Ernesto "Ché" Guevara
Mythos und Realität

Von Julia Neissl

Lehrveranstaltung: SE: Mythos und Realität der Sechzigerjahre
Lehrveranstaltungsleiter: Reinhold Wagnleitner / Reinhard Krammer
Universität: Universität Salzburg, Institut für Geschichte
Semester: WS 1996/97

 

Inhaltsverzeichnis:


1. Einleitung:

2. Ernesto "Ché" Guevara: biografische Notizen zum
"Helden des 20. Jahrhunderts":

3. Realität in Bolivien: ein Vergleich der theoretischen Schrift
"Der Guerillakampf" und seiner Tagebücher:

        3.1 Bolivien - Notizen zur "aktuellen" Lage:

        3.2 Die Theorie des Kampfes und seine (Nicht)Umsetzung in Bolivien:

        3.3 Beurteilung des Guerillakampfes in Bolivien und Gründe seines Scheiterns:


4. Der Mythos "Ché" und seine Funktion:

        4.1 Der Mythos:

        4.2 "Ché" als mythischer Träger, seine Funktion und Vermarktung:


5. Zusammenfassung:


Literatur

 



1. Einleitung:


    Den Namen und das berühmte Bild "Ché" Guevaras aus 1960 kennen sehr viele Menschen. Immer wieder tauchen T-Shirts, Transparente und Posters bei Jugendlichen und junggebliebenen "68ern" auf. Doch die Antworten auf die Frage "Wer war dieser Mann?" fallen etwas spärlich aus. Die einen wissen zum Beispiel, daß er irgendetwas mit Bolivien zu tun habe, die anderen wiederum haben gehört, daß er ein Freund Fidel Castros war, aber mehr historisches Wissen können nur "Spezialisten" anbieten.
Diese Arbeit soll die Person Ernesto Guevaras und seine Ideen hinsichtlich einer Befreiung der lateinamerikanischen Völker darstellen, wobei ich sein Leben und die Funktionen während und nach der Revolution in Kuba weitgehend vernachlässige, da ich das Thema auf Bolivien beschränke. Für diese Einschränkung gibt es noch ein weiteres wichtiges Argument: Wenn Guevara seinen "Abenteuerurlaub" überlebt hätte, gäbe es den Mythos nicht (sonst müßte beispielsweise Fidel Castro ähnlich verehrt werden).
Die leitenden Fragen, die sowohl für die fachwissenschaftliche Arbeit als auch für den fachdidaktischen Teil relevant sind: Warum ist ein Mythos, der vor 30 Jahren begann, noch immer "aktiv"? Was ist der "gesamte" historische Sinn, der hinter der Form des "Ché" Bildnisses - die Begriffe im Sinne der Barthesschen Mythostheorie als semiologisches System verstanden und gebraucht - steht, und was wird alles zuwenig kritisch bzw. gar nicht besprochen?

Ich werde zuerst einige biografische Anmerkungen zu "Ché" Guevara machen, vor allen Dingen möchte ich auf jene Stationen seines Lebensweges eingehen, die für sein Verhalten und seine Ideen in Bolivien wichtig sind. In einem zweiten Kapitel soll die Situation in Bolivien beleuchtet werden und eine Gegenüberstellung der theoretischen Schrift "Der Guerillakampf" mit den Aufzeichnungen der bolivianischen Tagebücher gemacht werden. Der dritte größere Themenblock ist die Frage nach dem Mythos. Dabei verwende ich die Barthessche Theorie zur Mythenbildung und Interpretation als Zeichensystem.
Ein Blick auf das Literaturverzeichnis zeigt, daß die meisten Bücher zu "Ché" Guevara bereits mehrere Jahre alt sind, ich hatte mich bemüht, neuere Literatur zu erhalten, es wurde jedoch in den letzten Jahren wenig bis gar nichts zu diesem Thema publiziert. Neuere Veröffentlichungen sind erst für das Jahr 1997 zu erwarten, auch eine Dokumentation soll anläßlich des 30jährigen Todesgedenkens ausgestrahlt werden.


2. Ernesto "Ché" Guevara:
biografische Notizen zum "Helden des 20. Jahrhunderts":


"Che: (Amerikanismus), Interjektion, die als Ausdruck dient für Freude, Bewunderung, Schmerz."

Ernesto Guevara wird am 14. Juli 1928 in Argentinien geboren. Seine Mutter, die eine enge Beziehung zu ihrem Erstgeborenen hatte, ist eine verwaiste Adelstochter, die als sehr emanzipierte Frau beschrieben wird. Das erste schicksalträchtige Ereignis des "Ché" passiert 1930, als er auf dem Heimweg vom Schwimmen seinen ersten Asthmaanfall hat. Die Familie wechselt auf Anraten des Arztes den Wohnort, seine Eltern sind von finanziellen Problemen geplagt. Ernesto geht dann an das Gymnasium in Cordoba, wo er auch sportliche Aktivitäten wie Rugby - trotz Abraten der Ärzte - betreibt. Den Haß auf das bestehende Gesellschaftssystem lernt er vor allem bei seiner Mutter kennen. Bereits in seiner Jugend hat er Kontakte zu Exilanten, die im Spanischen Bürgerkrieg Erfahrungen gesammelt hatten und zeigt sich schon in dieser Lebensphase eher kämpferisch. Er will nicht demonstrieren, er will eine Waffe. Auf diese Lebensphase kam er Jahre später noch einmal zu sprechen:

"Fünfzehn Jahre ist ein Alter, in dem der Mensch schon weiß, wofür er sein Leben geben wird. Wenn er ein Ideal besitzt, für das er sich opfert."

In Buenos Aires studiert Guevara Medizin und tritt während seiner letzten Hochschuljahre der FUBA (Federación Universitaria de Buenos Aires), einem kommunistisch/sozialistischen Studentenkreis, bei. Er setzt sich gegen die kapitalistische Weltordnung ein und seine zukünftigen Kritikpunkte an der lateinamerikanischen Situation zeichnen sich in ihren Grundzügen bereits in dieser Phase ab.
Seine erste Liebe gilt einer Tochter aus begütertem Hause, Ernesto hätte die Chance, durch Maria "Chichina" del Carmen Ferreyra in die oberen Gesellschaftsschichten Argentiniens aufgenommen zu werden. Doch seine Reiselust und sein unbeständiger Lebenswandel stellen sich gegen eine Verbindung mit Maria. 1951 begibt er sich mit seinem Freund Alberto Granados mit einem Motorrad auf die erste Reise durch Südamerika. Als er von dieser Reise nach Monaten zurückkehrt, weiß er, was er sicherlich nicht will: "nämlich das bürgerliche Dasein einer Arztes in Buenos Aires führen."
Auf einer weiteren Reise 1953 kommt er zum ersten Mal nach Bolivien, dessen Revolution von 1952 er als ein Fehlunternehmen betrachtet. Auf dieser Reise trifft er auch kubanische Revolutionäre und lernt in Guatemala seine erste Frau Hilda Gadea kennen. Sie wird seine "mütterliche" Betreuerin und Lehrerin, die ihn mit den Leuten der kommunistisch-revolutionären Szene bekanntmacht. In Guatemala beobachtet er den Eingriff Amerikas in die Revolution und das Scheitern dieser. Er sammelt seine ersten Erfahrungen. 1955 lernt er Fidel Castro in Mexiko kennen, in diesem Land findet auch die militärische Guerilla-Ausbildung durch Oberst Bayo statt. 1956 startet dann das Kuba-Abenteuer; hier macht Guevara die für ihn später leitende Erfahrung, daß die Guerilla mit voller Unterstützung der bäuerlichen Bevölkerung kämpft, denn das Volk hat ein gemeinsames Ziel: den Präsidenten Batista zu stürzen.

