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"Mehr Prygel als Flygel"(1) oder: Der gedrehte Troubadix

... Es war mir ärgerlich, dass meine Mutter mich bis in die Knabenjahre
manchmal "Püppchen" nannte. Zuerst stecken die nämlich dich in einen Schwuchtel-
Brutkasten, erlauben dir aber später nicht, schwul zu sein. Das ist deren Perfidie.
Freud sagte einmal, wir statten unsere Kinder für die Tropen aus
und schicken sie dann zum Nordpol ...

Von Peter Hodina
(25. 09. 2014)

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I. Einleitung: Eine mögliche Dialektik des Themas?

   Das Thema für die heurigen 14. Internationalen Wolfgangsee-Literaturtage(2) war MIR plötzlich eingefallen – es fand überraschend Anklang. Haben wir als Schreibende Niederlagen oder Resonanzlosigkeit erfahren, haben wir diese über lange Strecken sogar oder punktuell-nachhaltig-verstörend erfahren und haben trotzdem also weitergemacht? Sofort stellt sich in unserer puritanischen Arbeitszwangsmoral-Gesellschaft die Frage, will sich einschleichen, aufdrängen: Wären wir nicht selber schuld an unseren Niederlagen? Mag sein. Sind es denn überhaupt Niederlagen oder wohnt ihnen manchmal eine Dialektik inne, werfen Niederlagen nicht auch ein Licht auf jene, die sie uns zufügen, würde in ihnen nicht auch die Gesellschaftsstruktur sichtbar? Stehen nicht sogar die Niederlagenzufüger unter Umständen in schlechterem Lichte da, wenn wir uns entsprechend ENTSCHÄMT haben und die Mechanik der Zurückweisung zu verstehen suchen und offenlegen? Literatur ist ja nicht nur ein existentiell-subjektiver Bekenntnisvorgang, sondern auch ein gesellschaftlicher Erkenntnisprozess. Wir bewegen uns in einem Labyrinth vorwärts – und in dieser Vorwärtsbewegung werden wir mit SPERREN konfrontiert und erleiden dabei Blessuren, "Sperrschmerzen"(3). Unter Umständen bleiben wir dauernd Gesperrte, Verhinderte. Man kennt den Typus des "verhinderten Künstlers" als Sozial- bzw. Asozialcharakter.

II. "Der Idiot der Familie"

   Der Reihe nach. Zwanglos. Einer zwanglosen Reihe nach will ich das gestellte Thema angehen und aufrollen. Ein befreundeter Schriftstellerkollege, der vor zwei Jahren mit einem Erzählband verhältnismäßig groß und spät, erst Mitte seiner Lebensfünfziger, reüssiert hatte, nannte sich, als wir uns zufällig in der Stadt Salzburg trafen, einen "Idioten der Familie". Bekanntlich hatte ja Jean-Paul Sartre sein spätestes, unvollendet gebliebenes Werk über Flaubert (und indirekt über sich selbst) 'Der Idiot der Familie' genannt. Es umfasst bei 2.500 Seiten, der Autor erblindete zusehends. Wenn das jetzt nicht wirklich auch grotesk wirkt – meine Formulierung: "ERBLINDETE ZUSEHENDS", erblindete sozusagen offenen Auges. Wenn mein Kollege nun also immer noch, obwohl schon Mitte Fünfzig, ein Idiot der Familie ist, was bin dann ich? Auf jeden Fall der NOCH größere Idiot der Familie, meiner Familie, meiner Herkunftsfamilie, denn selber habe ich keine gegründet und auch nicht gründen wollen. Mein Kollege hat gar keine Ahnung, welchem Abgrund an Idiotentum er in meiner Gestalt begegnen darf. ER mag ja der größere Schriftsteller von uns beiden sein, das erkenne ich neidlos an, er hat auch einiges in seinem Erzählband geleistet und auch einige Welterfahrung angesammelt, die mehr wiegt als meine, also ein Apfelbäumchen gepflanzt, drei Kinder gezeugt, ein paar Filmchen gedreht und ein Büchlein geschrieben, wofür, nach Luther, ihm ja schön langsam die Welt dann untergehen dürfte, aber wenn er auch all diese Vorzüge angesammelt hat, wirklich ein Leben, das ein Leben genannt werden darf, sich auszugestalten vermochte, ist ihm mit mir ein Idiot-Antipode erwachsen. Der alles auf seine Idiotenkarte gesetzt hat, sogar sein Leben auf die hohe Kante der Idiotie schon lange und seit jeher setzt, was ab seiner Alphabetisierung in der Kindheit bereits immer klarer geworden ist. Denn seine, das heißt meine Alphabetisierung geschah zwar schon im Vorschulalter, ich erlernte das Alphabet selbst, um auch wie die Erwachsenen schon Zeitung lesen zu können, vor allem über den Übeltäter Charles Manson, über die Boxkämpfe, Autorennen, Unglücke, auch noch die Weltraumfahrt. Die Kronen-Zeitung war eigentlich die Zeitung, die für so jemanden wie mich gemacht wurde, aber damals hatte meine Familie die Krone nicht, stattdessen die gutbürgerlichen Salzburger Nachrichten abonniert. Um also diese reißerischen Nachrichten innerhalb der weniger reißerischen, ja gar nicht reißerischen Salzburger Nachrichten lesen zu können, habe ich mir das Lesen selber relativ schnell beigebracht. Mit Fünf. Schon am frühen Vormittag wurde ich von der Großmutter mütterlicherseits zu unserem Greißler geschickt, die Zeitung zu holen und irgendeine Kleinigkeit, ein Stück Butter. Es kam billiger, das Haus musste abgespart werden, die abonnierte Zeitung beim Kaufmann selber abzuholen, statt sie per Post oder Zeitungsausträger zustellen zu lassen. Da der Greißler, wie die Meinen meinten, inzwischen immer unverschämter teurer wurde, kauften sie schließlich bei ihm gar nichts mehr ein, sondern stattdessen in den ersten entstehenden Supermärkten oder in Freilassing, das in Bayern über der Grenze lag. Es war bei meinem morgendlichen Gang immer unangenehm, die Launen jenes Greißlers abzubekommen, der seine Verärgerung, dass die Meinen bei ihm kaum mehr einkauften, an mir abließ, indem er mich stets mit "Sir Peter!" spöttisch begrüßte. "Wollen Sir Peter heute wieder nur ein Stück Butter kaufen? Sind Sie so fein, sich nur von einem Stück Butter zu ernähren?" Es wurde mir schließlich zu einem allmorgendlichen Grauen dieser Gang, der mich an einem Holzhaus vorbeiführte, in dem ein ehemaliger KZ-Aufseher wohnte und oft Gruben in seinem Garten aushob. Als Vorschulkind war ich darauf gedrillt worden, alle Leute aus der Nachbarschaft unterschiedslos höflich zu grüßen, so auch den pensionierten Schergen, der inzwischen ein sogenannter Bischof geworden war: ein Bischof einer dubiosen Sekte, der mich übrigens nie zurückgrüßte und mich verunsichert anblickte, sich wundernd, dass ihn jemand grüße, solch ein unbekanntes Kind. Ich ließ aber, als Automat, zu dem ich erzogen worden war, trotzdem nicht ab, ihn zu grüßen. Oft grub jener Glatzkopf in seinem Garten, so als höbe er Gräber aus – und einmal blieben sein Sohn und dessen Lebensgefährtin im Pazifik für immer verschollen, nie wurden die Leichen gefunden, und die Nachbarschaft munkelte, der alte SS-ler hätte sie womöglich in seinem Garten verscharrt. Jeden Vormittag kam ich also schon in diese unangenehmen Gefühle hinein, der Gang zum Greißler war mir grauenvoll, ich wurde von diesem "Sir" genannt und wusste nicht einmal, was das ist. Beim Heimgehen hatte ich die Zeitung schon aufgeschlagen und las sie: den Gerichtsteil als erstes. Mit Heißbegier fand ich mein gefundenes Fressen an Mordsachen, die sich auf der Welt, am besten sogar in nächster Nähe ereignet hatten, was der besondere Leckerbissen dann war, der meine Phantasie vollauf sättigte.

