Nordirland in den Sechzigern

Von Johannes Stüger

Lehrveranstaltung: SE: Mythos und Realität der Sechzigerjahre
Lehrveranstaltungsleiter: Reinhold Wagnleitner / Reinhard Krammer
Universität: Universität Salzburg, Institut für Geschichte
Semester: WS 1996/97

 

Inhaltsverzeichnis:


1. Einführung und wichtige Daten:

2. Nordirland in den Sechziger Jahren:

        2.1 Die Politik Terence O`Neill’s - zwischen Reform und Desaster:

        2.2 Die Katholische Minderheit - Versuch einer Emanzipation:

                  2.3 Die Protestantische Gegenseite:

        2.4 Die I.R.A.:

3. Die Eskalation des Konflikts:

Literaturverzeichnis



 
1. Einführung und wichtige Daten:


     Ireland is different! - Irland ist anders!" - mit diesen Werbeslogan wird schon seit langem für die "Grüne Insel" geworben. Dieses "Anderssein" spiegelt sich natürlich auch in der Geschichte des Landes wieder. Nähert man sich den Themenbereich Nordirland in den Sechzigern, so wird man sehr schnell feststellen, daß man diese Zeit kaum losgelöst von der übrigen Geschichte des Landes betrachten kann. Zwar sind es gerade die historischen Begebenheiten und Ereignisse der Sechziger Jahre, die zum Ausbruch des Bürgerkriegs und zum Beginn der "Troubles" geführt haben, ein Zustand, der mit einer Ausnahme bis zum heutigen Tage anhält, jedoch tauchen in diesem Konflikt immer wieder die "Geister der Vergangenheit" auf - Erinnerungen an eine jahrhundertealte Auseinandersetzung. So ist es doch gerade die Betonung der Vergangenheit, der Stolz auf die "eigene" Geschichte, der die beiden Konfliktparteien immer wieder auseinandertreibt. Auf diese Tatsache sollte man bei der Betrachtung der Nordirland - Problematik nie vergessen.
Irland läßt sich geographisch in vier große Bereiche aufteilen. Man spricht von den "vier Fünftel von Eire": Ulster im Norden, Munster im Südwesten, Leinster im Süden und Connacht im Osten. Das englische Protektorat Nordirland befindet sich zur Gänze auf dem Gebiet von Ulster und wird, bei einer Fläche von 14 139 km², in die Counties Derry, Antrim, Down, Tyrone, Fermanagh und Armanagh unterteilt. Die Hauptstadt des Nordens ist Belfast. Insgesamt leben auf diesen Gebieten ca. 1,5 Millionen Menschen (aufgrund eines geringen Bevölkerungswachstums und Abwanderungstendenzen ist diese Zahl seit mehreren Jahrzehnten in etwa gleichgeblieben). Davon sind etwa 55% Protestanten und ca. 35% Katholiken. Die restlichen 10% entfallen auf andere Religionsgruppen.
Nach dem Friedensabkommen des sechsten Dezember 1921 wurde Irland offiziell geteilt. In den abgespalteten sechs Counties war der überwiegende Teil der Bevölkerung Protestantisch und Pro - Britisch. Allerdings waren in einigen Counties, insbesondere Tyrone und Fermanagh, die Mehrheitsverhältnisse nur hauchdünn - weitere Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken schienen, vor allem, da letztere lange Zeit politisch handlungsunfähig waren, vorprogrammiert. Von diesen Zeitpunkt an und bis zum Jahr 1972 war Nordirland ein sich selbst verwaltendes Gebiet mit einem eigenen Premierminister und einem eigenen Parlament.

 

