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"Stirnrunzeln" - Teil VII
Von Reinhard Winkler
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Diese Übung, also: der tägliche Stuhlgang

(ist das Klogehen ein Thema?)

 
     ...inszeniere ich gerne, d.h.: ich treffe Vorbereitungen: bastle mir vorher eine Zigarette, suche Zündhölzer, frage zuvorkommend alle Mitbewohner, ob sie nicht noch schnell ihr Muß erledigen wollen, weil ich nämlich dann, wenn ich endlich sitze, auch sitzenbleibe, und da kann der draußen vor der Tür noch so erbärmlich winseln.

Ich hab halt meine Prinzipien, und das sind schon ein paar, also gar nicht so wenige, und eines dieser Prinzipien lautet: ich erhebe mich vom Klosett erst, wenn ich das bestimmte Gefühl habe, fertig zu sein und nicht vorher.
Währenddessen rauche ich, lese – je nach Stimmung und Gesinnungslage - das Kommunistische Manifest oder Mein Kampf oder die Bibel, oder ich sinniere über dies und das, über Musik und Schreiben zum Beispiel, und ob ich vielleicht eine Schriftstellerband gründen sollte, um so gemeinsam zu schreiben wie andere musizieren. Der Schlagzeuger interpunktiert, der Bassist subjektiviert und prädikatiert, der Gitarrist objektiviert in dritten und vierten Fällen, der Sänger verbalisiert und, vor allem, weil darauf kommts an: er adjektiviert, damit das Ganze auch schön literarisch wird.

Aber... das geht angeblich nicht. Man schreibt, wenn überhaupt, alleine.
Also schau ich mir meistens nur die Bilder an, die an meinen Klowänden hängen: ein Portrait des schnauzbärtigen Schauspielers Armin Müller-Stahl in schwarzweiß, er hält die Augen geschlossen und sieht aus, als würde er gerade von einer besseren Welt träumen, eine Fotografie meiner Großmutter aus den späten Dreißiger Jahren, sie, im grauen Kostüm, mit Handtasche in der Linken, Hut am Kopf, und Schmunzeln im Gesicht, und neben ihr weht die Hakenkreuzfahne im Wind. Daneben hängt die Bilderserie eines  Freundes, der gerade einen Luftballon aufbläst, ohne Hände, bis zum Platzen, und das sieht nicht einfach aus.

Nach 10, 15 Minuten, die Nachbereitung: Das Übliche: Putzen und alles (mich? besser: das was zu mir gehört) einpacken und die Klospülung aktivieren, Klomuschel mit Bürste reinigen, falls notwendig, und: Fenster öffnen. (Lüften!) Vielleicht noch: die Gelegenheit nutzen (wenn ich schon mal da bin) um das Katzenklo zu säubern – und dann: Brausen gehen. Brausen gehen ist ganz wichtig nach dem Dingsen. Ich kann gar nicht anders. Ich muß mich nachher brausen. Und das macht ja auch nichts, daß ich nicht anders kann. Außer: ich bin außer Haus.
Dann macht es schon was. Dann macht es sehr wohl was, weil: Ich kann, wegen dieser hygienischen Umständlichkeit des Waschzwangs nach meinem Stuhlgang nirgendwo sonst aufs Klo gehen, nicht bei Freunden, nicht in Gasthäusern und im Zug schon gar nicht. Also: nur bei mir zu Haus. Deshalb hab ich meinen Darm zu strikter Regelmäßigkeit erziehen müssen. Wenn er nicht zwischen 7:30 und 8:00 aktiv wird, dann wird das Bedürfnis bis zum nächsten Tag, selbe Zeit, verdrückt. Den Luxus einer spontanen Darmregung kann ich mir aus organisatorischen Gründen nicht erlauben.

Natürlich.....! halte ich den Stuhlgang für einen mehr oder weniger philosophischen Akt. Aber im Gefühl, Ballast abzuwerfen, liegt mir die Idee der Katharsis fast zu nahe. Interessanter finde ich in diesem Zusammenhang die Fragen:
An welchem Tag in den letzten 34 Jahren habe ich wohl meinen größten Haufen gemacht? Und: Ob ich wohl den größten Haufen meines Lebens schon produziert habe, oder steht mir dieses Ereignis noch bevor? Vielleicht verhält es sich mit dem Stuhlgang ja ähnlich wie mit anderen körperlichen Aktivitäten, die nach Leistung berechnet werden - und man scheißt in den Zwanzigern tendenziell größere Haufen als in den Fünfzigern?
Aber das sind Fragen, die mich nicht wirklich quälen. Sie beschäftigen mich nur, manchmal. Das sind kleine Rückfälle in die sogenannte "anale Phase", und die passieren mir auch nur aus gegeben Anlaß, so wie heute, wo ich – es ist noch keine Stunde her – einen ganz außerordentlich großen Haufen produziert habe. Also wirklich! Der hätte – gäbe es eine High-Score-Liste, die meine tägliche Losung nach Gramm und Punkten notiert, sicher Top-Ten Qualität gehabt.

...und ich schreibe das nur, weil mir zur Zeit nichts Besseres einfällt. Und daß mir zur Zeit nichts Besseres einfällt, schreibe ich nur, weil ich glaube: Man darf über das Kacken schon schreiben, aber man sollte das demjenigen zuliebe, der das dann lesen muß, irgendwie rechtfertigen. Rechtfertigungen sind manchmal so notwendig wie das Öffnen des Klofensters nach dem Stuhlgang: Ein Höflichkeitsgebot.
Und ich bin ein rücksichtsvoller Briefeschreiber.

(März 2001)

 

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