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Japan österreichisch?
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Eine Neuerscheinung von Wolfgang Hermann: "Das japanische Fährtenbuch"

Von Vasile V. Poenaru
(03. 02. 2004)


    Als Lektor an der Sophia-Universität in Tokyo hat der Autor Japan kennengelernt. Als Lektor seines Buches steht es jedem frei, die weite Fahrt mit anzutreten, die in ein Land führt, das wir nicht kennen. Ins Sagbare. Ins Unsagbare. In das poetische Zusammenspiel "linksgedrehter" und "rechtsgedrehter" Träume. Aus einer Offenheit der Aussenwelt, aus einer Offenheit der Innenwelt gegenüber kam dieses Werk zustande, dem sein Urheber das Attribut Werk abstreitet. Manchmal erwartungsgemäße, oft überraschende Fährten findet der Leser vor, hinterlässt der Leser, wenn die Betrachtungsperspektiven der zumutbaren Lektüre unter geschickter stilistischer Gewandtheit fingiert werden.

Es tut gut, sich an einem tüchtigen Stück Text über Japan zu vergreifen, in dem nicht gleich die ganze fernöstliche Philosophenkiste mit eingepackt wurde. Der Weg zu den Dingen geht manchmal an der Trompete vorbei. Auch in der Großstadt. Wer darum weiß, kann sich als Kultur vermittelnder Scout herumtun.

Ein Bild schießen. Sich ein Bild machen. Im Bilde sein: jedermanns Recht, doch nicht jedermanns Sache. "Wer hat ein Anrecht auf den Anblick? Wer sich sein Bild nicht nimmt, der verliert es an einen anderen." Wolfgang Hermann bringt eine Reihe von austauschbaren Fresken der Andersheit, die er sich gleichsam gedankenlos aneignet, ohne im eigentlichen Sinne danach zu greifen. Somit entsteht die Illusionen vom Text als unwillkürlicher Übertragung fremd seiender Befunde. Es ist ein Prozess der Verharmlosung dichterischer Kulissenarbeit, der bis ins Unterbewusstsein reicht.

     Die japanische Erschütterung spiegelt sich in den Bildern wieder, die einer daraus schöpft. Wir sind "eine Art Gestell, gekleidet mit Wind, Gras und einer Haut, die uns als Gefühl dient." Sie spiegelt sich in Fragen wieder. Wie kann einer von seinen Fährten in Japan berichten? Wie von den Fährten anderer? Wie darunter unterscheiden? Wie Japan verstehen? Oder gar sich selbst? Als unterrichtendes wie anregendes Palimpsest offenbahrt Das japanische Fährtenbuch denkbare Antworten zu diesen Fragen. Viele Erfahrungen wurden hineingeschmuggelt, viele Stimmen, viele Überlegungen und Emotionen, die denjenigen des Autors gegebenenfalls gleichen, aber nicht unbedingt.

Was haben Österreicher und Japaner gemeinsam? Die Liste wird immer kürzer. Der Autor schleicht sich an den japanischen Alltag heran, um ihn dem deutschsprachigen Leser gegenüber bloßzustellen: als das, was er nicht ist, aber sein könnte. Als das, was er nie war, doch wird.

Sein Text zeugt von exotischer Schärfe, von feinem Gehör, von Einfühlungsvermögen. Doch nein: Der Voralberger hat nicht zum Samurai metamorphosiert. Dabei übt er sich freilich im Bogenschießen, wie jeder Japaner, was im übertragenen Sinne des Wortes als sprachgewaltige Metapher seines Schriftstellertums gelten mag. Hier steht ein Autor, der den Sinn nicht treffen will, weil es zu gängig wäre, ein Autor, der gewissermaßen an dem Kaum-sein diskreter Gedankenzüge vorüberschießt, um es gerade dadurch in das Sein zu zwingen. Dies ist weder wenig noch viel. Es macht ein Paradigma des Buches aus, zu dem die Fährten führen: des Buches, das zu den Fährten führt.

     Wolfgang Hermann hat ein Auge für das Detail, für ungeahnte Wörter und vielsagend schwebende Bedeutungskonstellationen. Er hat ein Auge für dieses Land, ein – zielgerichtet – mal offenes, mal geschlossenes Auge. "Japan: wo die Dinge schweben (selbst ein Blick in eine Autowerkstatt bezeugt es.)"

