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Hermann
Scheer
(www.hermann-scheer.de) |
Der Titan Prometheus, Sohn des Iapetos, legt sich mit den
olympischen Göttern - allen voran Göttervater Zeus - an, um den Menschen das
Feuer zu bringen. Dazu reckt er einen langen, mit Mark gefüllten Stengel des
Riesenfenchel gen Himmel und entzündet ihn am vorüberrollenden
funkensprühenden Sonnenwagen des Helios. Mit der lodernden Fackel eilt er
zur Erde und setzt einen Holzstoß in Flammen. So kam, laut griechischer
Mythologie, das Feuer auf die Erde, und die Menschheit war unwiderruflich im
Besitz eines nie verlöschenden Energieträgers.
Ein moderner Prometheus ist Hermann Scheer von der SPD (Wahlkreis
Waiblingen), seit 1980 Mitglied des Deutschen Bundestages, Präsident von
EUROSOLAR, der Europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien (www.eurosolar.org)
sowie Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien (www.world-council-for-renewable-energy.org):
1998 Weltsolarpreis, 1999 Alternativer Nobelpreis, 2000 Weltpreis für
Bioenergie; 2002 erklärt ihn das TIME-Magazine zum "Hero for the Green
Century". Scheer gilt als einer der bedeutendsten Aufklärer auf dem Gebiet
der "erneuerbaren Energien", als visionärer Pragmatiker, Solarkämpfer und
Energiestratege, als einer, der global denkt und auch global handelt. |
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"Der Wettlauf um die
Ressourcen ändert die Machtverhältnisse zwischen den Staaten grundlegend.
Ein neues Zeitalter der Energiekonflikte hat begonnen"
"Alle großen Staaten haben
heute erkannt: Erdöl und Erdgas sind von existentieller strategischer
Bedeutung. Sie sind der Treibstoff der kommenden Konflikte."
Stichwort "erneuerbare
Energien" - neumodischer Ökokram, für den Der Spiegel
nicht mehr als ein paar Zeilen übrig hat. |
Running on empty - versiegende
Rohstoffquellen
Ende
März 2006 erschien in Deutschlands führendem Mainstream-Politmagazin eine
unglaublich deprimierende und irgendwie sinnleere Titelgeschichte: 'Der Neue
Kalte Krieg - Kampf um die Rohstoffe'.(1)
'Kampf um die letzten Rohstoffe' hätte es wohl besser getroffen. Auf 18
Seiten breitet Der Spiegel aus, wer gegen wen beziehungsweise mit wem um die
letzten Erdöl- und Erdgasressourcen rauft, feilscht, buhlt: "Der Wettlauf um
die Ressourcen ändert die Machtverhältnisse zwischen den Staaten
grundlegend. Ein neues Zeitalter der Energiekonflikte hat begonnen" - heißt
es reißerisch.
Tatsache ist, die globalen fossilen
Ressourcen gehen zur Neige. Die Nationen, die sich jetzt noch um die letzten
Ölquellen, die letzten Erdgasvorkommen raufen, erinnern stark an kämpfende
Stiere auf einem Schlachthoftransporter. "Russland setzt sein Erdgas
gegenüber den Nachbarn politisch ein und könnte auch Westeuropa den Hahn
abdrehen, Iran droht mit der Erdölwaffe."(1)
Das wichtigste Schlagwort des Artikels lautet: 'Energiesicherheit'.
Wir lebten in einem "Zeitalter, in dem die internationale Politik zunehmend
von Fragen der Energiesicherheit bestimmt wird, in dem die Karten für
potentielle Gewinner und Verlierer gerade neu gemischt werden." "Die USA
entdecken in diesen Tagen Indien als neuen strategischen Partner, die
besonders energiehungrige Volksrepublik China macht dem alten Gegner
Russland Avancen - verblüffende Allianzen (...) Alle wichtigen Mächte - die
USA, Europa, Russland und die Aufsteiger China und Indien - geben inzwischen
ihrer Ressourcen-Sicherheit politische Priorität Nummer eins. Angestrengt
versuchen sie, ein Netz von Pipelines durch Wüsten, Steppen und auch unter
den Meeren zu ziehen. Die Hüter und Besitzer der Ressourcen werden umworben.
