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Mein Lieblingsbuch?

Immerhin ein Lieblingsbuch: Good bye, Feyerabend
Bemerkungen zu Paul K. Feyerabends
Zeitverschwendung(1)

Von Thomas Sukopp
(19. 08. 2005)



Thomas Sukopp, M.A.,
arbeitet am Seminar für
Philosophie der Technischen
Universität Braunschweig.

 

Kontakt:
thomas.sukopp@gmx.de

 

Paul Feyerabend: Zeitverschwendung
Frankfurt am Main:
Suhrkamp, 1997

 

 

Feyerabend nahm viele Professuren an, "weil das Gehalt gut und die Lehrverpflichtung minimal ist." Eine Feststellung von entwaffnender Ehrlichkeit.

     Mein Lieblingsbuch im Sinne eines und nur eines Buches gibt es nicht. Sollte ich davon schreiben müssen, bliebe diese Seite leer. Aber ich kann eine kurze Liste von weiteren Kandidaten für Lieblingsbücher nennen: Die Blumen des Bösen (Baudelaire), dazu ist Baudelaire. Ein Essay (Sartre) sehr zu empfehlen, Gedichte (Kästner), Anmerkungen zu Hitler (Sebastian Haffner), Der Scherz (ein Roman von Milan Kundera) und Die Kunst des Romans (ebenfalls von Kundera und die einzige literaturtheoretische Schrift, die ich ohne größere Unterbrechungen zu lesen vermag), Per Anhalter durch die Galaxis (Douglas Adams), Geschichten vom Räuber Hotzenplotz (Otfried Preußler) und Tigerentengeschichten von Janosch.

Wo bleibt ein philosophisches Buch? – Das ist zu meiner Erleichterung nicht gefordert. Paul K. Feyerabends Zeitverschwendung kann ich trotzdem empfehlen. Und ich nenne gute Gründe, warum dieses Buch eine merk- und denkwürdige Autobiographie ist.

    Der Titel ist schon aus verkaufsstrategischen Gründen eher unvorteilhaft. Noch drastischer ist der Originaltitel: Killing time. Jeder, der Feyerabends Schriften liest, kann bezweifeln, ob der Titel ernst gemeint ist. Feyerabend war ein Meister der Ironie und Selbstironie. Das zeichnet ihn freilich noch nicht aus. Er war außerdem widersprüchlich bis zur Selbstzerrissenheit, ein faules Arbeitstier, ein von Tätigkeit erfüllter, leergepumpter Gelangweilter, ein impotenter(2) Frauenschwarm, der seine Frauen inklusive vierer Ehefrauen, denen er sehr oft treu war, nicht nur mit Worten verwöhnte (siehe dazu S. 114ff. im 7. Kapitel: Sex, Gesang und Elektrodynamik). Er kokettierte mit einem anarchistischen Revoluzzertum und gefiel sich in der Rolle als Elefant im Popperschen Porzellanladen, er schimpfte und polemisierte gnadenlos und konnte in mittelschweren Fußnotenschlachten eiskalt Übersicht und ausgezeichnete Argumentationsfähigkeit zeigen. Er beherzigte oft genug die Methoden, die er an Popper "und seinen Jüngern" verachtete (er nannte kritische Rationalisten wahlweise "Ratiofaschisten", die in den "Elendsquartieren der Wissenschaftstheorie" hausen oder "Zwergnasen des kritischen Rationalismus"). Poppers(3) Kokettieren mit seiner akademischen Bescheidenheit und mit seinem vermeintlich kritischen Ansatz bezeichnete er schlichtweg als "innerpositivistische Bierstubensauferei."

Feyerabend war oft aggressiv. Darauf muss man sich einlassen und einstellen, wenn man seine Schriften liest. Er schoss sich auf sein Steckenpferd, den kritischen Rationalismus, ein, den er nach eigener Aussage mit seinen Waffen schlagen wollte. Als Selbstschutz schiebt er immer wieder seine Selbstironie vor, auch in Zeitverschwendung. Dort stilisiert er sich als Künstler, der viel lieber über neue Theaterinszenierungen und Leistungen von Opernsängern (Feyerabend war ausgebildeter Sänger) berichtet(4) als über den Alltag eines Universitätslehrers. Feyerabend nahm viele Professuren an(5), "weil das Gehalt gut und die Lehrverpflichtung minimal ist." (S. 212) Eine Feststellung von entwaffnender Ehrlichkeit. Übrigens hatte sich Feyerabend lange auf den Beruf eines Universitätslehrers vorbereitet. Über seine Kindheit schreibt er: "Hin und wieder betrat ich den Hühnerstall, schloss die Tür hinter mir und hielt eine Ansprache an die Insassen, eine exzellente Vorbereitung auf meinen späteren Beruf." (S. 11)

 

 

 

 

Worum ging es diesem seltsamen Mann, der "ein großes Maul" hatte?

