Matriarchale Vision
Das
Patriarchat wird zugrunde gehen, es wird sich selbst zerstören und die ganze Menschheit
mit. Aber vielleicht, wenn die Menschheit Glück hat, und nichts anderes ist das
Überleben, werden diesen Zusammenbruch einige wenige überleben. Das sind dann die
Glücklichen, denn wer am Ende ist, kann von vorne anfangen.
Es wird schöner werden, nachdem sich die Männlichkeit selbst enthauptet haben wird, ja,
das wird es. Das Vorrecht der Männer, einzudringen, wird zum Kümmerrecht werden, und das
einzige Recht, nach dem gerichtet werden wird, wird jenes sein, das bis dahin über
Jahrtausende gebrochen wurde: Das Recht, Einlaß zu verweigern. Es wird den Männern
Einlaß verweigert werden. So hart wird keine Männlichkeit mehr werden, als dass sie
eindringen wird können. Diese Selbstverständlichkeit des Eindringens wird endgültig
zusammenbrechen, in sich.
Der Männlichkeit werden alle Steine aus der Krone fallen, es
wird keine aufgerichtete Eitelkeit mehr geben, mit der sie zustoßen könnte. Haben die
Männer die ganze Steinzeit über immer nur zugestoßen - und als nichts anderes wird das
Patriarchat in die Geschichte eingehen -, werden sie in die neue Zeit hineinstürzen, in
die Weiblichkeit hineingestürzt werden. Wenn denn diese Weiblichkeit Lust hat, sich zu
öffnen. Und nur dann. Das patriarchale Stoßen wird ein matriarchales Saugen.
Und wenn vergewaltigt wird, werden es die Frauen sein, die vergewaltigen; und das
bisherige Recht der Männer, vorzeitig zu ejakulieren, wird mit dem Ausrupfen von 150
Schamhaaren, einzeln, nicht büschelweise, bestraft. Und während die so um ihre Lust
gebrachte Frau den vorschnell schlaff gewordenen, aber noch warmen Penis zwischen ihren
runden Knien rupft, bis sie in einer Wolke aus Schamhaaren sitzt, wird sie in ihrem
Gelächter die patriarchalische Männlichkeit ersaufen.
Alles wird sich ändern.
Das Christliche wird mit dem Marxismus so lange verkocht, bis alles Denken in einer
nihilistischen Brühe zerbrodelt, die Tage werden ungezählt bleiben, keine Striche, keine
Kerben, mit Furcht werden die Männer den Mond abmagern oder Fett ansetzen sehen, während
die Frauen mit diesem Mond im zyklischen Einvernehmen leben, nichts Vorbedachtes wird
pünktlich eintreffen, außer die Ovulation und mit ihr die Lust der Frauen, sich die
Männer an die Brust zu legen, bis die Männer nicht mehr rumzappeln und den fixen Ideen
der Vergangenheit nachweinen, sondern still und dösig werden, brauchbar für allerlei.
Die neue Welt wird aus zwei Dörfern bestehen, eines im Norden und eines im Süden, und
werden die Menschen des südlichen Dorfes kurz nach der patriarchalen Implosion noch immer
schwarz und die Menschen des nördlichen Dorfes noch immer weiß sein, so wird es
innerhalb weniger Generationen da wie dort nur mehr caramelfarbene Menschen geben. Die
Väter werden abgeschafft, es wird keine Väter mehr geben. Es wird auch keine Ehemänner
mehr geben. Niemand mehr, der eine Frau sein Eigen nennen könnte. Kein Vater mehr, der
seinem Sohn sein Lebenswerk übergeben könnte. Kein Ehemann mehr, der von seiner Frau
einen Sohn geschenkt bekäme. Stattdessen werden die Männer des Südens einmal im Monat,
wenn der Mond im rechten Winkel steht, nach Norden verschifft und im Gegenzug die Männer
des Nordens nach Süden verschifft, wo sich die Frauen aus einer ganzen Ladung Männer des
anderen Dorfes einen aussuchen mögen, um ihn sich geschlechtlich einzuverleiben.
Jeder Samenerguss ist für den Mann der Startschuss für die Reise zurück in sein
Heimatdorf. So hinterlässt kein Mann Spuren, es wird sich endgültig ausmarkiert haben.
Die einzigen Spuren der vollzogenen Begattung werden, neben vereinzelten Wolken aus
Schamhaaren, nachnamenlose Kinder sein. Und wenn die Männer so ihrer biologischen
Bestimmung gerecht geworden sind, gehen sie nach Hause, wo sie die soziale Aufgabe des
Mannes erfüllen müssen: Säuglinge wickeln, die sie nicht selbst gezeugt haben. Es wird
keine Väter mehr geben, nur mehr Männer, die Säuglinge wickeln und Geschirr waschen und
Wäsche waschen und Kinder großziehen, die sie nicht mehr ihr eigenes Fleisch und Blut
nennen können. Stammhalter wird es keine mehr geben, so wie es auch keinen Vater der
Atombombe mehr geben wird können, weil es ja keine Väter mehr gibt, wie es auch
Wissenswertes nicht mehr geben wird, ohne dass es dem neuen Menschengeschlecht deswegen an
etwas fehlen wird, denn alles wirklich Wissenswerte konnte mit dem Verstand ohnehin nie
erfasst werden.
(Februar 2001) |