2. Nordirland in den Sechziger Jahren:


2.1 Die Politik Terence O`Neill's - zwischen Reform und Desaster:


Die Regierung Nordirlands hatte zu Beginn der Sechziger Jahre immer mehr mit der Unzufriedenheit der Bevölkerung, nicht nur auf katholischer Seite, zu kämpfen. Der Niedergang der traditionellen Leinenweberei und der Rückgang im Bereich des Schiffsbaus brachte immer mehr Menschen auf die Straße. Zwischen 1961 und 1964 wurden im letzteren Bereich 40% der Arbeitskräfte entlassen (11,500!). Unter den betreffenden Betrieben befanden sich auch so renommierte wie die Belfaster Harland & Wolff Werft, die, schon für den Bau der Titanic verantwortlich, in dieser Zeit mit einer Belegschaft von 21,000 die größte Werft der Welt war. Dies bewirkte, daß die Arbeitslosenrate in Nordirland bis auf nahezu acht Prozent kletterte - damals das vierfache des nationalen Durchschnitts. Gleichzeitig besaß Nordirland in der damaligen Zeit ein relativ gutes Sozialsystem, das nun aber im Sinne des gesamten Haushaltes nicht mehr zu rechtfertigen war. Andererseits hatte gerade dieses Sozialsystem der sonst überall diskriminierten katholischen Minderheit zu einem höheren Bildungsstand verholfen und es liegt auf der Hand, daß Einsparungen in diesen Bereich ein hohes Konfliktpotential beinhalteten - zumal die Katholiken nun vermehrt ihre Rechte einforderten.
Nachdem die "graue Eminenz" der Unionist Party, Premierminister Sir Basil Brooke, 1963 zurückgetreten war, kam mit Terence O`Neill, seines Zeichens Finanzminister der Regierung Brooke, ein von seinem Vorgänger völlig unterschiedlicher Politiker an die Macht. Während sein Vorgänger ein Verfechter der harten, unversöhnlichen Linie gegen die Katholiken war, schlug Terence O`Neill nun einen gänzlich anderen Weg ein. Als Finanzminister hatte er erkannt, daß eine gesicherte wirtschaftliche Zukunft Nordirlands nur im Weg aus der Isolation lag. Es bedurfte ausländischer Investoren und neuer Industriezweige, sollte sich das Land von der wirtschaftlichen Rezession befreien. Dem Unionisten O`Neill war aber auch klar, daß dieses Ziel nur unter der Mithilfe der katholischen Bevölkerung zu erreichen war.
So begann er seine Regierungszeit mit einer Vielzahl von Reformversprechungen. Mit Steuererleichterungen und der Zusicherung von Regierungsgeldern bewirkte der Premierminister eine Stimulation der Wirtschaft. Tatsächlich wurden 35,000 neue Jobs geschaffen - allerdings kann dies bestenfalls als Teilerfolg gewertet werden, da in der gleichen Zeit anderswo die Arbeitskräfte abgebaut wurden und somit nur ca. 10,000 neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Auch die Arbeitslosenrate befand sich noch immer zwischen sechs und acht Prozent. Nichtsdestoweniger stabilisierten diese Erfolge die Vormachtstellung der Unionist Party gegenüber der Labour Party.
Das zweite Augenmerk des "O`Neillism" galt der Annäherung der beiden Gemeinschaften. Der wichtigste Schritt hierbei ist wohl der Versuch, zu einer neuen Verständigung mit Dublin zu kommen. Das Treffen zwischen Terence O`Neill und seinem irischen Amtskollegen Séan Lemass im Januar 1965 ist das bedeutendste Ereignis im Sinne einer Entspannungspolitik wahrend der Amtszeit des Nordirischen Premiers.
Es erhebt sich jedoch die Frage ob man in Terence O`Neill wirklich einen "wahren" Reformpolitiker sehen kann. Der Prüfstein einer Reformpolitik ist wohl die Frage, wann und unter welchen Umständen sie durchgeführt wird. Es ist bezeichnend, daß der Premierminister eine Vielzahl von Versprechungen gab, sie aber nur selten in die Tat umsetzte. Dies zeigt sich vor allem im Umgang der Regierung mit den verschieden katholischen Bürgerrechtsorganisationen. Gerade hier, wo der Ruf nach Reformen am lautesten war, wurde nur sehr wenig und nur sehr zögernd an Verbesserungen gearbeitet. Vieles in dieser Hinsicht läßt sich durch die Person Terence O`Neills selbst erklären. O`Neill wurde innerparteilich ausgewählt, die Macht im Lande zu tragen, weil er, bei aller Reformbereitschaft, dem protestantisch - unionistischen Denken verhaftet war. Seine aristokratische Herkunft, gepaart mit einer klassischen britischen Erziehung (Eton etc.) verschaffte ihm lange Zeit großen Rückhalt in seiner eigenen Partei - und dies eröffnete ihm erst die Möglichkeit, "seine" Politik zu betreiben. Das Problem seiner Politik war aber, daß er den Start zu einer Bewegung lieferte, die sehr schnell eine Eigendynamik entwickelte und sich rasch ausbreitete. Mit einer derart heftigen Reaktion der Katholiken auf die Zeichen der Zeit hatte niemand im Protestantischen Lager, einschließlich O`Neill, gerechnet, und niemand wußte, wie denn damit umzugehen sei. Dieses Nichtwissen brachte der Regierung nun die Kritik beider Seiten ein und führte zur Eskalation des Konflikts und zum Rücktritt O`Neills. Brian Faulkner, einer seiner Gegner und später selbst Premierminister Nordirlands, sprach von seinem Vorgänger als: "the wrong man with the right ideas!".