Es wird getrickst, geschmiert, geschachert."(1)
Und wo alles nichts hilft, setzt man Armeen in Marsch: "Alle großen
Staaten haben heute erkannt: Erdöl und Erdgas sind von existentieller
strategischer Bedeutung. Sie sind der Treibstoff der kommenden Konflikte.
Deshalb stecken die Mächtigen der Welt überall dort, wo überlebenswichtige
Rohstoffreserven liegen, mit Waffengewalt oder aggressiver Diplomatie ihre
Claims ab" - siehe Mittlerer Osten. Aber selbst Der Spiegel gibt zu, dass
"der Schmierstoff der Weltwirtschaft", Rohöl, knapper wird und "das
Ölzeitalter unwiderruflich seinem Ende entgegengeht".(1)
Halten
wir fest: Die fossilen Ressourcen, um die es hier geht, werden versiegen.
Dennoch fighten Nationen mit unglaublicher Härte um den gesicherten Zugang -
wie zwei Verdurstende in der Wüste, die um den allerletzten Tropfen Wasser
in der Feldflasche kämpfen, und wer gewinnt, stirbt als Zweiter. So what?
Was ist die Alternative zum weltweiten Kampf um versiegende Ressourcen in
Nahost und Nordafrika, Nigeria und Angola, Mittel- und Südamerika, Russland,
Kasachstan und Aserbaidschan? Stichwort "erneuerbare Energien" -
neumodischer Ökokram, für den Der Spiegel nicht mehr als ein paar Zeilen
übrig hat (zumindest nicht in diesem ellenlangen Artikel). Journalisten, die
noch in Kategorien des 'Kalten Krieges' denken, scheinen sich nicht
vorstellen zu können, dass etwas Neues, Positives in die Welt kommt - die
Fackel des Prometheus. 'Erneuerbare Energien' ist ein Begriff, der nicht
halb so sexy klingt wie 'Krieg um das "schwarze Gold"', wie garrende
Soldatenstiefel oder der heisere Kampfschrei eines Terroristen, der gerade
eine saudische Pipeline hochjagt - horrido. Die "erneuerbaren Rohstoffe" (?)
Wind, Sonne und Biomasse "dürften" in einem "Energiemix aus Öl, Gas, Kohle
und Atomstrom selbst langfristig bestenfalls ein Viertel des Bedarfs von
Industriestaaten decken"(1)
schreibt der Autor. Falsch. |
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Hermann
Scheer.
Energieautonomie.
Eine neue Politik für
erneuerbare Energien.
Kunstmann, 2005. 315 S.
ISBN: 3888973902
Schon
heute erklären die westlichen Mächte den Zugang zu den globalen Ressourcen
zynischerweise zu ihrem ureigensten Sicherheitsinteresse |
Prometheus heißt "der
Vorausdenkende"
"Dass
die erneuerbaren Energien den gesamten Weltbedarf an Energien befriedigen
können, ist seit den 70er Jahren in wissenschaftlichen Szenarien wiederholt
detailliert dargelegt worden", schreibt Hermann Scheer in seinem 2005
erschienenen Buch "Energieautonomie".(2)
Scheers Buch ist Analyse und Handlungsanleitung zugleich. Die Zeit drängt:
Klimawandel, Umweltbelastungen durch Feinstaub und Versmoggung der
Metropolen, sterbende Wälder und Flüsse, die gespenstische Rückkehr der
Atomenergie (mit all ihren ungelösten und unlösbaren Problemen) und ein
zunehmend auf militärischer Ebene ausgetragener 'Kampf um Ressourcen' lassen
nicht mehr viel Spielraum für Diskussionen am Grünen Tisch - zumal Kyoto
gescheitert scheint. Scheer:
"Der Wechsel zu
erneuerbaren Energien ist ein Wettlauf mit der Zeit - aus ökologischen,
wirtschaftlichen und sozialen Gründen. Die Ablösung atomarer und
fossiler Energien kann weder über die konventionelle Energiewirtschaft
noch über globale Verträge kommen. Der archimedische Punkt ist
'Energieautonomie' als (...) Konzept, das eine weltweite Dynamik in Gang
setzen kann."(2)
Energieautonomie als Leitmotiv
definiert Scheer so:
"Es ist gleichermaßen
politisch, wirtschaftlich und technologisch (...) Es ist, als
verallgemeinerbares Konzept, nur mit erneuerbaren Energien möglich.
