...

Wenn auch nicht jeder Jude Jude ist,
wie Schönberg sagt, so kommt doch kein
einziger Jude um die Tatsache herum,
daß er Jude ist (meine eigene Erfahrung).

(I. Kertész)

I. Jüdisches Leben in der Reichs-, Haupt- und
Residenzstadt Wien


 
1. Die Monarchie und ihr Zentrum am Vorabend der Katastrophe (Eine kurze Einführung)


Wenn in dieser Arbeit von Österreich die Rede ist, dann meint dieses Österreich nicht die Grenzen der heutigen Republik, sondern die westliche Reichshälfte der Monarchie, die offiziell Cisleithanien hieß, sich aber wie die gesamte Österreichisch-Ungarische Monarchie „mündlich Österreich rufen„[1] ließ. Dieses Österreich der Monarchiezeit wurde nach den Weltkriegs-katastrophen des 20. Jahrhunderts gerade in den ersten Jahren der Zweiten Republik vielfach verklärt, als das glänzende Österreich beschrieben, in das man sich nach 1945 nur allzu gerne flüchtete, um die jüngere Vergangenheit nicht bewältigen zu müssen. Während die Politik und Medienlandschaft mit dem „Habsburgermythos„ unverwirklichbaren Großmachtsphantasien nachspürten, gab es in der späteren Nachkriegsliteratur, namentlich bei Ingeborg Bachmann, eine subtile Sehnsucht nach der geistigen und literarischen Größe der Monarchie, die man als neue, alte Heimat ersehnte.[2]

Wie sah diese Monarchie aber in den Jahren vor dem Zusammenbruch tatsächlich aus? Welche Strukturen lassen sich feststellen? Und welche Rolle spielte Wien, das geistige und kulturelle Zentrum des Vielvölkerreiches?

Die österreichische Vorherrschaft im Deutschen Bund war mit der Niederlage gegen Preußen im Jahre 1866 zu Ende gegangen. Ein Jahr später folgte der für die Zukunft der Monarchie ausgeprochen bedeutungsvolle Ausgleich mit Ungarn, der den Staat in eine österreichische    (= cisleithanische) und eine ungarische (= transleithanische) Reichshälfte teilte. Die beiden Hälften waren von nun an lediglich durch die gemeinsame Dynastie, gemeinsame Finanz- und Heeresangelegenheiten sowie eine einheitliche Außenpolitik verbunden.[3] Ungarn mochte mit dem Ausgleich fürs erste ruhiggestellt sein, dafür hatten die anderen Nationalitäten umso mehr Grund, sich einmal mehr übergangen zu fühlen.

Aus allen Geschichtsdarstellungen über die späte Monarchiezeit geht als zentrale Konfliktlinie des Staates das Nationalitätenproblem hervor.[4] Der Vielvölkerstaat zeichnete sich höchstens kulturell durch seine nationale Vielfalt aus; politisch und sozial glich er einem Sprengkörper, der nur noch gezündet werden mußte. Daran war freilich die auch vom Herrscherhaus auf-rechterhaltene Hegemonie der Deutschen schuld.

Der ständige Streit um Rechte und Vorrechte der Deutschen, Tschechen, Italiener, Polen, Ruthenen usw. sorgte auch dafür, daß das Parlament praktisch arbeitsunfähig war. Es war selbst der übernational ausgerichteten Sozialdemokratie nicht möglich, eine Aufspaltung der Partei in nationale Gruppierungen zu verhindern.[5]

Österreich-Ungarn kann nach Ernst Hanisch als konstitutionelle Monarchie beschrieben werden, „die auf dem Weg zur parlamentarischen Monarchie stecken und mit vielen feudalen und absolutistischen Einsprengseln behaftet blieb„[6]. Das Zentrum der Staatsidee lag nicht beim Parlament, sondern beim Herrscherhaus. Der Kaiser befehligte die Armee, bestimmte die Außenpolitik, ernannte und entließ die Regierung, berief den Reichstag ein, war also das Zentrum der Macht. Die Regierung war dem bereits zu Lebzeiten zum Mythos gewordenen Franz Joseph weit mehr verantwortlich als dem Parlament.[7]

Die Wirtschaft hatte sich nach der Weltwirtschaftskrise von 1873 gegen Ende des Jahrhunderts wieder erfangen und wuchs zwischen 1895 und 1912 sogar um 3,3 %.[8] Ihre Strukturen waren aber im Vergleich zu Westeuropa und Deutschland stark rückständig: der traditionelle Sozial-protektionismus, eine starke antikapitalistische Grundstimmung und die vorsichtige Industrie-politik der Banken hatten dem Modernisierungsprozeß gewichtige Schranken entgegen-gestellt.[9] Der Absturz des Liberalismus ins politische Niemandsland bildete den Ausgangs-punkt für die politische Lagerbildung, die sich dann in der Ersten Republik fortsetzen sollte. Deutschnationale, Christlichsoziale und Sozialdemokraten gewannen im Zuge der auch in Österreich nicht aufzuhaltenden Demokratisierungstendenzen immer rascher an Bedeutung.

Das Zentrum der Monarchie war zweifellos Wien: hier waren nicht nur Macht, Prestige und Luxus zu Hause, hier lebten 1910 rund zwei Millionen Menschen (von insgesamt etwas über 28 Millionen in Cis- und ca. 51 Millionen in Transleithanien[10]), hier gab es mit der Wiener Moderne einen oder vielleicht sogar den kulturellen Höhepunkt in der österreichischen Geschichte. Wien war auch fast ständiger Aufenthaltsort von Karl Kraus, der als Dreijähriger mit seinen Eltern und Geschwistern aus Böhmen gekommen war. Gerade das Werk des Karl Kraus ist eng mit der Stadt Wien verbunden. Unzählige Glossen und Artikel in seiner Fackel haben die Mißstände der Wiener Gesellschaft zum Thema und lesen sich zusammengenommen wie ihr - natürlich von Kraus stark zugespitztes - Sittenbild.

Die damalige Haupt- und Residenzstadt wurde gerade in den 1980er Jahren, ausgehend von einer bahnbrechenden Untersuchung Carl E. Schorskes, wegen ihrer Hochkultur gerühmt.[11] Namen wie Freud, Wittgenstein, Mach, Mahler, Schönberg, Schnitzler, Hofmannsthal, Klimt, Kokoschka usw. verweisen tatsächlich auf eine unglaubliche künstlerisch-intellektuelle Vielfalt. Dieses Wien der Jahrhundertwende war aber nicht nur eine Hochburg modernen Denkens und künstlerischen Empfindens. Sie war auch die erste Metropole Europas, die von einem offen antisemitisch auftretenden Bürgermeister verwaltet wurde. Den prachtvollen Bürgerhäusern der Innenstadt standen die elenden Wohnverhältnisse des Proletariats in den Vorstädten gegenüber. Der äußere Glanz adeliger Zeremonien und bürgerlicher Weltoffenheit verdeckte nur mühevoll die schwere Identitätskrise eines bereits vom Zerfall gezeichneten Großreiches.[12] Nicht umsonst sprach Karl Kraus von der „Versuchsstation des Weltuntergangs„[13].

 
2. Definitionsprobleme: Wer ist Jude? Was versteht man unter Judentum?


Wer eine Arbeit über Karl Kraus und das Judentum schreibt, muß zunächst klären, was unter dem Begriff ‘Judentum’ bzw. ‘Jude’ zu verstehen ist. Man ist vor die Frage gestellt, ob das Judentum nun eine religiöse Gemeinschaft, kulturelle Einheit oder ethnische Gruppe ist.[14] Selbst im Ausstellungskatalog zu der vom 25. Oktober 1996 bis 16. Februar 1997 im Jüdischen Museum Wien gezeigten Ausstellung „JudenFragen - Jüdische Positionen von Assimilation bis Zionismus„  wird darauf hingewiesen, daß es keine eindeutige Definition gibt:

"Die von Flusser erklärte Unmöglichkeit, Judentum zu klassifizieren, ist Thema - nicht Ziel - der Ausstellung 'JudenFragen'. Diese Unmöglichkeit spiegelt sich, so paradox es klingen mag, gerade in der ungeheuren Bandbreite wider, die gewählt wurden und werden, um ‘Jüdisch-Sein’ zu definieren. Denn nie waren die Facetten jüdischer Existenz so zahlreich, die Möglichkeiten der eigenen Positionierung als Jude so mannigfaltig wie in den letzten hundert Jahren.„[15]

 

Es kann hier also nicht darum gehen, die bislang fehlende Definition des Judentums zu liefern. Vielmehr soll eruiert werden, was im 19. und frühen 20. Jahrhundert unter Judentum / Jude- / Jüdisch-Sein verstanden wurde bzw. wer als Jude galt. Es ist schließlich hier von Karl Kraus die Rede, der als Sohn einer jüdischen Mutter nach der religiösen Definition des Judentums Jude war[16], sich aber im Oktober 1899 offiziell von der jüdischen Gemeinschaft lossagte.[17] Obwohl Kraus bis 1911 offiziell konfessionslos war, dann trat er für knapp zwölf Jahre der katholischen Kirche bei, galt er vor allem bei seinen Gegnern - Juden genauso wie Nichtjuden - weiterhin als Jude. Es war eines jener seltsamen Charakteristika dieser Gesellschaft, daß Juden trotz offizieller Lossagung vom Judentum im öffentlichen Bewußtsein Juden blieben. Die jüdische Herkunft eines Menschen wurde erst im Laufe von Generationen vergessen.[18] Das lag natürlich auch am neuen Rassismus, der als pseudowissenschaftliche Methode den Welt-erklärungsanspruch stellte. Für die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommende rassische Definition des Judentums spielte die Religionszugehörigkeit keine Rolle mehr: Jude-Sein wurde zum biologischen Kriterium. Die Grundlage für den rassischen Antisemitismus hatte Joseph Arthur Comte de Gobineau mit seinem dreibändigen Essai sur l’inégalité des races humaines (1853-55) geliefert, in dem er die Rasse als bestimmendes Element der Geschichte beschrieb.[19] Die Bestimmung des Juden nach rassischen Kriterien war zweifellos im 19. und frühen 20. Jahrhundert noch nicht vorherrschend, man erinnere sich nur an den viel-zitierten Ausspruch Karl Luegers: „Wer ein Jud’ ist, bestimme ich.„[20], der andeutet, wie willkürlich die Zuschreibung zum Judentum in dieser Zeit war, der aber auch schon den zynischen Opportunismus des Wiener Antisemitismus aufzeigt. Die rassische Definition des Jude-Seins erhielt erst mit dem Machtantritt der NSDAP und den 1935 erlassenen Gesetzen, dem „Reichsbürgergesetz„ und dem „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre„ [21] - gemeinhin als „Nürnberger Gesetze„ bekannt - jene entscheidende, traurige Bedeutung, die Millionen Menschen das Leben kostete.

In der hier behandelten Zeit war die gerade in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahr-hunderts oft thematisierte ‘jüdische Identität’[22] eine äußerst ungenaue, was für Menschen jüdischer Herkunft wie Kraus die unangenehme Konsequenz hatte, immer wieder als Jude zu gelten, wenn Kritikern danach war. Der Jude war im Wien der späten Monarchiezeit für bestimmte Schichten an allen Übeln der Moderne schuld, ein Sündenbock par excellence.[23] Der Ausdruck ‘Jude’ war gegen Ende des 19. Jahrhunderts und bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gerade im öffentlich-politischen Diskurs keine sachliche, wertneutrale religiöse oder ethnische Bezeichnung, sondern in erster Linie ein Schimpfwort. Davon geben die legendären, ordinär-markigen Aussprüche des christlichsozialen Abgeordneten Hermann Bielohlawek noch heute Zeugnis. Im Jahre 1907 meinte er: „Kultur ist, was ein Jud’ vom anderen abschreibt.„[24] Bielohlawek mag mit seinen derben, antiintellektuellen Sprüchen ein Sonderfall der österreichischen Politszene gewesen sein, aber auch weniger grobe Gemüter wie der spätere Bundeskanzler Julius Raab schlossen sich diesen Redeweisen an. 1930 schleuderte Raab, damals niederösterreichischer Heimwehrführer, dem Sozialdemokraten Otto Bauer das Wort „Saujud!„ entgegen.[25] Das Wort „Jude„ hatte gerade in christlichsozialen und deutsch-nationalen Kreisen eine betont negative Konnotation.

Man kann davon ausgehen, daß Leute wie Bielohlawek und Raab keine Einzelfälle waren. In Arthur Schnitzlers Roman Der Weg ins Freie, der die Problematik der jüdischen Identität um die Jahrhundertwende eindrucksvoll darstellt, erzählt der jüdische Arzt und Abgeordnete Doktor Stauber von einem Zwischenfall im Parlament, der darüber Auskunft gibt, daß in bestimmten Kreisen die jüdische Herkunft eines politischen Gegners ausreichte, um sich einer sachlichen Argumentation zu entziehen:


„‘[...] Und was das kräftigste Argument einer gewissen Sorte von Staatserhaltern gegen meine Ausführungen war, können Sie sich ja denken, Herr Baron.’

‘Nun?’ fragte Georg.

‘Jud, halt’s Maul’, erwiderte Berthold [Stauber] mit schmal gewordenen Lippen.

‘O’, sagte Georg verlegen und schüttelte den Kopf.

‘Ruhig, Jud! Halt’s Maul! Jud! Jud! Kusch!’ fuhr Berthold fort und schien in der Erinnerung zu schwelgen.„[1]



Würde man die vielfältigen und zum Teil äußerst verworrenen Motive des Antisemitismus nicht kennen, würde man sich Ende des 20. Jahrhunderts darüber wundern, daß in der späten Monarchiezeit der Unterscheidung zwischen Jude und Nicht-Jude eine so große Bedeutung zukam. Der „Jude„ war nicht nur ein durch und durch negatives Schlagwort antisemitischer Politiker, die den traditionellen katholischen Judenhaß instrumentalisierten und mit modernen rassischen Motiven anreicherten, er war - natürlich auch durch die dialektische Wechsel-wirkung mit dem politischen Antisemitismus - das Feindbild weiter Teile der österreichischen Gesellschaft. Heute weiß man zwar um die tiefe Verwurzelung des Judenhasses in der öster-reichischen Volkskultur[27], dennoch überrascht die Tatsache, daß sich dieser ursprünglich religiös, aber im Grunde immer auch wirtschaftlich motivierte Haß auf eine Bevölkerungs-gruppe zum sozialen Bindemittel ausweiten konnte.[28] Selbst wenn die Juden im Handel, im Bankwesen und in den freien Berufen stark überrepräsentiert waren[29], entsprechende Sta-tistiken gibt es nicht, blieben sie im Wien der Habsburgerherrschaft eine klare Minderheit, die maximal 12 % der Gesamtbevölkerung umfaßte.