Zu Guevaras Verhalten in Kuba schreibt May folgendes:

"Was den Ruf Ches als gefürchtester Guerillakommandant begründete, war sein kampfentscheidendes Eingreifen in der Provinz Las Villas mit dem Endsieg von Santa Clara. Er hatte die Instruktionen Castros in die Tat umgesetzt, mit ihnen Erfolg gehabt und sich auch als Administrator in jener Zone vorzüglich bewehrt."

Die Frage, warum die Revolution in Kuba gelang und in Bolivien später mißlang, stellte sich Guevara im Dschungel Boliviens vermutlich auch. Tatsache ist, daß die Voraussetzungen und Bedingungen in Kuba völlig andere waren als in Bolivien. Das feindliche Heer löste sich auf und schloß sich zum Teil der Guerillabewegung an, Soldaten und Offiziere setzten sich ab. Ein französischer Journalist beschreibt die Situation: "Fidel hat den Gegner nicht vernichtet, dieser war bis ins Knochenmark verfault, zusammengebrochen." Beim Einmarsch in Havanna 1959 zeigt sich Guevara als der gnadenlose Rächer an allen Feinden der Revolution.
Seine zweite Frau Aleida March de la Forre, die im Guerillakrieg immer an seiner Seite gekämpft hatte, heiratet er in Kuba. Seine Familie bekommt ihn jedoch selten zu sehen: "Er blieb mit der Revolution verheiratet, und auch Frau und Kinder wurden dadurch ihre Opfer." Ernesto Guevara ist zuständig für die politischen Beziehungen des Landes mit der Welt, vom Präsidenten der kubanischen Nationalbank über den Anführer wichtiger Wirtschaftsdelegationen im Ausland führt seine Laufbahn zum Industrieminister des Landes. Er war Kubas "Hauptideologe". Er verfaßt politische und ökonomische Schriften für das neue System, sein Ideal wäre es, eine "konsequent kommunistische Gesellschaft" aufzubauen. Ohne Rücksicht auf sich und andere fordert er die permanente Revolution als Berufung, denn sie war sein einziger Lebensinhalt.

Die Haltung der anderen südamerikanischen Staaten beschreibt "Ché" folgendermaßen:

"Solange man lebt, muß man vorwärtsgehen. Alle pro-sowjetischen kommunistischen Parteien Lateinamerikas jedoch treten auf der Stelle; sie haben die Revolution zum Tode verurteilt, weil sie sich entschlossen haben, am Leben zu bleiben - und weil sie glauben, es genüge, nur mit dem Gehirn zu arbeiten, damit möglichst wenig Sachschaden entstehe."

Als Ernesto Guevara von einer seiner Auslandsreisen zurückkommt, bei der er sich sehr kritisch gegenüber der Poltitk der Sowjetunion geäußert hatte, empfängt ihn Fidel Castro am Flughafen von Havanna. Nach einer Besprechung unter vier Augen verläßt "Ché" die Regierung und sein Untertauchen und das damit verbundene Rätselraten beginnt.

Eine im "Spiegel" 1968 veröffentlichte Kritik an Fidel Castro und seiner Politik lautet:

"Man hätte den Sieg, den wir in Kuba errungen haben, richtig auswerten müssen, aber Fidel und die Idioten, die er um sich hat, bringen es nicht einmal fertig, ihn in Kuba selbst auszuwerten. Von Kuba aus hätte man ganz Südamerika befreien können. Und was ist geschehen? Statt reihenweise Guerilleros auszubilden, hat man Funktionäre fabriziert, und ich hätte das unterstützen sollen?"

Am 3.10.1965 verliest Castro einen Abschiedsbrief Guevaras an die Nation, von dem bis heute nicht geklärt ist, wer diesen Brief geschrieben hat. In einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung "Der Spiegel", das erst 1968 veröffentlicht wurde, äußert sich Guevara folgendermaßen:

"(...) jenen Abschiedsbrief überlassen, den er öffentlich verlesen hat, um sich dadurch ein wenig reinzuwaschen. Diesen Brief hatten wir gemeinsam verfaßt." Dieser Brief ist nur einer von den vielen Ungereimtheiten, die die Biografie des "Ché" begleiten.

Nach einem kurzen Abenteuer in Afrika, von dem er gesundheitlich sehr mitgenommen nach Kuba zurückkehrt, wendet er sich wieder seinem Heimatkontinent zu. Ab 1964 hat er die deutsche Agentin Tania in Bolivien stationiert, um das Land für die Revolution vorzubereiten: Über ihre Person gibt es mindestens soviele Spekulationen wie über "Ché":

"Sie zog Che in ihren Bann, ohne daß er es merkte, daß sie ein doppeltes Spiel trieb. Sie blieb eine treue Agentin Moskaus und unterrichtete die Sowjets genau über alle Schritte und Maßnahmen Ches."

Der Idealismus und die Traumwelt des "Ché" Guevara, die ihn schließlich nach Bolivien führen, zeigt sich auch in folgender Aussage in einem Interview:

"Ich träume von einer Welt, wo jeder genau für den gleichen Lohn entsprechend seinen Fähigkeiten und zum besten seiner Fähigkeiten beschäftigt wird. Jeder wird genau auf derselben Stufe leben wie sein Nachbar. Mit der Leistung aller wird sich das soziale Niveau aller in gleicher Weise heben. Das wird der wahre Wohlstand des wahren Kommunisten sein."

