States. Four days cross country. 11 Dollars. I guess that's an average expenditure of three Dollars a day, driving across the country in a Buick!" Seine Stimme erzählt mit einer Weisheit und Gelassenheit, die aus der Tiefe des Alters schöpft.

Dass es dieses späte Albumgeschenk überhaupt gibt, ist Elliotts Tochter Aiyana zu verdanken. Sie fädelte den Kontakt zwischen ihrem Vater, Flea, dem Bassisten der Red Hot Chili Peppers, und dem X-Schlagzeuger DJ Bonebrake ein. Die beiden nahmen sich des alten Mannes als Produzenten an, ohne jemals in den Vordergrund zu rücken. So bleibt Ramblin' Jack Elliott, was er immer sein wird: Ein Mann mit einer Gitarre, einem Koffer voller Songs und einer Stimme, die ihn immer in ungewisse Richtungen davontreibt.


 

=== Zurück zur Übersicht ===