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Die Spur zurück
Unhandkisch handkische Überlegungen zur Strategie
des Erzählens in Handkes Don Juan

Die meisten Rezensenten scheinen eher über jenen Don Juan zu schreiben, den
sie sich vorstellen, nicht über den, der sich ihnen vorstellt, wobei sie freilich zugleich
eigentlich in erster Linie über sich selbst schreiben, was vielleicht
eine geheime Rache von Handke ist.

Von Vasile V. Poenaru
(18. 12. 2005)


     Der Titel antwortet gleich auf zwei Fragen: Von wem erzählt Don Juan? bzw. Wer erzählt von Don Juan? Ob das erbaulich oder unbehaglich stimmt, hat damit zu tun, was für einen Zusammenhang der Einzelne zwischen dem Erzählen gelebter Befunde des Anderen und dem Aufzählen von Perspektiven des Selbst herzustellen vermag, die sich da bieten.

Es fällt auf Anhieb schwer, angesichts der eher weit ausholenden Bekundungen in den Medien noch etwas nüchternes zu "Handkes Don Juan" zu sagen. Das Angebot an präformulierten Gutachten, das freudige Echo strapazierter Floskeln, ungeniert transponierter Kulturgüter und Natur-Triebe drängt sich dem eiligen Germanisten geradezu auf.

Endlich einmal Schulterschluss im Literaturbetrieb? Nicht unbedingt. Doch die meisten Rezensenten scheinen eher über den Don Juan zu schreiben, den sie sich vorstellen, nicht über den, der sich ihnen vorstellt, wobei sie freilich zugleich eigentlich in erster Linie über sich selbst schreiben, was vielleicht eine geheime Rache von Handke ist. Wer ihm nicht glaubt, dass Don Juan Don Juan ist, fällt in die Falle, jeweils von sich selbst (von ihm selbst?) zu erzählen, indem er jemandem einen Stoff vorzustellen meint, den er beherrschen will, weil er ihm handfest dünkt. Jeder will gerne "seinen" Don Juan kennen (ja, dazu gehört auch Moliere – und sogar Mozart, und so etwas wie eine gewisse anerlernte Selbstverständlichkeit in der behaglich aufgearbeiteten Kultur), jeder will gerne seinen Knigge gelesen haben. Jeder will gerne die Dinge in das starre Bild hineinzwingen, das er sich von ihnen macht.

    Die ignorierten Fragen jagen den Leser quer und krumm durch den ästhetisch raffiniert wiedergegebenen Redetext eines verabsolutierten Protagonisten der Sagbarkeit, durch den unwahrscheinlichen Bericht des Don Juan, der auktorial betrachtet an sich eine überwältigende Instanz der Inspiration ausmacht: Wer ist der Herr der Fabel? Wen dominiert der Text? Wer liest? Wer wird gelesen? Wie stehen hier das männliche und das weibliche Prinzip zueinander? Wer vermag Bedeutung in den Alltag zu jagen (nach innen und nach außen)? Laut Handke ist Don Juan zwar Herr, aber keineswegs herrisch. Ist er ein Held? Ein Held, der rückwärts geht? Der um etwas trauert, was er nie hatte, etwa um die Zukunft? "Held der erfüllten Zeit" heißt es jedenfalls in der FAZ (1). Und wie um tatsächlich die Lesezeit zu erfüllen, oder doch wenigstens zu füllen, ergießt sich erst einmal ein langer Exkurs zur Geschichtlichkeit der Figur des Don Juan über die unschuldigen Zeitungskonsumenten. Gerade darum geht es aber nicht.

"Don Juan trägt Trauer", erfährt man in DIE WELT (2). Denn er ist ja verwaist – hat entweder Kind oder Frau verloren, oder vielleicht...Aber jetzt sind wir schon mitten drin im Bereich der Spekulation, das heißt, wir sind bei der Lektüre angelangt. Der Rezensent sieht es einfach so, dass Peter Handke halt lieber redet als liebt. Diese prompte Schlussfolgerung im Untertitel der Rezension lässt sich freilich kaum durch den Text selbst belegen, der in seiner Bedeutungsvielfalt sehr viel großzügiger ist, als das voreilige Urteil – durch Vor-Gefühlen und Fehlerwartungen gezeichnet – einräumt. Sollen wir frustriert sein, weil wir manchem gleichsam mühelos aufgehobenen Befund im Moment nur wenig Sinn beizumessen vermögen? Sollen wir uns über die poetische Sprache freuen? Den Begriff "Frauenzeit" erörtern? Davonlaufen?

"Ein Blick, der glücklich macht": So wird uns das grundlegende Moment des Augenblicks a la Don Juan/Handke in DIE ZEIT (3) nahegebracht. "Bewundernswert romantisch und unzeitgemäß" sei Handke. Was offensichtlich als Kompliment gemeint ist, gehört es doch zum guten Ton unserer Zeit, das Wort "unzeitgemäß" immer dann fallenzulassen, wenn es sonst nicht weitergeht. Ebensogut könnte man sagen, Handke sei postmodern. Oder unhandkisch handkisch.