Die Juden in der Wiener Kultur und Gesellschaft: Ein statistischer Überblick


Tabelle 5:
Die jüdische Bevölkerung Wiens

Jahr                          insgesamt                Juden                        Prozentsatz

1869                         607.510                40.227                             6,6

1890                          827.567               99.441                             12,0

1890*                     1.364.548              118.495                              8,7

1910                      2.031.498              175.318                             8,6

 
*Diese Zahl beinhaltet die neuen Bezirke XI.-XX.
Quelle: Ivar Oxaal, The Jews of Pre-1914 Vienna: Two Working Papers (Hull 1981), S.60. zit. n. Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. S. 54.

Beller meint, daß es beinahe unmöglich war, das jüdische Problem zu ignorieren. In einem Reiseführer aus dem Jahre 1927 (Ludwig Hirschfeld: Was nicht im Baedeker steht: Wien und Budapest. München 1927.) ist davon die Rede, daß es eine Wiener Spezialität sei, als erstes über einen Menschen zu fragen, ob er ein „Jud’„ ist.[30]


Zurück zur Definitionsproblematik. Offiziell war das Judentum in Österreich-Ungarn seit 1867 eine rechtlich anerkannte Religionsgemeinschaft.[31] Der zunehmend von Nationalitätenkon-flikten bedrohte Staat definierte das Judentum verständlicherweise nicht als Nationalität, sondern wählte die für ihn weit weniger problematische Religion als Definitionskriterium. Damit griff der Staat nur auf jenes Kriterium zurück, das seit der Diaspora zum bestimmenden Element des jüdischen Volkes geworden war. Die Einheit des jüdischen Volkes mußte sich nach der Vertreibung aus Palästina förmlich über die metaphysische Einheit der Religion konstituieren. Es fehlten ein eigener autonomer Staat und eine gemeinsame lebendige Sprache; zudem waren Juden über ganz Europa und Vorderasien verstreut. Das Judentum war praktisch dazu gezwungen, sich über die Kultur des ethischen Monotheismus als Volk zu definieren. Die jüdische Gemeinschaft wurde aber nicht nur über das starke Band der Religion zusammenge-halten. Das bereits erwähnte Prinzip der Abstammung war für die Aufrechterhaltung des jüdischen Volkes noch wesentlicher. Jeder Nachkomme einer jüdischen Mutter galt auto-matisch als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft.[32] Insofern überrascht es heute nicht, wenn Karl Kraus auch für (religiöse) Juden immer Jude blieb. Für den deklarierten Hasser jener ‘modernen’ Werte und Lebensformen, die den Juden in dieser Zeit zugeschrieben wurden, war das alles andere als schmeichelhaft. Seine glänzende Satire Er ist doch ä Jud aus dem Jahre 1913 ist eine scharfe Abrechnung mit rassischen Zuschreibungen und jüdischen Gewohnheiten. Kraus hatte sich durch einen Leserbrief aufgerufen gefühlt, sein Verhältnis zum Judentum klarzustellen. Der Autor des Leserbriefes hatte sich darüber gewundert, daß die während der Vorlesung kräftig applaudierenden Juden, die Kraus in seiner Lesung „heftig angegriffen und kritisiert„ haben soll, schon in der Garderobe ausrufen: „Er ist doch ä Jud’!„[33]

Auch eine Stelle aus Arthur Schnitzlers Autobiographie Jugend in Wien deutet darauf hin, daß das Zusammengehörigkeitsgefühl der Juden zu einem ähnlichen Zwang für den einzelnen wurde wie der Antisemitismus:


„Es war nicht möglich, insbesondere für einen Juden, der in der Öffentlichkeit stand, davon abzusehen, daß er Jude war, da die andern es nicht taten, die Christen nicht und die Juden noch weniger. Man hatte die Wahl, für unempfindlich, zudringlich, frech oder für empfindlich, schüchtern, verfolgungswahnsinnig zu gelten. Und auch wenn man seine innere und äußere Haltung so weit bewahrte, daß man weder das eine noch das andere zeigte, ganz unberührt zu bleiben war so unmöglich, als etwa ein Mensch gleichgültig bleiben könnte, der sich zwar die Haut anästhesiren ließ, aber mit wachen und offenen Augen zusehen muß, wie unreine Messer sie ritzen, ja schneiden, bis das Blut kommt.„[34]

 

Wenn man ein zwanghaftes Zusammengehörigkeitsgefühl der Juden in dieser Zeit diagnosti-ziert, darf man natürlich nicht übersehen, daß der wachsende Antisemitismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts die wesentliche Ursache dafür war. Der sich bereits politisch in Szene setzende Antisemitismus mußte das Leben der Juden in jedem Fall beeinträchtigen. Unterschiedliche Reaktionsweisen waren die Folge: die Palette reichte von bewußter Zurück-haltung über Aufgabe der jüdischen Identität bis zu einer Rückbesinnung auf das Judentum.[35]

Obwohl der Antisemitismus einen erhöhten Anpassungsdruck erzeugte, darf das Fortbestehen einer „jüdischen Volksgruppe„ in Wien, wie es die amerikanische Historikerin Marsha L. Rozenblit genannt hat[36], nicht allein auf diesen zurückgeführt werden. Die neuere Forschung hat gezeigt, daß die durch die Emanzipation verstärkt einsetzende Assimilation der jüdischen Bevölkerung bestenfalls eine Akkulturation war[37], eine jüdische Gruppenidentität also in jedem Fall erhalten blieb, noch bevor der Antisemitismus über die Politik zunehmende Bedeutung gewann.[38]

 Es war die wohlgemerkt jüdische Philosophin und Historikerin Hannah Arendt, die in ihrem Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft mit der Theorie vom Juden als dem immer „passiven, leidenden Objekt christlicher Verfolgungen„ aufräumte.[39] Arendt machte darin deut-lich, daß der Mythos vom auserwählten Volk gerade von jüdischer Seite aufrechterhalten wurde, um sich von der nichtjüdischen Umgebung abzugrenzen.[40] Das Judentum wollte sich selbstverständlich als religiöse, ethnische, kulturelle und im Zeitalter des heraufziehenden Nationalismus auch zunehmend als nationale Gemeinschaft erhalten.

Über die Art und Weise des Fortbestehens einer jüdischen Gemeinschaft herrschte allerdings auch innerhalb des Judentums Uneinigkeit. Während die Vertreter der Haskalah, der jüdischen Aufklärung, die zunehmende Säkularisierung des Judentums und seine Öffnung hin zur deutschen Kultur forderten, sahen die orthodoxen Rabbiner darin einen Verrat am Volke.[41] Die innerjüdischen Positionen blieben von den Gesetzen und allgemeinen historischen Entwick-lungen der Staaten, in denen sie lebten, natürlich nicht unbeeinflußt. Die Haskalah gewann auch im österreichischen Raum, der damals auch Galizien und die Bukowina umfaßte, wo sehr viele Juden lebten, durch die Toleranzpatente[42] Josephs II. an Bedeutung. Die jüdischen Massen in Galizien und der Bukowina wehrten sich allerdings gegen die versprochene Gleich-berechtigung auf Kosten der eigenen Tradition. Herz Hombergs Versuche, die josephinischen Pläne in den östlichen Teilen der Monarchie umzusetzen, scheiterten am Widerstand der Bevölkerung.[43]

Über die Dialektik der Aufklärung ist viel diskutiert worden. In bezug auf das Judentum muß festgehalten werden, daß die österreichische und deutsche Variante der Aufklärung auf dem Weg zur bürgerlichen Gleichstellung bei der „Toleranz„ steckenblieb.[44] Der humanistische Gedanke von der Gleichheit der Völker und Religionen ging von der Überlegenheit der deutschen Kultur aus. Unter Emanzipation der Juden wurde die Befreiung vom Judentum verstanden.[45] „Die Aufklärung kam wiederum als Mission und wurde zwangsweise der traditionellen Kultur übergestülpt.„[46]

Joseph II. ging es mit seiner Toleranzpolitik aber nicht nur um die Vorherrschaft der deutschen Kultur. Sie war vor allem der Versuch, den Völkern ein österreichisches Staatsbewußtsein beizubringen. Gerade die vom „Diasporabewußtsein„ (Walz) geprägten Juden sollten für den Staat nutzbar gemacht werden. Wirtschaftliche Überlegungen standen dabei im Mittelpunkt.[47]

Die vom Staat forcierte Emanzipation, die den Juden 1867 die vollen Bürgerrechte brachte (nur aus der gehobenen Bürokratie, der Armeeführung und dem diplomatischen Dienst blieben sie weiterhin ausgeschlossen[48]), trug im späten 19. Jahrhundert ihre Früchte. Ivar Oxaal schätzt die Zahl der assimilierten Juden Wiens, also jener Juden, die sich tatsächlich vom Judentum gelöst hatten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf ungefähr 20.000. Das waren also rund 10 % der damals in Wien ansässigen Menschen jüdischer Herkunft.[49] Diese augenscheinliche Ten-denz zur Angleichung an die deutsche Kultur mag unter den radikalen Verfechtern einer eigenen jüdischen Kultur einige Aufregung verursacht haben.

Die oben genannte Zahl sagt aber noch nichts über die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Anpassung der Menschen aus, die sich offiziell zum Judentum bekannten. Die Forschung nimmt heute an, daß der Großteil der jüdischen Bevölkerung akkulturiert, aber eben nicht assimiliert war.[50] Die Juden lösten sich allmählich von ihren traditionellen Berufen und hielten sich immer seltener an die religiösen Riten. Die Betonung liegt dabei auf allmählich, weil dieser Prozeß langsam verlief und durch den wachsenden Antisemitismus zusätzlich gebremst wurde. Zudem sorgte die gerade während des Ersten Weltkrieges stark wachsende Zahl galizischer Juden dafür, daß das traditionelle jüdische Element auch in Wien wieder gestärkt wurde. Man geht heute sogar davon aus, daß es in Wien quasi zwei Judengemeinden gab: eine sogenannte westjüdische, die die zweite und dritte Generation der Wiener Juden umfaßte und deren Mitglieder den sozialen Aufstieg geschafft hatten; und die Gemeinde der „Galizier„ oder Ostjuden, die der traditionellen jüdischen Kultur verpflichtet war, deren Mitglieder aber oft erschreckend verarmt waren.[51]

Zwischen diesen beiden Gruppen herrschte ein starker Gegensatz. Für die assimilierten Juden waren die Ostjuden „ungeschliffen, schmutzig, unzivilisiert und kulturell rückständig„[52] und hatten nach ihrer Meinung auch einen nicht unbeträchtlichen Anteil am aufkeimenden Anti-semitismus. Die Gegensätze zwischen den westlichen „Krawattenjuden„ und den östlichen „Kaftanjuden„ steigerten sich bei manchen bis zur offenen Ablehnung, unter anderem auch in der Fackel:


„Der Zionismus mag eine weniger lächerliche Bestrebung sein [als die Pflege orientalischer Riten, wie der anonyme Autor die Rituale der jüdischen Religion nennt, Anm. M.M.], wenn er unter orien-talischen Juden propagiert wird oder seine Opfer aus dem Pfuhl galizischer Cultur direct nach palästinensischen Colonien verschickte. In Mittel-Europa bietet er das unerfreuliche Schauspiel, wie täppische Hände an dem 2000jährigen Grab eines entschlafenen Volksthums kratzen.„[53]

 

Ein paar Zeilen vorher war die oft zitierte Aussage gefallen: „Denn bei aller Achtung für die Gleichberechtigung jedes Glaubens: Orientalische Enclaven in europäischer Cultur sind ein Unding.„[54] Assimilationswillige Juden sahen den Prozeß der Assimilation durch diese „rück-ständigen„, fremden „orientalischen„ Bräuchen folgenden Ostjuden gefährdet. Eine neuerliche Ghettobildung sollte um jeden Preis vermieden werden.

Die bisherigen Ausführungen haben einen ersten Einblick in die Situation der Juden bzw. des Wiener Judentums am Vorabend des Ersten Weltkrieges gegeben. Es ist dabei auch klar ge-worden, daß es sich bei einer Beschreibung des jüdischen Lebens in Wien nur um eine An-näherung handeln kann. Zu unterschiedlich waren die Einstellungen der Menschen jüdischer Herkunft zum Judentum, zu vielfältig ihre Identitäten, um auf diesen wenigen Seiten eine klare Vorstellung von einem Wiener Judentum zu geben. Die sich daraus ergebenden Probleme, wer denn nun in einer Darstellung über das Wiener Judentum berücksichtigt werden soll und wer nicht, haben Historiker damit gelöst, die Herkunft als entscheidendes Kriterium zu betrach-ten.[55] Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht um einen ‘rassistischen’ oder gar juden-feindlichen Ansatz, sondern um den Versuch, jene im Detail oft wichtigen Spuren nicht zu verlieren, die durch die Emanzipation zusehends verwischt wurden. Die Loslösung vom Juden-tum, die bis zur Leugnung der jüdischen Identität reichen konnte, wird dabei ebenso als jüdisches Phänomen begriffen wie der Zionismus oder integrative Positionen. Gerade bei Untersuchungen zum jüdischen Einfluß auf das Wiener Kulturleben hat sich dieser Ansatz bewährt.[56]

In dieser Arbeit geht es nicht darum, ob Karl Kraus nun als ‘Jude’ durchgeht oder nicht. Kraus hatte einen jüdischen Hintergrund, wollte mit diesem aber nicht ständig konfrontiert werden. Er wehrte sich gegen die Tendenzen seiner Zeit, die der Frage nach der jüdischen Identität übertriebene, ja beinahe paranoide Bedeutung zukommen ließ. Kraus wählte in jungen Jahren unbeirrt den Weg der Assimilation; er wollte seine jüdische Identität vergessen. Die ihn um-gebende Gesellschaft sorgte jedoch dafür, daß ihm das nicht gelingen konnte. Die daraus resul-tierenden Probleme für das Denken und Schreiben Kraus’ können hier nur gestreift werden, weil sie ohne psychoanalytische Kenntnisse nur spekulativ erläutert werden können und das nicht Sinn und Zweck einer literaturwissenschaftlichen Arbeit sein kann. In den Mittelpunkt unseres Interesses rücken daher seine Stellungnahmen zur „Judenfrage„ sowie seine nicht zu übersehenden Angriffe auf das Judentum und einzelne Juden.