2.2 Die Katholische Minderheit - Versuche einer Emanzipation:


Obwohl die Katholiken Nordirlands einen nicht zu verachtenden Anteil an der Bevölkerung der sechs Counties hatten, wurden sie dennoch in fast allen Lebensbereichen unterdrückt und diskriminiert. Dieses "Apartheidsystem" Nordirischer Prägung beschnitt nicht nur die politischen Rechte der Minderheit, sondern verhinderte auch lange Zeit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg ihrer Mitglieder. Gerade die Ungerechtigkeiten bei der Verteilung von Arbeitsplätzen trieben viele junge Katholiken in die Emigration. So wanderten zwischen 1961-1971 doppelt so viele Katholiken wie Protestanten aus. Das Verhältnis bei den Arbeitslosen selbst zeigt diese Tendenz noch deutlicher: 1971 betrug die Arbeitslosenrate unter männlichen Katholiken 17,3 % - im Vergleich zu 6,6 % im Bereich der Protestantischen Bevölkerung.
Trotzdem begann sich in den sechziger Jahren ein neues bis dato unbekanntes katholisches Bildungsbürgertum zu entwickeln. Begünstigt durch das Sozialsystem des Staates verdreifachte sich die Anzahl der katholischen Studenten, zum Beispiel an der Queen's University, in den fünfziger Jahren. Diese neuentstehende gebildete katholische Mittelschicht begann sich nun in den Sechzigern gegen die unterschiedlichen Diskriminierungen des täglichen Lebens zu wehren und forderte ihre Rechte ein. Im Jahr 1963, dem Jahr des Amtsantrittes von Terence O`Neill, wurde in Dungannon die Campaign for Social Justice gegründet. Binnen weniger Jahre wurden vielerorts auf lokaler Ebene Bürgerinitiativen und Bürgerkomitees ins Leben gerufen, die sich die Abschaffung der diskriminierenden Strukturen im nordirischen Sozialgefüge zum Ziel gesetzt hatten. Alle diese Gruppierungen wurden schließlich 1967 unter dem Dachverband der N.I.C.R.A. (Northern Ireland Civil Rights Association) zusammengefaßt. Ihre Hauptziele waren:

1. Die Abschaffung des Mehrfachwahlrechtes und Beendigung der manipulativen Ziehung von Wahlkreisen ("gerrymandering") - da in einigen Gebieten Nordirlands die Protestanten, wie bereits erwähnt, nur eine hauchdünne Mehrheit gegenüber den Katholiken hatten bzw. beide Gruppierungen gleichstark waren, nahm man die Ziehung der Wahlkreise so vor, daß es selbst in diesen Gebieten eine Protestantische Wahlmehrheit gab. Zugleich schloß man alle Katholiken, die in Untermiete wohnten, generell von den Wahlen aus, da das Gesetz nur Hausbesitzer und registrierte Mieter zu den Wahlen zuließ (dies bedeutete natürlich auch, daß ein Geschäftsmann, der mehrere Immobilien besaß auch mehrere Stimmen abgeben konnte).

2. Die Abschaffung des "Special Power Act" - dieses Gesetz gab den Polizeikräften Nordirlands, allen voran der R.U.C. (Royal Ulster Constabulary), bei der die Protestanten mit einem Anteil von 99% vertreten waren, nahezu uneingeschränkte Möglichkeiten: Verhaftung ohne Haftbefehl, Hausdurchsuchung ohne Durchsuchungsbefehl, Festhalten einer Person auf unbestimmte Zeit ohne richterliches Urteil.