Energieautonomie ist aber nicht nur das Ergebnis eines Wechsels zu
erneuerbaren Energien, sondern zugleich der harte Kern der praktischen
Strategie: Autonome Initiativen von Individuen, Organisationen,
Unternehmen, Städten und Staaten sind geboten, um das Ganze zu bewegen.
Die neue Politik für erneuerbare Energien ist, diesen Initiativen die
Räume zu öffnen, in denen sie sich ungehindert entfalten können."
(S.35/36) "Das zentrale politische Motiv für eine zur Energieautonomie
führende Strategie für erneuerbare Energie ist, dass damit das
Selbstbestimmungsrecht der Staatsgesellschaften und in diesen Demokratie
und allgemeine Wirtschaftsfreiheit gewährleistet oder wiederhergestellt
werden können..." (S.288)
Dem 'Spiegel'-Artikel liegt die
These zugrunde, dass der "Kampf um Rohstoffe" die künftige Außen- und
Sicherheitspolitik der Industriestaaten prägen und die Gier nach immer
knapper werdenden fossilen Ressourcen zu heißen und kalten Kriegen führen
wird (schon heute erklären die westlichen Mächte den Zugang zu den globalen
Ressourcen zynischerweise zu ihrem ureigensten Sicherheitsinteresse - siehe
die Europäische Sicherheitsstrategie, ESS (3)
bzw. die amerikanische NSS).
Scheer dreht den Spieß einfach um: Energiesicherung als Mittel der
Friedenssicherung. Eine Energiepolitik im Sinne der Energieautonomie könnte
maßgeblich zu einer friedenssichernden Außenpolitik beitragen. "Durch
militärische Ressourcensicherung gehen die herkömmlichen Energiereserven nur
noch schneller zu Ende. Öffentliche Finanzen werden verschleudert. Eine
weltweite Aufrüstung der führenden Kontinentalmächte wird provoziert. Die
moralischen Folgen sind desaströs. Die Militärisierung der Energiesicherheit
ist die Pervertierung einer Energiestrategie. Die dafür aufgewendete
militärische Kraft reduziert nur weiter die politische Kraft zur Sicherung
der gesellschaftlichen Energieversorgung, die letztlich in rationaler
Verwendung von Energie und im Wechsel zu erneuerbaren Energien liegen muss",
so Scheer auf Seite 143 seines Buches. "Wenn der Umschwung zu erneuerbaren
Energien nicht in den nächsten beiden Jahrzehnten gelingt", so Scheer, "wird
die Welt absehbar in gewaltträchtige Ressourcenkonflikte schlittern" (S.34),
und Europa mit. |
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Scheer spricht von "sieben energiebedingten
Weltkrisen":
Die Weltklimakrise
Die Erschöpfungs- und Abhängigkeitskrise
Die Armutskrise der Entwicklungsländer
Die Atomkrise
Die Wasserkrise
Die Krise der modernen Landwirtschaft
Die Gesundheitskrise |
Einstieg und Ausstieg - beides
gehört zusammen
"Umschwung
bedeutet, dass nicht nur die erneuerbaren Energien weiter ausgebaut werden,
sondern der Bedarf an fossilen und atomaren Energien gleichzeitig abgebaut
wird: Einstieg und Ausstieg." (S. 34) Detailliert beschreibt Scheer die Art
und Weise, wie erneuerbare Energien den weltweiten Energiebedarf decken
könnten. Er beschreibt, wie sich durch ökologische Konzepte "sieben
energiebedingte Weltkrisen" lösen lassen (S.44 ff.): 'Die Weltklimakrise',
'Die Erschöpfungs- und Abhängigkeitskrise', 'Die Armutskrise der
Entwicklungsländer', 'Die Atomkrise', die globale 'Wasserkrise', die Krise
der modernen 'Landwirtschaft' sowie die 'Gesundheitskrise' (infolge fossiler
Luftverschmutzung, atomarer Strahlenbelastung, Uranabbau usw.). Und er sieht
in den neuen Technologien auch eine Chance zur Bekämpfung der
Massenarbeitslosigkeit in Europa und weiteren volkswirtschaftlichen Nutzen.