Zu jener Zeit wurden mir viele Kostüme geschneidert; meine Mutter sowie deren Mutter, die mit im Haushalt wohnte, hatten keine gescheitere Idee, als mich fortwährend zu verkleiden, sogar in einem Mozartkostüm bin ich zeitweise herumspaziert. Ich war als Bahnhofsvorstand verkleidet worden, als Derwisch in einem weißen seidenen Gewand, die Großmutter ließ mich mit den Tapferkeitsmedaillen ihres verstorbenen Mannes spazieren gehen. Ich war eine kleine Puppe, vorprogrammiert zum Pup(p)enjungen, effeminiert, verzärtelt, so wollten es die Weiber daheim. Als ich den "Fahrdienstleiter", in den ich verkleidet worden war, am Salzburger Hauptbahnhof einmal ernstnahm und den Stab hob, worauf der Zug natürlich nicht gleich abfuhr, bekam ich eine saftige Watschen: denn was hätte passieren können, ein Zugunglück womöglich, wenn der Zug tatsächlich abgefahren wäre? Das nennt man Erziehung zum Verantwortungsbewusstsein. Wahrscheinlich habe ich viele feuchte Fürze in jenes Seidenkostüm des Derwischs abgelassen. Mein Schwanz wusste noch nichts von sich, außer dass er zum Pipimachen da war. Zusätzlich wurde ich zum Doppelgänger des niederländischen Kinderschlagerstars "Heintje" dressiert, was meinen Vater sehr verdross, zum x-ten Mal den Schlager "Mama!" durch die Diele unseres Hauses hallen zu hören, wenn Besuch kam. "Mama, / Sollst doch nicht um deinen Jungen weinen (…)", Text und Melodie von einem gewissen Bruno Balz, und so ward ich zum Balzen um Mama von derselbigen erzogen worden. Es wundert mich, dass ich diesen Text damals so früh überhaupt auswendig hatte lernen können. "Tage der Jugend vergehen / Schnell wird der Jüngling ein Mann / Träume der Jugend verwehen / Dann fängt das Leben erst an / Mama, ich will keine Tränen sehen / Wenn ich von dir dann muss gehen." Vielleicht war das auch schon meine allererste Troubadix-Erfahrung: mein Vater stellte dieses ihn nervende Treiben ab. Ob dabei meinerseits Tränen flossen?

III. Musterkinder – Kindheitsmuster

   Meine Mutter, von Beruf Volksschul-Oberlehrerin, wollte aus ihren drei Söhnen Vorzeigekinder, Musterknaben machen; sie verliebte sich förmlich in uns, wenn wir auf diesem ihr wohlgefälligen Wege Fortschritte zu machen uns beflissen zeigten, doch wir wurden schmutzige Gegenstände, wenn nicht und nicht mehr, was spätestens bei uns dreien ab der Pubertät voll einsetzte, da wir aus Vorzugsschülern dann mutwillig zu den allerschlechtesten unserer jeweiligen Klassen herunterkamen, zu Eselsbänklern. Ich war von den dreien das Nesthäkchen, und in mich hatte sich also am meisten das Nest verhakt. Die Damen hoben mich auf einen Baumstumpf und ich sang ein Lied: "Der Schaffner hebt den Stab, / Jetzt fährt das Zügle ab. / So fasst euch an, so fasst euch an, / wir fahren mit der Eisenbahn, der Eisenbahn." Und dann applaudierten die Greisinnen und Kriegsinvaliden aus dem Altersheim, die dort spazieren gingen. Jahre später, als mir der Glaube an die prinzipielle Unschuld der Züge abhanden gekommen war, würde ich dann selber dichten: "Er hob den Stab, / und das Zügle fuhr ab / zum Massengrab."(4) Beim Spatenstich für den Neubau einer Volksschule "durfte" ich – das wurde immer ein Dürfen genannt, war aber ein Müssen, da gab es kein Fackeln – ein ganz langes gereimtes Gedicht, das meine Mutter verfasst hatte, im Beisein des Salzburger Bürgermeisters aufsagen, bei dem ich mich auch nicht verhaspelte. Hier bekam ich wohl zum ersten Mal einen langen Applaus aus einer dreistelligen Zahl von Händepaaren, obwohl mich der Trachtenanzug, in den ich gesteckt worden war, die ganze Zeit kratzte. Die Mutter indessen, deren Ehrgeiz trotzdem dadurch noch nicht genug befriedigt worden war, nahm selber zusätzlich an Kinderchorwettbewerben teil, von denen sie sogar einmal den bundesweiten gewann, so gut hatte sie ihren Chor für den Auftritt präpariert gehabt. Von einem besonderen Talent war bei mir nichts zu sehen, außer dass meine Mutter mich eben zu einem solchen dressieren hatte wollen und ich die Zuneigung von "Mama" mir durch Anpassung hatte verdienen wollen.

