STAR TREK
"Mythos" und "Realität"
 

Von Evi Sonderegger

Lehrveranstaltung: SE: Mythos und Realität der Sechzigerjahre
Lehrveranstaltungsleiter: Reinhold Wagnleitner / Reinhard Krammer
Universität: Universität Salzburg, Institut für Geschichte
Semester: WS 1996/97

 

Inhaltsverzeichnis:


1. Einleitung:

2. Die Geschichte der Originalserie:

        2.1 Anfänge:

        2.2. Where No Man Has Gone Before: 

        2.3. Die Originalserie nach 1969: 


3. Mythos "Gene Roddenberry":
 
4. Mythos "Föderation": 

5. Mythos "Gleichberechtigung": 

        5.1 Frauen: 

                5.1.1 Spock's Brain:

                5.1.2 Mudd's Women: 

                5.1.3 I, Mudd: 

        5.2 Völker und Nationen: 


6. Mythos: Pazifismus: 

        6.1 A Private Little War: 

        6.2 Omega Glory: 


7. Mythische Inhalte: 

        7.1 Der genetisch manipulierte Übermensch: 

        7.2 Die griechische Götterwelt: 

        7.3Chicagos Gangster: 

        7.4 Ein "friedliches" Nazi-Regime: 

        7.5 Die nordamerikanischen Indianer: 

        7.6 Der Wilde Westen: 


Literatur 


1. Einleitung:

     Ich habe das Thema dieser Arbeit gewählt, weil Star Trek auf mich eine große Faszination ausübt - 30 Jahre nach der Erstausstrahlung im amerikanischen Fernsehen wird die Originalserie noch immer wiederholt (im deutschen Sprachraum als Raumschiff Enterprise). Ich möchte mich auf die Originalserie beschränken, deren 79 Folgen ich alle als Videos besitze und mehrmals gesehen habe, leider nur Patterns of Force ( Schablonen der Gewalt; Folge 50) auch im Original. Ich habe die Episoden nach der Reihenfolge ihrer Ausstrahlung numeriert, inklusive jener ominösen 50. Folge. Es ranken sich viele Mythen um Star Trek, wenige davon möchte ich anschneiden, wobei ich hier Mythos als eine zum positiven verfälschte oder verklärte Realität verstehe.

2. Die Geschichte der Star Trek Originalserie:


2.1 Anfänge:

In den Jahren 1963 bis 1964 war der ehemalige Polizist Gene Roddenberry bei MGM mit einer Fernsehserie namens The Lieutenant erfolgreich. Als diese im September 1964 eingestellt wurde, legte er das Konzept für eine neue Serie namens Star Trek vor, inhaltlich eine Verlagerung der amerikanischen Pionierzeit der Gründerjahre in die Zukunft und in den Weltraum. Sie sollte von den Abenteuern des Raumschiffs U.S.S. Yorktown handeln, das mit 203 Personen Besatzung eine Mission zu erfüllen hatte und vom charismatischen Captain Robert M. April geführt wurde. Sein erster Offizier, nur „Number One" genannt, war äußerst intelligent, kühl, gutaussehend und - weiblich. Als weiterer Offizier war Mr. Spock an Bord, ein permanent neugieriger halber Marsianer mit roter Haut und langen, spitz zulaufenden Ohren. April sollte eine temperamentvolle Blondine als persönliche Adjudantin bekommen, um der Serie den nötigen Sex-Appeal zu verleihen.
 Roddenberry wich von damaligen Science Fiction-Klischees ab. In seinem Entwurf gab es weder bösartige, außerirdische Invasoren, noch Weltraumkriege. Er konzipierte eine optimistische, positive Zukunft, in der die Menschen Kontakt mit fremden Intelligenzen suchten. Auch verzichtete er auf Schwarzmalerei, seine „Bösen" handelten aus nachvollziehbaren Motiven. Obwohl Roddenberry vorhatte, die Serie möglichst billig zu produzieren, lehnte MGM ab, da das Manuskript zu wenig Action bot.
 Roddenberry überarbeitete die Story, die nun von den Desilu-Studios angenommen wurde. Desilu stand damals vor dem finanziellen Ruin und hoffte, sich mit einer erfolgversprechenden Serie sanieren zu können. Das Studio konnte die geplante Serie nicht an CBS verkaufen, doch NBC finanzierte einen Pilotfilm. Roddenberry hatte inzwischen sein Raumschiff in Enterprise umbenannt und die Besatzung auf 200 bis 400 Personen aufgestockt. Die Enterprise sollte sich auf einer fünfjährigen Forschungsmission befinden und von Captain Christopher Pike (Jeffrey Hunter) geführt werden. Number One (Majel Barrett) blieb unverändert, doch Mr. Spock (Leonard Nimoy) hatte sich in einen grünen Vulkanier mit einer menschlichen Hälfte verwandelt. 
The Cage, der erste Pilotfilm, fiel im Februar 1965 bei NBC durch. Man nahm Anstoß daran, daß die Crew der Enterprise nicht nur aus Amerikanern, sondern auch aus Ausländern bestand, zu allem Überfluß war sogar ein Außer irdischer mit satanischen Zügen dabei. Mr. Spock war nicht der einzige Charakter, der nicht gefiel, Number One verursachte ebenfalls Aufregung. Es hieß, der amerikanische Fernsehzuschauer wäre noch nicht reif für einen weiblichen Ersten Offizier. Überhaupt wäre der Film zu anspruchsvoll und würde kein breites Publikum ansprechen. Abgesehen davon hatte Roddenberry alle finanziellen und zeitlichen Vorgaben deutlich überschritten. Trotzdem erhielt er eine zweite Chance, was damals einmalig in der Fernsehgeschichte gewesen sein dürfte. Er wurde mit der Produktion eines weiteren Pilotfilmes beauftragt.