Bevor wir näher auf das schwierige Verhältnis von Karl Kraus zum Judentum eingehen, müssen jedoch noch einige Begriffe geklärt und bestimmte zeithistorische Phänomene genauer erfaßt werden.

 

2.1. Notwendige Begriffsklärungen: Assimilation, Akkulturation und Integration


Die hier bereits häufiger genannten Begriffe Assimilation und Akkulturation gehören zum festen terminologischen Inventar des Historikers der jüdischen Emanzipation. Der Begriff Assimilation wurde bereits im 19. Jahrhundert für die jüdische Angleichung an die deutsche Kultur verwendet.[57] Die moderne Soziologie hat allerdings für eine Problematisierung des Begriffes gesorgt und ein erweitertes Begriffsinstrumentarium zur Verfügung gestellt. Unter Assimilation versteht man demnach die Angleichung einer ethnischen Gruppe an eine andere, die im idealtypischen Fall zum völligen Aufgehen der einen Gruppe in der anderen führt. Assimilation führt in diesem Sinne zum Verlust der ursprünglichen kulturellen, ökonomischen und sozialen Eigenarten. Es kommt in einem langfristigen Prozeß zu einem sprachlichen und schließlich gefühlsmäßigen Übergang in ein anderes Volkstum. Es handelt sich also um einen Wandel des Bewußtseins bezüglich der Gruppenzugehörigkeit, die sozialpsychologisch auch als ethnische Selbstentfremdung charakterisiert werden könnte.[58]

Die hier verwendete Definition deutet schon darauf hin, daß von der Assimilation bzw. der noch zu klärenden Akkulturation nur selten eine ethnische Gruppe in ihrer Gesamtheit be-troffen ist. Gerade in bezug auf das Judentum, das für diese Zeit nicht eindeutig als ethnische Gruppe definiert werden kann, zeigt sich, daß generalisierende Aussagen im Grunde nicht zu treffen sind. Es können nur Tendenzen beschrieben werden, weil gerade das Judentum keine homogene Gruppe darstellte. Das Judentum des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist kein monolithischer Block, der mit soziologischen Werkzeugen mühelos zerlegt werden kann. Dennoch ist selbst für die Beschreibung von Tendenzen eine genau definierte Terminologie notwendig. Marsha L. Rozenblit hat in ihrer Darstellung der Wiener Juden auf den ameri-kanischen Soziologen Milton Gordon zurückgegriffen. Dieser unterscheidet drei Ebenen der Assimilation: kulturelle, soziale und strukturelle Assimilation, wobei die strukturelle Assimi-lation den höchsten Grad der Assimilation im bereits oben erläuterten Sinne meint. Die struk-turelle Assimilation ist erreicht, wenn die Minorität mit der Majorität verschmilzt. Bestes Zeichen dafür sind Ehen zwischen den ursprünglich getrennten Gruppen, sogenannte „Misch-ehen„[59]. Nach Gordon ist die Assimilation ein Kontinuum, das mit der Annahme kultureller und zivilisatorischer Sitten wie Annahme der Kleidung, Sprache, den Freizeitgewohnheiten, der ökonomischen Verhaltensmuster usw. beginnt.[60] Diese erste Phase der Assimilation wird ge-meinhin als Akkulturation bezeichnet. Eine Minderheit übernimmt fremde kulturelle Werte und Güter, ohne dabei notwendigerweise das Bewußtsein der Gruppeneigenheit zu verlieren. Die akkulturierte Minderheit pflegt soziale „Primärkontakte„, also Freundschaft, Geselligkeit, Ehe- und Familienbande, weiterhin vorwiegend in der eigenen Gruppe.

Die Soziologie hält in unserem Zusammenhang noch einen dritten brauchbaren Begriff bereit: die Integration. Diese meint die Eingliederung einer Minorität in ein soziales oder gesellschaft-liches System, ohne daß diese gleich kulturelle Eigenheiten aufgeben muß. Die Integration einer Gruppe hängt vom Zugang und den Partizipationsmöglichkeiten an gesellschaftlichen Statusdimensionen ab. Unter diesen versteht man beispielsweise Berufsposition, Einkommens-verhältnisse, Schulbildung, Wohnqualität, Wahlrecht usw.[61]

 

3. Wie assimiliert waren die Wiener Juden?


Auf die Problematik von generalisierenden Aussagen gerade in bezug auf die Position jüdischer Menschen in der österreichischen Gesellschaft der späten Monarchiezeit wurde schon hinge-wiesen. Mit dem hier aufgezeigten Begriffsinstrumentarium kann immerhin behauptet werden, daß die jüdischen Positionen in der österreichischen Gesellschaft tatsächlich alle drei von Gordon genannten Ebenen umfaßten. Freilich sind damit auch jene mitgemeint, die sich offiziell vom Judentum verabschiedet hatten. De facto blieb man mit mosaischem Bekenntnis nämlich immer noch benachteiligt, selbst wenn Führungspositionen im Bankenwesen, in Handel und Industrie möglich waren.[62]

Die Juden Wiens waren in der Periode vor dem Ersten Weltkrieg weitgehend akkulturiert, darin ist sich die Forschung einig.[63] Die orthodoxen, streng gläubigen Juden, die sich bewußt gegen die Übernahme deutsch-österreichischer Kulturelemente wehrten, waren innerhalb der Wiener Judenheit eindeutig in der Minderheit.

Die bürgerliche Gleichstellung aus dem Jahre 1867 hatte die Integration enorm beschleunigt. Dennoch blieben die in Wien lebenden Juden gesamtheitlich betrachtet als separate Volks-gruppe erkennbar. Sie schufen sich unter den neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen neue bevorzugte Domänen der Berufsausübung:


„Juden wechselten ihre Tätigkeit und stiegen im sozialen Ansehen, aber sie blieben in Wien eine Gruppe für sich. Der Andrang der Juden zu Büro-, Management- und Verkaufspositionen war mit ähnlichem Wachstum des Anteils der Handelsangestellten am gesamten Arbeitskräftepotential Wiens in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg nicht zu vergleichen. Juden wandelten sich in der städtischen Umgebung, doch führte diese Veränderung nicht zu einer wachsenden Ähnlichkeit jüdischer und nichtjüdischer Berufsverteilung. Jüdischer Wandel führte nur zu fortdauernder jüdischer Exklusivität.„[64]

 

Rozenblit hat in ihrer Studie gezeigt, daß vor allem die zweite Generation der Wiener Juden zunehmend Berufskarrieren als Privatangestellte in Angriff nahm.[65] Diese Veränderung in der Berufsstruktur der Juden bildete sich aber erst allmählich heraus, da die jüdischen Zuwanderer hauptsächlich als Kaufleute und Händler in die Wiener Berufswelt eingestiegen waren und in diesem Sektor weiterhin zahlreiche Juden tätig blieben. Die Assimilation wurde durch die berufliche Umstrukturierung aber ohnehin nicht gefördert, da es sich um eine jüdische Speziali-tät handelte.

Juden waren zwar in allen Wirtschaftssektoren tätig, konzentrierten sich aber eindeutig in den Sektoren „Handel und Verkehr„ sowie „Öffentlicher Dienst und Freie Berufe„. 

 
Tabelle 3:9

Berufssparte männlicher jüdischer Heiratender sowie der ihrer Väter (kombiniert),

1870-1910, und der IKG-Kulturssteuerzahler (kombiniert), 1855-1914

Sektor

Männl. Heiratende

Väter

IKG-Steuerzahler

 

N = 835

N = 1075

N = 2507

 

Landwirtschaft

 

0,2 %

 

0,3 %

 

0,1 %

Industrie

19,6 %

24,7 %

18,4 %

Handel und Verkehr

44,3 %

50,4 %

42,2 %

Öffentlicher Dienst u.

 

 

 

Freie Berufe

35,7 %

24,7 %

39,2 %

 

 

100,0 %

 

100,0 %

 

100,0 %

 

Tabelle 3:10

Berufssparte der gesamten Wiener Berufstätigen, 1890-1910

 

 

1890

1900

1910

Durchschnitt

Sektor

N = 695.393

N = 848.973

N = 1,094.185

1890-1910

 

Landwirtschaft

 

1,2 %

 

0,7 %

 

0,9 %

 

0,9 %

Industrie

55,4 %

51,5 %

46,6 %

51,2 %

Handel u. Verkehr

21,5 %

23,5 %

27,1 %

24,0 %

Öffentlicher Dienst u.

 

 

 

 

Freie Berufe

21,6 %

24,3 %

25,4 %

24,9 %

 

 

 

 

 

 

100,0 %

100,0 %

100,0 %

100,0 %

 

Quellen: Öst. Stat., 33: 1, S. VIII; 66: 1, S. XVI; N. F. 3: 1, S. 13*. zit. n. Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. S. 73.

Der Vergleich mit der Berufsverteilung aller Wiener zeigt beträchtliche Unterschiede im ökonomischen Status zwischen Juden und Nichtjuden. Während ¾ der katholischen Männer Mitglieder der gelernten und ungelernten Arbeiterschaft waren, war die große Mehrheit der konfessionellen Juden als Händler, Kaufmann, selbständiger Kapitalist irgendeines Typs oder Angestellter tätig.[66] Vor allem im Handel waren Juden weit überrepräsentiert. Gerade die harte Konkurrenzsituation im Handel mag einen Erklärungsansatz für den in diesem Wirtschafts-sektor besonders stark ausgeprägten Antisemitismus bieten.[67]

Die Überrepräsentation der Juden im Handel läßt sich auf historische Ursachen zurückführen. Die Juden hatten vor allem seit dem 15. Jahrhundert in zahlreichen Städten kein Bürgerrecht mehr erhalten, was dazu führte, daß sie sich im (Klein-)Handel zwischen Stadt und Land be-tätigten und bis ins 19. Jahrhundert hinein diese zentrale Mittlerfunktion beibehielten.[68] Der Handel war im Lauf der Geschichte zweifellos eine jüdische Spezialität geworden.

Antisemiten sprachen immer wieder von der Herrschaft der Juden im Finanz- und Pressewesen. Als Beispiel sei hier Karl Lueger angeführt:

 
Es ist nicht der Haß gegen den einzelnen, nicht der Haß gegen den armen, gegen den kleinen Juden. Nein, meine Herren, wir hassen nichts anderes als das erdrückende Großkapital, welches sich in den Händen der Juden befindet.„[69]


Historisches Faktum ist, daß die Juden zwar zu einem Eckpfeiler der Wiener Wirtschaft ge-worden waren und es also auch sehr bedeutende jüdische Finanziers wie etwa die Rothschild-Gruppe gab, die Katholiken aber in allen Sektoren und Berufsgruppen - einschließlich der Selbständigen, die ein besonders häufiges antijüdisches Stereotyp bildeten - zahlenmäßig stär-ker vertreten waren.[70] Die Funktionsweise des Antisemitismus ist dem jedes Fremdenhasses kongruent: es werden einzelne Personen der sogenannten „Anderen„ herausgenommen, deren Handlungen (wirtschaftlicher und sozialer Natur), Psychologie oder Physiognomie den eigenen (Wert-)Vorstellungen widersprechen. Diese Einzelfälle werden dann als Regelfälle dargestellt, um auf diese Weise eine ganze Gruppe zu denunzieren.

Für die kleinbürgerlichen und katholischen Anhänger der Christlichsozialen stellten die moder-nen kapitalistischen Wirtschaftsformen eine massive Bedrohung dar. Die Angst vor der gerade in Österreich auf wenige Jahrzehnte zusammengedrängten Modernisierung ließ psychologisch nachvollziehbare Abwehrhaltungen entstehen, die sich in wutentbrannten Schuldzuweisungen äußerten. Die Frustrations-Aggressions-Hypothese, die den Antisemitismus als Ventil für Frustration, Angst und ungelösten Konflikt begreift, ist damit angesprochen.[71] Die seit Jahr-hunderten negativ konnotierten Juden waren als Angriffsobjekte der Modernisierungsverlierer besonders gut geeignet, zumal überdurchschnittlich viele Juden in den neuen Berufen Fuß faßten.

Es muß hier nicht bewiesen werden, daß die Anschuldigungen der Antisemiten ungerechtfertigt waren. Das ist von vielen Autoren überzeugend getan worden.[72] Antisemitismus-Theorien wollen die Ursachen für den Antisemitismus erklären, wollen Gründe für ein geschichtliches (und noch immer gegenwärtiges?) Phänomen erschließen, die für den aufgeklärt-rationalen Menschen, der von Antisemiten „torturiert„[73] wurde, immer Scheingründe bleiben müssen:


„Der Antisemitismus und die Judenfrage als geschichtliche, sozialbedingte, geistige Erscheinungen gingen und gehen mich nichts an. Sie sind ganz und gar Sache der Antisemiten, ihre Schande oder ihre Krankheit. Die Antisemiten haben zu bewältigen, nicht ich.„[74]

 

Es ist unwahrscheinlich, daß selbst ein umfassender Erklärungsansatz dem Phänomen Anti-semitismus/Fremdenhaß (wiewohl diese Phänomene nicht völlig gleichgesetzt werden dürfen) in der Realität entgegenwirkt. Dafür aber kann der erklärende und aufklärende Wissenschafter nichts. Er kann nur zeigen, wie geschichtliche, ökonomische, soziale, politische und geistige Erscheinungen zu einem bestimmten Verhalten geführt haben. Es geht also nicht um eine nach-trägliche Rechtfertigung des Antisemitismus oder um „intellektuelle Düperie sogenannter ge-schichtlicher Objektivität„, wie Jean Améry derartige Untersuchungen genannt hat.[75]

Es ist klar, daß die besondere Stellung der stark jüdischen „haute finance„ in der öster-reichischen Großwirtschaft[76] antisemitische Äußerungen nicht rechtfertigt. Nicht die objek-tiven wirtschaftlichen Tatsachen waren für den Antisemitismus verantwortlich, sondern die von den Antisemiten vorgenommene verzerrte und paranoide Interpretation der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedingungen.[77] Die starke jüdische Präsenz im Bankensektor läßt sich ebenso auf geschichtliche Umstände zurückführen wie die jüdische Überrepräsentation im Handel:

 „Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mußten Juden bestimmte ökonomische Funktionen übernehmen, hauptsächlich im Handel und Geldverkehr. Christlichen Klerikern war das Nehmen von Zinsen für verliehene Beträge verboten, in der Karolingerzeit wurde dieses Verbot auch auf Laien ausgeweitet. Dieses ‘sündhafte’ Geschäft, das angesichts des Kreditbedarfes notwendig war, überließ man den Juden.