IV. Spott und reichlich Tränen

   Im Gymnasium später kam man mit einer derartigen Zurichtung nicht sehr weit. Die Wettbewerblerei ging weiter: unbedingt also Klassensprecher werden wollen müssen, sogenannte Schaukästen nach der Art des Vaters, der ja auch Lehrer gewesen war, gestalten, mich durch Fleißaufgaben aufdrängend, Malwettbewerbe gewinnend, aber nicht Fußballspielen könnend. Dabei schon eine Hinterfotzigkeit herausgebildet habend: denn auch im Peinigen der Lehrer wollte ich mich an hervorragendster Stelle bewähren, weil immerzu auf Applaus begierig gemacht. Meine Mutter schrieb gerne Gelegenheitsgedichte, oft Geburtstags- und Jubiläengedichte, ausnahmslos gereimte, mit manchmal spöttischen, ja taktlosen Zeilen. Was ich flugs nachprobierte und mir unsere Gymnasiallehrer aufs Korn nahm. Diese durfte ich auch zu Beginn des Schuljahres, es war in der dritten Klasse, vortragen; sie müssen auf ihre Weise gekonnt gewesen sein. Nichts davon ist mir im Gedächtnis geblieben, es sei denn eine Zeile: "Die Sonne sinkt und dazu die Glatze blinkt …" Die Glatze des allerdings gutmütigen und kinderseelenfreundlichen Naturgeschichtslehrers. Auf den Geschmack und in Fahrt gekommen, nahm ich mir jeden Lehrer, jede Lehrerin vor. Meinen Schulkameraden gefiel daran in erster Linie, dass so Zeit totgeschlagen werden konnte. Nur war ich auf einmal an den Chemielehrer geraten, des Namens Iglhauser, der diesen Spaß, den ich mir schon nur mit seinem Namen machte, mir übelnahm – und zwar hartnäckig und grausamst über das ganze Schuljahr weiter. Es sind damals bei mir auch oft Tränen geflossen – sehr zum Spott meiner Mitschüler. Nennen wir diesen Einschnitt die Troubadix-Erfahrung Nr. 2.

V. Zerstückelungsphantasien eines Zwölfjährigen

   Übrigens ist doch noch ein Gedicht aus dieser meiner Frühzeit zufällig erhalten geblieben. Auf einer alten Tonkassette fand ich eine Selbstaufnahme meiner Ballade 'Der Tod des Galliers' aus dem Jahre 1975, damals war ich Zwölf. Diese Ballade hatte keinen Asterix-Bezug, sondern war als ernsthaftes Trauergedicht auf den gallischen Helden Vercingetorix gedacht gewesen. Seltsam und freilich noch immer peinlich berührt mich meine eigene Stimme vor dem Stimmbruch, in ihrer Feierlichkeit und den grotesken Fehlbetonungen meines Gedichts, das ich heimlich für mich, nicht etwa als Schulaufgabe, geschrieben hatte.


DER FLUCH DES GALLIERS

Ein totes Feld, besät mit Leichen,
die Sonne blutrot untergeht – und jetzt versinkt.
Nur Schatten, die darüber schleichen,
das Trauerlied im Sturm verklingt.

Des Caesars Truppen waren stärker,
sie schlugen Mann und Pferd.
Drum liegt der Fürst im dumpfen Kerker,
zerbrochen ist sein Schwert.

Der Sturmwind braust durch die finst’re Nacht.
Er trägt hinaus ins Fern die Kunde:
Morgen wird Vercingetorix umgebracht,
um Zwölf, zur Mittagsstunde.

Am nächsten Tage war's soweit,
der Richtplatz ward bereitet.
Seht, wie heldenhaft der Gallierfürst
zu seinem Ende schreitet!

Er wird bespuckt und auch geschlagen,
er wird beschimpft und ausgelacht.
Es gibt nur wenige, die darüber klagen –
Er wird auch von ihnen umgebracht.

In einen Käfig eingepfercht
Wird Vercingetorix gezogen,
man tritt und schleifet ihn
durch des Triumphes Bogen.

Am Richtplatz stehend
spricht er den letzten Fluch zum Volk hinab:
"Das Gleiche, Caesar, bringt dich auch ins Grab!
Mit dir verblasst der helle Strahl,
durchbohren wird man dich mit blankem Stahl!"

Der Richter senkt das blut’ge Schwert,
des Helden Haupt rollt in den Sand.
Mit ihm, dem Vercingetorix,
stirbt auch das Gallierland.

Doch jenes Fürsten strenger Fluch
Zerstörte auch das große Reich:
So wurde es zerstückelt –
dem toten Gallier gleich!


VI. Geheimhalterei: "Seele – das tat man nicht"

   Schon damals hatte ich meine Gedichte schamhaft verfasst und vor den Augen anderer versteckt. Sie waren ein Geheimnis, etwas Intimes. Auch wenn ich auf dem Klavier improvisierte, tat ich es nur, wenn die Familienangehörigen außer Haus waren. Nur meine Großmutter mütterlicherseits durfte meinen oft halbstundenlangen Improvisationen zuhören. Einmal wagte ich, im Beisein meines Vaters zu improvisieren: er, der sich einen unmusikalischen Menschen nennt, erstarrte säulengleich und ratlos bei dieser Musik mit dem Staubtuch in der Hand, mit dem er seine Antiquitäten hatte abwischen wollen. Jene Äußerungen waren "Seelenäußerungen". "Seele" – das tat man nicht; etwas Seelisches, Ausdruck einer Eigenpersönlichkeit, Selbstausdruck – das stand uns nicht zu. Für das Geistige war die Kirche zuständig. Somit entwickelte ich mein Seelisches von Anfang an als etwas Verbotenes, schamhaft; ich errötete, wenn es entdeckt wurde; es war so peinlich, wie wenn man beim Masturbieren ertappt wurde. Mein ältester Bruder entwand mir einmal meine Mappe mit heimlich verfassten Gedichten; ich wollte sie ihm noch wegreißen, aber er, damals schon ein berufstätiger Mittzwanziger, stellte sie unten im Wohnzimmer meinen Eltern vor, deklamierte sie mit spöttischer Gebärde, gegen meinen vergeblichen Widerstand. Darunter war ein Gedicht 'Liebe gegen stählerne Ordnung', ein liebesbedürftiges Gedicht, und all diese intimen Herzensergießungen eines noch nicht ganz Fünfzehnjährigen wurden bis auf die Knochen bloßgestellt. Es war wahrscheinlich eine der letzten Situationen meines Lebens, in denen ich wirklich errötete. Mein Vater hatte zwar vor Rührung feuchte Augen, weil ich in altmodischen Versen dichtete, aber er schritt nicht gegen solches Entblößtwerden meiner Person ein.

