Eine Million Gründe
das Leben zu verneinen ...

Von Hermann Maier

      Am 17. Oktober 1978, kurz vor 14 Uhr, wird Jean Améry (eigentlich: Hans Maier) in einem Salzburger Hotelzimmer tot aufgefunden. Ein Mann schied hin: Schlafmittelvergiftung wird als Todesursache angegeben. Die letzten Stunden vor seinem Verschwinden darf man sich so vorstellen:


[Er] isst noch zu Abend, ehe er die gehorteten Tabletten nimmt. Er gibt der tumben
biologischen Triebkraft, was sie fordert. Droben aber, im Hotelzimmer, wo auf seinem
Tisch die Abschiedsbriefe liegen samt dem Geld für die Hotelrechnung [...], neigt er sich hin und lässt sich nicht mehr treiben. Die Erde wird ihn haben, nur anders, als der Dichter es meinte. Der Gedanke, Staub zu sein, ist ebenso schrecklich wie wohltuend. (J. Améry, Hand an sich legen, 83-84)

       Allmählich verbreitet sich die Nachricht um Jean Amérys Freitod. - - Thomas Bernhard erfährt via Fernsehen davon. Aber anstatt die Meldung gedämpft und in ordentlicher Haltung (Hand an sich legen, 155) aufzunehmen, erfüllt ihn diese mit Genugtuung: Sie ist ihm, ha!, eine weitere Bestätigung für die Vorstellung von der Welt als etwas, was einen nur in abgrundtiefe Verzweiflung stoßen könne. Die herrliche Anekdote um Jean Améry, wie er es in einem Gespräch mit einem Le-Monde-Redakteur kühn nennen wird, (Höller/Heidelberger-Leonard, Antiautobiografie, 15) dient ihm nicht zuletzt aber als "Beweis" dafür, dass man in einer Stadt wie Salzburg unmöglich leben könne.

Nun besteht die Aufgabe des Schriftstellers für Bernhard nicht darin, vom vermeintlich Schönen zu reden, oder es gar zu preisen; vielmehr hat er die Wahrheit zu sagen. - - Und in Wahrheit verhält es sich doch so: Die Wirklichkeit ist traurig und gemein und letzten Endes tödlich (vgl. T. Bernhard, Die Auslöschung, 128), Idyllen winzig und trügerisch, fast unerfahrbar das Glück. Keine Widerrede! - - Das alles ist nicht neu: Seit ihren Anfängen (Vormärz, Naturalismus) tendiert die so genannte moderne Literatur zu den Schattenseiten des Daseins: Das Hässliche, Unerfreuliche und Leidvolle wurde zu ihrem vertrauten Metier.
Jeder kennt die Vorwürfe, die ihr das eingebracht hat. Und jeder kennt die Argumente der "Realisten", wenn sie ihre, nennen wir sie: "ästhetische Negativität" verteidigen:

"Wir müssen nicht auch noch die Butterseiten des Lebens vertreten."
"Es gibt genug fröhliche Literatur."
"Wir beschreiben Schreckliches, weil es unsere Pflicht ist, das Schweigen zu brechen."
...

Nicht dass man diese Rechtfertigungsversuche überhaupt nicht akzeptieren oder nachvollziehen könnte: Ganz im Gegenteil muss energisch festgehalten werden, dass das Heile-Welt-Getue vieler Zeitgenossen oftmals skandalöser und schändlicher ist als die bitterste literarische Anklage: O gutes Land! O Vaterland! (Grillparzer, König Ottokars Glück und Ende, 66) Pah!
Aber warum gleich so strikt? Diese Frage bleibt.

      In der Tat ist hier zu Lande vieles aus der Literatur verschwunden: Wunderbares, Erhebendes, Erbauliches, natürlich Happy-Ends. Wer heute "anspruchsvolle" Lektüre zu sich nimmt, wird von einem Strudel "schlechter" Gedanken in die Tiefe gerissen. Es eröffnet sich ihm, in kunstvoller Manier freilich, eine trostlose, unverbesserliche Welt. Das ist die Realität, sind sich die maßgebenden Dichter, Leser und Kritiker einig. Hier jedenfalls. Denn nicht überall sind die Grenzen zum so genannten Kitsch bzw. Trivialen so exakt ausgelotet, wie Paul Auster an einer Stelle vermerkt:

Die große Errungenschaft der amerikanischen Literatur, im Gegensatz etwa zur europäischen, ist doch dies: Dass wir alles Mögliche zugelassen haben. Eben dies macht viele amerikanische Bücher, die ich bewundere, so flexibel und so offen für Fragen. Ich möchte für alles offen bleiben, ich glaube, es gibt nichts, was nicht von Einfluss sein könnte. Von den trivialsten Elementen der Volkskultur bis zu den rigorosesten, anspruchvollsten Werken der Philosophie. Das alles ist Teil der Welt, in der wir leben, und wer da Grenzen zieht und Dinge ausschließt, wendet sich von der Wirklichkeit ab – ein fataler Fehler für einen Romanschreiber. (P. Auster, Die Kunst des Hungers, 250)

     Offenheit für das, was das Leben lebenswert macht, das Zugeständnis, dass es das in manchen Augenblicken sein kann: Beides ist selten anzutreffen in der modernen (europäischen) Literatur. Man ist ziemlich restriktiv geworden, was Glück und Harmonie betrifft: Man klammert sie aus. Will es nicht wahrhaben. - - Allein: Dieses Schreiben schmeckt mittlerweile so schal und abgestanden wie Castros Reden. Und man ist versucht, denen Recht zu geben, die das Lächeln des Kindes (vgl. J.P. Sartre, Ist der Existentialismus ein Humanismus?, 7) wieder einfordern.

Natürlich gibt es eine Million Gründe, das Leben zu verneinen (D. Matthews,
Lover lay down), Jean Améry hatte eine Ahnung davon. Das Ungenügen an
der Gegenwart
, (J. Améry, Weiterleben – aber wie?, 48) Frustrationen und das Eintauchen in die Absurdität des Daseins bestimmten sein Schreiben maßgeblich.- - So gut wie die Hoffnung auf eine andere, bessere Wirklichkeit und die Gewissheit:

...dass noch das elendste Dasein seine Ehrenstunden hatte. Da mag es der Tag der Firmung gewesen sein, dort ein Morgen in trügerisch glückversprechenden Landschaften, hier eine neue erotische Erfahrung, an anderer Stelle nur ein wehender Fetzen Musik oder ein paar Zeilen Poesie. (J. Améry, Hand an sich legen, 121-122)

      Jan Améry, ein Mann, der in den Nazijahren beinahe alles verloren hat: Besitz, Freunde, die Frau (?), nicht zuletzt die Heimat, hat offenbar nie aufgehört, dem Leben eine Chance zu geben: Wo sie unleugbar war, hat er sich ihrer Schönheit geöffnet. Es zugelassen. Und niemand sollte ihm dieses so mühsam Errungene (den Rettungsanker Salzburg etwa) zerstören! Das mag der Grund gewesen sein, warum er Thomas Bernhard nach dem Erscheinen der "Ursache" beiseite genommen und ihm vorgehalten hat, dass man über Salzburg nicht so reden könne: "Du vergisst", soll er zu diesem gesagt haben, "es ist eine der schönsten Städte der Welt."  (Antiautobiografie, 15-16)

Jean Améry hat schließlich seiner Todesneigung nachgegeben. Aber was "beweist" das schon? - - Alles. Und nichts. Allenfalls das: An Salzburg scheiden sich die Geister.
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