Odyssee im Weltraum
Olaf Stapledons "The Star Maker"

Die Science Fiction bloß als Unterhaltungsliteratur und als eine Form des
Irrationalismus zu betrachten, ist nicht unbedingt richtig. Olaf Stapledons "Star Maker"
beispielsweise ist eines jener Werke, das aufgrund seiner phantastisch-philosophischen
Elemente zwar zur Science Fiction gerechnet wird, aber doch viel mehr mit den großen
utopischen Romanen Orwells, Bradburys oder Huxleys zu tun hat als
etwa mit dem "Raumschiff Enterprise".

Von Franz Wagner


     Erinnern Sie sich noch, als William Shatner alias Captain Kirk sich einst mit der Enterprise auf den Weg machte, um Gott zu finden? Star Trek IV, "Am Rande des Universums", hieß dieser wohl schwächste aller Kinofilme innerhalb der Schöpfungen von Gene Roddenberry.
Für alle, die es bewußt verdrängt haben: Religiöser Fanatiker kapert Enterprise, bringt die Crew auf seine Seite und fliegt mit ihr ins Zentrum der Milchstraße, um dort dem Schöpfer höchstselbst gegenüberzutreten. Unglaublich, aber wahr: Der Mittelpunkt der Galaxie ist tatsächlich bewohnt, und es zeigt sich - ja was wohl: ein allzu-menschlich ergrauter Mittsiebziger mit Backenbart und finsterem Blick, als wäre er soeben dem AT entsprungen. Zuerst großes Erstaunen auf der Kommandobrücke! Dann jedoch die Enttäuschung: Wieder nix mit Gott. Im Gegenteil.

Was die Enterprise in ihrem naiven Glauben entdeckt hatte, war bloß einer jener langweiligen, verbitterten Außerirdischen, von denen es im Star-Trek-Universum ja geradezu wimmelt. Mit Donnerstimme verkündet das Alien der Mannschaft um Captain Kirk nunmehr sein erstes Gebot, von hier schleunigst zu verschwinden, oder ein Zornesausbruch auf höchster Ebene wäre ihnen gewiß. Um es aber kurz zu machen: Zuletzt ist Mannschaft und Schiff jenem Gott, der kein Gott war, knapp aber doch entkommen. Wie immer. War ja klar.

Daß allerdings der gesunde Menschenverstand bei solchen Abenteuern meistens auf der Strecke bleibt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Und nichts, aber auch schon gar nichts ist hier zu spüren von jenem ursprünglich romantischen, phantastischen Element, zu dem die Science Fiction in ihrer Anfangszeit eigentlich angetreten war, um viel interessantere und spannendere Welten und Zivilisationen zu beschreiben, als sie sich die Drehbuchautoren von Star Trek je hätten ausdenken können. Ja und warum eigentlich braucht es immer ein Raumschiff, wenn man IHN ausfindig machen oder zu anderen faszinierenden Abenteuern aufbrechen will? Muß es tatsächlich das "Flagschiff" einer interstellaren Raumflotte sein, das den ersten Kontakt herstellt? Geht es nicht noch eine Spur theatralischer? Schon Novalis wußte es besser:

"Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht. - Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft."

     Einer, der wie vielleicht kein anderer innerhalb der Science Fiction diesem Satz von Novalis in seinem Oeuvre gefolgt ist, und für den deshalb auch keine Raketen, Shuttles oder andere Vehikel notwendig waren, um das Universum zu bereisen, das ist der englische Science-Fiction-Autor und geniale Visionär Olaf Stapledon. Im Jahr 1937 brachte er die wohl bekannteste seiner von ihm so genannten "Zukunftshistorien" zu Papier: "The Star Maker" (dt.: Der Sternenmacher), die Geschichte eines Menschen, der sich von der Oberfläche der Erde erhebt, aufbricht in die Dunkelheit, den Kosmos erforscht, um zuletzt doch wieder nach Hause und zu sich selbst zu finden. Doch alles der Reihe nach.