VII. Die sogenannten "besonderen Kinder" als "Elternfortsätze"

   Wie oft reden Eltern ihren Kindern ein, dieselbigen wären "etwas Besonderes"… Wobei ein unabhängiger und unbestechlicher Beobachter bei solchen "besonderen" Kindern allzu oft bemerken wird können, dass sie meist sogar hinter dem Durchschnitt etwas nachhinken, dass sie zurückgeblieben sind. Warum beschäftigt mich der ganze Kinderkram hier? Weil von dorther eine Infragestellung meiner selbst kommen kann. Es wäre übel, wenn meine heutige Schriftstellerei noch immer DORT ihre geheime Wurzel hätte: Mama gefallen zu wollen. Ja dazu gedrillt worden zu sein, dieses Gefallenfinden als Lebenselement zu benötigen, dahingehend süchtig, abhängig gemacht worden zu sein. Wenn ich meine Schriftstellerei manchmal brachliegen lasse, verschlampe, könnte das eine Ursache darin haben, es immer noch nicht wirklich einsehen zu können, dass ich Mutter- oder Elternliebe nur dann bekomme, wenn ich "etwas Besonderes" bin und irgendworin ein möglichst außerordentliches Talent unter Beweis stelle oder auch nur simuliere. Dass meine Mutter schon seit sechs Jahren tot ist, spielt keine Rolle, denn die Konditionierung ist fest für alle Ewigkeit im Unbewussten montiert – es ist dann ja nur noch peinlicher. Man will doch nicht ewig nur der "Mutterfortsatz" bzw. der "Elternfortsatz" sein – und selber deren Wurm dabei bleiben. Ich will mir das fortan nicht mehr einreißen lassen, was in mir eingerissen ist, was sich in mir eingerissen hat. Besser verfaulen, als ein "Delegierter" seiner Familienherkunft zu sein.(5)

VIII. Sicher kein Barde, nur Nesthäkchen: zur Geschwisterkonstellation

   Einen eigentlichen "Troubadix" – nämlich als Bardengestalt – vermag ich in mir mit Ausnahme dessen, dass ich als Rollkragenpullover tragendes Kind der frühen 70er Jahre einmal vorübergehend Schlagersänger wie Roy Black werden wollte, im direkten Sinne ja nicht zu entdecken. Als Troubadour, als Minnesänger holder, ferner Frauenanmut, hatte ich nie um deren Gunst jemals rittern wollen. Als die Meinen zu meiner dann drei Wochen zu früh eintreffenden Geburt sich rüsteten, hatten sie für mich ein rosarotes Babygewand schon vorbereitet gehabt oder eine rosarote Masche auf diesem flauschigen Gewand, Nachthemdchen oder was das war, denn sie wollten nach zwei Buben diesmal ein Mädchen haben. Ein Püppchen. Es war mir ärgerlich, dass meine Mutter mich bis in die Knabenjahre manchmal "Püppchen" nannte. Zuerst stecken die nämlich dich in einen Schwuchtel-Brutkasten, erlauben dir aber später nicht, schwul zu sein. Das ist deren Perfidie. Freud sagte einmal, wir statten unsere Kinder für die Tropen aus und schicken sie dann zum Nordpol. "Du kannst ja hingehen, wo der Pfeffer wächst" – den Satz hörte ich oft. Genug, ich konnte zwar im Vorschulalter schon lesen und fast schon wie ein Erwachsener schreiben, aber Zahlen waren mir total unbekannt und ich konnte nicht einmal menschliche Gesichter zeichnen. Es geht mir in diesem Text darum, jede Fiktion von Begabung, die bei mir vorliegen könnte, rücksichtslos zu schreddern. "Woher er das hat? Von wem er das geerbt hat?", das sind Fragen ohne Belang. Und wenn. Solche Eltern wollen talentierte Kinder, deren Talent auch anerkannt würde, damit ein Licht auf sie selber als Erzeuger solchen Talents falle, damit der heilige Samensaft der Gene, womöglich damit obendrein die angebliche sittliche Idealität der Liebe geadelt würde, die das Elternpaar in einer langweiligen Landgegend zusammenleimte, statt dass hier nur brachiale Geilheit und sexueller Notstand in erster Linie vorgelegen hätten. Es wäre mir leichter, kein sogenanntes "Kind der Liebe" zu sein, sondern eine verantwortungslose Rauschzeugung, ein ungeplanter, in die Buschen gepisster Bang.

Früh werden in einer Familie mit mehreren Kinderdelegierten die Rollen verteilt, oft wie es ungleicher nicht sein kann. So finden sich Geschwister, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. So kommt der Nachzügler auf die Kunst, die ihm die Brüder übriggelassen hatten: der Älteste warf sich sofort aufs Geldverdienen, der Zweite auf die Mathematik, wo er die Engen der Kinderklemme am besten verdrängen hatte können, ich auf die übriggelassenen Romane. Dies als "Schicksal" anzuerkennen, heißt schon eine Misslichkeit, um nicht zu sagen Niederlage einzubekennen. Als der Vielvölkerstaat der Habsburgermonarchie in die verschiedenen Nationalitäten zerfiel, hieß es 1919 dann: "Österreich – das ist der Rest", den Dr. Karl Renner dann auflas. Ein Nachzügler der Familie – das ist der Rest, dem bleibt der Rest, dem ist der Rest gegeben worden, der hat sich die Resteln geholt, ist der Restelfresser. Ein Nachzügler der Familie – der ist nicht nur der Rest und isst auch nicht nur den Rest, sondern sitzt dann zusätzlich oft zu lang im Nest und wird Zeuge des Alterungsprozesses seiner komischen Vogeleltern. Das zu schwache, nicht lebensfähige Vögelchen würde auch von den Geschwistern, wenn nicht sogar von der Mutter aus dem Nest geworfen, meinte schon in meinen frühesten Kindertagen mein ältester, diesbezüglich noch immer sozialdarwinistisch handfester Bruder, der heutige Geschäftsmann, was zu sagen ihm mein Vater anständigkeitshalber dann doch verbot. Es sich verbat, dass jener so redete. Doch wieder wie immer inkonsequent, zeigte derselbe Vater als Lehrer mir bei einem Spaziergang ein kleines Eichenpflänzchen, das neben dem großen Stamm einer vielhundertjährigen, sogar tausendjährigen Eiche sein Kümmerdasein führte. "Dieselbe Eiche! Aber chancenlos. Die große Eiche nimmt dem Keimling Licht und Wurzelboden weg." Sollte ich es auf mich münzen und mich früh bescheiden lernen? "Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!", mit solchen Spruchweisheiten tröstete mich meine Mutter schon im Voraus.