2.2 Where No Man Has Gone Before:


Die Dreharbeiten von Where No Man Has Gone Before überstiegen das Budget nur um rund zehn Prozent, da man die Kostüme und Requisiten von The Cage ein zweites Mal verwendete. Das Zeitlimit wurde eingehalten, und NBC war auch mit dem Inhalt zufrieden, obwohl Roddenberry nur Number One, nicht aber Mr. Spock entfernt hatte. Außerdem hatte er Hunter entlassen und William Shatner als neuen Kapitän James T(iberius). Kirk engagiert, dessen fünfjährige Mission im Jahr 2264 begann. NBC übernahm die Serie, deren erster Teil am 8. September 1966 ausgestrahlt wurde. Später ergänzte Roddenberry The Cage mit einer Rahmenhandlung und baute den Pilotfilm so als Doppelfolge The Menagerie I/II in die erste Staffel ein. Where No Man Has Gone Before wurde als dritte Folge unverändert in die Serie aufgenommen.
 Der Kern der Enterprise-Crew war nun komplett. Zu ihr gehören außer Kirk und Spock, dessen Vorname für Menschen unaussprechbar und schriftlich nicht wiederzugeben ist, noch der Schiffsarzt Dr. Leonard McCoy (DeForest Kelley) und Chefingenieur Montgomery Scott (James Doohan). Hikaru Sulu (George Takei), seines Zeichens Biophysiker, dient als Navigator und Waffenoffizier an Bord der Enterprise. Für die Kommunikation und den Funkverkehr ist Lieutenant Nyota Uhura („Freiheit"/Nichelle Nichols) zuständig. Yeoman Janice Rand (Grace Lee Whitney) agiert als Kirks persönliche Assistentin, und Dr. McCoy wird von Schwester Christine Chapel (Majel Barrett) entlastet.
 Bereits nach Ende der ersten Staffel wollte NBC die Serie absetzen, da sich das Interesse des Publikums in für das Network zu engen Grenzen hielt. Als dieses Vorhaben der Fangemeinde, die sich bereits formiert hatte, zu Ohren kam, wurde NBC mit Protestbriefen überschüttet, und man verpflichtete Roddenberry für eine zweite Staffel, die man allerdings zu einem ungünstigen Termin in das Programm aufnahm. Roddenberry änderte die Besatzung ein weiteres Mal, indem er einerseits Kirk seiner Assistentin beraubte, andererseits Sulu mit Fähnrich Pavel Chekov (Walter Koenig) einen Kollegen zur Seite stellte. Die Einschaltquoten blieben niedrig, was nicht zuletzt an der Sendezeit lag. 
NBC wollte die Serie nach Abschluß der zweiten Staffel neuerlich beenden, doch die Fans wehrten sich ein zweites Mal. Zwischen 500.000 und einer Million Briefe überzeugten NBC davon, daß die Fans eine dritte Staffel sehen wollten. Zu einer vierten kam es nicht mehr, da das Network einen noch ungünstigeren Sendetermin wählte und damit die Serie nach drei Jahren endgültig zum Tode verurteilte.