Die Geschichte beginnt mit einer Wanderung. Ein Engländer - sein Name wird im Roman nicht genannt -, steigt aus einem Gefühl der Bitterkeit, "dem Erschrecken vor unserer Nichtigkeit, vor unserer eigenen Unwirklichkeit und nicht nur vor dem Wahnsinn der Welt", auf einen Hügel am Meer und erblickt von dort sein eigenes Haus, "die kleine Insel inmitten der reißenden und bitteren Strömungen der Welt". Dieses Haus und die Menschen die darin wohnen, insbesondere seine Ehefrau, ihre gemeinsame Stellung und ihr oft zwiespältiges und fragwürdiges Verhältnis zu sich und zu anderen Menschen, zur Stadt, zur Welt, zum gesamten Kosmos, dies alles wird für den Erzähler nun zum Zentrum und Ausgangspunkt seiner weiteren philosophischen Reise.

"Von neuem wurde mir der sonderbare Gegensatz zwischen den Sternen und uns deutlich bewußt. Die unermeßliche Kraft des Kosmos vergrößerte auf geheimnisvolle Weise den winzigen Funken, der unsere Gemeinschaft war, und die des gefahrenvollen Wagnisses der Menschheit. Und Menschheit und Funke ihrerseits belebten den Kosmos.
Ich setzte mich in das weiche Heidekraut. Über mir war die Dunkelheit in vollem Rückzug. Ihr auf dem Fuße folgten die befreiten Bewohner des Himmels, die Stern um Stern ihre Verstecke verließen. Auf allen Seiten verloren sich die schattigen Hügel und das eintönige Meer im Nichts. Der Habichtflug der Phantasie folgte ihnen, wie sie sich unter dem Horizont hinabneigten. Ich erkannte, daß ich mich auf einem winzigen Staubkorn aus Fels und Metall befand, das eine dünne Schutzschicht aus Luft und Wasser besaß und in Sonnenlicht und Dunkelheit dahinwirbelte. Und auf der Oberfläche dieses Körnchens hatten Generationen von Menschen ein Dasein der Arbeit und Blindheit geführt, hatten Zeiten der Freude und des geistigen Aufschwunges erlebt. Und ihre ganze Geschichte, ihre Völkerwanderungen und Reiche, ihre Philosophien, ihre stolzen Wissenschaften, ihre sozialen Revolutionen, ihr steigendes Bedürfnis nach Gemeinschaft waren nichts als ein kurzes Aufblitzen an einem Tag eines Sternenlebens. Wenn man nur erfahren könnte, ob es in diesem glitzernden Meer andere geistesbewohnte Körnchen aus Fels und Metall gab, ob die stümperhafte Suche des Menschen nach Weisheit und Liebe ein vereinzeltes und unbedeutendes Verlangen war oder den Teil einer universalen Bewegung bildete!" (S. 8/9)

Ab diesem Zeitpunkt wird der Wunsch für den Erzähler zur Wirklichkeit, und seine Vision, die ihn von der Erde in den Weltraum aufsteigen läßt, beginnt:

"Die Phantasie vervollständigte, was das bloße Auge nicht erkennen konnte. Ich blickte nach unten und schien durch einen transparenten Planeten durchzublicken, durch Heidekraut und solides Gestein, durch die versunkenen Friedhöfe vergangener Rassen und durch den geschmolzenen Basaltguß hindurch bis in den Eisenkern der Erde; von dort blickte ich weiter, scheinbar immer noch nach unten, durch die südliche Erdkruste und südlichen Ozeane und Länder, blickte durch die Wurzeln von Gummibäumen und die Füße der Antipoden, blickte durch ihr blaues, sonnendurchflutetes Tagesdämmern in die ewige Nacht hinaus, dorthin, wo Sonne und Sterne sich zusammenfinden. [...] Ich entfernte mich von meinem Heimatplaneten offensichtlich mit unglaublicher Geschwindigkeit. [...] Das Schauspiel vor meinen Augen war auf seltsame Weise bewegend. Staunen und Bewunderung ließen meine persönlichen Ängste schnell in Vergessenheit geraten. Die Schönheit unseres Planeten war überwältigend. Die Erde war eine riesige in Ebenholz gefaßte Perle. Sie schimmerte wie Perlmutt, wie ein Opal. Nein, sie war lieblicher als jedes Juwel. Sie besaß die Zartheit und den Glanz, die Kompliziertheit und die Harmonie eines lebendigen Wesens. Es war seltsam, daß ich gerade in dieser Entfernung die Gegenwart der Erde wie nie zuvor als die eines lebendigen Wesens empfand, das nur in Trance verharrt und sich tief im Innern nach dem Aufwachen sehnt. Es fiel mir auf, daß nichts an diesem himmlischen Edelstein auf die Existenz der Menschheit hindeutete. Wenn auch unsichtbar, erstreckten sich unter mir einige der überfülltesten menschlichen Siedlungszentren, die es gab. Dort unten lagen gewaltige Industriegebiete, die die Luft mit ihrem Rauch verpesteten. Und doch hatte das pulsierende Leben der Menschen, der für unsere Verhältnisse bedeutende menschliche Unternehmungsgeist diesem Planeten keinen Stempel aufdrücken können. Von hier aus hätte die Erde vor der Entstehung des Menschen kaum anders ausgesehen. Kein visitemachender Engel, kein Forscher von einem anderen Planeten hätte erkennen können, daß dieser sanftschimmernde Ball von Ungeziefer wimmelte, von herrschsüchtigen, selbstquälerischen, engelgleichen Ungeheuern." (S. 9 u. 13)