Jahrhundertelange Reduktion auf einzelne Berufssegmente prägte die Berufsstruktur der Wiener Juden im 19. und 20. Jahrhundert.„[78]

 

Die Antisemiten suchten nicht nach historischen Erklärungen für die vorhandene Sonderstel-lung der Juden in der österreichischen Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, sie hielten metaphysische Gewißheiten der jüdischen „Abartigkeit„ bereit.[79] Dem Antisemiten kann man nicht erklären, daß es den verderblichen „jüdischen Geist„ nicht gibt. Zumindest nicht dem Antisemiten, der so ist, wie ihn Sartre in seinen Überlegungen zur Judenfrage gezeigt hat.

Zudem muß klargestellt werden, daß die gerade von antisemitischer Seite immer wieder aufge-griffene sogenannte „jüdische Großbourgeoisie„, die nur insofern Bestand hatte, als daß es Juden gab, die man dem Großbürgertum zurechnen konnte, innerhalb der Wiener Juden nur eine kleine Gruppe war.[80] Das Großbürgertum war in Österreich insgesamt eine extrem schmale Schicht[81], was mitunter auf die lange Vorherrschaft der staatlich-bürokratischen Tradition und die damit verbundene verspätet einsetzende technische und ökonomische Modernisierung zurückzuführen ist.[82] Die Unternehmerschicht setzte sich hier nicht umsonst häufig aus Angehörigen von Minderheiten zusammen:


 "[...] in einem Land nämlich, wo der Typus des Unternehmers nicht besonders hoch geschätzt wurde, wo tatsächlich die Unternehmergestalten oft religiösen und ethnischen Minoritäten zugehörten oder aus dem Ausland kamen, wo die herrschende katholische Grundgesinnung dem Kapitalismus ganz allgemein, dem Kaufmann aber speziell mit Mißtrauen gegenüberstand, wo die alten Eliten, die Hocharistokratie zumal, die Machtpositionen noch fest in den Händen hielten, eine ausgeprägte Nähe zwischen Bürokratie und Wirtschaft vorherrschte und die überragende Mehrheit der Selbständigen von den kleinen Gewerbetreibenden gestellt wurde.„[83]

 
1910 wurde ein Fünftel der jüdischen Erwerbstätigen als Arbeiter, Taglöhner und Lehrlinge gezählt. Diese jüdische Unterschicht nahm durch den Zuzug galizischer Juden während des Ersten Weltkriegs noch stark zu. Diese Menschen lebten oftmals in schrecklichen Verhält-nissen:


„Schiffamtsgasse 11. [...] Viele Personen aus den verschiedensten Familien zusammengewürfelt, schlafen in bettenlosen Räumen oder auf gemieteten Strohsäcken. In anderen finden wir sechsköpfige Familien in fast vollkommen leerstehenden Kabinetten. Kinder sind da, deren Vater in Amerika lebt, die Mutter aber auf der Flucht im Türkenland starb, säugende Frauen, die ihr Kind auf der Fahrt zur Welt brachten, Mütter, deren Kinder auf der Reise verhungert sind, Familienreste, die sich nach Wien verirrt haben und sich in Sorge um ihre Lieben verzehren. [...] Auf Tür Nr. 13 wird ein Gang-kabinett einer Familie mit fünf Kindern vermietet. Ein Kind liegt im Spital. Das Loch ist zirka 6 m² groß. Ein Bett und ein Strohsack. Das Bett ist ausgeliehen. Für gewöhnlich schlafen 5 Personen auf der Erde.„[84]

 

Für die Frage der Assimilation gibt auch das Ansiedlungsmuster der in Wien lebenden Juden interessante Aufschlüsse. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebten 54 % der damals noch relativ kleinen Judengemeinde - sie zählte 15.000 Mitglieder - in der Leopoldstadt, weitere 28 % wohnten in der inneren Stadt. Das bedeutete, daß 82 % aller Wiener Juden auf relativ engem Raum zusammenlebten.[85] Diese auffallende Segregation der Wiener Juden veränderte sich zwar im Laufe des Jahrhunderts, eine Konzentration jüdischen Lebens im 1., 2. und 9. Bezirk blieb aber erhalten.

Marsha L. Rozenblit vertritt in ihrem Buch über die Juden Wiens die These, daß eine eigene jüdische Volksgruppe bei allen Assimilationstendenzen erhalten blieb. Neben der schon dar-gestellten Berufsstruktur dient ihr auch die jüdische Ansiedlungsstruktur als Beweismaterial. Ivar Oxaal hat die These Rozenblits insofern relativiert, als er behauptet, daß viele Juden in enger Nähe zu Nichtjuden lebten. Selbst in der Leopoldstadt, dem Stadtteil mit der stärksten jüdischen Konzentration, lebten Juden in vielen Fällen in den selben Häusern wie Nichtjuden und waren dort eine Minderheit unter den Bewohnern. Für Oxaal ist deshalb ein teilweiser Abbau der Gruppengrenzen zwischen Juden und Nichtjuden erkennbar, die These Rozenblits wird damit aber grundsätzlich nicht in Frage gestellt.[86] Die Statistik auf der nächsten Seite zeigt die breite geographische Streuung der Wiener Juden recht gut.

Greifen wir noch einmal auf Gordon zurück, der von struktureller Assimilation spricht, wenn die Minorität mit der Majorität verschmilzt. Sehen wir uns deshalb jene Zahlen genauer an, die über Eheschließungen zwischen Juden und Nichtjuden Auskunft geben. Bevor überhaupt eine Ehe zwischen Christen und Juden geschlossen werden konnte, mußte ein Partner der Reli-gionsgemeinschaft des anderen beigetreten oder doch wenigstens konfessionslos sein.[87] Der katholische Staat Österreich verbot gesetzlich Eheschließungen zwischen Juden und Christen; eine konfessionelle Mischung wurde nicht geduldet.

Diese gesetzlichen Auflagen waren wohl ein entscheidender Grund, warum in Wien weniger Ehen zwischen Juden und Christen bzw. Nichtjuden geschlossen wurden als in anderen euro-päischen Städten.[88] Die Zahl der Mischehen blieb mit knapp zehn Prozent aller Juden, die heirateten, gering.[89] Die zur Verfügung stehenden Zahlen sind in diesem Fall allerdings nicht sehr aufschlußreich. Bereits vor der Ehe konfessionslose Juden und jüdische Konvertiten scheinen nicht auf. Die Zahl der sogenannten „Mischehen„ war also sicherlich höher.

Kommen wir zum letzten quantitativen Kriterium, das uns über den Assimilationsgrad der Wiener Juden informiert: die Konversion. Wien hatte den höchsten Prozentsatz von Kon-vertiten zum Christentum in ganz Europa. Bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges waren rund 20.000 Wiener Juden formell aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausgetreten.[90] Diese Zahl wird von Historikern unterschiedlich kommentiert: während Pauley von „drastischen Veränderungen„ in den letzten Jahren des Jahrhunderts spricht[91], sieht Rozenblit die jüdische Gruppenidentität durch die hohe Zahl an Konversionen nicht gefährdet.[92] So widersprüchlich die beiden Interpretationen auf den ersten Blick auch sein mögen, so richtig sind beide. Die jüdische Gruppenidentität geriet durch die Konversionen und Austritte nicht in Gefahr, da sich die große Mehrzahl der Menschen jüdischer Herkunft offiziell noch immer zum Judentum bekannte. Außerdem kam es gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Rückbe-sinnung auf jüdische Werte, die auch äußerlich, durch die Gründung zahlreicher jüdischer Organisationen, zum Ausdruck kam. Die permanente Ablehnung durch katholische und deutschnationale Kreise stärkte die innerjüdische Solidarität. Andererseits darf die Zahl der Austritte und Konversionen nicht unterschätzt werden. Sie sind eindeutiger Ausdruck für das Bestreben vieler Juden, sich von ihrem Judentum zu lösen.

Das Assimilationsstreben war bei einer Vielzahl jüdischer BürgerInnen ungebrochen, daran änderte auch der Antisemitismus nichts. Wenn Jacques Le Rider Karl Kraus’ „Utopie einer ‘authentischen’ Assimilation„ als „irreal„ [93] bezeichnet, übersieht er, daß viele assimilierte Juden zu dieser Zeit noch fest davon überzeugt waren, „daß der Antisemitismus kein ernstes Problem darstelle„[94]. Bei dem vehement für die Assimilation eintretenden Kraus spielte der Antisemitismus zwar besonders in den ersten Jahrgängen der Fackel eine zentrale Rolle, die These John Theobalds, Kraus hätte eine tiefsitzende Angst vor dem Antisemitismus gehabt, bleibt jedoch rein spekulativ.[95] Das heißt nicht, daß man dem Antisemitismus im Wien der Jahrhundertwende keine Bedeutung beimessen soll. Schnitzler hat in Der Weg ins Freie mit unvergleichlichem psychologischen Feinsinn gezeigt, daß der Antisemitismus im Bewußtsein (und natürlich auch im Unterbewußtsein) assimilierter bzw. akkulturierter Juden sehr wohl seine Spuren hinterlassen hat. Gegenüber Autoren wie Theobald, die bei diesem komplexen Thema psychologische Spekulationen derart zum Zentrum ihrer Überlegungen machen, ist dennoch Skepsis angebracht. Die Theorien vom „jüdischen Selbsthaß„ werden im Zusammen-hang mit Kraus ebenfalls noch einer kritischen Analyse unterzogen.

Man darf nicht vergessen, daß bei allen gesellschaftlichen Ressentiments gegenüber den Juden und trotz der zweifellos beunruhigenden antisemitischen Parolen der Christlichsozialen und Alldeutschen eine physische Beeinträchtigung nicht stattfand. Damit ist gemeint, daß der Anti-semitismus im Wien der späten Monarchiezeit für die Juden nicht lebensbedrohend war. Es sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, daß in dieser Arbeit keine Baga-tellisierung des Antisemitismus-Problems angestrebt wird. Es gab Ressentiments und Be-schränkungen, die mitunter zu Boykotten jüdischer Geschäfte führten.[96] Juden konnten in dieser antijüdischen Atmosphäre kein ‘normales’ Leben führen.

Das ungeheure Gefahrenpotential des politischen Antisemitismus in den letzten Jahrzehnten der Monarchie ist durch das Licht der Geschichtswissenschaft erhellt worden. Es wurde gezeigt, daß im modernen Antisemitismus, der den Juden als Bedrohung für Staat und Gesellschaft darstellt und ihn als Wurzel allen Übels bekämpfen will, die geistigen Voraussetzungen für die „Endlösung“ enthalten sind. Der vor allem wirtschaftlich und kulturell motivierte Antisemi-tismus der Christlichsozialen war demnach nicht ungefährlicher als der rassistisch geprägte Antisemitismus der Schönerianer.[97] Diese neue Einschätzung des Antisemitismus in der späten Habsburger-Monarchie ist für uns zwar interessant, aber nicht entscheidend. Für uns gilt es festzustellen, wie Kraus und andere Juden dieser Zeit den Antisemitismus wahrnahmen und inwiefern sie von ihm beeinflußt wurden.

Die Wirkungen des Antisemitismus in dieser Zeit (vor allem auf die Juden) richtig einzu-schätzen, ist eine der schwierigsten Aufgaben, denen sich ein (Literar)Historiker des späten 20. Jahrhunderts stellen kann. Unser Blick für antijüdische oder antisemitische Tendenzen ist durch den Holocaust geschärft. Das kann andererseits auch zu Überbewertungen führen. Sigurd Paul Scheichl hat sich diesem Problem in einem klugen Aufsatz angenähert.[98]

Die Forschung ist sich auf diesem Gebiet nicht einig: während die einen eine besondere Krise der jüdischen Identität diagnostizieren[99], warnen die anderen davor, die Auswirkungen anti-jüdischer Phänomene dieser Zeit überzubewerten.[100] Es ist in dieser Arbeit bereits gezeigt worden, daß Juden ständig mit ihrer jüdischen Identität konfrontiert waren bzw. von der Umwelt eine jüdische Identität selbst dann konstruiert wurde, wenn der Betreffende sich von einer solchen längst befreit glaubte. Es wird deshalb auch nicht bezweifelt, daß gerade jüdische Identitäten besonders krisenanfällig waren. Dennoch gilt es festzuhalten, daß die Assimilations- oder Akkulturationsbestrebungen der meisten Wiener Juden vor und während des Ersten Weltkriegs keineswegs beendet waren. Die Strategien waren dabei recht unterschiedlich. Für manche bot der Sozialismus die ersehnte Lösung, andere distanzierten sich so weit wie möglich von sogenannten „jüdischen„ Verhaltensweisen oder Eigenschaften. Wien blieb für die Juden trotz einer antisemitischen Gemeinderatsmehrheit eine Stadt mit liberaler Atmosphäre, eine Stadt, in der der Kaiser persönlich die Gleichberechtigung verteidigte.[101]

Eingehende Untersuchungen haben gezeigt, daß die der Assimilation bzw. Akkulturation ent-gegengesetzten jüdischen Erscheinungen wie Zionismus oder jüdischer Nationalismus in der Diaspora innerhalb der Wiener Juden Randerscheinungen waren.[102] Der Großteil vertraute auf die Errungenschaften der Aufklärung. Man war der Meinung, daß antijüdische Barbareien wie Vertreibungen oder gar Verbrennungen endgültig der Vergangenheit angehörten. Erst die folgenden vierzig Jahre sollten zeigen, daß die Einschätzung der Zionisten und jüdischen Nationalisten, der Antisemitismus sei eine große Gefahr für das jüdische Volk, richtig war.

3.1. Das ‘assimilierte’ jüdische Bürgertum

Juden schafften im Durchschnitt den sozialen Aufstieg häufiger als alle anderen zugewanderten Minderheiten in Wien. Das jüdische Bürgertum war vollständig akkulturiert und unterschied sich bezüglich der Wohnkultur nicht vom nichtjüdischen Bürgertum.[103] Aber selbst assimilierte Juden, die womöglich konvertiert und/oder mit einem Katholiken / einer Katholikin verheiratet waren, verkehrten vorwiegend mit anderen assimilierten Juden.[104]

Es sei hier nur kurz darauf hingewiesen, daß zwischen Großbürgertum und Bürgertum unter-schieden werden muß. Während unter Großbürgertum das Wirtschaftsbürgertum als Klasse zu verstehen ist, zählen zum Bürgertum Bildungsbürger, Beamte und auch Teile des Kleinbürger-tums.[105] Es handelt sich also um eine nur schwer definierbare Schicht.