2.3 Die Originalserie nach 1969:


Star
Trek wurde an zahlreiche lokale Privatsender verkauft, welche die Serie zu besseren Sendezeiten mehrmals wiederholten und praktisch ganz Amerika erreichten. Dies bildete den Nährboden für den Star Trek-Kult, der im Laufe der siebziger Jahre eine bemerkenswerte Eigendynamik entwickelte. Roddenberry schaffte es inzwischen nicht, mit anderen Serien erneut in das Fernsehgeschäft einzusteigen, daher begann er, Star Trek auszuschlachten. Er gründete die „ Star Trek Enterprises", ein Versandunternehmen, das anfangs Originalmaterial aus der Serie verkaufte, später alle möglichen Fanartikel vertrieb.
 Ab 1972 veranstalteten die „Trekkers", wie sich die Fans nannten, Treffen, zu denen bald Tausende erschienen, verfaßten zahllose Artikel über die Serie und schrieben eigene Star Trek-Romane. 1973 wurde eine Star Trek-Zeichentrickserie ausgestrahlt, die zum Teil mit den Originalstimmen der Star Trek-Darsteller synchronisiert wurde und den Emmy Award gewann, sich allerdings nicht lange hielt. Trotzdem entstanden hartnäckige Gerüchte über eine Neuauflage der Serie, während sie gleichzeitig noch immer wiederholt wurde. Auf einer Pressekonferenz am 28. März 1978 kündigte Roddenberry Star Trek - The Motion Picture an, dessen Premiere im Dezember 1979 stattfand. 

3. Mythos "Gene Roddenberry":

Um die Person Gene Roddenberrys entstand ein hartnäckiger Mythos in bezug auf seinen Kampf gegen NBC. Er selbst trug nicht unwesentlich dazu bei, indem er gemeinsam mit Stephen E. Whitfield im September 1968 The Making of Star Trek herausgab, was sich zu einem zentralen Dokument des Star Trek-Fankultes entwickelte. Die Autoren halfen kräftig dabei mit, den Produktionsprozeß der Serie und die Schwierigkeiten eines kreativen Produzenten hochzustilisieren, der versuchte, gegen die Mittelmäßigkeit des Networks zu bestehen. Im ersten Band seiner Star Trek-Erinnerungen schlägt Shatner den gleichen Weg ein. Er widmet der Entstehung der Serie einen großen Teil des Buches und fällt beinahe in einen Enthusiasmus, wenn er sich mit Roddenberry beschäftigt. Shatners emotionaler Stil beschränkt sich allerdings nicht auf den Produzenten, der ihm zu einer Zeit Arbeit verschaffte, als er sie wirklich brauchte, er betrachtet den gesamten Sachverhalt mit einer gewissen nostalgischen Grundhaltung, euphemistisch und verniedlichend. Dies dürfte auch auf die Darstellung seines damaligen Verhältnisses zu den Arbeitskollegen zutreffen.
Mit Star Trek fand Roddenberry einen Weg, sich brennender politischer und sozialer Themen seiner Zeit anzunehmen, indem er sie räumlich und zeitlich in die Ferne und damit ins Reich der Fiktion rückte. In The Making of Star Trek präsentiert er sich in dieser Beziehung als moderner Jonathan Swift, der die Mißstände seiner Zeit anprangert. So verschaffte er etwa der Schwarzen Uhura einen Fixplatz auf der Brücke der Enterprise, und ließ damit sowohl das konservative Frauenbild als auch die Rassendiskriminierung hinter sich, außerdem kreierte er mit der „Föderation" -zumindest theoretisch- ein idealisiertes politisches System als Gegenpol zur Realität der sechziger Jahre (siehe Punkte 3., 4. und 5.). Trotz allem zielte er mit seiner Serie wohl auch auf das Massenpublikum ab, er mußte es sogar, um beruflich zu überleben und mit anderen Serien konkurrieren zu können. Als in seinem Kleinkrieg gegen NBC kein Ende abzusehen war, trat er in den Hintergrund und engagierte nach Beendigung der ersten Staffel Gene L. Coon und John M. Lucas als Produzenten. Eine Komponente der Entstehungsgeschichte, die seinem Ruf als Rebell gegen die etablierte Mediengesellschaft möglicherweise geschadet hätte, ließ er in seinem Buch wohlweislich unerwähnt. NBC war nämlich eine reine Tochtergesellschaft von RCA, und RCA hatte damals ein weltweites Monopol auf Kommunikationssysteme inne. Außerdem produzierte sie Navigationsausrüstung, mischte in der Luftfahrt mit, baute Radarsysteme nicht nur für zivile Zwecke, entwickelte Elektronik für das Militär und ein Raketenfrühwarnsystem, versorgte die Navy mit einem Verteidigungssystem, kontrollierte einen großen Teil des amerikanischen Platten- und Büchermarktes und handelte mit Tiefkühlkost.
Sein bewegtes Leben vor Star Trek trug vermutlich auch zum Mythos Roddenberry bei. Nach einem abgebrochenen technischen Studium kam er 1941 zur Air Force, im Krieg war er Pilot. Später flog er für PanAm und überlebte einen Absturz. 1949 ging er nach Los Angeles zurück, wo er aufgewachsen war, und wurde Polizist. Sein Spezialgebiet war die Drogenkriminalität, was ihn später Episoden wie This Side of Paradise oder The Way to Eden produzieren ließ. Nachdem er bereits mehrere Drehbücher geschrieben hatte, beendete er 1953 seine Polizistenlaufbahn, um das Hobby zu seinem Beruf zu machen.