Sein Lösungskonzept ist umfassend und plausibel - zukunftsweisend. Am
Schluss formuliert er "zehn Maximen des Energiewechsels" (S. 291ff.) |
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"Dass
auch in einem privatwirtschaftlichen System eine Planwirtschaft entstehen
kann, liegt außerhalb des Gesichtkreises der Apologeten dieses so genannten
Neoliberalismus" |
20 Jahre nach Tschernobyl (4)
und 16 Jahre nach dem Washington Concensus
Scheers 'Energieautonomie' ist ein außergewöhnlich
politisches Ökobuch. Die chronisch-pandemische Energiekrise ist für ihn
nicht zuletzt eine Folge des Neoliberalismus.
"...Markt, Deregulierung,
Liberalisierung, Privatisierung (galten) als positive Leitbegriffe.
Dieser Zeitgeist wurde mit dem 1990 formulierten 'Washington
Consensus' zur herrschenden Wirtschaftslehre.
Internationale Finanzinstitutionen wie die Weltbank und der
Internationale Währungsfond machten die durchgängige Ausrichtung aller
Volkswirtschaften an den Prinzipien staatsfreien Wirtschaftens zum
Weltprogramm (...) Der Stromsektor galt als eines der Filetstücke. Dass
auch in einem privatwirtschaftlichen System eine Planwirtschaft
entstehen kann, liegt außerhalb des Gesichtkreises der Apologeten dieses
so genannten Neoliberalismus, der trotz aller Kritik, die es daran seit
vielen Jahren gibt, unangefochten dominiert. Tatsächlich hat er zu einem
Neofeudalismus von transnational operierenden Großkonzernen geführt, die
untereinander in einem nur begrenzten oligopolistischen Wettbewerb
stehen und den nationalen und internationalen Institutionen nur noch
eine Aufgabe zubilligen: ihnen alle Märkte zu öffnen."
Scheer spricht in diesem
Zusammenhang von einer "hegemonialen Stellung der Energiewirtschaft". "Die
Energiewirtschaft (rückte) in die Rolle einer anerkannten gesellschaftlichen
Autorität, trotz unzähliger Skandale um Monopolgewinne,
Politikerbestechungen oder Umweltkatastrophen." (S.124/125) |
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Die
Subventionen für atomare und fossile Energien bewirken eine "weltweit
wirksame Kostendegression: Das Mengenangebot an fossilen Brennstoffen wird
dadurch künstlich hoch und das Energiepreisniveau niedrig gehalten"
Die
staatlichen Forschungs- und
Entwicklungsmittel für die Atomenergie werden auf
etwa eine Billion Dollar geschätzt
"Der
wichtigste politische Schritt ist die Wiedergewinnung geistiger und
psychischer Autonomie in der Energiefrage" |
Subventionen - corporate welfare
für globale Konzerne
Die
fossilen und atomaren Energien bezeichnet Scheer als den "größten
Subventionsfall der Weltwirtschaftsgeschichte":
"... gab und gibt es
reichliche Subventionen für die atomaren und fossilen Energien. Ihre
Gesamthöhe ist bisher nie vollständig erfasst worden. Der
Energiewissenschaftler André de Moor legte 2001 eine Berechnung
jährlicher Subventionen in Höhe von 244 Mrd. Dollar vor, davon 53 Mrd.