      Immer weiter entfernt sich der Engländer jetzt von der Erde, und trifft nach längerem Irrweg auf den ersten bewohnten Planeten, den er in seiner Terminologie die "Andere Erde" nennt. Was er dort erlebt, wirkt absolut fremdartig, aber auch seltsam vertraut. Der neue Planet ist nicht blau, sondern grün und von einer dichten Pflanzendecke überwuchert. Einige jener Wesen, von denen er bevölkert ist, scheinen allem Anschein nach sogar intelligent zu sein. Ihre Haut ist dunkelrot, der Kopf hat etwas von einem Fisch, aber trotz allem - zwei Arme, zwei Beine, Rumpf und Hals -, man könnte sie durchaus als typische aufrechtgehende Zweiflüßler bezeichnen - nicht unähnlich der Statur eines Menschen. Auch eine Sprache besitzen sie, und ebenso Werkzeuge und Maschinen, sie erziehen ihre Kinder und leben in einer sozialen Gemeinschaft.

Das Besondere an dieser Spezies und gleichzeitig der markanteste Unterschied zum Menschen, besteht jedoch in einer außergewöhnlichen Sinnesleistung, die das gesamte Denken, Fühlen und Handeln dieser "Anderen Menschen" bisher in einem Ausmaß geprägt hat, wie kein einziges Merkmal zuvor in deren Entwicklungsgeschichte: Denn was zum Beispiel würde passieren, wenn ein intelligentes Wesen sich nicht vornehmlich als "Augentier" definiert, so wie wir Menschen, sondern der Geruchssinn dessen stärkstes Sinnesorgan wäre, viel stärker noch als etwa das eines Hundes? Wie könnte sich unter dieser Voraussetzung das gemeinschaftliche Zusammenleben organisieren, wie würden diese Wesen die Welt sehen, die sie umgibt? Welche Konflikte könnten sich daraus ergeben?

Als der Engländer zum ersten Mal auf die "Anderen Menschen" stößt, fällt ihm sofort auf, daß die meisten von ihnen zwar recht spärlich bekleidet sind, daß sie aber trotzdem und ohne Ausnahme ihre Hände und Füße stets vollständig bedeckt halten. Nach einiger Zeit wird ihm klar, warum:

"Obwohl ihre Hörorgane für schwache Geräusche ziemlich empfänglich waren, konnten sie nur schlecht Lautunterscheidungen treffen, Musik, wie wir sie kannten, hatte sich auf diesem Planeten nicht entwickelt. Als Ausgleich entwickelten sich der Geruchs- und Geschmackssinn auf außerordentliche Weise. Diese Wesen schmeckten nicht nur mit ihren Gaumen, sondern auch mit ihren feuchten schwarzen Händen und ihren Füßen. Somit bot sich ihnen ein außerordentlich reichhaltiges und enges Erleben ihres Planeten. Der Geschmack der verschiedenen Metall- und Holzarten, der Geschmack saurer und süßer Böden und verschiedener Felsarten sowie die zahlreichen feinen und starken Aromen der Pflanzen, die unter bloßen Füßen zerdrückt wurden - dies alles eröffnete diesen Bewohnern eine Welt, die einem irdischen Wesen unbekannt war. (S. 33)