Juden waren im Wiener Großbürgertum zweifellos stark vertreten, wenngleich heute nicht  mehr eruiert werden kann, wie groß ihr Anteil an diesem war. Besonders jüdische Bankiers-familien zählten zu diesem Großbürgertum; ihr großer Einfluß auf die Wiener Wirtschaft durch ihre traditionellen Bande mit dem Kaiser und die in Österreich charakteristische Verflechtung von Industrie- und Finanzkapital ist nicht von der Hand zu weisen.[106] Dieses jüdische Groß-bürgertum war zum Teil nobilitiert und strebte in den meisten Fällen die vollständige Assimi-lation an. Die Bindungen zum Judentum waren entweder völlig durchschnitten oder auf die Konfession beschränkt.

Der überwiegende Teil der Wiener Juden war innerhalb oder neben der Mittelschicht der Wiener Gesellschaft anzusiedeln[107], wobei die Unterschicht durch den Zuzug von Juden aus Galizien und der Bukowina gerade während des Ersten Weltkrieges langsam zunahm.

Insgesamt war bei den Wiener Juden eine stärkere Verbürgerlichung und Intellektualisierung zu beobachten als beim Rest der Bevölkerung. Gerade der Drang zur Bildung war auffällig: rund 30 % der Gymnasiasten zwischen 1875 und 1910 waren jüdischer Herkunft.[108] Eine abgeschlossene Gymnasialbildung war im 19. Jahrhundert ausgesprochen wichtig, weil sie den einzig möglichen Zugang zum Universitätsstudium bedeutete. Prestigeträchtige Karrieren konnten bis auf Karrieren in Armee oder Kirche nur über die Gymnasialbildung in Angriff ge-nommen werden.[109] Das Gymnasium war also ein wichtiges Instrument für die Akkulturation und Assimilation. Der Schwerpunkt des Unterrichts lag im 19. Jahrhundert eindeutig auf der humanistischen Bildung, so lernten die Schüler das klassische Bildungsgut kennen. Von Kraus und Schnitzler ist bekannt, daß sie mit Begeisterung die lateinischen und griechischen Klassiker lasen. Diese Begeisterung konnte gerade Kraus für den jüdischen Religionsunterricht nicht aufbringen:


 "Es sind die Herren Graubart und Weiß, die sich bei der Ertheilung des jüdischen Religionsunter-richts am präpotentesten geberden. [...] Ihr Treiben züchtet jenen wertvollen religiösen Indifferentis-mus, über den die Herren in sentimentalen Stunden zu trauern pflegen. Wie viele mögen später ihren orthodoxen Peinigern dankbar sein, die mit so regem Eifer Confessionslosigkeit oder Taufe propa-giert und wider Willen die Keime einer gesunden Lebensauffassung in das Knabengehirn gelegt hat-ten. Wir haben keine Ursache, den Herren Graubart und Weiß für das Temperament, mit dem sie ihre Classen zum Massenabfall oder -übertritt bekehren, gram zu sein.„[110]

 
Kraus behauptet hier in gewohnt sarkastischer Manier, daß der jüdische Religionsunterricht lediglich dazu diene, die jüdischen Schüler von den Fesseln ihrer Herkunft zu befreien, weil er veranschauliche, wie überholt die jüdische Religion ist. Das Zitat ist Ausdruck für sein bedin-gungsloses Eintreten für die Assimilation. Kraus war zu diesem Zeitpunkt zwar noch Mitglied der jüdischen Religionsgemeinschaft, trat aber gut zwei Monate später offiziell aus.

Steven Beller hat die augenscheinliche jüdische Überrepräsentation in den Wiener Gymnasien verifiziert und daraus die These abgeleitet, daß die liberale Wiener Bildungsschicht weitgehend jüdisch war.[111] Beller setzt sich mit dieser These von Schorske ab, der keine besondere jüdische Schlagseite der Wiener Moderne festgestellt und die Wiener Moderne als Produkt des Bürgertums (nicht eines jüdischen Bürgertums) gedeutet hatte. Nach Beller war die Wiener Moderne aber ganz entscheidend von einem liberalen jüdischen Bildungsbürgertum geprägt. Für Beller spricht nicht nur die große Zahl jüdischer Künstler, sondern auch die Tatsache, daß wohl weite Teile des Publikums sowie wichtige Kulturförderer Juden waren.[112] Juden waren an der Wiener Moderne maßgeblich beteiligt, aber sie waren das großteils als Assimilierte, die sich mehr als Österreicher denn als Juden fühlten.[113]

Der hohe jüdische Anteil am Wiener Bürgertum zeigt sich auch an der hohen Zahl jüdischer Rechtsanwälte und Ärzte. Da konfessionellen Juden eine Beamtenkarriere weitgehend versagt blieb, waren die vielen jüdischen Universitätsabgänger häufig in freien Berufen tätig. So stellten die Juden 1890 sogar die Mehrheit der freiberuflich tätigen Rechtsanwälte (57,92 %).[114] Über den Anteil der Juden an den Journalisten liegen zwar keine Zahlen vor, es ist aber bekannt, daß es viele jüdische Journalisten gab.[115] Die wichtigsten liberalen Blätter (die Neue Freie Presse, das Neue Wiener Tagblatt und die Wiener Allgemeine Zeitung) wurden zudem von Juden herausgegeben.

Das jüdische Bürgertum wies überhaupt eine große Nähe zum Liberalismus (hier als um-fassende Ideologie verstanden) auf. Der an den Werten der Aufklärung orientierte Liberalismus hatte an der Emanzipation des Judentums entscheidenden Anteil gehabt; nicht umsonst identi-fizierten sich viele akkulturierte Juden mit liberalen Ideen.[116] Der Liberalismus hatte die Tore der Ghettos geöffnet und sich für die rechtliche Gleichstellung der Juden eingesetzt. Nach der Durchsetzung wichtiger Reformen in den 1860er Jahren (u. a. das Staatsgrund- und Reichs-volksschulgesetz) verlor der Liberalismus nach dem großen Börsenkrach von 1873 und der darauffolgenden Weltwirtschaftskrise kontinuierlich an Bedeutung. Die meisten Autoren sind sich einig, daß der politische Bedeutungsverlust des Liberalismus auch auf eigenes Versagen zurückzuführen ist. Timms meint, daß die liberalen Prinzipien Freiheit, Fortschritt und Gleich-heit „zu einem bloßen Vorwand für die Besitzinteressen kapitalistischer Unternehmer ver-kommen„[117] waren. Der die Gleichheit verkündende Liberalismus erweckte den Anschein, mehr an der Ausdehnung des deutschen politischen und wirtschaftlichen Einflusses innerhalb der Monarchie als an gleichberechtigten Völkern interessiert zu sein. Man hielt die herrschende deutsche Kultur mit ihrem „zivilisatorischen Fortschritt„ für die überlegene und bessere und fühlte sich verpflichtet, die „rückständigen„ Völker zu zivilisieren. Heute nennt man das auch „Kolonisation„ (Habermas).

Das jüdische Bürgertum Wiens hatte sich - den Prinzipien des Liberalismus folgend - die deutsche Kultur erfolgreich angeeignet und sogar entscheidenden Anteil an ihrer Hochblüte um die Jahrhundertwende. Daß die Anpassungsversuche an die deutsche Kultur mitunter ge-zwungen und lächerlich wirkten, wissen wir nicht nur aus den bösen Satiren des Karl Kraus, der übertriebenes jüdisches Geltungsbedürfnis stets mit einem ‘Mauscheln’ kennzeichnete, sondern auch von Arthur Schnitzler, der in Professor Bernhardi groteske Formen jüdischen Deutschtums an der Figur des Prof. Schreimann exemplifizierte.[118]

Die starke Verbürgerlichung innerhalb der Wiener Juden steht mit wirtschaftlichen und sozialen Faktoren in Zusammenhang. Die Juden waren historisch und kulturell für den tertiären Sektor besser ausgestattet als andere Bevölkerungsgruppen.[119] „Die Juden waren früher urbanisiert, stärker aufstiegsorientiert und zeigten insgesamt eine größere Innovationsbereitschaft; [...]. Mit einem Satz: Die Juden verkörperten stärker als die Nichtjuden das moderne Element in der Gesellschaft.„[120] Als jahrhundertelang diskriminierte Minderheit war es nicht weiter ver-wunderlich, daß die Juden nach der rechtlichen Gleichstellung in die modernen Wirtschafts-sektoren drängten.[121] Der wirtschaftliche und soziale Aufstieg führte allerdings nicht zur gesellschaftlichen Anerkennung. Er verstärkte im Gegenteil die Ressentiments der von der Modernisierung bedrohten Schichten wie Handwerker und kleine Händler. Man machte den Juden zum Sündenbock für die Übel der Moderne.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es ein ausgeprägtes jüdisches Bürgertum gab, das die Speerspitze der jüdischen Akkulturationsbestrebungen bildete. Die große Zahl jüdischer Gymnasiasten kann als Zeugnis für den hohen Akkulturationsgrad des jüdischen Bürgertums gelten. Aber selbst die hier beschriebene Schicht, zu der auch noch die Privatangestellten sowie größere Kaufleute und Händler gezählt werden können, war in ihrer Gesamtheit nicht assimi-liert. Die Gründe dafür wurden schon weiter oben angeführt. Deshalb ist das Wort ‘assimiliert’ in der Überschrift auch unter Anführungszeichen gesetzt. Die meisten Mitglieder dieser Schicht bekannten sich offiziell weiterhin zum jüdischen Glauben, auch wenn sie oftmals nicht mehr gläubig waren. Ihr Bezug zum Judentum beschränkte sich dann meistens auf ein formales Bekenntnis. Viele dieser säkularisierten Juden wandten sich erst durch den Antisemitismus wieder dem Judentum zu. Bestes Beispiel dafür ist Freud, der sich Zeit seines Lebens zu seinem Judentum bekannte, obwohl er nicht gläubig war:


"Was mich ans Judentum band, war - ich bin schuldig, es zu bekennen - nicht der Glaube, auch nicht der nationale Stolz, denn ich war immer ein Ungläubiger, bin ohne Religion erzogen worden, wenn auch nicht ohne Respekt vor den ‘ethisch’ genannten Forderungen der menschlichen Kultur. Ein nationales Hochgefühl habe ich, wenn ich dazu neigte, zu unterdrücken mich bemüht, als unheilvoll und ungerecht, erschreckt durch die warnenden Beispiele der Völker, unter denen wir Juden leben. [...] Und dazu kam bald die Einsicht, daß ich nur meiner jüdischen Natur die zwei Eigenschaften ver-danke, die mir auf meinem schwierigen Lebensweg unerläßlich geworden waren. Weil ich Jude war, fand ich mich frei von vielen Vorurteilen, die andere im Gebrauch ihres Intellekts beschränkten, als Jude war ich dafür vorbereitet, in die Opposition zu gehen und auf das Einvernehmen mit der ‘kompakten Majorität’ zu verzichten.„[122]

 
Die Juden blieben in Österreich „Juden„ (mit all ihren negativen Konnotationen). Zu einer vollständigen Assimilation konnte es nicht kommen, weil die Juden für weite Teile der österreichischen Gesellschaft diskreditiert blieben.

4. Der Antisemitismus

Vom Antisemitismus war im Verlauf dieser Arbeit schon sehr häufig die Rede, weil es nicht sinnvoll gewesen wäre, dieses zentrale Phänomen des gesellschaftlichen und insbesondere des jüdischen Lebens im Wien der Jahrhundertwende abgesondert in einem Kapitel zu behandeln. Zu vielfältig sind die Verästelungen zwischen Assimilation bzw. Akkulturation und dem Anti-semitismus, als daß man alles isoliert betrachten könnte.

In diesem Kapitel wird keine differenzierte Erklärung des Themenkomplexes Antisemitismus geboten; nicht weil bereits am Rande von Antisemitismus-Theorien die Rede war, sondern weil eine breitere Darstellung der Ursachen im Hinblick auf Kraus keinen Sinn machen würde. Das bereits Gesagte muß hier genügen.

Was soll dann aber gezeigt werden? Womit wollen wir uns hier auseinandersetzen?

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden Kraus’ Kritik am Judentum, Polemiken gegen einzelne Juden und die Darstellung des ‘Jüdischen’ behandelt. Bisher erschienene Arbeiten zum Verhältnis Kraus - Judentum haben gezeigt, daß die Einordnung der Kraus’schen Judenkritik Schwierigkeiten macht. Mitunter war sogar vom ‘antisemitischen’ Kraus die Rede.[123] Um diese Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen, soll in diesem Kapitel (kurz) dargestellt werden, in welchen Bahnen sich der Antisemitismus bewegte. Das wird uns die Beurteilung von Kraus’ Judenkritik erleichtern.


4.1. Neuerliche Definitionsprobleme


Bruce Pauley zitiert in seiner Geschichte des österreichischen Antisemitismus zwei Definitionen des Begriffes Antisemitismus. Der Antisemitismus ist nach der einen


„[...] eine Doktrin, die den Juden unter allen anderen zivilisatorischen Gruppen eine Sonderstellung zuweist, sie als minderwertig einstuft, in Abrede stellt, daß sie Teil der Nation seien, und ihnen kategorisch jede Teilnahme an der völkischen Nutzgemeinschaft verweigert.„[124]

 

Die andere Definition spricht vom Antisemitismus als


 [...] eine[r] feindselige[n] Haltung gegenüber den Juden als solchen, das heißt, nicht gegen einen bestimmten Juden und auch nicht gegen bestimmte Personen, die, abgesehen davon, daß sie eine Eigenschaft besitzen, die Feindseligkeit hervorruft, zufällig Juden sind. Die feindselige Haltung muß definitiv in Zusammenhang stehen mit der Eigenschaft, jüdisch zu sein.„[125]


Die beiden angeführten Definitionsversuche zeigen schon, welche Schwierigkeiten der Begriff aufwirft. Er hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch beinahe auf alle judenfeindlichen Äußerungen in der Geschichte ausgedehnt. Ein mangelndes Begriffsinstrumentarium ist dafür verantwortlich, daß Abstufungen so gut wie nicht gemacht werden. Damit ist ein wesentlicher Grund angesprochen, warum es so schwierig ist, judenfeindliche Äußerungen richtig einzu-ordnen.