   Die kleinen Familien, die auf sich halten, soweit sind wir in Österreich schon noch eine Monarchie, haben die Schemata der Hochadelsfamilien, womöglich der Kaiserfamilie im Kleinformat in sich installiert, wohl KAUM durch die Gene. Dem zur Erbfolge bestimmten Ältesten wird eine Büchse geschenkt, "reich mit Perlmutter und Jade" eingelegt; der Jüngste indessen wird für den geistlichen Stand bestimmt, ob ihm das passt oder nicht – er wird passend gemacht. Die steten Tropfen des Erziehungsprozesses werden seinen Stein schon höhlen, seinen Widerstand zermürben. "Der sechsjährige Leopold, der auch zur Jagd zu gehen verlangte, wurde im Hinblick auf seine Bestimmung zum geistlichen Stande mit einem Rosenkranz aus böhmischen Granaten getröstet, der neben dem Bette des verstorbenen Vaters gehangen hatte. Dies gab Anlass zu einer Rauferei, da Ferdinand (der Älteste, Anm. P.H.) den Kleinen auslachte und neckend sagte: 'Lerne du nur fleißig beten, du kannst nicht zur Jagd gehen, denn du wirst Weiberröcke tragen und müsstest als ein Weib auf dem Sattel sitzen', eine von den Anspielungen, mit denen die Geschwister den wilden Buben zu reizen liebten. In lautloser Wut stürzte sich Leopold auf den großen Bruder, warf ihn mit dem ersten Anlauf zu Boden und schlug den jämmerlich Schreienden mit der Faust auf den Kopf, indem er schrie: 'Ich will dir auf deinen dreckigen Grind beten!', bis Marias (das ist die Mutter der beiden, Anm. P.H.) feste Hand den Knäuel auseinanderriss." Dieses berichtet Ricarda Huch im "Vorspiel" zu ihrer mehr als tausendseitigen, romanhaft geschilderten Geschichte des Dreißigjährigen Krieges.(6) Oft werden sich solch ähnliche Geschichten bei groß und klein zugetragen haben.

Mir geht es darum, die Ausgangslage zu bestimmen, nicht auf Zigeunerinnenart in den Karten zu lesen, sondern die Karten realistisch einzuschätzen, die ich mitbekommen habe, ob sie denn nur hauptsächlich schlechte Karten, ein schlechtes Blatt wären. Literatur ist doch keine Fortsetzung des "Familienstellens" mit anderen Mitteln.

IX. Nüchtern sei Prosa: Was regen wir uns auf, es liegt ja nur Papier vor uns

   Machen wir einen nüchternen Schnitt jetzt, bevor weitere meiner definitiven Troubadix-Erfahrungen aufgezählt werden.

Helmut Heißenbüttel: "Was tun sie? Was ist ihre Tätigkeit? Schreiben? Spazierengehen, ja; auf die Schreibmaschinentasten hauen, ja; Pfeife rauchen, ja; auf einem Bleistift kaun, ja; aber sonst? Möglicherweise (und vielleicht sogar zweifellos) gibt es einen Punkt oder einen Bezirk, auf den sich alles beziehen lässt. Ich lese eine Geschichte und stelle mir während des Lesens, also während des aufmerksamen Schauens, also deutlichen Sehens, alles mögliche vor. Was tut er sonst noch? Wenn er vom Vormittagsspaziergang nach Hause kommt, die Post sortieren und lesen. Das Gelesene zu mehreren Häufchen ordnen und diese zu denen von gestern und vorgestern schieben. Das Buch, in dem er gelesen hat, auf den Schreibtisch zurücklegen. Aufstehen, zum Bücherregal gehen, mit ausgestrecktem Zeigefinger an einer Buchreihe entlangsuchen, ein Buch herausziehen, darin blättern, es wieder wegstellen, das alles wiederholen. Etwas Etudenhaftes hängt auch an seinen rigorosesten Ausdrucksleistungen."(7)

Ein Löschblatt der vergossenen Tränen, des vergossenen Schweißes sein. Die Rettung in die Schrift, der Blick des Schreibenden auf sich selbst, ohne Pathos. Es muss kein Roman werden, es müssen nicht Gesänge sein; der Schreibende braucht kein außerordentlicher Mensch, kein Wunderkind, kein Held zu sein. Er kann auch zum "Chronisten der täglichen Ereignisse" (Peter Handke) werden. Zum Protokollanten seiner Träume. Seine Methode kann im Dodererschen Sinne eine "tangentiale" sein: in Menschenbeobachtungen bestehen, aus der Sicht des Passanten, des Flaneurs; er kann aber ebenso, wie Salvador Dalí es uns vorlegitimierte, seine Paranoia zur Methode ausbauen, seine inneren Zwänge und Krämpfe begrüßen und verherrlichen. Auch "Unreife", falls noch immer vorhanden, kann, wie Witold Gombrowicz in seinem grotesken Roman 'Ferdydurke' vorführte, als ein durchaus produktives Prinzip wirken. Der Autor könnte aber auch wie der Schweizer E.Y. Meyer schließlich immer mehr verstummen. "Er ist für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen – obwohl er fast keinen Leser mehr hat."(8) Der Interviewer treibt den Solothurner gemeiner-, das heißt kapitalistischerweise in die Enge: "Sie hätten sagen können: Ich habe als Autor keinen Erfolg mehr, also sattle ich beruflich um." Meyer: "Ich hätte nicht gewusst, was ich sonst tun soll. Schriftsteller habe ich nie als Beruf betrachtet, sondern als Existenzform, mit der ich in dieser irren Welt überlebte. Mein zwischenzeitliches Schweigen ist vielleicht symptomatisch für das Verstummen von Millionen von Menschen. Es ist die Aussichtslosigkeit, die mich bedrückt."(9)