    Den Augenblick der wahren Liebe, der wahren Lektüre wiedergeben. Den Sinn des Erzählens wenden. Umkehren. Fragezeichen setzen und dann ausreißen? Wie mag es wohl unserer Selbstverständlichkeit als sinnierende Bedeutungskonsumenten ergehen, wenn die Fabel den rückblickenden Erwartungshorizont der Lektüre durchbricht? Wie kann einer die Köstlichkeit der Lektüre inszenieren, ohne unschmackhaft zu wirken? Wo beginnt das Aufhören?

Der Leser als Don Juan, die Lektüre als Frauenzeit. Der Sinn des Lesens: die Flucht von einer Bedeutung zur anderen, von einem Kapitel zum andern, von einer Frau zur anderen. Frauenzeit – das begriffliche Ärgernis für den Interpreten: Zeit für Frauen oder Zeit der Frauen? Dem verweisenden Schweigen des Autors kann man da nicht entkommen.

Mit der ersten Zeile, die der Textkonsument vereinnimmt, mit dem ersten Wort, das der ergründende Blick in seiner Interpretationssucht in Ansturm nimmt, steht er mitten drin in einem zwingenden Kontext. Allein der Gedanke, diesen zu verlassen, macht ein extremes Wagnis aus. Hat der Leser den Text erst einmal angeblickt, so ist es seine Pflicht, sich ihm zu stellen. Worauf wohl nicht nur der Akt des Lesens, sondern auch der Akt des Schreibens zurückzuführen ist.

    Ebensowenig wie Handkes Don Juan etwa an sich ein Schürzenjäger sei, hat es der Schriftsteller als Urheber einer gelebten Fiktion schlechthin auf das Erschaffen von Textwelten abgesehen. Es wird hier mit Hintergrundwissen gespielt, das auf der einen Seite zwar vorausgesetzt, auf der anderen Seite jedoch aufgehoben, weil relativiert und den ausgesprochenen auktorialen Manipulationsstrategien der Rezeptionsgestaltung untergeordnet wird.

Don Juans Identität stellt ein in sich geschlossenes Konstrukt dar, dessen unabdingbare Authentizität schon in den ersten Seiten von einer erzählenden Stimme ausgerufen wird, die nicht dem Autor oder dem Text zu gehören scheint, sondern – ja wem denn sonst?
Nicht etwa ein Don Juan ist es nämlich, der da aus heiterem Himmel sozusagen in das Buch des kochenden Wörterfängers stürzt, der bei Paris schreibt. Es ist der Don Juan, das heißt der einzige, und somit der einzig wirkliche. Wer seine Abenteuer miterleben will, darf diesen eher befremdenden Anspruch vorerst nicht in Frage stellen.

    Eine einzige, allgemein-verbindliche Vision der Fabel soll es ins öffentliche Bewusstsein schaffen, wie als würde der als Konstante missinterpretierten Variabel Don Juan ein neuer Wert beigemessen, der an geschichtlich und/oder literarisch vermittelte Bezüge anlehnt. Dabei hat sie eigentlich in dieser Form nichts an sich, was man geschichtlich oder literarisch folgerichtig nachvollziehen könnte. Der Autor macht es seinen Kritikern schwer. Denn die Bezeichnung "Handkes Don Juan" verbietet sich strenggenommen angesichts dieser geschickt dezentralisierten Autoreferentialität des Textes.

Das bedeutungsproduktive Spiel mit Lust und Frust ist nicht jedermanns (und auch nicht jeder Frau) Sache. Deswegen kann man den Text einfach klassisch und romantisch und idyllisch und sogar zeitlich zeitlos nennen, wenn man so will. Die Kost, die einem hier vorgetragen wird, verträgt jedoch viele Möglichkeiten des Konsums. Dieser allerdings bleibt dem Leser vorbehalten. Daraus ergibt sich eine vielfach ansprechende, gleichsam unvermittelte Authentizität der wörtlichen Übertragung gelebter Befunde.

Es ist dies freilich auch ein Konglomerat von Sackgassen. Manchmal entsteht beim Lesen so der Eindruck, dass es überhaupt nicht mehr weiter geht. Durch Handkes Text aber kann man rückwärts laufen. Don Juan tut es jedenfalls.


Anmerkungen

(1) Osterkamp, Ernst. Held der erfüllten Zeit.
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 07.08.2004,
Nr. 182 / Seite 42

(2) Ortheil, Hanns-Josef . Don Juan trägt Trauer.
DIE WELT 31.07.2004

(3) Radisch, Iris. Ein Blick, der glücklich macht.
DIE ZEIT 12.08.2004 Nr.34


 

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