Im November 1966 reist er in Bolivien als Geschäftsmann mit gefälschtem Paß ein. Am 7.11.1966 beginnen seine bolivianischen Tagebücher, es ist der Tag, an dem er in das Trainingslager der Guerilla kommt. In seinen Tagebüchern, die im nächsten Kapitel ausführlicher seiner Guerillatheorie gegenübergestellt werden sollen, wechseln Erfolgsoptimismus und düstere Lageberichte einander ab. Hier findet jedenfalls die realistische Schilderung des Dschungelkampfes statt. Im Sommer 1967, als die Aussichten für einen Erfolg der Aktion bereits unmöglich geworden waren und "Ché" immer wieder die Isolation beklagt, war ihm seine Lage schon bewußt: "von Regierungstruppen eingekesselt, auf ein kleines Häuflein Kranker und Zermürbter zusammengeschmolzen, ohne Verbindung nach außen, bar jeder Unterstützung."
Die Angaben zum 7.10.1967, dem Tag seiner Gefangennahme, sind relativ widerspruchsvoll. Die Armee war über die Position der Guerilla bestens informiert, die Revolutionäre waren in einer Schlucht eingekesselt. "Ché" wird gemeinsam mit seinem Genossen Willy gefangengenommen und nach La Higuera in das Schulgebäude gebracht. Am 9.10.1967 wird er getötet. Aus dem Ort ist die Lehrerin Julia Cortéz diejenige, die sich in seinen letzten Lebensstunden um ihn kümmert. Sie ist die letzte, der er seine Träume und Pläne von einem befreiten Land erzählt.

"In den Angaben über die Todesstunde des Guerilla-Führers vermischt sich Legendäres mit Sensationellem und tatsächlich Geschehenem."

Über die Wirkung seines Todes sind die Aussagen ebenfalls unterschiedlich. Sicher ist nur, daß man seine Person in den Jugendbewegungen der ‘68er Jahre als Mythos zu verherrlichen begann, dies jedoch ist Inhalt des letzten Kapitels dieser Arbeit.

Als letztes Zitat zum Mensch "Ché" soll hier noch Jean Paul Sartre angeführt werden:

"Ich halte dafür, daß dieser Mann nicht nur ein Intellektueller, sondern der vollkommenste Mann unserer Zeit war."

 

3. Realität in Bolivien: ein Vergleich der theoretischen Schrift "Der Guerillakampf" und seiner Tagebücher:


3.1 Bolivien - Notizen zur "aktuellen" Lage:


1964 war, durch einen Putsch initiiert, General Barrientos Präsident des Landes geworden. Dieser öffnete Bolivien noch stärker als die Regierungen zuvor für ausländisches Kapital, insbesondere für amerikanische Firmen. Die Opposition wurde unterdrückt, Streiks und Proteste in den Minen brutal niedergeschlagen. Obwohl Barrientos viel Unwillen hervorrief, konnte er sich durch geschickte Strategie die breite Masse mit dem "Militär-Bauern-Pakt" günstig gesonnen machen. Der General, der selbst aus ärmlichen Verhältnissen am Land stammte und die Sprache der Landbevölkerung - Quetschua - sprach, erklärte "die Streitkräfte zum natürlichen Bündnispartner der Bauern."

"Nur das Militär könne garantieren, daß Errungenschaften wie die Agrarreform und der Schulunterricht auf dem Lande beibehalten und ausgebaut würden. Als oberster Bauernführer pflegte er häufig mit dem Hubschrauber von Dorf zu Dorf zu fliegen, mit den Campesinos zu trinken und zu tanzen und freigebig Fußbälle und Fahrräder zu spendieren."

Weitere Maßnahmen waren: einige Bauernführer ins Parlament zu holen und ausländisches Kapital in ländliche Projekte zu investieren. In seine Regierungszeit fällt die Guerilla von "Ché" Guevara in Bolivien. Die bauernfreundliche Politik des Barrientos sollte den Revolutionären "das Genick brechen", denn sie unterschätzten die Popularität des Präsidenten auf dem Land. Im Kampf gegen die Guerilla wurde das bolivianische Heer von den Amerikanern unterstützt, die wenigen Guerilleros, die im Oktober 1967 noch übrig waren, wurden eingekesselt und besiegt.


3.2 Die Theorie des Kampfes und seine (Nicht-)Umsetzung in Bolivien:


In diesem Kapitel möchte ich die 1960 erschienene Schrift "Der Guerillakrieg" von Ernesto Guevara mit der Umsetzung der dort aufgestellten Prämissen, Strategien und Bedingungen für ein Gelingen der Revolution, mit den tatsächlichen Geschehnissen des Guerillajahres in Bolivien - anhand der Tagebuchaufzeichnungen relativ gut nachvollziehbar - vergleichen. "Ché" geht von seinen Erfahrungen in Kuba aus und will die Revolution für ganz Südamerika erreichen. Als wichtige Voraussetzung, welche im Text sehr oft wiederholt und einprägsam dargestellt wird, sieht er die Teilnahme der Bevölkerung am Land. Die Zusammenarbeit benötigt er für die Versorgung der Truppe, für die Orientierung in ihm unbekanntem Gelände und für die Vergrößerung seiner Truppe.

Er stellt drei fundamentale Lehren des Kampfes dar:

"1. Die Volkskräfte können einen Krieg gegen die Armee gewinnen. 2. Nicht immer muß man warten, bis alle Bedingungen für eine Revolution gegeben sind; der aufständische Brennpunkt kann sie schaffen. 3. Im unterentwickelten Amerika müssen Schauplatz des bewaffneten Kampfes grundsätzlich die ländlichen Gebiete sein."

Guevara denkt den Guerillakrieg als Massenbewegung, die alle Bauern und Arbeiter umfaßt, da er ohne eine Unterstützung der Massen nicht durchführbar sei. Die Armut der Bevölkerung Lateinamerikas sieht er als Protestpotential, die Bauern benötigen jedoch eine geschulte Führung. Voraussetzungen für die Möglichkeit des Guerillakampfes sind: strukturelle (Massenarmut, etc.), konjunkturelle (Wirtschaftskrisen, etc.) und das Bewußtsein der Möglichkeit der Veränderung der Regime. Die Argumente für den Guerillakampf richten sich gegen die "Übermacht" USA, die Forderung gilt einer Zerstörung der "Unterdrückerarmee", der Befreiung der lateinamerikanischen Unterdrücktenrolle der "Bauernvölker (...) vom Yankee-Imperialismus" und der Gegenwehr durch eine "Vereinigung der Volkskräfte" gegenüber der "Vereinigung der Repressionskräfte." Als politisch-militärische Begründung kritisert "Ché" die Bevorzugung der Städte für Revolutionen, da dort normalerweise eine Niederlage vorhersehbar sei. Er plädiert für den Rückzug auf das Land.

"Die städtischen Kräfte können, vom Generalstab der Volksarmee gesteuert, Aktionen von unübersehbarer Bedeutung vollbringen. Die eventuelle Zerschlagung dieser Gruppen würde die Seele der Revolution, ihren Führungsstab, nicht töten, der von seiner ländlichen Festung aus fortfahren würde, als Katalysator des revolutionären Geistes der Massen zu wirken und neue Kräfte für weitere Schlachten zu organisieren."