Doch da steckt mehr drin. Wenn der Schriftsteller sich etwa selbst zum Detail wird, zu einem Detail, das er unter mühsamer Kleinarbeit fast unbemerklich in die geistige Landschaft der Andersheit integriert, dann findet ein perspektivischer Umschlag statt. Der inwendige Kampf des Einen mit den Vielen gestaltet sich zu einer unbarmherzigen Schlacht zwischen Personal- und Indefinitpronomen, zwischen Eins-sein und Meins-sein. Immer wieder wird die dramatische, mittlerweile tragische Situation des Ausländers vergegenwärtigt, der kulturelle Aufprall zwischen dem Fernen Osten und dem Nahen Österreich, dem nahen Reich im Osten. Große Worte erscheinen klein geschrieben: Gleichgültigkeit. Verzweiflung. Glück. Immer wieder werden Bedeutungen zerteilt, bis sie nichts mehr bedeuten. Und aus den vielen herumliegenden Semen einer Semantik des Selbst, das selbst nicht sein kann, werden Richtungsweiser hergestellt, angedeutet, mit Hilfe derer der Fährtenleser zur Fabel gelangt.

Erkenntnis und Selbsterkenntnis fließen derart ineinander, dass es schwerfällt, davon Notiz zu nehmen. "So kleinteilig wurde ich (auch von mir selbst) noch nie zerlegt, in Bestandteile, so klein, dass ich bisher nichts von ihnen wusste – bis ich nach Japan kam."

     Es geht um eine Gesellschaft, die gemustert wird. "Der Körper der Japanerin wie aus einem Guß, aus Polyäthylen". Die knappen Röcke, die kalten Blicke, das traute oder aber befremdende Versteckenspielen, die Radfahrer, der Gott des Konsums, die Höflichkeit, die Sterilität, das Kichern. Die alltägliche Bedeutung und die alltägliche Bedeutungslosigkeit. Und die Begierde, immer wieder Tabus anzugreifen, etwa das Tabu der Kommunikation: zischen dem vortragenden Gastprofessor und seinem Publikum, zwischen Land und Land, zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mann und Frau – die Andeutungen eingebettet ins Ungefähre. "Tief unten, in der noch regennassen Straße, der schmalhüftige Schritt einer jungen Frau."

Nüchternsein am Morgen, Sake abends. Der während des Beiwohnens eines Vortrags einschlafende Professor. Die Unvorstellbarkeit kontinuierlicher Diskurse. Der Preis der Liebe. Darüber hinweg, darin eingebaut, nein, dem zugrunde das Fährtenlesen:

"Der Schritt eines jeden wird geprüft, das Lot legt sich, ohne nachzulassen, an jeden Körperwinkel. Maße, Fadenkreuze, Blickfeuer. Durchwoben vom Puls des digitalen Auges."

      Mit beständiger Verzweiflung versucht der Autor am Zeitgeschehen jenseits der Zeit festzuhalten und dabei den Prozess des Schreibens an sich zu erkunden. Ungewissheit auch hier. Das erzählende Ich, das aufzählende, das nachzählende Ich scheint sich teilweise von einer Fabel zu lösen, die es stiftet, und diese Fabel irgendwie als Ärgernis zu empfinden. Das Gefühl, fehl am Platz zu sein. "Etwas steht still in ihm, seit er in Japan ist. Als müsste jemand anders für ihn dort weitermachen, wo er aufhörte."

Der Fluch der Entwurzelung:

"Auf den Straßen der japanische Städte bin ich – mit Ausnahme weniger alter Winkel – immer außen, in der Leere, der Unaufgehobenheit. Sehnsucht nach dem Geborgensein auf den Straßen im Bauch von Paris."

Japan ist weit. Wie weit? Ein Schriftsteller aus Bregenz erkundet es mit dem gemessenen (leicht nach vorn gebeugten?) Schritt des Gebirglers. Nein, mit einem Blick vom See. Nein, anhand der freigesetzten Mysterien interkultureller Bezüge. Weil da was war. Weil er was gesehen hat. Weil er da war. Anfang und Ende drehen ihn um Tun und Empfinden. Bewegungen werden vollführt, an denen möglicherweise Bedeutungen haften. Die Sätze gehen vorbei, und doch sitzen sie. "Und am Ende bemerke ich gestenloser Mensch, dass ich glücklich bin."


 

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