      Dem reisenden Engländer wird plötzlich klar, daß die Schuhe und Handschuhe der anderen Menschen als typisches Zivilisationsmerkmal zu verstehen sind, daß sie zur Unterdrückung aller zu intensiven Geschmackserlebnisse verwendet werden, um nicht wieder in jene frühere Phase ihres Lebens zu verfallen, welche offenbar von erbitterten Stammeskriegen um das "richtige" Aroma geprägt war. Was auf der "echten Erde" also zum Beispiel die "Hautfarbe" gewesen war, das ist hier mit dem "Aroma" eines "anderen" Menschen gleichzusetzen, von dem es gleichfalls mehrere Varianten gab, die fast immer als unvereinbar angesehen wurden. Um diese Unterschiede zu verdecken, um also völlige Gleichheit unter allen Rassen jener Welt herzustellen, mußten von nun an alle Hände und Füße von jeder aromatischen Empfindung ausgeschlossen werden. Keiner konnte jetzt mehr den anderen riechen. Und das war gut so, weil es die früheren Geruchskonflikte verhindern konnte.

Trotz allem aber waren viele mit dieser - vermeintlichen - Lösung nicht wirklich zufrieden, denn ganz konnte nie jemand seine Existenz als Geschmackswesen verleugnen. Im Laufe der Zeit rissen sich deshalb immer mehr jener "anderen Menschen" die Schuhe von ihren Händen und Füßen, um wieder Kontakt zu ihrer natürlichen Umgebung herzustellen, um die Welt wieder "schmecken" zu können. Freilich führte das oft auch zu heftigem Widerstand, und manche verstärkten sogar ihre geschmackliche Abschottung noch, um so zu "zivilisierteren" Wesen zu werden, und jeder, der dann ohne Handschuhe angetroffen wurde, war als Verräter an der Zivilisation enttarnt. Andere wiederum gaben sich heimlich den intensivsten Gerüchen hin, und fingen an, alle zu hassen, die es gewagt hatten, in der Öffentlickeit genau dasselbe tun zu wollen wie sie. Irgendwann waren die Spannungen jedenfalls unerträglich geworden, und auf das allgemeine Chaos folgte ein schrecklicher Krieg, der sich, so wie in den früheren Stammesfehden, wieder einmal um das "rechte" Aroma drehte, das ein "Mensch" haben müsse. Rassenhaß und Massenmord sind schließlich die Folge und Millionen sterben - eben zu dem Zeitpunkt, als der Erzähler Einblick in diese Welt gewinnt.

     Um diese grausame Erfahrung und um viele Aspekte der Einsichtnahme in eine fremde Kultur reicher, beschließt nun der Engländer, gemeinsam mit einem Kameraden im Geiste, den er telepathisch auf der anderen Erde kennengelernt hatte, seine Reise fortzusetzen, die "Andere Erde" wieder zu verlassen und neue, bisher unbekannte Erfahrungen auszuprobieren. Immer tiefer fliegt er nun in die Leere zwischen den Sternen hinein, um nach neuem Leben Ausschau zu halten - aber genauso nach einem neuen Verhältnis zum eigenen Leben; und immer weitreichender werden die Radien, mit denen er zu den entferntesten und seltsamsten Regionen des Raums und der Zeit aufbricht, um so schließlich auf Welten und Zivilisationen zu treffen, von denen jede komplexer und reichhaltiger, höher entwickelt und mit größeren Problemen behaftet zu sein scheint als die jeweils vorhergehende.