Seine Fokustheorie, die sich unter Punkt zwei der grundlegenden Bedingungen für einen Kampf formuliert findet, besagt, daß kleine Kerngruppen günstige Gegenden auszuwählen hätten, sich mit der Umgebung vertraut machen müßten und Verbindungen mit dem Volk knüpfen sollten. Es ist das Stadium der Ausbildung und Information, der Erkundung der Bedingungen für den Kampf und der Vergrößerung der Truppe, die sich im Verlauf der Revolution in hohem Maße ausdehnen sollte. Denn der Guerillakrieg läuft in mehreren Phasen ab - je nach Teilnehmern - und so verändern sich auch die Kampftechniken, die schlußendlich in den Taktiken des "normalen" Krieges mit Hilfe einer Guerillaarmee zum Sieg führen sollten. Doch in der ersten Phase der Formation des Fokus und der Erweiterung desselben ist die Ausbildung im Sinne einer politischen Arbeit für die Bewußtseinsbildung der Truppe und des Volkes notwendig.

"Es ist wichtig festzustellen, daß der Guerillakampf ein Kampf der Massen ist, daß die Guerillaeinheiten der bewaffnete Kern, die kämpfende Avantgarde des Volkes sind. Die große Kraft der Guerillaeinheiten besteht darin, daß sie sich auf die Bevölkerung stützen können."

Die Funktionen der Bevölkerung sind mehrere: schweigen, die Truppe versorgen, Waffentransporte und Botengänge übernehmen, als Wegführer dienen etc. Über den Bezug zwischen Guerillero und Bevölkerung meint Guevara:

"Er unterstützt den Willen der breiten Masse der Bauern, die den Wunsch haben, zu Herren ihrer Produktionsmittel, ihres Bodens, ihres Viehbestands und all dessen zu werden, was sie in vielen langen Jahren erstrebt haben und das für sie die Lebensgrundlage bedeutet."

Immer wieder klagt "Ché" über die nicht vorhandenen Kontakte und Verbindungen, die für den Kampf so wichtig wären: "Das Netz steckt noch in den Kinderschuhen." (2.12.1966)
Ende Jänner beschließt der "Kommandant" seine Truppe zu prüfen, gleichzeitig zeigt sich seine Entäuschung über das nicht zu motivierende bolivianische Volk bereits jetzt: "Wir werden die Truppe auf die Probe stellen. Die Zeit wird zeigen, was sie leisten kann und was für Aussichten die bolivianische Revolution hat. Von allem Geplanten ging die Einreihung der bolivianischen Kämpfer am langsamsten vonstatten." (Analyse des Monats Jänner)
Die politische Situation in Bolivien, der Rückhalt, den Barrientos bei den Bauern hatte, wirkte sich jedoch gerade in diesem, dem stützenden Punkt der Guerillatheorie verheerend aus. Die Bauern waren verängstigt, durch die Propaganda der Regierung völlig fehlinformiert und nicht bereit zu helfen bzw. mitzukämpfen, sondern eher bereit, die Guerilla zu verraten. Ein Schweizer Jesuit, der zu dieser Zeit in Bolivien tätig war, erzählte bei einem Spiegel-Interview seine Beobachtungen: "Was will der bärtige Ausländer hier, fragten die Bauern den Pater, warum rennt er hier mit der Waffe in der Hand herum, was will er von uns? Sie verrieten den Fremden solange bis er gefaßt war." Und Guevara selbst schreibt immer wieder über die dringend notwendigen Neuzugänge aus der Bevölkerung, die er jedoch nicht mehr erleben sollte. Nur vereinzelt waren Bauern bereit ihnen zu helfen. "Von allen Bauern, denen wir begegneten, zeigte sich ein einziger, Simon, zur Mitarbeit bereit, obwohl er Angst hatte." (17.4.1967) Und weiter in der Analyse des Monats April: "Von einer Mobilisierung der Bauern kann keine Rede sein. Sie können lediglich als Informationsquellen dienen, etwa bei Nachrichten, die schwierig zu beschaffen sind;" Daraus ergibt sich eine zunehmende und immer bedenklichere Isolierung der Guerilla und strategisch-militärische Probleme: "Man fühlt das völlige Fehlen von Neuzugängen aus der Landbevölkerung. Wir befinden uns in einem circulus vitiosus: um diese Neuaufnahme zu erreichen, müssen wir permanent unsere Aktionen in einem bevölkerten Gebiet durchführen. Aber dazu brauchen wir mehr Leute." (Analyse des Monats Juni)

Über den Zeitpunkt des Kampfbeginns formuliert er: "Wesentlich ist, daß man auf keinen Fall Kampfhandlungen, in welchem Ausmaß es auch sein mag, beginnt, wenn der Erfolg nicht von Anfang an gewährleistet ist." Die Taktik der ersten Phase des Guerillakrieges - vor der Formierung der Massen - ist es, Hinterhalte zu legen, zu warten und sich nach der kriegerischen Auseinandersetzung so schnell als möglich zurückzuziehen. Denn der Vorteil ist nicht die Menge an Männern und Waffen, sondern die Orientierung und das Wissen über das Kampfgebiet. Wichtig sei die Beweglichkeit der Truppe, der Aufbau eines Verbindungsnetzes mit den Städten und Kuba, der sparsame Umgang mit Munition, die Häufigkeit von Überraschungsangriffen auf den Gegner und die rationale Einteilung oft spärlicher Essensrationen. In seinen Ausführungen beschäftigt er sich eingehend mit der Frage nach der Menge an Gepäck, Waffen, Essensreserven etc.
Der ideale Beginnzeitpunkt kann in Bolivien nicht eingehalten werden, da die Truppe schon sehr bald verdächtigt wird, mit Kokain Geschäfte zu machen und im Jänner 1967 bereits die Polizei das erste Lager durchsucht. Im März sind die ersten Anzeichen von der Anwesenheit der Militärs zu bemerken, es kommt am 23. und 24. März 1967 zu ersten Kämpfen, bei denen es Tote auf beiden Seiten gibt. Die Öffentlichkeit wird ständig über den Aufenthaltsort der Guerilla via Radio informiert, es gibt die ersten Deserteure und Gefangenen, die scheinbar das Schweigen gebrochen haben. Das Militär beginnt eine Einkreisung der Truppe und setzt Napalmbomben im Kampf ein.
In den Tagebüchern wird den Problemen der Versorgung mit Nahrung und Medikamenten für Guevaras Asthmaanfälle sehr viel Platz eingeräumt, da die Bedrängung der Guerilla auch in diesen Bereichen sehr groß war. Immer wieder gibt es Krankheitsfälle und Verletzungen: Malaria, Sumpffieber und Übelkeit stehen auf der Tagesordnung.
Die Ausbildung und die Fähigkeiten seiner Männer überprüft "Ché" sehr genau und ist häufig unzufrieden über Mißgeschicke und Ungehorsam. Etwas resigniert liest sich der Bericht vom 29.3.1967: "Zwar hatten sie den Befehl, nicht durch die Schlucht zu gehen, aber in den letzten Tagen kam es vor, daß man sich nicht an die Befehle, die ich gab, hielt." In der Analyse des Monats schreibt er: "Zweifellos werden wir uns früher auf den Weg machen, als ich dachte und dabei, belastet mit vier eventuellen Verrätern, eine Gruppe in Reserve lassen."
Über die Herkunft der Guerilleros gibt es zwei gegensätzliche Ansätze: zum einen ist es notwendig, daß ein großer Teil der Guerillatruppe aus dem Operationsgebiet stammt (Kenntnisse, Kontakte, Sprache, etc.), zum anderen betont "Ché" immer wieder den solidarischen Zusammenhalt des Kontinents und die Probleme, die sich aus der Mischung verschiedener Nationalitäten ergeben:

