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Beglückend, verstörend und herrlich irre

Auf der Suche nach den Kultbüchern von morgen

"Finden sie nicht auch, dass das Universum ein ganz klein wenig
nach Senf duftet? Darum: Marilpen."

Von Markus Köhle
(01. 02. 2007)


Urs Mannhart: Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola

   Ein junger Lebensmittelchemiker aus Basel verliebt sich in eine römische Bäckerin aus Siracusa. Der namenlose Held legt einen erstaunlichen, alles umfassenden Liebeseifer an den Tag, glüht wie ein Backofen für seine Elisa, die er Luise nennt, und ist dauernd Kornspitz. Alle 14 Tage eilt er ihr mit dem Nachtzug entgegen, eines Nachts jedoch, an seinem Geburtstag, strandet er am Bahnhof von Domodossola, weil die Italienische Bahn streikt. Nun hat er natürlich jede Menge Zeit, in Erinnerungen zu versinken und in Umgebungsbeschreibungen aufzugehen.

Mannhart bedient sich häufig antiquiert anmutender Formulierungen und zeigt keine Scheu vor Schwülstigkeit. "Viel vermagst du nicht mit ihr zu reden, dein Italienisch ist so karg wie die unbewaldeten Felszinnen, die sich um euch auftun." Obwohl man sich anfangs von dieser Sprache leicht übermannt fühlt, macht sie schließlich die Qualität des Buches aus. Sobald man nämlich so weit ist, in den vom Autor bereiteten Sprachmantel zu schlüpfen, geht der Germteig der Geschichte auf. "Ein sonderbar berückender Moment, eine Weihung."

Nun kommt der Textzug auf Touren, hat Tempo, Komik und Sex, und beinhaltet überdies die wohl poetischste Grind-WG-Badewannenbeschreibung der Gegenwartsliteratur. Auch das gezielte Unterbrechen des Erinnerungsprogramms durch Umschalten auf den Bildungskanal (auf dem etwas über geomagnetische Aktivitäten läuft, bzw. Wissenswertes über Kambodscha) stört nicht. Stören tut nur der etwas eigenartige Schluss.


Volker Strübing: Das Paradies am Rande der Stadt

    Wer Visionen hat, der solle zum Arzt gehen, sagte einst ein wichtiger österreichischer Politiker. Ich sage: Wer Visionen braucht, der soll Strübing lesen. Volker Strübing wählt für sein Romandebüt ein nahes Zukunftsszenario (2040, das sollten wir alle noch erleben), spielt mit bekannten Versatzstücken, entwirft phantasievoll Neues, schraubt alles auf höchst originelle Weise zusammen und erschafft so eine Welt, die einem einerseits sehr vertraut vorkommt, die jedoch andererseits mit Überraschungen am laufenden Band aufwartet.

Gesellschaftlich und technisch hat sich einiges verändert, und das freilich nicht nur zum Guten. Die Glücklichmachmafia "Eden" zieht wie ein Flächenbrand übers Land und holt sich ihre Schäfchen auch mithilfe von Kopfgeldjägern. Da steht die Marhiuana dealende Idealistentruppe "Freunde der Menschheit" im Zentrum des Geschehens und spielt die Kirche des wahren Namen Gottes, "Kein Schwein", zuweilen eine Schlüsselrolle. Da sorgen Heimtrainer tretende Zombies in Kavernen für Energie, Nazis als anheuerbare Söldnertruppen für Ordnung (?), korrupte Bischöfe sind böse und gar nicht so blöde Polizisten gar nicht so blöd. Da schwimmt der Papst bei seinen öffentlichen Auftritten in einem Glasbottich mit Nährflüssigkeit und verteufelt "Eden" und der Berliner Fernsehturm ist ein Minarett. Da spuken ominöse "Marilpen" durch die Geschichte und erwachen virtuelle Prinzessinnen zum Leben. Da erhellen einen Definitionen von zum Teil unbekannten Geräten (z. B. Beschwörer) oder Verhaltensweisen und werden Anzeigen herrlich abstruser Art in den Fließtext eingebettet ("Die Tochter missbraucht? Kann sein, dass sie dir nie verzeiht. Jesus tut es. Ab 1,99*. Ablass-Service der Preußischen Katholischen Kirche *Gebühren sind abhängig von Qualität und Quantität ihrer Sünden") und ein Fußnotenapparat liefert Weisheiten und Formeln für die Welterklärung. Freilich auch jede Menge Science-Fiction-Tools, Nanotechnologie und knallharte Konsum- und Gesellschaftskritik. Was will man mehr? "Marilpen" vielleicht?