4. Mythos "Föderation":

Die „Vereinigte Föderation der Planeten" (auch „Föderation der Vereinten Planeten", „Interplanetarische Föderation") ist eine freiwillige, demokratische Union von Planeten mit vornehmlich wirtschaftlichen Zielen und einer gemeinsamen Verteidigung der Außengrenzen. Die mächtigsten Planeten der Föderation sind die Erde und der Vulkan, Hauptfeinde Romulaner und Klingonen. Die Föderation garantiert den Bürgern aller Mitgliedsplaneten uneingeschränkte Gleichberechtigung, unabhängig von Nation, Rasse, Geschlecht oder Religion. Sie verspricht Freiheit, Gleichheit und Selbstverwirklichung. Letztere ist in der Hauptdirektive (Oberste Direktive, Nichteinmischungsdirektive, Prime Directive) festgelegt, wonach eine Einmischung in die normale Entwicklung einer Gesellschaft streng verboten ist und von jedem Raumschiff und jedem Besatzungsmitglied der Sternenflotte mit allen Mitteln verhindert werden muß. So weit die Theorie.
Tatsächlich ist dieses Konzept ein Mythos. Die Föderation ist eindeutig nach dem Vorbild der USA aufgebaut, und so finden wir in ihr auch die gleichen Widersprüche. Auf der einen Seite stehen hohe, humanistische und demokratische Ideale, auf der anderen Seite imperialistisches Gehabe, etwa das Einrichten von Bergwerkskolonien, und eine Konsumgesellschaft. Die Föderation steht für einen starken Kapitalismus und schreckt keineswegs davor zurück, ihn anderen Planeten aufzudrängen. Die Menschen auf dem überaus fruchtbaren Planeten Omicron Ceti III beispielsweise leben von der Landwirtschaft, produzieren aber nur so viel, wie sie selber zum Leben brauchen. Ihre Freizeit widmen sie ausschließlich dem Vergnügen, entspannen sich oder faulenzen. Bis die Enterprise landet, waren sie wunschlos glücklich. Kirk mißachtet die Hauptdirektive, indem er die Idylle zerstört und die Marktwirtschaft einführt. Um die Sinnlosigkeit der Omicron-Gesellschaft noch deutlicher hervorzuheben, wird sie krankhaft dargestellt. Der deutsche Titel ist hier verräterischer als der originale - die Lebenseinstellung der Menschen rührt nämlich von einer Sporenvergiftung her, die sogar Spock befällt. Seine Rolle macht die Episode dennoch sehenswert, erleben wir ihn doch verliebt.
 In The Way to Eden schlägt diese Haltung der Föderation ebenfalls durch. Die Enterprise sammelt eine Gruppe von „Weltraum-Hippies" auf, die mit einem gestohlenen Raumkreuzer unterwegs sind, um den sagenumwobenen Planeten Eden zu finden und dort eine Kommune nach ihren Vorstellungen zu gründen. Diese jungen Leute sind unverkennbar die amerikanischen Hippies Ende der sechziger Jahre, sie berufen sich auf die gleichen Argumente, tragen die gleiche Kleidung, spielen die gleiche Musik. Obwohl Spock ein gewisses Verständnis für sie aufbringt und sie auch alle hoch gebildet sind, hat ihre Ideologie ähnlich wie jene auf Omicron ihre Wurzeln in einer Störung: Ihr Anführer ist geisteskrank und unterzieht sie einer Art Gehirnwäsche. Als sie schließlich Eden finden und betreten, wird ihr Paradies als Drogenvision entlarvt. Dr. McCoy stellt fest, die Pflanzen wären voll „Säure", und diese Wortwahl ist kein Zufall, ist doch „acid" ein Synonym für Drogen, im besonderen LSD. In dieser negativen Darstellung der revoltierenden Jugend geht man sogar so weit, Chekovs Charakter völlig zu verzerren. Ursprünglich war er jung, impulsiv und überschäumend, etwa in The Trouble with Tribbles, als ihn Scott davon abhalten muß, einen Klingonen zu verprügeln, der Kirks Ruf anzweifelt. In The Way to Eden wirkt er beinahe alt, und seine ehemalige Freundin von der Akademie, die nun mit den Hippies durch den Weltraum zieht, gesteht ihm, sie hätte ihn verlassen, weil er unerträglich spießig wäre. 