"Kommunistisch sein, das heißt brüderlich, also international sein. Nun gibt es aber zwischen einem Peruaner und seinem Nachbarn, dem Bolivianer, einen stärkeren Antagonismus als zwischen einem Peruaner und einem Ungarn." Dies erkannte Guevara schon vor seiner Guerillaanfänge in Bolivien, dennoch ist seine bolivianische Kampftruppe national sehr gemischt (Argentinier, Kubaner, Peruaner, Bolivianer), Probleme stellen sich binnen kürzester Zeit ein.
Immer wieder gibt es wegen irgendwelcher Kleinigkeiten Konflikte. Im Jänner beispielsweise ärgert sich "Ché" über "unangenehme Streitereien unter Kameraden." (6.1.1967) Besonders in der Vorhut bzw. Nachhut muß Guevara immer wieder Leute auswechseln, da sie sich gegenseitig anschwärzen und Reibereien an der Tagesordnung sind (z.B.: Eintragung am 25.2.1967). Dieses Problem kann er das ganze Jahr nicht lösen: "Anschließend wies ich auf die Tendenz hin, die in der Vorhut zu beobachten war, nämlich auf die Mißachtung der Kubaner, eine Haltung, die gestern ganz klar bei Camba hervortrat, (...)." (12.4.1967)
Auf den ‘Spezialfall’ "Frauen in der Revolution", dem sich Guevara in einem kurzen Kapitel seiner Theorie widmet, möchte ich hier auch kurz eingehen: "Ché" meint, daß ihre Rolle bisher unterschätzt wurde, denn er teilt ihnen mehrere wichtige Funktionen im Guerillakampf zu. Frauen hätten die Möglichkeit zum bewaffneten Kampf genau wie Männer. Sie würden die Moral der Truppe nicht zerstören und wären besonders wichtig für folgende Funktionen:

- Botendienste: Da sie bei eventueller Festnahme durch den Gegner weniger Repressalien zu fürchten hatten.

- Essenszubereitung: "Die Frauen erledigen das Kochen und die vielseitigen anderen häuslichen Arbeiten mit großer Freude (...)."

- Lehrerinnen, die gegen Analphabetismus kämpfen konnten.

- Krankenschwestern, da sie "zartfühlender" seien.

Neben einer Frau, die zu Beginn der Tätigkeiten in Bolivien die Buchhaltung führte, ist die Person Tania - deren Leben und Tätigkeiten mindestens so sagenumwoben sind wie die des "Kommandants" - die einzige Frau der Truppe. Sie kam aus Deutschland, war jedoch (ihre Eltern waren im Exil) in Argentinien aufgewachsen und lernte "Ché" in Berlin kennen, als er auf einer Reise als Regierungsmitglied Kubas in der DDR war. Danach wollte sie unbedingt zurück nach Südamerika, wo ihr Name mittlerweile mindestens so berühmt ist wie der "Chés". Sie wurde mehrere Jahre in Kuba auf ihre künftigen Tätigkeiten vorbereitet und reiste vermutlich zwei Jahre vor Guevara in Bolivien ein. Sie übernahm die schwierige und gefährliche Aufgabe, die gesamte Organisation dort aufzubauen, Kontakte zu knüpfen und mehrere Leben in einer Personen zu vereinen und zu leben. Eine Selbstaussage zu dieser Zeit: "Mal Ehefrau, mal Präsidentenbedienstete, mal Deutschlehrerin, mal Untergrundkämpferin - zuweilen denke ich, daß ich bald selbst meine Geschichte glaube." Nach der Ankunft Guevaras in Bolivien ist Tania zwei Mal im Lager. Im Dezember wird sie freudig begrüßt und aufgenommen, bei ihrem zweiten, unvorhergesehenen Aufenthalt, reagiert "Ché" verärgert über ihren Alleingang, sie muß dann auch bei den Guerilleros bleiben, da ihr Wagen und darin sämtliche Informationen und Adressen aller bolivianischen Kontaktleute gefunden wurden. Guevara-Freund Löwy beurteilt diesen Besuch aus folgender Perspektive: "Che hatte Tania bitten lassen, daß Hauptlager nicht aufzusuchen. Sie hatte aber wohl Moskaus Gegenbefehl befolgt, ihn aus nächster Nähe zu überwachen."
Da Tania im Dschungel sehr schnell erkrankt, läßt sie Guevara mit ein paar anderen zurück, sie sehen sich nie wieder, da die Truppen monatelang aneinander vorbeiirren, bis sie im August 1967 einem Hinterhalt am Rio Grande zum Opfer fällt. Auch Tania stellt sich und ihr Leben ganz in den Dienst der Sache: "Mein ganzes Leben habe ich dem Kampf um die Befreiung der Menschheit gewidmet, ist ihre erste und einzige Tagebucheintragung." Zu den Verdächtigungen für und gegen wen Tania gearbeitet habe, lassen sich sehr wenige Beweise finden: bei einer Geschichte, die so im Verborgenen liegt, muß viel interpretiert und vermutet werden.

"Nicht nur die Legende von der Doppelagentin Tamara ließ die CIA verbreiten, sondern auch, daß die Frau, die angeblich auf Che angesetzt war, von ihm geschwängert worden sei."