für Kohle, 52 Mrd. für Erdöl, 46 Mrd. für Erdgas, 48 Mrd. für Strom, 16
Mrd. für Atomenergie und neun Mrd. für die Nutzung erneuerbarere
Energien. 34 Prozent der Gesamtsubventionen werden von den OECD-Ländern
aufgebracht, 66 Prozent entfallen auf alle anderen. Die Subventionen für
erneuerbare Energien machen demnach lediglich 3,7 Prozent der
Gesamtsubventionen aus." (S.135/136)
Die Subventionen tragen zur
Aufrechterhaltung des atomar-fossilen Energiesystems bei:
"Sie bewirken eine
weltweit wirksame Kostendegression: Das Mengenangebot an fossilen
Brennstoffen wird dadurch künstlich hoch und das Energiepreisniveau
niedrig gehalten, und auch die Kapazitätsauslastung der
Transportinfrastruktur wird gesichert. Nicht in diesen Berechungen
erfasst sind die Subventionen in Form der weltweit praktizierten
Steuerbefreiung für Flug- und Schiffstreibstoffe (...) Subventionen, die
in vielen Ländern in den Bau von Strom- und Gasleitungen fließen. Die
Gesamtheit aller direkten und indirekten Energiesubventionen liegt mit
großer Wahrscheinlichkeit bei über 500 Mrd. Dollar jährlich. Zählt man
die staatlichen Forschungs- und Entwicklungsmittel für die Atomenergie
hinzu, die in Teil I auf etwa eine Billion Dollar geschätzt wurden, so
ergibt sich das atemberaubende Bild eines ungeheuren politischen
Kraftakts für die Bereitstellung atomarer und fossiler Energien - und
ein jämmerliches Bild politischer Kraftlosigkeit in der Förderung
erneuerbarer Energien, denen gerade mal ein Fünfzigstel der Subventionen
für konventionelle Energien zuflossen." (S.136) "Die Arbeitsteilung
zwischen Energiewirtschaft und -politik begründete jahrzehntelang einen
ungestörten Energiekonsens." (S.137)
Scheer benennt die internationalen Förderinstitutionen und
-organisationen dieses Energiekartells. Mit Kritik an der nationalen Politik
hält sich der SPD-Politiker allerdings merklich zurück und erkennt positive
ökologische Entwicklungen in Deutschland - verständlich, nach 7 Jahren
mitverantworteter rot-grüner Regierungspolitik. Als echter Parlamentarier
setzt er auf die Vernunft der nationalen Parlamente, aber vor allem auf ein
mentales Umdenken in der Gesellschaft - auf Abstimmung mit den Füßen
sozusagen bzw. mit dem Sonnenkollektor auf dem eigenen Dach:
"Maxime eins: Die
Wiedergewinnung geistiger Autonomie. Der wichtigste politische Schritt
ist die Wiedergewinnung geistiger und psychischer Autonomie in der
Energiefrage. Das bedeutet zunächst, sich der wirklichen Realität zu
stellen und den Selbstbetrug zu beenden, dass die herkömmliche
Energieversorgung zukunftsfähig sei oder gemacht werden könnte. Und es
bedeutet, die psychologische Barriere beiseite zu räumen, die der Vision
eines vollständigen Energiewechsels entgegensteht." (S.292)
Wie will Scheer diese geistige
Wende bewirken - angesichts der herrschenden Konzernstaats-Medienkartelle?