     Ohne auf weitere Details eingehen zu können, kann man jedenfalls sagen, daß Stapledon jetzt noch stärker als schon bei der "Anderen Erde" als ein ausgesprochen präziser Beobachter auftritt, der manchmal an der Fülle des zu erzählenden Stoffes fast scheitert - und scheitern muß, der vieles letztlich nur anreißen kann, was vielleicht breiteren Raum verdient hätte. Und doch stellt der Autor dann wieder Szenen vor, die außergewöhnlich lebhaft und mit einem Blick für das Wesentliche gezeichnet sind, oder auch diverse fremdartige Spezies, die in ihrer Vielgestaltigkeit und Raffinesse vielleicht nur noch von der Natur selbst übertroffen werden könnten. Fast grenzenlos scheinen Kreativität und fantastischer Gestaltungswille dieses Autors zu sein. Sehr gelegen kommt dabei dem Erzähler auch die Fähigkeit, als "körperloser Seh-Punkt" ("der Sport des körperlosen Fliegens zwischen den Sternen ist ganz gewiß die erhebendste aller athletischen Übungen") nicht nur beobachten zu können, sondern gleichsam das Vermögen zu besitzen, sich nach Belieben in die unterschiedlichsten Figuren, ja selbst in ganze Zivilisationen hineinversetzen zu können, um dann die Gedanken- und Gefühlswelt aller besuchten Wesen und Rassen nachzuvollziehen.

Genau hier aber spielt Stapledon seine zweite Stärke aus, nämlich die philosophische. Wo er vorher mit einer kräftigen Bildsprache arbeitet und anschaulich ins Detail geht, so versucht er jetzt eine Zusammenschau, und gibt einen Eindruck von den großen historischen, sozialen, religiösen und kulturellen Entwicklungslinien einer jeden der von ihm erzählten Zivilisationen. Was macht den idealen Staat aus? Wie kann eine Gesellschaft langfristig überleben, mit welchen archetypischen Problemen und Potentialen sehen sich Menschen und Aliens aller Rassen immer wieder konfrontiert? Wie kann der Einzelne in der Gesellschaft und wie die Gesellschaft mit ihren Individuen auf Dauer auskommen, was ist die ideale Form des (menschlichen) Zusammenlebens? Und vor allem: Wie und wohin wird sich die Menschheit bzw. das Leben im Kosmos ganz allgemein entwickeln?

Das alles sind Fragen, wie sie von den großen Utopisten wie etwa Platon ("Der Staat") oder Thomas Morus ("Utopia") aufgeworfen wurden, und die jetzt auch Stapledon aufgreift und zu beantworten sucht. Doch im Unterschied zu jenen ist die Konzeption Stapledons nie abgeschlossen oder als "Programm" vorgegeben. Der Autor bewertet nicht, er erzählt. Sein Held unternimmt eine Pilgerfahrt durch das Universum, eine Wanderung, die nicht an einem bestimmten Punkt zu Ende ist, um irgend eine letzte Wahrheit zu präsentieren. Was der Autor schon viel eher will, ist, einen Einblick zu geben in jedes einzelne aufgeführte Leben, sei es nun Mensch oder Alien, einen Eindruck zu bekommen von dessen Gedankenwelt und Leben - und noch mehr:

"Aber meine Furchtsamkeit wurde von dem Gefühl für die Gelegenheit überdeckt, die das Schicksal mir gab, die Gelegenheit, nicht nur die Weiten des physikalischen Universums zu erforschen, sondern zu erkennen, welche Rolle Leben und Geist zwischen den Sternen wirklich spielten. Ein großes Verlangen ergriff von mir Besitz, nicht ein Verlangen nach Abenteuer, sondern ein Verlangen nach Einsicht über die Bedeutung des Menschen und aller menschenähnlichen Wesen im Kosmos." (S. 17)

      Und dennoch schreibt der Autor auf den folgenden Seiten immer wieder von jenem "großen Abenteuer des Menschseins", welches zu ergründen er sich vorgenommen hat - und dies keineswegs allein im Rahmen einer sozialen, ethischen oder politischen Perspektive. Wer nämlich allem Leben im Kosmos in einer tieferen, philosophischen Perspektive auf den Grund gehen will - und genau das versucht Stapledon - , der muß auch jene "letzten" Fragen in den Sinn fassen können, die mit dem persönlichen und überindividuellen Sinn des eigenen Ich, und möglicherweise auch des gesamten Universums zu tun haben. Hat das Leben, hat all das, was uns umgibt ein inhärentes Ziel, und wenn ja welches?

