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Kultur und Kunst kann so aufregend sein!"
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Franz Welser-Möst
im Interview
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Der Welser Stardirigent Franz Welser-Möst war im September mit seinem
Cleveland-Orchester (USA) auf Europatournee. Möst und sein Orchester hatten beim
Linzer Brucknerfest eine erfolgreiche dreitägige Orchesterresidenz. Das
Gespräch fand nach der Tour in Linz statt.

Das Interview führte Norbert Trawöger
(25. 10. 2006)


AM: Herr Welser-Möst, was ist für Sie Heimat?

Welser-Möst: Heimat hat für mich einerseits sehr viel mit Menschen zu tun. Vertraute Menschen, mit denen man sich umgibt, sind ein sehr wesentlicher Teil des Begriffs "Heimat". Je älter ich werde, und dies hätte ich vor 20 Jahren nie gesagt, desto mehr verbinde ich es auch mit dem Geografischen, dem "Woher" des eigenen Kommens. Es hat mit gewissen Vertrautheiten zu tun, die man als Kind erlebt hat. Man wird ja nicht umsonst in eine Familie hineingeboren. Ich erkenne auch immer mehr, dass man seine Wurzeln nicht abschneiden kann und sich damit auseinandersetzen muss. Je mehr ich in der Welt unterwegs bin, umso mehr sehne ich mich nach Oberösterreich. Meine musikalische Heimat ist aber das Cleveland-Orchester!

AM: Sie haben beim ihrem ersten Brucknerfest-Konzert eine fulminante "Fledermaus-Ouverture" als Zugabe gespielt. Was ganz nebenbei eine Lehrstunde für jene war, die behaupten, man müsse dieses walzerselige Austro-Idiom im Blut haben, um Johann Strauß zu spielen.

Welser-Möst: Ich glaube schon, dass ein Idiom in einer gewissen Gegend weitergegeben wird. Aber es ist nichts anderes wie das Erlernen einer fremden musikalischen Sprache. Um Italienisch zu lernen, bin ich nach Italien gegangen. Und genau so hat das Cleveland-Orchester diese Musik am besten von einem Österreicher gelernt. Man muss diese Musik einfach sehr ernst nehmen und kann diese auch präzise spielen, ohne dass dabei das Idiom verloren geht.

AM: Sie haben mit Ihrem Orchester Bruckners fünfte Symphonie in der Stiftsbasilika St. Florian gespielt. Wie haben ihre amerikanischen Musiker darauf reagiert?

Welser-Möst: Die Musiker waren alle in der Krypta und haben dort Bruckners Sarkophag besucht. Für das Orchester war diese "St. Florian Erfahrung" ein Riesenerlebnis und dies obwohl wir viel in wunderbaren Sälen wie etwa die New Yorker Carnegie Hall oder dem Wiener Musikverein musizieren. Nach den Konzerten sind viele Musiker, manche davon sind länger als 20 Jahre im Orchester, zu mir gekommen und haben mir gesagt, dass dies der absolute Höhepunkt ihrer bisherigen Musikerlaufbahn war.

AM: War es für Sie persönlich auch was Besonderes, mit Ihrem Orchester in Ihrer Heimat zu musizieren?

Welser-Möst: Für mich persönlich war es in der Beziehung zum Cleveland Orchester wichtig, den Musikern St. Florian zu zeigen. Allerdings sind Spitzenleistungen nur dann möglich, wenn man immer an die Grenze geht, egal wo. Wenn ich auf die Bühne gehe ist nur mehr die Musik wichtig!

AM: Wie sehen Sie die kulturelle Entwicklung in Europa?

Welser-Möst: Die abendländische Kultur hat ein wirkliches Problem. Dies sieht man auch immer mehr daran, wie wir uns anderen Kulturen gegenüber verhalten. Europa hat in vielen Bereichen zu schwächeln begonnen. Die letzten 30 Jahre haben wir uns vor allem durch Dekonstruktion identifiziert und präsentiert. Es geht mir darum, dass wir in unserer Zeit wieder lernen müssen, für etwas zu sein und nicht dauernd gegen etwas. Man kann sich nicht immer nur mit dem "Gegen-etwas-Sein" identifizieren. Ich will nicht gegen was, sondern für was sein. Wir haben ein wunderbares soziales Netz. Doch alles was man sich erarbeitet hat, muss auch erhalten werden. Gegen alles zu sein, erhält sicher nichts. Wir müssen dauernd hinterfragen was wir tun, damit es lebendig bleibt. Wir sind zu bequem geworden. Jeder, absolut jeder hat innerhalb einer Gemeinschaft, einer Gesellschaft eine Verantwortung, die er wahrnehmen muss. Es liegt nicht nur an der Politik. In der Kunst müssen wir endlich begreifen, dass wir einen riesigen Bildungsauftrag haben. Ich bin dafür, dass man die großartige Kultur, die wir haben, auch pflegt und in diese Pflege investiert. Den jungen Leuten besser begreifbar macht, wie aufregend Kultur und Kunst sein kann. Eine Bruckner-Symphonie kann ein unglaublicher Trip sein. Das Cleveland-Orchester hat ein Motto: Qualität und Leidenschaft wenn man diese beiden Dinge bringt, dann kriegt man jeden.


 

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