Nach diesen teilweise sehr ins Detail gehenden Betrachtung kehren wir zur Kernaussage der theoretischen Abhandlungen zurück: Das wichtigste Ziel der Guerillatruppe ist der Kampf. Soweit ist es jedoch in Bolivien nicht gekommen. Die Guerilla war ständig auf der Flucht vor dem Militär und konnte in einigen kleinen Hinterhalten oder Überraschungsangriffen des Militärs manchmal auch dem Gegner Schaden zufügen. Sie wurden von Bauern verraten und ihr Aufenthalt vor der Gefangennahme wurde über Radio bekanntgegeben. So kam es am 7.10.1967 zur Gefangennahme der verbliebenen Guerilleros und "Ché" Guevaras.

"Zum Schluß (seiner Schrift, J.N.) gibt Che zu bedenken: Es wird ein langwieriger Vielfrontenkrieg sein, der viel Blutvergießen und ungezählte Menschenleben kosten wird."

In diesem Sinne beurteilte auch Fidel Castro das Verdienst seines Freundes (?):

"Che überlebte seine Ideen nicht, aber er befruchtete sie mit seinem Blut."

 

3.3 Beurteilung des Guerillakampfes in Bolivien und Gründe seines Scheiterns:


"Sein menschliches und solidarisches Ideal (...) ist begleitet von einer scharfsinnigen, konkreten und realistischen Analyse der sozioökonomischen und militärischen Lage Lateinamerikas."

Nach der Auffassung von Löwy habe "Ché" nicht Abenteurertum betrieben, sondern sehr umsichtig militärisch strategisch und organisiert propagandistisch gedacht. Dieser Beurteilung, die meiner Meinung nach eher verherrlichend und verfälschend ist, stehen andere gegenüber:

"Die Voraussetzungen für eine Wiederholung der kubanischen Revolution hätten nicht viel schlechter sein können: Die bolivianischen Linksparteien, allen voran die Kommunisten, mit denen Che Kontakt aufnahm, verhielten sich abwartend bis skeptisch. Die Gegend von Nancahuazú war ein unwegsames Terrain und wenig besiedelt. Die paar Campesinos, die hier lebten, hatten viel Land und wenig revolutionäre Neigungen. Nicht einer schloß sich der Guerilla an, mehrere aber verrieten das Trüpplein an die Polizei."

Ein CIA-Agent liest in den bolivianischen Tagebüchern die "tragisch-komische Geschichte eines Survivaltrainings." Eine weitere kritische Bemerkung aus den 90er Jahren: "Vom ersten Tag an war das Unternehmen der 49 Männer, das eigentlich enden sollte mit der revolutionären Umwälzung aller Länder Lateinamerikas, ein seltsam planloses Geländespiel."
Die ausschlaggebenden Gründe für das Scheitern in Bolivien können in vier Punkten zusammengefaßt werden:

1.) die unrichtigen Informationen über Bolivien (Wirtschaft, Politik, Bevölkerung, etc.);

2.) die fehlende Unterstützung durch die kommunistische Partei, die außerdem in zwei Lager gespalten war; eine Tagebuchaufzeichnung über das Treffen mit dem leitenden Parteimann Monje zeigt den Konfliktstoff ganz deutlich: "(...) Grundbedingungen (...) 2. Die politisch-militärische Führung des Kampfes wird ihm übertragen, soweit die Revolution im bolivianischen Bereich stattfindet." Guevara beurteilt diese Forderung folgendermaßen: "Den zweiten Punkt konnte ich in keiner Form akzeptieren. Der militärische Chef sei ich, daran ließ ich keinen Zweifel. Hier blieb die Diskussion stecken und drehte sich in einem circulus vitiosus."

3.) die Revolution von 1952 brachte Bolivien bereits agrarische Reformen;

4.) die kubanische Unterstützung endet bereits fünf Monate nach Beginn der Aktionen, die Kontakte zur Außenwelt sind abgeschnitten.

 

4. Der Mythos "Ché" und seine Funktion:


"Das Bild von Che Guevara bleibt, der Zeit zum Trotz und den so ungeheuren Ereignissen, die täglich und unerbitterlich eins aufs andere folgen; es bleibt an den Wänden und in den Köpfen vieler junger Menschen: unverändert, schön und romantisch. Ich meine jenes Bild von Che unter der Boina mit dem roten Stern, mit den träumenden Augen, die über die unmittelbare Wirklichkeit hinaus sehen, mit dem Bart des Kämpfers, nicht mit dem langen Bart eines Mannes, der an die Macht gekommen ist - eine Lederjacke bedeckt die Brust, wo ein ungestümes Herz schlägt."

Doch wie kommt es dazu, daß ein argentinischer Revolutionär, der den kubanischen Erfolg mitgetragen hatte, der in Bolivien jedoch scheiterte, zum Symbol für Bewegungen in den Ländern wurde, deren Politik er am meisten verachtete? Das Bild von "Ché" begleitet noch 1996 die Studentendemonstrationen und zeigt somit, wie lebendig der Mythos des südamerikanischen "Helden" noch immer ist. Bevor ich versuche, die Funktion des Mythos zu erklären, möchte ich auf den hier gebrauchten Mythosbegriff eingehen.


4.1 Der Mythos:


Roland Barthes, der den Mythos als "sekundäres semiotisches System" liest, versteht unter Mythen Aussagen und Botschaften, die von unterschiedlichen Trägern transportiert werden können (visuelle, verbale, etc. Botschaften). Da die Menschen, die den Mythos schaffen, als historische Wesen der Veränderung unterworfen sind, ist auch der Mythos als historisches Konstrukt verstanden, unbeständig, denn er kann jederzeit wieder verschwinden.
Die semiologischen Theorien bauen jeweils auf einer Trinität auf. Ausgehend von de Saussure, der dieses Modell für die Sprache als erster entwarf, entwickelt Barthes dieses für die Erklärung des Mythos weiter. Aufbauend auf dem ersten semiologischen System der Objektsprache, dessen "Ergebnis" einen "Sinn" (= "Zeichen") ergibt, benennt er die drei Teile des mythischen Modells der Metasprache: Form, Begriff und Bedeutung. Der Sinn des objektsprachlichen Systems wird im metasprachlichen als Hülle (= Form) ausgehöhlt, der dahinterliegende "Sinn" bleibt jedoch latent vorhanden. Der Begriff ist historisch und intentional, er ist das "Motiv, das den Mythos hervortreibt. (...) er ist von der Situation erfüllt."

"Allerdings ist das im mythischen Begriff enthaltene Wissen konfus, aus unbestimmten, unbegrenzten Assoziationen gebildet."