3. Keine Diskriminierung bei der Vergabe von Arbeitsplätzen.

4. Faire Vergabe von Wohnungen.

5. Meinungs-, Versammlungs- und Vereinsfreiheit.

6. Die Auflösung der B-Sepecials - eine Spezialeinheit der Polizei, die wiederum mehrheitlich aus Protestanten bestand und die besonders brutal gegen die Katholische Bevölkerung vorging.

7. Aufbau eines staatlichen Beschwerdesystems für die Minderheit.

Da die NICRA eine Massenbewegung war und von politisch gemäßigten Mitgliedern bis zu radikalen Marxisten alles beinhaltete, muß man sie als politische "Pressure-group" bezeichnen. Es liegt auf der Hand, daß eine derart starke Gruppe eine Panikreaktion in den Reihen der radikalen Unionisten auslöste. Diese Reaktionen wurden durch das geschickte Auftreten von politischen Agitatoren wie Ian Paisley noch angeheizt. Eine Krisensituation entstand, die den Weg zu jener gewaltvollen Eskalation des Konflikts ebnete.


2.3 Die Protestantische Gegenseite:


Seit dem Bestehen der protestantischen Oberherrschaft in den sechs Counties gab es viele, die die Unterdrückung und Diskriminierung der katholischen Minderheit als eine Art "gottgewollten" Zustand ansahen. Es ist nicht verwunderlich, daß viele Unionisten mit der liberalen Politik der Regierung gegenüber den Katholiken nicht viel anfangen konnten, ja sich sogar von ihr verraten fühlten. So hieß es in einer Studie aus dem Jahr 1962:

Where the segreagtion of Catholics begins to break down, this is regarded by many Protestants with alarm (however friendly they may be with individual Catholic neighbours): ´They are getting in` is the phrase one hears, and it is evident in general that a ´mixed`area in the towns is regarded by Protestants as one which is going downhill....


Der Anführer der radikalen Protestanten, die im Laufe der Sechziger Jahre immer größeren Zulauf hatten, war der presbyterianische Geistliche Ian Kyle Paisley. Paisley, früher ein Mitglied der Ulster Volunteer Force, begann nun gegen den "Sittenverfall" in Ulster, vor allem aber gegen Regierung und Katholiken zu predigen. Er forderte eine Rückbesinnung auf die kalvinistischen Grundwerte der Kirche - diese Rückbesinnung sollte natürlich auch Eingang in die Politik finden, wobei an erster Stelle die Einstellung der Kooperation mit dem katholischen Lager stand, da der Papst als deren Oberhaupt als Inkarnation des Antichristen angesehen wurde. Das Sprachrohr seiner Anhänger wurde der im Februar 1966 ins Leben gerufene Protestant Telegraph. Diese Zeitung verhalf Paisley auch über die Grenzen des Landes hinaus zu einem hohen Bekanntheitsgrad. Seine Politik der Intoleranz und seine Verteufelung des Kommunismus brachte Paisley auch eine erhebliche Anhängerschar in den Südstaaten der USA und in Südafrika. (Sein über die Religion gerechtfertigtes Apartheitsystem und sein Kommunistenhaß fand in der radikalen rechten Fraktion beider Länder großen Anklang). Paisley verstand es zudem geschickt, die protestantische Arbeiterschaft durch Hinweise auf eine mögliche Bedrohung der Arbeitsplätze durch die Katholiken gegen die Bürgerrechtsbewegung aufzubringen. Man muß hier vor allem betonen, daß er dabei ganz bewußt eine Radikalisierung des unionistischen Lagers in Kauf nahm und er auch davon ausging, daß eine Radikalisierung der beiden Lager nur zu einer Eskalation der Gewalt führen konnte.