Sigurd Paul Scheichl hat sich in einem bereits zitierten Aufsatz diesem Problem angenommen. Er hat darin gezeigt, wie problematisch es ist, unterschiedliche Formen der Judenfeindschaft mit dem Etikett Antisemitismus zu überkleben.[126] Es gebe einen Unterschied zwischen persönlichen Vorurteilen, judenfeindlicher Kulturkritik und antisemitischen politischen Programmen.[127] Kraus-Spezialist Scheichl geht dann auch näher auf Kraus ein und ordnet ihn der judenfeindlichen Kulturkritik zu. Scheichl will Kraus’ judenfeindliche Kulturkritik nicht entschuldigen, es ist ihm aber wichtig, auf den, auch moralisch, qualitativen Unterschied zu rassenantisemitischen Programmen hinzuweisen. Scheichl meint:


„Wir stehen verschiedenen Graden der Feindschaft gegen Juden gegenüber, von denen einige unter den relativ friedlichen Bedingungen des konstitutionellen Staates Österreich um 1900 für die Zeit-genossen, auch für die Betroffenen, durchaus hinnehmbar, von denen andere schon damals eine Be-leidigung der Idee der Humanität gewesen sind. Diese Unterschiede sind Teil der vielschichtigen gesellschaftlichen Realität der Epoche. Es ist nicht auszuschließen, daß man Texte dieser Zeit als historische Texte mißversteht, wenn man sich mit dieser Vielschichtigkeit nicht auseinandersetzt, sondern sich nur auf das globale Schlagwort ‘Antisemitismus’ verläßt, statt die Frage zu stellen, ob ein Autor beispielsweise ein Gegner des Liberalismus, als der er sich der antisemitischen Rhetorik bedient, oder in der Tat ein Parteigänger des Rassismus ist.„[128]

 

In dieser Arbeit wird versucht, diesen Unterschieden Rechnung zu tragen, um ein besseres Verständnis der Kraus’schen Judenkritik gewährleisten zu können.

 

4.2. Wie äußert sich Judenfeindschaft um 1900?

Es ist in der Forschung wiederholt auf den Unterschied zwischen traditionellem Judenhaß und modernem Antisemitismus hingewiesen worden. Während der Judenhaß weitgehend auf Mythen, Legenden und Vorurteilen beruhte, funktionierte der moderne Antisemitismus als Ideologie mit umfassendem Welterklärungsanspruch:


„Der Antisemitismus wird so im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einem allgemeinen ‘cultural code’, zu einem Interpretationsschema, das schlechthin für die Auflehnung gegen die moderne Lebenswelt steht. Entscheidend gegenüber früheren Formen von Judenhaß ist der ‘systematische’ Charakter. Moderner Antisemitismus ist eine umfassende Ideologie mit umfassendem Welterklärungsanspruch, nicht eine einfache Addition von Vorurteilen.„[129]

 

Dieser moderne Antisemitismus hatte seinen Ausgangspunkt zweifellos im ausgehenden 19. Jahrhundert, in dem politische Parteien traditionelle und moderne Formen des Judenhasses in ihre Programme aufnahmen und damit für eine Verschärfung der Judenfeindschaft in der Bevölkerung sorgten. Dem politischen Antisemitismus war die schon beschriebene Emanzi-pation der Juden vorausgegangen, die zu einem gehörigen Anwachsen des jüdischen Bevöl-kerungsanteils in Wien geführt hatte. Die anhaltende Wirtschaftskrise, die fortschreitende Industrialisierung, die die Ängste der zahlreichen kleinen Gewerbetreibenden entfachte, sowie allgemeine Modernisierungsschübe gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden von radikalen oder weniger radikalen Antisemiten, fanatischen katholischen Priestern, aber auch von intellek-tuellen Kulturkritikern mit den Juden in Verbindung gebracht. Konservative Kräfte sahen die deutsche Kultur durch moderne Ideen wie Religionsfreiheit, Liberalismus, Parlamentarismus Sozialismus, Rationalismus oder den steigenden Einfluß der Presse gefährdet. Die Juden wurden zum großen Gegner der deutschen Kulturwerte gemacht.

Die lange Tradition des christlichen Judenhasses wurde gerade in der konservativen Kultur-kritik mit neuen Motiven angereichert. Eine bedeutende Rolle für die Verbreitung dieses so-genannten „kulturellen Antisemitismus„ spielte zweifellos Richard Wagner, der dem Juden in seiner berühmten Schrift Das Judentum in der Musik jede schöpferische Qualität absprach und ihn zum nutzlosen Parasiten degradierte.

Eine erste umfassende antisemitische Ideologie entwarf der Berliner Universitätsprofessor Eugen Dühring in seinem 1881 erschienenen Buch Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage. Dühring stützte sich auf ein biologistisches Welterklärungsmodell, das den Juden jedes Recht auf staatsbürgerliche Gleichberechtigung in Deutschland absprach, weil sie auf-grund ihrer rassischen Eigenheiten rettungslos verdorben seien.[130] Die konservative Kultur-kritik geriet Ende des 19. Jahrhunderts ganz allgemein in Gefahr, plumpe biologistische Welt-erklärungen zu bemühen, um die Gefährlichkeit der Juden zu beweisen. Als Beispiel mag Houston Stewart Chamberlain dienen, auf den weiter unten noch genauer eingegangen wird.

Im öffentlichen Diskurs der Wiener Jahrhundertwende kam es zu einem wilden Durcheinander von religiös, wirtschaftlich, kulturell und rassistisch motivierten Anschuldigungen. Das anti-semitische katholische Milieu beispielsweise unterschied zwar vornehmlich in gute Christen und verdorbene Juden und sprach von der „Judenfrage„ als einer sozialen Frage, ließ aber genauso rassistische Motive in ihren Antisemitismus einfließen:

 

„Wenn ich auf die Führer der sozialdemokratischen Partei hinblicke, so muß jeder Mensch, der Ras-sen auseinanderkennt, sagen, daß die Führer der Sozialdemokraten ausschließlich Juden sind. [...] Es mag sein, daß der eine oder andere getauft ist, aber es sind sicherlich noch unverfälschte darunter, und auch derjenige, der getauft sein soll, Dr. Adler, ist kenntlich.„[131]

 

Auch die rassistischen Alldeutschen definierten die „Judenfrage„ als soziale und wirtschaftliche Frage, sahen aber im Gegensatz zu den antisemitischen Christlichsozialen in der „jüdischen (Stammes-)Eigenart„ die Wurzel für die „Krankheitserscheinungen im Staats- und Volks-leben„:

„Sehen wir ab von der besonderen Gesichts- und Körperbildung, durch welche sich die Kinder Israel’s von den Angehörigen anderer Völker unterscheiden, so finden wir vornehmlich zwei Eigen-schaften als scharf ausgeprägtes Sondereigenthum der Juden, nämlich Selbstsucht und Selbstüber-schätzung. Beide äußern sich nach den verschiedensten Richtungen; so die Selbstsucht als Herrsch- und Gewinnsucht, List, Verschlagenheit, Spitzfindigkeit, geringe Wahrheitsliebe und weites Gewis-sen bei Wahrung des eigenen Vortheiles; die Selbstüberschätzung aber als Anmaßung, Vordringlich-keit, Frechheit etc.; beiden zugleich entspringt die Abneigung der Juden gegen körperliche Anstren-gung und Arbeit.


Es liegt auf der Hand, daß solche Eigenschaften schon an sich die Juden allüberall in einen schroffen Gegensatz zu ihren nichtjüdischen Mitmenschen bringen mußten, und dies in umso höherem Maße, je mehr die gesellschaftliche und sittliche Bedeutung der Arbeit Anerkennung findet und die persönliche Leistungsfähigkeit in den Vordergrund tritt. [...]

Die Judenfrage ist eine soziale und wirthschaftliche Frage, aber sie ist dies nicht allein und ins-besondere nicht in erster Linie. Der eigentliche Kern der Judenfrage liegt viel tiefer. Er liegt in den Juden selbst, als Trägern der jüdischen Stammesart...

Ein besonderer Grund, warum wir den christlichen Standpunkt in der Judenfrage nicht nur nicht billigen, sondern sogar geradezu als schädlich erklären müssen, ist der, daß nach christlicher Auffassung der Jude in dem Augenblicke, da er die Taufe empfängt, aufhört ein Jude zu sein, während doch, wie wir schon hervorgehoben haben, das Judenthum im Blute liegt und folglich durch das Taufwasser ebensowenig abgewaschen werden kann, wie die schwarze Farbe von der Haut des Negers.„[132]

 

Dieses Zitat wurde hier so ausführlich wiedergegeben, weil es das Wesen des rassischen Anti-semitismus beinahe vollständig erfaßt und zeigt, daß der Rassenantisemitismus der National-sozialisten im 19. Jahrhundert seine Vorbilder hat.

Es muß an dieser Stelle vermerkt werden, daß Karl Kraus mit einem Antisemitismus dieser Ausprägung keinesfalls in Zusammenhang gebracht werden darf. Kraus stellte in der schon zitierten Polemik Er ist doch ä Jud klar:


 "Mit der Rasse kenne ich mich nicht aus. Wie sich die Dummheit deutschvolklicher Schriftleiter und Politiker das denkt, wenn sie mich als einen von den ihren anspricht, und wie sich der koschere Intellekt das zurechtlegt, wenn er mich als einen von den unsern reklamiert, und umgekehrt - das weiß ich nicht, das geniert mich nicht, das geht mir bei einem Ohr hinein und zum Hals heraus.„[133]

 
Kraus meint mit der „Dummheit deutschvolklicher Schriftleiter und Politiker„ unter anderem Jörg Lanz von Liebenfels, jenen obskuren Rassentheoretiker, der meinte, daß man aus der Rasse nicht austreten könne, den „Juden„ Kraus aber als „Retter des Ario-Germanentums„ feierte. Kraus macht sich im besagten Artikel denn auch über diesen Widerspruch lustig und weist damit die glühende Verehrung zurück, die ihm Lanz in einigen Artikeln entgegenbracht hatte.

Lanz von Liebenfels schrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts für zahlreiche alldeutsche Blätter und gründete 1906 die Monatsschrift Ostara. Darin veröffentlichte er pseudowissenschaftliche Artikel, in denen er gegen die „deutschen Weiber„ genauso wetterte wie gegen die „Mon-golen„, „Neger„ und „Mittelländer„, zu denen er auch die Juden zählte. Seine abenteuerlichen Theorien wurden zum Teil aber selbst von den Alldeutschen abgelehnt.[134]

Erste Formen des rassischen Antisemitismus hatten sich schon in den 1870er Jahren an den österreichischen Universitäten ausgebreitet. Deutschnationale Verbindungen verweigerten Juden immer häufiger die Aufnahme und gingen dazu über, selbst konvertierte Juden auszu-schließen. Man bestimmte die „Rasse„ zum entscheidenden Kriterium und befand, daß der Umgang mit den „minderwertigen„ Juden schädlich sei. Traurige Berühmtheit erlangte das „Waidhofner Prinzip„, das „Ariern„ verbot, sich mit Juden zu duellieren:


„In vollster Würdigung der Tatsache, daß zwischen Ariern und Juden ein so tiefer moralischer und psychischer Unterschied besteht, und daß durch jüdisches Unwesen unsere Eigenart schon so viel ge-litten, in Anbetracht der vielen Beweise, die auch der jüdische Student von seiner Ehrlosigkeit und Charakterlosigkeit gegeben und da er der Ehre nach unseren deutschen Begriffen völlig bar ist, faßt die heutige Versammlung deutscher wehrhafter Studentenverbindungen den Beschluß: ‘Dem Juden auf keine Waffe mehr Genugtuung zu geben, da er deren unwürdig ist.’„[135]

 

Der rassische Antisemitismus mag in den letzten Jahrzehnten der Monarchie gerade im studen-tischen Milieu eine gewichtige Rolle gespielt haben, weitaus verbreiteter und wohl auch wirk-samer waren allerdings judenfeindliche Klischees von den liberalen, kapitalistischen Juden, den „Börse-„ und „Pressejuden„, die für eine „Verjudung„ der Gesellschaft sorgen würden. Dieses Feindbild wurde vor allem von katholisch-konservativer Seite geprägt, die in Karl Freiherr von Vogelsang eine erste Führungspersönlichkeit fand. Der streng konservative Vogelsang identi-fizierte die Juden mit kultureller Zersetzung und einem die Gesellschaft atomisierenden Kapi-talismus. Die antisemitischen Artikel in seiner Zeitschrift Vaterland stützten sich zwar auf die religiöse Grundopposition Christentum - Judentum, sprachen aber nicht mehr von ungläubigen Gotteslästerern oder Gottesmördern:


 "Die Waffen, die das Judentum zur Erreichung seines einzigen Zieles, zur Herrschaft über die christliche Welt, gebraucht, sind sein Geld, sein Handel und seine Zeitungen. Mit seinem Gelde und seinem Handel hat das Judentum fast alle Fürsten und alle Völker in seiner Gewalt. [...] Immer mehr löst sich die soziale christliche Ordnung durch das Judentum auf. Der Arbeiter- und Handwer-kerstand wandert in die Fabriken, der Grundbesitz in die Hände, die Häuser in das Eigentum und das Vermögen der Völker in die Taschen der Juden. Durch die Wahlgesetze beherrschen sie die Wahlen, die Politik und den Reichsrat, folglich die Gesetzgebung, die Regierung und das Ministerium, und noch wenige Jahre eines solchen ‘Fortschritts’, und Wien heißt Neu-Jerusalem, und das alte Öster-reich - Palästina.„[136]

 
Das Judentum erscheint als unglaublich bedrohliche Allmacht der negativ konnotierten Moder-nisierung, die die gute alte christliche Ordnung aushöhlt. Vogelsang verkörpert beinahe ideal-typisch den modernen Antisemiten, der auf die traditionelle religiöse Ebene des Judenhasses nur noch anspielt und stattdessen die christliche Gesellschaft bereits vom säkularisierten „jüdischen Geist„ infiziert sieht:


„Wenn durch irgendein Wunder ... alle unsere 1 400 000 Juden uns entzogen würden, es wäre wenig geholfen: denn uns selbst hat der Judengeist angesteckt.„[137]

 