Hier liegt der Grund für die freie Vielfalt des Umgangs und der Inhalte von Mythen begraben. Jede Sprachbenutzerin, die einen mythischen Träger verwendet, kann ihre eigenen Träume, Visionen - strenger linguistisch ausgedrückt: Assoziationen - in die vorgegebene Hülle stecken. Deshalb ist das historische Wissen (in diesem Fall: das mehr oder weniger vorhandene Wissen um Guevaras Leben und Realität) der latente Sinn, der in der Form vorhanden ist bzw. auch völlig unsichtbar bleiben kann. Auch die Guerrillera Tania ist ein gutes Beispiel für diesen Vorgang der "sinnentleerten" Verehrung:

"Tania. Jeder kennt Tania, keiner kennt Tania. (...) Die Frauen kennen Tania; sie haben viel über sie gehört, sie soll hübsch sein, sie soll hart sein, sie soll schießen können."

"Viele der Mädchen, die nach Tamaras Tod in Vallegrande zur Welt kamen, wurden auf Tania getauft."

Also wird auch die einzige Frau der Guerillatruppe zu einem Bild, denn die historisch nachweisbaren Fakten über die Arbeit von Tania sind eher spärlich. Dafür gibt es sehr viele Spekulationen, die die Gerüchte und Wunschprojektionen in der Gegend, wo sie ihren Tod fand, nur nähren. Die Bedeutung schließlich ist in dieser Theorie die Nachricht und Feststellung. Von den drei möglichen Lesearten von Mythen möchte ich für das in dieser Arbeit behandelte Thema zwei hervorheben:

1.) Wird der Mythos als Beispiel gelesen, als Symbol für etwas, dann ist dies der Blick des Mythosschaffenden, beispielsweise der Werbekampagnenmanager für Ché-Produkte. Die leere Form wird mit der wörtlichen Bedeutung gefüllt, die Intention des Mythos wird für sie zur Schau gestellt.

2.) Bin ich die Leserin des Mythos, wird der Mythos zur Präsenz seiner Bedeutung.

Letztere Leseart ist diejenige, die mit dem Bild "Ché" Guevaras geschieht: Das Bild ist Träger einer mythischen Aussage, doch wie ist das Foto als semiologisches Zeichen aufzuschlüsseln? Die Form ist ein junger Mann; der verfremdete "Sinn", der hinter dieser Form steht, ist teilweise sehr verschwommen bis gar nicht "abrufbar" (historisches Wissen, Kontext, etc.). Der Begriff, der Antrieb des Mythos sind die Werte "Revolution", "Kampf für die sozialistische Gesellschaft", etc., die jedoch nur mit gegenwärtigem Bezug aktiviert werden, da sie von der Situation erfüllt sind, deshalb wird das Bild in Jugendzimmern aufgehängt, nicht im Parlament, etc. Die Bedeutung ist der Zusammenhang von Form und Begriff, die Nachricht, die die Leserin entziffert.
Nach diesem semiologischen Interpretieren von Mythen möchte ich noch ganz kurz auf eine andere Theorie eingehen: Karl Kerényi schreibt in seinem Aufsatz, ausgehend von der ursprünglichen Bedeutung von Mythen als bildhafte Erzählungen, v.a. interpretiert auf religiös-philosophische Weise, über die "gegenwärtigen" Mythen. Die Charakterisierung der heutigen Mythen (und ich denke, daß diese Auffassung auch 20 Jahre nach der Publikation des Aufsatzes noch seine Berechtigung hat,) ist folgende: Der Mythos erhebt Wahrheitsanspruch "ohne den Forderungen der Wahrheit zu entsprechen." Mythen werden als "Instrumente einer politischen Bewegung" verwendet und besitzen funktionalen Wert. Seine zwei Elemente sind also der Anspruch auf Wahrheit und auf eine technische Anwendbarkeit. In diesem Sinne bliebe als methodische Fragestellung die Formulierung, "warum an diese falsche, deformierte oder partielle Wahrheit geglaubt und warum er (der Mythos, J.N.) nicht kritisch hinterfragt und so durchschaut wird."


4.2 "Ché" als mythischer Träger, seine Funktion und Vermarktung:


Ich weiß nicht, ob diese letzte Fragestellung ausreichend damit beantwortet werden kann, daß die Konsumgesellschaft des Kapitalismus die Mythen für Gegenbewegungen aufrecht erhält, damit sie sich von ihrem Profit weiter nähren kann. Sich den Mythos aneignen und zum Geschäft machen, lautet die Devise. Wie in der Spiegelausgabe aus 1996 zu lesen ist, erzeugt die Schweizer Uhrenfirma Swatch eine "Ché"- Uhr und ein englischer Biererzeuger baut auf "Ché"-Bier. "Der Revolutionär wurde zum Poster-Helden. (...) Ché ist der letzte Revolutionär mit dem sich Geld machen läßt." Immerhin ist das eingangs beschriebene Bild eines der am meist reproduziertesten Poster der Welt. Zum 30jährigen Todestag im Jahre 1997 ist die Wirtschaft gerüstet, doch wird es nicht nur Posters, T-Shirts und sonstige "Merchandise"-Artikel geben, auch neue Publikationen, Biografien, Dokumentationen und Filme sind in Vorbereitung. Das Geschäft blüht - vergleichbar mit dem Menschenhandel um Heroen wie Elvis Presley etc. Denn Guevara erfüllt die "Normen der Unsterblichkeit":

"Er sah gut aus, er kämpfte für das Gute, er schoß gut, er war mutig und er wurde ermordet - er hatte alles, was einen Menschen unsterblich macht."

Die Beschreibung des Kultfiguren-Syndroms kommt der semiologischen Theorie eines Roland Barthes sehr nahe:

"Sie werden ausgehöhlt, damit sie aufgefüllt werden können mit den Träumen, Sehnsüchten und Gelüsten derer, die sie bewundern. Je länger die Verehrten tot sind, desto weniger wissen die Leute über sie, aber dennoch widersteht ihr Charisma auf geheimnisvolle Weise der Verwesung."

Ein Autor, der "Ché" in den Himmel lobt, schreibt über die Attraktivität von Ernesto Guevara folgendes:

"Ganz im Gegenteil ist er der Rache kündende Prophet der künftigen Revolutionen, Revolutionen der Verdammten dieser Erde, der Hungernden, Unterdrückten, Ausgebeuteten und Erniedrigten der drei vom Imperialismus beherrschten Länder."

Im Gegenteil zu Elmar May meint Löwy, daß in Lateinamerika der Tod "Ché" Guevaras ein einschneidendes Ereignis war und die Bestürzung über die Ereignisse groß gewesen sei. Was die Realität relativ unbestritten zeigt, ist, daß die bäuerliche Schicht nicht hinter der Guerilla stand, sie diese sogar verriet und damit in den Untergang trieb. Ist die Verehrung, die mittlerweile tatsächlich eintrat, verwunderlich - oder auch nicht? Wurde etwa "Chés" Marktwert auf dem Gebiet des Tourismus, als Pilgerstätte für "altgediente" 68er und junge "Revolutionäre" erkannt?