2.4 Die I.R.A.:

Zu Beginn der Sechziger Jahre sah es so aus, als ob der Widerstand in den Reihen der radikalen Republikaner für immer gebrochen worden war. Die Irish Republican Army bestand nur mehr aus einer Handvoll Aktivisten, die sich in zwei oder drei Unterkünften versteckt hielten. Die Geldquellen versiegten, und man hatte kaum noch Waffen. Auch gab es so gut wie keine Neurekrutierungen. Schuld daran war das Desaster der Border Campaign in den späten Fünfzigern. Man hatte sich in einen sinnlosen und für die Außenwelt und die Bevölkerung unverständlichen Kleinkrieg verzettelt, der sich gegen die offiziellen Einrichtungen entlang der irisch-nordirischen Grenze richtete. Während dieser ergebnislosen Kampagne verlor die I.R.A nicht nur das Vertrauen der katholischen Bevölkerung, sondern auch einen Großteil ihrer aktiven Mitglieder. So ließ die Führung der Organisation am 26 Februar 1962 verlautbaren:

The Leadership of the Resistance Movement has ordered the termination of ´The Campaign of Resistance to the British Occupation`......all arms and other materials have been dumped and all full-time active service volunteers have been withdrawn.


Daraufhin wurden der Großteil der während der Fünfziger Jahre internierten I.R.A. - Aktivisten aus der Haft entlassen. In den darauffolgenden Jahren begann innerhalb der Organisation ein größerer Umdenk- und Nachdenkprozeß. Es war klar, daß die Republikanische Bewegung neustrukturiert und neu durchorganisiert werden mußte - nur war man sich darüber unklar, auf welche Weise dies geschehen sollte und welche Richtung man einschlagen mußte, um wieder das Vertrauen der Bevölkerung und somit die Lebensader zurückzuerlangen. Grundsätzlich war das Lager in zwei Gruppen gespalten: die Einen, die sich in die Richtung der Sinn Féin Partei bewegten - die also mehr an ein politisches Engagement glaubten, und die Gruppe derer, die gerade in dieser Ansicht den Verrat an der Bewegung sahen. Im Prinzip konnte man zu keiner wirklich zufriedenstellenden Lösung des Problems kommen. Diese Uneinigkeiten führten schließlich Ende der Sechziger Jahre zur Aufspaltung der I.R.A. in die Official I.R.A. und die Provisional I.R.A.. Grundsätzlich wurde die Wiederbelebung der I.R.A. durch die Enstehung der Bürgerrechtsbewegungen erleichtert. Die zunehmende Radikalisierung des Konflikts ermöglichte erst wieder das Auftreten einer paramilitärischen Organisation. Und die I.R.A. begann erst nach der Eskalation des Konflikts ihre einstige Bedeutung für die Katholiken zurückzuerlangen.


3. Die Eskalation des Konflikts:


Dem Ausbruch des irischen Bürgerkriegs ging eine Reihe von Ereignissen voran, die allesamt zu einer Radikalisierung und erhöhten Miltarisierung der zwei Parteien beitrugen. Den Beginn der Auseinandersetzungen markiert der sogenannte "Fahnenstreit" des Herbstes von 1964. Stein des Anstoßes war das Ausstellen der irischen Trikolore im Wahlbüro der Sinn Féin Partei in der Belfaster Divis Street - im Zentrum des größten katholischen Ghettos in Belfast. Das Herzeigen der Fahne der Republik Irland war nach der Flags and Emblems Bill von 1954 verboten. Es liegt auf der Hand, daß das Ausstellen der Fahnen inmitten von Belfast von den Protestanten, allen voran Ian Paisley, als Provokation empfunden wurde und man nun lautstark das Entfernen derselbigen forderte. Als die Polizei anrückte, um eben dies zu tun, verteidigte die katholische Bevölkerung ihr Viertel, und es kam zur ersten gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen der Bevölkerung und der Polizei. Die Bilanz der zweitägigen Kämpfe in der Divis Street waren 50 verletzte Zivilisten und 21 Verletzte Mitglieder der R.U.C.. Diese Auseinandersetzung zeigt, wie tief die Kluft zwischen den Katholiken und der protestantischen Regierung bereits 1964 war. Die Katholiken fühlten sich auch von der I.R.A. im Stich gelassen - so wurden die drei Buchstaben nun mit I Ran Away übersetzt. Dies bewirkte auch, daß man sich nun noch mehr im Bereich der Bürgerrechtsbewegungen engagierte.