5. Mythos: Gleichberechtigung:

5.1. Frauen:

Der Erste Offizier der Enterprise war nach dem ursprünglichen Konzept eine Frau, eine gutaussehende noch dazu. Number One (Majel Barrett) wurde von NBC jedoch abgelehnt, da man vermutete, die Zuseher würden keinen weiblichen Kommandooffizier akzeptieren. Roddenberry verzichtete auf die Rolle und setzte Barrett statt dessen als Doktor McCoys Assistentin Christine Chapel ein. Lieutenant Nyota Uhura, Kommunikationsoffizier (Nichelle Nichols), und Janice Rand, Kirks persönliche Adjudantin (Grace Lee Whitney), gehörten zur Brückencrew der Enterprise. 
Star Trek
war in bezug auf Frauenrollen sicherlich fortschrittlich, doch darf man dies nicht überbewerten. Uhura wurde immer mehr in den Hintergrund gedrängt, bis sie sich schließlich nur noch als optischer Aufputz auf der Brücke befand. Als sich Nichols beim Produzenten darüber beschwerte und ihren Ausstieg aus Star Trek ankündigte, schenkte er ihrer Rolle mehr Beachtung, doch sie blieb eine Nebenrolle. In einem Interview mit Shatner erzählte Nichols, Martin Luther King, den sie auf einer Versammlung kennengelernt hatte, hätte sie persönlich gebeten, in der Serie zu bleiben. Auch Christine Chapel erhielt kaum Chancen, sich besonders hervorzutun. Sie agierte lediglich als typische Krankenschwester. Janice Rand verschwand nach der ersten Staffel. Offiziell hieß es, das Verhältnis zwischen Kirk und seiner Assistentin wäre zu eng geworden, was sich mit den Rollen nicht vereinbaren ließ. Es gab aber auch Gerüchte, die Entlassung könnte mit Whitneys Tablettensucht zusammenhängen, zu der sich spätestens zu diesem Zeitpunkt Alkoholismus gesellte. Erst in Star Trek - The Motion Picture tauchte sie wieder auf.

5.1.1 Spock's Brain:

In Spock's Brain versuchte man, das gängige Rollenklischee auf den Kopf zu stellen und zu persiflieren. Die Enterprise-Crew besucht einen Planeten mit einer für sie neuen Gesellschaftsform: Auf Sigma Draconis IV herrschen die weiblichen „Eymorgs" über die primitiven männlichen „Morgs", derer sie sich nur zu Zwecken der Fortpflanzung und der Haushaltsführung bedienen. Diese Linie wird in der Episode nicht durchgehalten. Die Eymorgs brauchen einen Führer, der aus einem nicht genannten Grund männlich sein muß, daher sehen sie sich gezwungen, Spocks Gehirn zu stehlen. Diese außergewöhnlich miserable Folge leidet nicht nur unter einer unglaubwürdigen Handlung, sie enthält auch eine Menge logischer Fehler - beispielsweise müssen die Eymorgs Spocks Schädeldecke öffnen, trotzdem sitzt seine Frisur auch danach perfekt wie immer. Außerdem zeichnet sich Spock's Brain durch auffällig schlechte Dialoge aus („Was habt ihr mit Spocks Gehirn gemacht?").

5.1.2 Mudd's Women:

Im Mudd's Women wird die klassische Rollenverteilung der Geschlechter gar nicht erst in Frage gestellt. Der zwielichtige Gauner und Geschäftsmann Harry Mudd handelt (legal!) mit Frauen, die er zu den drei Bergmännern auf Rigel XII bringen soll. Dort wartet auf jede von ihnen ein Leben als Ehe-, Haus- und Putzfrau auf einem Ödplaneten ohne Freizeit- oder Vergnügungseinrichtungen. Mudd weiß die Frauen zu motivieren: Einerseits verspricht er ihnen Reichtum, denn die Bergleute bauen die kostbaren Dilithiumkristalle (auch: Dilizium) ab, welche jedes Raumschiff für die Sol-Triebwerke braucht, andererseits ködert er sie mit der Venusdroge. Hierbei handelt es sich um eine verbotene Substanz, welche die „innere Schönheit" einer Person nach außen dringen läßt. Mit ihrer Hilfe verwandeln sich die drei Frauen, welche in Wirklichkeit körperlich entstellt sind, in Schönheitsköniginnen nach dem Ideal der 1960er Jahre, welche die männliche Besatzung der Enterprise verwirren, nur Spock bewahrt seinen kühlen Kopf. Am Ende der Episode wird die Zuseherin dennoch versöhnt: Man gelangt zu der Erkenntnis, daß es letztlich auf die „innere Schönheit" und nicht auf Oberflächlichkeiten ankomme.