Selbstkritisch schreibt Scheer: "Viele werden bezweifeln, dass die hier
beschriebene Erneuerbarkeit der Politik realistisch ist. Für solche Zweifel
gibt es viele empirische Gründe angesichts des mühsamen Tauziehens um
erneuerbare Energien. Die auf autonomes Handeln zielenden Strategien, die
Ansätze zur Aktivierung der Gesellschaft und die politischen
Handlungsmaximen stellen das denkbare und mögliche Optimum für die rapide
Beschleunigung des Energiewechsels dar. Keiner dieser Ansätze wird überall
und gleichzeitig verfolgt werden. Aber je mehr davon in Angriff genommen
werden, desto mehr wechselseitige Verstärkereffekte wird es geben und desto
schneller wird sich die aktive Evolutionierung erneuerbarer Energien
vollziehen" (S. 302/303). Scheers Buch ist ein Anfang.
Prometheus
hatte die Erdenmenschen empowert. Das war den Energiemonopolisten im Olymp
ein Dorn im Auge - zumal der Titan Prometheus begriffen hatte, dass die von
Zeus errichtete Ordnung nichts anderes als anmaßende Gewaltherrschaft war.
Indem er denen da unten das Licht brachte, setzte er der Macht derer da oben
eine Gegenmacht entgegen. Die Rache des Zeus war grausam: Prometheus wurde
in die Einöde des Kaukasus verschleppt und mit unlösbaren Ketten an einen
Felsen geschmiedet. Ohne Wasser, Nahrung und Schlaf musste er über dem
Abgrund ausharren. Jeden Tag zur selben Zeit kam der Adler Ethon geflogen
und fraß ein Stück seiner Leber. Aber Prometheus war unsterblich, die
Schikanen vermochten ihn nicht zu töten. |
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Anmerkungen
[1] 'Der neue Kalte Krieg' von Erich Follath ('Der Spiegel' vom 27.03. 2006,
Seiten 70-88)
[2] 'Energieautonomie - Eine neue Politik für erneuerbare Energien' von
Hermann Scheer, 2005.
Weitere Bücher des Autors:
- 'Atlas der Globalisierung', 2006
- 'Die Politiker', 2003
- 'Solare Weltwirtschaft', 2002
- 'Klimawechsel', 2001
[3] Aus der Europäischen Sicherheitsstrategie (ESS) 2003:
"Durch die zunehmende Öffnung der Grenzen seit dem Ende des Kalten Krieges
ist ein Umfeld entstanden, in dem interne und externe Sicherheitsaspekte
nicht mehr voneinander zu trennen sind (...) Die Vereinigten Staaten haben -
insbesondere im Rahmen der NATO - einen entscheidenden Beitrag zum
europäischen Einigungsprozess und zur Sicherheit Europas geleistet. Seit dem
Ende des Kalten Krieges sind die Vereinigten Staaten der dominierende
militärische Akteur. Gleichwohl ist kein Land in der Lage, die komplexen
Probleme der heutigen Zeit im Alleingang zu lösen (...) Die
Energieabhängigkeit gibt Europa in besonderem Maße Anlass zur Besorgnis.
Europa ist der größte Erdöl- und Ergasimporteur der Welt. Unser derzeitiger
Energieverbrauch wird zu 50% durch Einfuhren gedeckt. Im Jahr 2030 wird
dieser Anteil 70% erreicht haben. Die Energieeinfuhren stammen zum größten
Teil aus der Golfregion, aus Russland und aus Nordafrika (...) Und wir
müssen mit anderen zusammenarbeiten. Aktiver bei der Verfolgung unserer
strategischen Ziele. Dies gilt für die gesamte Palette der uns zur Verfügung
stehenden Instrumente der Krisenbewältigung und Konfliktverhütung,
einschließlich unserer Maßnahmen im politischen, diplomatischen,
militärischen und zivilen, handels- und entwicklungspolitischen Bereich. Es
bedarf einer aktiveren Politik, um den neuen, ständig wechselnden
Bedrohungen entgegenzuwirken. Wir müssen eine Strategie-Kultur entwickeln,
die ein frühzeitiges, rasches und wenn nötig robuste Eingreifen fördert".
[4] Zum Supergau im Kernkraftwerk Tschernobyl
im April 1986 siehe die sehr informativen Beiträge zum Thema auf folgender
Seite:
www.lebenshaus-alb.de
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