X. Weitere exemplarische Troubadixe

   Rückblende. 'Ein Porträt des Künstlers als junger Mann' (James Joyce, 1916), 'Bildnis des Künstlers als junger Affe' (Michel Butor, 70 Jahre später). Wie war denn das mit mir als junger Mann? Ich hatte alle Deutsch-Schularbeiten bis auf eine ausnahmslos mit "Sehr gut" absolviert – auf die eine bekam ich eine Fünf: wegen Themenverfehlung. Das Thema damals in der fünften Gymnasialklasse lautete: 'Menschen in Panik'. Ich beschrieb eine spezielle Form der präkognitiven Panik, die sich schon VOR einem Unglück, einem Eisenbahnunglück, bei den Passagieren geheimnisvollerweise abgezeichnet hatte. Wohl schien mich die Anfang 1880 von Theodor Fontane verfasste Ballade 'Die Brück' am Tay' dabei beeinflusst zu haben, der ein wirkliches Ereignis zugrundelag: In Schottland war eine Woche vor der Niederschrift des Gedichts eine Eisenbahnbrücke im Sturm zusammengebrochen und riss 75 Menschen in den Tod. Diese Ballade muss bei meiner sogenannten "Phantasieerzählung" Pate gestanden haben, obwohl sie in diesem Jahr nicht zum Schulstoff gehörte. Vielleicht hatte ich sie einmal im Radio gehört. Von diesem Stoff aufgeladen – ich konnte ihn doch nicht etwa sogar spontan erfunden haben? –, beschrieb ich die halbe Stunde VOR dem Unglück. Die Reisenden werden auf mysteriöse Weise von Angst heimgesucht, die sich bei einigen, vor allem Kindern, bis zur Panik steigern. Der Zug, von gleich zwei Dampfloks gezogen, donnert in meiner Horrorgeschichte auf die Brücke zu – und erst, als die Brücke zusammenkracht, löst sich das Rätsel. Ich hatte es mit meiner ganzen Halbwüchsigen-Phantasie so spannend wie möglich gemacht, schrieb mit angehaltenem Atem. Rechtschreibfehler waren mir wie immer keine unterlaufen; daran lag es nicht, dass mein Heft als Letztes vom Deutschlehrer übrigbehalten wurde. Er hatte die Hefte der Reihe je nach Leistungsbeurteilung vorsortiert, mit zwei Sehr gut beginnend. Diesmal, so schien es, hatte es keine Fünf gegeben. Hammerschmied, so hieß er – er würde zusätzlich auch unser "Klassenpapa" durch acht Jahre hindurch dann werden – machte es für mich ungemein spannend, denn ich rechnete fix damit, klar der Beste zu sein, wenn ich an meinen Feuereifer dachte. Als nach der Schularbeitsstunde die Pausenglocke geläutet hatte, war punktgenau der Eisenbahnzug in den Wasserfluten untergetaucht und hatte mein mit größter Spannung aufgebautes phantastisches Rätsel seine nüchterne Erklärung gefunden. Wohl nie in der Schulzeit war mir eine Geschichte so sehr gelungen, das meine ich durchaus noch heute. Mein Heft lag als letztes also auf dem Tisch, Hammerschmied schlug es auf und sagte: "Hodina – Nicht genügend. Thema total verfehlt." Mir blieb die Spucke weg, könnte ich sogar geweint haben? Egal, ich versank wie mein Zug in den Fluten des Hohngelächters meiner Schulgenossen, die alle ihre Schäfchen ins Trockene gebracht hatten. Die Häme war unglaublich. "Tand, Tand / Ist das Gebilde von Menschenhand", heißt es bekanntlich in der Fontane-Ballade. Mein pubertärer Wurf war in Grund und Boden vernichtet. Der Deutschlehrer gab eine Definition: Panik könne erst NACH einem Ereignis eintreten. Dass es ereignislose Panik auch geben könne – der Psychologe kennt sie bei sogenannten "Panikattacken" – passte nicht ins gediegene Weltbild des gebürtigen Pinzgauer Bauernsohnes. Dass es parapsychologische Präkognition, Vorahnung geben könne, noch weniger. Ohne mich seinerzeit schon mit diesen Phänomenen beschäftigt zu haben, traf ich gleichwohl ins Schwarze meiner schwarzen Phantastik und fühlte mich im Recht, haderte mit der Note.

Obwohl mir diese Fünf den Vorzug verdarb, zeigte sich mir in den darauffolgenden Jahren jener Lehrer sehr gewogen: Ich hatte von da an immer Sehr gut. Er ließ mich meine Aufsätze vor der sich meist langweilenden Klasse vorlesen, diese Aufsätze – manchmal waren es politische Reden, denn wir schrieben in der Oberstufe fast nur mehr sogenannte "Problemaufsätze" – wurden auch immer länger, so wurden schon jedes Mal 20 Minuten der Unterrichtszeit totgeschlagen und der Lehrer konnte seine Stimme schonen, bekam trotzdem dafür bezahlt. Er hat es zugelassen, dass ich immer mehr zu einer Art Kanzelprediger wurde. Ich beschloss, gleich nach bestandener Matura Politiker zu werden. Ein paar Gedichte schrieb ich für mich auch und improvisierte auf dem Klavier, doch das war Ausdruck einer vor mich hinwallenden, im humanistischen Gymnasium hochgezüchteten idealen Verliebtheit in schöne Jungen von klassisch-griechischer Gestalt, deren Held ich sein wollte, sie aber waren mein Augenstern.

