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Transcarpathica
Ein Germanistisches Jahrbuch in Rumänien

Von Vasile V. Poenaru


"In einem gewissen Sinne ist mein Weg noch einmal der Ihre, wie der Ihre beginnt er am Fuße unserer heimatlichen Berge und Buchen, es hat mich, den - um es mit einem Scherzwort zu sagen - 'Karpatisch Fixierten' weit ins Transkarpatische hinausgeführt..."

       Diese Zeilen schreibt Paul Celan 1962 an Alfred Margul-Sperber. Und darauf berufen sich volle vierzig Jahre später die Herausgeber von "transcarpathica", dem von der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) neulich ins Leben gerufenen rumänischen Jahrbuch für Germanistik, in dem es über fast vierhundert Seiten kreuz und quer durch die karpatische und transkarpatische Kulturlandschaft geht, allgemeiner: von Bukarest bis Temeswar und Jassy, von Budapest bis Wien, von Göteburg bis Cairo, von New Dehli und Istanbul bis Tübingen und Heidelberg, von Amsterdam bis Tarnovo und Porto. Die Vielfalt der Perspektiven geht in eine zusprechende Dynamik aktueller Auffassungen und Anschauungen ein.

Das Karpatische Fixierte weit hinaustragen ins Transkarpatische: eine sprachgewaltige Metapher, die sich (nicht nur) Karpatisch fixierte Germanisten des dritten Jahrtausends in Anlehnung an eine reichhaltige Tradition zu Herzen genommen haben. Der Titel deutet auf ein interkulturelles Selbsverständnis. Wie es zum Ausdruck kommt, zeigen Beiträge aus vielen Ländern.

Zugleich weist der Titel auf die bahnbrechende Zeitschrift Alfred Meschendörfers, "Die Karpathen" (1907-1914), hin, die sich gegen die Enge siebenbürgisch-sächsischer Kulturwahrnehmung und -produktion, für den Anschluß an die Moderne sowie für die Vermittlung verschiedener sich berührender Kulturen ausgesprochen hatte. (Bukarest, März 2003, Die Herausgeber George Gutu und Beate Schindler-Kovats)

     Unter der anspruchsvollen Redaktion der Bukarester Germanistin Ioana Craciun wird hiermit eine Sammlung bemerkenswerter Beiträge rumänischer und internationaler Germanisten dargeboten, die unter anderem eine Vielfalt von aktuellen Themen der Sprach- und Literaturwissenschaft angehen. Dadurch wird nicht nur über den Stand der Forschung im Karpatenland Rechenschaft gegeben, sondern vor allem auch die Frage der Selbstverständlichkeit einer rumänischen Germansitik sowie auch die breiter angelegte Frage der Auslandsgermanistik an und für sich gestellt. Das Verhältnis zwischen Inlands- und Auslandsgermanistik macht übrigens den in diesem Zusammenhang durchaus zweckmäßigen Schwerpunkt des Heftes aus.

Denn die rumänische Germanistik hat in den letzten zehn Jahren im weiteren Kontext der allgemeinen weltweit spürbaren Umwandlungen auf dem Gebiet der Germanistik überhaupt einen wesentlichen perspektivischen Umschlag mitgemacht: von der mitunter recht unterschiedlichen Erfassung ihrer Vergangenheit bis hin zum unabdingbaren Zusammenprall von Auslegungen und Definitionen im Hinblick auf die mutmaßliche Zukunft.

      Das Transkarpatische führt mitten hinein in ein Abenteuer des deutschen Wortes, ebenso wie das Transalpine. Karpatenland und Alpenland sitzen bei solchen interkulturellen Fragestellungen erstaunlich dicht nebeneinander, ja im wörtlichen Sinne Absatz gegen Absatz, was vielleicht kein Zufall ist. Zum siebenköpfigen wissenschaftlichen Beirat des Jahrbuchs gehören immerhin drei Österreicher: Wendelin Schmidt-Dengler und Peter Wiesinger aus Wien und Anton Schwob aus Graz. Die kleine Österreichische Literatur und die grosse Welt, heißt es etwa bei Wendelin Schmidt-Dengler. Selbstverständnis und Spezifik im internationalen Gespräch: Aus diesem Blickwinkel beleuchtet George Gutu die zahlreichen und bereichernden Spuren (auslands)germanistischer Forschung im Gegensatz zur gängigen Uniformisierung, der Einbahnstraße nach Deutschland.

Die rumänische Germanistik scheint die Identitätskrise der neunziger Jahre überwunden, oder besser gesagt beiseite geschafft zu haben. Es geht nun mit vollen Touren in die Auslandsgermanistik, und es geht bezeichnenderweise in erster Linie darum, die Auslandsgermanistik angemessen zu definieren, was schon fast zu einem kontinuierlichen Prozess geworden ist.

     Der rumänische Weg in die Auslandsgermanistik war nicht leicht, zumal dazu erst einmal eine Distanzierung etwa zur deutschen Inlandsgermanistik zustande gebracht werden musste, die bei vielen Germanisten in Rumänien nie recht existierte und nie recht angestrebt wurde. Die Frage der Standortbestimmungen bleibt offen, wenngleich in zum Teil sprachlich meisterhaft gesetzten und weitgehend einleuchtenden Erläuterungsparadigmen eingebettet.

Das Gespräch rund um die große deutschsprachige Welt wird mit bemerkenswertem Hintergrundwissen geführt. Markus Fischer etwa rückt wenig bekannte Zusammenhänge der germanistischen Tätigkeit in Ägypten in den Vordergrund seiner Betrachtungen zum Thema Inlandsgermanistik / Auslandsgermanistik, wobei er vor allem auf die Notwendigkeit einer – nicht zuletzt institutionellen – Internationalisierung hinweist. Anhand des vage umrissenen Begriffs Germanistik im Wandel stellt Antal Madl Aspekte einschlägiger gegenwärtiger Überlegungen nicht nur in Ungarn, sondern im gesamten süd- und süd-osteuropäischen Raum vor. Besonders plastisch werden die Schwierigkeiten bei der Positionierung der Germanistik am Beispiel Schweden in Edgar Platens Beitrag, "Auslandsgermanistik" oder "Germanistik in...", veranschaulicht. Wo endet ein Ausland und wo beginnt ein Inland (oder umgekehrt)?

     Ioana Craciun bringt erstaunlich durchdringend reflektierte Zusammenhänge in Tankred Dorsts Revolutionsdrama "Toller" zur Sprache: Poetik des Scheiterns, Ästhetik der unterhaltsamen Katastrophe integriert sprachwissenschaftliche, geschichtliche und philosophische Perspektiven in ein vorzüglich entworfenes Gesamtbild. Mihaela Zaharia befasst sich mit Goethes Farbenlehre zwischen Naturwissenschaft und Dichtung. Sorin Gadeanu erläutert den Zustand der gehobenen Fremdsprachlichkeit an den westrumänischen Kontaktprogrammschulen.

Der letzte Teil des Jahrbuchs ist den Buchbesprechungen gewidmet: von Arbeiten zur rumäniendeutschen Literatur und komparatistischen Betrachtungen rumänisch-österreichischer Interferenzen am Beispiel Kärntens und der Bukowina bis hin zu einer von Markus Fischer argumentationsreich und bildkräftig empfohlenen Studie des Bukarester Germanisten und Niederlandisten Gheorghe Nicolaescu zum Thema Georg Büchner und die metaliterarische Reflexion.
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