5.1.3 I, Mudd:

In I, Mudd begegnen wir Harry Mudd ein weiteres Mal, wieder im Zusammenhang mit Frauen. Aus dem Gefängnis geflohen, bewohnt er nun als einziges menschliches Wesen einen kleinen Planeten („Mudd's Planet") und läßt sich von Androiden bedienen, die er nach eigenen Vorstellungen entworfen hat. Die meisten von ihnen sind weiblich, doch Norman, einer der männlichen, entpuppt sich als zentrale Schaltstelle, mit der alle anderen verbunden sind. Die weiblichen Androiden entsprechen exakt der Mode der sechziger Jahre. Mudd hält sich auch einen Androiden nach Vorbild seiner zänkischen (noch ein Stereotyp!) Ehefrau Stella, um sie nach Belieben ein- und vor allem ausschalten zu können. Eine Nachbildung seiner Schwiegermutter zieht man nicht in Erwägung. In zwei Punkten fällt diese Episode positiv auf. Erstens erfährt Uhuras Rolle eine deutliche Aufwertung, und zweitens glänzt die Folge durch zahlreiche komische Szenen.


5.2. Völker und Nationen:


In der Konstitution der Föderation wird ausnahmslos allen Bürgern aller Mitgliedsplaneten volle Gleichberechtigung zugesagt. Von den traditionellen Geschlechterrollen kann sich die Serie nicht trennen, doch in bezug auf fremde Völker und Nationen wirkt Star Trek glaubwürdiger. So verdanken wir der Serie beispielsweise den ersten Fernsehkuß zwischen einer Farbigen (Uhura) und einem Weißen (Kirk) in Plato's Stepchildren. Die Szene wurde allerdings aus Angst vor einem Sendeboykott abgeschwächt, indem man den handelnden Personen vorsichtshalber vorübergehend den freien Willen entzog und sie zu Marionetten degradierte. Außerdem wandten Shatner und Nichols der Kamera den Rücken zu.
An Bord der Enterprise sind Amerikaner in der Überzahl, doch gehören zur Besatzung außer dem Außerirdischen Spock Menschen verschiedenster Herkunft, die alle positiv dargestellt werden, bzw. zugeschriebene Eigenschaften der Nationen karikieren, die sie vertreten. Kirk ist aufrechter Paradeamerikaner und verehrt Abraham Lincoln, Sulu Amerikaner der ersten Generation mit asiatischen Vorfahren, der heimlich von einem Leben als Samurai träumt. Scott stammt aus Aberdeen, spricht im Original mit schottischem Akzent und hat eine Vorliebe für Whisky und andere Alkoholika. In diesem Punkt streitet er gerne mit dem Russen Chekov, der natürlich den Wodka verteidigen muß, beispielsweise in The Trouble With Tribbles. Überhaupt schwärmt Chekov von allem, was seine Heimat hervorgebracht hat. Uhura ist schwarze Afrikanerin und sehr musikalisch. Kostproben ihres Talentes gibt sie in Charlie X und The Changeling. Als die defekte Raumsonde Nomad ihren Gesang als nutzlose Zeitverschwendung mißversteht und ihr Gedächtnis löscht, spricht sie nur noch Swahili und muß ihr gesamtes Wissen erneuern. Mit Hilfe der Technik und tatkräftiger Unterstützung ihrer Kollegen gelingt ihr das innerhalb einer einzigen Episode beinahe problemlos. Spock ist nur halber Vulkanier, da seine Mutter von der Erde stammt. Von ihr hat er Emotionen geerbt, auch wenn er das ungern zugibt, von seinem Vater die Physiognomie (unter anderem grünes Blut und ein Herz, das dort liegt, wo sich beim Menschen die Leber befindet), die Logik und die Fähigkeit, seine Gefühle im Normalfall auszuschalten. So schwebt er in einer latenten Identitätskrise und verhält sich daher oft vulkanischer als ein reiner Vulkanier. Dies gipfelt mitunter in kühlen Diskussionen mit seinem Vater, die unter Umständen sogar seine geduldige Mutter aus der Fassung bringen können, etwa in Journey to Babel. In dieser Episode werden dem Zuschauer die Botschafter zahlreicher Planeten der Föderation vorgestellt.