Die gewalttätigen Auseinandersetzungen der Divis Street war immer noch in den Köpfen der Menschen, als 1966 zum erstenmal Blut vergossen wurde. Nachdem die Osterfeiertage (der fünfzigste Jahrestag des Osteraufstandes in Dublin) relativ ruhig vorbeigegangen waren, wurde wenige Wochen später aus einem fahrenden Auto eine Bombe auf ein katholisches Pub geworfen - die Bombe verfehlte jedoch ihr Ziel, explodierte in einem anliegenden Haus und tötete dabei die siebzigjährige Protestantische Bewohnerin. Etwas später, im Mai 1966, wurden in der Clonard Street in Belfast zwei junge Katholiken erschossen. Für beide Anschläge übernahm die Ulster Volunteer Force die Verantwortung. Über ihre Absichten herrschte danach kein Zweifel mehr: " from this day on we declare war on the IRA. and its splinter groups. Known IRA men will be executed mercilessly and without hesitation.". Auch bei diesen beiden Attentaten spielte Paisley eine nicht unbedeutende Rolle - so sagte einer der Täter später aus: "I am terribly sorry that I ever heard of that man Paisley or decided to follow him.". Selbst Premierminister O`Neill verurteilte Paisley’s Agieren mit ungewöhnlich scharfen Worten und verbot wenig später die U.V.F. (allerdings wurde man erst 1973 als Mitglied verhaftet). Aber auch die Gegenseite wurde zusehends militanter: so sprengten Unbekannte im März 1966 das Denkmal des Admiral Nelson in Dublin.
Während Paisley weiterhin die protestantischen Massen mobilisierte, kam nun auch vermehrt Bewegung in die katholische Minderheit, und diese konnte auch erste Erfolge verbuchen. Bei der Wahl 1966 zog mit Gerry Fitt erstmals ein Katholik in das Parlament ein und war unter den 12 Parlamentsabgeordneten, die Nordirland nach Westminster entsendete. Ein Jahr später wurde die N.I.C.R.A. gegründet, welche nun die Massen auf katholischer Seite mobilisierte. Grundsätzlich wollte die Bürgerrechtsbewegung ihre Ziele auf friedliche Art und Weise durchsetzen - es liegt aber auf der Hand, daß bei der gesteigerten Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung auf beiden Seiten dies ein mehr oder weniger illusorischer Ansatz war, und so begann sich die Spirale der Gewalt weiter zu drehen.
Im August 1968 veranstaltete die NICRA in Dungannon einen Protestmarsch für eine gerechte Wohnungsverteilung. Obwohl Ian Paisley eine Gegendemonstration am Marktplatz der Stadt abhielt, verlief die Demonstration friedlich.
An diesen Erfolg sollte wenig später eine Demonstration in Derry anschließen. Geplant war ein Marsch durch die Stadt am 5. Oktober, allerdings kündigte die protestantische Organisation der Apprentice Boys eine Gegendemonstration für den gleichen Tag an. Diese Umstand nützte der Minister für "Home affairs", William Craig, um aus Furcht vor Zusammenstößen alle Demonstrationen an diesem Tag zu verbieten. Nichtsdestotrotz versammelten sich 2,000 Mitglieder der NICRA am 5. Oktober, um den Marsch trotz des Verbotes durchzuführen. Auf der Craigavon Brücke stoppte die R.U.C. die Demonstranten. Die Anführer forderten daraufhin die Teilnehmer auf, friedlich auseinanderzugehen, was im großen und ganzen auch geschah. Allerdings hatte ein zweiter Polizeikordon den Demonstranten mittlerweile den Rückweg abgeschnitten und begann nun auf die Demonstranten einzuprügeln - die traurige Bilanz: 88 Teilnehmer der Demonstration wurden verletzt, unter ihnen auch drei Abgeordnete des Parlaments in Westminster. Das Bild des blutüberströmten Parlamentsabgeordneten Gerry Fitt ging um die Welt und machte nun erstmals die Bevölkerung im "Mutterland" England auf den Konflikt aufmerksam.