Der Mythos vom „jüdischen Geist„ der Modernisierung findet sich auch bei Otto Weininger wieder, wenn er schreibt: „Unsere heutige Zeit läßt das Judentum auf der höchsten Höhe er-blicken, die es seit den Tagen des Herodes erklommen hat. Jüdisch ist der Geist der Moder-nität, von wo man ihn betrachte.„[138] Und auch Karl Kraus schließt sich dieser Tradition an, wenn er in den Letzten Tagen der Menschheit einen negativen Mythos vom jüdischen Kapitalismus entwirft[139] und den jüdischen „Herr der Hyänen“ als uneingeschränkten Herrscher über die kapitalistische Weltanschauung darstellt.[140]

Eine zentrale Rolle spielt im antisemitischen Diskurs dieser Zeit immer wieder die „jüdische Presse„, die nur der Vergrößerung der „jüdischen Macht„ und des „jüdischen Einflusses„ diene. Vogelsang spricht zum Beispiel von den „Versuchungen einer unglaublich frechen, alle menschliche und göttliche Ordnung verhöhnenden Judenpresse„[141]. Und für Lueger führt an einer judenfeindlichen Pressekritik in Wien kein Weg vorbei:


„Ich kann ja nichts dafür, daß [...] beinahe sämmtliche Journalisten Juden sind und nur hie und da in der Redaction ein sogenannter Redactionschrist gehalten wird, den sie eventuell vorführen können, wenn einer kommt, der sich sonst schrecken möchte (Heiterkeit); ich kann nichts dafür, daß sie lauter Juden sind, [...] aber weil die Journalisten lauter Juden sind, so hat die gegen den Journalismus ge-richtete Bewegung naturnothwendig den Charakter des Antisemitismus beinahe annehmen müs-sen.„[142]

 

Das judenfeindliche Schlagwort „Judenpresse„ findet sich aber nicht nur im offen antisemi-tischen Lager. Auch die Sozialdemokraten agitierten im Kampf gegen die liberalen ‘Klassen-feinde’ gegen die „Judenpresse„, die zu einem Synonym für die liberale kapitalistische Ge-sinnung geworden war.[143] Die zum Teil antijüdisch gefärbte sozialdemokratische Kritik am Kapitalismus kommt nicht sonderlich überraschend. Immerhin hatte schon Marx in seinem Essay Zur Judenfrage auf die Verbindungen zwischen Judentum und Kapitalismus, oder genauer: zwischen Judentum und Geld, hingewiesen.[144] Es lohnt sich, den zu Marx’ frühen Schriften zählenden Essay etwas genauer zu betrachten. Marx vertritt darin die Ansicht, daß das Wesen der jüdischen Religion vom „praktischen Bedürfnis, dem Egoismus„ bestimmt werde; er nennt das Judentum deshalb auch „Religion des praktischen Bedürfnisses„.[145] Entscheidend ist für ihn aber nicht die Beurteilung der abstrakten Religion, sondern die Ver-wirklichung der Religion in der Welt. Marx sucht nach den „weltlichen Juden„, in denen allein das Geheimnis der jüdischen Religion zum Ausdruck kommt. Er stellt fest:

 

"Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz.
Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher.
Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.„[146]

 
Für Marx verwirklichen sich die Prinzipien des Judentums besonders eindrucksvoll in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die für ihn verwirklichtes Judentum ist:


„Das Judentum hat sich neben dem Christentum gehalten, nicht nur als religiöse Kritik des Christen-tums, nicht nur als inkorporierter Zweifel an der religiösen Abkunft des Christentums, sondern eben-sosehr, weil der praktisch jüdische Geist, weil das Judentum in der christlichen Gesellschaft selbst sich gehalten und sogar seine höchste Ausbildung erhalten hat. Der Jude, der als ein besonderes Glied in der bürgerlichen Gesellschaft steht, ist nur die besondere Erscheinung von dem Judentum der bürgerlichen Gesellschaft.„[147]

 

Der junge Philosoph vertritt die Ansicht, daß der „praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden„[148] ist. Schon bei Marx werden also Materialismus und Kapitalismus als jüdische Phänomene beschrieben, als jüdische Phänomene allerdings, die bei Christen oder Deutschen (oder Ariern; allerdings spielt der Rasse-Diskurs bei Marx überhaupt keine Rolle) genauso beobachtet werden können. Der „jüdische Geist„ ist ein abstrakter Begriff, der sich ganz konkret (in der gesellschaftlichen Wirklichkeit) äußert, der aber keine religiöse, rassische oder nationale Determinante hat. Karl Marx bringt das mit einer dialektischen Polemik auf den Punkt:

 "Das Christentum ist aus dem Judentum entsprungen. Es hat sich wieder in das Judentum aufgelöst.


Der Christ war von vornherein der theoretisierende Jude, der Jude ist daher der praktische Christ, und der praktische Christ ist wieder Jude geworden.„[149]

 

Das Judentum steht bei Marx also für eine bestimmte Geisteshaltung, die man als materia-listisch-kapitalistisch beschreiben könnte. Im Gegensatz zu Vogelsang sieht der spätere Gesellschaftstheoretiker nicht in der (jüdischen) Modernisierung das große Übel der Zeit, sondern in der gesellschaftlichen Verteilung des Besitzes, nicht zuletzt des Besitzes an Produktionsmitteln. Die „Judenfrage„ wird seiner Meinung nach durch das bevorstehende sozialistische Gesellschaftssystem gelöst, in dem die Juden genauso Platz finden werden (würden) wie die Christen.

Marx und Vogelsang dürfen bezüglich ihrer Einstellung zum Judentum nicht auf eine Stufe gestellt werden. Es ist dennoch nicht zu übersehen, daß beide im bürgerlichen Kapitalismus den verwirklichten „Judengeist„ sehen, wenngleich für Marx damit nicht notwendigerweise Juden gemeint sind, für Vogelsang aber in erster Linie. Bei allen Unterschieden wird deutlich, daß eine kritische Einstellung gegenüber Liberalismus und Kapitalismus oftmals eine antijüdische Rhetorik beinhaltet.

Im Wien der Jahrhundertwende war die antijüdisch gefärbte Kritik am Liberalismus und der Moderne besonders stark verbreitet. Der in Sachen Politik zweifellos hochbegabte Karl Lueger hatte mit seinen demagogischen Vereinfachungen entscheidenden Anteil daran, daß der Libera-lismus, das große Feindbild der Christlichsozialen und Konservativen um die Jahrhundert-wende, gerade in der Wiener Öffentlichkeit als jüdische Angelegenheit begriffen wurde.[150] Schlagwörter wie Materialismus, Liberalismus, Kapitalismus, Atheismus, Nihilismus und später auch Sozialismus, die von weiten Teilen der Bevölkerung negativ bewertet wurden, hatten in diesem zunehmend antisemitischen Klima einen jüdischen Klang. Man kann heute davon aus-gehen, daß sich in diesem Österreich nach und nach ein Diskurs herausbildete, in dem vor allem Liberalismus- und Kapitalismuskritik judenfeindlich waren. Scheichl meint dazu:

 
"Offensichtlich wurden Liberalismus und wirtschaftlicher Fortschritt in Österreich so stark mit den Juden identifiziert, daß jedwede liberalismusfeindliche Position fast zwangsläufig auch zu einer wenigstens teilweise judenfeindlichen Position wurde, und zwar ganz besonders, wenn es auch um Kritik an der liberalen Presse ging.„[151]


Wie stark Liberalismus und Kapitalismus im Diskurs dieser Zeit jüdisch besetzt waren, beweist die Haltung der insgesamt wohl nicht antisemitisch zu nennenden sozialdemokratischen Presse. Auch hier finden sich Ausdrücke wie „jüdische Finanz„ und „jüdischer Schmarotzer„[152] im Kontext der „kapitalistischen Ausbeutung„. Die Sozialdemokratie, in der Juden wichtige Positionen an der Parteispitze einnahmen, wollte nicht als „Judenschutztruppe„ gelten und griff wohl auch deshalb auf gängige judenfeindliche Klischees wie den „jüdisch gefärbten Kapita-lismus„[153] zurück, wenngleich es oft den Anschein hatte, als wollte man die judenfeindliche Atmosphäre für eigene Zwecke, sprich: zusätzliche Wählerstimmen, nutzen.[154] In dieser Atmosphäre war es zweifellos schwierig, eine neutrale Position gegenüber den Juden zu be-wahren: wer seine Kritik am Finanzkapital nicht mit Kritik am ‘jüdischen Finanzkapital’ ver-band, wurde von der antisemitischen Presse sofort der Packelei mit den „jüdischen Aus-beutern„ bezichtigt und lief vielleicht sogar Gefahr, bei Teilen der Bevölkerung das Vertrauen zu verlieren.[155] Es bleibt die bedrängende Frage, inwieweit um die Jahrhundertwende eine zumindest tendenziös judenfeindliche Haltung für eine erfolgreiche Partei unabdingbar war.

Die Sozialdemokratie stimmte zwar nicht in den rabiaten Antisemitismus der Christlichsozialen und Alldeutschen ein, sorgte aber mit ihrer zweideutigen Haltung dafür, daß äußerst proble-matische Identifikationen „eine neue Respektabilität und Legitimität erlangten„[156].

Es ist einerlei, ob der Druck der Antisemiten dafür verantwortlich war, daß die Liberalismus- und Kapitalismuskritik so häufig eine judenfeindliche Ausprägung erfuhr. Tatsache bleibt die antijüdische Schlagseite des Antiliberalismus und -kapitalismus bis hin zu antisemitischen Stereotypen vom „jüdischen Kapitalisten„, der „jüdischen Finanz„ und der „Judenpresse„. Die Identifikation der Juden mit der in weiten Teilen der Bevölkerung negativ konnotierten Moder-nisierung, in der Kapitalismus und Liberalismus Schlagwörter bildeten, wurde zu einem kul-turellen Code, dessen sich auch Personen bedienten, die ihrem Selbstverständnis nach keine Judenfeinde oder Antisemiten waren. Wir werden sehen, inwieweit Karl Kraus als scharfer Kritiker der liberalen Werte in diesen judenfeindlichen Diskurs verwickelt war, welche Elemente er übernahm und wo er sich davon absetzte.

 


[1]Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften. Roman. Bd. 1: Erstes und Zweites Buch. Hg. v. Adolf Frisé. Reinbek: Rowohlt 1996 (= rororo 13462). S. 33.

[2]vgl. Ingeborg Bachmanns Erzählung Drei Wege zum See, in der Franz Joseph Trotta, eine Figur aus Joseph Roths Kapuzinergruft, auftritt. Bachmann schreibt damit eine spezifisch österreichische Figur fort, eine Figur, die im Exil zugrunde ging. Bachmann gelingt dabei ein positiver, ganz anderer ‘Anschluß’: der Anschluß an die große Tradition österreichischer Literatur. In: Werke 2. Erzählungen. Hg. v. Chr. Koschel,  Inge v. Weidenbaum u. Clemens Münster. 5. Aufl. München: Piper 1993 (= Serie Piper 1702). S. 394-486.

[3]Kuprian, Hermann J. W.: An der Schwelle zum 20. Jahrhundert - Staat und Gesellschaft vor dem Ersten Welt-krieg. In: Österreich im 20. Jahrhundert. Von der Monarchie bis zum Zweiten Weltkrieg. Hg. v. Rolf Steininger und Michael Gehler. Bd. 1. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1997. S. 10.

[4]ebda. S. 35ff; Hanisch, Ernst: Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert. Wien 1994 (= Österreichische Geschichte 1890-1990). S. 230f; Le Rider, Jacques: Das Ende der Illusion. Die Wiener Moderne und die Krisen der Identität. Wien: ÖBV 1990. S. 27; Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. München: Piper 1998 (= Serie Piper 2653). S. 125ff.

[5]Hanisch, Ernst: Der lange Schatten des Staates. S. 231.

[6]ebda. S. 209.

[7]ebda. S. 225.

[8]ebda. S. 186.

[9]ebda. S. 184.

[10]ebda. S. 45.

[11]vgl. Schorske, Carl E.: Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de siècle. Frankfurt/M.: Fischer 1982.

[12]vgl. Timms, Edward: Karl Kraus. Satiriker der Apokalypse. Leben und Werk 1874-1918. Wien: Deuticke 1995. S. 26ff.

[13]F 400-403, Juli 1914, S. 2.

[14]vgl. Peters, Ulrike: Richard Beer-Hofmann: Zum jüdischen Selbstverständnis im Wiener Judentum um die Jahrhundertwende. Frankfurt/M.: Lang 1993 (= Judentum und Umwelt. Bd. 46). S. 35.

[15]Heimann-Jelinek, Felicitas: JudenFragen - Jüdische Positionen von Assimilation bis Zionismus. In: Juden-Fragen - Jüdische Positionen von Assimilation bis Zionismus. Hg. v. Felicitas Heimann-Jelinek im Auftrag des Jüdischen Museums der Stadt Wien. Wien 1997. S. 14.

[16]Nach der halachischen Definition des Judentums zählen die Nachkommen einer jüdischen Mutter oder per religiösem Ritual übergetretene Menschen zum Judentum. vgl. Peters, Ulrike: Richard Beer-Hofmann. S. 35 und JudenFragen - Jüdische Positionen von Assimilation bis Zionismus. S. 72.

[17]Le Rider, Jacques: Das Ende der Illusion. S. 349.

[18]Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. Assimilation und Identität. Wien, Köln, Graz: Böhlau 1988 (= Forschungen zur Geschichte des Donauraumes. Bd. 11). S. 149.

[19]Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. Von der Ausgrenzung zur Auslöschung. Wien: Kremayr & Scheriau 1993. S. 61.

[20]Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1993. (= Böhlaus zeitgeschichtliche Bibliothek. Bd. 23). S. 214.

[21]vgl. Ginzel, Günther Bernd, Klaus Kleinherne u.a. (Hg.): Mit Hängemaul und Nasenzinken... Erziehung zur Unmenschlichkeit. Medienpaket für Gruppenleiter und Lehrer. Texte. Düsseldorf 1984. S. 76.

[22]vgl. die Bücher von Beller: Wien und die Juden 1867-1938; Le Rider: Das Ende der Illusion; Peters: Richard Beer-Hofmann; Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. Aufsätze von Simon, Heinrich: Zum Problem der jüdischen Identität. In: Jüdische Selbstwahrnehmung. Hg. v. Hans Otto Horch und Charlotte Wardi. Tübingen: Niemeyer 1997 (= Conditio Judaica 19). S. 15-25; Pollak, Michael: Kulturelle Innovation und soziale Identität im Wien des Fin de siècle. In: Eine zerstörte Kultur. Jüdisches Leben und Antisemitismus im Wien seit dem 19. Jahrhundert. Hg. v. Gerhard Botz, Ivar Oxaal und Michael Pollak. Buchloe: Obermayer 1990. S. 83-101.