6. Mythos Pazifismus:

Im 23. Jahrhundert haben die Erde und der Vulkan ihre kriegerischen Phasen längst hinter sich gelassen. Zu den Aufgaben der Föderation gehört es, unter Berücksichtigung der Hauptdirektive dafür zu sorgen, daß sich die Kriegsgeschichte beider Planeten nicht wiederholt. In diesem Punkt scheitert sie nicht nur, im Gegenteil, abgesehen davon, daß die Föderation die Todesstrafe anwendet, verbergen sich hinter ihrer pazifistischen Fassade Kalter Krieg und die typischen amerikanischen Feindbilder der sechziger Jahre, projiziert auf die Romulaner und die Klingonen. Während die Romulaner in der Originalserie nicht genau gezeichnet werden, handelt es sich bei den Klingonen offensichtlich um eine Art Mischung aus chinesischen und sowjetischen Kommunisten, die in einer Militärdiktatur leben - jeder Klingone, ob männlich oder weiblich, hat einen militärischen Rang. Gelegentlich verhalten sie sich räuberisch, da ihr Heimatplanet unfruchtbar ist und sie dort kaum Bodenschätze abbauen können. Die Ideologie des Kalten Krieges wird in zwei Episoden besonders deutlich, nämlich in A Private Little War und Omega Glory.


6.1 A Private Little War:


A Private Little War
handelt von der Geschichte eines natürlich lebenden Volkes, das keine Waffen und keinen Krieg kennt. Eines Tages tauchen Gewehre auf, die es auf dem Planeten eigentlich nicht geben dürfte. Es stellt sich heraus, daß die Klingonen hinter der Waffenlieferung an eine der beiden Volksgruppen stecken, da sie ihre Einflußsphäre vergrößern wollen. Unter Umgehung der Hauptdirektive entschließt sich Kirk dazu, der anderen Hälfte der Bevölkerung seinerseits technisch auf die Sprünge zu helfen, um das Gleichgewicht der Kräfte zu wahren. Die logische Folge dieser Aktion wäre ein Stellvertreterkrieg, in den sowohl die Föderation als auch die Klingonen direkt verwickelt werden könnten. Kirk will zwar keinen Krieg, behauptet aber, daß dieser manchmal nicht zu verhindern sei.
Diese Episode ist zweifellos die Science Ficton-Aufbereitung des Vietnamkrieges. Jay Goulding, der sich hauptsächlich mit den Inhalten der Star Trek Originalserie auseinandersetzt, geht noch einen Schritt weiter: „We can imagine teenage boys watching these episodes and then going to Vietnam to fight the Klingons." So gesehen bekommt der Originaltitel dieser Folge einen äußerst zynischen Beigeschmack.


6.2 Omega Glory:


In Omega Glory werden die Darstellung eines stereotypen Feindbildes und die amerikanische Selbstbeweihräucherung noch plumper. Auf Omega IV bekämpfen einander anfangs eher unzivilisiert wirkende „Yangs" und chinesisch anmutende „Kohms". Die Yangs machen eine soziale und kulturelle Evolution durch, und die Folge endet mit der Verlesung der amerikanischen Verfassung vor dem Hintergrund des Sternenbanners.


7. Mythische Inhalte:

Star Trek greift auch inhaltlich Mythen auf, von denen ich nur einige wenige erwähnen möchte.

7.1 Der genetisch manipulierte Übermensch:

In Space Seed entdeckt die Enterprise das im All treibende Raumschiff Botany Bay aus dem 20. Jahrhundert. An Bord befindet sich der indische Prinz Khan Noonien Singh, ein genetisch manipulierter Übermensch, mit seinen Anhängern, die nach den vierjährigen Eugenischen Kriegen 1996 von der Erde flüchten mußten. Vor seinem Sturz herrschte Khan über ein Viertel der Erde. Die Crew der Enterprise erweckt die Besatzung der Botany Bay aus ihrem künstlichen Tiefschlaf. Khan kann beim Versuch, die Enterprise zu kapern, überwältigt werden. Kirk verzichtet auf ein Verfahren vor dem Kriegsgericht, da Khan „freiwillig" ins Exil auf Ceti Alpha V geht. Jahre später kommt er allerdings zurück und stiftet ein weiteres Mal Unruhe ( Star Trek II - The Wrath of Khan [ Der Zorn des Khan; zweiter Spielfilm]).

7.2 Die griechische Götterwelt:

Star Trek klärt endlich das Geheimnis der griechischen Mythologie auf. Der Schlüssel dazu liegt in einer außerirdischen, wenn auch humanoiden Lebensform, die sich von Normalsterblichen durch ein zusätzliches inneres Organ unterscheidet. Dieses Organ ermöglicht es den Wesen, große Mengen von Energie auszustrahlen. Als sie die Erde besuchten, wurden sie von den alten Griechen als Götter verehrt. Der Menschen müde geworden, verließen sie die Erde, und einer von ihnen, Apoll, ließ sich auf dem einsamen Planeten Pollux IV nieder, wo er die Verehrung der Griechen bald vermißte.