     Feyerabends Selbstironie schützt ihn vor falschem Pathos. Er schreibt lakonisch und witzig, es gibt viele Geschichten, die fast beiläufig erzählt werden, z.B. die Schilderung seiner Verwundung im 2. Weltkrieg: Es geschah "schließlich, dass meine Nachlässigkeit überhand gewann. Wieder einmal spielte ich den Helden und stellte mich auf eine Kreuzung, um den Verkehr zu regeln." (S. 74)

Was bietet das Buch noch? Es enthält ungewöhnliche Betrachtungen, wie Kriege Menschen verändern, Ratschläge für angehende Sänger, das tragische Verhältnis zu seinem Vater; es geht um physikalische Probleme, Ratschläge für (angehende) Liebhaber und mit bitterem Beigeschmack um die Kaltherzigkeit, die Feyerabend oft entgegengebracht wurde. Der Preis der Selbstironie und des lakonischen Stils Feyerabends ist, dass wir selten hinter seine Fassade blicken und zwischen den Zeilen lesen müssen. Worum ging es diesem seltsamen Mann, der "ein großes Maul" hatte? Um die Befriedigung seines hohen Freizeitbedarfes, den er auf Kosten weniger lästiger Verpflichtungen decken konnte? Nein, das ist längst nicht alles. Feyerabend war Humanist, der für eine freie Wissenschaft in einer möglichst menschenwürdigen Umgebung kämpfte. So problematisch seine Vorschläge auch sein mögen, dafür stand er ein.

 

Feyerabends Leben endete mit der unerfüllten Hoffnung, "jetzt lesen, in den Wäldern spazierengehen und mich um meine Frau kümmern" zu können.

     In den letzten Jahren spielten Probleme der Erkenntnis oder allgemeiner: wissenschaftliche Probleme, keine besondere Rolle. Feyerabends Leben endete mit der unerfüllten Hoffnung, "jetzt lesen, in den Wäldern spazierengehen und mich um meine Frau (Grazia Borrini Feyerabend, Anm. d. Autors) kümmern" (S. 241) zu können. Spätestens seit seiner vierten Heirat war menschliche Liebe zu einem wichtigen Problem geworden, nicht die sich zum abstrakten Prinzip erhebende Liebe, die man moralisch normiert verorten kann, weil das nur "Engstirnigkeit und Grausamkeit begünstigt" (S. 235), sondern "die Liebe, die Menschen aus ihrer begrenzten 'Individualität’ (herauslockt) … sie erweitert den Horizont und verwandelt jede Sache auf ihre Weise." (S. 235f.) Wenn er so redet, spürt man echtes Pathos, das den Menschen, der oft außer sich stand, mitten ins Leben trieb. Einige Wochen nach dem Ende des letzten Kapitels Fading away starb Paul K. Feyerabend.

 

 

Anmerkungen:

(1) Paul K. Feyerabend, Zeitverschwendung, übs. v. Joachim Jung, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1995, 250 S., 19.- €, ISBN 3-518-40693-0. Mittlerweile ist es auch als Suhrkamp-Taschenbuch (siehe oben) erhältlich. Hinter Zitaten aus Zeitverschwendung steht die Seitenzahl in Klammern.

(2) Feyerabend war gelähmt aufgrund einer Kriegsverletzung.

(3) Feyerabends Verhältnis zu Popper wandelte sich von einer Duzfreundschaft über eine argumentativ begründete Ablehnung zu einer Erzfeindschaft. Wie es dazu kam, weiß ich nicht. Hans Albert, langjähriger Freund Feyerabends, meinte auf Nachfrage, Feyerabend hätte Poppers Frau in einer Weise behandelt, die Popper nachhaltig verärgerte.

(4) Aber auch über Besuche von Catch-Veranstaltungen (Feigl war entsetzt, als Feyerabend ihn während einer seriösen Theateraufführung in eine dieser Veranstaltungen lockte).

(5) Zur Berufung an die ETH Zürich schreibt er: "Ich war überzeugt, daß die ETH mich auf keinen Fall nehmen würde. Aber ich hatte die Schweizer unterschätzt." (S. 212)

(Ausdrucken?)

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