    Die Geschichte? Ähm, also das hier genau auszubreiten, ist weder für die Lektüre des Buches (Spannung) noch für die Rezension (Länge) förderlich. Grob gesagt geht es unter anderem darum, dass Theo, ein genmanipuliertes Pickelgesicht, die Menschheit retten muss. Gut, dass das Schnüffelprogramm "Waldi" und Netzganoven ("Die Olsenbande") auf seiner Seite sind. Sie verschaffen ihm schließlich Zutritt zum Eden-Zentrum. Danach folgt aber weder ein happy noch sonst ein einordenbares Ende, sondern eine schräge Wende, und alles wird anders.

Beglückend, erfrischend, betörend, verstörend und herrlich irre. Viel Situationskomik, patente Problemlösungen und kreative Plotentwicklung. Dieser Roman hat das Zeug, zum Kultbuch zu werden, verdienen würden es sich der hochsympathische Autor und der kleine, feine Verlag gleichermaßen. "Finden sie nicht auch, dass das Universum ein ganz klein wenig nach Senf duftet? Darum: Marilpen."

   Strübing ist eine saubere Droge, macht kirre im Kopf, hinterlässt keine Spuren im Blut oder Harn, beeinträchtigt die Verkehrstüchtigkeit wohl kaum (nicht, dass ich es probiert hätte), ist für "Kein Schwein" schädlich und kann, nach einmaligem Kauf, immer wieder von vorne eingenommen werden (nicht, dass ich es auch schon von hinten probiert hätte).


Lou A. Probsthayn: Der Benutzer

    Timo Beil (ehemals privat und beruflich Erfolgreicher, nunmehr an beiden Fronten gecrashter Arbeitslosengeldbezieher) ist ein vorbildlicher Nachbarschaftshelfer. Er gibt überdrehten Haustieren Valium, legt dogmatischen Altschriftstellern den "Spiegel" zu Füßen und "drückt dem Gemüsehändler sehr gute Laune in die Hand." Frau Schlicht macht ihn auf die Auktionsseite "Limit" aufmerksam, Beil wird dort zu LittleHertie, ersteigert eine Beinummantelung und beginnt, sich für diese Netzgemeinschaft zu interessieren. Mit einem Schuhgebot klinkt sich Beil ins Limitisten-Universum ein und findet eine neue Heimat. Beil bringt weiter Objekte ein, schafft sich durch die Beobachtung der Versteigerungsentwicklung neue Lebensstrukturen, wird langsam zum Vollblutlimitist. "Er fühlt sich Adrenalin. Er fühlt sich Hochdruck."

Beils Ego löst sich allmählich auf, er wird zu LittleHertie und lebt für sein Bewertungsprofil. "Limit ist das Mitten im Leben. Und auch Spaß, Unterhaltung, Aktion." LittleHertie merkt, dass er durch die üblichen Bewertungsmodi Macht hat, missbraucht sie anfangs nicht, wird dennoch von einem unzufriedenen Limitisten verprügelt. LittleHertie nimmt die Bewertungen von Anfang an persönlich und sühnt ungerechtfertigte Votings mit Psychopathenaktionen. Er beginnt, "böser Wolf" zu spielen. Sein Wohlbefinden hängt mittlerweile vollends von "aufbauenden Bewertungen" ab, sein soziales Umfeld vernachlässigt er zunehmend. Nur noch Petra Kallweit ist auf einer ähnlichen Wellenlänge, die wartet im Hinterhof hauptberuflich erst auf Außer-, dann auf Innerirdische. LittleHertie verkauft im großen Stil "Schuhe, die laufen", wird zum "Hammerlimitisten" upgegradet, doch der Absturz naht. Bereits die zweite negative Bewertung lässt ihn vollkommen ausrasten, die dritte macht ihn gar zum Mörder. "LittleHertie geht rot."

  Anfangs möchte man nicht meinen, dass Beil der Durchgeknallteste im Haus ist, der Maniac unter harmlosen Verrückten. Man wird eines Besseren belehrt. Zu Beginn vermutet man eigentlich eine sich parallel auftuende Liebesgeschichte, es kommt aber ganz anders. LittleHertie entpuppt sich nicht als kleines, sondern als großes Arschloch. Timo Beil ist LittleHerties erstes Opfer. Die Handlung dieses Romans ist unvorhersehbar, schlüssig, aber dennoch etwas unbefriedigend. Man hätte sich und dem sympathischen Timo Beil wohl einfach eine besser ausgehende Geschichte gewünscht. Aber das zählt nicht, ist kein gültiger Kritikpunkt. Probsthayn hat also wieder, mit gewohntem Sprachfuror, sackstark abgeliefert. Big Probsthayn ist ganz Sprachkrone.


 

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