7.3 Chicagos Gangster:

Das legendäre Gangsterleben in Chicago zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Thema von A Piece of the Action. Etwa hundert Jahre vor der Landung der Enterprise auf Iota hatte das Raumschiff Horizon dort ein Buch über das Bandenwesen Chicagos in den zwanziger Jahren zurückgelassen. Chicago Mobs of the Twenties wurde von den Iotanern wie eine Bibel verehrt und als Modell für ihre Gesellschaft verwendet. Als Kirk und Spock sich auf den Planeten beamen lassen, finden sie zu ihrer Überraschung eine perfekte Kopie Chicagos vor.

7.4 Ein „friedliches" Nazi-Regime:

In Patterns of Force setzt sich Star Trek mit den Folgen eines fehlgeschlagenen soziologischen Experimentes auseinander. Der Historiker John Gill, als kultureller Beobachter der Föderation auf den Planeten Ekos geschickt, scheitert bei dem Versuch, ein -wie er sagt- effektives Regime aufzubauen, das sich an jenes Nazideutschlands anlehnen, aber humaneren Prinzipien folgen sollte. Das Experiment endet katastrophal, da Ekos den gleichen Weg geht wie Deutschland nach 1933 und die „Endlösung der Zeonistenfrage" vorbereitet. Vorher bemächtigt man sich noch des technischen Wissens des friedlichen Nachbarplaneten Zeon.

7.5 Die nordamerikanischen Indianer:

In The Paradise Syndrome wird das Publikum mit der Zukunft der nordamerikanischen Indianer konfrontiert. Die „Weisen", eine unbekannte Intelligenz, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, vom Aussterben bedrohte Völker zu retten, bringen die Indianer auf einen zuvor unbewohnten Planeten. Da dieser Planet in einer Zone liegt, in der es von Asteroiden wimmelt, installieren die Weisen ein Abwehrsystem zum Schutz der Indianer. Als dieses defekt wird, springt die Crew der Enterprise ein, um es zu reparieren. An einer Amnesie leidend, genießt Kirk als „Kirok" und Ehemann der Häuptlingstochter Miramanee das unbeschwerte Leben eines Medizinmannes und Gottes.

7.6. Der Wilde Westen:

Ein weiterer Mythos der amerikanischen Geschichte begegnet uns in Spectre of the Gun. Hier sehen sich Kirk, Spock, McCoy und Chekov gezwungen, den Kampf am O.K. Carrol in Tombstone von 1881 zwischen den Earp-Brüdern und Doc Holliday einerseits und den Brüdern Clanton und McLaury andererseits nachzustellen. In dieser bizarren Version des Wilden Westens unter rotem Himmel und vor Saloon-Attrappen finden sich Kirk und seine Kollegen in der Rolle der Verlierer wieder.

8. LITERATUR:



JENKINS, Henry, TULLOCH, John. Science Fiction Audiences. London/New York, 1995.

NIMOY, Leonard. Ich bin Spock. München, 1996.

OKUDA, Michael (u. a.). Star Trek - Die offizielle Enzyklopädie. Schindellegi (CH), 1995.

SANDER, Ralph. Die Star Trek Biographien. München, 1995.

SHATNER, William mit Chris Kreski. Star Trek Erinnerungen. München, 1994.

SHATNER, William mit Chris Kreski. Star Trek Erinnerungen - Die Filme. München, 1996.


Die wichtigsten zitierten Folgen
(geordnet nach der Reihenfolge der Episoden):


6: Mudd's Women ( Die Frauen des Mr. Mudd)

22: Space Seed ( Der schlafende Tiger)

24: This Side of Paradise ( Falsche Paradiese)

31: Who Mourns for Adonais? ( Der Tempel des Apoll)

32: The Changeling ( Ich heiße Nomad)

37: I, Mudd ( Der dressierte Herrscher)

46: A Piece of the Action ( Epigonen)

48: A Private Little War ( Der erste Krieg)

50: Patterns of Force ( Schablonen der Gewalt; mit Untertiteln auch Muster der Gewalt)

52: Omega Glory ( Das Jahr des roten Vogels)

56: Spock's Brain ( Spocks Gehirn)

61: Spectre of the Gun ( Wildwest im Weltraum) 

58: The Paradise Syndrome ( Der Obelisk)

65: Plato's Stepchildren ( Platos Stiefkinder)

75: The Way to Eden ( Die Reise nach Eden)


 

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