[23]vgl. Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. Kapitel 1: Der ewige Sündenbock. S. 29-39.

[24]Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. S. 103.

[25]Hanisch, Ernst: Der lange Schatten des Staates. S. 105.

[26]Schnitzler, Arthur: Der Weg ins Freie. Roman. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1993 (= Fischer Taschenbuch 9405). S. 32.

[27]Hanisch, Ernst: Der lange Schatten des Staates. S. 31.

[28]Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. S. 212; Pollak, Michael: Kulturelle Innovation und soziale Identität im Wien des Fin de siècle. In: Eine zerstörte Kultur. S. 87.

[29]Oxaal, Ivar: Die Juden im Wien des jungen Hitler: Historische und soziologische Aspekte. In: Eine zerstörte Kultur. S. 54.

[30]Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. S. 88.

[31]Häusler, Wolfgang: „Aus dem Ghetto„. Der Aufbruch des öterreichischen Judentums in das bürgerliche Zeit-alter (1780-1867). In: Conditio Judaica: Judentum, Antisemitismus u. deutschsprachige Literatur vom 18. Jh. bis zum Ersten Weltkrieg. Hg. v. Hans Otto Horch. Tübingen: Niemeyer 1988. S. 69.

[32]vgl. Walz, Stefan: Staat, Nationalität und jüdische Identität in Österreich vom 18. Jahrhundert bis 1914. Frankfurt/M. u. a.: Peter Lang 1996 (= Ethnien, Regionen, Konflikte. Bd. 8). S. 26f.

[33]F 384-385, Oktober 1913. S. 27.

[34]Schnitzler, Arthur: Jugend in Wien. Eine Autobiographie. Hg. v. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler.  Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1994 (= Fischer Taschenbuch 2068). S. 322.

[35]vgl. John, Michael u. Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien - einst und jetzt. Zur Geschichte und Gegenwart von Zuwanderung und Minderheiten. Aufsätze, Quellen, Kommentare. 2., verb. Aufl. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1993. S. 384f.

[36]Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. S. 194.

[37] Die Begriffe werden im nächsten Kapitel näher behandelt.

[38]vgl. hierzu vor allem Rozenblit u. Oxaal, Ivar: Die Juden im Wien des jungen Hitler.

[39]Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. 5. Aufl. München: Piper 1996 (= Serie Piper 1032). S. 22.

[40]ebda. S. 23f.

[41]vgl. Katz, Jacob: Varianten des jüdischen Aufklärungserlebnisses. In: Conditio Judaica. Hg. v. Hans Otto Horch. Tübingen: Niemeyer 1988. S. 1-10.

[42]Es gab mehrere Patente, die für die einzelnen Länder erlassen wurden. vgl. Walz, Stefan: Staat, Nationalität und jüdische Identität in Österreich vom 18. Jahrhundert bis 1914. S. 21ff.

[43]Oxaal, Ivar: Die Juden im Wien des jungen Hitler. S. 44.

[44]vgl. Häusler, Wolfgang: „Aus dem Ghetto„. S. 54.

[45]Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. S. 138.

[46]Haumann, Heiko: Geschichte der Ostjuden. 4. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1998 (= dtv 30663). S. 92.

[47]vgl. Walz, Stefan: Staat, Nationalität und jüdische Identität in Österreich vom 18. Jahrhundert bis 1914. S. 13ff.

[48]Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. S. 206.

[49]Oxaal, Ivar: Die Juden im Wien des jungen Hitler. S. 54.

[50]Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. S. 12.

[51]ebda. S. 52.

[52]Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. S. 106.

[53]F 11, Juli 1899. S. 6.

[54]ebda. S. 5.

[55]Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. S. 19.

[56]Wieder muß Beller als herausragendes Beispiel genannt werden.

[57]John, Michael u. Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien. S. 384.

[58]ebda. S. 382.

[59]Auf das seltsame Vokabular in soziologischen Untersuchungen sei hier nur am Rande hingewiesen.

[60]Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. S. 9f.

[61]John, Michael u. Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien. S. 383.

[62]vgl. Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. S. 95.

[63]Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. S. 78; John, Michael u. Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien. S. 384; Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. S. 94f.

[64]Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. S. 72.

[65]ebda. S. 63f.

[66]Oxaal, Ivar: Die Juden im Wien des jungen Hitler. S. 59.

[67]vgl. Hanisch, Ernst: Der lange Schatten des Staates. S. 195.

[68]Haumann, Heiko: Geschichte der Ostjuden. S. 19.

[69]Zitiert in: Le Rider, Jacques: Das Ende der Illusion. S. 251.

[70]Oxaal, Ivar: Die Juden im Wien des jungen Hitler. S. 58f.

[71]Peters, Ulrike: Richard Beer-Hofmann. S. 46.

[72]vgl. Sartre, Jean-Paul: Überlegungen zur Judenfrage. Reinbek: Rowohlt 1994 (= rororo 13149); Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus; Strauss, Herbert A. u. Norbert Kampe (Hg.): Antisemitismus: von der Judenfeindschaft zum Holocaust Frankfurt/M., New York: Campus 1985; Rürup, Reinhard: Emanzipation und Antisemitismus: Studien zur „Judenfrage„ der bürgerlichen Gesellschaft. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1975 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Bd. 15); Sottopietra, Doris: Variationen eines Vorurteils: eine Entwicklungsgeschichte des Antisemitismus in Österreich. Wien: Passagen-Verlag 1997; Volkov, Shulamit: Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. 10 Essays. München: Beck 1990.

[73]Améry, Jean: Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. 3. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta 1997. S. 60.

[74]ebda. S. 143f.

[75]ebda. S. 144.

[76]Hanisch, Ernst: Der lange Schatten des Staates. S. 184.

[77]Oxaal, Ivar: Die Juden im Wien des jungen Hitler. S. 55.

[78]John, Michael u. Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien. S. 34.

[79]vgl. Sartre, Jean Paul: Überlegungen zur Judenfrage. S. 14ff.

[80]John, Michael u. Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien. S. 204.

[81]Hanisch, Ernst: Der lange Schatten des Staates. S. 73.

[82]vgl. die von Hanisch aufgestellte These, die schon im Titel seines Buches „Der lange Schatten des Staates„ anklingt. ebda. S. 15.

[83]ebda. S. 70.

[84]Frei, Bruno: Jüdisches Elend in Wien. Bilder und Daten. Wien, Berlin 1920. S. 68. zit. n. John, Michael u. Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien. S. 208.

[85]ebda. S. 145.

[86]vgl. Oxaal, Ivar: Die Juden im Wien des jungen Hitler. S. 46ff.

[87]Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. S. 134.

[88]ebda. S. 135.

[89]ebda. S. 134.

[90]Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. S. 95.

[91]ebda. S. 95.

[92]Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. S. 134.

[93]Le Rider, Jacques: Das Ende der Illusion. S. 351.

[94]Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. S. 84.

[95]Theobald, John: The paper ghetto. S. 81. Theobald schreibt hier: It has already been suggested that Kraus’s identity as an Austrian Jew was determined by a deep fear of anti-Semitism.„ Theobalds These nimmt aben-teuerliche Züge an, wenn er Kraus’ konservative Kulturkritik in erster Linie als Folge seiner Antisemitismus-Angst versteht: „In adopting conservatism, Kraus, the Jew, was putting himself in a position to completely dissociate himself from Jewish liberals, and to attack them radically as an evil influence on society who both provoked and deserved anti-Semitism. With such a position, he could believe that he would be exempt from anti-Semitism.„ (ebda. S. 81.)

[96]Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. S. 215.

[97]vgl. Pulzer, Peter: Spezifische Momente und Spielarten des österreichischen und des Wiener Antisemitismus. In: Eine zerstörte Kultur. S. 121-139.

[98]Scheichl, Sigurd Paul: Nuancen in der Sprache der Judenfeinde. In: Eine zerstörte Kultur. S. 141-168.

[99]Stellvertretend seien hier Jacques Le Rider und Michael Pollak genannt.

[100]Diese Meinung vertreten Scheichl in dem zitierten Aufsatz und Allan Janik, der sich kritisch mit dem jüdischen Selbsthaß auseinandergesetzt hat. vgl. Janik, Allan: Die Wiener Kultur und die jüdische Selbsthaß-Hypothese. Eine Kritik. In: Eine zerstörte Kultur. S. 103-121.

[101]John, Michael u. Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien. S. 114. Pulzer meint dazu: „Die Panik, in die die jüdische Bevölkerung Wiens versetzt war, legte sich nach kurzer Zeit wieder, zum Teil aufgrund der beschwichtigenden Worte des Kaisers, zum Teil, weil Drohungen im allgemeinen nicht in Taten umgesetzt wurden.„ (Pulzer, Peter: Spezifische Momente und Spielarten des österreichischen und des Wiener Antisemitismus. S. 133f.)

[102]Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. S. 94; Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. S. 171.

[103]John, Michael u. Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien. S. 204.

[104]Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. S. 15.

[105]vgl. Hanisch, Ernst: Der lange Schatten des Staates. S. 74.

[106]vgl. Häusler, Wolfgang: „Aus dem Ghetto„. S. 61; Oxaal, Ivar: Die Juden im Wien des jungen Hitler. S. 56.

[107]Oxaal, Ivar: Die Juden im Wien des jungen Hitler. S. 60.

[108]Rozenblit, Marsha L.: Die Juden Wiens 1867-1914. S. 106.

[109]ebda. S. 107.

[110]F 13, August 1913. S. 30.

[111]Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. S. 72.

[112]ebda. S. 35 u. S. 51.

[113]Beispiele dafür sind u.a. Kraus, Schnitzler, Mahler und Schönberg.

[114]Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. S. 46.

[115]Pauley behauptet, daß die Juden zwischen 1900 und 1910 mehr als die Hälfte der Journalisten Wiens stellten. (Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. S. 80.)

[116]Beller spricht sogar von den Juden der Monarchie als „Kerntruppe„ des Liberalismus. (Beller, Steven: Wien und die Juden 1867-1938. S. 137.)

[117]Timms, Edward: Karl Kraus. Satiriker der Apokalypse. S. 41.

[118]vgl. Schnitzler, Arthur: Professor Bernhardi. Komödie in fünf Akten. In: ders.: Das weite Land. Dramen 1909-1912. Frankfurt/M.: Fischer 1995 (= Fischer Taschenbuch 11508). S. 149-294.

[119]Oxaal, Ivar: Die Juden im Wien des jungen Hitler. S. 55.

[120]Hanisch, Ernst: Der lange Schatten des Staates. S. 195.

[121]Pollak, Michael: Kulturelle Innovation und soziale Identität im Wien des Fin de siècle. S. 84.

[122]Freud, Sigmund: Briefe 1873-1939. Hg. v. Ernst und Lucie Freud. Frankfurt/M. 1968. S. 381. zit. n. Le Rider, Jacques: Das Ende der Illusion. S. 320.

[123]vgl. Iggers, Wilma: Karl Kraus. A Viennese Critic of the Twentieth Century. Den Haag 1967. S. 171-191.

[124]Lebzelter: Political Anti-Semitism in England. S. 3. zit. n. Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. S. 29.

[125]ebda. S. 29.

[126]Scheichl, Sigurd Paul: Nuancen in der Sprache der Judenfeinde. S. 145ff.

[127]ebda. S. 148.

[128]ebda. S. 165.

[129]Bayerdörfer, Hans-Peter, Gunter Grimm u. Konrad Kwiet: Im Zeichen Hiobs. Einleitung. S. 21.

[130]Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. S. 63.

[131]Deutsches Volksblatt, 8. 12. 1905, S. 3. zit. n. Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. S. 490.

[132]Unverfälscht Deutsche Worte, 1. 10. 1883, S. 2f. zit. n. John, Michael u. Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien. S. 314.

[133]F 386, November 1913. S. 6.

[134]Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. S. 312ff.

[135]zit. n. Pauley, Bruce: Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. S. 67.

[136]Vaterland, 20. Dezember 1871. zit. n. Pulzer, Peter G. J.: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867 bis 1914. Gütersloh: Mohn Verlag 1966. S. 112.

[137]Vaterland, 10. Oktober 1875. zit. n. ebda. S. 114.

[138]Weininger, Otto: Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung. Wien 1903 (Nachdruck München: Matthes & Seitz 1980). S. 440f.

[139]vgl. LTdM, I. Akt, Sz. 22, S. 162 u. I. Akt, Sz. 29, S. 194ff.

[140]vgl. LTdM, Epilog, S. 750ff.

[141]zit. n. Pulzer, Peter G. J.: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867 bis 1914. S. 115.

[142]Rede Luegers im Reichsrat aus dem Jahr 1890. zit. n. John, Michael u. Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien. S. 299.

[143]vgl. Wistrich, Robert S.: Sozialdemokratie, Antisemitismus und die Wiener Juden. In: Eine zerstörte Kultur. S. 177.

[144]Marx, Karl: Zur Judenfrage. In: ders.: Die Frühschriften. Hg. v. Siegfried Landshut. Stuttgart: Kröner 1965 (= Kröners Taschenausgabe Bd. 209). S. 201ff.

[145]ebda. S. 205 u. 207.

[146]ebda. S. 201.

[147]ebda. S. 203.

[148]ebda. S. 202.

[149]ebda. S. 206.

[150]vgl. Theobald, John: The paper ghetto. S. 27.

[151]Scheichl, Sigurd Paul: Nuancen in der Sprache der Judenfeinde. S. 160.

[152]ebda. S. 142f.

[153]Viktor Adler sprach bei den Verhandlungen des 6. österreichischen Sozialdemokratischen Parteitages im Jahre 1897 von der „kapitalistischen Bourgeoisie„, die „hier in Wien eine jüdische Färbung hat„. zit. n. Wistrich, Robert S.: Sozialdemokratie, Antisemitismus und die Wiener Juden. S. 178.

[154]vgl. ebda. S. 178.

[155]Bei einer solchen These muß man vorsichtig sein, weil sich nicht genau sagen läßt, inwieweit die Bevölkerung selbst vom Antisemitismus infiziert war und diesen von den Parteien forderte. Der Wahlerfolg der antisemitisch argumentierenden Christlichsozialen deutet aber darauf hin, daß der Antisemitismus im Volk gut ankam.

[156]ebda. S. 179.

 

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