Bevor diese Frage, die Frage nach dem "Sternenschöpfer", beantwortet werden kann, muß der in seiner Vision aufgestiegene Engländer allerdings noch ein paar Gefährten finden, die so wie er auf der Suche sind nach einem größeren und wahreren Verständnis der Wirklichkeit und von sich selbst. Und wirklich gibt es auf vielen der von ihm besuchten Welten andere Wesen, die so wie der Erzähler oder so wie "Bvalltu" -  der telepathische Freund von der "Anderen Erde" -, von dem Wunsch besessen sind, ihren bisherigen Horizont zu überschreiten und die Verantwortung eines neuen, größeren Denkens auf sich zu nehmen. Es sind Weisheitssucher und Wanderer wie er, die sich schrittweise mit ihm zusammentun und in einer gemeinsamen Vision von Welt zu Welt reisen, Wanderer, die mit jedem erlebten Schicksal ein wenig über sich hinauswachsen, sich gemeinsam unterstützen und wie in einem überirdischen Roadmovie als "Gang" durch die Galaxis ziehen, um irgendwann - das ist ihre Hoffnung -, dem "Sternenschöpfer" gegenüberzutreten, dem höchsten Ziel ihrer Reise, dem vermuteten Gipfelpunkt all jener Lebenserfahrung, die sie sich im Laufe ihrer "Pilgerfahrt" durch das Weltall angeeignet haben.

"Verstandesmäßig hegten wir keine Zweifel, daß der Kosmos sich selbst erhielt, daß er ein System darstellte, das keine logische Basis und keinen Schöpfer in sich duldete. Und doch verspürten wir in der physischen Gegenwart des Kosmos die physische Gegenwart jenes Mysteriums, das wir den Sternenschöpfer genannt haben; [...] Trotz allem wußten wir, daß der Kosmos als Ganzes unendlich weniger war als das gesamte Sein, und daß die Unendlichkeit des Seins jeden Moment des Kosmos durchdrang. Und mit unvernünftiger Leidenschaft strebten wir ständig danach, hinter jedes winzige Ereignis im Kosmos zu blicken, um seine Unendlichkeit zu schauen, die wir in Ermangelung eines besseren Namens den Sternenschöpfer genannt hatten. Aber so sehr wir auch Ausschau hielten, wir fanden nichts. Obwohl uns in allem, im großen wie im kleinen, seine Gegenwart bewußt wurde, hielt uns gerade diese Allgegenwart davon ab, ihm konkrete Formen geben zu wollen. Manchmal schien er uns nur ein Symbol der Macht zu sein. Manchmal glaubten wir auch, er wäre die reine Vernunft, und der Kosmos stellte nur eine göttliche Mathematikübung dar. Manchmal schien uns die Liebe sein wesentlichstes Merkmal zu sein, und wir gaben ihm das Antlitz, das ihm die Christen im Kosmos verleihen. Aber gleichzeitig erschien er uns als eine unvernünftige Schöpfungskraft, als zugleich bildende und zärtliche und grausame Kraft, die nur danach strebte, eine unendliche Vielzahl von Wesen zu schaffen, die nur hier und da unter tausend Nichtigkeiten ein zerbrechliches Juwel hervorbrachte; [...] Aber wir wußten wohl, daß dies nur Fiktionen waren. Die erspürte Gegenwart des Sternenschöpfers blieb unbegreiflich, obwohl sie den Kosmos in zunehmendem Maße erleuchtete wie mit dem Glanz einer noch unsichtbaren Sonne während der Morgendämmerung." (S. 134)

      Immer höher und weiter entwickelt sich nun diese "galaktische Intelligenz" aus Sternenfahrern, und oft sind es gerade das bitterste Leid, die intensiv miterlebte Hoffnungslosigkeit und schicksalhafte Zerstörung so vieler besuchter Welten, die als Basis dafür einstehen können, die Bedeutung eines jeden Lebens, und sei es noch so unscheinbar oder bösartig, immer mehr schätzen zu lernen, nicht zu verurteilen, sondern zu verstehen, jeden einzelnen Lebensfunken in der Kälte und Starrheit des Weltraums als ein "Symbol kostbarer Schönheit" anzusehen.