"Die Ausstrahlung des Che ging jedoch über die Grenzen hinaus. Sein Bild war bei den gewaltigen Demonstrationen der Jugendlichen vor dem Pentagon, auf den Barrikaden des Mai in Paris, in den Universitäten von London und auf den Straßen von Berlin zu sehen."

Als Gründe für diese Wirkung sieht Löwy den Internationalismus "Chés" und sein besipielhaftes Leben (???) und Martyrium. Eine konkrete politische Auswirkung in Europa hatten die theoretischen Schriften beispielsweise auf Rudi Dutschke, dessen Revolutionsideen auf der "Fokustheorie" (kleiner Revolutionsherd zur Bewußtseinsbildung) des Guevara aufbauten. Seine sehr pathetische Darstellung schließt Löwy mit folgenden Worten:

"Aber ihr Licht, das Denken des Che, wird weiterhin leuchten, überall neue Weißglut entzünden, neue Funken schlagen, den Völkern wie eine Fackel in der Nacht leuchten. Nichts wird jemals im Stande sein, dieses Licht zu löschen."

Je nachdem, in welcher Funktionalität "Ché" verwendet wird, ist er entweder Held oder irriger Abenteurer, der rücksichtslos seinen Zielen nachlief, obwohl er anhand seiner eigenen Aufzeichnungen über die Theorie der Guerilla erkennen mußte, daß seine Aktion in Bolivien keine Unterstützung und damit keine Chance erhält. Doch der Fanatismus, der Fidel Castro und Kuba in die wirtschaftliche Misere trieb und diesen immer wieder negativ im Bild der Weltpresse zeigt, wurde bei Ché getötet und - da die Auswirkungen seines Denkens auf realpolitischer Ebene in Bolivien, etc. wenig Rolle spielten - als kommunistisch-sozialistische Revolution verherrlicht. Dies geschieht meist ohne genauere historische Kenntnisse über Guevaras Leben, seine theoretischen Schriften, seine Aktionen in politisch wichtigen Positionen in Kuba. Außerdem wird seine reale Härte gegenüber anderen Menschen, seine Humanitätslosigkeit in der Verurteilung von Kontrarevolutionären, seine Verantwortungs-losigkeit gegenüber seiner Familie und seinen Frauen, seine Einstellung, die sich auf eine Gleichbehandlung der Männer stützte, die Frauen jedoch in einer untergeordneten Position belassen sollte, selten kritisch beleuchtet.


5. Zusammenfassung:


Wie ich in der Einleitung festgestellt habe, ist der Name des argentinischen Freiheitskämpfers ein Begriff, besser gesagt eine Hülle, die ich versucht habe, mit historischem Wissen zumindest z.T. zu füllen.
Die Funktion des Mythos "Ché" Guevaras in der "westlichen" Welt ist unter anderem, daß Jugendliche ihre Wünsche und Träume, ihr Fernweh und ihre Abenteuerlust in einem Bild vereinen konnten und können, das sich gegen die Elterngeneration abhebt (vgl. auch Musikidole und Elternproteste). Sobald ich jedoch beginne, einen Mythos zu analysieren und zu interpretieren, "zerstöre" ich ihn. Die Diskrepanz zwischen Mythos und Realität, die ich nur für das eine Jahr in Bolivien aufgezeigt habe, ist groß, die Geschichten und unaufgeklärten Begebenheiten vielfältig. Dies zeigt sich beispielsweise an der Nichtbekanntgabe des Bestattungsortes der Leiche von "Ché", wobei die offizielle Variante ist, daß 1967 der CIA und die bolivianische Regierung verhindern wollten, daß das Grab zur Pilgerstätte für "Ché"-Anhänger werde.
Bei der Betrachtung der Realität zeigt sich, daß Guevara ein harter, kompromißloser und herrschsüchtiger Abenteurer und Krieger war, der trotz besseren Wissens über die Unmöglichkeit der Situation in Bolivien - mit knapp 50 Mann auf der Flucht, keine Zugänge oder auch nur Unterstützung durch die bolivianischen Bauern, etc. - die Menschen in den sicheren Tod schickte. Seine Gefühlskälte und Verantwortungslosigkeit, die er auch gegenüber seinen Frauen und Kindern zeigt, lassen sich wohl wenig in Einklang bringen mit einer den Frieden fordernden Studentenmasse in den USA und den westlichen Ländern Europas.

6. Literatur:



Barthes, Roland. Mythen des Alltags. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1964.

Blöchl, Andrea. Der Kaisermythos. Die Erzeugung des Mythos "Kaiser Franz Josef". - Eine Untersuchung auf der Basis von Texten und Bildmaterial aus der Zeit Franz Josephs. Salzburg: Dipl. Arbeit, 1993.

Che. Fotografisches Album. Mit einem Vorwort von Jorge Amado. Gümpel, Udo (Über.), Berlin: Elefanten Press, 1991.

Guevara, Ernesto Che. Bolivianisches Tagebuch. München: Trikont Verlag, 10. Aufl., 1980.

Guevara, Ernesto Che. Guerillakampf und Befreiungsbewegung. Dortmund: Weltkreis Verlag, 1986.

Guevara, Ernesto Che. Latinoamericana. Tagebuch einer Motorradreise 1951/52. Laabs, Klaus (Über.), Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1994.

Kerenyi, Karl. "Wesen und Gegenwärtigkeit des Mythos 1964". In: Kerenyi, Karl: Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1976: S. 234-252.

Löwy, Michael. Che Guevara. Frankfurt/Main: ips Verlag, 1987.

Marcilly, Jean. "Alles in Feuer und Blut ersticken. Ernesto Che Guevara über Geschichte und Zukunft Lateinamerikas." In: Der Spiegel 31, 1968: S. 62f.

Marcilly, Jean. "Ich wäre gern der Mao unseres Kontinents. Ernesto Che Guevara über Kuba, Kommunismus und die Russen." In: Der Spiegel 35, 1968: S. 66f.

Massari, Roberto. Che Guevara. Politik und Utopie. Frankfurt: dipa-Verlag, 1987.

May, Elmar. Che Guevara. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 13.Aufl., 1992.

O.A. "Der linke Pop-Star." In: Der Spiegel 38, 1996: S. 124-125.

Pampuch, Thomas und Echalar A., Augustín. Bolivien. München: Verlag Beck, 2. überarb. Aufl., 1993.

Schnibben, Cordt. "Der Schatz des Ché." In: Der Spiegel 38, 1996: S. 126-150.

Schnibben, Cordt. "Drei Leben in einer Haut." In: Der Spiegel 39, 1996: S. 126-141.

 

Filme:


Tanja la Guerrillera
. ZDF, 8.10.1991.

Ernesto Ché Guevara - Bolivianische Tagebücher. ORF, 1996.


 

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