   Hören wir Stefan Zweig von einem seltsamen Jüngling berichten: "Er sah immer aus wie nach einer dreißigstündigen Eisenbahnfahrt, schmutzig, ermüdet, zerknittert, ging schief und verlegen herum, sich gleichsam an eine unsichtbare Wand drückend, und der Mund unter dem dünnen Schnurrbärtchen quälte sich irgendwie schief herab. Seine Augen (erzählten mir später die Freunde) sollen schön gewesen sein: ich habe sie nie gesehen, denn er blickte immer an einem vorbei (auch als ich ihn sprach, fühlte ich sie keine Sekunde lang mir zugewandt): all dies verstand ich erst später aus dem gereizten Minderwertigkeitsempfinden, dem russischen Verbrechergefühl des Selbstgepeinigten."(10) Der hier mit gekonnten Strichen gezeichnet wird, ist übrigens nicht der junge, in Wien unstet vagabundierende verkannte "Kunstmaler" Hitler, sondern der Verfasser von 'Geschlecht und Charakter', Otto Weininger, der sich nach Fertigstellung dieses Wälzers in der Wiener Schwarzspanierstraße 15, dem Sterbehaus Beethovens, in das er sich für diese Tat einquartierte, in der Nacht auf den 4. Oktober 1903 eine Kugel ins Herz schoss. Freud hatte zuvor das Werk des erst 23-Jährigen scharf kritisiert. Trotzdem sollte der Wälzer schließlich 39 Auflagen erleben und somit ein umstrittenes Kultbuch werden.

Ich erwähne das so ausführlich, weil auch ich gleich zu Studienbeginn ein eifriger Leser Weiningers geworden war. Und weil ich in meinem scheuen Auftreten jenem jungen Manne etwas glich. Um meine frühen Lebenszwanziger ereignen sich trommelfeuerartige Troubadix-Erfahrungen. Ich muss in diesen Jahren direkt unter einem Unstern gestanden haben. Einmal brachte ich im Kleinen Theater in Salzburg das gesamte Publikum gegen mich auf, als ich es wagte, bei einem Benefiz-Abend, als eine Band für Amnesty International spielte und ich eine Auswahl von fremden Texten hätte lesen sollen, eigene Gedichte zusätzlich auch noch zu lesen mich erkühnte. Die scheinbar altmodische Machart dieser Gedichte lief der damals noch grassierenden Frankfurter Ästhetik zuwider. Im Nachhinein ist es kaum mehr nachzuvollziehen und aus heutiger Sicht fast schon wieder nostalgisch, wie stark ein solches, vorwiegend studentisches Publikum dazumal mit Adorno und Walter Benjamin, mit Marx und Brecht aufgeladen war. Es waren sicher an die 80 Leute, die mich ausbuhten, weil ich darauf beharrte, das eine oder andere Gedicht von mir selber vorzutragen, von denen manche 30 Jahre später in meinem Lyrikband 'Sternschnuppen über Hyrkanien' doch noch erschienen sind. Ich ließ mich sogar auch noch auf eine Publikumsbeschimpfung ein. Als die hagere, untergewichtige Vogelscheuche in dunkelbraunem Samtsakko, mit stechendem Blick bei viel dunklerem Auge als heute und fast mit Pilzfrisur. Ich hörte von allen Seiten die Ausrufe: "Blamage! Blamage!" Nicht einer trat auf meine Seite. Am nächsten Tag laborierte ich auch noch zusätzlich an einer Angina, war ich doch schon zuvor an besagtem Theaterabend fiebrig und nicht nur lampenfiebrig gewesen.

   Wenig später wiederholte sich "Troubadix". Diesmal im nobelsten Grandhotel der Stadt: dem Österreichischen Hof (dem heutigen Hotel Sacher), in dem sich übrigens ziemlich genau vier Jahre vorher Jean Améry selbstgetötet hatte. Ich war von der Schauspielerin Barbara Rütting dem sogenannten "Zonta-Club", einer Damenrunde von Gemahlinnen hochmögender Angehöriger des Rotary-Clubs, empfohlen worden, um über Bertha von Suttner zu referieren. Da ich den Aufstieg der Grünen prophezeite, ja wohl sogar die kommende Revolution, hatte ich alle diese Dirndlträgerinnen in kürzester Zeit geschlossen gegen mich aufgebracht. Es war eine beherzte Ansprache, die ich hielt. Sogar einen neuen Anzug hatte ich mir im Kaufhaus Forum unter Aufbietung meiner gesamten Ersparnisse gekauft. Zusätzlich hätte das Essen im Hotel für mich damals unglaubliche 2.000 Schilling gekostet. Der Geschäftsführer des Hauses war auch anwesend, Abkömmling des französischen Hochadels, Träger eines durch Jahrhunderte berühmten Namens, der mich gleich nach dem Vortrag coram publico vorführte, als minderklassigen "Sohn einer Volksschullehrerin", um nämlich eine der anwesenden älteren Damen, die selber Volksschullehrerin und später ÖVP-Stadträtin von Salzburg war, die Künstlergattin Martha Weiser, damit zu kränken. Ich war lediglich willkommenes Mittel zu diesem üblen Zweck. Die Dirndlträgerinnen, die ihren Clubabend hauptsächlich dazu gebrauchten, um sich, falls vorhanden, gegenseitig mit ihren in Österreich seit 1919 abgeschafften Adelstiteln anzureden, waren enttäuscht, einen derart jungen Mann vor sich zu haben, der ebenso verlegen wie fanatisch-radikalpazifistisch war und der das Silberbesteck ungelenk handhabte sowie – was gar nicht ging – Bier bestellte, worauf der Kellner wirklich Stress bekam und errötete. Ich konnte ganz einfach die Namen der französischen Weine nicht aussprechen: deshalb Bier! Keine einzige jener vertrockneten, standesbedachten Damen fand ein nettes Wort für mich. Ich nahm den Eindruck mit, vor "toten Seelen" geredet zu haben und war früh, vielleicht zu früh an die Grenze meines Talents gestoßen, Überschwang, wie ich erhoffte, in ihnen erzeugen zu können. Alleine ging ich über die Altstadtplätze nachts nach Hause, erledigt, vor den Kopf geschlagen.

Von meinen späteren Troubadix-Erfahrungen erwähne ich noch eine allerletzte: Im Frühjahr 1998 hatte ich im Berliner "Tränenpalast" eine abends sehr spät angesetzte Gruppenlesung mit teilweise bekannten Berliner literarischen Größen, und es herrschte eine aufgeheizte, aggressive Stimmung im Saal; eine Kollegin aus Österreich las ihre Gedichte vor und Rufe aus dem Publikum unterbrachen sie mehrmals sexistisch mit der Aufforderung "Ausziehen! Ausziehen!" Als ich an der Reihe war, hatte ich sogleich heftigen Gegenwind, nach 20 Minuten wollte eine Kreuzberger Szenegröße mich sogar mit physischer Gewalt von der Bühne herunterstoßen, dabei kaum verständliches Zeug hervorbrabbelnd, das auf ausländerfeindliche Weise gegen ÖsterreicherInnen als solche gerichtet war. "Es reicht uns euer Hitler und euer Freud! Schleicht euch!" Als dieser besoffene Rüpel, der übrigens den Nach- oder Künstlernamen HASS trug, mich angefasst hatte, nahm doch ein Teil des Publikums nun plötzlich für mich Partei und es gelang mir so, das gegen mich zunächst feindselig gewesene Auditorium zu DREHEN. Am Ende gab es doch noch einen langen Applaus. Der schließlich GEDREHTE TROUBADIX also als Spezialform einer Troubadix-Erfahrung.