Kaum merklich bewegen sich währenddessen die Sternfahrer auf ihrer Reise immer weiter in die Zukunft, und irgendwann fällt ihnen auf, daß sie in der Zwischenzeit schon ganze Äonen zurückgelegt haben müssen. Und so ereignet sich zuletzt das Unvermeidliche. Irgendwann haben selbst die größten Sterne ihren nuklearen Brennstoff verbraucht und alles Licht und alle Wärme im All beginnen zu erlöschen. Der allgemeine Tod, der absolute Stillstand, bricht über das Universum herein. In diesem Moment merkt die noch weiter gewachsene "galaktische Intelligenz", daß auch sie selbst, die Summe aller Lebenserfahrung des Kosmos, keine Aussicht mehr auf ein Weiterleben haben wird. Auch ihre Kraft schwindet zusehends. Doch jetzt kommt er doch noch, jener große Moment, für den Jahrmilliarden an Erfahrung gesammelt und ebenso viel an Hoffnung aufgebracht werden mußte: Der Sternenschöpfer!

"Natürlich nahm ich in diesem Moment den unendlichen Geist nicht mit meinen Sinnen wahr. Mit meinen Sinnen erfaßte ich nichts, was ich nicht bereits zuvor erfaßt hatte. Aber durch das Medium, das ich in diesem Buch als Telepathie bezeichnet habe, wurde mir nun ein mehr nach innen gerichtetes Sehvermögen zuteil. Ich verspürte die unmittelbare Gegenwart des Sternenschöpfers. [...] Der Ursprung und das Ziel alles Seins wurde mir in seiner Verschiedenheit vor meinem bewußten Ich enthüllt; und doch schien es mir, als müßte letzten Endes ich der Sternenschöpfer sein, und doch war er wieder so unendlich mehr als ich. [...] Dürr und trivial sind diese Worte. Doch nicht das Erlebnis. Im Angesicht dieser Unendlichkeit, die tiefer lag als meine tiefsten Wurzeln und höher reichte, als ich jemals zu schauen hoffte, wurde ich, der kosmische Geist, die Frucht aller Sterne und Welten, von dem Schrecken eines Wilden ergriffen, der zum erstenmal in seinem Leben ein Gewitter erlebt. Und während ich vor dem Sternenschöpfer zurückwich, wurde mein Geist von einer Flut von Vorstellungen überschwemmt. Die fiktiven Gottheiten aller Rassen und aller Welten versammelten sich erneut um mich, Symbole höchster Majestät und Sanftheit, erbarmungsloser Macht und blinder Schöpfungskraft und allumfassender Weisheit. Und obwohl diese Vorstellungen nichts als Phantasien geschaffener Gehirne waren, schien es mir, als verkörperten sie etwas von der wahren Gestalt und Wirkung des Sternenschöpfers auf seine Kreaturen." (S. 218)

      Man möchte meinen, daß nach solch einer letzten Vision, die insgesamt mehr als 30 der 255 Seiten des Buches in Anspruch nimmt, eigentlich alles zu Ende sein müßte. Aber es wäre nicht Stapledon, würde er sich in seiner unvergleichlich dialektischen Art nicht einen ganz besonderen Schluß einfallen lassen. Ähnlich wie bisher, wenn es der Erzähler gewohnt war, eine These mit vielen Worten ebenso emphatisch wie kunstvoll aufzubauen, nur um sie dann mit einem kraftvoll hingeworfenen "Nein!" sofort wieder zu relativieren, so geschieht es auch jetzt. Von jener mystischen Vision einer "hyperkosmischen Realität" des Sternenschöpfers geht es nun wieder nach Hause, zurück zum Ausgangspunkt, der Erde, zurück zum kleinen bescheidenen Haus und seiner Ehefrau, zum Hügel am Meer über der Stadt, von dem aus er ursprünglich aufstieg, um eine außergewöhnliche Reise zu tun. Denn jetzt gilt es, all diese Erfahrungen, die von dem "galaktischen Geist" gesammelt worden waren, dessen Teil er gewesen war, in das reale Leben zu überführen. Mag man auch noch so viel an theoretischer Weisheit studiert und empfunden haben, was wirklich zählt, ist das Hier und Jetzt, der unscheinbare und doch so wichtige Alltag.