Die Stimmung in Nordirland wurde immer gespannter und glich immer mehr der eines Pulverfasses, und es war jedem bewußt, daß das Land nun nicht mehr so schnell zu Ruhe kommen würde. O`Neill erkannte die Zeichen der Zeit und versuchte, mit Reformversprechungen die aufgebrachte Menge zu beruhigen. Allerdings kam O`Neill selbst nun innerparteilich immer stärker unter Beschuß, immer lauter wurden die Stimmen, die seinen Rücktritt forderten. Der am 22. November veröffentlichte 5-Punkte Reformplan des Premierministers wurde von protestantischer wie auch katholischer Seite abgelehnt. Mit der Entlassung Craigs besiegelte er sein politisches Schicksal. Die Parlamentswahlen im Februar 1969 zeigten nur noch, wie zerstritten die Partei der Unionisten mittlerweile war; am 28. April trat O`Neill schließlich als Premierminister Nordirlands zurück.
Nachfolger O`Neills wurde sein Cousin James Chichester-Clark - aber auch unter seiner Regierung enstpannte sich die Lage nicht. Nur wenige Monate später kam es erneut zum offenen Schlagabtausch zwischen den zwei Lagern. Am 12. August des Jahres 1969 feierten die Apprentice Boys den 280ten Jahrestag der Niederlage James II vor Derry mit einem Marsch durch die Stadt (Aufmärsche dieser Art waren den Katholiken bereits seit mehr als einem Jahr verboten). Es dauerte nicht lange, bis zwischen protestantischen und katholischen Jugendlichen der Kampf ausbrach, in den wenig später auch die R.U.C. eingriff. "The Battle of the Bogside" währte zwei Tage, bis am 14. August 1969 um fünf Uhr 400 Soldaten des Prince of Wales Yorkshire Regiments in Nordirland einmarschierten und den Kämpfen ein Ende bereiteten. Wieder einmal kontrollierte die englische Armee das Geschehen auf den nordirischen Staßen. Nur wenige bemerkten damals, daß ein Krieg auf diesen Straßen begonnen hatte - ein Krieg, der über Jahrzehnte hinweg das politische Geschehen in Nordirland bestimmen sollte.
Am Anfang wurden die britischen Truppenverbände als "Friedensbringer" von beiden Seiten der Bevölkerung begrüßt. Aber schon bald war klar, daß sie vor allem als "Systemerhalter" ins Land gekommen waren. Eine der wichtigsten Konsequenzen der Ereignisse von 12. August war die Auflösung der B - Specials. Allerdings wurde das neue Ulster Defence Regiment aus ehemaligen Mitgliedern eben jener Einheit gebildet. Auch die Vorgangsweise der U.D.R. ähnelte der der B-Specials - nur daß man nun die Armee als zusätzliche Sicherheit hatte.
Da der Konflikt Ende der Sechziger Jahre immer mehr auf den militärischen Bereich verlagert wurde, gewannen nun die paramilitärischen Einheiten wieder mehr an Bedeutung. Die Streitigkeiten innerhalb der I.R.A., die die Organisation seit fast einem Jahrzehnt lahmgelegt hatten, führten nun im Jänner 1970 zur Trennung der beiden Fraktionen. Das Resultat dieser Trennung führte zur Bildung der Official I.R.A., den Teil der Republikaner, die mehr dem sozialistischen Gedankengut und somit der parlamentarischen Arbeit verhaftet waren. Ihnen gegenüber stand die Provisional I.R.A. die ihre Aufgabe vor allem im Kampf gegen die protestantischen Machthaber und in der Verteidigung der katholischen Minderheit sahen. Da sie der Bevölkerung das bieten konnte, was sie sich wünschte - nämlich ein militärisches Gegengewicht zu den Gruppierungen der Protestanten und der Regierung und somit Schutz - gewann sie sehr schnell das Vertrauen der katholischen Minderheit. Man kann hier von einer Wiedergeburt der I.R.A. sprechen.
Die Reaktion der Gegenseite und der Regierung ließ nicht lange auf sich warten. Die Regierung griff im August 1971 zum härtesten Mittel, um die paramilirärischen Einheiten zu zerschlagen: Internment. Das Hauptziel - die Mitglieder der I.R.A.- entkam allerdings der ersten Internierungswelle, bei der 342 Menschen verhaftet und interniert wurden. Die Antwort der Protestanten war die Bildung der U.D.A. (Ulster Defence Association), die sich als Gegenspieler zur I.R.A. verstand, weil sie der Ansicht waren, daß: "the enemies of Faith and Freedom (i.e.: the I.R.A.) are determined to destroy the state of Northern Ireland...... Es liegt auf der Hand, daß die "Provos" dadurch nur in ihren Glauben bestärkt wurden, den Kampf auf militärischer Ebene zu führen.
Unter all den nun folgenden Auseinandersetzungen erlangt vor allem ein Tag traurige Berühmtheit: der 30. Jänner 1972 - der "Bloody Sunday". Während einer verbotenen Demonstration der Civil Rights Association in Derry eröffnen Soldaten des Ersten Bataillons des Fallschirmspringerregiments das Feuer - 13 unbewaffnete Teilnehmer sterben im Kugelhagel. Ein Gerichtsmediziner bemerkte später:


It seems that the Army ran amok that day and they shot without thinking what they were doing . They were shooting innocent people. These people may have been taking part in a parade that was banned - but I don’t think that justifies the firing of live rounds indiscriminately. I say without reservation - it was sheer unadulterated murder.


Eine der unmittelbaren Reaktionen auf dieses Massaker ist die Erstürmung und die Zerstörung der britischen Botschaft in Dublin. Die direkte Konsequenz aus den Vorfällen des "Bloody Sunday" war, daß nun nach einen halben Jahrhundert der nordirischen Selbstverwaltung Nordirland wieder direkt von Westminster aus regiert wurde. Die traurige Bilanz des Jahres 1972: 467 Terroropfer sind zu beklagen - davon 332 Zivilisten (einschließlich I.R.A. und U.D.A. Mitglieder), 103 Armeesoldaten, 25 Angehörige des Ulster Defence Regiments und 17 Angehörige der R.U.C.. Der Bürgerkrieg stand jedoch erst am Anfang.

 

Fußnoten:


1Irish Dpt. of Foreign Affaris. Facts about Ireland. Dublin: 1981.
2 Elvert, Jürgen. Geschichte Irlands. München: dtv, 1993 (11 ff. bzw.: 417 ff.).
3 Bew, Paul. et al. Northern Ireland 1921-1994. Political Forces and Social Classes. London: Serif, 1995 (117 ff.)
4 ibid.
5 Lee, Joseph. Ireland 1912-1985. Politics and Society. Cambridge: Cambridge UP, 1991 (413 ff.).
6 ibid (415).
7Dieses Thema wird in den folgenden Kapiteln ausführlicher behandelt.
8 Lee. Ireland. Politics and Society. (425).
9 ibid.(413).
10 Elvert. Geschichte Irlands.(420).
11 Kelly, Kevin, J. The Longest War. Northern Ireland and the I.R.A. London: Zed Books, 1990 (98 ff.).
12 ibid. (75).
13 Ibid. (94 ff.)
14 Elvert. Geschichte Irlands. (421).
15 Coogan, Tim Pat. The I.R.A.. London: Fontana, 1987 (418).
16 Hierzu ebenfalls: Kelly. The Longest War. (84 ff.)
17 Adams, Gerry. Selected Writings. Dingle: Brandon Book Publ. , 1994 (194 ff. , 48 ff. , 51ff. ).
18 Kelly. The Longest War. (91ff.).
19 ibid. (93).
20 ibid.(96).
21 ibid. (104 ff.).
22 ibid. (114 ff.). Lee. Ireland 1912-1985. (428 ff.).
23 ibid. (412 ff.)
24 Kelly. The Longest War. (124 ff.)
25 Coogan. The I.R.A.. (461 ff.).
26 Kelly. (154 ff.).
27 Lee. (437 ff.).
28 Evans, Phil. Ireland for Beginners. London: Writers and Readers, 1983 (140 ff.).
29 ibid. (147).
30 Ibid. (144).
31 Elvert. (424).

 

Literaturverzeichnis:


Adams, Gerry. Selected Writings. Dingle: Brandon Book Publ., 1994.

Bew, Paul, et. al. Northern Ireland 1921-1994. Political Foeces and Social Classes. London: Serif, 1995.

Coogan, Tim Pat. The I.R.A..London: Fontana, 1987.

Elvert, Jürgen. Geschichte Irlands. München: dtv., 1993.

Evans, Phil. Ireland For Beginners. London: Writers and Readers Publ., 1983.

Irish Dpt. Of Foreign Affairs. Facts about Ireland. Dublin: 1981.

Kelly, Kevin J. The Longest War. Northern Ireland and the I.R.A.. London: Zed Books, 1990.

Lee, Joseph. Ireland 1912-1985. Politics and Society. Cambridge: Cambridge UP, 1991.


 

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