Dies waren ein paar meiner Troubadix-Erfahrungen. Es hat aber auch schönere oder zumindest gemischtere ANDERE Erfahrungen gegeben. Damals jedoch als junger Mann oder junger Affe hätte ich allerdringendst Zuspruch gebraucht. Lange Jahre unnötiger Scham standen mir noch bevor. Wie gerne wäre ich rückblickend ein dankbarer Mensch! Dr. Samuel Johnson hatte solches Glück, hatte ganz einfach Glück, zumal er über einen Gönner, Warburton, sagen konnte: "Er erkannte mich an, zu einer Zeit, als Anerkennung für mich von Wert war."

XI. Stehengebliebene Uhren

   Ein Autorkollege – eben der eingangs Erwähnte, auch ein, wenngleich als solcher kleinerer "Idiot der Familie" – sagte zu mir neulich, bei ihm sei mit etwa 15 seine Lebensuhr stehengeblieben. Die weiteren 40 Jahre hätten ihn nicht mehr aus diesem Loch herausreißen können. Bei mir waren es zehn Jahre mehr: Ich hatte lange den Eindruck, dass bei mir mit 25 besagte Uhr stehengeblieben wäre. Ein Shifting zurück sei möglich. Der Kollege gebrauchte das Wort "Regression". Einige Zeit hatte ich sogar das Gefühl, immer Geschichten aus der Kinderwagenperspektive schreiben zu müssen, was ich aber gänzlich abgelegt habe. Wir sind immer auch die Opfer der Theorien, die wir uns für unser Leben zurechtgelegt haben das ist ein Tribut an das "Allgemeine". Wir legen gängige Theorien, hier psychoanalytische oder vulgär-psychoanalytische ans eigene Leben an, wie der Regressionsbegriff zeigt. Stehengeblieben zu sein mit 15 oder 25 wurde mit entsprechenden Traumata von uns beiden in Beziehung gesetzt. Aber ich will eine andere Theorie versuchen eine Ad-hoc-Theorie. Was wir "Trauma" nennen, bedeutet, eine datierbare Ohnmachtserfahrung und zwar eine gravierende Ohnmachtserfahrung erlebt zu haben. An die Grenze eines Kontrollverlusts geraten zu sein, dabei vielleicht aber die Kontrolle behalten zu haben um den Preis selbstunterdrückter Aggression dieses als Niederlage erlebt zu haben, woran dann abzuarbeitende Scham klebt, die aber einmal annihiliert sein wird, jedoch sehr viel Energie kostete. In eine Situation damals geraten zu sein, die insofern offen war, als unsere Mittel nicht mehr zureichten, ihrer Herr zu werden. Dass sich später dann scheinbar "nichts" mehr ereignete, was als Ereignis vermerkt werden kann, ist die Konsequenz des "gebrannten Kindes, das das Feuer scheut", um bestimmte scheußliche Erfahrungen kein zweites Mal mehr machen zu müssen. Was wir als "Trauma" bezeichnen, war die letzte diesbezüglich offene Situation. Das vermeintliche Nicht-mehr-Erleben eine optische Täuschung in Bezug auf den eigenen Lebenslauf ist die Folge fortan selbstbeherrschten und mögliche Feinde von weitem erschnuppernden Verhaltens. Ein Literaturwissenschaftler-Freund schrieb kürzlich, ein Schwein brauche einen Reibebaum – aber auch eine Suhle. Fehle dem Schwein der Reibebaum, würde es verrückt, also richtungslos werden. Das Nicht-mehr-Ereignen ist die Ausschließlichkeit der Suhle der Gewohnheit, in der man es sich eingerichtet hat. Ob nun traumatisch oder nicht, handelte es sich bei jenen Situationen noch um lebendige, flüssige, offene. Es gälte, Stufen in die spätere Watte hineinzuschlagen, Ereignisse, auch abschlägige, zu provozieren, um den verfahrenen Karren abermals in Bewegung zu bringen.

Ich möchte mit Raimund Bahrs weisem Satz schließen:

"vielleicht ist das eine der wichtigsten troubadixerfahrungen die ein künstler machen kann: missverständnisse auszuhalten".



Anmerkungen

(1) Nach Samuel Beckett:  "More Pricks than Kicks" (Mehr Prügel als Flügel).

(2) 14. Internationale Wolfgangsee-Literaturtage vom 10.-16.8.2014 in Strobl. TeilnehmerInnen: Peter Simon Altmann, Raimund Bahr, Peter Hodina, Robert Hobl, Regina Hilber, Regine Koth Afzelius und Erika Kronabitter.

(3) Dieser Ausdruck stammt von Ewald Gerhard Seeliger: Handbuch des Schwindels, Frankfurt a.M.: Insel, 1986.

(4) Peter Hodina: Das Herdentier an Nietzsche, in: Ders.: Sternschnuppen über Hyrkanien, Wien/St. Wolfgang: Edition Art Science, 2012, S. 62-66, S. 65.

(5) Vgl. Helm Stierlin: Delegation und Familie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1975. - Ders.: Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen. Eine Dynamik menschlicher Beziehungen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1976.  – Vgl. Theodore Lidz: Der gefährdete Mensch. Ursprung und Behandlung der Schizophrenie, Frankfurt a.M.: Fischer, 1976.

(6) Ricarda Huch: Der Dreißigjährige Krieg, Frankfurt a.M.: Insel, 1974, S. 34.

(7) Helmut Heißenbüttel: Projekt Nr. 1. D'Alemberts Ende, Frankfurt a.M.( u.a).: Ullstein, 1981, S. 69.

(8) "Wir arbeiten am Aussterben unserer Art", Interviewer: Stefan von Bergen. In: Die Zeit, 1.6.2011.

(9) Ebd.

(10) Im Berliner Tagblatt vom 3.10.1926.

 


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