"Ich saß [wieder] dort  im Heidekraut. Plötzlich schauderte ich vor den Abgründen zurück, die sich auf allen Seiten um mich und in der Zukunft auftaten. Die schweigende Dunkelheit, das formlose Unbekannte waren entsetzlicher als alle Schrecken, die die Phantasie bisher gemeistert hatte. Der Geist blickte voraus und sah keine Sicherheit, sah nichts Greifbares, außer vielleicht der Ungewißheit selbst; nichts als Dunkelheit, die in einem Irrgarten aus Theorien mündete. Die Wissenschaft des Menschen war ein einziger Zahlennebel; seine Philosophie ein Nebel aus Worten. Seine Anschauungen von diesem felsigen Korn und all seiner Wunder waren verlogen und wankelmütig. Selbst das Ich, dieses scheinbare Zentrum, war ein so trügerisches Phantom, daß auch die ehrlichsten Menschen ihre eigene Aufrichtigkeit in Frage stellen mußten. Und unsere Treue! So selbstverachtend, so falsch informiert und falsch verstanden! Und selbst unsere intimste Liebe mußte als blind und selbstbezogen verdammt werden. Und doch? Ich schaute auf unser Fenster. Wir waren zusammen glücklich gewesen! Wir hatten dort unten unsere geschätzte Gemeinschaft gefunden und damit den einzigen Felsen in all diesem Wirrwarr geschaffen. Und dies, nicht die astronomischen und hyperkosmischen Unermeßlichkeiten, nicht einmal das planetarische Korn, dies, dies allein war der feste Grund des Seins." (S. 218)

     Aber auch hier setzt der Erzähler keinen letztgültigen Schlußpunkt, denn die eigentliche Bewährunsprobe steht noch aus. Es ist der drohende zweite Weltkrieg, auf den Stapledon schon 1937, zur Zeit der Abfassung des Buches also, in klarer Voraussicht der kommenden Geschehnisse hinweist und sich fragt, ob und wie man die Kraft und den Mut aufbringen kann, in einem Zeitalter leben und überleben zu können, "in dem endlose Krisen zahlreiche schwerwiegende Entscheidungen fordern und keine einfachen oder vertrauten Prinzipien mehr stimmen wollen." Wie also wird dieser persönliche Kampf des Erzählers ausgehen, wird ihm die Erfahrung so vieler Welten und Zivilisationen helfen, ja die Erfahrung des Sternenschöpers selbst, um genug Kraft und Phantasie aufbringen zu können, damit jenen "erbarmungslosen Mächten der Dunkelheit" widerstanden werden kann?

"Überall herrschte Verwirrung, der Sturm nahm zu, riesige Wellen, die unseren Felsen unter sich begraben wollten. Und überall im dunklen Chaos Gesichter und flehende Hände, kaum sichtbar und schon verschwunden. Und die Zukunft? Die Zukunft war dunkel angesichts des sich erhebenden Sturmes des Weltenwahnsinns..." (S. 251)

Vielleicht sollte ich zum Schluß noch erwähnen, daß "The Star Maker" (wenn man von den klassischen utopischen Romanen wie jenen von G. Orwell und H. G. Wells, Aldous Huxley oder Ray Bradbury einmal absieht) von einer Expertenjury, der u.a. Autoren wie Jean Amèry angehörten, zum besten Science-Fiction-Roman aller Zeiten gewählt wurde. Heute allerdings sind alle seine Bücher, zumindest diejenigen in deutscher Ausgabe, restlos vergriffen, und auch der Autor ist selbst in Science-Fiction-Kreisen kaum mehr bekannt.


Literatur:

- Olaf Stapledon: Der Sternenmacher. München: Wilhelm Heyne Verlag, 1969.

- Curtis C. Smith. Olaf Stapledons Zukunftshistorien und Tragödien. In: Science Fiction. Theorie und Geschichte. Hg. von Eike Barmeyer. München: Wilhelm Fink Verlag, 1972, S. 275-292.


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